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Full text of "Griechische Götterlehre in ihren Grundzügen"

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^. *i 




LIBRARY 

OF THE 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA. 

Class 




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GRIECHISCHE 



GÖTTERLEHRE 



IN IHREN GRUNDZÜGEN DARGESTELLT 



VON 



OTTO GILBERT 



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LEIPZIG 

VERLAG VON EDUARD AVENARIUS 
1898 



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Inhalt. 

Einleitung. Seite 

Mythologie 1 — lO 

Allgemeiner Theil. 

Erstes Kapitel. Weltanschauung 11— 25 

Zweites Kapitel. Mythogenid 25—55 

Drittes Kapitel. Mythopoesie 55 — 105 

Viertes Kapitel. Zeitauflfassung 105— 142 

Spezieller Theil. 

Fünftes Kapitel. Himmel und Erde . . . . . I43— 179 

Sechstes Kapitel. Dunkel und Licht 179— 214 

Siebtes Kapitel. Dunkel 214—268 

Achtes Kapitel. Sonne 268—325 

Neuntes Kapitel. Nacht 325—353 

Zehntes Kapitel. Mond 353— 402 

Elftes Kapitel. Sonne und Mond 402—428 

Zwölftes Kapitel. Göttersysteme 428—505 

Schluss 506—508 

Register 509— 516 



Folgende Abkürzungen werden angewandt: 
P = Pausanias. Pd = Pindar. Ap = Apollonius. Ath = Athenaeus. Dd = Diodor. 
Apd = Apollodor. H = Hymnus Homer. Hsd = Hesiod Theog. Arist = Aristo- 
phanes oder Aristoteles. Dox = Doxographi. Seh =Scholia. C= Corp. Inscr. Graec. 
Ca = Atticarum. Cs = Graeciae septentr. CJns = Jnscr. Graeciae insularum etc. 
Bull = Bulletin de correspondance hellen. Mitt=Mittheiiungen des archaeol. Instituts. 
Athen. Abth. Journ = Journal of hellenic studies. RhM = Rheinisches Museum. 
Herm = Hermes. Jbb = Jahrbucher fiir Philologie. Ph = Philologus. AJb bezw. 
Anz = Jahrbuch des archaeol. Instituts bezw. Archaeol. Anzeiger. AZ = Archaeol. 
Zeitung. E9 = 'fi^iQiiep^; dpx^^oX. Andere Abkürzungen werden kein Bedenken 
haben. Bacchylides wird nach Kenyon citiert; dagegen die alten Fragmente nach 
Bergk. Für die Poetae scenici ist die Dindorf'sche 5. Ausgabe Lipsiae 1869; die 
Poetae lyrici die Bergk'sche 4. (PLG) Lipsiae 18 78. 82; die Fragmente der Epic 
Kinkel Lips. l877; der Comici Kock (FCA) Lipsiae 1880 bezw. Meineke (FCG) 
Berlin l839flf; der übrigen Tragiker Nauck (FTG) Lips. 1889 zu Grunde gelegt. 
Die durch ihre reichhaltigen Stoflfsammlungen ausgezeichnete Griech. Mythologie 
von Preller-Robert ist auch da wo sie nicht ausdrücklich angefahrt wird benutzt; 
ebenso Welckers Griech. Götterlehre. 



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Einleitung. 

Mythologie. 



Die Anfänge des griechischen Glaubens liegen in der Urzeit der 
hellenischen Stämme; sie fallen zusammen mit den Anfängen geistigen 
Lebens überhaupt. Als der Mensch allmälig zum Selbstbewusstsein 
gelangend die unendliche Masse verschiedenster Eindrücke, die er ohne 
Aufhören von aussen empfing, in seiner Seele zu scheiden, zu ordnen, 
sprachlich zu gestalten suchte, da erwuchs in Gemeinschaft mit seinen 
übrigen geistigen Erfahrungen und Erwerbungen das Gefühl, das Be- 
wusstsein, die Überzeugung seiner Abhängigkeit von ausser ihm stehenden 
Mächten. *) Und dieses Abhängigkeitsbewusstsein, welches wir Religion 
nennen, hat sich eng an die Entwicklung des Menschen selbst an- 
schliessend gemeinsam mit dieser die Phasen des Fortschritts durch- 
messen, in denen der Mensch aus dem Zustande des starrsten Naturis- 
mus zu immer geistigerem Leben sich emporgearbeitet hat. 

Das Leben des Menschen in jener Urzeit drehte sich ausschliess- 
lich um die Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse und hier war es allein 
die Natur, die dem Menschen das gewährte wonach er verlangte. Von 
der Natur also war er abhängig; die Natur schenkte ihm ihre Gaben 
die ihn befähigten das Leben zu fristen ; die Mächte der Natur wurden 
ihm seine Götter, auf die er blickte, auf die er hoffte und vertraute, 
die er scheute und fürchtete. Aber die Indogermanen haben diesen 
Standpunkt der Vergöttlichung der Natur im Allgemeinen überwunden : 



1) Götter der Indog.: Oldenberg Rel. d. Veda 40 (die vergötihchten Ab- 
bilder der Naturwesenheiten); Schrader Sprachvergl. u. ürgesch. 1883, 43f; vor- 
sichtiger 2. Aufl. 1890. Gleichgültig ob bezw. welche von AKubns, MMQllers 
uA Gleichungen von Götternamen glaubwürdig; viel wichtiger die Analogie im 
Mythus Usener Götternamen 72. 330; vWilaroowitz Hom. ünt. 225; Her. * XII. Es 
gilt jetzt als wissenschaftlich (Gruppe Gr. Culte u. Mythen 79ff; Kretschmer Einl. 
d. gr. Spr. 76 flf; Rohde Rel. d. Gr. 1805) sich der vergl. Mythol. gegenüber 
völlig ablehnend zu verhalten. Methoden der Mythenerklärung: Gruppe ifl'; 
Pfleiderer Religionsphilos. auf gesch. Grundl.^ i£f, Ober Schleiermachers Definition 
d. Rel. MMüUer natürl. Rel übs. v. Schneider 64. 

Gilbert, Gotterlehrc. 1 

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2 Einleitung. 

ihr Glaube ist ausschliesslich Himmels glaube^). Sie haben die be- 
deutsame Erkenntniss sich schon erworben, dass alles irdische Leben 
und alle irdischen Güter von dem Himmel abhängen, dass alles was 
die Erde hervorbringt nur durch die Wandlungen und Bewegungen 
geschaffen wird welche sich am Himmel vollziehen. Indem der Mensch 
so von dem himmlischen Leben das irdische abhängig fasst; in dem 
Himmel und seiner Ordnung das vorbildliche Gesetz erkennt, dem sich 
die Erde in ihren mannigfaltigen Erscheinungen unterordnet, hat er 
den entscheidenden Schritt zum Verständniss des Gesamtlebens, der 
Gesamtordnung der Welt gethan. Die Erde in dem gesamten Leben 
ihrer Einzelerscheinungen ist in absoluter Weise abhängig vom Leben 
des Himmels, den Wechseln und Veränderungen desselben in Licht 
und Dunkel, in sonniger Gluth und feuchter Kühle, in dem stufenweisen 
Auf- und Absteigen seiner Zeiten und Erscheinungen. Und indem der 
Mensch den Himmel und seine Einzelerscheinungen, von denen er 
sich abhängig fühlt, gleich dem Kinde als Personen fasst die leben 
und sich bewegen, setzt er sich seine Götter für alle Zeiten. Es werden 
also dem Menschen die himmlischen Dinge zu Personen; ihre äussere 
Erscheinung wird zum Leibe; ihre Bewegung zum selbständigen freien 
Leben in dem sie sich dem Menschen zeigen und offenbaren'). Denn 
das muss hier aufs bestimmteste hervorgehoben werden, dass es in ur- 
sprünglicher Auffassung die äussere sinnliche Erscheinung der Himmels- 
mächte selbst ist, an die sich die Personification und Vergöttlichung 
knüpft. Wer dieser in der Sinnenwelt wurzelnden und lebenden Urzeit 
schon eine abstrahirende Thätigkeit zuschreiben wollte würde ihr nicht 
gerecht werden. Wie sich alle abstrakten Begriffe erst aus sinnlichen 
Dingen entwickelt haben, so sind auch die Götterbegriffe in absoluter 
Weise mit den sinnlichen Erscheinungsformen zusammengefallen, um 
sich erst im Laufe einer langen Entwicklungsreihe zu abstrakten ethi- 
schen und geistigen Begriffen zu gestalten'). 

1) Allg. Schrader I431; ' 599flf; DelbrOck ZfVölkcrps. 3,266; Waitz Anthrop. 
d. Naturv. 1,345; Pfleiderer ' 29f. Fetischismus Fritz Schultze 1891. Stoflfsamm- 
lungen Waitz, Bastian (namentlich: Mensch in d. Gesch. 2. 3), Roskoff Rel. 
Wesen d. Naturv. i88c, WSchncider Naturv. iSSsf etc. Höchste Stufe des 
Fetischismus (Schultze 225flf) Verehrung d. Himmelsmächte; vgl. R^ville hist. d. 
rel. 1. 2. 1883. 

^) Delbrück 3, 267; Schultze 65ff; Pfleiderer ' 8 ; Wichtigkeit d. Bewegung 
der himmlischen Mächte für ihre Auffassung als Personen Pfleiderer ' 24 ; Forch- 
faammer Daduchos 23; Bursian rel. Char. d. gj. Mythus 6ff. 

3) Pfleiderer ^ 6 ; Siecke Urrel. d. Indog. 3. Abstractionen sind Useners 
Götter (122. 301 uo) die der Mensch aus seinen Thätigkeiten, Bedürfnissen etc. 
in jedem Augenblicke bildet, um sie allmälig: zu feststehenden Sondergöttem zu 
machen, [aus denen schliesslich persönliche Götter sich emporheben; ebenso 
vWilamowitz' Her. ^ 1,40 der in ihnen paradigmatische Wesen sieht. 



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Mythologie. 3 

Der Mensch hat in der Vergöttlichung ausschliesslich himmlischer 
Erscheinungen die Stufe des Fetischismus überwunden und es ist eine 
für die Beurteilung des griechischen Glaubens entscheidende Thatsache, 
dass seine Götter einzig und allein ihren Platz im Himmel haben. Es 
hat keine Götter gegeben, die auf der Erde sich umhergetrieben, an 
irdischem Weine sich berauscht, auf irdischen Böcken und Stieren ge- 
ritten, mit irdischen Dingen Spiel und Unfug getrieben haben: nur 
Missverstand, antiker und modemer, hat in solcher Weise die Götter 
erniedrigen können. Das Leben der Götter ist ein himmlisches: am 
Himmel ziehen sie ihre Bahnen; im himmlischen Gefilde wandeln sie 
auf und nieder; aus der Höhe des Himmels offenbaren sie sich heute 
in ihrer ganzen Machtftille um nach Kurzem ihren Glanz und ihre 
Kraft einzubüssen; in den unendlich weiten Räumen des Himmels 
finden alle die Wechsel und Wandel statt, die, da ihre Träger Personen 
sind, sich zu Thaten und Leiden, zu Erlebnissen und Abenteuern, zu 
Kämpfen und Morden gestalten.^) Solange der Mensch noch in banger 
Scheu oder in freudigem Hoffen seine Götter auf ihren Bahnen am 
Himmel verfolgt, hat er ihr Wandern und Rasten, ihr Thun und Leiden, 
ihre Machterweise und ihre Erniedrigungen in seine Seele aufgenommen, 
hat sich ihres Glanzes und ihrer Lust erfreut, ob ihres Leidens und 
Vergehens getrauert. Und in dieser Stimmung und aus dieser Stimmung 
heraus hat er seine Mythen geschaffen. Mythen sind Reden, Er- 
zählungen von den Geschehnissen seiner Götter, die «heiligen Ge- 
schichten» von den Personen des Himmels. Mythen können in jedem 
Augenblicke entstehen — solange eben noch der Glaube an die himm- 
lischen Personen lebendig ist: denn nur als Personen, als empfindende 
und begehrende, freuen sie sich und leiden sie, geniessen und ent- 
behren sie. Und wie in jedem Augenblicke der wechselnden Gestaltung 
des Himmels wie der wechselnden Stimmung der Menschen entsprechend 
die Erlebnisse der himmlischen Personen neu und anders aufgefasst und 
ausgesprochen werden können, so gestaltet sich auch der Mythenstoff 
zu einem unendlichen, da er in immer neuen Fassungen und Wand- 
lungen die himmlischen Geschehnisse erzählt. Erst als durch die 
Jahrtausende lange Gewöhnung der unmittelbare Eindruck der Mächtig- 
keit und Göttlichkeit, wie das Bewusstsein von der centralen Bedeutung 
dieser himmlischen Gewalten für das gesamte irdische Leben erblasste^), ist 
auch das Verständniss der alten Sagen von den Thaten der Götter mehr 

') Etym. Gleichung^en von Himmel Sonne Mond Wind Wolke Nacbt die 
sichersten Schrader * 599f ; Götter der Perser Her 1,131 Himmel Sonne Mond 
Erde Feuer Wasser Winde; der Germanen Caes BG 6,21. Vgl. Plato Crat. 15; 
Leg. IG, 1. Himmel u. Erde ved. u. gr. die grossen Altern auf welche alle 
Götter ihren Ursprung zurQckfQhren Schrader 607. 

«) Vgl. Schrader »431. 

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^ EinleituDg^. 

und mehr geschwunden und diese werden wie heilige Mysterien von 
Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt. Und indem nun der wahre 
Sinn dieser ursprünglich ausschliesslich dem Himmel geltenden Er- 
zählungen verloren geht, bemächtigt sich ihrer ein klügelnder, witzeln- 
der Verstand oder eine ernste grübelnde Speculation um den Inhalt 
jener Sagen zu deuten. Die tausendfachen Beziehungen die einst nur 
in ihrer Verknüpfung mit dem Himmel Sinn hatten, werden auf die 
Erde herabgezogen; es durchzieht den gesamten Glauben ein fetischi- 
stischer Zug, der, weil er die ursprüngliche Bedeutung des Mythus wie 
des Cults nicht mehr kennt, zu den niedrigsten und trivialsten Er- 
klärungen greift. Dieser Zug ist nichts ursprüngliches: wir können ihn 
nur als Degeneration und Depravation verstehen*). 

Die älteste Glaubensform der Indogermanen fasst das gesamte 
himmlische Leben zur Einheit zusammen indem sie den Himmel als 
solchen zur Gottheit macht, da alle jene göttlichen Erscheinungen wie 
sie das irdische Leben bestimmen und beherrschen am Himmel sich 
vollziehen. Aber wie das gesamte himmlische Leben und von ihm 
abhängig das Leben der Gesamtnatur von einem grossen Gegensatze 
beherrscht ist — Dunkel und Licht — so hat dieser dem religiösen 
Glauben fiir alle Zeiten die charakteristische Signatur aufgeprägt, die 
zunächst in rein physikalischem Sinne aufgefasst später auf das geistige 
und sittliche Gebiet übertragen für die religiöse Entwicklung des 
Menschen bestimmend geworden ist^. Nur indem wir für den griechischen 
Glauben den Begriff des personifizirten Dunkels, des Dunkeigotts 
Statuiren, und ihn neben dem personifizirten Himmelsgott und dem 
gleichfalls personifizirten Sonnengott in den Mittelpunkt der Religion 
stellen, werden wir zum Verständniss derselben gelangen. Das wesent- 
liche an diesem personifizirten Dunkelbegriffe ist das unheimlich ver- 
bergende und verschleiernde, welches der aufdeckenden und offen- 
barenden Thätigkeit des Lichts gegenüber wie etwas geheimnissvolles, 
spukhaftes und furchtbares erscheint. Und zeigt sich diese Kraft des 
Gottes, der selbst unsichtbar ist wie er zugleich alles unsichtbar macht, 
vor allem in der Nacht, so setzt sich ihre Äusserung auch am Tage in 



^) Was vBaudissin Stud. z. sem. Rel. Gesch. 2, i46ff als charakteristisch 
fQr die semit. Rel. hervorhebt, dass sie ihre Wohnstätte im Himmel haben, auf 
Erden nur abbildlich vertreten, gilt von Haus aus in gleicher Weise für die indog. 
Rel.: die israel. Rel. hat jenen Character bewahrt, die griech. verloren. Erst 
auf Grund dieser Depravation dh Herabziehung auf die Erde (WSchwartz Schlangen- 
gotth. t6) der Euhemerismus Gruppe l6ff wie die locallstische Mythendeutung Forch- 
bammers möglich. 

^ Schrader ^607; Usener 178 uA. Der Kampf zwischen den Mächten des 
Lichts u. der Finsterniss Hauptgrundlage der Rel. u. Mythen der indog. Völker 
AKuhn ABA 1873, 126. 



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Mytholog^ie. 5 

den auf- und abwogenden Wolken und Nebeln fort, die wie die ver- 
hüllenden Schleier erscheinen, mit denen der Gott des Dunkels seinen 
lichten Gegner angreift und verdeckt. Dieser Kampf des Lichts mit 
dem Dunkel; dieses in ewigen Wandlungen sich vollziehende Wechsel- 
verhältniss zwischen dem Sonnengotte und dem in immer neuen und 
andern Formen von Nacht und Wolke und Nebel sich offenbarenden 
Dunkelgotte ist der unerschöpfliche Quell der Mythendichtung ^). Und 
indem der Mensch die Erscheinungsformen der Götter dadurch seinem 
Verständniss zu vermitteln suchte, dafs er sie mit den irdischen Dingen 
und Erfahrungen seiner Umgebung verglich und identifizirte, in ihnen 
Steine und Berge und Quellen, Pflanzen und Bäume und Thiere sah, 
hat er das himmlische Leben thatsächlich zum Abbilde des irdischen 
und seines eigenen gestaltet. An dem Himmel spielt sich dem Menschen 
nun ein Leben ab, welches — nur in höheren, göttlichen Verhältnissen 
— dieselben Dinge, dieselben Güter, dieselben Formen und Normen 
zur Erscheinung bringt, wie sie im Leben der Erde und des Menschen 
Geltung haben. Und indem die aufwärtssteigende Entwicklung des 
Menschen von roheren Anschauungen zu höheren und sittlicheren fort- 
schreitet, erzeugt sie eine in immer neuen Formen sich aufbauende 
Mythenreihe. Denn dem Gesetze jeder Entwicklung entsprechend, dass 
sie die Formen durch welche sie in stufenweisem Aufwärtsdringen hin- 
durchschreitet nicht abwirft und vernichtet, wenn sie zu einer höheren 
Stufe emporsteigt, sondern dass sie dieselben festhält auch nachdem 
sie sie innerlich überwunden hat*) — haben sich auch jene älteren 
Apperceptionsreihen der Mythenschöpfung nicht verloren sondern gehen 
gleichberechtigt neben den jüngeren einher. Sie bringen so in ihrer 
Vereinigung jene erdrückende Mythenfülle hervor die nur als eine auf- 
steigende Entwicklungsreihe verständlich ist Gleichwie das gesamte 
Pflanzen- und Thierreich wie ein aufwärtssteigender Stammbaum an- 
zusehen ist, in dem die höheren Entwicklungsformen aus den niederen 
hervorgegangen sind und doch die letzteren unversehrt neben sich 
bestehen lassen : so geht auch die unendliche Formenftille der mythischen 
Vorstellungen auf wenige einfache ursprüngliche Begriffe zurück. 

Wenn so der Mythenstoff" eine aufsteigende Evolution zeigt, so 
hat sich auch das innere Wesen der Götter aufwärts entwickelt. Denn 
wie der Mensch selbst in sittlicher und in geistiger Beziehung in die 



') Bedeutung des Lichts fBr die mytbol. Anschauung Usener 177 ff* Der 
Begriff des Lichts knOpft sich zunächst an Dyaus-Zeus, sodann an die Sonne. Es 
bleibt MMQllers hohes Verdienst, dass er gegenüber AKuhn u. WSchwarte die 
Sonne in den Vordergrund d. Mythol. gerückt hat. Bedeutung des Dunkels 
Wundt Menschen- und Thierseele 2, 227; Pfleiderer' 10. 

') Epoche machend nach dieser Richtung belcanntlich Darwin origin of 
species by means of natural selection London 1859. 



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6 Einleitung. 

Höhe klimmt, so hat er auch seine Götter an dieser seiner eigenen 
Entwicklung theilnehmen lassen. Denn der Mensch schafft und bildet 
sich seine Götter selbst: wie er sie sich im Anfange seiner Geschichte 
gesetzt hat, da er sich von den Mächten des Himmels abhängig fühlte, 
so hat er sie auch theilnehmen lassen an seinem eigenen Werdegange. 
Nicht Gott hat den Menschen nach seinem Bilde: der Mensch hat 
Gott nach seinem Bilde geschaffen. Und wie er selbst sich seine 
Sitte und Sittlichkeit gebildet hat, so hat er auch seine Götter an 
diesen Fortschritten seiner culturellen Entwicklung theilnehmen und 
hat auch sie sittlicher geistiger werden lassen *). Es giebt Forscher die 
annehmen, der Mensch habe nun die alten Naturgötter von sich ge- 
worfen und habe sich neue Götter geschaffen, die seinen neuen und 
geistigen Idealen entsprachen. Eine solche Annahme setzt sich mit 
allen Erfahrungen und Gesetzen des Werdens in Widerspruch. Alles 
Neue ist nur eine Fortbildung des Alten; Begriffe bilden sich so all- 
mälig um dass sie schliesslich einen völlig andern Ideengehalt haben 
als im Anfange. So ist die «Idea», der «Begriff» ursprünglich die vom 
Sehen umfasste, durch die Hand tastend wahrgenommene äussere Er- 
scheinungsform, bis sie alle sinnlichen Beziehungen abstreift und zum 
rein idealen, abstracten Begriff wird. Und so haben auch die alten 
Naturgötter in energischem Aufwärtsstreben allmälig die Beziehungen 
zu den Naturobjecten die sie einst waren abgestreift und sind geistige, 
sittliche Mächte geworden^). Nicht neue Götter haben die Hellenen 
also gebildet, als sie ihrem eigenen Leben einen sittlicheren, geistigeren 
Inhalt gaben: sie haben nur die Kunst meisterhaft gehandhabt den 
Körper mit Geist zu erfüllen, sinnliche Begriffe geistig umzugestalten. 
Und wenn das Christentum noch heute die Begriffe Finsterniss und 
Licht als Ausdrücke sittlichen und geistigen Gehalts anwendet, so ent- 
spricht das völlig der antiken Anschauung, welche die Finsterniss und 
das Licht nicht nur in physicalischer sondern auch in sittlicher und 
geistiger Bedeutung gefasst hat. 

Fassen wir das Gesagte zusammen, so haben wir ein Recht als 
die charakteristische Glaubensform des Hellenentums die Trinität zu 
bezeichnen. Denn ist der Himmel, der himmlische Vater, die höchste 
Potenz und zusammenfassende Einheit aller göttlichen Erscheinungen, 
so sind seine Emanationen oder mythologisch gesprochen seine Söhne 
der Sonnengott und der Gott des Dunkels. Um diese drei Begriffe 

^) Feuerbach Wesen d. Rel. 21; Lazarus Steintbal ZtVölkerps 1, 47; 
Pfleiderer ^ 2, 36. 

3) Ein solcher Standpunkt, den die Rationalisten in der Mythenerklärung: 
als den auch für die Entstehung des Götterglaubens massgebenden betrachtet wissen 
wollen (zB Lehrs pop. Aufs. ^ 98 : Sonne), ist immer erst das Produkt einer 
langen histor. Entwicklung. 



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Mythologie. 7 

— Himmel Dunkel und Licht — dreht sich das gesamte himmlische 
Leben. Im Angesichte des Himmels selbst, im Innern seiner mächtigen 
Wölbung erscheinen, wandeln und bewegen sich jene beiden gegen- 
sätzlichen Mächte, jene beiden grundverschiedenen Brüder, deren 
wunderbar zwiespältiges Wesen sich in Tausenden von Mythen und 
Sagen ausgeprägt findet. 

Die hohe sittliche Energie welche den hellenischen Götterglauben 
beherrscht, hat die einzelnen Götterbegriffe, wie schon angedeutet, 
erfasst, durchgeistigt, vertieft. Und so wird der Himmelsgott aus der 
rein sinnlich gefassten Wölbung, wie sie den gesamten Kosmos schirmend 
umschliesst, zum Allvater, zum Erhalter und Schützer der Welt, der in 
dem Lichtgotte und Dunkelgotte Söhne erzeugt, die Emanationen seiner 
selbst und theilhaftig seines Wesens, ihn und seinen Willen offenbaren. 
Von diesen beiden Söhnen schlägt der eine, der Dunkelgott, einen 
höchst originalen Entwicklungsgang ein: es spaltet sich nemlich der 
Dunkelbegriff nach seiner schädigenden und nach seiner fördernden 
Seite. Alle die Unholde, Teufel, Drachen und Ungeheuer mancherlei 
Art, wie wir sie in der griechischen und in jeder Mythologie finden, 
sind dem Dunkelbegriff entsprossen, mag der letztere nun mehr nach 
der unheimlichen Spukgestalt der Nacht, nach der Riesenform des 
finstern Wolkendunkels, nach der zerschmetternden Kraft des brausenden 
Orkans oder endlich nach der lebenvemichtenden Wirkung der winter- 
lichen Regenströme aufgefasst sein *). In seiner fördernden Seite dagegen 
gestaltet sich der Gott des Dunkels zum Gotte der Luft, zu dem gött- 
lichen Lebensprinzip welches reinigend die ganze Welt durchzieht und 
an dem der Mensch selbst in seiner Psyche theil hat. Denn das muss 
hier aufs bestimmteste betont werden, dass der Seelenglaube und der 
aus ihm sich entwickelnde Unsterblichkeitsglaube erst aus dem Begriff 
des vergöttlichten Dunkelprinzips entstanden ist. .Denn je absoluter 
dieser Begriff des den gesamten Kosmos erfüllenden, allem Leben zu 
Grunde liegenden Aer erkannt und verstanden. wurde, desto allgemeiner 
mussten fortan alle Lebewesen an ihm theil nehmen^ wie sie ja that- 
sächlich in ihm wurzeln. Dieser Animismus, der in hohem Grad^ die 
spätem Phasen mythologischer und religiöser Entwicklung beherrscht, 
ist nichts primäres: der grosse Quell aus dem er seine Nahrung^chöpfl 
ist das göttliche Luftwesen des Dunkelprinzips welches die Welt erfüllt 
und alles Leben speist trägt und erhält 2). 

1) Roskoflf Gesch. d. Teufels 1, 15ff; 24ff; 62flf; i24flf deutet allerdings den 
Zusammenhang des feindlichen Weltprinzips mit dem Dunkel an: dasselbe ist aber 
nur verständlich als das Dunkel schlechthin nach seiner furchtbaren . S6ite. 

^) Nach:HEMeyer indog. Mythen l, 2loflf geht aller Götterglaube von der. 
Tödtenverehrung aus, indem auf den Seelenglaub 2n der Geisterglaube, auf diesen 
erst der Götterglaube folgt. Vgl. hierfür namentlich Rohde Psyche 1894, I^bef 



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3 Einleituag. 

Gestaltet sich so der ursprünglich nur als Dunkel gefasste Gottes- 
sohn zu einer die Welt belebenden Macht, so wird der Sonnengott 
endlich aus dem Kämpfer gegen das Dunkel der eigentliche Träger 
der irdischen Existenz, der mit jedem Jahre in dem mit neuer Kraft 
zurückkehrenden Lichte auch von neuem dieses irdische Leben erweckt 
und aufwärts führt; der in ewigem Ringen bis zum eigenen Ver- 
schwinden oder Sterben im Winter seines Amts waltet; in dem allein 
die Hoffnung auf der Welt Bestand haftet und wurzelt^). Zwischen 
diesen Gottheiten aber waltet als vierte die bald jungfräulich, bald 
mütterlich aufgefasste Mondgöttin, welche sich gleichfalls aus dem 
Begriffe des Dunkels gelöst und zu einer selbständigen Persönlichkeit 
erwachsen ist; die hier mit dem einen dort mit dem andern Bruder zu 
ehelichem Bunde gepaart sich gleichfalls im Laufe ihrer Entwicklung 
zu einer reinen geistigen und ideellen Macht gestaltet. 

Der klare und einfache Gehalt des hellenischen Glaubens wie 
wir ihn vorstehend gezeichnet haben ist nun einmal dadurch dem Ver- 
ständniss entzogen worden, dass, wie schon wiederholt angedeutet 
wurde, die Götterbegriffe sich nicht nur in den einzelnen Phasen ihrer 
Entwicklung zu selbständigen Gestalten crystallisirt sondern sich auch 
in ihren Höhepunkten in wahrhaft künstlerischer und speculativer Weise 
ausgestaltet haben; sodann aber dadurch, dass fremde Götter sich in 
das althellenische Göttersystem eingeschoben und dasselbe erweitert 
haben. Zwar waren diese fremden Götter aus denselben Wurzeln ent- 
sprossen, aus denen auch die hellenischen Götter erwachsen sind : aber 
sie waren selbständig, original entwickelt und waren somit anders- 
geartet geworden als die hellenischen'). So haben sie sich neben die 



die sg, Daemonologisten (eing^eschränkt WScbwartz, vor aUcm WMannhardt) die 
unter dem Volke fortlebenden Sagen von Wald- Feld- Wasser- Luft- Hausgeistern 
nicht (was sie thatsächüch &ind) als Nacbklänfi^e des eij^entlicben Götterglaubens 
fassen, sondern als eine dem letzteren voraufgegani^ene Periode des Geister- 
glaubens. Der Animismus, wie Ibn speziell Rohde vertritt, hat Pfleiderer so im- 
ponirt, dasS' derselbe zur Verleugnung seiner ganzen Vergangenheit dadurch 
gebracht wird. Denn während Pfleiderer in der 1. Aufl. (1869) 2, 43^". vom 
Himmel als dem Anfange aller religiösen Entwicklung der Indog. ausgeht und 
diese Ansicht auch JbbfprotTh 1 (1875) 97ff sowie in der 2, Aufl. (1884) 2, 
47if festhält, lässt er in der 3. Aufl. (1896) iMff; I70ff vom Ahnenculte als einem 
völlig systemlosen Geisterglauben die religiöse Entwicklung ihren Ausgang nehmen. 
Schrofies Urteil Usener^s über den Animismus 253. 

1) In den urhellenischen Göttern Zeus Hermes und ApoUon kommt diese 
Trinität des griechischen Glaubens zum Ausdruck. 

3) Gerade diese Entwicklung aller antiken Religionen aus denselbeu Grund- 
anschauun;^en hat die grossartige Übereinstimmung unter ihnen hervorgebracht, 
sodass Gruppe aO den gesamten antiken Glauben von einem Centrum aus sich 
hat verbreiten lassen wollen. Im Einzelnen hat derselbe jetzt in dem eben er- 



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Mythologie. g 

letzteren eingeschoben und so schliesslich den Polytheismus geschaffen, 
den wir als das charakteristische des hellenischen Götterglaubens an- 
zusehen uns gewöhnt haben. Es giebt zwar Hellenomanen welche die 
Annahme, die hellenische Culturentwicklung habe sich unter der Ein- 
wirkung fremder Elemente vollzogen, geradezu für eine Blasphemie 
ansehen. Sie ziehen es vor Wunder über Wunder zu statuiren, um 
nur nicht die Eigenart der Griechen durch von auswärts kommende 
fremde Volksart tangiren zu lassen. Denn ein Wunder wäre es in der 
That, wenn die phrygischen, die thrakischen, die tuskischen, die 
semitischen Stämme, die nachweislich dieselben Strassen gezogen sind 
wie die Hellenen, dieselben Küsten und Inseln besiedelt haben, wie 
die Hellenen und überall mit den letzteren in die direkteste und un- 
mittelbarste Berührung getreten sind, keine Spuren dieser Berührung 
in Griechenland hinterlassen hätten. Nicht darin zeigt sich die Origi- 
nalität, die Kraft und Genialität des hellenischen Geistes dass er in 
verwunderlicher Exclusivität fremde Culturelemente von sich fern ge- 
halten hat, sondern darin dass er dieselben zu den seinen gemacht, 
sie in sein Wesen aufgenommen, in sein Fleisch und Blut hat über- 
gehen lassen*). 

Zum Schluss ist hier noch ein Wort über den Cult zu sagen. 
Um die Bedeutung des Cults sich klar zu machen muss man sich der 
ausserordentlichen Wichtigkeit bewusst werden, welche die Nachahmung 
fiir die menschliche Bildung zu allen Zeiten besessen hat. In keiner 
Zeit aber ist sie sosehr der alles beherrschende Factor für die Aus- 
bildung des Wollens und Denkens, der Sitte und der Lebensform, in 
keiner Zeit mehr der eigentliche Culturträger als in der Kindheit des 
einzelnen wie der Menschheit. Denn je weniger der Mensch aus sich 
selbst zu geben hat, desto unmittelbarer, desto nothwendiger ist all 
sein Thun auf die Nachahmung hingewiesen. Eine solche Nachahmung 
haben wir im Culte zu sehen. Denn der Cult ist die mimische Dar- 
stellung der himmlischen Vorgänge, die dramatische Aufführung der 
Götterhandlungen *). Der Cult ist demnach nur eine andere Ausdrucks- 



schlenenen Hdb. d. gr, Mythol. i (= Hdb. d. klass. AltWIss. V, 2, l) dieses 
näher auszuführen begonnen. 

1^ Bekannt Ist Curtius* Ansicht zB GrGesch. 1 *, 43; SBA 1890, ll4lflF; 
dem gegenüber muss man mit Entschiedenheit betonen dass der Grundstock der 
griech. Götter thatsächüch hellenischen Ursprungs- ist. 

^) Hierauf weist schon Schwartz Urspr. d. Mythol. XVI; und öfter zB 
ZfVolksk 7, Iff. Vgl. Pfleiderer 2, 26f; Usener 241. 358; Steinthal u. Lazarus 
ZfVölkerps l, 49. Back DBerlin 1883 stellt die Culthandlungen zusammen 
in denen nachweislich priesterliche Beamte Götter bezw. deren Thun u. Leiden 
darstellten. Allg. Darwin descent of man 1, l6off; Wundt Vorl. ^ 4l5ff; 430flf; 
Gnindz. d. physiol. Psych. 820ff. 



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10 Einleitung. 

form des Mythus selbst. Erfassen den Menschen die von ihm ge- 
schauten himmlischen Vorgänge, die Erlebnisse seiner Götter nach 
seinem ganzen Wesen, so wird eben dieses sein ganzes Wesen in Mit- 
leidenschaft gezogen. Während er dem entsprechend im Mythus den 
Vorgang ausspricht, ahmt er ihn unwillkürlich in körperlicher Bewegung 
nach. So gestalten sich die rituellen Handlungen, die Cultgebräuche 
zu einer möglichst adaequaten Darstellung dessen was der Mensch am 
Himmel zu erkennen glaubt. Die Opfer, die Wettkämpfe, die Licht- 
entzündungen, die Fackelläufe, die Regenerzeugungen, die Gewand- 
spinnungen, die Tänze, Gesänge und Festzüge und alle mehr oder 
weniger geheimnissvollen Gebräuche dienen nur dem einen Zwecke 
die himmlischen Vorgänge nachahmend darzustellen. Daneben freilich 
tritt uns häufig der Nebenzweck entgegen durch Vornahme der Cult- 
handlung den entsprechenden himmlischen Vorgang selbst hervorzu- 
rufen, die himmlischen Mächte gleichsam ihrerseits zur Nachahmung 
zu reizen und zu veranlassen. Mythus und Cult gehören demnach eng 
zusammen: eine Darstellung jenes wird auch diesem — wenigstens 
nach seinen Hauptmomenten — gerecht zu werden suchen*). 



^) Ich erinnere an den altgerm. leich, der einen Scbluss auf die indog. 
Kunstsitte zulässt. Wie hier Lied und körperliche Beweg^ung (in Tanz od. Marsch) 
sich zur untrennbaren Einheit verschmolz (Kögel Gesch. d. D. Litt. 1, 6f), so 
werden auch die ältesten Culthandlungen den Preis der Götter und ihrer Thaten 
mit ihrer dramatischen Darstellung verbunden haben. 



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Allgemeiner Theil. 

Erstes Kapitel. 

Weltanschauung. 

Der antike Götterglaube ist aufs engste mit der antiken Raum- 
oder Weltanschauung verbunden und bleibt ohne Verständniss der 
letzteren auch seinerseits durchaus unverständlich. Denn aus der An- 
schauung, der Auffassung des Gesamtraums, dem Vorstellen vom Welt- 
ganzen ist der Götterglaube in organischem Werden herausgewachsen. 

Das Bild in welchem dem Auge des Menschen der Gesamtraum 
entgegentrat ist dasselbe welches noch heute, scheinbar in unwandel- 
barer Beständigkeit, dem Blicke sich darbietet. Weil der Horizont, dh. 
die Begrenzungslinie des auf einmal sichtbaren Theils der Erdober- 
fläche überall kreisrund erscheint, senkt sich in der Meinung des 
Menschen der Himmel dh. der Luftraum über uns, in weiter überall 
gleichmässiger W^ölbung auf die Erde, während sich diese, wagerecht 
in geradliniger Fläche sich ausdehnend, als kreisrunde Scheibe in die 
untere Weite der ungeheuren Himmelshalbkugel einschiebt. Die that- 
sächliche Existenz einer festgefugten überall gleichmässigen Wölbung 
des Himmels ist ein Axiom der antiken Weltanschauung gewesen und 
geblieben: jene Wölbung bildet zugleich die feste äussere Grenze, 
welche der Erde an jedem Punkte ihres Kreisrunds ein undurchdring- 
liches Herkos entgegensetzt, während sie zugleich auf den Rändern 
der Erdscheibe ruhend durch sie ihre Stütze und ihren Halt findet*). 

Bildet sich nun an dem Himmel und an der Erde als den 
äussersten Grenzen alles Seins die Raumscheidung des Oben und 
Unten, so vollzieht sich noch eine weitere Scheidung des Gesamtraums 



») Buchholz Hom. Real, l, 3ff; Görlitz PrSagan 1869. Für das Verstind- 
niss der Vorstellung entscheidend dass die Himmelswölbung^ als feststehend be- 
trachtet wurde. Die ganze Erdfläche übersehbar p. 379ff; e 282; 2 478flf. Die 
runde Form der Erdschetbe allg. Annahme Her 4, 36 (Hecat); AristM 2, 5. 
Veränderlichkeit des Horizonts noch Anaxagoras unbekannt AristM 2, 7; Berger 
Gesch. d. Erdk. l,7ff. Die Erde hat aber bestimmte Grenzen AeschPr 418; 
666 etc.; dTWtptoCrj Y 58 uä poetisch. 



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12 Allgemeiner Theil. 

insofern, als die östliche und die westliche Hälfte einander entgegen- 
gesetzt werden. Jene erhält durch das Licht — den Aufgang von 
Sonne, Mond und Sternen — diese durch das Dunkel ihren Charakter. 
Denn der Westen ist dem Menschen das Reich der Finstemiss, da von 
hier mit Vorliebe die grossen Wolken- und Regenmassen aufsteigen, 
wie denn auch hier alle täglichen Lichterscheinungen der Sonne ver- 
schwinden und verlöscht werden. Es sind also die östliche wie die 
westliche Hälfte des Weltraums nicht nur wie zwei entgegengesetzte 
Raumgebiete, sondern auch wie zwei entgegengesetzte Stoffgebiete er- 
schienen, die dort] in den täglichen Sonnen Erzeugnisse des Lichts, 
hier in nächtlichem und Wolkendunkel Erzeugnisse der Finstemiss 
heraufsenden. Dieses mächtige Stoffgebiet des Westens wird als Zophos, 
Erebos bezeichnet. Genauer scheiden sich dann im Laufe der Zeit 
auf Grund dieser Halbierung des Kosmos die vier Weltgegenden*). 

Zwischen Himmel und Erde als den äussersten Grenzen alles 
Seins dehnt sich nun eine ungeheure Kluft, ein Abgrund aus, das 
Chaos, welches Himmel und Erde für ewig scheidet und auseinander 
hält. In diesem unermesslichen Räume vollziehen sich alle Wechsel 
und Wandel des himmlischen Lebens: das Auf- und Niedersteigen der 
Lichtmächte, die wunderbaren Wandlungen der Wolkenbildung, der 
ewige Wechsel von Tag und Nacht. In diesem Räume vollbringen die 
göttlichen Mächte ihre Thaten, aus seiner Höhe herab offenbaren sie 
sich dem Menschen in immer neuen Formen. So wird dieser Raum 
zum heiligen Gefilde; der höchste Punkt desselben zum Mittelpunkt 
alles Raums und aller Zeit: das irdische Temenos oder Templum ist nur 
ein Abbild dieses himmlischen.') 



^) Aristot. &v(0 u. xdxQ) erste Stelle unter den Raumbezeichnungen; jenes 
in jeder Bez. das voUkommnere Odp 2,5; 4t 4; ^ox 592,13; populär dtvo) 
Himmel (Gottheit), xdto) Erde (% 4, l ; Dox 466, 1 7 uö. Diese Begriffe da- 
durch im popul. Sprachgebrauch verdunkelt, dass sie sich in der Richtung der 
Ober- und Unterwelt entwickeln AeschCh 124; P 839; SophAn 75; Ai 865. Hom 
7cp6c ^& X* %iki6y xt — npbz C6qpov Völcker Hom. Geogr. 40ff; daher 9- 29; 
a 23f ; V 240f ; M 239f. Die Verschiebung dieser Orientierung von O. u. W. nach 
N. u. S. (Strabo; JHVoss) ist spät Zdqpoj, Iptßoc Bez. zum W. u. zur Unter- 
welt, letztere aber erst übertragen Völcker 40ff; |i 8lSch; f 335Sch; x 528; 
Suid; Et etc. Anschaulich AeschP 365 uä. 4 Weltgegenden v 240f; Völcker 
45f; 75ff. 

5) Etymol. Zvgl.Spr. 8, l87flf; Rev de ling 30, 86; Gebrauch Jbyc 28; 
Bacchyl 5,27; AristN 425. 627; Av 193. 1218 vgl. E 769; Ale 17; Eur 451. 
Ebenso Hsd 116. 123. 700 (8I4 interpol.) Raum schlechthin Arist^ 4,1; Plato 
b. SchHsd 116; Plutjs 57; SextEmp. 149, 2flf; 478, 17ff etc. Schilderungen des 
Raums AeschP 365; EurPh i; An 1228; f 123; O JOOlff; 1631; J 1152; E 1340; 
Hei 44. 605. 866 etc. Bahn des Helios u. der Selene SophAi 845; EurS 990; 
Wolken u. Winde EuiPh 163; Sterne EurE 467; J 1079; insgesamt EurJ ll47ff 



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Weltanschauung:. 1 3 

Die Sehnsucht des Menschen, daä Ziel seiner Wanderungen, den 
Gegenstand seines Nachdenkens bildeten die Grenzen des Erdrunds. 
Denn hier wo sich Himmel und Erde verband, hier wo täglich 
von neuem der Aufstieg der göttlichen Mächte stattfand, hier musste 
sich ihm das Räthsel alles Daseins lösen, hier musste er in die un- 
mittelbare Berührung mit den Göttern selbst kommen. Diese Grenzen 
des Erdrunds hat sich der Mensch auf Grund seiner Beobachtungen 
und Erfahrungen gestaltet und so hat sich von selbst der Begriff des 
Okeanos gebildet. Denn der Okeanos ist der unmittelbare Ausdruck 
der Beobachtung dass das himmlische Wasser, wie es in den Wolken 
verborgen ruht, von allen Punkten des Erdrunds aufzusteigen vermag. 
Es muss also dieses himmlische Wasser in mächtigem Strome das ge- 
samte Erdrund umsäumen mit der Fähigkeit von jedem Punkte seine 
Fluthen in die Himmelswölbung heraufzuwälzen. Aber wenn auch 
der Erfahrung des Menschen entsprechend dieser Strom des himmli- 
schen Wassers das gesamte Erdrund umgiebt: der eigentliche Ausgangs- 
punkt, der Urquell desselben bleibt der Westen und hier ist denn auch 
der Okeanos als Persönlichkeit fixiert. Und wie dieses himmlische 
Wasser der Quell alles irdischen Wassers, da alle Flüsse und Bäche 
immer wieder aus seinen unerschöpflichen Strömen von neuem genährt 
und gespeist werden, so ist der Okeanos zum Urquell der Dinge ge- 
worden. An diesem unversieglichen Wunderstrome des Himmels hat 
sich der Begriff des Meers, des Stroms gebildet: ihn haben die Stämme, 
nachdem sie sesshaft geworden auf den jedesmaligen Hauptlandesstrom 
übertragen. Daher alle grossen Ströme sich so deutlich den alten 
Himmelscharakter bewahrt haben und alle Flüsse und Quellen in 
tausendfachen Beziehungen mit dem himmlischen Wasser als dem Ur- 
quell alles Nasses verknüpft sind.») 

Neben Okeanos treten nun noch andere Gestalten auf, die durch- 
aus originalen Gepräges, dieselbe Vorstellung selbständig zum Ausdruck 

ua. Vgl. Usener igoff; Nissen Tempi, if. Der Raum ausgedehnt SopbOC 147; 
EurE 59; O 322; f 935; tief Pd 162; Bacchyl 3,5. 85; 9,34; SophOC 845; 
EurM 1297; f 968; daher hier die Paläste der Götter gedacht EurHel 606. 617; 
Str 295; PdN 10,88; J 4,60; 7,45; P 2,33; EurHer 910; AristP 195ff. 

*) Etymol. ZvglSpr 27,477; Hom Grenzstrom d. Erde Y 7 uo; daher 
d(|>öppooc 2 399; 607; 3 200 mit d. Erdgrenzen verbunden; daher Sonne u. Ge- 
stirne aus ihm aufsteigen u. in ihn untergehen, Winde von ihm kommen. HsdSc 
314; Her 4,8; Bacchyl 9,39. Richtig Ploix RevArch l877, 1,47 ff; AristM l, 
9; annähernd SchArat 26. Als Urquell alles Sösswassers S 246 yiytoi^ ndvxeaai 
xixüxxott, daher Hsd 337ff alle Flüsse (vom Wolkenstrom übertr. Bergk Jbb 81, 
391) u. d. Okeaniden von ihm stammend (diintxtt^, diixpscpslg); daher EustB 
821=«Äv Wcop; Pd 326; Hsd 347Sch. Folgerichtig AristN 270. 277 die Regen- 
wolken Töchter; Hes d>xsavoO «6pov töv dipa; SchTheocr 2, 163 = ööoi^. Im W. 
««Y«^ &Y^opötcDV noxajiöv AeschPr 436; EurM 410; vgl. AeschPr 281; 284ff etc 



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lA Allgemeiner Theil. 

bringen. Dahin gehört zunächst Atlas, in dem die Wolken als Gebirgs- 
massen erscheinen, welche ihrerseits das Wasser in sich bergen. Hat 
Atlas ursprünglich gleich dem Okeanos das gesamte Erdrund umfasst, 
so ist auch er später wieder im Westen fixiert und damit er selbst zu 
einer innem Unmöglichkeit geworden. Denn nur in der Auffassung 
der das gesamte Erdrund umfassenden Wolkenberge, auf denen dann 
die Himmelskuppel ruhend gedacht ist, hat Atlas Sinn: die Fixierung 
an einen einzelnen Punkt zeigt dass den Spätem der Gedanke, der 
ursprünglich zur Bildung der Atlasgestalt geführt hatte, völlig verloren 
gegangen war*). 

Andere ähnliche Bildungen mögen hier nur kurz erwähnt werden. 
So vereinigt sich in der Styx der Gedanke der Wolkenberge und des 
Wolkenstroms; ihr hochaltertümliches Wesen als Grenzstrom tritt aber 
namentlich in der uralten Schwurformel hervor, in welcher die Styx 
als die Weltgrenze, als die letzte Scheidelinie alles Lebens und Seins 
erscheint. Weiter ist auch der Acheloos nur ein anderer Name des 
Okeanos selbst, der auch seinerseits wieder vom Himmel auf den 
Hauptstrom des Landes übertragen ist; wie auch Acheron gleichfalls 
zunächst jenen im Westen fixierten Urquell aller Gewässer bezeichnet, 
der dann speziell der Unterwelt zugewiesen ist. Und auch Triton und 
andere Namen gelten offenbar zunächst dem Himmelsstrome, um später 
auf die Erde herabgezogen und verschiedentlich localisirt zu werden. 
Alle diese Bildungen haben wir als die selbständigen Schöpfungen der 
Phantasie anzusehen die in verschiedenen Landschaften und von ver- 
schiedenen Standpunkten aus gebildet gleichberechtigt neben einander 
hergegangen sind, um sich schliesslich in einander zu schieben und 
möglichst auszugleichen. Sie sind alle Versionen des einen Okeanos- 
begriflfs, des irdisch-himmlischen Wolkenstroms, des Urquells aller 
himmlischen und irdischen Gewässer*). 



*) Bestimmeod a 52: die xCove^ cd yaX&y xs xod oöpavöv Api^l^ Sx^^'^^^ 
die Wolkenberge welche die Erde und. damit zugleich die Enden des sich herab- 
senkenden Himmels ringsherum fassen. Peripherie der Erdscheibe höher als 
das Centrum Plato Phaed 58ff; Dox 563, 26f. Durch die Fixierung des Atlas 
bezw. der xCove^ an einen Punkt im W. Hsd 517ff; AeschPr 348, 429 die Vor- 
stellung innerlich unhaltbar. Ibyc 58 noch xCoveg; Aesch xCcov; EurHi 746f; J if; 
P 5, 11, 5; 18, 4. Daher jetzt mit einzelnen mächtigen Centralgebirgen identifizirt 
Her 4, 184; PdP 4, 289 (1, I9f); vWilamowitz Her. 1, 97; Wernicke RE 2, 
2127f. Gleicher Bedeutung Ogygium Str 299; Ogenium Hes; Rhipaeen ua. 

3) Styx: Schwurformel O 37; e 184; H 1, 85; ihre Charakteristik Hsd 
775ff; 786f erinnert an Atlas; =r dem Okeanos der Grenzstrom des W., als solcher 
öpxog = ^%oz Buttmann Lex 2, 53; Hsd 793ff» 2tuYCa Äx^^ AeschP 668. 
Okeanos die segenreiche, Styx die vernichtende Seite des himmlischen Wassers 
S 271; H 5, 259; Hsd 795ff; Serv 6, 134, 3^4» 565. Verbindung u. Ausgleich 
mit Okeanos Hsd 790, 770; EurHi 121. Locallsirung Her 6, 74; P 8, 17, 6 — 18, 6. 



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Weltanschauung. I j 

Dieser Kreisstrom nun aber, wie er im Glauben des Menschen 
an den Grenzen der Erdscheibe wie des Himmelsrunds fluthet, wird 
noch nach einer andern Richtung bedeutsam: mit ihm ist das Leben 
und -Wandern der Götter unmittelbar verbunden. Denn indem der 
Mensch Sonnen und Wolken in der Ferne aufsteigen sieht, fallen ihm, 
da ihm jeder Maassstab für die Schätzung der Entfernungen fehlt, 
unwillkürlich die Endpunkte der Wanderungen der Sonnen- wie der 
Wolkenmassen zusammen: die Sonnen tauchen ihm aus dem Wolken- 
strom auf um in ihn auf der entgegengesetzten Seite des Erdrunds 
wieder niederzu tauchen. Erhebt sich die Sonne plötzlich im Osten, so 
ist sie bis dahin eben im Okeanos verborgen gewesen; verschwindet 
sie plötzlich im Westen, so taucht sie eben in die Tiefe des Okeanos 
ein, um sich in seinen Fluthen zu verbergen*). Diese Endpunkte der 
Wanderungen der Himmelsmächte haben nun für den Glauben, die 
gestaltende Phantasie des Menschen einen ausserordentlichen Reiz 
gehabt und es treten uns die verschiedensten Auffassungen nach dieser 
Richtung hin entgegen. Entweder tauchen die Lichtmächte — denn 
diese kommen hierfür zunächst in Betracht — in den Okeanos selbst 
ein, in dem sie sich baden, in dessen Tiefe sie wohnen; oder sie 
haben an seinen Ufern Höhlen und Schluchten in denen sie sich ver- 
bergen und verstecken; oder sie steigen unweit der Okeanosufer selbst 
in den Schooss der Mutter Erde herab, aus dem sie mit jedem Tage 
neu geboren werden. 

Die thatsächlichen Erfahrungen nun welche der Hellene im 
Verlaufe seiner Wanderzüge sich aneignete, haben auf seine Anschau- 
ungen von den Weltenden in vielfachen Beziehungen eingewirkt. Für 
lange Zeiten sind die Westküsten Griechenlands thatsächlich die Grenzen 
der Welt geblieben: das Meer war nur der Übergang zum Okeanos 
selbst*). Eine Fülle von Überlieferungen, von Sagen und Cultgebräuchen 
haftet an diesen Theilen des griechischen Landes und giebt Kunde 
davon, wie sinnlich plastisch sich der Grieche die Beziehungen seiner 

Als Horcus od. Orcus mit besonderer Bez. auf die Unterwelt (Hsd ^S^Ü; 
Apd. 1,9) in die lat Spr. Acheloos Acberon Triton Bergk Jbb 8i,289ff; 377ff; 
Wentzel RE i, 2l4flf; StoU ML l, gflf. Mythische Elemente enthalten alle Ströme: 
Eridanos Choeril 4; Phasis PdJ 2, 4if; Ledon Plin 5, 31 (Leton Ath 2, 84; 
vWilamowitz Her 2^ 46). Vgl. Aesch 192; Str 836; EurHi 742ff; Cratin 178 etc. 

J) Gestirne E 6 (ausgenommen der grosse Bär 2 489; s 275)i Sonne 
6 485; Eos T 1; Mond H 32, 7 tauchen aus dem Okeanos auf; allg. Eust E sf. 
Daher y l; Aesch 192; ausgeschmQckt Mimn lif; EurAl 590ff; f77l; an der 
äussersten Weltgrenze die Sonne zischend ins Meer tauchend Str 138. Höhlenin 
denen sich die Götter verbergen Usener RhM 23, 340; Rohde Psyche I04flf. 

^ Okeanos u. Meer unterschieden |i if; Hsd 695 f; Cypria 6; daher dieses 
dxpÖYtxo^, jener fi^ftai^ «dvxeaotv. Da aber das Meer an den Okeanos grenzt 
X 1. 13 uö, so können beide Begriffe leicht in einander Obergehen. 



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l6 Allgemeiner TheiL 

Götter zur Erde dachte und gestaltete*). Und wie ihm die Bekannt- 
schaft des Meers den Begriff der Insel, des Eilands vermittelt hat, so 
hat er diesen Begriff auch auf den Okeanos übertragen und ihn in 
Beziehung zu den Wohn- und Ruhestätten seiner Götter gebracht. Es 
ist nun nicht mehr die Tiefe des Okeanos selbst, es sind nicht mehr 
Höhlen und Schluchten in denen sich die Lichtmächte zeitweilig ver- 
bergen: sie wohnen fortan auf einsam gelegenen versteckten Inseln im 
Okeanos. Die griechische Mythologie kennt eine lange Reihe dieser 
Inseln als Aufenthaltsorte der göttlichen Mächte, die der Zusammen- 
steller der Odysseelieder zu einem kunstvollen Gemälde an einander 
gereiht hat. Thatsächlich sind alle jene Inseln und Länder nichts 
anderes als die mannigfachen Ausdrücke eines und desselben Gedankens. 
Von verschiedenen Stämmen und Landschaften aus geschaut und ge- 
bildet; von einzelnen begeisterten Sängern dichterisch geschaffen und 
gestaltet, sind sie rein mythische Gebilde, wenn dieselben auch später 
auf Grund der thatsächlichen Erfahrungen mit manchen Einzelzügen 
fremder Inseln und Länder bereichert und ausgeschmückt sind. Die 
im Westen niedertauchenden, dort ausruhenden Lichtmächte — der 
Sonnengott wie die Mondgöttin — bedurften ebenso fester Heimstätten, 
wie der Dunkelgott selbst für sein Reich einen Mittelpunkt nöthig 
hatte: das hat der schöpferischen Phantasie genügt sie zu schaffen^). 
Auf diese mythischen Inseln und Länder hier näher einzugehen 
schliesst sich aus: nur die wichtigeren seien mit wenigen Worten ge- 
zeichnet. Und da verdient zunächst Erytheia, welches sich deutlich 
als Sonneneiland characterisirt, Erwähnung. Erytheia ist eben der 
Ausdruck jenes Bildes, welches die Sonne im Abendrothschein im west- 
lichen Dunkel versinken lässt: für den Glauben steht es fest dass nun 
der Sonnengott in das Reich des Dunkels eindringt, die beiden feind- 

») Das Lokal der Unterwelt x 540 ff entspricht der Landschaft Thesprotien 
OMüUer Proll 362 ff; Her 5, 92; P 1, 17, 5- Die lUxpri Atüxdg (0 11 die Insel Leu- 
kadia Anacr 19; EurK 166; An 533ff; Hf 1148; vWUamowitz Hom. Unt. 73 A. 
Der Herabsturz des Kephalos Str 461; der Sappho Phot AtwL&vr^; im Culte des 
Apoll Str 452 die Nachahmung des Vorgangs wonach sich Sonne und Mond ins 
Meer zu stürzen scheinen. Verallgemeinert Anacr 19; verflQchtigt Hes Atuxddo^; 
Eustco 11. Hades als Aidoneus König der Molosser Philoch 46; P 1,17,4; des 
Geryoneus (= Hades) Reich hier Hec 349; Suid XaptvoC; AeINA 12,11; AristAy 
465 Seh; ArrAu 2,16. Ebenso des Helios Rinderheerden hier Her 9,93; Conon 
30. Daher EurAl 591. Scheria in Kerkyra gesucht; Ithaka EdMeycr Herrn 30, 
269. Ähnlich im Pelop. Pylos Eingang zur Unterwelt Bursian Geogr. 2, 176 ff 
279f 3o6f; vWilamowitz Her 2, 99A; daher hier Kampf des Sonnenheros Herakles 
mit dem Dunkelgott E 397 ff; Nachhall PdO 9, 29 ff. H 3 hier die Stille der 
Rinder Apolls. 

3) Material namentlich Völcker Hom. Geogr. 1830; Myth. Geogr. 1. 1832. 
Strabo giebt nach dieser Richtung hin nur einen Commentar zu Homer. 



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Weltanschauung. I7 

liehen Mächte des Lichts und der Finsterniss mit einander ringen. 
Die Thatsache dass man Erytheia an den verschiedensten Punkten des 
Westens wiederfinden zu können gemeint hat, zeigt, dass dieses Land 
von Haus aus ein rein von der Phantasie geschaffenes Gebilde gewesen 
ist.*) Einen ähnlichen Charakter trägt Aia, das Reich des Dunkeigotts 
und der Mondgöttin: auch in dieses dringt wieder der Sonnengott ein 
um mit ihm zu kämpfen und zu ringen. Und wenn auch die mythische 
Landschaft Aia die nur im Westen ihren Platz hat sich später durch 
Zusammenbringen mit der Argonautensage verschoben hat, so kann 
doch an der ursprünglichen Bedeutung derselben kein Zweifel sein. 
Und in gleicher Weise sind auch Aeolia, Ogygia, Thrinakia ua nur 
als verschiedene Namen jenes mythischen Gebiets zu fassen, welches 
der Glaube für seine Götter im Westen gesucht und geschaffen hat. 
Es sind immer dieselben Anschauungen, die uns in wechselnden Formen 
entgegentreten und die nur darin die eine von der andern sich unter- 
scheiden, dass bald der Gott des Dunkels, bald der Sonnengott, bald 
die Mondgöttin der Insel oder Landschaft die bestimmende Signatur 
giebt^). Und auch die erst später hervortretenden Bildungen einer 
Atlantis, einer Meropis ua wiederholen nur denselben Gedanken, wenn 
auch in willkürlicheren und phantastischeren Formen: wir dürfen an- 
nehmen, dass wir es auch bei ihnen mit alten vom Volke getragenen 
Sagen zu thun haben, die dann freilich durch Plato ua willkürlich aus- 
gestaltet sind^). 

Alle mythischen Länder, welche als Ruhe- und Heimstätten der 



1) Erytheia Hsd 287 rein mythisch St.; schon Stesich 5; Hecat 349 loca- 
lisirt in Tartessus bezw. Epirotische Küste und diese beiden Punkte bleiben die 
Hauptträger der Sage: Tartessus Her 4,8; Str lögf; I48; Apd 2, lo6ff; Plln 4, 
120; Epirus Her 9,93; Conon 30; Scyl 26; Land der Aenianen AristOaüfi 133 
äusserstes Westmeer Plin 4,120; EustDionP 558. Allg. Ath U,38f; Voigt ML 
1, 1634; Gerhard AV 2, 60 ff. Eine ähnliche Bedeutung wird Phlegra gehabt haben 
vWilamowitz Her 2, 245. 

2) Aia Escher RE l,919f; die Deutung als Olnsel PdP 4, 203 ff; Her 1,2; 
7, 193; Eumel 2; Str 46 f nicht ursprünglich. Aiolia Völcker 113 ff; localisirt 
Str 215 f; ähnlicher Bedeutung die Sireneninsel p. 166. Ogygia ZvglSpr 27, 477ff 
^rings verborgen", völlig phantastische Lage Völcker I04f, 120 ff. Thrinakia 
P- 351 ^^V''fl beherbergt nur die Sonnenheerden X 108; \i 127 ff, hat weder mit 
Sicilien noch mit dem Peloponnes (vWilamowitz Hom. Unt. l68f). etwas zu thun; 
Name zweifelhaft trotz Brugmann IndF 3, 259 ff. Wohnstätten der Graeen Hsd 
290 ff; Gorgonen AeschPr 793; Hesperiden ua schweben gleichfalls völlig in der Luft. 

3) Atlantis Berger RE 2, 2116 f; Meropis Theop 76; Stoll ML 2, 2840f; von 
Rohde Gr. Rom. 197. 204 ff fälschlich als willkürliche Fictionen Piatos bezw. eines 
Romanschriftstellers gefasst. Auch Nysa Name des myth. WLandes Z 133 EustSch; 
H 5,17; 24,8; 26,5 (Hd 3, 69f); Dd 3,68; 4,2; Ap 2, 1211 Seh; später fast 
unzählige Locallsationen mit Festhaltung der myth. Elemente zB Str 649. 

Gilbert, Gotterlebre. 2 



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l8 Allgemeiner Theil. 

Götter bezeichnet werden, gehören nun dem Westen an, dem gegen- 
über der Osten, obgleich er von Haus aus durch die Verbindung mit 
dem Lichte eine besondere Heiligkeit erhält, fast völlig zurücktritt. 
Gerade das Zusammentreffen der Lichtmächte mit dem Dunkel, welches 
der auf sein Schauen gegründete Glaube im Westen sich dachte, hat 
diesem die ganz überwiegende Beachtung erweckt. Im Westen hat 
demnach der Gott des Dunkels sein Reich und seine Wohnstätte; im 
Westen der Sonnengott seine Ruhestätte; im Westen endlich die Mond- 
göttin ihre Höhle, ihren Palast, ihre einsame Insel. Am Morgen aber 
macht sich der Sonnengott von seiner westlichen Ruhestatt auf, um 
auf dem Weltenstrome zum östlichen Aufstieg heimzukehren ^). 

Alle diese mythischen Länder des fernsten Westens aber hat sich 
die gläubige Phantasie als Gebiete der üppigsten Fruchtbarkeit ausge- 
malt, da sie unter der unmittelbaren segensreichen Einwirkung der 
Götter selbst standen. Und wie das ganze Wandern und Streben der 
Lichtgötter gleichsam nur das eine Ziel verfolgt in den Westen zu ge- 
langen, zu ihrer eigentlichen Heimath und Ruhestatt, so hat der Glaube 
jenem mythischen Wunderlande selbst zugleich den Namen Wanderland 
Elysion gegeben. Und er hat nicht minder unter dem Namen Inseln 
der Seligen dh. der Götter jene Inseln und Länder nach ihrer allge- 
meinen Charakteristik als Gebiet der göttlichen Mächte hervorgehoben*). 

Mit diesen mythischen Ländern hängen nun die mythischen Völker 
eng zusammen. Fassen wir hier zunächst die Aethiopen, Kyklopen, 
Arimaspen zusammen, so zweifle ich nicht dass wir es bei ihnen von 
Haus aus mit den in der Vielheit gefassten Sonnengöttern selbst zu 
thun haben. Brachte dem Glauben in seiner ältesten Form jeder Tag 
eine neue Sonne, so musste es ein ganzes Volk von Sonnen geben, welches 
im Osten wohnte und jeden Morgen einen der Ihren aussandte. Es 
musste aber zugleich auch der Westen ein solches Volk von Sonnen 
bergen, da ja an jedem Tage ein neuer Sonnenheld hierher wanderte. 



») Die höbe Bedeutung des W. namentlich in den Nekyien X, (ö; Hsd 732flF; 
vgl. Her 4,191; AeschPr 792 ff; Soph 655; vWilamowitz Her. 2, 94ff; EdMeyer 
2, 75; Dieterich Nekyia 19 ff. Fahrt des Helios von W. um die nördl. Hemisphäre 
nach O. AristM 2, l; Ath. ll,38f. Der O. y l; Eur 771. 775; Aesch 192 zweifel- 
haft; OvHer 9, 16 Solis utramque domum. Lykien Lichtland Usener 202 ff. 

2) Fruchtbarkeit: Gärten der Götter Pherec 33a; AristN 271 ff; Soph 298a 
(Zeus); 655 (Apoll); Hsd 2l5ff. 335 (Hesperiden). Elysion Ö 561 ff nur för 
Götter und göttergleiche Ap 4, 8l4Sch; Apd 3,39; allg. Eustö 563; localisirt 
Str 150. MaxapcDv (der Götter) ^00^ od. vfjoot HsdE 156ff; PdO 2, 68 ff; locali- 
sirt Str 5; Her 3, 26 (Oasen). Vgl. Ath 7,48 (Helios); Plato Symp 7; Apd 3, Hl; 
Eur Hei i677 (Helden) etc. Verbindung mit Okeanos TzL 1204. Später =r 
süosßsTc u. auf das Jenseits bezogen AristV 639; Et; Serv 5, 735 etc. Vgl. 
Rohde Psyche 63 ff; Lewy Jbb 145, 177 ff. 



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Weltanschauung. ig 

sodass sich im Laufe der Zeit ein ganzes Volk von Sonnen hier ver- 
sammeln musste. Sind die Aethiopen die Brandgesichter, so sind die 
Kyklopen die Rundaugen: zwei verschiedene Ausdrücke ftir das Sonnen- 
gesicht oder Sonnenauge. Und auch die einäugigen Arimaspen werden 
ebenso zu verstehen sein. Natürlich ist auch hier die spätere Deutung 
beflissen gewesen, diese Völker, namentlich die Aethiopen mit histori- 
schen Völkerschaften in Zusammenhang zu bringen und möglichst zu 
identifiziren *). 

Den Sonnenvölkern treten die Dunkelvölker gegenüber, von denen 
namentlich die Kimmerier und die Phaeaken zu nennen sind. Die 
Verbindung jener mit dem Okeanos, dem fernen Westen, ihre Charak- 
teristik als der in ewige Finstemiss verhüllten lassen sie deutlich als 
Dunkelgestalten erkennen. Sind aber die Kimmerier mit absoluter 
Finstemiss verbunden, so tritt uns in den Phaeaken eine mildere Auf- 
fassung entgegen; doch erscheint auch in ihnen sehr bestimmt das 
Dunkle und Schleierhafte ihres Wesens. Trägt der Gott des Dunkels, 
wie wir noch sehen werden, den Ansatz zur Vielheit in sich selbst, so 
haben wir wohl auch in den Kimmeriem und Phaeaken eben diese 
Beziehung auf die Vielheit des Dunkels selbst zu erkennen. Später 
hat man auch ihre Namen mit historischen Völkern in Verbindung zu 
bringen gesucht'). 



*) Aethiopen A 423; V 205; a 22 f Im äussersten O. u. W.; Mimn 12 nur 
im O.; AeschPr 808 gemeint. EustDion P 558. 218 auf Erytheia u. iMtxpcßtot, 
Her 3, 17. Scheinbar histor. Anklänge d 84 (Str 2. 3. 30 ff)« ^^ ^^^ ursprQngiiche 
Auflassung gleichgüIUg. Nach Pletschmann RE l, 1095 ff nur die histor. Aethiopen 
Anlass der Vorstellunjj:. Kyklopen (WGrimm ABA 1857; Röscher ML 2, löTöff) 
Volk ifj 206; t 275; Reichtum des Landes t 105 ff; 130 ff: Rundauge t 375 ff uö; 
Hsd 144. Über die Hesiodischen Kap. 4. Arimaspen AeschPr 804ff einäu^jig 
nahe der Unterwelt; Her 3, 11 6. 4, 13 In Anknüpfung an den Wunder mann Aristeas. 
Danach TzCh 7)689; Fl, 24, 6; Plin 7» lof. Mit den Hyperboreern zusamn.en- 
hängend St Ttwpß; 'Apt|i; SchCallim 4,291 etc. Localisirt Str. 507; EustLion 
P 31. Wemicke RE 2, 826f lässt die Vorstellung aus dem Golde des Skythen- 
lands sich entwickeln. 

^ Kimmerier X 13 ff, schon ganz Im Gebiet des Dunkels, OrphArg 11:0 ff. 
Zusammenfassend SchX 14; AristR 187* Diese rein myth. haben mit den hii^tor. 
(Callin 3; Her 1,6. 15 etc.) nichts zu fhun, obgleich Str 6. 20. I49. 553 etc 
identifizirt. Localisirt Str 244; allg. Engelmann ML 2, 11 86 f. Phaeaken (Wekker 
RhM 1,231 ff von 90C16C schummrig) zff. Geisterhafte Schiffe 7] 36 ^i x. vtviX^ 
xsxodu|i(iiv(x; d* S58ff, besonders des Nachts fahrend rj 317 ö; v 28ff 70ff. In der 
Nähe der Götter t 35Sch; ? 8. 204; iq 199 (Schrj 324); ihre Gärten gleich denen 
der Hesperiden iq 1 18 ff; Ö 563 ff; PHn 19, 49« Weltenden O. u. W. rj 321 ff; Gelciier 
•d* 566; ri 320 gleich dem Hermes. Scheria myth. WLand, später localisirt Sehe 
35 etc. Feindschaft der Kyklopen u. Phäaken J 4 Gegnerschaft von Licht und 
Dunkel. 



2' 

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20 Allgemeiner Tbeil. 

Tragen nun schon die Phaeaken einen mehr lichtfVeundlichei> 
Charakter so tritt der letztere noch entschiedener in den Hyperboreer^ 
hervor. Hyperboreer sind die jenseits der Berge wohnenden und haben 
wir früher gesehen, wie der Glaube die Weltgrenze mit den Wolken-, 
bergen umsäumt, so liegt es nahe als die Berge, durch welche Wesen 
und Name der Hyperboreer bestimmt wird, die Wolkenberge des 
Westens zu fassen. Und diese Annahme findet darin ihre Bestätigung^ 
dass wir die Rhipaeen, die wir nur als einen sondern Namen der 
Wolkengebirge des Westens aufzufassen haben, mit den Hyperboreern 
in engster Beziehung finden. Der Sonnengott der Abends in ^nd hinter 
den den westlichen Horizont säumenden Wolkenbergen verschwindet 
und so hinter die Berge geht hat den Anlass zur Schöpfung des my-. 
thischen Volks der Hyperboreer gegeben, das speziell mit dem Apoll- 
culte verknüpft durch diesen seine weitere Ausgestaltung erfahren hat. *) 

Alle die vorstehend betrachteten Inseln, Länder und Völker tragen 
denselben Charakter: die gläubige Phantasie hat sie geschaffen und 
gestaltet. Und nicht minder hat sie die eigenen Erfahrungen benutzt 
um immer von neuem wieder mit der Welt Enden und Grenzen sich 
zu beschäftigen. Bildete einst die Westküste Griechenlands die Grenze 
der sichtbaren Welt, so musste sich dieselbe im Laufe der Zeit immer 
weiter hinausschieben. Und danach mussten sich auch die Sagen vom 
Leben und Wandern der Götter immer neu modeln und wandeln. Mit 
der Schritt für Schritt vorwärtsdringenden Weltkenntniss schreiten auch 
die Sagen hinüber nach Italien und Sicilien; sie heften sich weiter an 
Spanien, wo die Säulen des Herakles und die Westküste des Landes 
lange als Weltende gegolten haben; sie ziehen schliesslich auch Brittann ien 
als das äusserste Gebiet der Welterfahrung in ihren Kreis. Aber immer 
ist diese Grenze der Welt, die für den Wissensdrang von so mächtigem 
Interesse, zugleich für den Glauben von so unendlicher Bedeutung: 
und das ist es was ihr in erster Linie die Wichtigkeit giebt, welche 
sie für das gesamte antike Denken Leben und Empfinden besessen hat 3), 

i) Crusius ML l, 2805 ff mit Abrens = Ö7ap9tp4xTQ€ = «tp<f tpdstg Her 4, 33; 
Curtius Grundz ^ 348 = Leute jenseits der Berge. Mt TTceppipttoc — xottog ab- 
;;eleitet. Verbunden mit den Rhipaeen, ein anderer Name des Wolkengebirgs am 
Weltende Alcm 58; Aesch 1Q7; SophOC 1248Scb; Str 299; Plin 4,94- Die alten 
sten Quellen verbinden die H. consequent mit der dL^obr^iict Apolls Ale 2 ff und 
setzen sie ans Weltende PdP 10,29 ff 45 ff (O 3, 16 nicht dagegen). Vgl. Aesch 
65; Apd 2,113; H 7,29; Bacchyl 3,59. Völlig mythisch Callim b. StTitepß mit 
<len Arimaspen identifizirt; Aesch Ch 373; Pd 257; Simon 197 etc. Verbindung 
mit dem N. Her 4, 32 ff (4, 13); P 5» 7, 7; Hippocr de aere 19. Die spätere Ro- 
laandichtung (Rohde 172 ff) sieht im Hyperboreerlande ein seliges Jenseits, der 
alten Anschauung treu. Localisationen u. Ausgestaltungen SchAp; Dd 2,47; Hes^ 
Cratin 22 etc. 

3) Kronos zB Hsd E 169 an den Weltenden; Pd 3,61; 5, 66W.; Korkyra 



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Weltanschauung. 2 1 

So sehen wir unter dem beobachtenden Blicke des Menschen ein 
beschränktes aber bestimmtes Bild entstehen. Die kreisrunde Erdscheibe 
von begrenzter wenn auch unbekannter Ausdehnung, rings umfiuthet 
von dem Wolkenstrome, wird überwölbt von der kreisrunden Himmels- 
kuppel, die ihrerseits mit den untersten Rändern auf den Enden der 
Erdscheibe ruhend lastet. Alle Veränderungen aber, wie sie sich durch 
Dunkel- und Lichterscheinungen in dem grossen zwischen Erde und 
Himmel ausgespannten Räume vollziehen, gehen vom Okeanos, von 
den Enden der Erde und der Welt aus und kehren eben dorthin als 
der letzten Grenze alles irdischen und göttlichen Daseins zurück. Und 
dieser westliche Endpunkt wird für den Glauben der bedeutsamste und 
geheimnissvollste Punkt des Weltganzen, da hier die Ruhe- und Heim- 
stätten seiner Götter sind, die daselbst auf heiligen Gebieten weilen 
und wirken; und in deren unmittelbare Gemeinschaft dereinst zu ge- 
langen immer noch die Hoffnung des Menschen bleibt — wenn es ihm 
gelingt wandernd dieses Ende zu erreichen. Die auf- und nieder- 
steigenden Götter sind ihm die Mittler zwischen Himmel und Erde, da 
sie täglich ihre himmlischen Bahnen wandelnd, täglich aus der Höhe 
des Himmels sich offenbarend und ihre Gaben der Erde austeilend 
doch immer wieder zur Erde zurückkehren. 

Hiermit ist nun aber das Bild, in dem sich die Welt dem Auge 
des Menschen darstellt, noch nicht vollendet. Es ist bekannt dass dem 
Glauben das Vorhandensein eines Jenseits dh eines jenseits des Okeanos 
gelegenen Schattenreichs feststeht und dieses haben wir noch zu be- 
trachten. Fiel nach ursprünglicher Auffassung Okeanos und Zophos 
zusammen, so sind doch später beide jeder seinen eigenen Weg ge- 
gangen und in dieser Scheidung der Begriffe ist der Zophos immer 
tiefer in den Westen gedrängt. Gingen die Lichtmächte am oder im 
Okeanos zur Rast, wo sie doch nothwendig Licht verbreiten mussten, 
so schien es nöthig, das Reich der Finstemiss selbst weiter über den 
Okeanos hinauszurücken. Zugleich schien die Himmelswölbung selbst 
ftlr ihre lastenden unteren Ränder noch eines festen Landstreifens zu 
bedürfen, namentlich da die ursprüngliche Bedeutung der Atlasvorstellung 
mehr und mehr dem Bewusstsein entschwand. So hat sich die Vor- 



sehe 34; St 2xep(a; Sicilien Dd 3,61; Spanien u. Brittannien TzL 1204; SchHsd 
E 169; Hec 373 etc. In Italien wieder speziell die WKüste Str 243 f; 245—48; 
Her 7, 170; Eustx5l4ff; Hsd b. SchAp3, 311. Sicilien Her 7, 170; Str 279; Dd 
4,79. 85 uö. Tartessus Stesich 5 Fluss; Pherec 33; Her 1, 163; 4, 152 Stadt; 
Anacr 8. Stets der Begriff des fernsten W. damit verbunden, daher Str 149; 2 etc, 
Säulen des Herakles Weltende PdO 3,44; N 3, 21; 4, 69; J 4, 12; ursprünglich 
wohl ähnlicher Bedeutung wie die Säulen des Atlas Pd 256 und dann Str 139 
übertragen. Westküste Spaniens Str 137 Weltende, die Götter hier anwesend 138, 
die Sonne in ihrer wahren Grösse. 



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22 Allgemeiner Theil. 

Stellung von dem jenseits des Okeanos befindlichen festen Landstreifen 
gebildet, mit dem Zophos in innere Beziehung tritt.*) Aber in 
wunderbarer Inconsequenz wird dieser «jenseits» befindliche Land- 
streifen — der für die lastende Himmelskuppel doch nur Sinn hat 
wenn er das gesamte Erdrund umschliesst — wieder nur in Bezug auf 
den Westen ausgebildet. Das diesem Punkte so tibergewichtlich zuge- 
wandte Interesse lässt die Vorstellung vom «Jenseits» sich nur für den 
Westen ausbilden, während es zugleich mit dem Dunkel zu einem 
Begriffe verschmilzt. Es wird also dieses Gebiet das eigentliche Reich 
der Finstemiss. in dem nun alle jene Schreckgestalten hausen, mit 
denen eine im Furchtbaren schwelgende Einbildungskraft das Grauen 
der Finstemiss, die Schatten des Todes, die Greuel der Vernichtung 
verbunden hat.') 

Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, dass neben der Vor- 
stellung welche das Dunkelreich in den Westen versetzt, eine andere 
uns entgegentritt, welche dasselbe im Innern der Erde sucht. Und 
damit beginnt die Speculation sich der Erdtiefe zuzuwenden. Zeigte 
jeder Blick in Höhlen und Schluchten, dass im Innern der Erde 
undurchdringliche Finstemiss herrsche, so wurde damit unwillkürlich 
jenes andere Dunkelgebiet im Westen in Erinnerung gerufen, welches 
dem Glauben längst als unanfechtbare Thatsache feststand. So tritt 
neben das Gebiet des Dunkels im Westen ein zweites in der Tiefe der 
Erde und diese beiden Reiche sind im Laufe der Zeit in der Weise 
mit einander in Verbindung gebracht, dass jenes westliche Dunkelreich 
mehr und mehr in die Erdtiefe, in das Innere der Erde hinabgeschoben 
und erweitert worden ist. Im Westen bleibt auch fernerhin der eigent- 
liche Anfang, der Abstieg in die Tiefe, der Eingang in das Schatten- 
reich: dieses selbst dehnt sich von dort in die Tiefe und in das Innere 
der Erde aus, sodass es wie eine weite Höhlung erscheint, über welche 
die Oberfläche der Erde wie das Meer sich als schützende Decke spannt*). 

^) Die Worte x 508 ff lassen mit Nitzsch zur Od 3,155 nur die Deutung zu, 
dass thatsächlich ein Überfahren des Flusses statt hat: der Eingang in den Hades 
also jenseits des Okeanos, wozu vgl. X ißff uaSt. Daher die Fra^e X ll5f, 
wenn auch das folgende Interpolation. EurHi 744 ff bringt das Ende der Welt 
deutlich zum Ausdruck: a6(iv6c xipiuov oöpavoO die sich herabsenkende Himmels- 
wölbung, 

^) Die Nekyien X und cd reiches Material, das der Hauptsache nach schon 
in älteren Vorstellungen wurzelt. 

3) Vorstellung von der Tiefe Jl., vom W. Od. vorherrschend. Vgl. Nitzsch 
zur Od. 3, XXXII; 154ff; GHoffmann PrKreuznach 1867. Später die Erdtiefe 
Obergewichtlich PdO 2,59; M» 20; P 3» 11 ; N 8, 38; f 137; Tyrt 12,38; Mimn 
2, 13; Solon 24,8; Theogn 973 f; AeschP 229 etc. Flach Syst. d. Hes. Kosmog. 
viel unhaltbares. Hom überoceanischer Eingang cd loff; X 13ft; daher auch 
E 375 ff; T 71; X 571 etc. Hsd ein Eingang 732; vor ihm Atlas 746ff; Nacht 



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Weltanschauung. 23 

Hat sich damit die Speculation der Tiefe der Erde zugewandt, 
so muss man es als Consequenz ansehen, wenn sie nun auch noch 
tiefer dringt und entsprechend der Himmelswölbung eine nach unten 
gerichtete Parallelwölbung construirt, die dem Kosmos den ehernen 
und undurchdringlichen Abschluss in die Tiefe giebt So gestaltet sich 
der Kosmos zu einer Ungeheuern Hohlkugel, deren eine Hälfte die 
Himmelswölbung, deren andere Hälfte die Tartaruswölbung bildet. 
Diese Gesamtkugel ist aber nur eine scheinbare, da die beiden Hälften 
jede für sich existieren, die Erdscheibe zwischen beide sich einschiebt 
und sie auseinander hält. Und während in der obern Hälfte das Licht 
herrscht — abgesehen vom Wechsel in Tag und Nacht — ist der 
Tartarus von undurchdringlicher Finstemiss erfüllt Die innere Be- 
ziehung zwischen Schattenreich und Tartarus wird aber in der Weise 
aufrecht gehalten, dass dasselbe Thor im Westen welches in das Erd- 
innere zum Hades führt zugleich in die ungeheure Höhlung des Tar- 
tarus hinabführt^). 

Verweilen wir nun noch einen Augenblick bei diesem Dunkel- 
reiche, wie es sich vom Westen immer energischer in die Tiefe ge- 
schoben hat, so ist aufs bestimmteste zu betonen, dass es ausschliesslich 
der Begriff des Dunkels selbst ist welcher dasselbe geschaffen hat 
Weil nach älterer Vorstellung die westliche Dunkelmacht deshalb eine 
Todesmacht ist, weil sie alle Lichterscheinungen des Himmels in ihr 
Reich zieht und sie ebendaselbst vernichtet oder zum Erlöschen bringt, 
ist sie die grosse Todesmacht schlechthin geworden, die nun auch die 
Seelen der Gestorbenen bei sich aufnimmt Denn die Psyche, der den 
Körper belebende Hauch ist selbst ein Theil jener grossen Luftmacht 
wie sie sich aus dem Begriff des Dunkels entwickelt hat und wandert 
die scheidende Psyche mit den ziehenden Lüften in das grosse Dunkel- 

u. Tag durch ihn wechselnd 748 ff (Inconsequenz da 760 f die Sonne nicht hier 
scheint); von ihm Haus des Hades anfangend 767; Kerberos 769ff; Styx 775 ff- 
Auch Aeschylus kennt nur diesen westlichen Eingang Pr 434 f; A 1291; SophOR 
178; EurAl 126; Hec l etc.; Theogn 427. 709; SchTheocr 13, 22 etc; Localisationen 
Hermione ;P 2,35, IG; Str 373; Trozen P 2, 31, 2; Lerna P 2, 36, 7; 2, 37, 5; 
Taenaron P 3, 25,4ff; PdP 4,44; Str 363; EurHf 23; Athen SophOC 57; I590ff; 
AeschE 1007. 1023. 1036; Böotien P 9, 34, 5; Heraclea Pontica SchNicand A 13 etc. 
*) Die obere und die untere Wölbung gleich ausgedehnt 6 13 ff; Hsd 720ff; 
aber von einander unabhängig, daher EustE 6. Im Tartarus völlige Finstemiss 
6 478 ff; Hsd aO. Dem x^""^^ oöpav6{ entspricht xc^'teov Ipxog Hsd 725 f. Die 
Lichtmächte bleiben auf der Oberfläche der Erde AristM 2, 1. Die Schilderung 
Hsd 732 ff. vielfach springend: 733 das westliche Eingangsthor; 74I; co 12; 733 die 
kappelartige Wölbung des Gesamtraums des Tanarus, dessen unterster Grund 
741; 725. Auf das Ganze bez. 740 x^^iia. Obgleich also 732; 734; 73^; 74^ 
spez. der WEingang berücksichtigt wird, springt der Dichter doch 740 f. 733 auf 
den ganzen Tartarus über. SpÜter vielfache Confundierung von Tartarus und Hades. 



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CmOO^Q: 



24 Allgemeiner Theil. 

reich, so kehrt sie nur dorthin zurück wohin sie ihrem Wesen nach 
gehört. Es ist aber natürlich dass gerade der Umstand, dass das 
Dunkelreich auch zum Aufenthaltsort der abgeschiedenen Seelen ge- 
worden ist, ihm die besondere Aufmerksamkeit zugewandt hat, die nun 
in phantastischen Constructionen und Speculationen den Raum auszu- 
gestalten beflissen gewesen ist*). 

Im Vorstehenden ist die antike "Weltanschauung in ihren Grund- 
zügen gezeichnet. Ihre Kenntniss ist notwendig wenn wir den Götter- 
glauben selbst verstehen wollen. Sie ist erschüttert durch neue Specu- 
lationen und Entdeckungen die sie in wesentlichen Punkten berichtigt 
und modifizirt haben. Zunächst nemlich hat der Begriff des Himmels 
insofern eine Entwicklung erfahren als die bei Homer feststehende 
Himmelskuppel in eine sich drehende umgestaltet wird. Wenn damit 
der Tartarus verschwindet, der sich nun zu einem Annex der Unter- 
welt gestaltet, so wird die Himmelswölbung zu einer Gesammthohl- 
kugel, die in gleichen Abständen die Erde von allen Seiten umschliesst 
und umkreist. Wenn einst Himmel und Erde als das Oben und Unten 
die beiden Pole des Kosmos bildeten, so werden sie nun wieder in 
tieferer und übertragener Bedeutung diese Pole, da fortan die Erde 
den Mittelpunkt des Kosmos bildet, der nach allen Richtungen hin 
von dem Himmel umfasst und umkreist wird. So bestimmt aber gerade 
in dieser ewig gleichmässigen Kreisbewegung des Himmels die philo- 
sophische Speculation die Göttlichkeit desselben erkannt hat*), so muss 
doch hervorgehoben werden, dass der Volksglaube heute wie vor Jahr- 
tausenden den höchsten Himmelsgott oben dh in der Höhe der Himmels- 
wölbung sucht. Mit dieser neuen Auffassung des Himmels als einer 
kreisenden Hohlkugel hängt die Entwicklung des Erdbegriffs zusammen. 
War sie nach älterem Glauben eine Scheibe von mehr oder weniger 
grosser Tiefe, so wird sie nun zu einem inmitten der Himmelshohl- 
kugel frei schwebenden Körper, der sich von selbst zur Kugel gestaltet. 
In dieser ihrer Lage als kleinere von der ungeheuren Himmelskugel 
umkreiste Kugel bildet sie wie bemerkt den Mittelpunkt des Kosmos. 
In dem ewigen Kreislaufe göttlicher und natürlicher Mächte erhält sie 



') Auf die Vorstellung, dass Pd I29f; AristR l43ff; 274; 155 ff; 85; 455 ff 
die Gottlosen im Dunkel, die Frommen im Lichte der Sonne wandeln, haben 
orphische Lehren eingewirkt, nach denen auch die Sonne in die Unterwelt hinab- 
steigt. Auch werden Tartarus und Hades die geschiedenen Lokale für Gottlose 
und Fromme; vgl. auch Plat Phaed 62. 

*) Andeutungen dieser Auffassung Eur 596; AristAv I182. Bei Aristoteles 
ist der oöpav6g, so verschieden er das Wort anwendet, stets die den gesamten 
Kosmos umkreisende Hohlkugel zB oöp 1 , 9. Obgleich der Erde jetzt thatsächlich 
xb [jioov zukommt, bleibt ihr doch in allgem. wie philosoph. Anschauung der 
Begriff des xdxo) gewahrt. 



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Weltanschauung. 25 

gerade durch ihre Festigkeit und Unwandelbarkeit die Fähigkeit, der 
unverrückbare und unerschütterliche Grund und Mittelpunkt zu bleiben^). 
Endlich aber hat sich im Anschluss hieran auch eine Umgestaltung 
des Okeanosbegriffs vollzogen. Die Fesstellung der Erde als einer 
Kugel hat alle bisherigen Annahmen von den Enden der Erde, dem 
Grenzstrom, dem westlichen Dunkelreiche vollständig über den Haufen 
geworfen. Der Begriff des Okeanos hat sich jetzt in den des äussern 
Weltmeers umgestaltet, welches im Atlantischen Ocean noch die Er- 
innerung an die ursprüngliche Vorstellung bewahrt, während das Dunkel- 
reich fortan seinen ausschliesslichen Platz im Innern der Erde erhält'). 
In dieser Form hat die antike Weltanschauung ihre abschliessende 
Gestalt erhalten, die für das gesamte Mittelalter entscheidend und be- 
stimmend geblieben ist. Für den antiken Glauben aber sind diese 
Fortschritte der Wissenschaft ohne Bedeutung geblieben, weil derselbe, 
als jene Entdeckungen begannen Allgemeingut zu werden, schon völlig 
erstarrt war, der nur noch als todte Überlieferung von Geschlecht auf 
Geschlecht verpflanzt und blindlings geglaubt wurde. Der Inhalt dieses 
Glaubens selbst verdankt seine Entstehung der Zeit, als die Welt- 
anschauung, wie ich sie früher gezeichnet, als unmittelbar geschaute 
Wahrheit das gesamte Denken des Menschen bestimmte und beherrschte. 
Die Götter die derselbe täglich mit leiblichen Augen schaute waren 
unmittelbar mit den Grenzen der Welt verbunden: aus der Weltan- 
schauung selbst ist der gesamte Inhalt des Götterglaubens in organischem 
Werden hervorgewachsen. 

Zweites Kapitel. 

Mythogenie. 

Ist die Weltanschauung, wie eben bemerkt, die Wurzel aus 
welcher der Götterglaube der Griechen erwachsen ist, so ist der letztere 
nicht ein Produkt zufällig gegebener oder willkürlich gesetzter Factoren: 

*) Die Fassung der Erde als Scheibe^ (Hecat. b. Her 4, 36) hat die Fol- 
gerung ihre Dicke bedeutend geringer zu denken als den Durchmesser. Daher 
Anaximander Dox 559, 22 flf cyünderförmig, die Tiefe 1/3 <^es Durchmessers 579t 
12; vgl Arist oöp 2,13. Ähnlich Anaximenes 561,2; 580,2; Anaxagoras 562, 5 ff; 
in unendliche Tiefe lässt Xenophanes der Erd Wurzeln hinabgehen Dox 565,28; 
Arist oöp 2, 14 ox^lpia o^oipotiSk^ weist nach dass die Meinung die Erde (Uvei 
(jktd xoO \xiaoD) fast die gesamte Philosophie beherrscht; die Meinungen von der sich 
bewegenden Erde Dox 492,9; 566,19; 494, l ff etc ohne Elnfluss. Daher Plat 
Tim 21 dxtVKjTOxdxTj Y^j; Axioch 12; Phaedo 47. 58; Dox 315, 18; ähnlich 310,26 
ßap6xo(xoc; Arist Oöp 3,7; daher yi) xtvoüjjivYj im Traum Artemid 2,41 Unglück. 

') Schon Herodot verwirft den Okeanos und fasst ihn als das grosse Welt- 
meer 2,23; 4,8. 36; 3» 115 etc; SchArat 26; Str. 5 uo; PhilVAp 6: EustE 6. 
Vgl. AristM 2, 1. 'AxXavxtxdv xe xal (bxeavdg (Arist) K6a|i 3. Vgl. Berger 1,25 ff. 



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26 Allgemeiner Thell. 

er ist die nothwendige Consequenz thatsächlich vorhandener Vorbe- 
dingungen, die keine andere Folgerung als die gegebene gestatten. Der 
griechische, ja der antike Götterglaube erscheint demnach wenigstens 
in seinem Kerne als ein organisches Gebilde, welches erst im Laufe 
seiner historischen Entwicklung sich dem Verständniss mehr und mehr 
entzogen hat. 

Die Grundlage der Weltanschauung wie des Glaubens bilden 
Himmel und Erde. Denn wenn bei Homer die Scheidung des Kosmos 
in Himmel und Erde aus dem Grunde nicht schärfer hervortritt, weil 
dieselbe schon durch die Annahme der selbständigen Unterwelt wie 
des Tartarus erweitert ist und weil zugleich der Begriff der Erde schon 
in die Begriffe Land und Wasser getrennt erscheint, so ist doch an 
der Grundlage jener Scheidung von Himmel und Erde nicht zu 
zweifeln. In diesem Verhältniss aber ist der Himmel, als der höhere, 
der wie eine gewaltige Schutzdecke sich über die Erde spannt, der 
mächtigere und der entscheidende Factor.*) 

Dem Gesagten entspricht es, dass die Theogonieen durchgehend 
von der Ehe des Himmels und der Erde ihren Anfang nehmen. In 
dieser Verbindung der beiden Mächte findet die Thatsache ihren Aus- 
druck dass die Erde die Mutter alles irdischen Lebens und Daseins 
ist, wie es sich in Steinen und Pflanzen, in Thieren und Menschen 
offenbart, wie nicht minder die weitere Thatsache dass der Himmel 
der grosse Erzeuger ist, von dessen Liebes- und Machterweisungen, 
wie sie in den mannigfachsten Wechseln aus seiner Höhe zur Erde 
herniederfluthen, das gesamte irdische Leben abhängig ist. Der Himmel 
ist der grosse Allvater, da thatsächlich ohne ihn keine Existenz irgend 
welcher Art möglich ist, während die Erde als die Allmutter unter 
seiner, des Himmels, zeugerischer Kraft alles was lebt und webt aus 
sich heraus gebiert.^) Und auch darin bleibt sie die grosse Mutter 
dass sie die täglich wechselnden Licht- und Dunkelerscheinungen aus 
ihrer Tiefe, aus ihrem Leibe hervorgebiert, die, wenn der Glaube auch 



») Erde u. Himmel O 36; 8 184; a 54; S174; 9 387f; Pd0 7, 38; AeschP 
499; Pr205; A560; SophOCl654f; OR301; AristEq 156; EurB lo82f; M57; 
Hei 906; f992; 1012; Plat Euth 22; Dox 587, 18 etc. Mit der Erde die Unter- 
welt verbuDden gedacht, daher O l87ff. Drei- u. Viertheilungen Hsd427; 678 ff; 
736; 840; 847 etc. Ausdrücke wie Hsd 127; Eur596; T 884; Orph 90; Em- 
pedocl Atög zi-ftoi Wjiot SBA 1897, 1 062 ff"; scherzhaft AristN95f uä geben dem 
Verhältniss des Himmels zur Erde Ausdruck. 

2) Die Erde als Mutter in unzähligen Wendungen AeschCh 127; Eur 195 
etc.; Philosoph. Xenophanes Dox 284b; Volksmeinung AristM-l, 8; sehr belehrend 
H 30. Vaterschaft des Himmels Aesch4i; Eur 488; 836; 890 etc.; philosoph. 
Aristoteles Dox 336, I2ff; 654, iff. xö Tiotoöv xöv otXHpoL. Kosmolog. Speculation 
Zeller l5 73ff; Lukas Grundbegr. d. Kosmog. 1530". 



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Mythogenle. 27 

deren Wanderungen an die Grenzen der Erde knüpft, doch ihren Ur- 
sprung auf den Schooss der Erde zurückführen. So bleibt die Erde 
also für alle Götterzeugungen die Urmutter, aus welcher der Himmels- 
vater die Kinder seiner Kraft und seines Wesens in steter Wiederholung 
erzeugt und zum Leben auf die Oberwelt hervorruft.*) 

So eng nun aber auch Himmel und Erde dem Menschen zusammen 
gehören, so grundverschieden sind und bleiben sie doch. Überall ist 
die Erde dem Menschen erreichbar und fassbar: unerreichbar und 
unfassbar bleibt der Himmel. Bekannt und vertraut ist ihm die Erde 
— wenn es auch nur das kleine Stück ist was er zu überschauen ver- 
mag und was er seine Erde nennt — mächtig und erhaben, ungreifbar 
und unbegreiflich bleibt der Himmel. Mit der Erde fühlt sich der 
Mensch eins, indem er mit ihr leidet und jauchzt, ihrer Gaben sich 
freut und an ihrem Busen sich bettet; von dem Himmel ist er ewig 
geschieden, da kein Weg und Steg, keine Stufe und kein Mittel zu 
seiner Höhe hinaufFührt^. Für alle Zeiten hat sich dieser Gegensatz 
des Irdischen Fassbaren und Erreichbaren und des Himmlischen Unfass- 
baren und Unerreichbaren in seiner ganzen Mächtigkeit und Unmittel- 
barkeit dem menschlichen Gefühle eingeprägt. 

Es ist aber betreffs dieses Himmels des ältesten Glaubens zu 
bemerken, dass er ausschliesslich oder in erster Linie die Wölbung ist 
welche sich scheinbar wie ein festgefugter Bau über die Erde spannt. 
Homer characterisirt den Himmel durchaus als die Wölbung selbst, 
die Nachts mit Sternen besäet scheinbar aus unverwüstlichem Metall 
geschaffen ist^. 

Machen wir uns nun die Machtäusserungen dieses Himmels klar, 
so treffen dieselben in ausschliesslicher Weise und in direktester Linie 
die Erde und den Menschen auf ihr: sie scheinen allein für die Erde 
da zu sein, um deren Leben zu erfreuen und zu beschweren, zu be- 
stimmen und zu beherrschen. Der Himmel in seiner Einheit ist es 
der als die Gottheit schlechthin der Geber aller Gaben ist. Die mannig- 



*) Hsd44f Stammältern aller Götter; ll6ff; Orph3l; Pherec b. DlogL 
1, 119 Zd€ u. X^vdifj; Plato Tim 13 (dazu Procl p. 707 ff). Gaea älteste Gottheit 
AristAv 473 etc. 

*) Hoheit u. Unerreichbarkeit des Himmels zB PdPio, 27; J7, 44; fl62; 
ArisiP 69; Theogn869; EurPh 1216; f688; hierauf baut sich die Fabel AristP 
u. Av. auf. Vgl PdN 6,3 uo. 

3) Daher die ständigen Beiworte Völcker 4f; Hsd doxspöei^, söpö^; 778 f. 
Vgl. PdP 10, 27; N6,4; J7,44; AeschSe338; EurJ870; Hei 1095; AristP 199 
etc. Es scheint, dass der Vorstellung von dem metallenen Himmel die von einem 
steinernen (Akmon, Akmonides) voraufgegangeu ist: Bergk PLG 3, p68f; Schneider 
Callim 2,4l5f; AnthGr cur. Jacobs 1 81 7 Till P824; RothZvglSpr 2, 44 ff. Vgl 
Alcm 111; Callim 147; Antim35; EustS476; Et "Axiiova; AnOx l, 74 etc. 



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28 Allgemeiner Theil. 

fachen Erscheinungsformen dieses himmlischen Lebens aber werden — 
wie schon früher bemerkt — durch einen grossen Gegensatz bestimmt, 
Dunkel und Licht. Im und am Himmel findet dieser Gegensatz seine 
Äusserung und seinen Ausgleich. Zeitlich — indem auf den lichten 
Tag die dunkle Nacht folgt; räumlich — indem die weite Himmels- 
wölbung selbst vom glänzenden lichtgetränkten Aether einerseits, von 
dunkler Aether verhüllender und Licht verschleiernder Luft- und Wolken- 
bildung anderseits erfüllt ist. Diesem Gegensatze entsprechend, wie er 
sich zeitlich und räumlich am Himmel darstellt, hat der Begriff des 
Himmels selbst eine Entwicklung erfahren, die wir hier noch kurz 
verfolgen müssen. 

So gewiss es nemlich ist dass der Ouranos ursprünglich die 
eherne Himmelskuppel als solche bezeichnet hat, so sicher ist es zu- 
gleich, dass eine populärere Auffassung unter dem Namen auch das 
Innere dieser Himmelswölbung verstanden hat. Der aufwärts gerichtete 
Blick scheint, wo sich der Mensch auch befindet, immer gerade die 
höchste Spitze dieser himmlischen Wölbung zu treffen und eben mit 
dieser höchsten Spitze pflegt der Beschauer mit besonderer Vorliebe 
den Namen Ouranos zu verbinden i). Aber zugleich dehnt sich der 
Begriff weiter auf die gesamte innere Wölbung des Himmels aus. Sieht 
man von der unmittelbar über der Erde befindlichen Region ab, so 
ist Himmel jetzt der gesamte Raum, wie er sich in ungeheurer Aus- 
dehnung zwischen Himmel und Erde lagert. Und wie dieser Raum 
für jede aufmerksamere Beobachtung in zwei Stufen zerfällt, deren 
untere die Region des Aer, deren obere die des Aither umfasst, so 
hat das gesamte Altertum dieses sowohl in der genauen Sprache der 
Physiker wie im populären Sprachgebrauche zwar anerkannt und fest- 
gehalten, es hat aber zugleich doch diesen zwiefach geschiedenen Raum 
mit dem einen Worte Ouranos bezeichnet, das somit von der scheinbar 
ehernen äussersten Wölbung auf die höchste Lichtregion und von dieser 
weiter auf den lufterfUllten unteren Raum sich ausdehnt. Denn wie 
zwischen diesen beiden Stufen nirgends eine feste bestimmte Grenze 
erkennbar ist, so geht auch die Vorstellung von der einen und von 
der andern in einander über und es ist wieder der umfassende Name 
Ouranos, der bald nur die höhere Stufe bald beide Stufen der Himmels- 
wölbung umfasst^. 



1) Daher oöpav6g Sitz des Zeus bezw. der Gölter PdO 1,42; N 10,88: J 7, 
45; Soph759; EurTl078; Ph 84; Heciioo; f288. Im Olymp sind die Götter 
zugleich im Himmel J 41 ff; Völcker 4ff. So kommen die Götter oöpav6d<v A 195; 
Z108; <»l 199; gehen dvd-oöpav6v A497; T 128; 11364; vgl 6364; r364ff. 
Unzählige male o£ d«ol oöpavöv supöv ix^tx^tv, auch Hsd 373 etc. 

^) Daher Oöpavög in engster Verbindung mit den Wolken O20. 192; ft303; 
291 ff; i 145; n297ff; die Götter in den Wolken E 868; N 523ff; «264; u 104ff; 



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Mythogenie. 2Q 

Und auch inhaltlich erfährt der Begriff des Himmels bestimmte 
Modificationen. Mit der Wölbung des Himmels nemlich, die wie die 
glatte innere Wand einer ehernen Hohlkugel erscheint, ist der Aether 
selbst auch inhaltlich in die engste Verbindung gebracht worden. Dieser 
Aether, der wie ein unveränderlicher ewiger Stoff, ein in tiefer Bläue 
oder in hellem Glänze strahlendes Element das Innere der Wölbung 
nach allen Seiten, ganz besonders aber wieder die höchste Spitze der- 
selben auszufüllen scheint, ist von dem ehernen GefQge der Hohlkugel 
selbst geradezu unzertrennlich. Ist das letztere die äusserste Grenze 
des Himmels wie des Kosmos, so ist der Aether das Element welches 
die Wölbung selbst, wenigstens in ihren höheren Theilen, erfüllt» 
Himmel und Aether erscheinen so wie gesagt als unzertrennlich ver- 
bunden und es kann nicht auffallen, dass der Glaube, der in dem 
Himmel selbst den höchsten Gott erkennt, als sein eigentliches Lebens- 
element den Aether fasst, in dem der Himmelsgott lebt und mit dem 
er mehr oder weniger selbst identisch ist. So tritt uns der ursprünglich 
nur als räumliche Wölbung gefasste personifizirte Himmelsgott erweitert 
und vertieft als ein Gott des lichten Aethers entgegen, der in steter 
Reinheit und Klarheit in den höchsten Höhen des Himmels weilt um 
dieses sein Element des Lichts auf die Erde herabzustrahlen. Zeus 
selbst ist schon seinem Namen nach der Lichtgott und diese Bezeichnung 
kann eben nur von dem Aether, dem Lichtmeere, welches in den 
höchsten Regionen der Himmelswölbung in reiner Bläue fluthet, ver- 
standen werden^). Und wie die Dichter in den mannigfachsten Aus- 
drücken die Verbindung des höchsten Himmelsgottes mit dem Aether 
feiern, so sind auch die Philosophen einig darin Zeus als Aether zu 
erklären und diesen letzteren bezw. den Himmel aus dem Element des 



Hl,98; PdN3, IG; AeschSu 792ff; SophOC 1082; £471; EurHel44; AristAv 
776 etc. Anaxagoras Dox 516, 6 dij? u. dt^p; Plat Tim 24; E 288 tC ^og ai^' 
Cxovsv. Ungenau 273; ArisiAv 187. 551-995 vgl 1277. 1392. 1394; AeschPr 125. 
281. 394; Eur 1034 etc. 

1) Oöpavög u. dt^p wesentlich gleich 6 555; >' 15 ff; H 5, 70; Hsd 382; 761; 
E610; AeschSe40l; Prl 2 5. 1049. 1092; PdOl,5f; SophAn 415.421; EurRh 
530f; J84. 1147; ebenso allg. E258; O610; 850; SophAi II92; EurM 1297; 
T1024; Ph 1092. Doch vgl B 458; P425; T351; 11365. Als Sloffelement 
welches den Himmel erfüllt Hom weiblich u. Slo, später männlich daher B412; 
Ae8ch65a; SophOC 1471 ; AeschPr 88; AristTh 272; N 264 'Aif^p u. Al^p personi- 
fizirt neben einander. Aldn^p spez. Wohnung des Zeus bezw. der Götter; vgl auch 
EurB 393; f 43; 903; 91 1; 935; AristN 569; AV690 etc. Dehnt sich die obere 
Region gleichsam bis an die Erde aus so ist al^T] P646; 556 dem Sinne nach 
gleich P 371; 11300 wozu Seh; Pd0 6, 61; oft al^p Bezeichnung bedeutender 
Höhe 2214. Licht Element des Aethers, daher Pd0 7, 68; AeschPr 1092; EurPh 
809; JT29; 1177; Empedocles Dox 334,1 aus dem Element des Aethers der 
Himmel entstehend. 



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30 Allgemeiner Theil. 

Feuers entstehen zu lassen. Hier ist also das Licht und der Glanz das 
bestimmende Moment für das Wesen des Himmelsgottes, dessen Begrift 
von der höchsten Schutz- und Schirmdecke des Universums zum Begriffe 
des diese höchste Himmelswölbung erfüllenden Lichtelements erweitert 
ist. Und wie noch der christliche Glaube den höchsten Gott Licht 
und Glanz sein, ihn in ewigem Lichte wohnen und thronen lässt, so 
unterscheidet sich derselbe hierin in nichts von dem antiken Glauben 
der gleichfalls den Himmel mit ewigem Aetherglanz erfüllt. Die Mächtig- 
keit dieses wunderbaren vom Himmel hernieder fluthenden Lichtmeers, 
welches den Blick des Menschen unwiderstehlich aufwärts zwingt, hat 
eben bewirkt den höchsten Begriff der Göttlichkeit mit ihm zu ver- 
knüpfen i). 

Aber wie sich der Begriff des Himmels von der Wölbung als 
solcher zu dem Gesamtinnem derselben entwickelt und erweitert hat, 
so ist auch der Himmelsgott zugleich zum Gebieter über den gesamten 
Raum zwischen Himmel und Erde geworden. Es ist jetzt nicht nur 
das reine Licht des Aethers, welches als sein Element erscheint: es 
ist zugleich das Dunkel der Luftbildung, des Aer in seinen verschiedenen 
Erscheinungsformen welches dem höchsten Himmelsgotte gehört, wie 
er zugleich in dem Wechsel von Tag und Nacht der eine und derselbe 
bleibt. In dieser Fülle seines Wesens erscheint Zeus schon bei Homer. 
Und als höchster Himmels-, Licht- und Wolkengott ist er namentlich 
auch im Besitze der Lichtwaffe, des Blitzstrahls, von der er im Gewitter 
-Gebrauch macht ^). So sehen wir den höchsten Gott des griechischen 
Glaubens aus dem sinnlich erfassten, dichterisch verklärten, speculativ 
vertieften Begriff der Himmelswölbung selbst unmittelbar herauswachsen. 
Entwickelt sich der Ouranos aus der Himmelswölbung als solcher zu 
deren Gehalte an Licht und Dunkel, an Aether und Luft- wie Wolken- 
bildung, so entspricht Zeus jenem darin völlig, indem auch er in 
gleicher Weise der höchste .Gott des Lichts und des Dunkels, des 
Aither wie des Aer beide gegensätzlichen Begriffe in sich vereinigt. 

In dem Begriffe des Himmels liegt die ganze Dogmatik des antiken 
Glaubens beschlossen. Der Erde als der Empfangenden tritt der Himmel 
als der Gebende gegenüber. Wie aber die Gaben des Himmels zwei 
gegensätzliche Prinzipien, Dunkel und Licht dh das Nass und die Gluth, 



1) Pherecydes Dox 654,7; Einpedocles 287, 12 ff; AnOx l, 182, 13; (Arlst) 
%6a\L 7. Daher Parmenides, Heraclit uA Dox 340b, 4 ff" oöpav6( :i6ptvo€, dasselbe 
Anaxagoras 341b, loff" vom aether. In den Grundelementen Feuer und Erde Fiat 
Dox 334,14; Parmenides b. AristYSV2,3 uA tritt also das alte Dogma Himmel u. 
Erde in pbilos. Form auf; Pherec Dox 654, 8 ; Heraclit 323b, 1 ff"; vgl EurHflOQO; 
f836; 1012 etc. 

^ Diese doppelte Seite des Himmels zu Licht und Dunkel zB Eur97i; 
332; 596, wozu Euseb bemerkt iv $ ivavxtöxifjxsg ^(Ox6^ xa xal oxöxoü^« 



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Mythogenie. 3 1 

in sich fassen, die zugleich aus seiner Einheit heraus zu selbständigen 
Persönlichkeiten emporwachsen, so wird er eben mit diesen seinen 
persönlich gefassten Emanationen zu einer Trinität, in der der Himmels- 
gott als der Vater die beiden Söhne aus seiner eigensten "Wesensfülle 
heraus zum Dasein und zur Thätigkeit erzeugt*). 

"Wenden wir uns nun dem Entwicklungsgange selbst zu den die 
beiden Erzeugten des Himmelsgottes — der Dunkelgott und der Sonnen- 
gott — genommen haben, so ist es zweifellos, dass der Gegensatz von 
Dunkel und Licht seinen unmittelbarsten Ausdruck in dem Gegensatze 
von Tag und Nacht findet. In dem Wechsel des lichten Tags und der 
dunklen Nacht erscheinen die beiden Mächte in ewigem Wandel gleich- 
sam ringend sich um einander zu wälzen und so [wechselweise ihr 
Wesen zur Erscheinung zu bringen^). Und in dieser ihrer Wesens- 
oflfenbarung empfangt die Nacht ihr characterisches Gepräge darin dass 
sie alles sichtbare dem Blicke entzieht, indem sie alles was der Tag 
aufgedeckt und offenbart hat, mit einem undurchdringlichen Schleier 
verhüllt. Die Nacht ist es die alles Leben, alle Thätigkeit des Menschen 
unterbricht, die statt seiner das Raubthier von der Lagerstatt weckt, 
den im Finstem schleichenden Feind heranlockt und den Menschen 
zwingt, Schutz vor den Gefahren zu suchen. Und die Nacht ist es 
zugleich die in ihrem Weben und Schaffen etwas geheimnissvolles und 
gespenstisches mit sich führt. Selbst ohne jede fassbare Gestalt ist sie 
nur an ihren Wirkungen erkennbar, die unheimlich wie mit Zauber- 
spuk alle irdischen Dinge verschleiern und verstecken und nichts, auch 
den verborgensten Winkel nicht verschonen. Selbst unsichtbar dass 
kein Auge den Ausgangspunkt ihres wunderbaren Wirkens erkennen 
kann, macht sie auch alles ohne Unterschied unsichtbar, indem sie 
dasselbe in undurchdringliche und doch nirgends fassbare und greif- 
bare Schleier einhüllt»). 

1) Vgl hierzu Welcker l, 129 ff; Himmel und Gottheit von Haus aus gleich. 

*) Gegensatz von Dunkel und Licht AescbCh 62f; 319; f5; SophAi 394; 
Eur 538; vgl. PlatoLeg 5,9; Crit 31 ; Resp 7,4; 6,3; ArisfFüx 2,7; M(f 9,7; 
Empedocl Dox 516, 10 = icüp u. Ööa)p; Farmen 477, lO = TtOp u. yij ; ähnlich 577, 1 1 
iwUpa <pö€ piTjTipa ox6tog. Populär otlözo^ als positiver Stoff, obgleich Aristot 
wiederholt darlegt, dass es nur oripiQOi^ (pcöxög. Tag u. Nacht x 190; PdN 7, 3; 
fl42; AeschP30of; 365; 377f; A 279; SopfcOR 198f; f 63; EurRh 6l5; Ph543; 
fl02; 596 uo. Obertragen AeschCh 809; 817; Su87; 769; A522; vgl. AeschE 
695; f 5; SophAi 672f; 394; E 1365; EurB 425; 457f; Ph 1539f etc. Die Nacht 
in solchen Gegensätzen stets feindlich. 

^ Pdi42; AeschPr24; Parmenides 9. l etc. Daher oxöxog, vög Verborgen- 
heit PdN 7, 13; f 42; AeschCh 5if; f 284; EurO 467f. Das verderbliche der Nacht 
bzw. des Dunkels SophAn493f; 700; E 1396; T 596f; EurHfil59; Hiio6; 
JT I025f; f290; 528; B486; Rh 571 etc. Daher auch die Spukgestalten, Angst 
etc. Erzeugnisse der Nacht AeschCh 288f; 523; P 176; Pr657; E69ff; f449; 



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32 Allgemeiner Theil. 

Ganz anders der Tag. Was auf Erden lebt und webt deckt das 
aufgehende Licht des Tages weithin auf in Klarheit und Wahrheit. Es 
ist nichts was sich vor ihm verbergen könnte, dass nicht ein Strahl 
seines Glanzes dasselbe zu erreichen vermöchte; nichts über das nicht 
der Tag Macht hätte. Aufrollend die finstern Schatten, welche die 
Nacht über die Erde gelagert hat, lässt der junge Tag des Himmels 
Firmament in Licht und Glanz erstrahlen; verjagt die Angst und die 
Gefahren der Nacht und legt die Erde weithin offen vor dem Blick 
des Menschen, dass kein jähes Verderben ihn zu erreichen vermag. 
Und gleich wie alles vegetabilisches Leben trifft der Strahl des neuen 
Tages auch das animalische mit magischer Gewalt und weckt es zu 
neuem Schaffen*). Geheimnissvoll und versteckt wirkend, hinterlistig 
und verderblich ist die finstere Nacht; klar und offen, truglos und wohl- 
thätig ist der leuchtende Tag. Und diese Charakterzüge des Tages 
und der Nacht, wie sie sich der Seele des Menschen von Anfang an 
eingeprägt haben, sind entscheidend geworden für das Wesen des 
Dunkeigotts wie des Lichtgotts, von denen jener immer wenn nicht 
einen geradezu verderblichen so doch verschlagenen, versteckten, hinter- 
listigen Charakter trägt, während dieser der offene und wahre, der 
freundliche und zuverlässige ist. 

In diesem Wechsel verhältniss von Dunkel und Licht, welches dem 
gläubigen Beschauer als ein nie rastender Kampf der beiden gegensätz- 
lichen Mächte erscheint, tritt die Dunkelmacht in der Vorstellung des 
Menschen durchaus als die gewaltigere, weil furchtbarere und grausigere 
auf. In der Person ification als Dunkel und Nacht schlechthin steht sie 
daher nach oder neben Himmel und Erde an der Spitze der Theo- 
gonien. Indem es aus dem Chaos, dem als Vacuum gedachten Welten- 
raume sich erzeugt, erscheint es als der erste und mächtigste Stoff, der 
den ursprünglich leeren Raum, sei dieser absolut oder nur als Zwischen- 
raum von Himmel und Erde gefasst, füllt"). Und diese Auffassung wie 



298; SophAil211; f508; E4IO; EurHflll; 822;Hec68fr; 705;JT42; ISOf 
Obertragen Dunkel u. Nacht Schmerz, Unglück etc. Theogn 460. 664.671; 
AeschA46o; E 379; Su 768f ; P536; PdN 7, 61 ; EurT 204; Ph 727; Arist 565 etc. 

>) EurjTl025 (PlutEl6); f528; SophE 17 etc. Schärfer tritt das in Bezug 
auf die Sonne seihst hervor. 

^) In Chaos, Gaea nebst Ouranos u. Tartarus Hsd Ii6ff der Raum nach 
seinen Hauptscheidungen, daneben Eros als gestaltende Kraft. Aus dem Räume 
entstehen Licht u. Finsterniss als die beiden Stoffe, aus denen alle kosmischen 
Erscheinungen gebildet werden. Nyx n^ben Erebos, Hemera neben Aether träg^ 
der Zeit Rechnung, in der die beiden stofflichen Prinzipien thatsächlich zur Er- 
scheinung kommen. In den 4 Begriffen die 4 Gottesbegriffe gegeben; in Eros 
ein philos. Begriff hereingebracht, dessen der Glaube nicht bedarf, da er die 
Gottesbegriffe als Personen fasst, die ihre bewegende Kraft in sich selbst tragen. 



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Mythogenie. 2 7 

sie uns bei Hesiod entgegentritt wird von allen übereinstimmend fest- 
gehalten: so verschieden und selbständig das Verhältniss der Raum- 
begriffe von Himmel und Erde nebst dem Zwischenraum beider, sowie der 
Stoffbegriffe von Dunkel und Licht zu einander von der theogonischen 
Dichtung, der philosophischen Speculation, der poetischen Betrachtung 
aufgefasst wird und nach Lage der Dinge aufgefasst werden kann: 
immer sind es diese, vier Hauptbegriffe um die sich alles Denken 
dreht und die den vier Hauptgottheiten des Glaubens entsprechen. 
Und immer ist es der Stofibegriff des Dunkels der seinen Rang vor 
demjenigen des Lichts behauptend, sich als das mächtigere weil furcht- 
barere zur Geltung bringt. In diesen übereinstimmenden theogonischen 
Auffassungen kommt eben der allgemeine Volksglaube zum Ausdruck, 
der anderseits zugleich die Gottesbegriffe selbst geschaffen hat: der 
Götterglaube wie die in den Theogonieen niedergelegte Speculation sind 
einer und derselben Quelle, der Naturbetrachtung, entsprungen und 
drücken nur in verschiedenen Formen dieselbe allgemein verbreitete 
Überzeugung aus. Was dem Glauben Personen, schafft die Speculation 
zu Prinzipien um : inhaltlich sind Uranus und Gaea, Erebos und Aether 
keine andern als die bekannten Gottheiten des Himmels und der Erde, 
des Dunkels und des Lichts*). 

Bei Homer erscheint, wie wir gesehen haben, die Finstemiss als 
ein grosses im Westen befindliches Raumgebiet, welches als Erebos, 
als Zöphos, als Schattenreich nicht nur blos negativ die Vernichtung 
alles hier verlöschenden und vergehenden Lichts ist, sondern auch 
positiv die Einzelerscheinungen der Finstemiss beherbergt, gebiert und 
aussendet. Aus dieser ihrer Geburts- und Heimstätte heraus wandelt 
vor allem die Nacht selbst hervor, um die gesamte sichtbare Welt, zu- 
nächst das weite Luftgebiet, das Chaos, sodann aber auch den Himmel 
und die Erde mit den Schleiern ihres finstern Elements, den Schatten 
ihrer wehenden flatternden Luftgebilde einzuhüllen. Und ist die Nacht 
bei Homer eine späte Personification, so zeigt doch der Charakter wie 
er ihr in consequenter Festhaltung beigelegt wird, dass sie nach ihrer 



^) Stofflich in allen Theogonieen übereinstimmend das Dunkel Ausgangs- 
punkt, daher AristMqp 11, 6; 13« 4, wenn auch verschieden nach Stoff, Raum und 
Zeh: vgl. Orph 30. 31. 35; Acusil l ; LydMens 2, 7; FEG 1. 6. 225. WennEpimenidesS 
neben vög noch dci^p als Prinzip erscheint, aus denen Tartarus entsteht, so sollte 
wohl das Dunkel nach seinen 3 Erscheinungsformen als zeitliches, stoffliches, 
räumliches dargestellt werden. Vgl. noch AristAv693; Hygln.; AeschA 279; 
SophAi672 etc. Diese Auffassung der Finstemiss als des potenziellen und zeit- 
lichen Prius hat auch den Be^iff des Chaos mit dem Dunkel verbunden Orph 52; 
AristAy 699; Ap4, 1697; noch jQnger ist die Auffassung desselben als Vereinigung 
der später sich ausscheidenden Elemente Orph 37; wahrscheinlich Ap i,494ff; 
Fest p 52. 

Gilbert, Gotterlehre. 3 



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ß4 Allgemeiner Theil. 

dunkeln und grausigen Seite aufgefasst worden ist. In ursprünglicher 
Anschauung eben ist es der Dunkelgott selbst gewesen, der in der 
Nacht sich aus seinem Schattenreiche erhoben und — eben als Nachtgott 
— die Welt in seine finstern Schleier eingehüllt hat.*). 

Aber wenn auch der Gegensatz von Licht und Dunkel seinen 
unmittelbarsten Ausdruck in dem Gegensatze von Tag und Nacht findet, 
er fällt doch keineswegs mit demselben zusammen. Denn es ist zweifellos 
dass dieser Gegensatz von Licht und Dunkel in den mannigfaltigsten 
Abstufungen auch während des Tages am Himmel sich abspielt und 
dass es hier Wolken Regen Nebel sind, die in ihrer Kraft des Ver- 
bergens und Versteckens gleiches Wesens wie die Nacht in direktem 
Widerstreit gegen das Licht und den Glanz von Himmel und Sonne 
stehend erscheinen. Indem der Mensch diese verschiedenen Erschei- 
nungsformen des Dunkels auf eben dieselbe Dunkelmacht, dasselbe 
Dunkelreich zurückgeführt hat, in jenen nur Äusserungen einer Gottheit 
erkannt hat, hat er dieser erst die eminente Wichtigkeit gegeben, die 
sie im griechischen Glauben besitzt. Die ziehende Wolke, der wallende 
Nebel hüllt den Himmel, Licht und Sonne und alle Gegenstände die 
von ihnen erreicht werden, gleichfalls mit einem unsichtbar machenden 
Schleier ein und die Überzeugung dass in dem Dunkel der Nacht 
ebenso wie in dem Dunkel der Wolke eine und dieselbe göttliche 
Macht ihr Wesen treibe sehen wir den gesamten antiken Glauben be- 
herrschen. Die dunkle Nacht wie die dunkle Wolke gehören demnach 
beide derselben Gottheit: die Nacht ist nur eine Erscheinungsform 
dieser unheimlichen Macht, die selbst körperlos gleichmässig in den 
Schatten der Nacht wie in den finstern Wolkenmassen sich thätig 
erweist'). 

Zunächst ist freilich festzuhalten, dass dem beobachtenden Menschen 
nichts femer gelegen hat als die Gesamtwolkenbildung einheitlich auf- 
zufassen. Jede einzelne Wolke ist ihm im Gegenteil ein Wesen fiir 



*) Nacht als Göttin nur S 259; vö§ speciell nach ihrer finstern u. furchtbaren 
Seite, auch Qbertragen auf das Wolkendunkel E 506; 8244 etc. Stellen wie 
<|>24lff; Y335; 6 486ua, wie die Schilderung des Hades weisen in den W. als 
ihre Wohnung; bestimmter Hsd 124. 744f. 748ff. 2iiflf. 275. 726. 775ff: auch Hestod 
kennt sie nur nach ihrer finstern und furchtbaren Seite. Dasselbe drückt öp^vij 
aus Eur596; PdO 13, 70; Pl, 23; EurRh. Poet, ihre dunkle u. furchtbare Seite 
in immer neuen Wendungen; übertragen oft = Unglück. 

>) Daher Luft, Nebel, Wolke von den Göttern für die Zwecke des Ver- 
bergens benutzt: E 127; r321; ifj4i; O568; r38l; IC 444; * 597. 549; A752; 
n790; *562; X 15; v352; P 640ff; E 356: 3 282; P 368. 376; 1446; *6; H5, 
383; P269; IJI5. 140 143; E776; 650; VI89; Hsd 9; 757;El25. 223. Vgl 1144; 
ji 406; g 304 etc. Noch intensiver verbirgt natürlich die Nacht Pd 42; 142; AeschPr 
24; Ch52 etc. 



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Mytbogenie. j 5 

sich, das er entsprechend der wechselnden Gestalt Farbe Bewegung 
Wirkung dadurch seinem Verständniss näher bringt, dass er es mit 
Gegenständen seiner Erfahrung vergleicht und in ihnen Berge und 
Bäume, Steine und Pflanzen, Thiere und Kunsterzeugnisse mannigfacher 
Art wiederzufinden meint. Darin aber — und das ist das entscheidende 
— erhalten alle diese wechselnden Bildungen ihren gemeinsamen 
Grundcharakter, dass sie in bestimmtem Gegensatz gegen das Licht 
des Himmels, den Glanz der Sonne auftreten. Es ist. derselbe Gott 
des Versteckens und Verbergens, der in ihnen thätig und mächtig ist; 
derselbe Gott des Dunkels, der in diesen seinen Creaturen wie er sie 
in und zu seinem . Dienste aussendet, schafft und wirkt. Denn auch 
die kleinste Wolke entzieht der Sonne, dem Lichte einen Theil ihrer 
selbst und bleibt damit dem Charakter des Dunkels getreu. Vor allem 
aber sind es die schweren und finstern Regen- und Gewitterwolken die 
diesen Gegensatz zum Licht am unmittelbarsten zum Ausdruck bringen 
und die dem entsprechend die Wesenheit der Wolken für die mytho- 
logische Auffassung bestimmen*). Diese massige Wolkenbildung aber, 
die mit Sturmwind und Regenströmen verbunden die Verfinsterung von 
Licht und Sonne und Aetherglanz hervorruft, bricht, wie schon bemerkt, 
ganz überwiegend aus dem Westen hervor und documentirt sich schon 
dadurch als Zubehör und Eigentum des Dunkelgottes. Und wenn auch 
dieses Verhältniss der Wolkenbildung zum westlichen Dunkel aus dem 
Grunde zurücktritt weil Zeus als höchster Himmelsgott oft in spezieller 
Beziehung zu den Wolken erscheint, so kann doch die enge Verbindung 
der letztem mit dem grossen westlichen Dunkelreiche nicht geleugnet 
werden. Aus der westlichen Hälfte des Horizonts wälzen sich die 
finstern Wolkenmassen mit Vorliebe hervor und erfüllen von hier aus, 
wie abgesandt von dem grossen Herrschef des Dunkelreichs selbst, die 
weiten Räume des Himmels im Kampf gegen seinen Glanz und sein 
Licht. Es ist also die Wolkenbildung von Haus aus eine Krafläusserung 
des Dunkelgottes und erhält dem entsprechend von ihrer finstern, feind- 
lichen und furchtbaren Seite ihre charakteristische Auffassung. Das 
zeigt sich vopiehmlich in den Hymnen des Rigveda, wo die Wolken 



») Daher die Wolken vor allem verbergende Wirkung E 866 Seh; P594; 
«293; W188; 2205; 668; n298ff; pi405; 5303; ^562; X15; E 186 uo. Vgl. 
PdPl,7; Aesch 196; EurHf 1216; Her 855; AristAv 1194; 1608 etc, AristN 
Wolken als Göttinnen u. als Luft u. Nebel. Theogon. die ursprQngliche Finsterniss 
als sichtbarer Nebel Orph 36. 48. 52 etc. Auch leichte Wolken verbergen 
S343. 350; P551; H 3,217. Schilderungen der schwarzen Wolken A 275 ff; 
E864; «293; 11314; ti45; E751; 525; M156; X 309; 'F 188: P591; r4>7; 
-8-374; ö 180; 11405; 74. Charakteristisch für Sturm Archil. 54; Gewitter AristN 
375 und Winter Eur 332 Wolkendunkel. Daher Definitionen Anaximander Dox 
367,25; Anaxagoras 368,14; Anaximenes 373» 23 etc. 

3* 



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^6 Allgemeiner TheiL 

als mächtige Berge und Burgen erscheinen, in denen der Dunkle haust 
und in denen er das Licht bekämpft. Aber auch in der griechischen 
Mythologie spielen diese dunklen wild bewegten Berge des Himmels 
eine bedeutsame Rolle*). 

Wenn so die Wolken auf dieselbe Dunkelmacht und auf dasselbe 
Dunkelreich zurückgeführt werden denen auch die Nacht gehört, so 
sind auch Regen, Nebel und andere Niederschläge gleichen Ursprungs 
und gleicher Wirkung, wie sie gleichen Wesens und gleicher Beziehung 
sind. Denn auch der Regen ist von den Wolken nicht zu trennen 
und hängt demnach gleichfalls eng mit der Gottheit des Dunkels zu- 
sammen. Der mächtige Wasserstrom des Okeanos, welcher, obgleich 
das gesammte Erdrund umfluthend, dennoch als Persönlichkeit wieder 
ausschliesslich im Westen fixiert worden ist, zeigt dass das himmlische, 
das göttliche Wasser eben demselben Reiche des Dunkels angehört, 
welches sich im W. ausdehnend Nacht und Wolken erzeugt und gebiert. 
War überhaupt der Westen dem Glauben das Reich des Dunkels, so 
war ja die Consequenz, auch den Regen als Ausfluss eben dieser 
Dunkelmacht aufzufassen — besonders da der Regen mit Vorliebe aus 
dem W. kommt — eine selbstverständliche und die Physiker haben es 
leicht gehabt den innern Zusammenhang von Wolke und Regen und 
allen sonstigen Niederschlägen wissenschaftlich zu erweisen'). 

Aber auch der Wind ist in enge Verbindung mit dem Dunkel 
gebracht und wird daher zu einem integrirenden Bestandteil seines 



1) Vor allem die XatXoup finstere Wolkenmassen und Sturm bringend; 
Schilderungen A 2 75 ff; E864; 11 364 f; 384 f; siQlff; 1131 3 ff nicht die leiseste 
Andeutung eines Gewitters; daher Schll 384 als 6 |Jisxd 6sToiI ftvspio( od. nur 6tx6c 
erklärt; SchA 278; Hes xaTaiyC^. Die Beschränkung auf das Gewitter Röscher 
Gorgonennff daher nicht richtig. H 7, 24; P57; A 305 ff; 747; M375: ^51; 
169 ff; (13 14 ff; 400 ff; 426: das Finstere der Wolkenbildung das entscheidende. 
Dass die XaUatp aus dem W. oft betont A275; 1*405 ff; A305; *334; IS;'^ 195 
208; daher Zephyros 6458; H6, 3; 'F 208 etc; SchA 275; Aristüp 26, 24 ; Theophr 
fS, 38; AristN272. 277 Wolken T. des Okeanos im W.; AeschPr 132. 135. Vgl., 
noch Hsd 742. 757 etc. Obertragen Wolke Unglück Trauer P 591; Ö 180; PdO 7v»5; 
N9, 38; 10,9; Bacchyl 13, 31; Simon 89; 99; Theogn707: AeschSe229; SophAn 
528; EurM 107 ; Ph 131I; AristPax 1090 etc. 

3) Der Glaube dass der Himmel dh Zeus regnet AristN 367; 372; Aesch4l; 
Her 4, 158 (6 oöpavög xixpYjTat); und der dass die Wolken den Regen bringen 
neben einander; daher AristN 369ff; 1279 ff; Wolken 266. 276. 299. 338. 376f. 1 ll8f. 
Vgl. O 170; M 156; PdO 11» 2; f 302; EurE 733; Anaximenes Dox 370, I4; Anaxa- 
goras 371, 1 ff; Xenophanes 371, 9; Plato 372, 29; AristM 1, 9 etc. Über die Nieder- 
schläge allg. AHstot Dox 451, 19 fl; XÖ01J14. Namentlich der Nebel mythol. wichtig, 
da er dieselbe verbergende Kraft ausübt wie das Dunkel Überhaupt P 10; A359; 
ganr als Luft P649; H 3, 145; übertragen N 336. Die Physiker Dox 278a 15 (Ana- 
xmienes d>5p = 7Wtöiia); 370, 23; 371, H ff; Aristot Dox 451>33; M 1,9 etc. 



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Mythogenie. 17 

Wesens. So ist auch ihr Gebieter Aeolos personifizirt und hat gleich 
dem Okeanos und Atlas seinen ständigen Aufenthaltsort im W. er- 
halten. Aber der Wind hat sich am frühesten von dem Dunkel als 
solchem getrennt und hat eine mehr selbständige Stellung eingenommen : 
und dem entspricht es, dass der Wind in älterer Auffassung in der 
Weise mit den Wolken verbunden wird, dass er als ihr Odem erscheint, 
der aus ihnen herausweht, während die jüngere Auffassung die ist, dass 
der Wind das Prius ist, welches die Wolke treibt und bewegt. Und 
hat das durch den Himmelsraum und über die Erde dahinziehende 
Pneuma in der That etwas mit dem geheimnissvollen Weben und 
Schaffen der Nacht und des Dunkels verwandtes — «der Wind blaset 
wo er will und du hörst sein Sausen wohl; aber du weisst nicht von 
wannen er kommt und wohin er geht» — , so hat doch anderseits der 
Umstand, dass der Wind gleichmässig wechselnd allen Weltgegenden 
angehört und oft ohne jede Verbindung mit den Wolken erscheint, 
früh bewirkt ihn in gleicher Weise auch mit dem Sonnengotte in innere 
Verbindung zu bringen. Für die ältere Zeit aber ist die wesentliche 
Wechselbeziehung zwischen Wind und Wolke und Dunkel festzuhalten *). 
Wenn wir so Nacht und Wolke, Regen und Wind, Nebel und 
alle sonstigen Niederschläge aus einer Quelle sich entwickeln sehen, 
so liegt die Frage nahe, welches gemeinsame Wesen — abgesehen von 
der rein äusserlichen Erscheinungsform des Dunkels — nach an- 
tikem Glauben dieselben verbunden hat. Und da dürfen wir mit Be- 
stimmtheit behaupten, dass es die Luft ist, welche als Element allen 
jenen Erscheinungsformen des Dunkels zu Grunde liegt: Luft ist der 
Stoff welcher sie hervorbringt und gestaltet. Die Luft ist es welche 
alle Gestalten des Dunkels bildet, indem sie dieselben in immer 
wechselnde leichtere oder dichtere, durchsichtigere oder festere Gewebe 
formt und wandelt. Luft ist die Wolke, mag sie leichter oder schwerer 
am Himmel dahinziehn; Luft der Wind, der, wenn auch ohne sicht- 
bare äussere Bildung, den Zwischenraum von Himmel und Erde durch- 
streicht; Luft der Nebel der sich zu dichten Massen zusammenballend 
die Erde einhüllt, verbirgt und versteckt; Luft die Wolke die sich zu 
schweren Regengebilden verdickt, um in Wasserströme sich aufzulösen; 



») Wind aus der Wolke B 145; n374; 6i5; SophAi H48; OCloSl; 
EurPh 163 ua; öfter der Wind das Movens 170; T357; Tic; A275; M15O; 
T213; A305 wozu Seh., E522. Vgl.HsdE549; PdPs, 120; N 3,59; f88; Selon 
13,18; AeschPrSS; 132; P 108; fl95; SophAi 674; Eur 152; S961. 1175. Engste 
Verbindung «wischen Wolke u. Wind n]364: 'F366; 1291; 303; t68; SolonQ; 
AristN333ff; Soph 233b; PLG 3,670; EurPh 162 etc. Daher auch die ^tXkof, 
siebtbar weil mit dem vd^o; zusammenfallend W366: N39; 153 (Stengel Herrn 
26, 157ff). Auch heute noch die westliche Hemisphäre in Bezug auf Wind- u. 
Wolkenbildung ganz Übergewichtlich Neumann-Partsch Geogr. lOOff. 



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^8 Allgemeiner Theil. 

Luft endlich auch die Nacht, die, wenn auch wieder ohne sichtbare 
äussere Formen die ganze Welt in einen dichten Schleier feinster Luft 
einhüllt. Und allen diesen verschiedenen Erscheinungsformen der Luft 
wie des Dunkels ist die eine Wirkung eigentümlich, dass sie was sie 
ergreifen verbergen, verstecken, verhüllen. Nacht und Wolke und 
Regen und Nebel üben diese selbe Wirkung aus und nur der Wind 
ist deshalb von der letzteren ausgenommen, weil in ihm die Luft offen- 
bar am leichtesten und deshalb durchsichtigsten erscheint'). Was die 
Erfahrung und die Wissenschaft in verschiedene Kategorien teilt, hat 
der Volksglaube einst alles zusammenfassend dem einen DunkelbegrifF, 
der einen Dunkelgottheit zugeteilt. 

Aber auch damit ist Wesen und Machtbereich des Dunkels noch 
nicht erschöpft. Dasselbe ist nemlich zugleich auch mit der Erde im 
engsten wesentlichen Zusammenhange verknüpft War nemlich die 
enge Verbindung aller einzelnen Dunkelerscheinungen mit dem Westen, 
dem im W. geglaubten grossen Dunkel- und Schattenreiche feststehend, 
so mussten sich, als dieses Dunkelreich sich immer mehr, wie wir ge- 
sehen haben, in das Innere der Erde verschob, auch jene Einzel- 
äusserungen hierher als zu ihrer eigentlichen Heimstätte zurückziehen. 
Sie hatten fortan im tiefsten Innern der Erde ihren Aufenthalt, um von 
hier aus sich über Himmel und Erde zu verbreiten. Und eben hierher 
in ihre grosse Lagerstätte in der Tiefe der Erdmutter kehrten sie wieder 
heim, wenn sie ihres Berufes auf der Oberwelt gewaltet hatten. Die 
dunkle unheimliche Erdtiefe war ja offenbar desselben Wesens wie das 
aus dem W. oder von den Rändern der Erdscheibe sich immer von 
neuem erhebende Dunkel von Nacht und Wolken und Regenströmen. 
Und die Physiker haben denn auch wiederholt und übereinstimmend 
diesem Glauben Ausdruck gegeben, indem sie die Wesensgleichheit oder 
wenigstens die nahe Verwandtschaft der Erde mit dem Dunkel be- 
hauptet und zu erweisen gesucht haben ^). 



») Ständige Bezeichnung des ^öcpog ist -Jjapöet^ M 24O; O19I; *56; H 5» 80. 
337*. 446; Hsd653. 659; des Erebos u. Tartaros 613; Hsd etc.; von Aijp nicht zu 
trennen vgl. Seh; Lexicogr.; Plat Tim 24; AeschSu75; f444; EurPh 1535; 
AristAv 1388 etc.; (Ludwich Jbb 139, öSQff). Das Luftwesen der Wolke E864; 
1144 etc.; wissensch. 00x370,14; 371, ifi; 561,13; 582,22; AristM 1, 9, 2, 8 uo; 
des Windes 00x374,19; 560, 8ff; 561,12; AristM 1, 13; der Wolke O0X477, iff; 
Aristo 4, 5; M 1, 3; der Nacht Oox 582, 8ff etc. 

2) Oie enge Verbindung von Erde u. Ounkel o) 106; H3, 427; T 104; Hsd 
736.807; Theogn243; AeschPrl52; Su75; P222f. 839; Ch 286; E 72. 395f. 805 ; 
SophOC40; 1574; 1702; E87; EurHi 836; J 1237; Hel62; Hf45f; f860; 78I; 
5Qf etc. Oaher EurHec 70; Spenden AeschP 623ff; vgl. SophOC 1661 ; EurHf 351 ; 
Hi 1416; JT 1258. 1272. 1266; Hei 518 etc. Anaximenes fasst als stärkste Ver- 
dichtung der Luft yfjv Dox 477» 3; 580, 1 ; 561,2; ähnlich Parmenides 335, i6ff, 



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Mythogenie. 30 

Mit dieser Vertiefung des DunkelbegrifFs hat nun auch, wie 
sich aus dem angeführten schon von selbst ergiebt, die Erde eine 
Begriflfsvertiefung erfahren. Es ist fortan nicht mehr die starre 
unbewegliche Erde, sie ist jetzt die lebenschaffende, die in ihrem 
Schoosse wunderbar gestaltende Erdtiefe, welche eben in ihrem Innern 
schon jene unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens formt und bildet 
um sie aus der Tiefe ans Tageslicht emporzusenden. Der Begriff 
des Dunkels und der Begriff der Erde gehen so in wesentlichen 
Stücken in einander über und mit dem Erdbegriff verbindet sich 
wie eine nothwendige Ergänzung der Begriff der gährenden Frucht- 
barkeit, der lebenerweckenden Feuchtigkeit. In dieser Verbindung 
und Wechselbeziehung, wie sie zwischen Erde und Dunkel einer-, 
zwischen Dunkel und Feuchtigkeit anderseits herrscht, hat die Wissen- 
schaft die tiefere Begründung für die enge Verbindung der Erde 
mit dem Wasser finden zu dürfen gemeint. Wolken und Wasser, Nacht 
und Nebel hausen fortan im tiefsten Schoosse der Erde. Kommen 
auch fernerhin Wolken und Winde und Regenströme mit Vorliebe aus 
dem Westen hervor, so geschieht das deshalb, weil hier im W, der 
grosse Eingang in das Schattenreich ist: die eigentliche Heimath jener 
Erscheinungen ist und bleibt fortan der Schooss, das Innere, die Tiefe 
der Erde*). 

Und als die wissenschaftliche Beobachtung in eingehender Be- 
schäftigung mit dem Leben der Atmosphäre feststellte, dass in der That 
alle Winde und Wolken aus den trockenen oder feuchten Ausdünstungen 
der Erde entstehen ; der Nebel und Regen gleichfalls aus der Feuchtig- 
keit von Erde und Wasser sich bildet^): da drängte sich der chtho- 
nische Charakter alles Dunkels nur um so entschiedener dem Glauben 
auf und alle Dunkelgötter werden dem entsprechend zu chthonischen 
Mächten, wenn sie auch dabei in erster Linie Vertreter und Träger 
des Luftelements bleiben. 

So hat sich der Dunkelbegriff zu einer der originalsten göttlichen 
Mächte des hellenischen Glaubens entwickelt. Weit und umfassend ist 
das Herrschaftsgebiet dieses Gottes. Und mag er nun mit den ein- 
zelnen Dunkelerscheinungen selbst identifizirt oder nur in ihnen ver- 

daher 335, 5ff die Erde=oxöxo;; Empedocles 287»9 Hades = Yfl u. XP^P*^ |JiiXav 
313,11. Vgl. die Lehre des Anaxogoras 562, 2ff. 

1) Finstere Wolken an den Eingängen zur Unterwelt X15; Hsd 745.747; 
ArN 271» u. im Innern der Erde X 592. Ebenso die Nacht vor dem Eingange X IQ; 
+ 243 ; Hsd 757; Pd 129; AeschE 416; SophT 501 ; EurHf 46. 351 ; 1225; AristR 273- 
1331 etc. Enge Wesens Verbindung von Wasser Erde und Luft Dox 562, 2ff; 
566, 1 ff: 590,15; 610,14; AristM 1,3; Zy5,4; M<p8, 7; xöcji 3 etc. 

3) Aristoteles' Meteorol. stellen diesen Gegenstand In vielen noch heute 
gültigen Hauptpunkten dar. 



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^O Allgemeiner Theil. 

borgen wirksam und thätig gedacht sein : ihm gehören Nacht und Wolke 
und Wind, die er als seine Diener und Creaturen hinaussendet aus 
seinem Schattenreiche im Westen, oder herauftreibt aus der Tiefe der 
Erde, um in ihnen und für ihn selbst auf der Oberwelt zu schaffen 
und zu wirken. 

Dem Entwicklungsgange gegenüber den der Dunkelbegriff nach 
vorstehendem genommen hat, ist derjenige des Licht-, Tages- oder 
Sonnengottes bedeutend einfacher und klarer. Wohl treten uns einige 
Gestalten in der griechischen Mythologie entgegen, die am einfachsten 
als Personificationen des Lichts als solchen bezw. des Aethers sich 
erklären lassen, für den eigentlichen Glauben ist nur das Licht als 
Sonne, der Lichtgott als Sonnengott zur Geltung gelangt^). Der Aether 
ist, wie wir gesehen haben, als das wesentliche Element des Himmels 
diesem zugeeignet, während die Sonne als die hervorragendste Licht- 
erscheinung zu einer selbständigen Gottesgestalt erhoben worden ist. 
In diesem Sonnengotte, wie er sich aus dem Himmelsbegriffe zu einer 
selbständigen Gottheit entwickelt hat, gelangt die ganze Macht der 
Sonne, wie dieselbe der antiken Erfahrung zum Bewusstsein gekommen 
ist, zum Ausdruck. Freilich das was wir von der Sonne wissen, dass 
dieselbe die Trägerin alles Lebens und aller Bewegung auf der Erde 
ist, dass jede auch die leiseste elementare und vitale Regung auf die 
Sonne zurückgeht und dass die Erde in völlige Erstarrung versinken 
würde, wenn die Sonnenkraft nicht ihre Gaben auf sie herabströmen 
würde'): diese Erfahrung ist dem Altertum verborgen geblieben. So 
hat der antike Glaube dem Licht- und Sonnengotte gegenüber den 
Dunkelbegriff zu einer selbständigen Persönlichkeit erheben können, 
während der letztere in Wirklichkeit doch in allen seinen Einzel- 
erscheinungen nur die Wirkung, das Resultat der Sonne ist. Aber 
auch in der Beschränkung seiner Macht und seiner Wirkungen tritt 
der hellenische Sonnengott als ein Begriff auf, in dem die ganze 
liebende Beobachtung und bewundernde Verehrung seiner andächtigen 
Gläubigen zum Ausdruck gelangt. 

Betrachten wir nun die Sonne nach ihren Machterweisen etwas 
genauer, so ist klar dass dieselbe zunächst Licht ist. Die Sonne 
erleuchtet den weiten Himmelsraum und den weiten Erdkreis in ihrer 
ganzen Ausdehnung: sie rollt in ihrem morgendlichen Auferstehen die 
dunkeln Schatten der Nacht auf; sie verjagt die dunkeln Wolken oder 

^) Phanes Orph 36 — 47 offenbar Lichtwesen, dagegen 48 ff umgestaltet ; Zeus, 
vom Lichte benannt. Philos. oft alOr^p als Prius hervorjrehoben Dox 368, 10 ff; 
341» 12 ff: 334, 1 flf; AristOöp 3» 3 (roJp = al^p) etc. 

2) HKleinpaul die Sonne u. d. Leben. 188O; LBüchner Licht u. Leben 
1—102. 2. Aufl. 1895. Über die Sonnenhaftigkeit des Menschen Ratzel Anthro- 
pogeogr 1,302. 



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Mytbogenie 4 1 

saugt sie in sich auf; sie bestrahlt mit ihrem leuchtenden Glänze alle 
Dinge weithin und lässt sie in ihrem schimmernden Lichte erscheinen. 
In dieser ihrer erleuchtenden Kraft ist sie selbst das Auge schlechthin, 
welches — weit über alles irdische Sehen hinaus — seine spähenden 
Blicke über die Erde gleiten lässt, in alle auch die entlegensten Spalten 
und Winkel seine aufdeckenden offenbarenden Strahlen wirft und so 
zum Späher wird, dem nichts verborgen bleiben kann. Vor dem durch- 
dringenden Blicke der Sonne vermag sich nichts zu verstecken: alles 
liegt vor ihm klar und offen und unverhüllt. So bringt die Sonne 
Alles an den Tag: sie ist die Wahrheit selbst, vor der kein Verbergen 
und Verstecken, kein Drehen und Wenden gilt: vor ihrem heiligen 
Glänze muss alle Lüge und Unwahrheit erbleichen, dass alle Dinge 
erscheinen wie sie sind und nicht wie Menschenlist und Menschentücke 
sie gern erscheinen lassen möchten. Aus diesem seinem Wesen ist der 
Sonnengott zum allsehenden und allwissenden, zum gerechten und 
heiligen geworden*). 

Und weiter ist die Sonne Glanz. Wenn sie sich Morgens erhebt 
um ihren goldnen Schimmer über die Welt zu giessen, da erschauert 
die ganze Natur in freudigem Aufleuchten. Das ist nicht eigener 
irdischer Glanz, es ist der Abglanz des Himmels und seines Sonnen- 
sohns, der sein eigenstes strahlendes Wesen über die Welt ausgiesst. 
Und in diesem goldnen Glänze der aus dem einen Sonnenauge in 
unendlicher Fülle auf die Erde herabfluthet leuchten all die wunder- 
baren Farben auf, die das Licht gleichsam aus den Dingen hervor- 
zaubert. Wenn in der Finstemiss der Nacht und selbst noch unter 
dem Wolkendunkel die irdischen Lichter und Farben erblassen und 
erbleichen und verschwinden: wenn der Sonnenstrahl sie trifft, dann 
erglänzt alles in freudiger Lust. Die Blume schmückt sich mit leuch- 
tendem Bunt, Wiese und Wald mit glänzendem Grün, Gewächs und 
Thier mit strahlenden Farben. All daä wirkt die Sonne mit ihrer 
wunderbaren göttlichen Kraft, die das irdische Leben zu freudigem 
Geniessen erweckt*). 



*) Hom oft ydtoc, qpÄog iflXioio etc; vgl. X 16; H 5, 70 (daher sein Ver- 
schwinden Nacht ß388; 6485; ^243); PdO 7, 70; P3, 75; AeschP364uo; A 508. 
658; f40; E925; SophAi 709. 856. 930; An4l6; Ph663; E17; EurB210.458. 
J 1517; Hec636 etc; AristZY5|l: Dox 451, 8f ijXtoc u. oxdxo^ entgegen. Sonne 
als Auge EurHi 886, daher die Pythagoreer Dox 589, 4 Himmel als Leib mit Sonne 
u. Mond als Aujfen. Helios allsehend r277; H5|62; AeschPr9i; A676; (192; 
Ch 985 ; PLG 3, 706 (61) etc. Als Zeuge und Rächer angerufen AeschPr 90; A 1323; 
SophAi 846; OR1425; f772; EurHfSsH; Ph 1 flf; M 746. 75^. 1252: S 26O; Simon 
84; AristP 406; SchTheocr 1, loo etc. So ist Helios eine wahrheitsliebende u. heilige 
Persönlichkeit ^ 27O; 302 ; H 5, 26; PdO 7, 60; RurO 1002; M 752 etc; Usener 177 ff. 

*) Der Sonne Gold EurHec636; Hei 182 etc; bringt Farben AristM 3, 4 etc. 



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42 Allgemeiner Theil. 

Denn Freude und Lust — das ist es was das Sonnenlicht bringt 
und schafft. Der Sonne Strahl der Morgens die nächtliche Finsterniss 
scheucht, weckt den Menschen zu freudigem Schaffen, Es jubeln die 
Sänger des Waldes ihm entgegen, es schmücken sich Blumen und 
Thiere unter seinem belebenden Athem, es geht wie ein freudiges 
Jauchzen der Lust durch die ganze Natur. Was schlummert und ver- 
borgen ruht, wird von dem göttlichen Lichte wach geküsst und zum 
Leben gebracht. Im Lichte der Sonne athmen heisst Leben: die 
Sonne erscheint wie der Inbegriff alles Lebens, da erst in ihrem Lichte, 
unter ihren erweckenden Strahlen des Lebens Wirken und Schaffen, 
des Lebens Freude und Lust beginnt. Das Sonnenlicht sehen ist ein 
allgemeiner Ausdruck für Leben, weil eben im Sonnenlichte dem 
Menschen alles was dem Leben Reiz und Interesse verleiht beschlossen 
ist. Und wieder mit dem Lichte und dem Glänze der Sonne wird 
alles bezeichnet was es auf Erden schönes und herrliches, erfreuendes 
und erhebendes giebt*). 

Aber in noch höherem Sinne gilt der Satz dass das Sonnenlicht 
Leben ist. Denn ihr Licht und ihre Gluth ist thatsächlich der Urquell, 
die schöpferische Kraft alles irdischen Lebens. Unter ihrer Gluth quillt 
das Leben empor; ihr Feuer ist die grosse Urkraft, die schöpferische 
Zeugungskraft aller irdischen Wesen. Denn das ist ja zweifellos: die 
Sonne ist Feuer. Es bedarf keiner tiefgehenden Speculation um sich 
davon zu überzeugen dass die Sonne ein mächtig flammendes Feuer 
ist, dem kein anderes verglichen werden kann. Die Erfahrung welche 
das irdische Feuer als Licht und Glanz wie zugleich als Gluth und 
Hitze kennen lehrte, hat ihre selbstverständliche Anwendung auf die 
Sonne gefunden und hat die letztere als ein über alle andern bekannten 
an Macht und Dauer unendlich hinausgehendes Feuer zum Bewusstsein 
gebracht. In erquickender Wärme oder in sengendem Brande wirkte 
dieses himmlische Feuer troz seiner weiten Entfernung auf die Erde 
herab und brachte hier Wirkungen hervor, wie sie kein irdisches Feuer 
hervorzubringen vermag. Die höchste aber von allen diesen Wirkungen 
blieb eben doch die dass die Gluth dieses göttlichen Feuerbrandes in 
der schlummernden Erde die Keime weckte und befruchtete, die nun 
in üppigem Gedeihen sprossten wuchsen und Früchte trugen*-^). 



^) PdO 1, 5: AeschA492; 1577; SophAn lOO; E 17; EurAl 722: 869; AristEq 
^SS. Daher unzählig oft cpdog ßXiTtetv uä = Leben, oft in Gegensatz zur Unterwelt; 
ebenso zum letztenmale das Sonnenlicht sehen = sterben Usener aO. Verglclchungen 
mit Licht u. Sonne PdO 2, 55; J6, 62; AescbP 150; 300; Se795; A522; ChSoQ; 
E1005; Sophll; 497; EurO 243; J 1439; IT849; S 564; f3l8; AristPI 64O etc. 

-) Die Sonne als Feuer PdO?, 71; AeschP 364. 504 ; Soph 84O; EurE 739; 
Rh 41 7; J1134; JTjl 137. 1207 : IA519; f 122. 771; Ph 1. 169: Hei 629 etc. Ihre 
erquickende Wärme od. versengende Gluth Ale 39; PdN 4, 14; PLG 3, 742; AeschPr 



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Mythogenie. a7 

Das Sonnenfeuer ist dementsprechend der menschlichen Erfahrung 
zum Quell alles Feuers, zum Urfeuer geworden. Von ihm stammt alles 
was der Mensch an himmlischem wie an irdischem Feue» sonst noch 
kennt. Das Feuer des Blitzes, das Feuer welches die Wolke ergreift 
und verzehrt und die himmlischen Wasser durchglüht und erwärmt: es 
ist alles aus diesem Urfeuer stammend. Und wieder das irdische Feuer 
mit seiner kleinlichen dürftigen Wirkung in Vergleich zu dem Riesen- 
feuer der Sonne: es ist nur ein Ausfluss, eine Nachbildung jenes gött- 
lichen Urfeuers. An diesem Urfeuer erwärmt sich alles was lebt und 
empfindet: verliert es seine Kraft im Winter, so erstirbt die Freude, 
das Gedeihen, das Leben und banger Sorge voll begleitet der Mensch 
das Leiden und Hinsterben des geliebten Gottes. Erv^acht derselbe 
aber im Frühling wieder zu neuer Kraft, dann jubelt der Mensch dem 
kommenden Lichte, der wachsenden Gluth entgegen, um so durch alle 
Scalen seines Gefühlslebens hindurch die wechselnden Phasen des 
Sonnenfeuers zu begleiten. 

Die Sonne fordert wie von selbst ihre Personification heraus. 
Denn, was nur dem lebenden Wesen möglich, sie bewegt sich: sie 
erhebt sich täglich Morgens, um in stetigem Wandel durch den Himmels- 
raum zu schreiten und Abends zur Ruhe einzugehen. Und ferner 
wandelt sie in jährlicher genau eingehaltener Ordnung nach Süden und 
Norden, um stets wieder an den alten Ausgangspunkt zurückzukehren. 
All das ist das Thun eines lebenden Wesens und eines solchen das 
nach festen Ordnungen und Gesetzen handelt. Und weiter zeigt sich 
auch darin das Wesen und die Entwicklung eines lebenden Wesens, 
dass ihre Kraft wächst und abnimmt: sie nimmt im Frühling und 
Sommer zu, um im Herbst und Winter schwach zu werden. Aber 
gerade diese feste Ordnung die sich an ihr Kommen und Gehen, ihr 
Erstarken und Abnehmen knüpft, hat ihr die hohe Bedeutung in Mythos 
Glauben und Cult gegeben, die sie in späterer Zeit geradezu in den 
Mittelpunkt der Religion rückt. Es ist ihr Aufgang und ihr Nieder- 
gang, ihr Wandel am Himmel und ihre Ruhezeit während der Nacht; 
es ist ferner ihr Neu- und Jung- und Starkwerden im Frühling und 
Sommer, wie ihr Alt- und Schwachwerden im Herbst und Winter, das 
den Glauben und mythendichtenden Geist beschäftigt hat. Gegen diese 
regelmässigen und gerade durch ihre Regelmässigkeit für das ganze 
kosmische und irdische Leben so bedeutungsvollen Wandlungen treten 

22; 86431.446; SUI54; f304; SophAn4i5: EurE732; f776; AristAv 1096; Th 
1050; FTGp903(340): Plutjs4i etc. Daher ArisMcp 25, 15; 38. Philos. -flXioc = 
Element des Feuers D0X334, iff uo. l*^re Zeug^ungskraft AeschA633; Soph 772» 
daher SophOR660; FTG 759; 927 (452); P 8, 29,4; 2, 11, 5. Daher nach Anaxa- 
goras Aristcpiix 1 , 2 Erde Mutter, Helios Vater; AristZyl,2; M9ll,5; Zi8, 13- 
Ähnlich Parmenides 00x482,17; Platconv. 14. 



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^4 Allgemeiner Theil. 

alle aussergewöhnlichen Erscheinungen, die sich ausserhalb dieses 
ordnungsmässigen Kreises vollziehen, völlig zurück^). 

Diese hohe Bedeutung welche die Sonne für die Ordnung der 
Welt hat und welche der Glaube als eine göttliche anerkannt hat, giebt 
auch ihrer Persönlichkeit das characteristische Gepräge. Und gerade 
indem die Mythopoesie den gegebenen Verhältnissen entsprechend die 
Sonne als lebende und charactervolle Persönlichkeit fasst, die handelt 
und Thaten thut, wie sie leidet und Erfahrungen macht, hat sie die 
Tages- und Jahresgeschichte derselben zu der bedeutungsvollen Lebens- 
geschichte einer die ganze Welt beherrschenden Persönlichkeit erhoben. 

In allen Stücken aber tritt diese Persönlichkeit der Sonne der- 
jenigen des Dunkels entgegen. Während die letztere in den unendlich 
mannigfaltigen Erscheinungsformen von Nacht und Wolken, von Wind 
und Regenströmen sich offenbarend, etwas wandelbares und unzuver- 
lässiges erhält, ist der Sonnengott der zu allen Zeiten und unter allen 
Umständen stets eine'), der niemals seine. Persönlichkeit wandelnde 
oder absichtlich versteckende, der wahre und zuverlässige geworden. 
Und während der Dunkelgott im Westen haust, sein Herrschaftsgebiet 
das Dunkel, sein Hauptbesitz das Nass ist, tritt ihm der Sonnengott 
aus dem Osten, mit seinem Glanz und Licht und im Besitze des Ur- 
feuers und damit alles Feuers entgegen. So werden die beiden Gott- 
heiten von Dunkel und Sonne die geborenen Gegner, die in Todfeind- 
schaft gegen einander entbrannt mit einander um die Herrschaft 
ringen. In diesem Wechselverhältniss des Ringens und Kämpfens wie 
es zwischen den beiden Gegnern besteht hat die Mythendichtung einen 
geradezu unerschöpflichen Stoff gefunden. 

Betrachten wir jetzt noch diejenigen natürlichen Momente, welche 
für die mythische Ausgestaltung dieses Kampfzustandes zwischen Dunkel- 
gott und Sonnengott die Grundlage gebildet haben. Was hier zunächst 
das Verhältniss des Sonnengottes zur Nacht betrifft, so ist schon früher 
dargelegt worden, wie grade das Eingehen der Sonne in das westliche 
Schattenreich die Vorstellung von einem eben hier stattfindenden 
Kampfe der beiden Gegner hervorgerufen hat. Die ganze Tages- 
wanderung des Gotts scheint als einziges Ziel eben das Hingelangen 
in den Westen, das Eindringen in das Dunkel zu haben: hier vollzieht 
sich das unmittelbare Aufeinanderstossen der beiden Gegner. Zugleich 
aber hat der Glaube hier im Westen dem Sonnengotte die Ruhestatt 



») Hom Helios völlig als Persönlichkeit H422; y l; X 18; |i 380 etc. Die 
Ordnung^smässigkeit der Sonne hebt Aristot f 13 hervor. Dieser Regelmässigkeit 
ihres Laufs gegenüber sind zB Sonnenfinsternisse Pd 107; Stesich 73; Mimn 20 etc 
roythol. ganz ohne Bedeutung. 

2) Daher oft mythol. die Einheit und Einsamkeit des Sonnengotts betont 
zB Simon 77. 



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Mytbogenie. 45 

geschaffen, deren er bedarf um von seiner heissen mühevollen Tages- 
wandrung auszuruhen. 

Sodann tritt aber der Sonnengott in Beziehung zu den Wolken, 
den Dienern und Geschöpfen des Dunkelgottes. Es bedarf keiner Aus- 
führung dass die Wolkenbildung nach allen Seiten hin unter dem be- 
stimmenden Einflüsse der Sonne steht und der Mythus hat dieses Ver- 
hältniss in der mannigfachsten Weise zum Ausdruck gebracht. In den 
dunklen Wolkenmassen scheint die Sonne erdrückt und überwunden, 
da sich jene wie Fels- und Bergmassen über sie wälzen ; mit den hellen 
leichten Wolken scheint der Gott zu spielen und zu scherzen. Immer 
wechselnd gestaltet sich dieses Verhältniss des Sonnengottes zu den 
Wolken. Mit seinem Lichte- und Feuer bestrahlt er die sich ihm 
nähernde flatternde Wolke, taucht sie ein in wunderbar wechselnde 
Tinten, lässt sie erglänzen in schillernden Farben. So löst sich die 
Wolke auf und vergeht unter der Feuergluth des Gottes, der dieses 
Geschöpf des Gegners in seinem heiligen Feuer verzehrt >). Dieser in 
unendlichen Verschiedenheiten am Himmel sich abspielende Vorgang 
ist nun dadurch so bedeutsam geworden, dass — wie schon bemerkt — 
die menschliche Phantasie, um jene Wolkengebilde ihrem Verständniss 
näher zu bringen, sie unter dem Gleichniss der irdischen Erfahrungen 
an Bäumen und Thieren geschaut hat; als Bäume und Thiere und 
sonstige Erzeugnisse treten so die Wolken in Beziehung zu dem Sonnen- 
gotte, der bald von den letzteren angegriffen und überwältigt wird, 
bald sich ihrer in heldenmüthigem Kampfe erwehrt, sie zähmt und 
bändigt, von ihnen getragen und gefahren wird. So macht er sich 
selbst zum Herrn der Wolkenheerde, die in ursprünglicher Anschauung 
dem Dunkelgotte gehört. Und umgekehrt bemächtigt sich der Dunkel- 
gott des kostbaren Sonnenfeuers um es zu besitzen und zu benutzen. 

Und femer ist es das himmlische Nass mit dem sich die schöpfe- 
rische Phantasie beschäftigt. Dieses Nass, wie es in den Wolken ver- 
borgen ruht, gehört dem Dunkelgotte nach ursprünglicher Anschauung. 
Aber der Sonnengott sucht sich desselben als eines kostbaren Besitzes 
zu bemächtigen. Es gilt als ein die gesamte Speculation des Altertums 
beherrschendes Axiom, dass die Sonne zu ihrer Existenz der Feuchtig- 
keit, des Nasses in absolutester Weise bedarf^). Wenn sie daher das 
Wasser von der Erde, aus den Wolken an sich zieht, so folgt sie darin 
nur dem Selbsterhaltungstriebe, der sie geradezu auf dieses fremde 



1) Farbige Wolken zB N 523; E 343. 350; 153 etc. Wiederspiegelung der 
Sonne In den Wolken, wie Eingehen des Sonnenfeuers in die Lnft bezw. Wolken- 
gebilde oft Gegenstand der physik. Behandlung. Auch die xponal der Sonne 
durch die verdickte Luft erklärt Dox 35 2f. 

•) Polemik des Aristoteles gegen diese Ansicht M2,2; IIp 23,30; vgl. Xeno- 
phanes Dox 348; Heraklit 350; Plutls34; Scbii62; Porph antr 11 etc. 



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46 Allgemeiner Theil. 

Gut hinweist. So glaubt der Mensch am Himmel zwischen Sonne und 
Dunkel den Kampf um das Nass sich ausfechtend. Dieser Kampf spielt 
namentlich in der vedischen Mythologie eine hochbedeutsame Rolle, wo 
Indra als Lichtgott in immer neuen und grossartigen Auftassungeu dem 
Dunkelgotte, der die kostbaren Gewässer in seinem Leibe, in Schläuchen 
oder in Bergen und Burgen eingeschlossen hält, dieselben entreisst und 
die so gewonnenen entweder selbst in sich schlürft oder sie der dur- 
stenden Erde spendet. Derselbe Kampf, wenn auch in andern Formen, 
tritt uns auch in der griechischen Mythologie entgegen: die Gewinnung 
des himmlischen Nasses, das Sprudelnmachen des göttlichen Quells, 
das Trinken aus dem Born des unsterblichen Wassers wird in vielen 
herrlichen Mythen dichtungen geschildert. Und als die alle Zeit willige 
Phantasie das himmlische Nass zu einem kostbareren Getränk, zum 
Soma, zum Wein umgestaltet hatte^ aus dem nun die göttlichen 
Mächte zechen und an dem sie sich berauschen, da ist des Dichtens 
kein Ende gewesen und der göttliche Sonnenheld wird zum mächtigen 
Zecher der auf seiner siegreichen Wanderung durch das himmlische 
Gefilde in immer neuen Zügen an dem berauschenden Quell des gött- 
lichen Nasses sich labt. 

Und endlich ist der Sonnengott auch in Beziehung zu den Winden 
getreten. Es ist eine nahe liegende Beobachtung dass die Sonne auf 
die Winde, ihr Entstehen und ihr Aufhören, bestimmenden Einfluss aus- 
übt*). Der Umstand aber dass der Wind auch bei völlig wolkenlosem 
Aether den Luftraum durchzieht, setzt ihn von selbst in eine engste 
Beziehung zur Sonne. So eignet sich der Sonnengott den Wind als 
sein Besitztum an. Und wie der Wind, als die — ausser dem Donner 
— einzige Naturerscheinung, welche die unwandelbare Stille der 
himmlischen Räume durch ein Klingen und Tönen, ein Rauschen und 
Singen unterbricht, zur himmlischen Musik wird, so wird er damit 
zugleich wieder zu den gleichmässig von dem Dunkelgotte wie von 
dem Sonnengotte erstrebten Gute. 

So gestaltet sich das Verhältniss des Dunkelgottes zum Sonnen- 
gotte zu einem unausgesetzten Kampfzustande, der sich demnach nicht 
auf den Gegensatz von Tag und Nacht beschränkt, sondern sich auch 
während des Tages selbst und durch alle Phasen des Jahres hindurch 
fortsetzt. In dem steten Ringen des Sonnengottes mit den Wolken- 
geschöpfen des Gegners, die ihn bald erdrücken und überwinden, bald 
von ihm bezwungen und in die Flucht geschlagen werden; in dem 
unausgesetzten Rauben, wodurch der Lichte das Nass, der Dunkle das 
Feuer sich anzueignen sucht, gestaltet sich dieser Kampf der beiden 



1) AristM 2, 5. 6. 8 etc.; IIp 26, 34; 25,7 uaSt. AUg. 26, 34 Sonne dpxij xöv 



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Mytbogenie. 47 

Mächte zu einem nie endenden voll der wechselndsten Phasen. Stellt 
der Sommer das Übergewicht des Sonnengottes dar, so ist im Winter 
der Dunkle der Sieger, der seinen Gegner erdrückt, verjagt, erwürgt. 
In dem Regenschwall den der Dunkle nun herabsendet und alles Leben 
der Erde vernichtet, sieht der Mensch die Herrschaft des finstem 
Gottes. Aber schon darin zeigt sich die Gleichheit der wirkenden 
Gottheit, dass das Unwetter, wie es zu allen Zeiten statt haben kann, 
in derselben Weise sich äussert wie der Winter selbst: der letztere ist 
eben die Dauerherrschaft dessen was in dem einzelnen Unwetter nur 
vorübergehend wirksam ist*). 

Als der Höhepunkt des Kampfs zwischen Licht und Dunkel ist 
das Gewitter anzusehen. Dasselbe ist aber keineswegs als etwas neues 
und anderes aufzufassen, welches die Natur- und Weltanschauung des 
Menschen umgestossen hätte. Es hat sich dasselbe im Gegenteil ein- 
fach den vorhandenen Vorstellungen eingefugt. Die unheimlich 
schwarzen Wolkenmassen, die das kostbare Regennass bergen und die 
mit ihren collossalen Gebilden das Licht des Himmels wie der Sonne 
erdrücken, gehören ebenso zweifellos dem Dunkelgotte, wie der feurige 
glänzende Strahl der die Massen durchbohrt, dem Lichtgotte gehört, 
der in ihm eine vernichtende Waffe in den Leib des Gegners schleudert^. 
Nur darin beansprucht das Gewitter allerdings einen anderen Platz in 
der Mythogenese, dass es nicht der Sonnengott ist, der diesen Kampf 
gegen das Dunkel ausficht, sondern der höchste Himmelsgott selbst. 
Aber die Solidarität des Lichts, aller Einzelerscheinungen desselben 
wird doch darin offenbar, dass die Sonne die Mithelferin des lichten 
Himmelsgotts in diesem Kampfe ist: vor allem in der Weise dass sie 
dem Himmel die Blitze schmiedet. Wir haben eben anzunehmen, dass 
die Entstehung des Mythus vom Gewitterkampfe schon in die indoger- 
manische Urzeit und zwar in diejenige Periode zurückgeht, welche in 
dem Himmelsgotte noch einheitlich die gesamte Gottes- bezw. Licht- 
offenbarung zusammenfasste. Zu allen Zeiten ist dem entsprechend der 



') Sommer u. Winter immer das eigentlich entscheidende der Jahresrech- 
irang: PdP3, 50; J2,4l; AeschAS; SophAi670; Ph 17; OC 350; T 145; EurS207; 
f33i. 971. 1068.980; AristAv io89ff. Daher Aristiip 25,6; Zx 2. Was hier die 
Abwesenheit der Sonne »bewirkt thut im Glauben das positive Übergewicht des 
Dunkels, daher Empedocles D0X375; Aristot D0X453, 23ff; x^t't^v = Regensturm 
u. Winter; dieselben Elemente, Wolkendunkel, Regen, Sturm, characterisieren beide 
r 4; PdP 5f 10. 120; 6, 10, Hsd E 415. 450. 494. 504—563. 675ff; AeschA 654ff; Su 165; 
SophAn 354fr; Aiil48; EurHell48i; S96lf etc. 

') Den vergleichenden Mythologen wächst fast jeder Vorgang in die Ge- 
witterscenerie hinein. Aber das Gewitter ist ein Ausnahmezustand im kosmischen 
Leben und tritt an Bedeutung weit hinter die regelmässigen, organischen Natur- 
vorgänge zurück. 



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48 Allgemeiner TheiL 

Himmelsgott der Träger des Blitzes und der höchste Kämpfer gegen 
das Gewitterdunkel geblieben^), während der in dem regelmässigen 
Umschwünge von Tag und Nacht, von Sommer und Winter sich voll- 
ziehende Kampf zwischen Dunkel und Licht fortan auf den Dunkel- 
gott und den Sonnengott als die eigentlichen Träger dieses Gegensatzes 
übergeht. 

In einem solchen Kriegszustande hat nun aber der Glaube seine 
Götter nicht verlassen können. Es musste sich im Laufe der Zeit ein 
Ausgleich der Gegensätze vollziehen der zu einem harmonischen Zu- 
sammenwirken der beiden von Haus aus in unversöhnlichem Wider- 
streite stehenden Mächte führte. Ging nemlich die Naturanschauung 
ursprünglich von dem verderblichen, dem schädigenden Wesen der 
Finsterniss als der Feindin alles Lichts aus, so hat der wachsenden 
Erfahrung der Zeit die Thatsache nicht verborgen bleiben können, dass 
der Dunkelmacht auch eine höchst segensreiche Thätigkeit zukommt. 
Nicht nur zeigt sich die letztere in der Nacht des Hochsommers durch 
Schatten und Kühle, durch Thau und Feuchtigkeit; auch in der Wolke 
oflfenbart sie sich durch befruchtenden Regen, durch leichte anmuthige 
Gebilde, in dem Winde durch den erfrischenden und erquickenden 
Athem der reinigend die Welt durchzieht. Diese segensvolle Seite des 
Dunkels*) rückt immer entschiedener im Glauben und Cult in den 
Vordergrund und gestaltet so das Wechselverhältniss von Dunkel und 
Licht in consequenter, wenn auch sehr allmälig sich vollziehender 
Fortentwicklung zu einem wunderbar harmonischen Zusammenwirken 
der beiden nun in Freundschaft geeinten Brudergötter. Die verderb- 
liche Seite des Dunkels findet fortan in eigenen Hypostasen ihren Aus- 



') Den ved. Dichtern gelten Indras Kämpfe gegen Vitra u. Ahi irdischen 
Ereignissen Oldenberg Rel. d. Veda 134ff, obgleich die ursprünglichen Mythen 
Gewitterinythen waren 141 f. So enthalten auch die Gewitterschilderungen HomerSf 
Pindars, der Tragiker nichts mythisches, indem an die Stelle des Dunkeigotts die 
natürlichen Factoren der Gewitterbildung, Wolke Sturm Regen, treten: denn diese 
Schilderunf^en entstammen der eigeuen Beobachtung der Dichter, also einer Zeit 
In der die eigentlich mythenschöpferische Kraft erloschen war. Aber eine Ge- 
witterschilderung: wie Hsd 820ff enthält den alten Mythus selbst in traditioneller 
Form, da Typhoeus = Abi, Vitra. Ved. ist Indra, Hom Zeus der ausschliesslich 
die Blitzwaffe fahrende und daran halten auch Pindar, die Tragiker etc. fest. 

^ Die freundliche Nacht töqppövrj, wenn auch der spätere Gebrauch der 
geig;ensät2lichen Bedeutung von öp^vYj u. töcppdviQ sich nicht mehr bewusst ist PdN 
7, 3; AeschPröSS; A 265; SophE 19; EurRh. Die freundliche Nacht zB AeschA4. 
355; EurJSs; I075ff; li47ff; f 114; Hf 1072; Hi I444; K601 etc. "Ojtßpoc dWoqpaTOC 
neben x*^M'<*>v ^^^ Winters r4; 6566: daneben aber Aiö^ S|Jtßpoc welcher otvov 
di^i 1111 und mit Ttd-oXuTa Upo>) das Wachstum fördernd. Die leichte Wolken* 
bilduog als golden oder purpurn Symbol des Segens Pd0 7, 49; f3C2; J7,5; 
O 7, 34 etc. 



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Mythogenie. aq 

druck, die den Widerstreit des ewig verneinenden Prinzips zur Dar- 
stellung bringen. 

Wenn wir so die gesamte Machtfülle des Himmels in drei 
göttlichen Personen sich offenbaren sehen, deren Leben und Handeln 
der Mutter Erde und ihren Bewohnern zu Gute kommt, so erweitert 
sich im Laufe der Zeit diese Dreiheit der göttlichen Personen noch 
um eine vierte, indem der Mond zu einer selbständigen Persönlichkeit 
sich entwickelt. In ursprünglicher Auffassung in der Weise mit der 
Nacht, dem Dunkel verbunden, dass er als Haupt, als Gesicht desselben 
gefasst eng mit dem Dunkelbegriffe selbst zusammenhängt, löst sich 
die Monderscheinung im Laufe der Zeit aus dem letzteren los, um 
fortan als selbständige und zwar als weiblich gefasste Gottheit neben 
die älteren Gottesbegriffe zu treten. Und hat sich schon früher die 
Aufmerksamkeit der Monderscheinung nach ihrer stets wechselnden 
Gestalt, nach ihrer scheinbar regellosen Laufbahn am Himmel, nach 
ihrer Bedeutung für die Zeitmessung, nach ihrem glänzenden sei es 
unheimlichem sei es lieblichem Lichte zugewandt*), so wächst sie jetzt 
als selbständige Göttin zu einem hochbedeutsamen Gottesbegriffe empor. 
Auch betreffs des Monds aber ist eine Entwicklung ihrer Auf- 
fassung zu verfolgen. Denn ist der durch den Mond hervorgerufene 
Eindruck, wie wir den Mythen entnehmen dürfen, von Haus aus der 
des Schreckens gewesen, indem seine enge Verbindung mit dem Dunkel 
der Nacht, sein unheimlich grinsendes Gesicht, sein gespenstischer 
Dämmerschein, die rasende Eile mit der er in den sturmbewegten 
Wolken dahin zu eilen scheint, der zauberhafte Spuk endlich seiner 
sich ewig wandelnden Form den Beschauer mit Grauen erfüllt hat, so 
ist dieser Eindruck im Laufe der Zeit vor dem andern gewichen, den 
immer entschiedener, immer sieghafter seine Lichtnatur gemacht hat, 
welch letztere ihn schliesslich in absolutester Weise zur Vorkämpferin 
des Lichts selbst und zum erbittertsten Gegner der Finstemiss um- 
gestaltet hat. In der Auffassung des Monds als einer weiblichen Gott- 
heit tritt sie jetzt dem Sonnengotte ihrem Wesen nach zur Seite und 
wird die getreue Begleiterin und Genossin seiner Kämpfe. Und als 
weibliche Gottheit zugleich geeignet und fähig erotische Motive in die 
Mythenbildung einzumischen, hat sie in die ältere naive Glaubensform 
der Hellenen ein sentimentales, ein romantisches Element hineinge- 
bracht, welches auf die Mythenentwicklung einen höchst bedeutsamen 
Einfluss ausgeübt hat^). 



^) Röscher Selene u. Verwandtes 1890; Nachträge PrWurzeii 1895. Die 
Verwacdlungsföhigkeit des Monds Soph 713; Plin2, 41— 43; ihre Irrfahrten AristN 
171. 584 etc, 

^ Der zweifelhaften Stellung des Monds zwischen Dunkel und Licht ent- 
spricht das Schwanken der Physiker über ihr Wesen Dox 355, 15 ff zwischen Feuer, 

Gilbert, Götterlebre. 4 

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CO Allgemeiner Theil. 

Verfolgen wir hier nun noch einzelne Seiten ihrer Wesensent- 
wicklung genauer, so ist es zunächst der liebliche Mondglanz der die 
Phantasie beschäftigt hat. Als Persönlichkeit gestaltet sie sich nach 
dieser ihrer lieblich strahlenden Erscheinung zu einem Idealbilde weib- 
licher Schönheit. Und mag dieser Glanz nun als Leuchten der eigenen 
Persönlichkeit oder als der Schein der nächtlichen Fackel gefasst sein, 
mit der die Göttin die Finsterniss erhellt, immer ist sie die Lichtgöttin 
die der Welt zur hellen Leuchte wird. Und als die Leuchtende wird 
sie gleich dem Helios zum Auge welches selbst Licht und Glanz weithin 
über alle Lande erstrahlt und Licht und Glanz über die ganze Welt 
verbreitet. Und wieder als die allsehende ist sie gleich dem Helios 
zum untrüglichen Zeugen der Wahrheit und zu ihrer Vertreterin 
geworden ^). 

Viel wichtiger aber noch ist die Mondgöttin durch ihr geheimniss- 
volles Weben und Schaffen in der Stille der Nacht geworden. Sie wird 
die Herrin und Königin aller nächtlichen Erscheinungen und so hat 
sie ein gut Theil derjenigen Beziehungen, die einst dem Dunkelgotte 
selbst gehört, an sich genommen und hat dieselben nach ihrer speziell 
segensreichen Seite für die Erde und das Erdenleben entwickelt. So 
bringt sie zunächst den Thau und die Feuchtigkeit der Nacht. Es ist 
ein Glaubenssatz der antiken Naturwissenschaft dass der Thau die 
specielle Gabe der Mondgöttin sei, die namentlich als Vollmondsgöttin, 
auf dem Höhepunkte ihrer Erscheinung, den Thau mit sich führt und 
ihn der durstigen Erde zuteilt. Kommt aber der Thau direkt vom 
Himmel, so ist die Göttin überhaupt im Besitze des himmlischen 
Nasses, über das sie Macht hat. Der Umstand dass alle Mondgöttinnen 
mit dem Wasser eng verbunden sind, erklärt sich aus der Thatsache, 
dass die Mondgöttin von Haus aus mit dem Dunkelbegriffe zusammen- 
hängend auf Grund dessen als Erbin des Dunkeigotts die engste Be- 
ziehung zum himmlischen Nass hat, von dem der Thau nur eine 
Einzelerscheinung ist. Die Mondgöttin ist also ihrem Wesen nach 
aufs innigste mit den Gewässern des Himmels verbunden^). Und das 



Luft, Erde. Daher der Mond auch im Weltenraume im Übergang von der Region 
des dTJp zu der des Feuers. 

») 24Xif]VTi von oiXag; ihr Lichtwesen 6 555; P367; 2484; (O 148; Ö45. 84; 
H3, 141; tM4; H4,90; H 32. Ähnlich MijvT] W455; T374- Vgl. PdOlQ, 73; 
AeschSe389; EurHi85l; S992; f352 etc. Daher Selene als Auge und als 
Späherin und Zeugin der Wahrheit H 5, 24 ff; 3,99; AristP406f etc. 

^) Einwirkung des Monds auf Erzeugung der himmlischen Wasser Aristüp 
24» i4 etc,. eingehend PlutQc 3, lo (vgl. Porph antrll; Plutjs34); speziell des 
Thaus Theophr cpl4, 14, 3; Macr7, 16,31; Alcm 39. Der Segen des Thaus zB 
W 597; AeschA J 390 flf; daher PdP 5, 98; N 8, 40; J ö, 64 etc. Die Wechselbeziehung 
zwischen Mond und himmlischen Wassern nach antikem Glauben namentlich 



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Mythogenie. j I 

ist auch der Grund weshalb die Mondgöttin einen so umfassenden 
Einfluss auf die gesamte Lebewelt im Glauben gewonnen hat. Ent* 
wickelt sich der Dunkelgott mehr und mehr nach der Seite seines 
Luftwesens hin, indem er zur Weltpsyche, zum Pneuma wird, so hat 
die Mondgöttin die alten Beziehungen des Dunkelbegriffs zur Nacht 
wie zum himmlischen Nass an sich gezogen und wird so zur Trägerin 
aller derjenigen Seiten des Dunkels, die als segensreich und fördersam 
für das irdische Leben erscheinen. Mond und Sonne wirken nun 
vereinigt zum Wohle der Erde. Während der Sonne die eigentlich 
schöpferische Thätigkeit zukommt, die in der Gluth und dem Feuer 
des Himmels wirkt, geht auf den Mond die still schaffende und er- 
haltende Kraft zurück, wie sie die Nacht in Thau und Feuchtigkeit, in 
Schatten und Kühle zum Schutze gegen die erbarmungslos brennende 
Gluth der Sonne verbreitet. Auf dem harmonischen Zusammenwirken 
von Sonne und Mond beruht das Gedeihen vor allem des vegetativen 
Lebens und das ist der Grund, weshalb alle Mondgöttinnen gerade zur 
Pflanzenwelt eine so innige, so liebevolle Beziehung aufrecht erhalten *). 

Diese Verbindung der Mondgöttin mit dem irdischen, dem vege- 
tativen wie auch dem animalischen Leben, erhält nun in dem Umstände 
ihre Vertiefung, dass die Mondgöttin in hervorragender Weise Zeit- 
göttin ist. Als solche wird sie die Ordnerin, die Gesetzgeberin der 
Welt. Und wie sie selbst als Trägerin der Monats- und Jahreszeiten 
sich der von ihr gesetzten Zeit- und Weltordnung fügt und unterwirft, 
so setzt sie damit zugleich dem irdischen Leben die feste bindende 
Norm ihres Werdens und Wachsens und Welkens. So fügt sich der 
ganze Monats-, der ganze Jahreskreis des irdischen Lebens unter den 
Lebens- und Wirkenskreis der Göttin, deren eigenes Leben zum Vor- 
bild und Prototyp des Erdelebens wird. Und so ist es ausser dem 
Pflanzen- und dem animalischen Leben überhaupt speciell das Frauen- 
leben, über das die Himmelskönigin schützend waltet. In ihren Reini- 
gungen wie in dem Verlauf der Schwangerschaft an die von der Herrin 
gesetzten Zeiten gebunden ist die Frau in ganz besonderer Weise auf 
<len Schutz der Göttin hingewiesen. Und wie diese selbst in ihrem 
Leben all das erfährt, was des Weibes Herz erfreut und in Trauer 
.setzt, so ist sie, die himmlische Frau, das Vorbild und Urbild des 
Weibes geworden, das in all seinem Thun die Göttin vor Augen hat-), 
.iurch Hillebrandts höchst wichtige Untersuchungen (Ved. Mythol. i) bestätigt: 
das in Soma personifizirte himmlische Nass (und in Nachbildung der heih'ge Trank 
des Cults) zugleich Mondgott. 

*) CicNd 2, IQ, 50: daher Xenophanes neben dem stärkeren Einfluss der 
Sonne auch den des Monds auf die fivsoi^ hervorhebt; AristZY4, 9; Ath?, 3; 
Lyd mens 2, 6; 3, 5. 24. 26; 4, 53 ÄpX*'! Ytviosü)^ etc. 

') Als Zeitgöttin Kap. 4. Ihre Bez. zur Menstruation AristZi?}^; Zy2, 4; 
(PIutQc3, 10,3; daher tüxutdxog Timoth PLG 3, 620; allg. Röscher SSff. 

4* 



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52 Allgemeiner Theil, 

Denn auch die Göttin lebt am Himmel ein reiches und bewegtes 
Leben. Wie zu dem Sonnengotte so tritt sie auch zu dem Dunkelgotte 
in Beziehung und in dieser ihrer Verbindung hat sie Erlebnisse 
mannigfachster Art, Freud und Leid, Lust und Schmerz zu kosten. 
Von den einen als Schwester, von den andern als Geliebte der beiden 
oder des einen Himmelsbruders aufgefasst, beschäftigt sich die Phanta- 
sie in hervorragender Weise mit ihr. Und wieder von der einen als 
Weib, von der andern als gerüstete Kämpferin, hier als zarte Jungfrau, 
dort als hohe Frau gefasst rückt sie immer entschiedener in den 
Mittelpunkt der Mythenbildung. Ihre Monatsphasen werden zu Lebens- 
phasen; ihr leuchtender Glanz zur Schönheit; ihr Lichtwesen zum 
heiligen Wandel der Reinheit und Keuschheit; ihr siegreicher Kampf 
gegen das Dunkel zum Triumph über alle Bosheit und Feindschaft 
und Sünde. 

So wächst die Mondgöttin zu einem der wichtigsten Gottesbe- 
griffe empor und schliesst als solche das Glaubenssystem der Hellenen 
zu einem festgefugten Kreise ab. Himmel und Erde zum ehelichen 
Bunde vereint zeugen die beiden Söhne, den Sonnengott und den 
Dunkelgott und als einzige Tochter die Mondgöttin. Entwickelt sich 
der erstere zur Gottheit des Lichts und des Feuers, das als die eigent- 
liche Schöpfungskraft des Kosmos anzusehen ist, so wird der Dunkel- 
begriff zur Gottheit der Luft, welche als Psyche und Pneuma das 
immanente Lebensprinzip der Welt ist. Die Mondgöttin aber wird zur 
Trägerin aller derjenigen Beziehungen des Dunkels zur Nacht wie zum 
himmlischen Nasse, welche als die segensreichen das vegetative und 
animalische Leben fördernden die nothwendige Ergänzung zu den 
schöpferischen Kräften des himmlischen Feuers bilden. Im Himmels- 
gotte endlich bleibt die Einheit und Zusammenfassung aller himmli- 
schen Offenbarungen, wie sie in den Söhnen und in der Tochter zu 
besonderen Emanationen sich gestalten, erhalten: wie er die letzteren 
räumlich in sich hält und trägt, so gehen sie auch zeitlich und wesent- 
lich auf ihn als den Urquell aller Gaben, wie sie der Erde aus der 
Höhe bescheert werden, zurück. Die Erde aber bleibt nicht nur inso- 
fern die Allmutter dass sie die irdischen Erzeugnisse aus sich heraus 
gebiert, sie ist auch die Mutter der Göttersöhne wie der göttlichen 
Tochter, die vor dem Auge des Menschen aus der Tiefe, dem Schoosse 
der Erdmutter sich loswinden um am Himmel aufwärts zu steigen. 

Ein Punkt muss hier aber zum Schlüsse noch besonders hervor- 
gehoben werden. Wenn wir uns des Gehalts des griechischen Glaubens, 
wie wir ihn in vorstehendem kennen gelernt haben, bewusst werden, 
so leuchtet es ein, in welcher inneren Wechselbeziehung die griechische 
Philosophie zum griechischen Glauben steht ^). In der That thut man 

*) Diese Wechselbeziehung von Philosophie u. Theologie ^b uns das 

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.' Mythogenie. C7 

sehr unrecht, wenn man die Philosophie der Hellenen unabhängig von 
ihrer Theologie und Mythologie behandelt und darauf verzichtet durch 
vergleichende Betrachtung jener das Verständniss dieser sich zu er- 
leichtem und zu vermitteln. Die Erfahrung lehrt dass die philosophi- 
sche Betrachtung der Dinge, namentlich in ihren Anfängen, in erster 
Linie mit dem Glauben selbst sich zu beschäftigen pflegt »). Indem sie 
den letzteren einer verstandesmässigen Auffassung rechtfertigend zu 
vermitteln, oder speculativ zu vertiefen, oder kritisierend und polemi- 
sierend zu corrigieren sucht, kann sie doch nie von der landläufigen 
Gestaltung des Glaubens selbst sich freimachen; stets wird sie im 
Gegenteil von der thatsächlich im Volk vorhandenen Glaubensform den 
Ausgang ihrer Betrachtung nehmen. Auch die griechische Philosophie 
in ihren älteren Phasen hat fast ausschliesslich der Erkenntniss und 
Durchdringung des Wesens der Gottheit und der Gottheiten sich zu- 
gewandt und es ist eine innere und tiefe Übereinstimmung zwischen 
den Auffassungen der Götter von Seiten des religiösen Glaubens einer-, 
der philosophischen Denker anderseits vorhanden. Es ist doch wahr- 
lich kein Zufall dass die griechische Philosophie mit der Physik 
beginnt. Die gesammte philosophische Speculation hat — wenn wir 
von der Logik und Ethik absehen — nichts anderes gethan als dass 
sie die elementaren Begrifte von Erde Himmel Wasser Luft Feuer 
an und für sich, das Wechselverhältniss derselben unter einander und 
zugleich ihr Verhältniss zu den thatsächlichen Gestaltungen des Kosmos 
untersucht hat. Und in dieser Untersuchung deckt sie sich völlig mit 
dem religiösen Glauben, der jene Begriffe als die für das gesamte 
kosmische Leben entscheidenden und bestimmenden dh als die gött- 
lichen angenommen hat. Hat der Glaube dieselben ohne weitere 
Kritik ausschliesslich auf Grund der sinnlichen Beobachtung und na- 
türlichen Erfahrung aufgenommen, so hat die philosophische Betrachtung 
dieselben eben ihrer Speculation unterworfen, daher die Philosophie 
unmittelbar an die religiöse Entwicklung anknüpft. Im Wesentlichen 
ist es nur ein Unterschied, der uns in der Auffassung der Götter von 
Seiten der religiösen wie der philosophischen Betrachtung entgegentritt: 
diese erkennt Prinzipien, Begriffe, Kräfte da wo jene Personen sieht. 
Die grosse Schwierigkeit welche der metaphysischen Speculation der 
Begriff der Bewegung von Himmel und Sonne, vom Monde von den 
Gestirnen, von Wolke und Wind allezeit gemacht hat, ist für den 
Götterglauben selbst nicht vorhanden gewesen: jene Mächte bewegen 

Recht im vorhergebenden die Ansichten der älteren Philosophen zur Bestätigung 
beranxuziehen. 

') So ist die scholastische Philosophie mit ihrer unendlichen Vergeudung 
von subtiler Dialektik, tiefer Speculation und grossartiger Gelehrsamkeit nichts 
anderes als die Rechtfertigung des christlichen Dogmas vor dem Verstände. 



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54 Allgemeiner Theil. 

sich weil sie leben. Spielend hat damit der Glaube jenes Räthsel, 
Ursprung und Wesen alles Werdens und aller Bewegung, gelöst*). 

Von dieser fundamentalen Verschiedenheit des Glaubens einer-, 
der philosophischen Speculation anderseits abgesehen, sind es im 
Übrigen dort wie hier dieselben lebendigen und schaffenden Wesen- 
heiten. Die vier Elemente, wie sie die gesamte kosmologische und 
philosophische Speculation beherrschen, bilden auch die Grundlage des 
Glaubens, indem sie den Gottheiten der Erde, des Dunkels und des 
Lichts entsprechen. Auch die Philosophie fasst die Erde als das gröbste 
und inferiorste Element, während sie das Feuer entweder als das höchste 
und reinste preist und mit dem Himmel identifizirt oder den letzteren 
aus einem besondem Stoffe gebildet sein lässt, der nun über den vier 
Elementen stehend und die eigentliche Göttlichkeit vertretend die 
himmlische Welt der irdischen gegenüber stellt. In der Stufenfolge von 
Erde Wasser Luft und Feuer baut sich der Kosmos von unten nach 
oben auf. Und wie dem Glauben der Himmel die Einheit ist aus der 
sich die wechselnden Erscheinungsformen von Licht und Dunkel aus- 
lösen, so lässt auch die Philosophie ein Element den Urstoff bilden, 
aus dem sich die andern durch Ausscheidung, durch Verdichtung oder 
Verdünnung, oder wie dieses sonst erklärt wird, herauslösen ^). 

Und noch in einem andern Punkte tritt uns der innere Zusammen- 
hang der philosophischen Speculation mit dem religiösen Glauben ent- 
gegen. Wie nemlich der letztere, wenigstens in seinen altern Phasen, 



^) Diese Bewegung der himmlischen Erscheinungen für die personifizirende 
Auffassung derselben das eigentlich entscheidende Moment: eben weil sie sich 
bewegten mussten sie leben dh Personen sein. Dem entspr. die Philosophen 
gleichfalls stets als das bestimmende im Wesen der Gottheit t6 xivoGv, die dpxv] 
xf^ xiV]^oto>c erkennen. 

3) Wahrsheinlich hat schon Thaies (Galen in Hippocr tc x^)^^ l> l* 
T. XVI, 37f K.) die oxoixela gekannt. Anaximander lässt aus dem Wehstoff Erde, 
Luft, Feuer entstehen (Zeller 1 ^ 220 flf) welches letztere im Kreislauf der Sonne 
(Diels ArchfPhilos 10, 228 ff) seinen wichtigsten Ausdruck erhält; Pherekydes hat 
im n6Vxi|iUX0C offenbar von Aether (= Himmel) und Erde, Feuer Luft und Wasser 
gesprochen (Diels SBA l807, MS ff); Anaximenes lässt aus Luft durch VerdQnnung 
Feuer, durch Verdichtung Wind, Wolke, Wasser, Erde werden (Zeller 238 ff); auch 
für Xenophanes Erde und Wasser, Luft und Feuer (Dox 284; 376f; 610) die welt- 
bildenden Elemente; während Parmenides (Ed. Diels i8Q7) Licht und Dunkel als 
Prinzipe hinstellt (9), von denen jenes Himmel Sonne Mond (10), dieses offenbar 
Erde und Luft aus sich herausgehen lässt. Und auch Heraklit lässt aus seinem 
Urfeuer Luft und Wasser und Erde entstehen (ClemSs. 105: dass er die Luft 
ignorirt haben sollte Zeller 673 ist ganz undenkbar); Empedocles nennt bestimmt 
die 4 Elemente (159 ff) die er ausdrücklich mit 4 Götternamen identifizirt; 
Anaxagoras lässt aus den beiden Kategorien des Lichten und Dunklen Aether 
und Luft und aus diesen Wasser und Erde hervorgehen Zeller 1001 ff. 



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Mythogenie. c 5 

seine Götter in stetem Kampfe unter einander sieht, der jene unaus- 
gesetzten "Wandlungen nach sich zieht, wie sie am Himmel sich offen- 
baren, so sieht auch die Philosophie die Elemente in stetem Kampfe, 
in einer ewigen Bethätigung von Liebe und Hass, in einer unausgesetzten 
Bewegung begriffen, wodurch gleichfalls der nie endigende Wechsel in 
den Erscheinungen von Himmel und Erde ausgedrückt wird. Aber 
wie die jüngeren Phasen des Glaubens die alten Gegensätze der Götter 
zu einer ewigen Harmonie auflösend alle Gottheiten unter sich auszu- 
gleichen und zu vereinigen wissen, so hat sich auch der Philosophie 
der Weltenraum mit seinen Gegensätzen und Widersprüchen, seinem 
Kampf und Aufruhr zu einem vollkommenen Kosmos umgestaltet, in 
dem die rastlos gärenden Kräfte und Elemente doch endlich in einer 
reinen und bewunderungswürdigen Harmonie ausklingen. 

Es wäre eine höchst interessante Aufgabe den engen und innigen 
Zusammenhang der Philosophie mit der Kosmologie und Theogonie 
wie mit dem Glauben selbst im einzelnen auszuführen : hier müssen 
wir dieselbe als weit über die uns gesteckten Ziele hinausführend 
ablehnen und uns auf den Wesensgehalt des Götterglaubens selbst 
beschränken. Und dieser zeigt uns — um das Gesagte noch einmal 
kurz zusammen zu fassen — dass der Himmel in seiner Einheit das 
göttliche Prinzip ist, welches der Erde als das höhere, das eigentlich 
schöpferische und bestimmende gegen übertritt. Das Wesen des Himmels 
offenbart sich aber nach zwei gegensätzlichen Seiten, Dunkel und Licht. 
Indem der Mensch diese letztern beiden Äusserungen der himmlischen 
Kraft personifizirte, das Wesen des Dunkels in der Nacht, den Wolken, 
den Wassern, den Winden wieder erkannte, während er als die mächtige 
Offenbarung des Lichts die Sonne erkannte, hat er in der Hauptsache 
sich seine Götter für alle Zeiten gesetzt, die, wenn sie auch eine, stete 
weitere Entwicklung erfahren, in ihrem Kerne und in ihren Grund- 
zügen Ursprung und Wesen niemals haben verleugnen können. 



Drittes Kapitel. 

Mythopoesie. 

Haben wir im vorigen Kapitel die objectiv gegebenen Natur- 
mächte und Naturerscheinungen in ihrer innern Entwicklung verfolgt, 
so erwächst uns jetzt die Aufgabe die subjective Thätigkeit des Menschen 
in der Verständlichmachung und geistigen Aneignung jener Naturer- 
scheinungen uns klar zu machen. Diese subjective Thätigkeit des 
Menschen, wie sie in der Auffassung, dem Begreifen, der Adaption 
jener Erscheinungen sich äussert, fassen wir in dem Begriffe der Mytho- 
poesie zusammen^) 

1) Delbrück unterscheidet ZfVölkerps. 3, 266 ff 3 Momente in der Entstehung: 
pes Mythus: die Bebbung dh Personifizirung der Natur (von der schon die Rede 



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56 Allgemeiner Theil. 

Es war eine natürliche Folge der monistischen Weltanschauung, 
nach welcher Himmel und Erde eine Einheit, eine Welt bildeten, dass 
das Leben des Himmels nicht als ein gesondertes, von eigenen Prin- 
zipien beherrschtes angesehen wurde, sondern dass beide Welten, 
Himmel und Erde, der menschlichen Anschauung von gleichen Faktoren 
bewegt erschienen. Die Gesamtanschauung des Himmels in der Tota- 
lität aller seiner Elemente rief im Innern des Menschen eine Fülle von 
Vorstellungen hervor, die mit andern schon vorhandenen Vorstellungen 
von der den Menschen umgebenden irdischen Natur sich verschmelzend 
und verflechtend, gebend und empfangend immer neue Vorstellungs- 
verbände erzeugten. War der Mensch in den ersten Stadien seiner 
Entwicklung suchend und tastend von den einfachsten und nächst- 
liegenden Dingen und Begriffen aus- und weiter gegangen und hatte er 
sich erst ganz allmälig auf der Erde zurecht zu finden gelernt, so trat 
er nun mit den erst erworbenen Begriffen von irdischen Dingen und 
Verhältnissen wie sie in seinem Bewusstsein wurzelten an die himm- 
lischen Dinge heran. Und indem er die himmlischen Geschehnisse in 
die irdische Sprache übersetzte, hat er im Processe einer grossartigen 
Apperception den Inhalt beider Reiche, der Erde wie d,es Himmels, 
mit einander verschmolzen*). 

Ist die Apperception allgemein ein Process zwischen älteren schon 
feststehenden Vorstellungen und jüngeren, neu sich darbietenden und 



gewesen), die mythische Apperception und die poetische Ergänzung. Aber wie 
schon die Apperception ein geistiges Thun, eine icoCigai^, welche letztere in der 
poetischen Ergänzung nur noch ausgeprägter zur Erscheinung kommt, so darf 
man diese beiden Momente als Mythopoesie zusammenfassen. Die himmlischen 
Erscheinungen, die als Personen gefassten Mächte des Himmels werden — das 
ist der Inhalt dieser Mythopoesie — da der Mensch (Ür ihre Percipirung kein 
anderes Analogon besitzt, irdischen Wesen, irdischen Verhältnissen angepasst. 

^) Über Apperception vgl. allg. Wundt Logik i, i88o, 11 flf; SOff; Gnindz. 
d. physiol. Psych. * 2, 305 flf ; Vorl. über Menschen- u. Thierseele 2 1802, 252flf; 
Steinthal Einl. in d. Psych, u. Sprachw. 1871, 166 flf; ZfVölkerps. 2, l4flf; ZfPhilos. 
N. F. 32, 71 — 95« Wenn MMQller wiederholt in seinen zahlreichen Werken und 
ähnlich AKuhn ABA 1873 die Grundlage der Mythenbildung in der Sprache, der 
Polyonymie und Homonymie, suchen, so ist zu bemerken, dass diese Polyonymie 
oder Glottologie (Gruppe 200 ff) doch nur der Ausdruck der Vorstellungen selbst 
ist, die sich der Mensch eben von den himmlischen Dingen schuf. Eben weil 
ihm die letzteren nur verständlich i^oirden, indem er auf sie wechselnd je nach 
der Ähnlichkeit oder je nach seinem Standpunkte die Ausdrücke die er sich für die irdi- 
schen Dinge gebildet hatte Obertrug, hat er eine Homonymie der irdischen und der 
himmlischen Dinge und Geschehnisse geschaffen. Diese Übertragung der Aus- 
drücke für die irdischen Dinge auf die himmlischen ist also weniger ein Gleichniss 
als eine Gleichsetzung: der Mensch glaubte thatsächlich am Himmel die irdischen 
Dinge wieder zu erkennen und benannte jene daher ebenso wie diese. 



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Mythopoesie. c 7 

noch geistig anzueignenden, so vollzog sich diese Apperception bei der 
Mythenbildung eben in der Weise, dass die lautlich und begrifflich 
angeeigneten irdischen Dinge und Verhältnisse auf die himmlischen 
Dinge übertragen wurden. Es standen dem Menschen überhaupt gar 
keine andern Mittel zu Gebote als die irdischen Verhältnisse, um 
durch sie die himmlischen Dinge und Geschehnisse vergleichungsweise 
sich verständlich zu machen. So hat er am Himmel Berge, Flüsse, 
Steine, Bäume; er hat die elementaren Schöpfungen der eigenen mensch- 
lichen Kraft und Kunst als Räder, Werkzeuge, Wagen; er hat sodann 
Thiere der verschiedensten Art, Reptilien, Fische, Vögel, Vierfüsser 
dort zu erkennen geglaubt; um endlich Anthropomorphosen vorzunehmen 
und nun in den göttlichen Erscheinungen Menschen zu erkennen, die 
schliesslich über das menschliche Maass hinauswachsen und Kolossal- 
oder Idealgestalten werden*). 

Aber so sicher es ist, dass die irdischen Dinge und Verhältnisse 
den Ausgangspunkt für die Verständlichmachung der himmlischen 
bilden, immer wachsen doch die himmlischen zu den bedeutenderen 
und mächtigeren, den ur- und vorbildlichen empor, denen gegenüber 
die irdischen zu Abbildern und Nachbildungen werden. Denn immer 
ist dem Menschen das himmlische Leben und sind die himmlischen 
Dinge als die höheren weil göttlichen erschienen. Dadurch dass sie 
der tastenden Untersuchung des Menschen entzogen sind, wachsen sie 
von selbst zu den bedeutungsvolleren empor und nehmen als solche 
einen höheren geheimnissvollen Smn an. Und zieht sie der Mensch 
auch später — nachdem er ihren eigentlichen Sinn verloren hat — oft 
auf die Erde herab um sie hier an bestimmten Gegenden zu fixieren 
und zu localisieren : ursprünglich haben sie ihren Platz ausschliesslich 
am Himmel gehabt und nur aus der himmlischen Scenerie selbst finden 
sie ihre Erklärung'). 

Haben wir schon früher die Wolken einmal als einen sich auf 
und ab bewegenden Fluss oder See, sodann als mächtiges Gebirge 



*) Im Allg, ist der hier angedeutete Fortschritt in den Vorstellungen ein- 
gehalten, womit natürlich nicht ausgeschlossen ist, dass verschiedene appercipierende 
Reihen neben einander hergehen können. Jedenfalls sind die älteren Vorstellung^en 
{ygh 0S5) auch dann noch festgehalten als sie schon durch jüngere überwunden 
waren. Dass der Mensch selbst immer der letzte Gegenstand der Betrachtung 
ist führt Lazarus Zf Völkerps. 2, 396 richtig aus. Gutes Material bietet im allg 
Schwartz d. poet. Naturansch. 1. 2. Berlin 1864. 79* 

') Ich stehe also darin auf einem durchaus andern Standpunkte wie Forch- 
hammer, der oft zB Apoll in Delphi 6 es ausspricht „dass wir das unvergänglich 
wahre in den religiösen Localsagen noch heute in der bestimmten Örtlichkeit** 
zu suchen haben, während thatsäclich alle Localsagen nur Adaptionen der allein 
am Himmel sich abspielenden und nur hier Geltung habenden Mythen' sind. 



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58 Allgemeiner Theil. 

kennen gelernt, so mag es hier noch einmal hervorgehoben werden, 
dass, so bedeutsam die einzelnen Flüsse für die griechischen Land- 
schaften gewesen und als solche in der Sage anerkannt sind, überall 
die letztere doch durchblicken lässt dass jene himmlischen Ursprungs: 
die mächtigere bedeutsamere Erscheinung des Himmelsquells, des himm- 
lischen Wassers hat die Erfahrung des irdischen Flusses beeinflusst 
und bestimmt. In unendlichen Variationen wird das was ursprünglich 
dem himmlischen Urbilde galt auf das irdische Abbild übertragen und 
die Erde zum Schauplatz derjenigen Thaten, gemacht die sich einst 
ausschliesslich am Himmel abgespielt haben. Vor allem ist die Sage 
von dem Drachen der den Quell bewacht die direkte Übertragung 
bezw. Fortbildung der alten in den vedischen Hymnen noch vor- 
liegenden Auffassung wo der Wolkendrache — der Dunkelgott — über 
dem kostbaren Nasse lagert und es in seinem Bauche oder in seinen 
Schläuchen bergend hütet*). 

Und ähnlich verhält es sich auch mit den Bergen. So zweifellos 
gerade die hohen Gebirge der Erde den Eindruck der Gottesnähe, der 
Verbindung von Himmel und Erde hervorgerufen haben, so sicher 
haben wir doch in zahlreichen Bergen des Mythus ältere Vorstellungen 
wieder zu erkennen, wie sie sich in ursprünglicher Auffassung an die 
Wolkengebirge geknüpft haben und erst später auf die irdischen Ge- 
birge übertragen worden sind. So scheint der Name Olympos der 
Leuchtende von Haus aus diese Bedeutung gehabt zu haben; Skylla 
und Charybdis treten uns ganz gleich wie die Styx entgegen und 
haben ohne Zweifel eine ähnliche Beziehung gehabt; die Flankten und 
Symplegaden können gleichfalls als die beweglichen und irrenden nur 
als die Wolkenfelsen verstanden werden, die wieder dem himmlischen 
Leben, dem himmlischen Meere entnommen auf irdische Verhältnisse 
übertragen sind. Und ähnlich erscheinen zahlreiche andere Beziehungen 



*) So wird die xpijviQ ÄpeCa Apd 3, 22 oder 'ApYjxtdc Ap 3,1 180; fons 
Castalius Hyg 178 vom fipdxcov bewacht; die Quelle Amymone von der Hydra 
P2, 37, 4; Apd2, 77ff. Umgekehrt Forchhammer Daduchos 35 ff. Das unter dem 
Huf des Pegasus hervorquillende Nass kann nur der himmlische Quell sein, den 
das Wolkenross schlägt Str370. Ähnlich sind das Gdcop dcvaicoci>6|itvov Fun 2, 228 
unter der Dodonaeischen Eiche; der Quell an dem Mocpouou dboxög aufgehängt ist 
Her 7, 26 ursprünglich der Himmelsquell: die Eiche wie der ölotlöq Ausdrucks- 
formen der Wolke. Die vom Dreizack hervorgerufenen Quellen F 8, IG, 4; 1, 26, 5 
u. sonst Übertragungen des himmlischen Quells den der höchste Gott mit seinem 
Blitz hervorlockt. Daher auch der Fluss selbst als dpdxcov (Kephissos Str424; 
Acheloos458; 253), wie zugleich die Gabe der Verwandelbarkeit, welche man 
später gleichfalls an diesen irdischen Flüssen hervorhebt (so Hyg 31 Achelous In 
omnes figuras se immutabat) erst von der absoluten Wandelbarkeit des Wolken- 
stroms übernommen ist. 



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Mytbopoesie. 59 

auf Felsen und Berge und Gebirge nur in ihrer Verbindung mit dem 
Himmel verständlich*). Und wie die Wolkenmassen zu Bergen und 
Gebirgen, so werden die einzelnen scheinbar losgerissenen und wie 
von unsichtbarer Hand durch den Himmelsraum geschleuderten Wolken- 
stücke dem mythendichtenden Geiste zu Steinblöcken und Felsstücken, 
welche die göttlichen Mächte in ihren Kämpfen gegen einander 
schleudern. Wenn Orpheus durch seine Musik Felsmassen bewegt, 
so kann das nur von der himmlischen Windmusik verstanden werden, 
welche die starren Wolkenmassen in Bewegung setzt. Denn wie es 
nur am Himmel wunderbare bewegliche Bergmassen giebt, die jeder 
irdischen Erfahrung spotten, so hat sich eben an den Wolken der Be- 
griff der sich bewegenden Berge gebildet. Und auch darin zeigt sich 
das Vorbild des Himmels, wo fast immer der Quell mit dem Berge 
verbunden, in dem Wolkenberge der Regenquell verborgen ist oder 
wirklich aus ihm herabquillt, dass in Sage und Cult wieder mit solcher 
Vorliebe Berg und Wasser verbunden erscheinen^). 



^) Bei den Indern der älteren Zeit bedeuten alle Ausdrücke fQr Feld und 
Berg zugleich Wolke Kuhn ZfMythol. 3, 378, wie auch itixpiij, wixpog Kuhn Herabk. 
d. Feuers 178 von Tc4T0|iat nicht zu trennen: gerade das entscheidende Moment 
des Worts (das Fliejifen) ist also später bei Übertragung auf den irdischen Fels 
abgeworfen; es hat also nur Sinn in der Beziehung auf die Wolke. Ober *OXt>|iTCOC 
Bergk Jbb8l,42i. Wenn Athene Hsd924; H 28, 5 ix x«(faX^g oder xopixpfjc 
geboren wird, so hat auch das nur Sinn in Bezug auf das Wolkenhaupt, das 
später auf Berghäupter übertragen ist PindO 7^ 36; Eurl 456; Bergk aO 294f. Wenn 
von den Aloaden X313ff sowie im Gigantenkampfe etc. ganze Berge bewegt 
werden so bezieht sich das ursprünglich auf die Wolkenberge. Auch der Fels 
in dem die Skylla haust p, 73if ist eine phantastische Beschreibung des Wolken- 
felsen gleich dem Atlasgebirge und den Felsen der Styx. Die Charybdis p. lOlff 
wird eine ähnliche Bedeutung von Haus haben: die Verbindung beider macht sie 
zu einer Version der Z\}\i.iO<rffid^ oder ÜXaYXxaC: denn obgleich diese ji 59ff 
offenbar als feststehende gezeichnet werden, müssen sie ihrem Namen nach ur- 
sprünglich die umherirrenden gewesen sein. PindP4, 208f; f256; Str 149. 1 70; 
SchTheocr 13, 22^ daher mit den Kuaviai zusammengebracht. Für die Mythen- 
dichtung hat gerade das Bewegliche der Wolkenmassen grosses Interesse geha}>t, 
da die zusammenhängenden Wolkenberge für die Laufbahn des Sonnengotts uA 
so gefährlich war, der unter ihnen erdrückt zu werden schien. Die Vorstellung 
beweglicher Berge knüpft sich auch an die Sage vom Lykabettos Amelesag 1. 

*-•) Felsblöcke und brennende Baumstämme (diese eine andere Auffassung 
der glühenden Wolken) in den Händen der Wolkenriesen selbst Apd 1,34; Hes 
dpo-riwoüc (Giganten); x 121 (Laestrygonen) ; Hsd715 (Hekatoncheiren); Apd 2, 84 
(Kentauren); ebenso der Sonnenriesen t 48 1; 537f (Kyklopen). Vgl. die Stein- 
würfe im Kampfe der Götter und der sie vertretenden Heroen Apd 2, 7 ; * 403 ; 
P9, 11,2; Hellan 9; EurPh663; 1063; Apd 3, 24; 1,131; 2,143; Str l82f. Ebenso 
werden icixpo, lUxpo« P 1, 27, 8; 2,32,7; Apd 2, 104; 124; PlO, 29, 9; Apd 2, 80; 
Ath 7, 14; >► 593; Ath 11, 80; EurB 704; AeschPr 4f; B 319; OuM 2, 696ff; Apd 1, 30; 



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60 Allgemeiner Theil. 

Erkennen wir in diesen Auffassungen der Wolken die vedische 
Vorstellung wieder, die unzähligemale die Bergmasse erwähnt in der 
der Dunkle das Wasser birgt, so treten uns andere Auffassungen darin 
entgegen, dass die Wolken zu Gefässen und Hüllen mannigfacher Art 
werden, in denen wieder das himmlische Nass geborgen gehalten wird. 
Alle die Schläuche, Fässer, Krüge, Häute, Schalen, Becher etc. welche 
im Mythus eine Rolle spielen, sind nur verschiedene Ausdrucksformen 
der einzigen Beobachtung dass die Wolke thatsächlich das Nass in sich 
schliesst. Und dieselbe Bedeutung hat auch das Hom, das als Gefäss für 
Flüssigkeit verwandte Hom des Thiers: als Hörn der Amalthea ist es der 
Ausdruck der regengefüllten fruchtbaren Wolke geworden, die in ihrem Nass 
den himmlischen Segen über die Erde ausgiesst. Und an den wechselnden 
Auffassungen eben dieses Horns selbst, welches einmal zur Ziege bezw. 
zum Stiere, als der Trägerin des Horns, anderseits zur menschlich ge- 
bildeten Nymphe wird, können wir den ganzen Entwicklungsgang ver- 
folgen, den eine solche Vorstellungsreihe nimmt. Es sind eben, nach- 
dem sich die Anthropomorphose vollzogen, die älteren Auffasssungen 
nicht verloren gegangen, sondern haben sich der höheren Anschauungs- 
form untergeordnet*) 

Aber auch sonst erscheint die Wolke in unendlich zahlreichen 
und mannigfaltigen Auffassungen : der Schlauch in dem die Winde ge- 



P 3, 22, 1 ; SchArlstE 785; Ath 5, 62; SchAristE 1368; Suid Xtonotuva der ursprfing:- 
lichen Bedeutungf nach ihren Platx in der himml. Scenerle gehabt haben; später 
von der combinirenden Phantasie in bestimmten Felsgebilden der Landschaften 
wieder erkannt. Die durch die himmlische Musik bewegten Bergmassen AeschA 
1630; Ap 1, 26(f; 1, 740ff sind ebenso wie die Kyklopenbauten himml. Bedeutung« 
später auf die Erde übertragen; wie die Ipfiala od. lp)iatoi Xöqpot (schon TC471) 
Nachbildungen himmlischer Beobachtungen. Verbindung von Quell u. Berg Bergk 
3l6f; 422f; Acheloos u. Sipylosfiöos; Bergk 395; vgl. noch EurHii2i; Babr 
72,5 «tc 

1) Fass der Danaiden, SchEurHec 886, Schalen in der Hand der Götter, 
Haut des Marsyas Her 7^ 26 uva. Nachdem die M3rthopoesie das himmlische Nass 
zum Wein umgestaltet hatte, wurde die Wolke zum Becher, Humpen, Fass W92Sch ; 
A597; r234;A2f; Stesich 7; E387; HsdE 94; EurB 22 if; Ath 5, 29; 5^7. Ähn- 
lich der Schlauch welcher die Winde birgt x I9f; der do)C(i>XiaiO|iöc P0II9, 121 
Nachahmung. Wolke als Trinkhorn, xipag H8d789; Ath 11,51; Pd 166; Aesch 
183; Soph429; daher mit dem Begriff der FQlle, des Segens verbunden Phocyl 7; 
Anacr8; Pherec37; Ath 11, 503; Dd4, 35 (der nur Ursache u. Wirkung ver- 
wechselt). Die Flüsse haben dasselbe als Abkömmlinge des Himmelsstroms 
Sch^l94; Pd 201; daher SchCallim 1,49: aus dem Hom quillt Nektar u. Ambrosia 
dh der himml. Trank. Aus dem Hom wird der Stier Apd 2, 148, wie die Ziege 
MusTh 7 (Erat 1 3) ; Seh O 229: vgl. hernach. Als wirkliches Trinkhorn noch 
Lateran. Bildw. löfi, gewöhnlich als FQIlhorn, welches auch Pluton, Dionys uA 
fahren. Overbeck KM 2, 322ff; DAK 315. 3l6. 925. 927— 30 ua. 



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Mytfaopoesie. 6 1 

fesselt werden ; das Fass in dem sich Eurystheus versteckt, Ares gefangen 
gehalten wird; der Beutel des Hermes; die Tasche des Perseus be- 
zichen sich alle gleichmässig auf die Wolkenhülle, welche das Wasser 
und den Wein des Himmels, die Sonne und alle himmlischen Er- 
scheinungen und Schätze zeitweilig in sich aufnimmt, verbirgt und den 
Blicken Mitzieht. Und weiter wird die Wolke zum Fahrzeug in welchem 
die Sonne sich schaukelt, in dem sie tährt, von dem sie getragen 
wird; mag dieses Fahrzeug nun als Schaale, als Becher, oder wirklich 
als Kahn und Schiff gefasst werden*). 

Sehen wir hier die Wolken consequent als Hüllen aufgefasst, so 
kann die Phantasie in ihnen ebenso weite wallende Gewänder er- 
blicken, welche den Körper der Götter umschliessen. Waren die 
Häupter des Sonnengotts wie der Mondgöttin zweifellos vorhanden, so 
war es Aufgabe der constructiven Phantasie diesen Häuptern die Leiber 
hinzuzuschaffen und das ist in der Weise geschehen dass man den 
Sternhimmel der Nacht wie die flatternden Wolkengebilde zu wallenden 
Gewändern gemacht hat, hinter denen die Leiber der Götter verborgen 
waren. Mit diesen Gewändern schmückt sich vor allen der Himmels- 
gott, die Mondgöttin. Und es wird der leuchtende Glanz, das Schimmern 
in bunten Farben wodurch die Wolken das Auge auf sich ziehen der 
Mythopoesie zu Gold und Purpur, worin die Kleider der Himmels- 
mächte erstrahlen^). 

Diesen mannigfachen Auffassungen der Wolken gegenüber, die 
sich aber leicht aus der ungeheuren Wandelbarkeit derselben erklären, 
beschränken sich die an die Erscheinungen von Sonne und Mond sich 
knüpfenden Vorstellungen auf einfachere Formen. So wird die Sonne 



1) Schaalen, Fässer etc £387; Dd 4,20; Hsd£94; S 527; x I9f; Athll, 
15; Harp cpoipiiaxöc; Apd 2, 38 uva. Die Wolke als dinac, XißiQC) q>idXif] den 
Sonnengott imgead Peisand 5; Paoyas 7; .Stesich 8; Antimach 4; Mimn 12; Euphor 
ua b. EustDionP 558; Pharec 33 etc.; als Schiff: Argo Seeliger ML l, 502f. ÄhoUcb 
die Wolke als Thron auf dem die Lichtgötter sit/.en, ruhen, daher xp<>o^ovo( uä : 
die Throne auf Bildw. (Reichel vorhelleo. Götterculte iff) Nachbildungen derhimml. 
Beobachtunge n. 

^ Zeus auf Bildw. in grossem Mantel, Apoll H 2, 6 A|ißpOTa tCiiaxa; P. 3, 16,2 
Xtxiöv im Culte; der Sternenchiton des Nachtgotts Hermes Monum VIII, pl. 2? — 30. 
Athene webt einen iMko^ E 735; D<1 5^ 73i daher nachahmend im Cult ein solcher 
dargehrachu Das ojidpyecvov des Hermes H 3, 301 uö dieselbe Bedeutung der 
weissen flatternden Wolke. Auch der Ausdruck ClemS 6, 53 ^ Onöirctpo^ dpOg 
X. zb in* otöxfl icticoixiX)Uvov ^ftpo^ wird sich von diesem Gesichtspunkte aus 
erklären, wozu vgl. Pherec SBA ]8Q7t l43ff 9&po€ (Uya xsxolxotXöv; Aesch 214; 
Baccbyl 3, I3f (uXafiqpapiV xpÖ7rc$iv ox6T(p. Von Aphrodite od. Athene stammt das 
Gewand der Harmonia Dd 5,49; Sch£urPh7l; Hygi48; vgl. den Peplos des 
Herakles Dd4, 14; Apd 2,71; des Jason Ap3il205:. der Jole PlutPar 13; des 
Areion P 8, 25, 5 ua. 



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62 Allgemeiner Theil. 

in zahlreichen Variationen als Rad, als Kugel, als Scheibe, als Stein, der 
in Feuer glühend durch den Himmel geschleudert wird, aber auch als 
leuchtendes Auge oder Haupt aufgefasst. Und in gleicher Weise wird 
der Mond entweder in seiner Vollmondserscheinung als Rad, Kreis, 
Auge, Stein, oder in seiner Halbmondserscheinung als mächtiger Zahn 
oder Hauer, als Sichel udgl gefasst, während die Sterne zu futikelnden 
Steinchen oder Lichtern werden. Der Blitz aber ist stets die WaiFe, 
die in den Händen des Himmelsgottes ihre Verwendung findet'). 

Von den Lichtmächten, speciell von der Sonne muss aber noch 
eine weitere eigentümliche Auffassung hier erwähnt werden. Als der 
Mensch mit dem verführerischen Zauber des Goldes in Berührung trat, 
bot sich eine Vergleichung der Sonne mit dem Golde von selbst dar, 
Sie wurde ihm zur Goldkugel^ die der Mensch auf ihrem Gange durch 
den Himmel mit leidenschaftlichem Interesse verfolgte und die auf 
seiner Wanderung dereinst aufzufinden seine Hoffnung und sein Ver- 
langen wurde. So ist die Sage von dem verborgenen oder verlorenen 
Schatze, dem Goldklumpen, dem Nibelungenhorte, entstanden, der im 
fernsten Westen im Okeanos ruht, weil hierher täglich die goldne 
Sonne wandert, hier täglich ein neuer Goldklumpen sich ablagert, dass 
im Laufe der Zeit daselbst ein ungeheurer Schatz von Gold sich an- 
sammeln muss. So ist mit Sonne und Mond die Vorstellung von Gold 
unzertrennlich verbunden. Imgleichen ist aber auch der Himmel von 
Gold und goldnen Dingen erfüllt. Denn von der Sonne strahlt eine 
unendliche Goldfluth aus, welche die Wolken zu wunderbar glänzenden 
Goldmassen umformt^ die nun gleichfalls als Gold gefasst und zu den 
verschiedensten Dingen von der Phantasie umgeschaffen in den mannig- 
faltigsten Variationen im Mythus uns entgegen treten-). 



1) Als Rad AristTh 17 iiXioD tpoxö^; ServEö, 42 rota Solls; Lucr 5,433 etc; 
\g\. des Ixion Rad Dd 4, 69, doch scheint auch ein saxum Ixionis bekannt ge- 
Wesen zu sein PrdbG 3, 37, wie auch der Wind ServG 4, 484 ; SchPdP 2, 39 dabei 
eine Rolle spielt. Die Sagen vom Wagen haben wohl ihren Ausgangspunkt vom 
Sonnenrade genommen: Schwartz l, 8; Kuhn Herabk. 48ff; 95ff. Farbloser ist 
K6xXo€ H 8, 6; AeschPr 91 ; P 504; SophAn 416; EurHec 412; Anaximander Dox 355, 
18. Als a^alpa Dox 349, 16. Als Discus tödtet er durch des Sonnengott Apolls 
Hand EurHel I472; durch Perseus Hyg 63 ; Discus heisst die Sonne Dox 354, 2. 16. 
Als Stein wird der Sonnengott Zeus verschluckt: Stein die Sonne Anaximander 
Dox 348ff; EurO 982Sch; f iioy^uaicty ßöXov. Als Auge der Kyklopes; HsdE267: 
Eur 1094b; AristN285; Th 17; SophAn 104; 879 etc. Mond als Rad der Tyche 
od. Adrastea; xuxXo^ Anaximander Dox 355b; EurPh 1 132. 176; JA 717; Jll55; 
f 997; als Stein P9, 38, 1 ; als Auge AeschSc 390; P428; PdO 3v20; IG, 74; Gesicht 
Praxilla2; Soph7l3; AristOup2, 8; «ÄXavog Euc 352; Hauer der Graeen, Sichel 
des Kronos etc; xipo^ Schwartz 1, JO. Sterne als Augen im Mythos des Argos 
Panoptes, als Steine bei Philosophen, als Lichter oft bei Dichtern. 

3) Licht allg. als Gold PdO 1,1; daher viele goldne Dinge am Himmel 



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Mythopoesie. 63 

Alle diese vorstehend betrachteten Auffassungen erhalten darin 
ihr einheitliches Gepräge dass sie die himmlischen Dinge, Sonne Mond 
und Wolken als unorganische Gegenstände fassen. Sie erscheinen zu- 
gleich wenigstens später meist in untergeordneten Verhältnissen und 
als Accidentia der Götter selbst. Aber dem mythendichtenden Geiste 
sind sie von Haus aus selbständige und lebende gewesen: denn darin 
eben unterscheiden sich jene himmlischen Räder, Scheiben, Sicheln 
etc. von den irdischen Gegenständen dieser Art dass sie persönliche, 
selbst sich bewegende, selbst handelnde sind. Ein Schritt weiter ist 
es nun wenn die Wolken als Bäume oder Pflanzen gefasst werden. 

Dass die Hellenen gleich den übrigen indogermanischen Stämmen 
namentiich in älterer Zeit unter dem Schatten mächtiger Bäume oder 
im Frieden des Waldes von einem Gefühle der Unendlichkeit ergriffen 
gewesen; dass sie gerade in der Stille dieses Waldfriedens intensiver 
das Gefühl der Gottesnähe, eines geheimnissvollen göttlichen Waltens 
und Webens empfunden haben: das wird man gern zu glauben geneigt 
sein. Nichts aber deutet an dass sie in den Bäumen selbst etwas 
Göttliches erkannt haben. Der Baum ist ein Gewächs der Erde wie 
es der Mensch selbst ist. Und wie sich dieser nicht selbst vergöttert 
hat, so hat er auch den Baum nicht v^ergöttert, der wohl entsteht, 
wächst und lebt, aber auch stirbt und vergeht gleich dem Menschen 
und allen Erzeugnissen der Erde. Der irdische Baum steht also gleich 
allen lebenden Wesen unter der unmittelbaren Einwirkung des Himmels 
und seiner Mächte: es kommt ihm aber mit nichten etwas spezifisch 
göttliches zu*). Wohl aber sehen wir wie der Mensch am Himmel 



eiQOÄtpT^; 442 6"pövo€; PdN 10,88 Wjiot; Eurj459; SophAn 104; Eur El 54 etc. 
Sonne Gold EurHec636; Hei 182; f 771 etc; Mond H 32,6; PdO 3, 19; vgl Pd222 
AtÖ€ ^«^ 6 XP^^j daher die zahlreichen Cultnamen der Götter vom Golde. Die 
Sage vom Goldschatze Her 3, 116. Goldregen bei der Geburt der Lichtmächte 
von dem herabfluthenden Lichte PdO 7,34; H l, 135; PdP 12, 17; J 7, 5; Pherec 
26; PhilJ 2, 27. Goldne Wolken N523; Z 343- 35o; S 205; PdO 7» 49 Savd-dv dyaYwv 
vtqpiX.av noXi)"^ 5as xjpuoö"^; (302 vs^iXav Syxuov xpnaoii. Daher g'oldner Wagen 
PdP 9, 6; Ol,88; goldne Pferde Pd30, 8; N24; goldner ösojiö^ O 20; goldne 
Aegis Q20; B447; [lizpoL XP^of) des Apoll Ale 2; 5p|iOi H4, 88f; Goldhaar des 
Sonnengotts PdP 2, 25; goldner Becher P5, 18, 3; goldne Äpfel Hyg 185; Apd 
2» 13; goldnes Lamm P 2, 18, 2 ^ goldnes Vliess Apd 1, 109; goldne Schlange 
Arnob5,21; Eurj25. I427; Homer PdO 3, 29; Geschmeide H6, 5; Gewänder 
2518; oxpdfoi H 1, 128; Stab H3, 529. Der Sonnengott Hephaestos schmiedet 
aus dem Wolkenmetall goldne Rüstungen etc; der Sonnenheros Midas besitzt die 
Gabe ut quidquid tetigisset aurum fieret Hyg 191. 

') Die naturwissenschaftliche bezw. philosophische wie die mythologische 
Denkweise stimmt hierin durchaus überein, iudem sie immer wieder den Zu- 
sammenhang der Pflanzenwelt mit der Erde wie die Abhängigkeit ihres Lebens 
vom Himmel betont. 



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64 Allgemeiner ThelK 

einen mächtigen Weltenbaum zu erkennen geglaubt hat. In allen 
höher entwickelten Mythologien tritt uns diese Auflassung welche 
in der gesamten Wolkenbildung einen gewaltigen Baum mit weit- 
verzweigten Ästen erkennt entgegen. Und wie dem Menschen* der 
Westen die Urheimath von Wolken Winden und Wassern ist, so ist 
es nur eine logische Folgerung, dass nun auch der Wolken- oder 
Weltenbaum aus dem Westen emporwächst, um mit seinen Ästen und 
Zweigen sich über das weite Himmelsgefilde auszubreiten. Namentlich 
die Esche ist es, an die sich diese bis in die indogermanische Urzeit 
hinaufreichende Vorstellung knüpft: als Esche breitet der Weltenbaum 
seine mächtigen Äste und Zweige durch den Himmelsraum und wird 
so zur Wohn- und Heimstätte der Götter selbst die in seinen weiten 
Zweigen und Ästen sich bergen, sich setzen, sich ausruhen *). 

Darin tritt nun aber wieder die enge Wechselbeziehung zwischen 
Himmel und Erde uns entgegen dass dieser himmlische Weltenbaum 
zum Urbild und Urahn aller irdischen Bäume wird. Denn wie der 
Mensch zwar nicht sich selbst vergöttert, wohl aber sein Geschlecht 
an die Himmlischen anknüpft, von ihnen herleitet, so verbindet er 
auch die irdischen Bäume mit dem Himmelsbaume. Lässt der letztere 
doch in stetem Wandel seinen Samen, das Nass welches aus ihm 
herabträuft, auf die Erde fallen, unter dem die Gewächse hervorsprossen. 
Es hat also auch hier der Mensch zunächst aus der irdischen Er- 
fahrungswelt den Gegenstand gewählt, mit dem er das himmlische 
Objekt zusammenbrachte und verglich: aber eben dieses himmlische 
Objekt ist im Verlaufe des Apperceptionsprocesses weit über das 
irdische hinausgewachsen und wird nun zu dem mächtigeren, be- 
deutenderen, dem göttlichen, während die irdischen Analoga zu Ab- 
bildern und Nachbildern jenes himmlischen Prototyps herabsinken. 



1) CBötticher Baumkultus der Hellenen 1856. 179ff; JMurr Pflanzenweh 1890; 
Hehn Kulturpflanzen und Ilausthiere 6. Aufl. 1894 betrachten nur die irdischen 
Bäume; Gubernatis mythol. d. plantes 1878 nähert sieb meinem Standpunkte. 
Heiligkeit der Haine allgemein SenEpp 4, 1 2 ; für die Germanen TacG 9; vgl. 
Plinl2, ifl". Weltesche MsXCa Kuhn Herabk. 24ff; Murr 270 von Haus aus die 
gemeine od. Eberesche, die besonders durch ihre rothen Früchte sich auszeichnet; 
auf die Landessage übertragen Kuhn 113—135; als Philyra Hsd 1002; Ap2, 133I; 
PdP4, 103. Als MtXCat, v6(Kpai MtXidds^ Hsd x 86; Callimi,47 uä; daher auch 
das Menschengeschlecht i% fieXifty Hsd E 142 ff. Verbindung mit dem W. Pherec 
33— 33h; Hsd215ff. 275. 335; EurHi735ff; Hf395tfi Ath 3, 25 ; wächst im x^o^ 
0«c5v Pherec; (bxtavoO AristN272; *E9ictp(9(i>v Dd4, 26; loicspCa auXa Eur; 'Hpa^ 
Xsi|id>v Calllm 3, 164: wechselnde Bezeichnungen des westlichen Wunderlandes. 
Der bewachende Drache, Atlas, Okeanos, Quellen, Höhlen, Baum — alles das 
sind bekannte Auffassungen wie sie mit dem westl. Wolkendunkel zusammen 
hängen. Schwartz bat seine Ansicht später modifizirt ZfVölkerps. 20, 89. 



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Mythopoesie. 65 

Wenn wir also von Bäumen hören, unter denen die Götter thaten Und 
leiden, so haben wir es hier in ursprünglicher Auffassung nicht mit 
den irdischen, sondern mit den himmlischen Bäumen zu thun. Denn 
das Leben der Götter liegt im Himmel und erst eine späte Zeit die 
sich des ursprünglichen Begriffs der Gottheit entäussert hatte, hat die 
Götter auf die Erde herabgezogen und hier localisirt Wie der irdische 
Tempel so ist auch der irdische Baum nichts als die Versinnlichung, 
Verbildlichung und Vergegenwärtigung des Himmelsgeiildes und des 
Himmelsbaums. Und in den Akten des Cults hat der Mensch wieder 
das was er am Himmelsbaume sich abspielen sah, an dessen irdischem 
Abbilde — da ihm das Urbild unerreichbar war — in mimetischer 
Darstellung dramatisch vorgeführt^). 

In allen mythischen Bäumen treten uns nun, wenn auch in den 
mannigfaltigsten Variationen, Eigenschaften und Beziehungen wunder- 
barer Art entgegen und diese lassen sich nur aus ihrem ursprünglichen 
Wesen als himmlische Bäume erklären. Vor allem haben sie die Gabe, 
die der Wolkenbildung eigentümlich ist, dass sie die Götter verbergen 
und verstecken. Und da dieses Verstecken leichter hinter dichtem 
Gebüsch sich vollzieht, so hat die Mythendichtung das krause Gewirr 
der Wolkenbildung, welches ja thatsächlich meist mehr als ein dichtes 
undurchdringliches Gestrüpp erscheint, dem entsprechend in die mannig- 
faltigsten Formen von Gebüsch und Gestrüpp umgestaltet, in dem sich 
nun vor allem der Sonnengott und die Mondgöttin freiwillig varstecken 
oder gezwungen verborgen werden. Und der Cult hat diesen himm- 
lischen Vorgang wieder nachahmend an den Bildern, den Repraesen- 
tanten der Götter selbst ^vorgenommen. Und es ist nur eine andere 
Form dieser Vorstellung, wenn sich die Götter bezw. ihre heroisirten 
Vertreter im Baume oder im Gebüsche aufhängen: so scheinen Sonne 
und Mond in dem Geäst und Laubwerk des Wolkenbaums zu hängen, 
indem sie in ihm rasten und verweilen^). Ferner tritt in den mythischen 

*) Bäume ursprünglich an Stelle der Tempel PUn 12, 3 ff haec fuere numinum 
templa; sie waren also, wie das irdische templum im Sacralrecht Nachahmung des 
himmlischen Varro 117*6; Nissen Templum 2f, so auch ihrerseits zunächst Nach- 
ahmungen, Darstellungen, Verirdischungen des himmlischen Weltenbaums. Ahnlich 
haben wir auch den vrjdg zunächst nur als • die Nachbildung der himmlischen Wohn- 
stätte zu fassen. Daher PlinaO von den Bäumen nur arborum genera numinibus 
dicata; ähnlich PhaedrS, 17 olim quas vellent esse in tutela sua divi legenint 
arbores; LucSacr lof, wenn hier auch in den Worten jbcstxa vaoug tftipOL'^'nz W 
flcuTOlc iiij dotxot iiTfjÖi dvioxioi wotv schon der spätere Gesichtspunkt hervorbricht, 
die Tempel (bezw. Bäume) als die wirklichen Wohnstätten der Götter zu fassen. 
Erst bei den spätem Kirchenschriftstellern Boetticher 1 1 finden sich Angaben die 
Bäume seien als wirkliche Gottheiten gefasst. 

3) Im Myrthengebüsch versteckt sich Aphrodite Serv5, 72; ähnlich Europa 
Ath 15, 22; Calllm 3, 202 f; durch Epheu das Sonnenkind Dionysos geschüut EurPh 



Gitberi, Gotierlobre. '^ 

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66 Allgemeiner Theil. 

Bäumen die alte natürliche Verbindung der Wolke sowohl mit dem 
"Winde wie mit dem Nass hervor. Denn wie mit dem Wolkenbaume 
das geheimnissvolle Rauschen des wehenden Windes, der Sprache der 
Gottheit, unzertrennlich verbunden ist, so empfängt der Baum selbst 
damit die Gabe der Rede und Wahrsagung und auch in dem irdischen 
Abbilde glaubt der Mensch nun die göttliche Sprache hören und 
deuten zu können. Und wie unter dem Himmelsbaume der Quell 
hervorsprudelt, so auch unter den Bäumen der Sage. Und auch darin 
beweisen diese, dass sie nur Abbilder des himmlischen Wunderbaums 
sind, dass sie gleich jenem nicht nur Wasser sondern auch Wein und 
Honig und Milch dh den Himmelstrank spenden. Denn wie das himm- 
lische Nass als das göttliche schlechthin zum Wundertranke geworden 
ist, da die Götter selbst aus ihm schöpfen und sich laben, so wird 
auch der himmlische Baum selbst zum Wunderbaume, von dem dieser 
Himmelstrank, den der Mensch als Soma, als Honig, als Milch deuten 
zu dürfen glaubt, hemiederfliesst *). 

Nur aus dem Wesen des himmlischen Baums heraus ist dann 



651 ff; PhilJ 1, 14; ähnlich H 7» 39; AelVh 3,42; das Hermesbild (= Hermes selbst) 
von Myrthenzweigen verhQllt P 1,27,1; Juven 8, 42Sch; Zeus unter Gebüsch auf 
einem Baumstämme Mionnet 2, 289; im Lattich versteckt sich Adonis Ath2, 80; 
jm Gebüsch gebiert Rhea den Sonnensohn Callim l, 10 f; der untere Theil des 
Dionysbilds von Epheu u. Lorbeer verdeckt P8, 39, 6; Reiser verdecken die 
Spuren H3, 83f; Cultbild der Hera von Zweigen umflochten Ath 15, 12; daher 
Hera selbst öitö TJ Xöyq) geboren P7, 4, 4; vgl. das Bild der Artemis P 3, 16, U. 
Ähnlich Osiris Plutjs 16.42. Pentheus in der Tanne versteckt EurB 106 1; Kastor 
in der Eiche PdN 10, 61. Myrthenzweige = Gewölk Ath 15, 18; Schlangen Theoer 
24,86 etc. Erhängungen: Erigone ServG 2, 389; Marsyas Plin 16, 24O; Phaedra 
P 2, 32, 3; Britomartis Callim 3, 159: Phyllis Plin 16, 108; Melos ServE 8, 37; Cere- 
monie am Artemisbilde P8, 23, 6f; Köpfe in der Areseiche aufgehängt Her 9, 39; 
PhilJ 2, 19. 

1) Redender Baum vor allem die Eiche von Dodona 5 328; Hsd f8o; 
AeschPr832 (vgl. Apd 1,110; Apl,526Sch; 4,585; Lyc 1319); Tauben (vgl. 
hernach) aus ihr weissagend Her 2, 58; SophTri7l; St A(odct)VT]; ServG2, 15. 
Andere redende Bäume PhilVA 6, lO; H 2, 215: Boetticher 163 ff. Von den Blättern 
der Weltesche träufelt Thau Kuhn Herabk. 132!; Saft von besonderer Wirkung 
183 ff; 189 ff. Mit den heiligen Bäumen heilige Quellen verbunden als Abbild des 
Himmels in Dodona Plin 2, 106; AulisB305ff; Delphi Plin 16,88; SchPdNö, 37f; 
PlO, 6, 2; EleusisH 5,99. 272; andere Verbindungen P 8, 23, 3; 2,31,11; 37,4; 7, 5, 1 ; 
Plin 16, 89; Her 7, 26; Boetticher 38. Allg. Boetticher 34 1 f. 263. Der Wasserzauber 
P 8, 38» 3 Nachahmung des himml. Vorgangs (Wasser u. Zweige). Ähnlich lässt 
Rhea durch einen Stab die Quelle sprudeln Callim 1, 30 f; Verwandlungen von 
Holz in Wein H 7, 35 ; AelVh 3, 42. Die spätere Zeit hat hier ausserordentlich 
phantastisch gestaltet indem sie das Nass zu Blut, Thränen etc gemacht hat. Als 
Früchte erscheinen die goldnen |if)Xa Murr 5 7 ff, die wohl auf den Vollmond zu 
beziehen sind, der wie eine mächtige goldgelbe Frucht am Wolkenbaume hängt. 



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M3rthopoesie. d'j 

auch der Glaube an die Verwandlungen in Bäume und Pflanzen zu 
erklären. Ging dieselbe Wolkenbildung, die einst als Baum oder 
Gebüsch aufgefasst wurde,, dem mythenbildenden Geiste später in 
Menschenbildung über, so lässt auch der Mythus diese Übergänge und 
Verwandlungen vor sich gehen, indem er der älteren und der jüngeren 
Auffassung zugleich Rechnung trägt. Und so zweifellos die meisten 
dieser Verwandlungen in Bäume und Thiere von denen die Sage zu 
wissen vorgab, ohne jeden Werth, ein Spiel später Mache sind, so 
würde doch die Mythopoesie nie auf solche Gedanken gekommen sein, 
wenn nicht die Möglichkeit der Verwandlung traditionell festgestanden 
hätte*). Und die unendlich mannigfaltigen Beziehungen von Göttern 
und Heroen zu einzelnen Bäumen und Pflanzen sind, so bestimmt auch 
hier wieder eine späte Künstelei und Spielerei ihr Wesen getrieben 
hat, in ihrem Kerne aus der Verbindung der himmlischen Götter mit 
dem Himmelsbaume entstanden und sind erst nachträglich von einer 
des alten Sinnes und des ursprünglichen Wesens nicht mehr bewussten 
Deutung auf die irdischen Bäume und Gewächse übertragen worden. 
Denn wenn die Götter unter Bäumen geboren werden wie sie unter 
Bäumen und Sträuchern ruhen und der Liebe pflegen: so kann hier 
nur das himmlische Gefilde mit seinem mächtigen Wolkenbaume ver- 
standen werden, mit dem die Götter thatsächlich in ihrem Wandern 
und Ruhen, in ihrem Erscheinen und Sich verbergen ' in innigster Be- 
ziehung stehen^). 

Tritt uns nun schon in dieser Wechselbeziehung zwischem dem 
Himmelsbaume und den irdischen Bäumen ein Übertragen vom Himmel 
auf die Erde entgegen, so erscheint eine solche nachahmende Thätig- 



') Boetticher 254ff; 271 f*; 281. Den allgenieinen Glauben an die Thatsäch«. 
lichkeit der Verwandlungen druckt Empedocles AelHa 12, 7 aus. Röscher will 
viele dieser Sagen, spez. die Verwandlungen in Hunde und Wölfe aus patbol. 
Momenten erklären ASG 1 7, III. Betreifs der einzelnen Verwandlungen in Bäume 
genügt es auf Murr aO zu verweisen. 

') Die zahlreichen Cuitnamen der Götter nach Bäumen im Allg. und nach 
einzelnen Bäumen speziell werden später zu erwähnen sein, da sie von anderm 
Gesichtspunkt aus zu betrachten sind. Lykurg tödtet im Baum seinen Sohn Apd 
3« 35;.Halirrhotios im Baume sich selbst SchAristN 1005; die Cypressen Jungfrauen 
P 8, 24, 4; Platane der Helena Theoer 18,40; Tanne des Pentheus P 2, 2, 7 Hermes 
unter einem Erdbeerbaum P9, 22, 2; 20,3; Zeus unter einer Pappel TheophrHpl 
3,3,4: Hera unter einer Xö^og P 8, 23*4; 7,7,4; Apoll u. Art, unter Palme Öl- 
baum Lorbeer ProbG 3, l : EurJT 1098ff; Serv3, 91 geboren. Zeus u. Europa 
ruhen unter einer Platane Plin 12, 11; TheophrHpl 1,9, 5; Zeus u. Hera unter dem 
hesperischen Apfelbaum Pherec 33a; Jo unter einem Ölbaum Plin 16, 239; Helena 
im Birnbaum P4, 16,2; Athene unter einer Olive v 221. 372; Nemesis unter einer 
Platane P 7,5, 1; Python unter dem Lorbeer begraben EurJT 1245 ff. Apoll sitzt 
in einer Lorbeerlaube P 10,5,9; Dionys in einer Laube P 5, 19, 1 etc. 



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68 Allgemeiner Theil. 

keit noch viel plastischer in einzelnen Culthandlungen, die geradezu 
den Zweck haben das am Himmel geschaute dramatisch darzustellen. 
Denn in dem Aufhängen von Disci, Oscilla, dem Gorgoneion am Cult- 
baume; in dem Schmücken des letzteren mit Lichtern und glänzenden 
Farben kann sich nur die Vorführung und Darstellung des Urbaums 
aller Bäume, des himmlischen Weltenbaums darstellen, an dem das 
Sonnen- und Mondgesicht, die unzähligen wunderbaren Farben und 
Lichter erstrahlen und von dem zugleich das himmlische Nass, dieser 
Same aller Blüthen und Früchte des Erdelebens herabträufelt*). Und 
aus dieser Anschauung heraus ist auch die plastische Kunst selbst 
erwachsen. Hab^P wir schon früher gesehen wie die Wolke als das 
den Leib des Gottes verdeckende Gewand aufgefasst worden ist, so 
können wir uns nicht wundern nun den Baumstamm an die Stelle 
eben dieses Wolkengewands bezw. Wolkenleibs treten zu sehen: er ist 
die plastische Versinnlichung, die irdische Nachbildung der himm- 
lischen Erscheinung. Der Baumstamm mit aufgesetztem Kopfe stellte 
den Sonnengott bezw. die Mondgöttin mit dem allein sichtbaren Haupte 
oder Gesichte und dem unter dem Wolkenbaume verdeckten Leibe 
dar und aus dieser roh sinnlichen Nachahmung hat sich die Kunst 
entwickelt'). Und wie der Mensch hier den Baumstamm als Leib des 

1) Alls:. BoetticherSoff; QOff: Eur3ö2,46 Sitte auf einen Olivenbaum ein 
Gorgoneion zu stecken als Wiederg^abe des Mondgesichts am Wolkenbaume. 
Oscilla Gesichter entsprechen den Disci; später scheinen (ServG 2, 389; Gloss.) 
fölfchlich die laquei pensües statt der oscilla selbst die Hauptsache geworden zu 
sein. Über die Komco die späte aber durchaus glaubwürdige Nachricht Prod b. 
PhotB32l: ein Olivenstamm mit purpurnen und gelben Binden umwickelt, eine 
grosse Kugel und kleinere auf und am Stamme angebracht. Die Eiresione Boet- 
t' eher 393 ff: auch sie die Nachbildung des himmlischen Baums aus dem aller 
Segen wie alles Nass (daher im Gebet Suid tlp Honig: Öl Wein) träufelt. Auch 
hier deuten die weissen und purpurnen Binden die wechselnden glänzenden Farben 
des Himmelsbaums an. V\r\, ähnliche Ceremonien Boetticher 49f; 109 f; 113. 
3Q4 etc: Schmücken des Baums mit Lampen u. Lichtem, mit hellen und purpurnen 
Binden. Gleicher Bedeutung ist das Vliess m der Areseiche Apd 1, 109; wie 
auch sonst Felle (über die hernach) an den Bäumen befestigt werden Boetticher 
rK)ff; 79 f. Fest der Tivita im Heraculte Ath 15, 12. 

3) Über diese ältesten Götterbilder als Pfähle od. Baumstämme TertulIAp 16 
sine effigie rudi palo et informi lig:no; CIemPr4, 16 ^Xa TCtpi^av?) göocva, wie dieses 
einzeln an der Artemis als ^Xov oöx slpYaofUvov, an der kithaeronischen Hera als 
icpip,vov ixxtxo^^vov, der Hera von Samos als oavC^ Ooxtpov tk dvdpiocvtotidiC) an 
der Lindiscben Atbena als XtTov Ido^ ausgeführt wird. Die ältesten Götterdar- 
stellungen waren also Baumstämme mit aufgeseutem Kopfe dem Wolkenbaume 
entsprechend, auf dem sich der Kopf der Sonne bezw. des Mondes erhebt, völlig: 
gleich der Darstellung der Athena durch den Stamm des Ölbaums mit aufgesetztem 
Gorgoneion dh Mondgesicht Eur 362, 46. Ebenso wird sich die wunderbare Dar- 
stellung der Dioskuren als döxava oder dOo ^Xa napdXXYjXa so erklären : auf ihre 



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Mythopoesie. 69 

Gottes fasst, so hat er auch die verschiedensten Holztheile unter den 
mannigfachsten Formen mit der Gottheit in Beziehung gesetzt: er hat 
die Wolkenbäume selbst als Lanzen in die Hände der Götter gegeben : 
hat die flammenden Wolkentheile zu mächtigen Fackeln gemacht, die 
von den Göttern im Kampfe geschwungen werden und hat auch sonstige 
Utensilien, Kunstwerke, Instrumente am Himmel zu erkennen geglaubt*). 
In all diesen einzelnen Auffassungen des himmlischen Lebens 
sehen wir eine höchst kindliche und rohe aber doch nicht der Folge- 
richtigkeit entbehrende Phantasie herrschen, Himmel und Erde ver- 
schmelzen zu einer unlösbaren Einheit, aber der Himmel gestaltet sich 
auch hier zu dem mächtigen Prototyp, als dessen blosse Nachbildungen 
und Vergegenwärtigungen die Gebilde der Erde erscheinen. Im Laufe 
der Zeit hat sich hier aber eine völlige Umgestaltung vollziehen müssen, 
da die gereiftere Phantasie allmälig jedes Verständniss der ursprüng- 
lichen Vofstdluhgen und Cültäkte verlor, die vom Vater auf den Sohn 
in ängstlicher Erhaltung der Äusserlichkeiten überliefert schliesslich zu 
starren und unverständlichen Formeln wurden, die sich wie heilige 
Mysterien unfasslichen Inhalts fortsetzten. Zugleich aber haben sich 
hier historische Einflüsse geltend gemacht, die neue Baumarten und 
neue mit diesen verbundene Riten kennen lehrten und damit die alten 
einheimischen Anschauungen erweiterten und zugleich verwirrten'). Vor 
allem aber hat hier eine spitzfindige Combinationssucht und künstliche 
Mache eingesetzt, die das gesamte Pflanzenleben in ihren Bereich zog 
und hier auf Grund einer liebevollen Beobachtung und unkritischen 



enge Zusammengehörigkeit ist Kap. 6 zurückzukommen. Die Sammlungen bei 
Boetticher 215 ff. 226fr etc geben nach dieser Seite hin ein ungeheures Material; 
vgl. noch Overbeck BSG 1864, 121 ff; 239ff; Dümmler Ph 56, 17 ff; HomoUe anti- 
quiss. Dianae simul. 1885 etc. 

*) Hier sei nur erwähnt die Aufrichtung des xpdicatov in Gestalt eines 
Baumes als ßpixotc Ai6( EurPhllSl; die brennenden Baumstämme mit denen 
Giganten und Kentauren den Himmel stflrmen Apd 1 , 40 und unter denen sie be- 
graben werden Ap 1,64; die Umkleidung des Holzstamms mit Erz, mit Gold, mit 
eheiner Rfistung Boetticher 230 ff. Über die Scepter, Lanzen, Stäbe Bttetticher 226. 
232 fH; ihre Verzierung mit Schlangen, mit dem Adler, dem Kukuk etc 235 ff: diese 
Embleme haben von Haus aus eine wesentliche Bedeutung, über die nachher. Die 
Lanzen \kMXlon Hom. 

*) Platane heil. Baum der Perser (Achaemeniden) Her 7, 3i; Ael Vh 2, 14, 
wie der Pelopiden Boett. 1 20f. Dei* zahme Feigenbaum aus Asien mit dem 
DIonyscult in Verbindung Murr 32;' Boett. 439; Hehn94 galt als Culturbringer 
P 1,37, 2; Plut Thes 12.22; Eust(i)34l. Dattelpalme Apolls Boett. 413; Murr 48; 
Granate Aphrodites Murr 50; Lorbeer Apolls Hehn2i6. Der Weinstock vom 
Kaukasus Hehn 65 in den Dienst des Dionysos. Ölbaum Athenes Hehn lOl (seine 
Caltur HsdE unbekannt). Cypresse Hehn 276; Fichte Hehn 290 im Dienst der 
Rhea Dd 5, 66; Amob 5, 7 etc. 



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70 Allgemeiner Theil. 

Deutelei Verbindungen und Bezüge schuf, die von Haus aus nicht vor- 
handen waren und die wir nur zum kleinsten Theile übersehen und 
verstehen können. Farbe und Aussehen, Lebensweise und Name haben 
Anlass gegeben diesen oder jenen Baum, Pflanze oder Blume mit der 
einen oder mit der andern Gottheit in Beziehung zu setzen und spielend 
zu deuten. Keine Ähnlichkeit war so fernliegend, dass sie nicht ver- 
mocht hätte Wechselbeziehungen zwischen Gottheit und Gewächs her- 
vorzurufen. Eine besondere Rolle haben dabei die Etymologisirungs- 
versuche gebildet, durch die man aus Namen und Äusserlichkeiten aul 
die enge Beziehung einzelner Pflanzen zu den Göttern schliessen zu 
dürfen glaubte und wobei die grössten Geister nicht über den kindlich- 
sten Standpunkt hinübergekommen sind. Alle diese Combinationen 
haben wir nur vom Standpunkte der Curiositäten aufzufassen: sie haben 
für die Mythologie und ihren Gehalt keinen Werth*). 

An die Fassung der Wolken als eines weitverzweigten Baums 
knüpft sich nun aber, wie in selbstverständlicher Conseqenz, eine 
andere an. Wie die Vögel der Erde in den Zweigen des irdischen 
Baums sitzen und nisten, so hat die Mythopoesie auch den Himmels- 
baum mit himmlischen Vögeln bevölkert. Und vor allen ist es die 
Sonne die als mächtiger Adler gefasst mit dem Wolkenbaume in Be- 
ziehung tritt. Stolzen Flugs schwingt sich der Sonnenvogel durch den 
Himmelsraum, lässt sich auf dem Wolkenbaume nieder, dringt tief in 
seine Zweige ein und verbirgt und versteckt' sich in seinem Laubwerk. 
Und zugleich wird er mit dem Himmelsgotte eng verbunden, dem er 
die Blitze trägt ufid mit dem er gemeinsam das Dunkel bekämpft. 
In der Sage von Prometheus, von Ganymedes ist der Adler der Sonnen- 
vogel der wie die Sonne am himmlischen Nass sich nährt so hier 
dem Dunkelgotte die Leber aushackt, den das Nass bergenden Wolken- 
heros aufwärts trägt Aber wie der Adler auch als der Vogel schlecht- 
hin gefasst wird, so scheint er auch mit andern Göttern identifizirt zu 
sein, die ja gerade die eine wunderbare Eigenschaft mit dem Vogel 
theilen dass sie sich gleichfalls flugweise durch die weiten Himmels- 



*) Hierauf im Einzelnen einzugehen würde ein Buch für sich erfordern: in 
jedem Namensanklange, in jeder Farben-, Bildungs-, Lebensunance hat die spitz- 
findige Beobachtungsgabe tiefsinnige Beziehungen aufgefunden. Vgl. im AUg. das 
Material bei ßoettichcr und Murr. Man hat dann glückliche und unglückliche 
Bäume unterschieden Macr. 2, l6; Boetticher 303ff; Bäume und Pflanzen die ihres 
Namens, ihres Standorts, ihrer Lebensweise wegen speciell mit der Unterwelt in 
Verbindung gebracht werden. Immergrüne Gewächse weisen auf die Unsterblich- 
keit hin; Blumen gehören der Aphrodite in ihrer spätem speziellen Ausbildung 
als Liebesgöttin ; unfruchtbare Gewächse werden dem Hades geweiht Viele dieser 
Beziehungen einzelner Bäume und Gewächse zu bestimmten Gottheiten jedenfalls 
uralt. Locale Verhältnisse sind hier meist entscheidend geworden. 



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Mythopoesie. 7 j 

räume bewegen »). Und ein Sonnenvogel ist auch der mythische Phoenix, 
der als Träger der Zeitmaasse und durch sonstige characterische Eigen- 
schaften sich als Ausdruck der Sonne, der Reglerin der Zeiten, erweist. 
Es ist der wunderbare Himmelsvogel der in goldnem Glänze dh in 
golden röthlichem Gefieder seinen Flug durch die Himmelsräume nimmt'). 
Anderseits ist aber auch der Mond ein Vogel der gleichfalls im Fluge 
durch den weiten Himmelsraum sich schwingt. Im Dodonaeischen 
Culte scheint er mit der Taube, dem Vogel der Aphrodite, identificirt 
zu sein, während im Culte der Athene die Eule als Nachtvogel sein 
Vertreter ist. Denn der Vollmond erscheint selbst wie ein rundes un- 
heimlich blinkendes Eulenauge; und bietet die Eule als Nachtvogel 
selbst eine unmittelbare Beziehung zum Monde als der Göttin der 



*) Gubernatis Zool, mythol. 1.2. London 1872 mit grossem Verständniss, 
vgl. Keller Thiere Innsbruck 1887; Imhoof-Bluroer u. Keller Thier- u. Pflanzen- 
bilder Lpzg 1889. 'AtSTÖg Keller 236^276, etym. der Flieger, also der Vogel 
Oberhaupt, histor. speziell Gold- oder Steinadler. Der hohe Flug (Hom &cpiniTt](, 
icsT^fttg; AP 9, 222; AristZ9, 33 ^lov |i6vov xöv dpviwv; Zenob 2, 50), der scharfe 
Blick rP675 ö^xaxov ödp>t«oÖ^t) hat die Vergleichung mit der Sonne herausge- 
fordert. Auf Bildw. Blitz in den Krallen od. im Schnabel Keller 244 247; zu 
Füssen des Zeus od. zu ihm aufblickend od. auf seinem Szepter oder auf einem 
Baume neben ihm OJahnBeitr. I2ff; O verbeck KM Gemment. 2. 3; Mflnzt. 2. 3. 4. 
12292 dem Zeus ^CXxaxo^ ola>vd>v; sein Bote Bacchyl 5« 19; B247; Q292; Callim 
1,68; ArisrZ9, 34 Bez. zur Sonne; daher von Hephastos geschaffen HygA2, 15. 
Wie Rigv. der Adler des Indra, Edda Odhin als Adler den Meth raubt, so schlürft 
auch der Adler Ath u, 80 Nektar aus dem Wölk enfe^sen; der letzteressGanymed ; 
ähnlich saugt er dem Dunkel (Prometheus) Tags das Nass aus (Leber) welches 
Nachts sich wieder ersetzt Hsd 523ff. Ähnlich Kampf gegen Giganten^ Drachen 
ua. Zeus als Adler oft. Sage von den 2 Adlern ScbPdP4, 4, nach'Plut def or 
init. K6xvoi, über die hernach. 

*) Die Phoenixsage knüpft an den Adler an Herod. 2, 73; Keller aO 
253flF. Er ist stets vereinzelt, da er nur erscheint, wenn der Vater gestorben, wie 
denn von der Sonne sowohl wie vom Monde oft das |iovoYtvi^ gegenüber der 
wunderbaren Vielfältigkeit der Wolken betont wird. Die Schilderung seines Ge- 
fieders als golden und roth, seine Verbindung mit dem Cp6v xoO HXioo, sein Ver- 
gleich mit dem Adler characterisirt ihn als Sonnen vogel. Wenn der alte Phoenix 
in der Höhlung eines aus Myrrhensträuchem gebildeten Eis verborgen lieget, so 
kann auch das nur auf das Verbergen der Sonne in der Wolke bezw. in der 
Unterwelt sich beziehen. Die Angabe dass das Alter des Phönix an eine Periode 
von 500 Jahren (wofiir später noch phantastischere Zahlen oder solche die in Be- 
ziehung zu bestimmten Kyklen stehen Keller 44 1, 180) gebunden sei bezieht sich 
auf den Sonnencyclus, über den vgl. Kap, 4. Der Name 4>oIvtg mag immerhin 
(Keller 253) -m Anklang an das aeg. bennu gebildet sein: er ist jedenfalls in be- 
wusster Beziehung zu dem Glänze der Sonne so umgestaltet; daher die Darstellung 
des Phoenix mit dem Strahlenkranz Keller 254. 



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72 Allgemeiner Theil. 

Nacht, so erklärt es sich leicht, wie die Eule mit der Mondgöttin in 
Verbindung gebracht ist*). 

In gleicher Weise erscheinen nun aber auch die Wolken mit 
Vögeln verglichen und identifizirt. .Gerade die einzelnen Wolken, die 
bald dunkel- bald hellgefiedert, bald goldglänzend bald farbenschillemd 
ihren Flug durch die Luft vollenden, rufen den Vergleich mit den 
Vögeln von selbst hervor. Und hier ist es namentlich der Schwan, in 
dem die Wolkenbildung nach ihrer helleren oder nach ihrer dunkleren 
Seite personifizirt erscheint. Aber schon bei Betrachtung des Schwans, 
wie er im Mythus verwandt wird, tritt uns der Umstand entgegen, dass 
diese Wolkenthiere so mannigfach im Dienste der Lichtgötter erscheinen. 
Denn die enge Verbindung der Wolke mit der Sonne und mit dem 
Monde, welche letzteren von der Wolke getragen, durch sie im Welten- 
raume gehalten zu werden scheinen, hat die Vorstellung erweckt, 
dass eben die Wolke es ist auf der der Sonnengott oder die Mond- 
göttin sitzend oder ruhend ihren Flug durch die Luft nehmen. Unter 
der Auffassung eines Vogels oder eines sonstigen Thiers wird daher 
die Wolke auf diese Weise zum dienstbaren Geschöpfe welches die 
Lichtgottheit trägt und zieht. Diese Vorstellung nimmt einen ausser- 
ordentlich grossen Raum im Mythus ein*). Aber zugleich kann dieser 



• 1) Allg. Hehn 329ff; über die Dreizabl Kap. 4. Dass die Taube im Culte 
der Aphrodite eine besondere Rolle spielt ist sicher: die Tauben in Dodona be- 
zeichnen die Verbindung: des Aphroditecults mit dem alten Zeusculte. Die auf 
der Eiche sitzenden und weissagenden Tauben sind eine Darstellung des* himmlischen 
Vorgangs bei welchem der Mond als Vogel gefasst In den Aesten des Wolken- 
baums schwebend der Zeitbringer Ist. Übrigens wird auch hier eine der combi- 
natlonslustigen Etymologien der Alten vorliegen, welche die Thatsache, dass 
Tauben («tXttdÖig) etwas wesentliches in dem Aphroditecult waren; und die weitere 
Thatsache dass alte (noiXataC) Priesterinnen (=f Fpalai) diesen Cult bedienten in 
/i^r Weise mit ^inan^cr verschlangen dass sie die letzteren selbst von Haus aus 
Tauben sein bezw. als Tauben sich in Dodona festsetzen Hessen. Daher schon 
Her. 2, 55 die ictX»idö«c als YWotCxK fasst und SchSophT 172 die Identificirung 
derselben erklärt. Im Allg. vgl. noch HeraO von den TitXttdötc dass sie auf 
der Riche sitzend mit menschlicher Stimme reden; Dion 1, 14; Serv 3,466 mit 
menschlichem Gesicht; P 10, 12, 10 $oat YuvatxÄv nponcnQ: hier gehen die Fassungen 
der Mondphasen bezw. -priesterfnnen als Tauben und als Ypatai in einander über. 
Athene selbst rXauxömg Eulenauge; Ale 32 rXouxcoiCQ) ; Eur997 yXa.DyBTOji lii^vt); 
Vogel mit weiblichem Menschenantlitz (MMayer Herrn 27,481) Nebenform des 
r.orgoneton. Der doxdXoqpog Apd 1,33; 2,124—126; ProbGl,36; OuM 3, 530ff 
ganz als Vogel der Finsteiniss u. der Unterwelt. 

') OMQlIer Proll 264. Aphrodite von Schwänen gezogen Kalkmann AJb 1, 
231 — 69; ebenso Apoll und seine Schwester: Find 56 Ap. xöxvotg tTCOxoc; Sapph 
147; Wcicker 2, 362 fr. Daher Ale 2 Zeus einen Schwanenwagen glebt; ebenso 
entführt Apoll Kyrene Pherec 9 ini xuxvcov dxrjö^taav; Callim 3, 250; AristAv TöSff; 



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Mythopoesie. 71 

Wolkenvogel als Repraesentant des Dunkeigotts selbst zum Gegner 
der Lichtgötter werden, wie gerade der personifizirte Kyknos in prinzi- 
pieller Feindschaft gegen Apoll und andere Lichtheroen erscheint. Es 
vereinigen sich so in seiner Gestalt die beiden verschiedenen An- 
schauungen von Wolkendunkel, welches einmal in seinem Gegensatze 
gegen das Licht, sodann aber auch in seiner Unterordnung unter 
dasselbe aufgefasst wird^). 

Auch bezüglich der Vögel muss aber bemerkt werden, dass die 
in Combinationen und Deuteleien schwelgende hellenische Phantasie 
die aus der Naturbeobachtung erzielten Erfahrungen dazu verwandt 
hat die ursprünglichen und echten Auffassungen durch künstlich ge- 
machte und spitzfindig gedeutete Züge zu vermehren, wobei wieder 
Farbe Lebensart Aussehen Namen und Zufälligkeiten verwandt werden, 
um Wechselbeziehungen zu schaffen die mythologisch meist ganz ohne 
Werth sind. Die Thatsache aber dass die Wolken, so nahe li^end 
ihre Vergleichung mit Vögeln auch ist, in so vielen Stücken abweichen 
von der Bildung dieser gefiederten irdischen Abbilder, hat dann auch 
bewirkt den Unterschied dieser himmlischen Wolkenvögel von den 
irdischen bestimmt hervorzuheben und jene als die wunderbaren 
grausigen oder herrlich schönen zu characterisiren '). Es muss aber 

HimerO 14, 10. Als Wolkenvögel wohnen die Schwäne wieder im fernsten Westen 
HsdSc3l5f; Ale 2; Eur 775» 32. In ihrer Eiii^enschaft als Wind- und Wolkenvög:eI 
fingen sie, wie die angefahrten Stellen fast einstimmig hervorheben, vgl. auch 
AristZ 9, I ; Ath 9, 49. Leda als Dunkelgöttin in der Gestalt des Schwans Kap. 9 ; 
die Graeen als Mond- und Dunkelgöttinnen gleichfalls xuxv6^op90i AeschPr 795« 
da die innere Verbindung von Mond und Wolke dem Glauben feststand. Daher 
auch Zeus in seiner Beziehung zum Wolkendunkel selbst sich in den Schwan ver- 
wandeln kann Hyg 79; EurHel 19 etc. Übrigens erscheint In älterer Anschauung 
vielfach die Gans anstatt des Schwans, sie wird wiederholt ganz gleich der letzteren 
]m Mythus verwandt Keller 288 ff. 

1) Kyknos HsdSc 57—480; Stesich 12; PdO lo, isSch. Die Characteristik 
desselben als Sohn des Dunkeigotts Ares, ferner dass er den Wanderern {in 
ursprOnglicher Auffassung dem Sonnengotte) die Köpfe abschnitt; seine Feind- 
schaft gegen die Lichtgötter Apoll, Herakles (auch Lykos P 1, 27, 6) lassen ihn 
deutlich als Vertreter des Dunkeigotts erkennen. Der Kampf des Herakles gegen 
ihn ist ein doppelter, ind^m einmal Herakles fliehen muss (PindO 10, 15); das 
andere mal der Sonnengott den,Sieg gewinnt Apd 2, 155: den wechselnden Phasen 
von Lichl u. Dunkel entsprechend. Apd 2,114 lässt den Kampf unentschieden 
bleiben. Einen andern Kyknos kennt die troische Sage auf Tenedos und in Kolonae 
P 10, 14, 2; Dd 5, 83; seine Verwandlung in einen Schwan Ath 9, 49; OvM 12, 145; 
seine Unverwundbarkeit ausser am Kopfe TzL 232 f (dLxpwxo^ Arist Trjx 2, 2) ; seine 
TWfoikri Xtuxi) Hsd b. SchTheocr 1 6, 49 ; Xtuxö^ rr}v xpoidlv Hellan lassen ihn als 
den mit dem stets wandelbaren Mondhaupte wesentlich verbundenen Dunkelgott 
erkennen. Vgl. EngelmannML r, löooff. 

2) Allg. Porph abst3. Falke od. Weihe O237; v85ff; 0526 steht wohl 



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74 Allgemeiner Theil. 

noch einmal hervorgehoben werden, dass die Auffassung der himm- 
lischen Erscheinungen, speziell der Wolken als Vögel durch die Er- 
fahrung selbst aufs bestimmteste indicirt ist. Denn die Bewegung dieser 
göttlichen Mächte durch die Luft scheint aus dem Grunde nur durch 
Flügel bewerkstelligt werden zu können, weil die menschliche Erfahrung 
kein Wesen kennt welches die Himmelsräume durchschneiden kann 
ausser dem Vogel. Wenn wir daher auch im übrigen in menschlicher 
Gestalt aufgefasste Götter häufig mit Flügeln ausgestattet sehen, so ist 
darin noch ein Rest dieser beschränkten Erkenntniss zu erblicken, 
welche wähnt dass die die obern Regionen durchstreifenden Götter 
nur durch den Gebrauch der Flügel dieses auszuführen vermögen'). 
Wir sehen nun aber — und damit werden wir in der Entwick- 
lung dieser Vorstellungsreihe einen bedeutenden Schritt weiter geführt 
— dass die Vergleichung der himmlischen Erscheinungen mit irdischen 
Thieren sich keineswegs auf geflügelte Wesen beschränkt: das ganze 
Thi erreich wird von der geschäftigen Phantasie herangezogen, um sich 
die am Himmel vorgehenden Veränderungen begreiflich und verständ- 
lich zu machen. Und es sind fast ausschliesslich die immer anders 
sich gestaltenden Wolken, in denen die Alten alle möglichen Thiere 
zu erkennen geglaubt haben, wie denn auch uns noch solche Ver- 



stau des Adlers. Der Haushahn (Hehn 314fr) hat als morjfendlicher VerkOnder 
der Zeit Combinationen hervorgerufen. Den Geier wird seine Verbindung mit 
Leichen zum Vogel des Ares gemacht haben Com 2 1 . Nachtigall, Schwalbe, Kukuk 
als Frühlingsvogel; Pfau im Gefieder Bez. zum Sternenhimmel. Bezüglich der 
Sagen die wie Prokne u, Philomele, Keyx u. Alkyone zweifellos echtes Material 
enthalten, ist zu bemerken dass hier ältere dem Himmel geltende Sagen auf die 
Erde herabgezogen und von den hiroml. Vögeln auf die irdischen übertragen sind. 
Kein mythisch sind die Vögel des Memnon P 10, 31, 6 die aus dem aufsteigenden 
Rauche entstehen AelNa 5, 1 ; Plin IG, 74; Serv 1,751 etc. Die stymphalischen VögeJ 
P 8, 22, 4 (auch am Pontos SchAp 2, 382. 1031. 1052); Deutung schon Her 4, 7. 31 ; 
AeschPr993: Wolkenvögel die im Schnee ihr weisses Gefieder schütteln. Ähnlich 
tragen die Sirenen in den Flügeln u. Vogelleibem EurHel 167; Ap4, 898f; Porph 
abst3, 16; die Gorgonen xaxdcTixftpoi AeschPr79S; Apd 2, 40 (inip\y{OLQ xP^o5tc); 
Graeen Apd 2, 38 (Tcryjvd wiötXa); Musen Porph abst3, 16; Harpyien Hsd 268f; 
Boreaden PdP4, 182; Ap 1,219; Eustji 70 «xeptOToC ua Gestalten durchaus noch 
einen halb vogelartigen Character aus dem wir auf ihre ursprüngl. Bz. zu Wolken 
und Winden schliessen dürfen. Vgl. Langbehn DMünchen 1880; KnoU DMühchen 
1888; PrBamberg 18 70. 

^) Porph abst3, 16. So fliegt Hermes 2 345; ^49; HsdSc 220 dji^l tk 
Tcooolv ex« icxepöevxa ni^X%; ArlstAv574 irixsxai — izzip^yA^ x» cpoptl x'dXXot f^ 
d«ol Tcdvü noXXoL Athene trägt Fussflügel CicND 3, 23, 59- Dionys f\>iXot^ (c|>£Xa 
dor. xd Tixepd) P 3, 19» 6. So auch Perseus Eustji 70 ircspiTio'jg ; Pegasus Hsd 284 
dTcoTixa^ievog ; Ikarus Hyg40; Jrls XP^^^'^^P^C H5, 317; die beflügelten Wagen 
des Pelops, Triptolemus, der Nemesis und vieles andere. 



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Mythopoesie. 75 

gleichungen nahe liegen. In der älteren Zeit die nach völlig unkritisch 
das äusserlich und allgemein ähnliche identifizirte, hat diese Ähnlichkeit 
der Wolken mit Thi er gestalten aller Art für die Verständlichmachung 
jener himmlischen Erscheinungen eine ganz ausserordentliche Be- 
deutung gehabt. Je wichtiger dem Menschen die einzelnen Thier- 
gattungen der Erde wurden, desto näher legte sich ihm die Vergleichung 
dieser mit den himmlischen Geschöpfen der Wolkenbildung, die durch 
Gestalt, Farbe, Bewegung und manche besonderen Eigenschaften, auf 
die zurückzukommen, ihre Vergleichung mit den irdischen Wesen zu 
erweisen scheinen. Und war diese Ähnlichkeit nur eben eine ganz 
allgemeine, so lag der Grund hierfür offenbar darin wieder, dass die 
himmlischen als die erhabneren, die göttlichen und wunderbaren weit 
über die irdischen sich erhoben*). So hat die menschliche Erkenntniss, 
allmälig emporwachsend, sich an der Vergleichung jener Wolkenge- 
staltungen mit Thieren niederer und höherer Ordnung gebildet und 
gestärkt, um abschliessend dann den bedeutsamsten Schritt zu thun, 
an die Stelle thierischer Bildung . die menschliche zu setzen und so 
nicht nur dem Sonnengotte und der Mondgöttin sondern auch dem 
Dunkel- und Wolkengotte einen menschlichen Leib zu verleihen. 

Zunächst ist hier eine Auffassung zu erwähnen die wieder an eine 
andere uns schon bekannte unmittelbar anknüpft. Ist die einförmig 
graue Luftmasse ein Meer, so können die in bestimmten Formen aus 
ihr hervortretenden Wolken nur Fische und Seethiere sein. Nament- 
lich ist es der Delphin der mit Vorliebe zur Verknüpfung von Himmel 
und Erde verwandt ist. Wie die Lichtmächte das himmlische Meer 
auf dem Rücken des feindlichen, gebändigten oder freundlichen Wolken- 
delphins zu durchschwimmen scheinen, so werden sie nun auch, wenn 
sie den Himmel verlassen und im Westen ins Meer tauchen, mit den 
freundlichen irdischen Delphinen verbunden, deren sie sich bedienen, um 
von ihnen sich tragen zu lassen. Wenn so die einzelnen schwimmenden 
Wolken mit Fischen und Seethieren verglichen werden, so hat die 



^) Eine Personification der Wolken mag man schon in Äusserungen wie 
EurAI 244 oöpdvtat ölvai vscpiXo^ ÖpO|iatoü; Hei i487f. (&«xaval doXixaüxtvt^ göwopiot 
veqpicov dp6tiOU etc sehen. Besonders instructiv nach dieser Richtung hin ist 
Aristophanes Nubes. So scherzhaft einerseits hier die personifizirten Wolken 
uns entgegen treten, so ist doch nicht zu leugnen dass ihre Auffassung, wie wir 
sie hier vor uns haben, diejenige grosser Kreise zum Ausdruck bringt. Vgl. 
daher 253f ; 270ff; 275ff der Gesang der NscpdXott selbst ; 297; 335ff; 343 «t^aotv ipioiotv 
itewta|jivotot; 346 vscpiXigv Ktvxa6pq> ö^o{av fi icotpÖdtXet ij X6xc|) ij xaupq) — yiywcmoix. 
iMtvy öxt ßo6Xovxat — Xoxoi fegoctcpvy]^ iYivovxo — IXacpot Öt& xoOx' iyivovxo. Während 
sie so in alle möglichen Tbiere sich wandeln, erscheinen sie aber zugleich in mensch- 
licher Gestalt 341 d^xalg «T^aoi -pvatgtv 355. Vgl. auch Arist ivwiv3 xdt iv xotg 
viqpcotv & Tcopttxdl^ouaiv dvd^coTcoi^ xocl Ksvxaupot^ xaxio)^ [lexaßdXXovxa. 



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^6 Allgemeiner Theil. 

Phantasie doch da, wo sie sich nicht mit der Erfahrung irdischer That- 
sachen abzufinden vermochte, nicht gezögert eigengeartete ungeheuer- 
liche Bewohner des himmlischen Meers zu schaffen, die nun je nach 
ihrer Form und Eigenschaft als mehr oder weniger lichtfeindlich oder 
lichtfreundlich charakterisirt werden. Auch nach dieser Richtung bietet 
die griechische Mythologie zahlreiche Beläge*). 

Dieselbe Rolle nun wie diese Meerungeheuer spielen auch die 
Drachen oder Schlangen in allen Mythologieen. Auch sie sind die 
Personification des dem Licht widerstrebenden, von demselben über- 
wundenen Dunkels, wie dasselbe hauptsächlich in der winterlichen oder 
gewitterlichen Wolkenbildung zur Erscheinung kommt. D>er langge- 
streckte Wolkenstreifen, wie er häufig unbeweglich am Himmel steht, 
wird dem Beschauer zum langgestreckten Schlangenleibe der lauernd 
im Hinterhalte liegt um das Licht zu schädigen. Die lichtfeindlichen 
Schlangen der griechischen Mythologie haben die entschiedenste Ähn- 
lichkeit mit den vedischen Schlangen. Die vielen Köpfe, die ihnen 
mit Vorliebe beigelegt werden, können nur aus ihrem himmlischen 
Wesen verstanden werden, welches sie in der That als immer neue 
Wolkenhäupter hervorstreckend, in immer neuen Schwellungen sich 
emporhebend erscheinen lässt. Und ihre Verbindung mit dem Wasser 
ist eben die bekannte, da das Wolkenungeheuer das himmlische Nass 
in sich schliesst, es verbirgt und der Erde vorenthält^). Aber auch 



*) Ober das Meer iMg. 0S3; Delphin Keller 2 11 ff als rascher Schwimmer 
und Wetterprophet, der durch Springen u. Tanzen den Sturm und die Richtung: 
des Winds ankündigt Liebling der Seefahrer; als AtX^övig-if)^ Schoemann Op. 1,343 
Personification des schädigenden Wolken- u. Winterdunkels. Wie die himml. 
Götter, spez. die Lichtgötter (Apoll Artemis Dionys) auf den Wolkenthieren 
reiten bezw. sie bekämpfen, so scheinen sie nun auch, nachdem sie ins Meer g'»- 
taucht sind auf den irdischen Delphinen zu reiten. Sagen von Arlon, Melikertes, 
Enalos Plut sol an 36; Apoll Delphinios. Demeter lUXaiva mit Delphin auf der 
Hand P 8, 42,4; Poseidon inmitten der Delphine AristEq 560; \l96; P 2, 2, 8 etc 
iMrohl schon ganz als Herr des irdischen Meörs. Seeungeheuer ri47; Apd2, 43; 
Serv 6, 446 uva. Eurynome Dunkelgöttin halb Fisch P 8,41, 6; Dd2, 4 Derketo; 
LucDSyr 14; Triton TzL 34 etc. Vgl. De Wahl monstra marina DBonn 1896. 
TQmpelPh 53, 55iff; 51,385ff; 56, 340ff; Festschr. f. O verbeck 1440*; Steuding Jbb 
151, 1858* versuchen für einzelne mythische Gestalten die irdischen Vorbilder 
(Polyp, Krake) nachzuweisen: wir haben jene aber als ursprOnglich himmlischen 
Ursprungs anzusehen, die erst später auf irdische Verhältnisse bezogen sind. 

5) Lenz Zool. 432ff; Maehly Schlange Basel l867: Schwanz Schlangen- 
gottheiten PrBerlin 1858, isff. Die Namen dpdxcov, 69^ von Ötpx-, on- passen 
nur für die himmlischen Schlangen, da die irdischen höchst geringe Sehkraft be- 
sitzen Brehm Thierl. ' 7, l87ff: die unheimlich blickende Beleuchtung der Wolken 
wird hier als leuchtender Blick, wie auch als Feuerschnauben uä gefasst. Ebenso 
das Brausen des Winds als Gezisch PdP 12, 12ff. Beispiele Hsd 298f Echidna halb 



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Mythopoesie. 77 

hier hat die Naturbeobachtung Beziehungen zwischen den himmlischen 
und den irdischen Wesen gesucht und gefunden und hat namentlich 
den Umstand hierfür verwerthet, dass das Wolkendunkel in seinem 
innersten Wesen der Unterwelt angehört, während die Schlange selbst 
durch ihr Hausen in Erdhöhlen und im Finstem gleichfalls wie ein 
Bewohner der Erdtiefe und der Unterwelt erscheint*). Nur aus der 
Vereinigung der an die irdischen und himmlischen Geschöpfe sich 
knüpfenden Vorstellungen und Erfahrungen sind die mythischen 
Schlangen und Drachen verständlich, da niemals die Erfahrung der 
irdischen Wesen allein hingereicht haben würde sie zu den mythischen 
Gestalten zu machen, wie sie thatsächlich im Mythus erscheinen. In 
dem Entwicklungsgange den die Schlange, der Drache nimmt, indem 
er entsprechend der immer mehr erkannten segensreichen Seite des 
Wolkendunkels aus dem absolut schädigenden allmälig zum heil- 
bringenden geworden ist, entspricht er völlig dem Dunkelgotte selbst: 
wir haben den Drakon als die ältere Auffassungsform des Gottes selbst 
zu nehmen'). Und die enge Verbindung der Götter mit der Schlange 



Nymphe halb itiXtüpo^ S91C dtivö^ tt {Jt^YOtc xt; B 72lf; Hsd 824 hundertköpfig; 
vfr\. die lernaeiscbe, pythische Schlange, am Quell Dirke, Hesperidendrache; 
ServEs, 11; Apd 1,105 ; 2,126; Hyg 74 etc; daher Ophion Gegner der Welt- 
ordnung Pherec und selbst Weltherrscher Ap 1, 503. Alle diese Gestalten können 
nur als himmlische Gebilde dh als Personificationen des Dunkels in Wolken etc 
verstanden werden. Und da die Wolkenbildung zugleich ein Fluss so erscheinen 
die Flüsse als öpdxovxt^ Str 424. 458. 253 ua; und daher auch ihre Verwandelbar- 
keit Hyg 31. »So auch die Verbindung mit dem Wolkenbaume: hesper. Apfelbaum 
Pherec 33; Ap4, l43ff Baum mit dem goldnen Vliess; Apd 1,132; P 2, 37,4; 
B305tf; AristL 758; Hes olxot>p6v Oelbaum der Akropolis; Lorbeer in Delphi 
Ath 15,72; EurJT 1245f; Boetticher 204ff; 240ff. Die vergleichende Mythologie 
fasst die myth. Drachen u. Schlangen gewöhnlich als Blitze, kann aber Hlr ihre 
Deutung (Röscher Gorgonen 67ff) nicht ein antikes Zeugniss anftlhren. 

*) Der Öttv6g 59t; Hsd 334 haust ipt|ivi)^ xt60»ot Y*fT)€ — ; daher ArtemOn. 
2, 1 3. So können die Giganten, Sparten einerseits ihre unmittelbare Verbindung 
mit der Erde, anderseits ihre Verbindung mit dem Drachen- und Schlangenge- 
schlecht nicht verleugnen; TExtcov x^vtog EurB 539. Daher auch die Autochthonen 
Kekrops, Erichthonios di[iop^oi oder Siqpui^, dh in ihrem untern Theile schlangen- 
artig. In dieser ihrer Eigenschaft als in der Tiefe der Erde hausend ist dann 
die Schlange zum genius loci geworden Maehly 20, wie sie auch in Gräbern eine 
Rolle spielt. Auch das ist aber nur durch ihre Identificlrung mit der Dunkel- 
gottheit überhaupt geschehen, da die letztere gleichfalls im Laufe der Zeit zu 
einer aus der Tiefe der Unterwelt wirkenden segensreichen Macht geworden ist. 
So wird sie zum Wächter (^uXaxog Her 8,41 olxoupo^; Fest, iusula: vigilantissi- 
mum animal) wie sie auch Bäume, Quellen, Gold (Hes. ö^t^; Ap. 4, 139 Seh) 
schützt. 

5) Hierher gehört die Heilkraft der Schlange (KA Boettiger kl. Sehr 1, looff), 
die eben nur aus dem Wesen der Wolke, ihrem nährenden u. heilsamen Nass zu 



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78 Allgemeiner Theil. 

erklärt sich aus dem ursprünglichen Wesen des letzteren, indem die 
Dunkelgötter selbst aus der Schlange hervorgegangen ihren alten Zu- 
sammenhang nicht verleugnen können, während die Lichtgötter in ihrem 
Gegensatz gegen sie theils im Kampf gegen sie erscheinen, theils sie 
überwinden und bändigen, um nun ihrer Hülfe und ihres Dienstes sich 
zu erfreuen. 

Die Schlangen und Drachen der griechischen Mythologie sind 
also — das muss noch einmal hervorgehoben werden — in dem Aus- 
gangspunkte ihrer Entwicklung himmlischen Ursprungs. Sie sind die 
finstern Dunkelbildungen, die unheimlich über das himmlische Gefilde 
dahinkriechend, aus unzähligen Lichtaugen aufblickend in immer neuen 
Ansätzen aus sich herausquellend das Licht bekämpfen. Aber wie diese 
Wolkenschlangen auch ihrerseits unmittelbar mit der Erde zusammen- 
hängen, aus der sie vor dem Auge des Beschauers hervorkommend 
aufwärts am Himmel kriechen, so hat es der combinirenden Phantasie 
nahe gelegen, jene himmlischen Gebilde mit den Reptilien der Erde 
zusammenzubringen und in natürlichen und künstlich gemachten Zügen 
das Wesen, das Leben und die Wirkungen der himmlischen und der 
irdischen Schlangen in Beziehung zu einander zu setzen*). 

Es ist nun ausser Zweifel dass die mythengestalt,ende Phantasie 
hierbei nicht stehen geblieben ist, sondern dass sie noch einen Schritt 



erklären ist, weshalb der aus der Schlange hervorgegangene nach seiner segens- 
reichen Seite aufgefasste Dunkelgott Asklepios (ihm wesensgleich Trophonius 
SchArislN 508) neben der Schlange die Schaale trägt. Spätere Speculation hat 
dieses natürlich möglichst aus Wesen und Eigenschaften der irdischen Schlange 
zu erklären gesucht, vgl AristZS, 19; SchAristPl 733; Maehly 33. Schlangen wahr- 
sagend oder als Wahrzeichen dienend B 301 flf; Her 1,78; 2,74; PdO 6, 45ff; P 8, 
64; EurB 540Sch; Hyg I40; Plin 10, 137; Apd l, 96 etc. In ihrer Bez. zum Wolken- 
dunkel führt Demeter, Hermes den Schlangenstah ; die Aegis (nachahmend Schilde) 
von Schlangen umringelt HsdSc I44; A26; P 10,26, 3; DIonys mit Schlangen an 
Armen u. Haar; Schlangenwagen; Schlangen imCult; Verwandlungen in Schlangen 
SchNIcTh 1 1. 607; OvM 4, 57lff; SchE 272; SchArat 46; SchPdN 3, 60 ua. Erinyen 
dpdxaivac od. d^toitXöxajiot, Gorgonen dpaxovx6|iQiXXoc AeschPr 7Q8 ; als dLKoxpönaia 
den Kindern in die Wiege EurJ 21. 25. 427 etc. Alles das hat nur Sinn in Bez. 
auf die himmlischen« die Wolkenschlangen als ursprünglich feindliche« allmälig 
aber in segensreiche sich verwandelnde Dunkelgestalten. 

Auch die Eidechse muss von Haus aus ähnliche Bedeutung gehabt haben, 
daher Her 4, 183 ocfv; x. oaopo^ x. xa xoiaöxa xöv &p7csx(üv zusammenstellt; ähnlich 
AristZ 2, 12. Daher Apoll oaupoxxövog Plin 34, 70 und die an sie sich knüpfende 
Mantik St YoXeöxat; P6, 2, 4f; CicDIv 1,20, 39; vgl NicTher 483ffSch; AntLib 24. 
Ahnliche Bedeutung hat der Skorpion Erat 32^ obgleich hier schon das Sternbild 
eingewirkt hat; der Krebs im Kampf gegen Herakles Erat 1 1 ; Apd 2, 79. Alles 
giftige Gewürm aus dem Blut des Ungeheuers Typhon oder der Giganten und 
Titanen entstanden Hsd bei NicTh 10 u. AeschSu 266. 



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Mythopoesie. 7g 

weiter gethan hat, indem sie ausser Vögeln und Fischen nebst Reptilien 
auch Vierfüsser zur Vergleichung mit den himmlischen Erscheinungen 
herangezogen, die letzteren also als vierfüssige Thiere aufgefasst hat. 
Und man kann es zugleich als sicher ansehen, dass den Menschen zu 
dieser apperceptiven Verknüpfung von Himmel und Erde vor allem 
der Umstand bewogen hat, dass er selbst mehr und mehr die hohe 
Wichtigkeit dieser Vierfüsser für sich und seine Existenz erkannt hat. 
Dieser Thatsache gegenüber drängt sich aber eine Bemerkung auf. Je 
höher der Mensch hinaufsteigt in diesen apperceptiven Verknüpfungen 
der irdischen und der himmlischen Wesen, desto bestimmter verzichtet 
er auf die möglichst genaue Übereinstimmung der verglichenen und 
der zu vergleichenden und wendet sich immer entschiedener der will- 
kürlichen Schöpfung seiner Phantasie zu; er verliert den unmittelbaren 
durch das Auge gegebenen Zusammenhang um in freier Thätigkeit 
seine gestaltende Einbildungskraft walten zu lassen. In den Wolken 
mächtige Bäume mit weitverzweigten Ästen und Zweigen, oder gewaltige 
Seethiere und Fische und langgestreckte Schlangen, oder endlich auch 
flatternde Vögel zu erkennen, mag man verstehen und erklären. Wer 
aber Schaafe und Rinder und Ziegen und Schweine und andere Vier- 
füsser in ihnen erkennen will, der muss schon mehr aus der eigenen 
Phantasie hinzuthun, wenn er die Gleichsetzung erreichen will'). Je 
höher also der Mensch in der Vergleichung der himmlischen Er- 
scheinungen mit irdischen Wesen hinaufsteigt, desto mehr verliert er 
den unmittelbaren durch das Auge gegebenen Zusammenhang, desto 
bestimmter verwandelt sich sein Schauen in ein Glauben, desto höher 
steigt er in das Gebiet der Abstraction, der Speculation der willkür- 
lichen Gestaltung hinauf. 

Es ist bekannt in welchem Grade die vedische Mythologie von 
dem Momente der Heerden beherrscht wird. In unzähligen Variationen 
werden uns die Kühe vorgeführt, welche sich durch den Himmelsraum 
bewegen und welche besonders durch ihr wechselndes Farbenspiel das 
Auge auf sich ziehen und aus der Farbe einen Rückschluss auf ihren 
Inhalt, auf das was sie in ihrem Innern, ihrem Euter bergen, zu 
gestatten scheinen. Auch die griechische Mythologie hat dieses Moment 
zu einem hochbedeutsamen gemacht, welches für eine bestimmte Periode 
geradezu die gesamte Mythenbildung beherrscht hat, und auf welches 
zurückzukommen ist. Kühe und Schaafe, Ziegen und Schweine sieht 
also die menschliche Phantasie in dem Wolkengewimmel des Himmels 



^) Doch ist es hoch bedeutsam dass die Auffassung^ der Wolken als Kühe 
in allen indogermanischen Mythologien vorhanden ist und dementsprechend ihre 
Entstehung bis in die indogermanische Urzeit hinaufzurücken ist. 



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8o Allgemeiner Theil. 

und gestaltet nach ihnen die heiligen Geschichten die er von seinen 
Göttern zu erzählen weiss*). 

Neben diesen Auffassungen die in den Wolken Heerden von 
Kühen Schaafen und andern Thieren erkennen, gehen andere her, 
welche die gesamte Wolkenbildung einheitlich zusammenfassend dem 
entsprechend auch die Heerde in einer Gestalt personifiziren. Je be- 
stimmter und energischer der Mensch bestrebt ist die innere und 
wesentliche Verbindung der Wolkenbildung mit dem Dunkelgotte her- 
vorzuheben und den letzteren in der WolkenbHdung selbst zu erkennen 
und anzuschauen, desto unwillkürlicher drängt er dahin, die letztere 
als eine einheitliche Persönlichkeit aufzufassen. Und ist ihm der Gott 
selbst ein männlicher, so liegt ihm nichts näher, als in ihm den Leit- 
stier, den männlichen Repraesentanten der Heerde zu erkennen, der 
zugleich der zeugende, der herrschende, der göttliche ist. So tritt der 
Stier, der Widder, der Bock, der Eber uns entgegen: auch sie sind 
die Wolkenbildung nach ihren verschiedenen Seiten und Erscheinungs- 
formen, indem die Vielheit der Erscheinungen in ihnen zur Einheit 
erhoben wird*). Neben dem männlichen Bocke erscheint aber auch 
die weibliche Ziege in der Amalthea als eine besonders interessante 
Form. Denn in ihr findet sich der ganze Segen, wie die Wolke ihn 



1) Kühe Mittelpunkt des Kampfs zwischen Dunkelgott und Sonnengott, 
daher Eigentum einerseits des Hades, Hermes, Geryoneus ua Vertreter des Dunkel- 
prinzips, anderseits des Helios, Appolion. Dieselbe Rolle spielen die Schaafheerden 
i 298 ff; vgl. das Vliess, goldnes Lamm der Pelopiden etc. Ziegen namentlich als 
Amalthea, über die hernach; des Zeus Nährerinnen etc; daher 'AiYoUcdv A 404; 
Seh A p 1, 1165 ein anderer Okeanos; auf das irdische Meer übertragen cdftQ 
Wellen Artemidi, 12; die Deutung auf Sternschnuppen AristMl,4 (ORossbach 
Jbb 131, 35 ff) Mache; Chimaira ua. 

^ Stier: H 3, 193 6 xowJpog |ioOvo€ ää' dXXcDv xudvto^; Poseidon HsdSc 104; 
Hes xaöpo^; Stieropfer r403; ys etc. Daher wieder die Flüsse (ursprünglich 
der des Himmels) Stiere SophT 11 ; Eurjl2öl; AelVh4, 33. Marx AJb4, ll9ff; 
MMayer AJb 7, 72ff. Die Lichtgötter mit den Wolkenstieren kämpfend (vgl. 
Wernicke Philol. Vers. 40, 282 ff ), oder von ihnen getragen Dd4, 13; Apd3,2; 
3,44; Artemis TaupoTiöXog; feuerspeiende Stiere Apd3, I27ff; Theseus fährt mit 
Stieren P 1,19,1; Stiere die Verwüster des Landes. In dem Kampf des Wolfs 
mit dem Stier der Etym. zu Liebe Lykos Repraesentant des Lichtgotts P 2, 19»4ff. 
Mit dem Stier das Hörn verbunden Apd2, 148; Sch4> 194; Dd4, 35; Str458; 
TzL 50. Ebenso Eber Repraesentant des Wolkendunkels, wie es namentlich wieder 
im Winter schädigend u. vernichtend wirkt: der kalydonische Apdl,66ff; der 
Erymanthische 2, 83 ff; ein Eber tödtet den Adonis Apd3, 183; wird von Apoll 
gezähmt 1,105; von Achill getödtet PdN 3, 47, dem Herakles als Opfer gebracht 
Dd 4, 39. Als Bock Hermes u. Pan, Aegipan, Satyrn bocksartig. Auf dem Bock 
reitet Aphrodite P 6, 25, 1 ; dem EHonysos geopfert Hes ipt^iog. Als Widder 
Hermes, Nebengestalt Phrixos Apd 1,82 ff etc. 



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My thopoesie. 8 1 

birgt ausgedrückt: wie wir sagen «aus der Wolke quillt der Segen», 
so ist Amalthea, die als Ziege gefasste Wolkenbildung die Inhaberin 
der himmlischen Fülle, des Segens von oben. Und wie wir anderseits 
die Wolke als ein Trinkhorn aufgefasst sahen, eben weil aus jener wie 
aus diesem der Trank herausfliesst, so gehen in der Gestalt der Amalthea 
die Auffassungen der Wolke als der die Himmelsmilch, das Himmels- 
nass spendenden Ziege, mit derjenigen der Wolke als des Trinkhorns 
in einander über, wie sie zugleich auch zur menschlich gebildeten 
Persönlichkeit emporwächst, mit der nun in wechselnden Formen Trink- 
horn und Ziege verbunden werden^). 

Neben den Hausthieren treten uns aber noch andere Thiere ent- 
gegen, die der Mensch am Himmel hat wiederzufinden geglaubt. 
Hier ist zunächst der Hund zu nennen, der treue Begleiter und Freund 
des Menschen, der bei der Heerde nicht fehlen darf. Den Ausgangs- 
punkt für die Bildung dieses am Himmel thätigen Hundes hat jeden- 
falls der Wind gegeben, der schnaubend und kläffend über den Himmel 
fährt und die Wolkenheerde zusammen treibt. So bietet er ein passen- 
des Analogon zu dem irdischen Hunde. Wo vier Hunde erscheinen 
bezeichnen sie die Winde der vier Weltgegenden und da der Hund 
wieder, gleich dem Stiere, Widder selbst zum Vertreter des Dunkel- 
gottes wird, so ist auch der dreiköpfige Kerberos und andere Hunde 
ähnlichen Charakters kein anderer als der Dunkelgott selbst in älterer 
roherer Auffassung^) 

Wenn sich so dem Hirten das himmlische Leben, entsprechend 
dem eigenen irdischen, um Kühe und Schaafe, um Ziegen und Schweine, 



') Der Name Amalthea kann von apnia aX^cdoL Schoemann Op 2, 260 nicht 
getrennt werden. SchO 229 ist sie die Ziege, wie sie auch HygA2, 13; Callim 
1, 49; Apd 1, 5 (daher Zenob 2, 49 aXg oOpavCa; Arat 163 ot^ tsp-ij) erscheint, weshalb 
von ihr die Aegis, weil sie eben die himmlische Ziege schlechthin ist. Dagegen 
bei Musaeus 7 hat Amalthea eine Ziege, womit Erat 13 Obereinstimmt. Später 
menschlich gefasst wird ihr Hörn u. Ziege untergeordnet: ihre Genealogie sehr 
wechselnd Pd249; Hyg 182 Tochter des Okeanos. Die OvFs, lllff u. sonst 
gegebenen Erzählungen geben das durch die Tradition überlieferte Material der 
Himmelsscenerie wieder: Baum, Höhle, Versteck, Honig, Lärm etc. 

3) Als Hüter der Heerde 4 Hunde H 3, 195 vgl P 2, 26, 4; Apd 1, 98; Schx 
334 etc. Hund der Hekate Eur959; Hundeopfer P 3, 14. 9; Hes YevexüXXC^. Der 
goldene Hund Schx 518 gleich dem goldenen Lamm; Verwandlung Serv l, 550. 
5, 30. Kerberos Kap. 4. Mit der Auffassung der Wolke als Hund (Wolf) hängt 
der Glaube an .die Verwandlung des Menschen bezw. der Seele in einen Hund 
zusammen (Röscher ASG 17,111; RhM 53, 169 ff; Crusius LCBl 1897, I40; Rohde 
BphW 1898, 27ofi): die vom Leibe sich lösende Seele (als Hauch od. Wind gedacht) 
verkörpert sich in der als Hund od. Wolf gefassten Wolke. Die spätere Mythen- 
bildung ist dann in hohem Maasse durch die Auffassung des Sirius als Hundes 
getrübt Kap. 7. 

Gilbert, Götterlehre. 6 



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32 Allgemeiner Thell. 

wie um Hunde dreht, so ist die mythopoetische Thätigkeit des Jägers in 
anderer Richtung schöpferisch gewesen. Ihm, dessen Sinn und Geist 
nur auf Jagd gerichtet ist, gestaltet sich auch das himmlische Leben 
zu einer Jagd, in der die himmlischen Mächte begriffen sind. Und so 
werden ihm die Wolken zu Hirschen und Rehen, zu Wölfen und Bären, 
denen die Götter in gefährlichem oder fröhlichem Treiben nachstellen. 
Die Raubthiere werden dann speziell von ihrer schädigenden Seite 
aufgefasst, die sich namentlich in dem winterlichen Dunkel mit seiner 
tödtenden Kälte und seinem Nasse zeigt, welches nach langem Kampfe 
von dem ^Lichtgotte überwunden und verjagt wird*). Der Einfluss 
orientalischer Anschauungen hat dann diese Thiere zu Tigern und 
Löwen, zu Panthern und andern Bestien gemacht, die den Lichtgöttem 
widerstrebend endlich von denselben gebändigt, dienstbar gemacht, ge- 
tödtet weiden. Zugleich aber hat auch hier wieder der Mensch da wo 
er sich des Nichtdeckens der himmlischen und der irdischen Geschöpic 
bewusst wird, eigene Gestalten geschaffen, für welche die Erfahrung 
nichts vergleichbares bietet, um durch sie sich den Himmel verständlich 
zu machen. So treten neben den Seedrachen auch vierfüssige Unge- 
heuer auf zum Ausdruck der aller menschlichen Erfahrung spottenden 
ungeheuerlichen Erscheinimgsformen des Dunkels in riesenhaften Wolken- 
massen, in winterlichen Regenströmen, in nächtlichen Finsternissen. 
Hier ist auch der Greif zu nennen der im Übergange vom Vogel zum 
Vierfüsser wieder seine Beziehung zur Wolken- und Dunkelbildung 
nicht verleugnen karm*). 



^) Die Hirschkuh das stete Attribut der jagenden Mondgöttin Artemis^ die 
von derselben begleitet, getragen, gefahren wird Str343; Pd0 3, 29; P 6, 22, IG. 
Aa die Stelle der Iphigenie tritt als Opfer die Hirschkuh Hyg 98 ; auf ihre I>ar- 
stelluog mit goldenen Hörnern wird die osXi^viq xspösoaa eingewirkt haben £urHel 
382; SchPd0 3»53. Der Sonnenheros Herakles jagt sie. Auch dem Sonnengotte 
taneen Hirsche EurAl 853; P IG, 13, 5; Str 683; AeINa 11,7 etc. Hirschjagden dea 
Glaukos P 2, 30, 7; Aktaeon Dd4, 81 ua. Über den Wolf Usener 198flf: ursprüng- 
lich ein dem Apoll feindliches Thier (vgl. Sagen wie P2, 9,7; Ph!lHerio,4; 
Woifsopfer Soph£ öSch) ist er der Etymol. zu Liebe zum Vertreter des Lichts 
geworden. Ebenso im Zeuscult die Verwandlung in einen Wolf u. Rückkehr nach 
einem bestimmten Kyklos PlatoResp 8, 16; P 8, 2, 3 auf das Winterleben der 
Sonne bez. Ähnlich Bär, Verwandlung Hyg 177; Apd 3, lOl, auf den Zorn dh 
das Abwenden des Lichts im Winter bez. 

3) Löwen (FurtwänglerAZ 41 [1883], 159ff) ursprünglich im KybelecultSophPh 
4Gl; Dionys HorC 2, 19, 23; Apoll Apd 1, IG5. Verwandlungen Z 182; Hyg 185; 
Apd 3, 108 etc. Greifen Furtwängler ML 1, 1 742ff; Her 3, 1X6; 4, 13; AeschPr 804 ; 
P 1, 24, 6; Plin 7, lO; SchAeschPr 286. 3Q3 etc, daher die Lichtgötter im Kampf 
mit ihnen (Arimaspen) oder von ihnen getragen. Andere fabelhafte Gestalten 
Echidna vWilamowitz Her. 2, 259fr; Bacchyl 5, 62; Chimaira Engelmann ML 1, 8938*; 
Skylla u. Charybdis Waser DZOrich 1894; Siecke PrBerlin 1884; Sphinx Uberg 



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Mhytopoesie. 83 

Mit der Auffassung der Wolken als Thiere hängt aber noch eine 
andere zusammen, die ein hoch interessantes Licht auf den apperci- 
pierenden Geist der Mythopoesie wirft, die bei aller Mächtigkeit seiner 
phantastischen Gestaltungskraft doch zugleich in jedem Augenblicke 
möglichster Wahrheit dh Wahrscheinlichkeit sich befleissigt. So fern 
es uns einerseits zu liegen scheint in den Wolken Kühe Ziegen udgl 
zu sehen, so verständlich erscheint uns anderseits die Auffassung der 
Wolke als eines Felles, eines Vliesses. Ist nemlich die schwere ge- 
füllte Wolke ein Thier> so erscheint die leichte, ihres Inhalts entleerte 
Wolke wie eine abgezogene Haut, ein Fell, ein Vliess. Und als solches 
nimmt in der That die Wolke im hellenischen Mythus eine bedeut- 
same Stelle ein. Denn bringt gerade die schwere dunkle Wolke den 
Gedanken des Gegensatzes, des Kampfs gegen das Licht zum Ausdruck, 
so wird die leichte flatternde Wolke zur Trophäe, die der siegreiche 
Lichtheld dein feindlichen Thiere abgezogen hat um sich selbst damit 
zu schmücken. In allen Formen tritt uns so die Wolke entgegen. Sie 
wird zum schimmernden Ziegenfell welches der Himmelsgott selbst, wie 
der Sonnengott und die Mondgöttin als Panzer trägt; sie wird zur 
bergenden Hundskappe, da die Wolke die verhüllende schlechthin ist, 
unter der sich das Sonnen- oder Mondhaupt verbirgt; sie wird zum 
goldnen Vliess als Ausdruck des vollen aus der Wolke quillenden 
Segens; sie wird endlich zur wallenden Trophaee, die der Lichtgott 
zum Zeichen seines Sieges lustig im Winde flattern lässt^. 

Die höchste Stufe derjenigen Bildungen die der Mensch zur 
Verständlichung der Wolken aus dem Reiche der Vierfüsser nimmt 



PrLelpzig 1896.- Vgl. aUjr. MHchhoefer Anf. d. Kunst Leipzig 1883, 53ff; Reichel 
vorheH. Götterculte 1897; Cook Journ 14, 8lff; Joubfn Bull 19, öQff; de Ridder 
Bull 19, l69ff; KboII DMiinchen 1888; PrBamberg 1890 etc. Die meisten dfcser 
Ungestalten sind aus dem Orient überkommen. 

*) Als Ziegenfell Aegis ist die Wolke mit dem Himmelsgott Zeus, wie mit 
<fen Lichtgöttern Apollon Athene verbunden, vgl. später. In derselben Bedeutung, 
aber mehr in Bez. auf den Segen des himmlischen Nasses als Dioskodton Polemo 
87f; Fell des Opferthiers im Mythos von Hermes u. Prometheus, das WIddervliess 
hn Httin des Aeetes Apd 1, 129. 132; vgl. PdP4, 241fr; 230f; 68; Simon 21. Aktaeon 
auf Hirschfell Pio, 30, 5; Artemis mit Pantherfell Mitt 5, T. lO; Alalante mit Fell 
des Ebers Apd 1, 70; Bockshaut u. Scblauchtanz SchAristFl I129; Dionysos pisXav- 
aiY^ F ^1 35, 1 oder mit der Nebris; Tydeus u. Polyneikes im Fell des Ebers u. 
Löwen EurPh4ii; Argos mit Stierfell; Gig^anten mit Pardelfellen AristAv 1250. 
von Athene errungen Apd 1, 37. Hierher gehört die Sage vom Hefabfliessen des 
Samens auf ein Stierfell Pd73; vom Ausgleiten auf frischen Fellen Apd 3, 14. 
f>a1*er die Haut als Trophaee vom Sonnenheros Herakles erbeutet. Als verber- 
gen<!e Kappe (xwf,) E 845 (Seh Eust) AristL 751. 757; Röscher ASG 1 7, IH, 45. 
In all diesen Auffassungen ist die Wolke ein Fell oder Vliess welches von Haus 
im Besitz des Dunkelwesens von den Lichtgöttern angeeignet, erobert wird. 

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84 Allgemeiner Theil. 

bietet das Pferd dar. Auch hier ist es die Wolke welche als wild 
dahinstürmendes majestätisches Ross gefasst wird. Es gehört zunächst 
dem Himmelsgotte wie dem Dunkelgotte, der als Ross erscheinen, in 
dieses Ross sich verwandeln kann; es tritt aber nicht minder wieder in 
Beziehung zum Sonnengotte, zur Mondgöttin, die es besteigen, die es 
bändigen, die mit demselben fahren oder auch wohl von ihm abgeworfen 
werden: wechselnde Ausdrücke des Verhältnisses zwischen Sonne und 
Mond einer-, der Wolke anderseits, indem die Lichtmächte in oder auf 
der Wolke erscheinen oder von ihr sich lösend gleichsam von ihr her- 
abzustürzen scheinen. Eine weitere Ausführung dieser Anschauungs- 
weise ist es dann wenn die Wolke zu einem je nach der menschlichen 
Vorstellung von Rossen, Stieren, Ziegen, Hirschen gezogenen Wagen 
wird, dessen sich der Himmelsgott selbst, namentlich aber der Sonnen- 
gott wie die Mondgöttin auf ihren Wanderungen durch die himmlischen 
Gefilde bedienen^). Einer späten Zeit gehört dann wieder jenes 
künstliche Spiel des Verstandes an, in dem der Mensch in der genauen 
Beobachtung der Natur einzelne Thierarten nach Namen, Eigenschaften 
und Zufälligkeiten zu den Göttern in Beziehung bringt: diese Schluss- 
phase mythopoetischer Thätigkeit hat keinen Werth mehr 3). 

*) Areion und Pegasus ältere Formen des Dunkeigotts selbst. Der erstere 
erzeugt vom Himmelsgott Poseidon selbst göttlich W 346, vom Sonnenheros 
Adrastus gezähmt und benutzt (P 8, 25,8; lo), in der Thebais xuavoxaCnQg (Hes 
'Ap((i)v) kann nur als das himml. Wolkenross verstanden werden. Über Pegasus 
Kap. 5 in seiner Bez. zu Poseidon, Hsd28lflf aufs Bestimmteste als Wolkenross 
characterisirt, an den Quellen des Okeanos geboren, von der Erde aufwärts 
fliegend zum Himmel, wo es als Gewitterwolke Donner und Blitz in sich trägt; 
von der Lichtgöttin gebändigt und gezähmt die sich seiner bedient. Ebenfalls der 
Dunkelgoit Kronos in Rossgestalt Hyg 138, Ares tii:tiO€ P 5» 15i 6. Dieselbe Be- 
deutung haben die Flügel- u. Wunderrosse des Triptolemus, Diomedes, Poseidon 
selbst, Pelops, Oinomaos Hyg 84; PdO l, 7lff etc; Milchhoefer Anf. d. K.; Knoll 
PrBamberg I890, lOflf. Sehr interessant die Rosse die ihren eigenen Herrn zer- 
reissen, indem die Wolken sich selbst aufzulösen und zu vernichten scheinen 
PlutParall7; P 6, 20, 8f ; H4, 211; Apd3,44. 77 etc ; vgl. Kap. 7. Dem entspr. 
wird das Jagen der Götter am Himmel zur Wettfahrt indem der Dunkelgott mit 
den eigenen, der Sonnengott mit den gebändigten und dienstbar gemachten Wolken- 
rossen dahinfährt. 

2) Hierher gehört schon die Verbindung der Mäuse u. Heuschrecken mit 
dem Sonnengotte, eben weil jene unter dem Schutze dieses gedeihen; Esel im 
Culte des Dionysos, Hasen mit den Satyrn verbunden etc. Nun werden auch 
bez. der Thiere ebenso wie der Pflanzen wunderbare Eigenschaften herausge- 
funden, die sie mit den Göttern in Verbindung zu setzen scheinen Carus Gesch. 
d. Zool. 41 ff; Lenz aO. Die nüchterne, freilich ihrerseits gleichfalls noch viel 
wunderbares zurück lassende Kritik des Aristoteles hat nicht vermocht, die über- 
lieferten Fabeleien aus der Welt zu schaffen, die bei späteren (Aelian, Plinius etc.) 
wieder erscheinen und dann schon in früher christlicher Zeit auf die Thatsachea 



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j Mythopoesie. gc 

So bietet das himmlische Leben selbst in seinem unendlichen 
Wechsel und Wandel einen geradezu unerschöpflichen Stoff dar, den 
die Phantasie des Menschen formt und gestaltet je nach dem Stand- 
punkte, den er in seiner Entwicklung gerade einnimmt. Denn die 
Vorstellungsformen wie wir sie im Vorstehenden kennen gelernt haben 
spiegeln die Jahrtausende lange Entwicklung wieder, in der der Mensch 
in mühsamem Ringen von den niedrigsten Stufen aufwärts geklommen 
ist, um als Jäger, als Hirte, als Ackerbauer, als Krieger in wechselnden 
Phasen sein Leben zu gestalten. Und diesem eigenen Leben ent- 
sprechend, wie er dasselbe unter dem Zwange der Verhältnisse sich 
schuf, hat er auch das himmlische Leben gestaltet, welches so die ge- 
treue Copie des irdischen wird, wenn auch der Mensch gewähnt hat, 
in dem himmlischen das höhere, das göttliche Vorbild für das eigene 
zu besitzen. Und indem wieder die älteren Vorstellungen neben den 
jüngeren traditionell fortgepflanzt sich erhalten; verschiedene Apper- 
ceptionsreihen neben einander hergehen, die nun die combinations- 
lustige Sage mit einander zu verbinden, in einander zu schieben und 
möglichst auszugleichen beflissen ist; aus der Beobachtung an den irdi- 
schen Geschöpfen Züge in die Sagen von den himmlischen sich ein- 
mischen: wächst der mythische Stoff zu einem bunten Gewirr mannig- 
faltiger, oft sich widersprechender Elemente zusammen. 

Die älteren Vorstellungen werden nun entweder zu untergeord- 
netem Zubehör mit dem die höher und vollkommner aufgefassterf Götter 
selbst umkleidet und geschmückt werden, oder sie werden selbst wieder 
umgeformt um den höheren Vorstellungen sich anzubequemen. Je 
weiter die Entwicklung fortschreitet, desto gewaltiger wächst das 
Material, mit dem jene arbeitet, dichtet, gestaltet; desto unverstandener, 
geheimnissvoller werden aber zugleich die älteren Vorstellungen, eben 
weil das Wissen, der Verstand, das Urtheil des Menschen über den 
Standpunkt hinausgewachsen ist, von dem aus jene Vorstellungen sich 
gebildet hatten. Niemals — das muss aufs bestimmteste behauptet 
werden — würden die irdischen Bäume und Thiere in solche Ver- 
bindungen mit dem Himmel und mit den Göttern gelangt sein: nur 
als ursprünglich himmlische Wesen sind sie zu verstehen. Als solche 
haben sie den Anlass, den Anstoss zur mythischen Gestaltung gegeben 
und sind erst in später Zeit, als die Auffassung der himmlischen Er- 
scheinungen als lebender Wesen dem Bewusstsein sich entzogen hatte, 
auf die irdischen Geschöpfe bezogen und gedeutet worden. Und ge- 
rade aus diesem Entwicklungsgange der Gottheiten selbst erklärt sich. 



und Dogmen des Christenthums bezogen den Physiologus hervorgerufen haben, 
dessen beispiellose Verbreitung im MA beweist einem wie allgemeinen Interesse 
der Stoflf begegnete. Vgl. Lauckert Gesch. d. Physiologus. 1889. 



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86 AUgemeiaer Theil. 

um auch das noch einmal hier hervorzuheben, die ungeheure Ver- 
wandlungsfähigkeit welche den letzteren eigen ist. Denn wenn dieselbe 
himmlische Erscheinung, deren Auffassung in menschlicher Gestalt 
später feststand, früher in der Bildung von Bäumen, Thieren und 
andern Formen erfasst und begriffen war, so mussten ja mit Noth- 
wendigkeit jene Sagen von Verwandlungen sich bilden, die allein die 
älteren Formen des Erfassens, Begreifens und Glaubens mit den jüngeren 
auszugleichen im Stande waren. Nur die Entwicklungsgeschichte, 
welche die himmlischen Mächte in ihrem allmäligen Herauswachsen 
aus älteren roheren in jüngere idealere zurückgelegt haben, bietet den 
Schlüssel für jene Verwandlungsfähigkeit der Götter. 

Blicken wir nun noch einmal auf die verschiedenen Bildungen 
zurück, die wir in der Evolution der Götterbegriffe haben an uns 
vorübergehen sehen, so drängt sich zunächst die Beobachtung auf, wie 
übergewichtlich hier die Wolkenbildung gegenüber der Sonne und dem 
Monde erscheint. In der That haben die Wolkengebilde in ihren ewig 
wechselnden Formen und Farben, in ihren unendlich verschiedenen 
Beziehungen zum Himmel und zu den Lichterscheinungen selbst der 
mythopoetischen Thätigkeit einen geradezu unerschöpflichen Stoff ge- 
boten. Dem gegenüber treten Sonne und Mond entschieden zurück. 
Die klar und eng umgrenzten Gestalten dieser Himmelskörper hat ihre 
Vergleichung wenigstens mit Vierfüssern ausgeschlossen. Anders aber 
ist es bei den semitischen Völkern und unter dem Einflüsse semitischer 
Vorstellungen gewesen. Hier ist die Fassung und Darstellung der 
Sonne als eines Stiers, des Monds als einer Kuh eine ganz allgemeine. 
Und so ist diese von Haus aus fremde Vorstellung auch in die griechische 
Religion eingedrunger). Die in eine Kuh sich wandelnde Jo, die als 
Kuh gedachte Hera zeigen dass wir es hier mit Mythen zu thun haben, 
die von semitischen Anschauungen beherrscht werden, während ander- 
seits der als Stier gefasste Zeus -^ Dionysos gleichfalls nur aus semi- 
tischen Vorstellungen sich zu erklären scheint^), 



1) Das« dff SefaM^ r«sp, di« Pboenik^r dfa SoQfitpgoH als Stier, die 
Mondgöttin als Vi\j^\k ^ufgef;|sst und verehrt bab•|^ \%\ zveifeilos vgX, Kap. 12. 
Immer aber bleibt «§ schwierig in deo gri^hischeo Mythe« n4ch dies^f Richlyog 
die semitischen Elemente ^usi^uscbeideq, da auch n^ch echt hellenischer Anschauung 
der Himmelsgott in seiner Beziehupg auf die Wolkenmasse aU Stier erscheint: 
vgl. oS 8o. In der Sage von Pjsiphae und d^m Minotaurus ist der letztere ^ohl 
sicher als der semitische Sonnengott zu fassen, während wieder die Jo nur als 
durch phoenikische Anschauungen gemodelt« Mondgöttin zu fiassen ist; auch die 
Proetiden werden in Kühe verwandelt ServE 6, 48. Die Kuh des Kadmus P 9, la, 1 
muss auf dw Mond belegen wexdeo, wie d«Bn auch der monslFöf« vitulns Hyg 136 
wohl ursprünglich den Mond bedeutet hat, was hier nissyM-ständUch V9rdr«ht ist. 
Auch der Löwe ist übrigens wiederholt nur als Auffassung def $on9« b^w. der 



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CmOO^Q: 



Mythopoesie. 87 

Wir sind versucht die ganze Beschäftigungsweise der mensch- 
lichen Phantasie mit den himmlischen Dingen, speziell mit den Wolken 
wie ein harmloses Spiel zu betrachten, das unmöglich etwas mit 
religiösem Glauben zu thun haben könne. Eine solche Ansicht würde 
durchaus irrig sein. Denn abgesehen von der Sonne, deren centrale 
Stellung im Weltenleben die Alten erfasst und religiös verwerthet 
haben und abgesehen vom Monde deren Bedeutung wir noch genauer 
kennen lernen werden, sind es gerade die Wolken deren unausgesetzte 
Bewegungs- und Veränderungsfähigkeit das himmlische Leben zu einem 
so bewegten, in immer neuen Erscheinungsformen sich abspielenden 
macht. Da dieselben sich aber selbst bewegen, wachsen und wandeln, 
so sind sie dem Menschen lebende Wesen, die mit vollem Rechte seine 
ganze Aufmerksamkeit, den vollen Ernst seiner Beobachtung heraus- 
fordern. Er ist sich wohl bewusst gewesen, dass wenn er in den 
Wolken Fische und Schlangen, Vögel und VierfÜsser erblickte, diese 
Thiere nicht gleich waren den irdischen. Da sich ihm aber nichts 
anderes zur Vergleichung bot als das was im Umkreise seiner irdi- 
schen Erfahrungen seine Seele erfüllte, so hat er trotz der grösseren 
oder geringeren Unähnlichkeit jene irdischen Geschöpfe mit den himm- 
lischen in der Überzeugung verknüpft, dass die letzteren eben als die 
himmlischen die höheren und die eigengearteten seien*). Denn wie 
stets und überall bildet auch hier der Himmel mit seinem Leben das 
Vorbild für die Erde und irdisches Leben. 

Die höchste Stufe in der Entwicklung der Gottheit ist ihre Fassung 
in menschliche Gestalt. Bekanntlich erscheinen alle Götter später in 
derselben: aber alle weisen zugleich noch die bestimmtesten Merkmale 
auf, dass sie ältere Phasen in ihrer Entwicklung durchlaufen haben, 
ehe sie diesen Abschluss ihrer Bildung erreicht haben. Und sie haben 
diese Übergänge von der Gestalt des Thiers zum Menschen nicht in 
einem Schritte, sondern in immer neuen und verschiedenen Ansätzen 
und Anläufen zurückgelegt. In der Vermenschlichung des Gottes will 
der Mensch offenbar ausdrücken, dass die höchste überhaupt bekannte 
Erscheinungsform der Gottheit zukommt. Diese höchste Erscheinungs- 
form liegt aber offenbar von der wirklichen Erscheinungsform des 
Gottes unendlich viel weiter ab als die älteren roheren Formen. Diese 
letzteren tragen der sichtbaren Erscheinung, der äusseren Bildung 

von dieser ausgehenden Gluth zu verstehen, was nur durch asiatische Einflösse 
sich erklärt. 

^) Dieses Abweichen von dem bekannten Typus der irdischen Parallel- 
geschöpte wird ja oft genug noch bestimmt hervorgehoben, wie wenn die Rosse 
ndt Flügeln begabt sind, die Stiere Feuer schnauben etc; auch die Schlangen und 
Drachen erscheinen fast stets als bestimmt sich von den Schlangen der Erde 
unterscheidend. 



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88 Allgemeiner Theil. 

der einzelnen Gottheit weit mehr Rechnung als die Auffassung der- 
selben in menschlicher Gestalt. Je höher also die Entwicklung der 
Götterformen steigt, desto entschiedener lösen sich die letzteren von 
den in ihnen zur Darstellung gebrachten Gottheiten selbst. Die Gott- 
heiten werden damit immer bestimmter zu Mächten umgeschaffen, die 
über ihren thatsächlichen Erscheinungsformen stehen: die letzteren 
werden den ersteren untergeordnet. So wird der Dunkelgott zu einer 
Gottheit menschlicher Bildung, die den Wolken und Winden, der 
Finsterniss und dem Himmelsnass befiehlt; der Sonnengott zu einer 
solchen auf deren Geheiss die elementare Erscheinung der Sonne ihren 
Weg wandelt; und ähnlich gestaltet sich die Mondgöttin zu einer über 
dem Monde und seinen Wirkungen stehenden Macht, während der 
Himmelsgott zum höchsten Herrscher über alle Himmelserscheinungen 
wird. Je mehr also die Götter von den Naturerscheinungen, mit denen 
sie von Haus aus identisch waren, sich ablösen, desto entschiedener 
werden sie zu fictiven Gebilden der Phantasie die nur noch in ihren 
Beziehungen und Einwirkungen das alte Wesen erkennen lassen. 

Was zunächst den Sonnengott betrifft, so hat seine Entwicklung 
zur anthropomorphen Bildung ihren Ausgangspunkt von der An- 
schauung der Sonne als eines Haupts genommen: dem strahlenden 
Haupte fügt sich der Leib als selbstverständliche Ergänzung an. Und 
ähnlich hat sich die Entwicklung der Mondgöttin vollzogen, deren 
grinsend unheimlichem, in späterer Auffassung leuchtend schönem An- 
gesichte sich wieder der Leib anfügt. Viel schwieriger aber hat sich 
die Anthromorphose des Dunkeigotts gestaltet *). Der Versuch auch in 
die Wolkenbildung menschliche Gestalt hineinzutragen, tritt uns zwar 
verschiedentlich entgegen, kommt aber lange nicht über die Heraus- 
bildung roher und ungeheuerlicher Gestalten hinaus. So sind die 
ersten Versuche der Übersetzung des Dunkels bezw. der Wolkenbildung 
in menschliche Gestalten jene grotesken, aller Erfahrung spottenden 
Hekatoncheiren, Kentauren, Giganten. Wohl legt der Glaube diesen 
Gestalten Menschenantlitz und andere menschliche Merkmale bei, aber 
ihr Leib ist entweder thierisch oder halbthierisch oder wenigstens 
Spuren des Thierischen tragend. Die Kentauren sind aus den Wolken- 
rossen zu menschlicher Bildung heraufgewachsen; die Hekatoncheiren 
entsprechen der vielgeschäftigen Bewegung der Wolkenbildung, die 
gleichsam durch zahllose Hände getrieben einzelne Wolkenstücke nach 
allen Richtungen vorwärts treibt; die Giganten trennt nur das Riesen- 

*) Vgl. hierfür das oS 6l gesagte. Auch für die Anthropomorphose des 
Himmelsgotts wird das Sonnenhaupt den Ausgangspunkt gebildet haben. Das 
Gorgoneion, das Gesicht der Vollmondsgöttin Medusa, das eine Auge der Graeen 
etc sind älteste Auffassungen des Monds, die dann durch Anfügung eines Leibes, 
bezw. eines Mantels später ergänzt sind. 



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Mythopoesie. go 

massige, Ungeheure von den Menschen, wenn auch noch manche Reste 
thierischen Ursprungs an ihnen hängen bleiben. Wenn dann endlich 
der Glaube in den Gestalten des Ares, Kronos, Hermes, Hades den 
letzten Schritt zur Anthropomorphose des Dunkeigotts gemacht hat, so 
ist doch auch nach dieser Richtung hin zu bemerken, dass der Zu- 
sammenhang zwischen der Schlussform und dem Ausgangspunkte der 
Evolution noch in unzähligen Spuren erhalten bleibt. So haben wir 
in den Gestalten der Pane, der Satyrn, der Silene uA noch die Über- 
gangsformen vor uns, durch welche sich die ältere thierische Auffassung 
zu der menschlichen hindurch gearbeitet hat. Und schliesslich tritt 
uns auch der höchste Himmelsgott in menschlicher Gestalt entgegen 
und trägt entsprechend seiner höchsten Stellung im Götterreiche die 
Züge des Herrschers, des Königs an sich*). 

Noch höher endlich — und das ist der Abschluss in der Ent- 
wicklung der Gottheit — steigt der Mensch in das Reich der Phantasie, 
der Abstraction hinauf, indem er seine Götter menschlicher Gestalt 
und menschlichen Wesens nun über sich selbst emporhebt und sie zu 
vollkommenen Vorbildern der Schönheit wie der Tugend, zu Idealen 
seines Denkens und Empfindens, seines Wollens und Strebens macht ^). 

Spiegelt sich so in dem Entwicklungsgange, den die Auffassung 
der Erscheinungsformen der Götter genommen hat, der Gang der 
eigenen geistigen Entwicklung wieder, den der Mensch in der An- 
eignung der irdischen Erfahrungen zurückgelegt hat, so ist nun die 
Ausgestaltung des himmlischen Lebens zugleich ein Abbild und Spiegel- 
bild der gesamten menschlichen Culturent>^'icklung geworden. Auch 

*) Die Verwandlung in alle möglichen Tbiergestalten wird auch später 
noch zB dem Proteus ö 455 ff; der Nemesis Ath8, IG; den Flüssen etc beigelegt. 
Schwüre bei den Thieren AristAv 52oSch; Hes f>ada|idv^O€ öpxog. Beim Dunkel- 
gott ist eine zweifache Auffassung zu verfolgen» indem er selbst als der eigentlich 
unsichtbare erscheint wie Hades, Kronos, woraus schon folgt dass deren Auf- 
fassung u. Darstellung unter menschlicher Gestalt eine künstlich gemachte ist; 
oder indem er direkt mit der Wolkenmassc identifizirt wird, in welchem Falle 
seine Colossalgestalt das characteristische ist. So ist Ares ^ 406 ein Riesenkörper, 
seine Stimme der brüllende Sturm E 859 ff. Dem entsprechend werden auch die 
Dunkelriesen Typhon, Aegaeon, Giganten MMayer Giganten u. Titanen 1887; 
Kentauren RoscherML 2, 1032 ff: EHMeyer Gandharven-Kentauren 1883 (vgL 
Oestr.Mitt 9, 86ff; Gardner Journ 17, 2940) Hekatoncheiren etc mit Riesenleibern 
dargestellt, deren Bez. zu Wolken u. Winden im Gifthauch, zischenden Stimmen, 
Feuerschnauben uä zum Ausdruck kommt, wie sie zugleich schlangenfiSssig, 
scblangenhäuptig erscheinen. Sie wie die Lapithen u. Kyklopen, die Graeen u. 
Gorgonen uva ungeheuerliche Gestalten weisen auf die äheren Bildungen hin, aus 
dexfen erst allmälig der menschliche Typus erwachsen ist. 

^) Die Entwicklung der Göltergestalten, soweit sie in menschlicher Bildung 
auftreten, verfolgt Kekule über die Entstehung der Götterideale. Stuttg. 187 7. 



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gO AJlj^emcioer Theil. 

hierin vollzieht sich also gleichfalls ein grossartiger Process appercep- 
tiver Verknüpfung, indem der Mensch das eigene Thun und Handeln 
in dem Thun und Handeln seiner Götter wieder zu erkennen glaubt. 

Jede Stufe der menschlichen Culturentwicklung weist ein oder 
mehrere Güter auf, deren Erwerbung und Aneignung die beste Kraft 
des Menschen, all sein Denken und Sinnen, sein Arbeiten und Schaffen 
gilt. Und wie sein ganzes Leben um diese Güter sich dreht, nur 
Werth erhält nach dem Maasse, dem Umfange, der Leichtigkeit ihrer 
Erwerbung, so hat der Mensch in dem kleinlichen beschränkten Sinne 
der Alles nach einem Maasse misst dieselben Güter als Kern und 
Mittelpunkt des göttlichen Lebens und Kämpfens auf den Himmel 
übertragen und so den letzteren zum Reflex der Erde gemacht. 

Soweit wir rückwärts zu schauen vermögen, gliedert sich die- 
jenige Zeit der menschlichen Culturentwicklung, die zugleich für die 
Schöpfung selbständiger Mythen thätig gewesen ist, in drei grosse 
Perioden. Die älteste Periode der Geschichte der Menschheit, die sich 
um die primitivsten Anlange der Cultur dreht, hat Feuer und Wasser 
als diejenigen Güter erkannt, die dem Menschen überhaupt eine ihn 
über die thierische Stufe hinaushebende Existenz gewähren*) Es ist 
sehr bezeichnend dass der erste Schritt welchen der Mensch über rein 
thierische Zustände hinausthut in der kunstvollen Zubereitung seiner 
Nahrung besteht. Mit Recht ist hervorgehoben worden, dass die Ent- 
deckung des Kochens eine der grössten Grenzscheiden zweier Cultur- 
periodcn bezeichne, wie man denn auch sehr treffend den Menschen 
das einzige kochende Thier genannt hat. Die Kunst des Kochens ist 
aber wesentlich bedingt durch die Entdeckung des Feuers, seiner Er- 
zeugung und seiner Wirkungen und so kann man denn die Entdeckung 
der Feuerbereitung geradezu als das entscheidende Moment bezeichnen, 
durch welches der Mensch aus dem thierischen Zustande auf eine 
höhere Culturstufe trat^). 



*) Die alte Bedeutung von Wasser und Feuer ist in dem Rom. aqua et 
igni alicui interdicere erhalten; vgl. Plutarch icspl xoO nöxtpov 5d(op f^ icOp xprjp^iAh- 
Tipov. Feuer und Wasser, nicht nur als Weltbildunjfsprinsipien, oft gegenüber- 
gestellt PdO 1, i; Theogn 1245; ArchilQS etc. 

3) Peschel Völkerk.*i39 tagt freilich „noch soll irgend ein Bruchtheil des 
Menschengeschlechts entdeckt werden, bei welchem nicht — die Kenntniss der 
Feuerbereitung angetroffen worden wäre" und wendet sich namentlich gegen 
Lubbock. „Aber niemand, sagt Virchow zur Gesch. d. Kochens DRuodschau 11, 
72 ff mit Recht, wird aus der Thatsache dass es gegenwärtig wahrscheinlich kein 
einziges ganz feiierloses Volk giebt den Schluss ziehen dass es immer so gewesen. 
Einmal muss doch für den Menschen Oberhaupt eine feuerlosc Zeit existlrt haben. 
Das liegt so sehr in der Nothwendigkeit der Dinge, dass zu allen Zeiten die 
Sagenbildung thätig gewesen ist, das Ereigniss der Feuergewinmmg als einen eat- 



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Mytbopoesle. ^ | 

Und in gleicher W^ise hat der Mensch auch in Bezug auf seinen 
täglichen Trank, nach dem ßx lechzte, wenn Hitze und Wanderung und 
Arbeit ihn ausgedörrt hatte, zuerst Anforderungen gestellt, die über 
diejenigen des Thiers hinausgingen. Die hohe Wichtigkeit die man 
zu allen Zeiten dem lebendigen Quell, dem fliessenden Wasser bei- 
gelegt hat; die Sorge bei Anlage der Wohnstätte, des Dorfs, der Stadt 
das speisende Wasser in nächster Nähe zu wissen; die göttliche Ab- 
kunft die allen Landesströmen beigelegt wird — zeigt wie wichtig das 
klare Trinkwasser dem Menschen gewesen ist. Wasser und Feuer, das 
ist Trank und Speise, sind dem Menschen sonach diejenigen Güter ge- 
wesen, welche in der ersten Periode seines Daseins, des ersten Über- 
schreitens seiner rein thierischen Existenz all sein Denken und Sinnen 
ausgefüllt hat, welches ihm der Mittelpunkt seines Kämpfens und 
Arbeitens, seiner Sorge und seiner Freude gewesen ist*) 

In dieser Concentration seines Denkens und Strebens auf die 
beiden grossen Güter des Lebens, Feuer und Wasser, hat der Mensch 
wieder seine Aufmerksamkeit dem Himmel zugewandt und hat entdeckt 
wie hier im Himmel nicht minder Feuer und Wasser die beherrschenden 
und bestimmenden Factoren sind. Um Feuer und Wasser dreht sich 
ihm nun auch das himmlische Leben. Auch die Götter erkennen in 
dem Feuer ein kostbares Gut, wie sie zugleich auch ihrerseits nach 
dem Trank lechzen, am Tranke sich laben. 

Wenden wir uns zunächst der Betrachtung des Feuers zu, so 
kann es keinem Zweifel unterliegen, dass es die Sonne gewesen ist, 
welche diese Vorstellung von dem himmlischen Feuer geschaffen hat. 
Zunächst ist die Sonne selbst, wie wir früher sahen, ein mächtiges 
Feuer welches durch seinen Glanz und sein Licht wie durch die von 
ihr ausstrahlende Gluth als solches sich erweist. Aber von ihr gehen 
auch alle andern Arten des Feuers aus welche der Mensch zu beob- 
achten Gelegenheit findet, Dahin gehört vor allem das irdische Feuer. 
Wenn wir auch nicht wissen unter welcher Form der Mensch dasselbe 
zuerst kennen gelernt hat, so spricht doch alle Wahrscheinlichkeit 
dafür, dass diese Bekanntschaft an dem durch den Blitz in Brand 
gesetzten Baume gemacht ist. Der Blitz aber kam vom Himmel und 
der Mensch hat seine Überzeugung dass der Blitz, das Blitzfeuer ein 
Ausfluss des Sonnenfeuers sei darin ausgesprochen, dass er den Blitz 
durch den Sonnengott selbst verfertigt, den Blitzkeil durch den Sonnen- 



scbeid^ndeii Wendfpmikt der Ci|lturge»chicbt« tu beliehne», •* V^K Plwt aO tö 
TÄv dtv^pcbTCcov oxsdöv |i^vov gXb9 w>pd€ XPfl^^i McU3»9; PIip6, i$8 wolle« von 
eia^olaen Völkern wissen denen der Gebrauch des Feuert no^b unbekannt war. 
ECurtius städtische Wasserbauten der Hellenen 1847 -= GesAbh l, IHfif. 
Vgl. W^lcker 1,652 flf; 3, 5) ff; PlutaO^ x^^i ödatoc o?^w uä^-öv v^ M|iiof C^ 



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02 Allgemeiner Theil. 

gott geschmiedet werden lässt. Aber da der Mensch das irdische Feuer 
in grösserer Nähe zu beobachten Gelegenheit hatte, so hat er an dem 
letzteren in erster Linie seine Kenntniss erweitert und vertieft und 
diese seine gewonnene Kenntniss sodann wieder auf das himmlische 
Feuer übertragen. Das irdische Feuer welches den Baum in Brand 
setzte glänzte und glühte nun nicht blos, es verzehrte, es vernichtete 
auch. War also die Sonne ein mächtiges Feuer, so musste es gleich- 
falls diese auf der Erde beobachtete Eigenschaft besitzen: es musste 
verzehren und vernichten. Und das ist denn auch in der That die 
Wirkung des Sonnenfeuers. Von dem Sonnenfeuer wird die dunkle 
farblose Wolke ergriffen, zunächst beleuchtet, angeglüht, allmälig in 
eine feurige Masse umgestaltet, welche wie ein glühend rothes Flammen- 
meer erscheint. War also wie wir gesehen haben, die Wolkenbildung 
ein weitverzweigter Baum, so war die Analogie zwischen Himmel und 
Erde eine schlagende. Das gewaltige himmlische Sonnenfeuer ver- 
zehrte in derselben Weise den Wolkenbaum, wie das irdische Feuer 
den irdischen Baum. 

So treten uns eine Reihe von Erscheinungsformen des Feuers 
entgegen die sämmtlich auf das Sonnenfeuer als Urquell zurückgeführt 
werden. Von diesem Urherde aus ergreift das himmlische Feuer den 
Wolkenbaum und setzt ihn in Flammen; es durchglüht und erwärmt 
zugleich den Wolkenstrom, in dessen Wassern es zur Erde herabströmt 
um den Feuerfunken, den belebenden zeugerischen, hinabzutragen, ihn 
in den Schooss der Erde einzusenken, dass er in Bäumen und Sträuchern 
wieder emportreibe, welche alle wieder ihrerseits den Feuerfunken in 
sich bergen. Denn der heilige Ritus der Feuerentzündung, welcher 
durch Reiben zweier Hölzer aus diesen die Flamme hervorlockt, zeigt 
dass dem Glauben die Anwesenheit des Funkens, sein verborgenes 
Ruhen in dem irdischen Holze feststand: die heilige Handlung der 
Feuerentzündung entlockte dem Schoosse des Holzes den göttlichen 
Funken, der nun zur irdischen Flamme, zur Opferflamme entzündet 
wurde. 

Die indische Mythologie wie sie sich um die Gestalt des Agni, 
des heiligen Feuers zusammenschliesst, lässt deutlich erkennen dass 
dem Glauben die Einheit dieses göttlichen Feuerprinzips feststand*). 



*) Ober diese 3 fache Erscheinungsform des Feuers vgl. Bergaigne religion 
v^dique i, 11 ff; Oldenberg Religion des Veda 102 ff. Während der erstere ausser 
dem Sonnenfeuer und dem irdischen Feuer das des Blftzes als dritte Form auf- 
gefasst wissen will, hebt der letztere mit Recht hervor, dass die Beziehung auf 
den Blitz eine verschwindend geringe ist. In der That sind die von Bergaigne 
angeführten angeblich dem Blitz geltenden Stellen in nichts beweisend. Anderseits 
aber fragt sich, was wir unter dem Feuer in den Wassern, wie dasselbe meist 
in seiner zweiten Erscheinungsform characterisirt wird, zu verstehen haben. Olden- 



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Mythop^^Qr , . J^ p^ 



Es sind nicht verschiedene Wesen, es sind nur drei verschiedene Er- 
scheinungsformen des einen Gottes, der im Urfeuer der Sonne, in den 
Wolken des Himmels und in den Bäumen und Pflanzen der Erde 
gleichmässig lebt und wirksam sich erweist. Es ist aber zu beachten 
dass hier der Blitz, das Blitzfeuer, nicht als eine besondere Erscheinungs- 
form für sich aufgefasst wird: das heilige Opferfeuer lockt den Funken 
aus den Hölzern hervor; es tritt durchaus als die Nachahmung der 
morgendlichen Neuentzündung des Sonnenfeuers, seiner Neubelebung 
in den kritischen Zeiten der Sonnenwende, der Sonnengleiche auf; 
nichts deutet an dass es sich um eine Nachahmung des Blitzfeuers bei 
jenem heiligen Akte handelt. Auch hieraus erkennen wir also dass 
der Blitz, obgleich sein Feuerursprung aus der Sonne feststand, keines- 
wegs als eine selbständige Erscheinungsform des himmlischen Feuers 
gegolten hat. Seine Auffassung als der feurigen Waffe, welche der 
höchste Himmelsgott gegen das Dunkel gebraucht, ist eben sosehr die 
herrschende und feststehende gewesen, dass dagegen sein Feuerwesen 
— wenn dasselbe auch im allgemeinen als selbstverständlich galt — 
durchaus zurückgetreten ist*). 



berg findet die Erklärung hierfür in der Verbindung des Wassers mit den Pflanzen, 
indem die letzteren — als die Hölzer aus denen das Feuer gerieben wird — die 
Heimath des Agni sind und zugleich aus dem Wasser und durch das Wasser ent- 
stehen, daher diese ein latentes Feuer enthalten müssen. Aber eine solche Ver- 
bindung der dritten Erscheinungsform des Feuers (im irdischen Feuer, dh im 
Holze, in den Pflanzen) und der zweiten in den Wassern wird erst dadurch im 
vollen Maasse verständlich, dass wir die Wasser in erster und ursprünglicher 
Bedeutung als die Wasser des Himmels fassen — der Urquell des Wassers« wie 
wir gesehen haben, von dem alles irdische Wasser sich ableitet — und dass wir 
das Feuer dieses himmlischen Wassers als dasjenige verstehen, welches vom 
Sonnenfeuer aus die Wolke ergreift und damit auch deren Inhalt, das Nass, durch- 
glüht. So sicher es ist dass der Inder auch in den irdischen Flüssen und in dem 
irdischen Wasser überhaupt den Samen des Feuers später gesehen hat, so sicher 
ist es dass die ursprüngliche Auffassung sich auf die himmlischen Wasser bezogen 
hat. Es ist also nur eine andere Ausdrucksform, wenn das Sonnenfeuer den 
Wolkenbaum ergreift. 

*) Über die Kunst durch Reiben zweier Hölzer Feuer zu erzeugen Kuhn 
Herabk. 36fr. Die Kunst ist den Indern Persern Griechen Römern Deutschen 
Kelten gemeinsam, geht also zweifellos in die indog. Zeit zurück. Die betr. 
Sagen und Gebräuche enthalten aber ausschliesslich Beziehung zur Sonne, zum 
Sonnenfeuer, nirgends zum Blitz Das Holzstück in welches zur Entzündung des 
Feuers gebohrt wurde war ein Rad und schon JGrimm hat die Bedeutung des 
letzteren als Bezeichnung des Sonnenrads als zweifellos erklärt. Dem entspr. 
wurde an dem grossen Jahresgerichtstag der Weistümer ein Wagenrad ins Feuer 
gelegt, auch dieses ein Bild der Sonne, wie an dem Sonnenwendfeuer brennende 
Räder od. Scheiben verwandt wurden, als mimetische Darstellungen des Gangs 
des Sonnenrads in den kritischen Zeiten des Jahrs. Nichts dagegen spricht für 



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QiOo^z 



p4 Allgemeiner Theil. 

Der griechische Mythus von der Feuerentstehung ist aus derselben 
Grundanschauung hervorgegangen, wenn er dieselbe auch in selbstän- 
diger Form zur Darstellung bringt. Den Wolkenwassem gegenüber, 
wie sie in der indischen Mythologie in den Vordergrund treten, hält 
der griechische Mythus an dem Wolkenbaume fest: das Sonnenfeuer 
ergreift den letzteren, um ihn zu entzünden, in Flammen zu setzen 
und zu verzehren. Und da der Gegensatz der Sonne und des Wolken- 
dunkels einmal feststand, so hat der Mensch den Vorgang der Wolken- 
cntzündung gleichfalls von diesem Standpunkte aus aufgefasst und ge- 
deutet. Es ist aber eine zweifache Auffassung möglich. Entweder 
greift der Sonnengott selbst den im Wolkendunkel verborgenen Gegner 
mit seinem heiligen Feuer an um ihn oder seine Geschöpfe zu ver- 
nichten; oder der Dunkelgott zündet seinerseits den Wolkenbaum am 
Sonnenfeuer an, um von diesem einen Theil an sich zu reissen, zu 
entwenden, zu rauben, in seiner Höhlung zu bergen. Prometheus ist 
selbst der Dunkelgott der diesen Raub an seinem Sonnengegner vor- 
nimmt, indem er widerrechtlich seine Fackel am Sonnenrade entzündet, 
den heiligen Funken in der Höhlung des Wolkenbaums aufnimmt und 
versteckt und so dem Sonnengotte einen Theil seines Feuers ent- 
wendet *)* 

Wenn hier das Sonnenfeuer als das Urfeuer nur wie ein kost- 
bares Gut erscheint, das im Besitz des Sonnengotts von dem Dunkei- 



den BlHt und mit Recht bebt Hillebrandt i, 368 hervor, dass die unstete Natur 
desselben deiner Entwicklung^ zur Gottheit Oberhaupt unjfünstig sei, womit Olden- 
berg 112 fibereinstimmt. Die Herkunft des Blitzfeuers aus dem Sonnenfeuer wird 
mythol. so ausg^edrfickt, ddss der Sonnengott Hephaestos od. die Sonnenriesen 
Kyklopen den Blitz schmieden. 

*) Prometheus von Scr. mathnämi, manthämi bringt nur den Raub zum 
Ausdruck: es ist das schon vorhandene Feuer welches er stiehlt u. zwar das 
Sonnenfeuer Sapph 145; Jbyc25: Plato Protag 11; ServE 6, 42, während in den 
älteren Quellen HsdEsi; AeschPr Zeus selbst als erster Eigentümer des Feuers 
erscheint. Der narthex genaiint weil Plini3, 126 ignem ferulis optume servari 
certum; doch ist es bedeutsam dass auch hier das Feuer im Innern einer Pflanze 
sich befindet, wie eben auch am Himmel das Sonnenfeuer vom Wolkenbaurac 
umschlossen, aufgenommen, verborgen wird. Die weiteren Folgerungen Kuhns 
Herabk. 17 wonach Prometheus schon in seinem Namen auf die Feuer erzeugung 
deutet sind unhaltbar. Immer wird der Diebstahl, der Raub des Feuers (x6 
xXlTTuetv) durch Prometheus hervorgehoben HsdE 5lf; th 566; AeschPr 109; Apd 1, 
45f; HygA2, 15; PlatoProt. 1 1 , daher dargestellt wie er eilenden Laufs ösft^ 
Xa{i7cd5a i'^spev EurPh 1021 ; 6 Tvjp:f 6po(; ^6^ SophOC 56, während er als ro>pxa8i)€ 
in Bez. zum Stieropfer (vgl. hernach) steht. Hesiod nimmt an dass das Feuer 
ursprünglich im Besitz des Menschen war und von Zeus aus Zorn über des Pro- 
metheus Betrug bei der Stiertheilung wieder entzogen wurde E 9of; aber das wird 
nicht ursprüngUch sein. 



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Mythopoesic. gj 

gegner gleichfalls begehrt, erstrebt, erkämpft wird, so tritt dieses Feuer 
in dem Mythus von der Stiertheilung, dem ersten Opfer in spezieller 
Beziehung auf die Speisebereitung uns entgegen. Auch dieser Mythus 
knüpft unmittelbar an die Natur selbst an und stellt in dem himmli- 
sehen Vorgange ein Vorbild für den Menschen und sein Thun auf. 
Nicht mehr als Baum sondern als ein Stier tritt hier die Wolkenbildung 
auf und die Verbrennung dieses Wolkentiers im himmlischen Feuer 
stellt das Opfer dar welches dem höchsten Gotte dargebracht wird. Die 
Theilung des Stiers in zwei Theile drückt den Erfahrungssatz aus, dass 
jene Wolkenbildung thatsächlich zwei verschiedene Bestandtheile auf- 
weist, deren einer dem Lichte, deren anderer dem Dunkel angehört. 
Der Lichtgott, sei er der höchste Himmelsgott, sei er der Sonnengott, 
schlürft die unter verschiedenen Thicrformen gedachten Wolkenthcile 
in sich ein, die aufwärts sich erhebend in die reine Luftregion ver- 
schwinden. Das ist der Ursprung und Kern des Opfers. Dem beob- 
achtenden Geiste des Menschen folgert sich aus diesem Vorgange die 
Thatsache, dass die Gottheit das himmlische Thier verspeist und seines 
Genusses sich erfreut: daher er nachahmend im irdischen Rauchopfer 
gleichfalls der Gottheit die Gabe bringt, dass das Feuer die Bestand- 
theile der dargebrachten Opfergaben verzehrend sie aufw^ärts führe, wo 
sie von dem Lichte angezogen und aufgesogen verschwinden. Als der 
ursprüngliche Eigentümer des Wolkenstiers bringt der Dunkelgott das 
Opfer dar, welches als prototypisch für alle Opfer gilt. Aber wie der 
Dunkle stets der listige, der verschlagene, der heimtückische ist, so 
tritt dieser sein Charakter auch in der Art des Opfers selbst hervor: 
nur die leichten hellen Bestandtheile des Wolken thiers werden dem 
Lichte dargebracht, während die schweren massigen Bestandtheile zu- 
rückbleiben. Denn nur die leichten hellen Theile der Wolke lösen 
sich in die lichte Höhe auf, während die dunkeln schweren unlösbar 
am Himmel stehen bleiben^). 

Wenn so das Feuer zum Mittel wird im Himmel wie auf Erden 
die Speise für den Genuss zuzubereiten, so wird es nun zugleich zum 



*) Hsd. 534ff. Das Verfahren d€s Prometheus ist die genaue Copie des 
bhnmHscben Vorgangs, bei dem die dunklen Wolkentheile zwar einen finstem Ein- 
druck Bachen, aber doch den guten Inhalt (das Nass) in Sich bergen, während die 
leichteft hellen Theile rwar einen glänzenden schönen Eindruck machen (wieder- 
holt das Xtoxöv hervorgehoben) aber werthlos sind da sie ohne das Nass sind. 
Das weisse Fett, die weissen Knochen entsprechen den leichten lichten Theilen 
des Wolkenstiers, während das von der Haut umschlossene Fleisch die kostbaren 
das btnM&lische Nass bergenden Theile sind. Aus dieser Halbierung sind bei 
Hermes H 3, llSflf zwei Thiere geworden; HygA 2,15. Es ist anzunehmen dass das 
bei dem irdischen Thieropfer Obliche Verfahren den an der Wolkenbildung und 
Wolkenauflösnng beobachteten Vorgang seinerseits nachzuahmen suchte. 



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p6 Allgemeiner Theil. 

Mittel dem Menschen wie den Göttern Waffen Utensilien und Kunst- 
werke zu schaffen. So ist der Sonnengott Hephaestos selbst zum 
Schmiede geworden, der mit seinem Feuer das dunkle Wolkenmetall 
zu den wunderbarsten Kunstwerken gestaltet. Unter seinem glühenden 
Feuer entstehen die goldnen Dinge, die glänzenden Gebilde am Himmel, 
die der Mensch bewundernd betrachtet. So ist mit Recht der Sonnen- 
gott als Eigentümer des Urfeuers der Meister der Schmiedekunst, der 
wieder am Himmel vorbildlich dem Menschen zeigt und vorführt, was 
dieser nachahmend in kleineren Maassen und nur allmäligem Gelingen 
nachbildet. Und beide, der Dunkelgott als der Feuerräuber, der 
Sonnengott als der selbstthätige Feuerbesitzer werden zu Trägern der 
Cultur, da alle Anfänge derselben auf dem Feuer beruhen. Denn das 
Feuer hat thatsächlich den Grund für alle culturelle Entwicklung ge- 
legt; in der Gewinnung des Feuers ist der erste Schritt geschehen, den 
der Mensch über das thierische Dasein hinaus gethan hat; das Feuer 
ist der Grund und Ausgangspunkt aller Kunstfertigkeit, aller Technik, 
aller Erfindung. Und da das Feuer, wie es der Mensch auf Erden 
verwendet, nur ein Abkömmling des himmlischen ist, so sind es eben 
die himmlischen Götter selbst, die als die Anfänger und Begründer 
aller menschlichen Cultur erscheinen*). 

So wird das himmlische Feuer zum Object hochinteressanter 
Mythen. Dem eigenen Leben des Menschen entsprechend, in dem die 
Gewinnung des Feuers und seine Anwendung zur Bereitung der Speisen 
und zur Herstellung von Werkzeugen den Mittelpunkt seines Denkens 
imd Sorgens war, hat sich auch das himmlische Leben um die Ge- 
winnung des Feuers wie um dessen Gebrauch zum Schmieden und zur 
Opferbereitung zusammengeschlossen. 



1) Du Bois-Reymond DRundsch 13, 2l4ff (Reden i» 242) sagt vom Gebrauch 
des Feuers, dass derselbe mit der Sprache am sichersten den Menschen vom 
Thiere trennt und selbst anatomisch ihm das Merkmal einer mit Russ gefärbten 
Lunge aufprägt. Franklin gab dem Menschen den Namen des werkzeugmachenden 
Thiers. Auch Dames betont DRundsch 88, 378f die Bedeutung der manuellen Ge- 
schicklichkeit für die Entwicklung des Menschen. Schilderung der Wohlthaten 
die dem Menschen durch das Feuer werden geben (schon in erweiterter Bez. auf 
die Wohlthaten der Cultur überhaupt) AeschPr lOQff; 445 ff j SophPh 9'27f; Critias 1 ; 
Moschion (FTG77if. 8l3f): PI in 36, 200 : vgl. PrellerPh 7, iff. Des Hephaestos 
Kunstwerke A 008 ; Bioi; 6 igs; 2 1 67. 240. 339; 31O; 2400. 418. 478ff; 8 61 7: 
^280; 117; ü) 75 sind sämmtlich ursprunglich die aus den Wolken gestalteten 
Kunstbildungen. Vgl. AeschPr sooff und vor allem H20, der Hephaestos als Begründer 
der Cultur schildert. Alle indog. Stämme haben den Sonnengott als Inhaber des Feuers 
zum Schmiede gemacht Schrader ^ 21 5ff. Vgl. Plin 36, 200 occurrit mirari nihil paene 
non igni perfici; AeschPr logff Twpög nrifri tj ötödoxotXoj xixvi^g «dcorjg ßpoTOi? 
Tii^ptjve X. lA^YOtg 7t6po€; 234 dqp' o5 TZoXkot^ 4x|ia^oovxat xix'^occ etc. 



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Mythopoesie. 07 

Dem himmlischen Feuer steht das himmlische Wasser, dem Feuer^ 
raube der Wasserraub gegenüber. Haben wir schon früher gesehen,, 
dass der Sonnengott nach antikem Glauben zu seiner Existenz der 
Speisung durch das Nass bedarf, so kann es nicht wunder nehmen dass 
jener sich auf alle Weise des Nasses zu bemächtigen sucht. Und da. 
das letztere Eigentum des Dunkeigotts, so ist damit der Kampf mit 
diesem um den Besitz des Nasses von selbst gegeben. Dieser Kampf 
spielt speziell in der indischen Mythologie entsprechend der eminenten 
Bedeutung welche das Wasser für die Vegetation des Landes besitzt 
eine hervorragende Rolle. Der Dunkelgott, sei er als der «Feind» 
schlechthin oder als der «Einhüller» gefasst, da er die wohlthätigen 
segensreichen Gewässer in sich birgt und dem Himmel wie der Erde 
vorenthält, wird von den Lichtgöttem — dem Himmelsgotte und dem 
Sonnengotte — bekämpft um ihm seinen Besitz zu entreissen *). In der 
griechischen Mythologie ist die Auffassung der himmlischen Wasser eine 
andere. Wohl tritt auch der Sonnengott in mannigfache Beziehung zu 
den Wolkenwassern : in gewöhnlicher Auffassung aber ist es der höchste 
Gott selbst, in dessen Besitz die letzteren gedacht werden ; und werden 
diese Wasser im Hochsommer der durstigen Erde vorenthalten, so 
wendet sich der Mensch an den höchsten Himmelsgott selbst um diesen 
zur Mitteilung seiner Schätze an die Erde zu bewegen^). 

Aber wie das Feuer nicht nur nach seiner elementaren Erscheinung 
und Wirksamkeit, sondern vor allem nach seiner hohen culturellen Be- 
deutung im Mythus erfasst worden ist, so hat nun auch das Wasser 
als himmlischer Trank eine Entwicklung erfahren, die uns einen über- 
raschenden Einblick in den früheren Culturzustand gestattet. Der 
Mensch ist nemlich beim Wasser als Trank nicht stehen geblieben. 
Er hat im Laufe der Zeit kostbarere Getränke sich zu verschaffen ge- 
wusst und auch an diesen kostbareren Getränken hat er seine Götter 
theilnehmen lassen. So hat er zunächst den Honig nicht nur als eine 
kostbare Speise für sich zu verwenden, sondern auch ein wohlschmecken- 
des Getränk aus demselben zu bereiten verstanden^). Und auch an 



1) Allg. Kuhn Herabk. Il8ff; über den Kampf Bergaigne aO l, l84ff; 
25lflf; 2, IQöff; Oldenberg aO I35ff. 

3) Vgl. Kap. 5. Auch in Okeanos 3 246 tritt nur das segensreiche seines 
Wesens hervor, da er freiwillig das zeugerische Wasser spendet. 

3) Röscher hat Nektar und Ambrosia Leipzig 1883 eingehend die enge 
Beziehung des himmlischen Tranks zum Honig nachgewiesen. Der Honig galt 
als ein vom Himmel auf Bäume und Pflanzen niederfallender Thau und demnach 
als eine Himmelsspeise. Zugleich wurde er zu Opfern und als berauschendes Ge- 
tränk in der älteren Zeit verwandt, sodass der aus Honig und Wasser j^ewonnenc 
Meth als das älteste berauschende Getränk der Griechen anzusehen ist. Vgl. 
Hehn 134. 152? Kuhn aO. Dieses himmlische \iiXi hing eben mit der |i*XCa, dem 

Gilbert, G<>tterlebre. ^ 



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98 Allgemeiner Thcil. 

diesem Genussmittel lässt er seine Götter theilnehmen. Sind die vom 
Himmel auf die Erde herabfluthenden Wasser auch thatsächlich Wasser: 
es giebt noch ein anderes Nass im Himmel welches die Götter für sich 
zurückbehalten und allein für sich geniessen. Und wie in den 
vedischen Hymen en die Wolkenkühe und deren Milch und Butter 
in mannigfachen Variationen als die gelben, die honigfarbenen und 
ähnlich bezeichnet werden, indem der Dichter aus dem äussern 
goldgelben Schimmer auf den entsprechenden Inhalt zurückschliesst^ 
so hat der Mensch auch aus dem goldgelben Schimmer der 
Wolke auf den Honiginhalt derselben geschlossen und lässt die 
Götter nun am Honig sich erfreuen. Aber wie ihm immer doch 
die göttlichen Dinge bei aller Gleichheit mit den irdischen an Be- 
deutung und Werth über diese hinauswachsen, so gestaltet sich ihm 
auch der himmlische Honig, mag er ihn als Speise oder als Trank 
fassen, zu einem Unsterblichkeitstrank, den er mit den Namen Nektar 
und Ambrosia bezeichnet*). So wird der himmlische Honig zu einem 
den irdischen weit überragenden Genussmittel, der ausschliesslich fiir 
die Götter bestimmt ist, dass diese sich an demselben laben, um sich 
immer von neuem Kraft und Leben aus ihm zu trinken. Und wie es 
einen Honig am Himmel giebt, so muss es auch himmlische Bienen 



Wolkenbaume zusammen (Hes pieXCT) Äoiccp jiiXt slÖog öivöpou 50«v -ca piXixa), 
wie die Vorstellung dass die Bäume des goldnen Zeitalters von Honigthau ge- 
träufelt haben. VergE 4, 30 etc. Wie der Nektar Spud-pöv e 94, so ist auch der 
Honig gavO-öv, iwppiv, xp^o«^^ "^ Röscher 27A. 

') Nektar u. Ambrosia sind nur zwei verschiedene Ausdrücke eines u. des- 
selben Wesens; Bergk Jbb 81,316fr; 377ff. 'A^ißpooCT) Hom bedeutet Unsterblich- 
keit; vixTap etym. unklar. Zwar treten sie als Speise u. Trank schon 692 her 
vor, doch zeigen Sappho Alcman uA Ath 2, 8 dass diese Scheidung keine fest- 
stehende: die verschiedene Anwendung des Honigs als Speise u. Trank (Röscher 
Nektar u Ambrosia Lpzg 1883; ML 1, 28off) mag in dem Doppelnamen seinen 
Ausdruck finden, doch zeigt die Anwendung derselben dass es sich bei ihnen 
überhaupt um ein himmlisches Nass handelt welches nicht nur zum Genüsse dient. 
Die Verschier'enheit des Göttertranks vom irdischen Honig geht schon daraus 
hervor dass jener unsterblich macht, was niemals vom letzteren gesagt werden 
konnte. Röscher selbst hat dieses 5iff mit Recht gegen Bergk geltend gemacht 
ohne sich dessen bewusst zu werden dass er damit seinerseits» selbst die schwersten 
Bedenken ge^en die Identität des Honigs mit Nektar u. Ambrosia erhebt. Stellen 
wie |i6.': Ai' 11,80; EurHi 748 ua schüessen jede Beziehung auf den irdischen 
Honig aus. i er irdische Honig ist eine inferiore Nachbildung des himmlischen 
Uhsterblichkci stranks; so ist auch die Opferceremonie des Soma nur Nach- 
ahmung der 1 rrmiischen Ceremonie Hiilebrand 1, 13. Übrigens ist auch das Gras 
welches die C tterrosse fressen Ath 7, 48 wie die asC^tüO^ nöa Aesch 27 ; P 9, 22, 7; 
SchAp 1,13 dd'dwT.zoQ ßoxdvTj wesentlich nichts anderes als die Himmelsspeise 
Oberhaupt. 



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Mythopoesie. go 

geben die jenen kostbaren Trank bereiten und welche mit demselben 
die Götterkinder nähren, dass dieselben herrlich und göttlich gedeihen 
und emporwachsen*). 

Aber beim Honig ist der Mensch nicht stehen geblieben. Es ist 
eine merkwürdige Thatsache dass die indogermanischen Stämme früh 
schon ein Mittel gesucht oder gefunden haben, welches im Stande war 
den Geniessenden in einen Zustand einerseits des erhöhten Kraftgefiihls, 
anderseits der Trübung des klaren Selbstbewusstseins zu versetzen. Der 
indische Somatrank, das persische Haoma, der Wein der Hellenen, das 
Meth der Germanen sind in dem Zwecke dem sie dienen gleichwerthig. 
Auch diesen Trank hat wieder der Mensch an den Himmel über- 
tragen und hat gewähnt auch im Himmel sei er bereitet für die Götter. 
Betrachtete der Mensch den wunderbaren Trank als ein kostbares 
Gut, so musste auch der Himmel theil an ihm haben ; liebte der Mensch 
den aufregenden Trank, so mussten auch die Götter an ihm Gefallen 
finden; berauschte sich der Mensch — auch die Götter thaten es. So 
ist das Nass des Himmels — dasjenige wenigstens um dessen Besitz 
sich die Himmlischen bemühen — zum Soma, zum Weine geworden 
und die wilden Bewegungen, in denen die himmlischen Erscheinungen 
dem Auge des Menschen entgegentreten, werden nun zu lustigen 
Sprüngen und üppigen Schwärmereien der Zecher und der Trunkenen'). 

So gestaltet sich auch nach dieser Richtung die Beziehung 
zwischen Himmel und Erde zu einem innigen Wechselverhältniss, 



1) Die Saj^e von den Upcd piXiooai als xpoqpoC des Zeus AntLib 19; Dd 5, 70; 
Hyg-A 2, 1 3 ; Apd l , 5. Personifizirt zu Nymphen, Töchtern des Melisseus etc 
SchPdP4, 104; Didym b. Lactant 1, 22^ 19; Porph antr. 18: hier ist die Nennung 
der Köre als pieXtTCO^g — oeXi^VTjv xs oSoav ycvioscög icpooraxCÖa jiiXiooav ixdXoüv 
— höchst beachtenswerth, wenn man sich erinnert dass Sonia selbst als Mond 
bezw. dieser als Soma aufgefasst wurde. In der That ist es höchst wahrschein- 
iich dass wir in den piXcaaai die Mondphasen (Kap. 4) zu erkennen haben welche 
das himmlische Nass zubereiten. 

») Vgl. im AUg. Hillebrand aO 1, 263«"; Windischmann Abh. d. Bayr. Ak. 
1846. 127ff; Kuhn HerabkiiSfl; Hehn 65ff. Übrigens handelt der ganze erste 
ßand von HillebranJs vedischer Mythol. von Soma und verwandten Göttern. Das 
richtigste über die ursprüngliche Bedeutung des berauschenden Tranks bietet noch 
immer Kuhn 130ff. Die Somapflanze ist Nachbildung der himmlischen Pflanze, 
deren goldgelbe Farbe man in der Pflanze bezw in dem Somatranke nachzuahmen 
suchte. Daher richtig Gubernatis myth. d. plantes 2, 35 1 le soma de la terre 
n'etait que symbolique du soma du ciel; vgl. Hillebrandt 1,277- Dass auch der 
Sonnengott zum himmlischen Nass in Beziehung trat zeigt Hephaestos als Mund- 
schenk A571: vgl. Kap. 8, auch ist es höchst beachtenswerth welche Ähnlichkeit 
zwischen Hephaestos und dem ind. Tvashtar herrscht. Über den Wein Hehn ösff : 
die schwärmerischen Umzüge des Sonnengotts Dionysos sind nichts als die Nach- 
bildungen seines himmlischen Triumphzugs. 



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lOO Allgemeiner Thell. 

welches dort wie hier die gleichen Güter wie die gleichen Neigungen 
schafft. Die Erfindung und Anwendung des Feuers zur Speisebereitung 
und zur Anfertigung von Werkzeugen hat ebenso wie die Schaffung 
eines Getränks, mag dieses nun das klare sprudelnde Wasser oder ein 
kostbarerer, ein berauschender Trank sein, das Menschenleben und das 
Leben der Götter in gleicher Weise beherrscht und in den Mythen vom 
Feuerraube und Wasserraube, von dem Speiseopfer und vom Unsterb- 
lichkeitstrank, von der Schmiedekunst des Sonnengotts und der cul- 
turellen Thätigkeit des Dunkeigotts entsprechenden Ausdruck gefunden. 

Wenn die Gewinnung von Feuer und Wasser dh in erster Linie 
von Speise und Trank die erste Stufe in der Entwicklung der mensch- 
lichen Cultur bezeichnet, so ist der zweite Schritt zur Bezwingung der 
Natur die Zähmung derjenigen Thiere deren der Mensch wegen ihrer 
Milch, ihres Fleisches, ihres Fells, ihres Horns bedurfte. Von nun an 
bildet die Heerde von Schaafen Kühen Ziegen den Mittelpunkt seines 
Lebens; die Sorge für die Erhaltung dieses seines Besitztums treibt 
ihn aus seinem Sitze, zwingt ihn auf die Wanderung zu gehen, die er 
plan massig zu dem Zwecke anstellt, stets neue Nahrung für seine 
Heerde zu suchen. Für ihn wird jetzt Leben nnd Heerdenhüten eines : 
kein höheres Gut kennt er als seine Heerde. Auch diese seine eigene 
Beschäftigung hat er an den Himmel übertragen. Die ziehenden 
Wolken werden ihm zu Heerden; um den Besitz derselben ringen der 
Dunkelgott und der Sonnengott; das Himmelszelt wird zur Weide; die 
sich auflösende Wolke zum Schlachtthier welches der himmlische Hirte 
tödtet; die in der Sonnengluth vergehende Wolke zum Opferthier 
welches er verbrennt und verzehrt'). 

Aber auch auf dieser Stufe der Entwicklung ist der Mensch nicht 
stehen geblieben: die lange Wanderzeit hat ein Ende gefunden. Als 

1) RHildebrand Recht u. Sitte auf den verschiedenen wirthschaftlichen 
Kulturstufen 1. Jena 1896 niroiut 3 Entwicklungsstufen an, die des Jägerlebens» 
des Hirtenlebens u. des Ackerbaues. Ähnlich Grosse d. Formen d. Familie u. 
die Formen der Wirthschaft Freiburg 1896: niedere u. höhere Jäger, Viehzöchter, 
niedere und höhere Ackerbauer. Wenn diese Stufen auch keineswegs weder als 
rein sich darstellende Typen noch als zeitlich scharf unter einander abgegrenzte 
Entwicklungsstadien aufzufassen sind, so mag man doch im Allg. an ihrer Auf- 
einanderfolge festhalten. EdHahn Hausthiere 1895; Demeter u. Baubo 1896 lässt 
Züchtung des Rinds wie Erfindung des Wagens zunächst aus sakralen Gründen 
erfolgt sein, ihr Wirthschaftszweck sei sekundär. Jedenfalls sind diese Fortschritte 
und Erfindungen wieder in engste Bez. zum himmlischen Leben der Götter gebracht. 
Höchst wichtig sind die Goldbecher von Vafio mit Scenen aus der Domestication 
des Bos primigenius Perrot Bull 15,493ff; T XI — XIV; CKeller Globus 11. Dez 
1897. Auch in Bezug auf die Heerden von Kühen Schaafen etc glaubt der Mensch 
einen Zustand gegenseitigen Raubes zwischen Dunkel- u. Sonnengott am Himmel 
zu erkennen: darauf ist Kap. 6 näher einzugehen. 



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Mythopoesie. lOI 

er in die Thäler Griechenlands einwanderte und hier das Meer ein un- 
tibersteigliches Hinderniss seinem Weiterziehen setzte, da hat er Halt 
machen müssen, hat den Boden behaupten, denselben zur wirklichen 
Heimat gestalten, ihn bebauen und ausnutzen, ihn gegen nach- 
dringende Stämme schützen und vertheidigen müssen. So ist der 
Hellene Ackerbauer Krieger Schiffer geworden. Und auch an dieser 
Entwicklung hat er seine Götter theilnehmen lassen, die nun selbst 
zu Seefahrern werden, die das himmlische Meer befahren; zu Kriegern 
die mit Schild und Schwert in Helm und Harnisch ihre Kämpfe aus- 
fechten und das Ross für den Kriegsgebrauch verwenden; während sie 
zugleich als Jäger mit Bogen und Wurfspiess in den himmlischen 
Bergen dem Wilde nachjagen. Und zugleich wird nun alles Thun der 
Himmlischen auf die Früchte des Feldes bezogen, die sie durch ihr 
Licht und Feuer, wie durch die segensreichen oder verderblichen 
Regenströme fördern oder schädigen i). 

Wenn wir so die gesamte Culturentwicklung der Hellenen im 
Himmel sich wiederspiegeln sehen, so gilt eben dasselbe auch von den 
menschlichen Verhältnissen im einzelnen, die sich in engen Banden 
mit den himmlischen verknüpfen. Die menschliche Cultur schreitet von 
kleineren zu grösseren Kreisen fort: die Einzelfamilie, das Geschlecht 
wird zum Stamme; jenes gipfelt im Manne, dieser im Könige. Auch 
die himmlische Familie steht unter dem Vater, der in erweiterter Be- 
deutung wieder zum Könige wird*). Auch hier ist der menschliche 
Vater und König nur ein Abbild des himmlischen. Ihn nimmt der 
irdische Vater in seinem Thun gegenüber der Familie, dem Geschlechte 
sich zum Muster; ihn wieder der König, der Wesen und Würde seiner 
Herrschaft der himmlischen gleich gestaltet. Er kleidet sich nach- 
ahmend in die glänzenden Farben des Himmels, fährt dem Himmels- 
könige gleich mit stolzem Gespann und stellt in allem was er thut 
und wie er es thut die Würde und die Majestät seines himmlischen 
Vorbilds dar. Aber wie der einzelne Stamm sich auf die Länge der 
Zeit nicht an dem Sonderleben genügen lassen kann, welches er führt, 
sondern mit seinen Nachbarn in Beziehung und Gemeinschaft tritt, so 
wird ihm auch der Zeus, der sich ihm einst nur über seinem Thale 
zu wölben schien, zum Homoloios, um schliesslich zum Zeus Hellanios 
oder Panhellenios zu werden'). 

1) Hierüber vgl. die Darstellung der Götter selbst Kap. 5 ff. 

*) Vgl. Delbrück die indogermanischen Verwandtscbaftsnamen ASG 1889; 
Schrader'533ff. 

3) Die Priesterscbaften zeigen wiederholt die Culte als ursprüngliche Gentil- 
culte. Wie die Basilissa die Gemahlin des Dionysos vertrat Pol! 8, 90. 108, so 
ist auch der Basileus Vertreter u. Darsteller des höchsten Gottes. Zei>s 'EXXdvtog 
ist aus einer durch die prieslerlichen UsXXoC ministrierten Cultgenossenschaft zum 
Gesarotcult von ganz Griechenland geworden. 



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102 Allgemeiner Theil. 

Und in gleicher Weise sehen alle Verhältnisse, alle Stände, alle 
Berufszweige zum Himmel und zu seinen Mächten empor, um in ihrem 
Thun Norm und Massstab des eigenen zu finden. Der Wanderer, der 
Reisende erkennt in den Himmlischen seine Vorbilder und Vorgänger, 
da sie ja als die wahren Hemerodromoi ihre Himmelslaufbahn voll- 
endend unaufhörlich dem Menschen voraufgehen, ihn führen und 
begleiten, ihn leiten und schützen. Die kunstverständigen Handwerker 
erkennen speciell in dem Sonnengotte wie in der Mondgöttin die Vor- 
bilder ihrer Thätigkeit, da sie mit ihrer Feuergluth vor den Augen der 
Gläubigen ihre Kunstfertigkeit in Gestaltung des Wolkenmetalls be- 
weisen, wie sie nicht minder in Spinnen und Weben und sonstigen 
Übungen thätig sind. Und so zeichnet sich in allen Stücken das 
himmlische Leben als das mächtigere und gewaltigere dem mensche 
liehen vorbildlich und vorschriftlich vor und lockt den Menschen zur 
Nachfolge. Offenbaren sich die Götter in den weiten Wanderungen, 
in den schweren Mühen, den gewaltigen Thaten als die mit hoher 
Kraft und tapferem Muthe begabten, so werden sie dem Menschen für 
die Kraft und Gewandtheit seines Leibes, für seinen Muth und sein 
kühnes Wagen zu unerreichten Vorbildern. Für alle heldenhaften 
Recken wird der Sonnengott der stets gleichmässig kühne aber ehr- 
liche und offene zum Vorbilde, für die durch List und Verschlagenheit 
sich auszeichnenden Helden wird es der Dunkelgott, wie dieser denn 
auch der selbstverständliche Patron der Kaufleute ist*). Für das Weib 
speciell aber wird die himmlische Frau, die Mondgöttin, die grosse 
Vorbildnerin des Lebens: in ihr sieht das Weib das Idealbild, das 
unerreichbar dennoch allem weiblichen Thun und Meiden die Richtung 
weist. Für alle ihre Leiden und Freuden, bei all ihres Herzens Lust 
und Schmerz wendet sie sich zu der, die in viel höherem, in himm- 
lischem Maasse dasselbe durchlebt und durchlitten, durchkämpft und 
durchjubelt hat. Sie allein, die himmlische Frau, hat Verständniss 
für Frauenschmerz und Frauenlust; in Mitleid und Mitfreude begleitet 
sie das Frauenleben; schützend und schirmend wandelt sie der zu 
Häupten, die in inbrünstigem Verlangen zu ihr aufschaut. 

Das gesamte Menschenleben gestaltet sich so zum Spiegelbilde 
des himmlischen und alles einzelne Thun des Mannes wie des Weibes 
findet in dem Thun der himmlischen Götter sein Vorbild und seine 
Lehre. Von den Göttern kommt alles: des Menschen Thun ist nur 
eine Nachbildung, ein Abbild dessen was sich dort oben am Himmel 
in grösseren und reineren Zügen zeichnet. 

Aber auch hiermit ist das Wechselverhältniss zwischen Himmel 



*) Daher Herakles der Sonnenheros uud Odysseus der Dunkelheros für 
diese beiden Characterseiten prototyptsch geworden sind. 



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Mytbopoesie. 103 

und Erde noch nicht erschöpft: das Band welches beide verbindet, 
gestaltet sich noch enger. Denn auch seine intellectuelle Entwicklung 
verknüpft der Mensch mit der Gottheit des Himmels. Wie dem 
Menschen die Sprache das Mittel ist^ seinen Empfindungen Ausdruck 
zu geben, seine Gedanken mitzuteilen, seinen Willen kund zu thun 
und damit sich weit über alle Thiere zu erheben, so sucht er nun 
auch im Himmel nach sprachlichen Offenbarungen, nach den Äusserungen 
des göttlichen Willens, des himmlischen Geistes. Und da tritt ihm 
das geheimnissvolle Wehen des Windes entgegen. Es ist wohl zu 
beachten dass — abgesehen vom Donner — der Wind das einzige 
Moment des himmlischen Lebens ist, welches dem Ohre zugänglich 
wird. Man sieht wohl viel am Himmel, aber man hört wenig: nur 
der Wind ist die lautliche Offenbarung des Himmels; in dem Winde 
der als geheimnissvoller Zug den Himmelsraum durchzieht und bis 
zur Erde herabsteigt glaubt der Mensch die Sprache der Götter zu 
erkennen. Und wie der Wind in allen Scalen sich offenbarend vom 
furchtbaren Toben der wilden Jagd im Brausen des Sturms bis zum 
leisen Raunen und Flüstern des säuselnden Luftzugs seinen wechselnden 
Ausdruck in den Mythenkreisen der Götter gefunden hat, so ist er 
auch zum Pneuma schlechthin wie zum vernünftigen Logos geworden. 
Denn der Wind ist der eigentliche Vermittler, der als Hauch und 
Schall unsichtbar und doch gedankenschnell von einem Ende des 
Himmels zum andern dringt; in ihm scheint sich der Gedanke und 
Wille der Gottheit kund zu geben; er ist der Ausdruck des innersten 
Gedankenlebens des Himmels, das Wort, die Offenbarung, die der 
Himmel der Welt zu Theil werden lässt. Und weil das Wort alles 
Wissen vermittelt, da er als Lehre und Unterweisung die Kenntniss 
von einem zum andern trägt, so ist auch Hermes als der erste und 
Hauptdunkelgott des griechischen Glaubens zum Inhaber alles Wissens 
und aller Lehre, wie zum» Pneuma und Logos schlechthin geworden*). 

Dem Hellenen ist die Musik die Trägerin und Leiterin aller 
Bildung und auch diese Anschauung wurzelt ihm im Himmel. Denn 
es ist nur eine andere Version der Auffassung des Windes, wenn der- 
selbe als Musik des Himmels erscheint. Der Hirte erkennt im Pfeifen 
des Windes den Ton der eigenen Flöte, den nun auch der himmlische 
Hirte erschallen lässt: des Menschen Thun ist auch hier wieder nur 
ein Nachahmen der himmlischen Thätigkeit, die vorbildlich und nach 
göttlichem Maasse dem Menschen zur Erscheinung kommt. Und wie 
diese ersten Anfänge musischer Kunst, die der Hirte in den Tönen 
seiner Rohrpfeife zum Ausdruck bringt, zweifellos eine Nachahmung 
der himmlischen Windpfeife sind, so ist der Hellene in allen Phasen 
seiner musischen Entwicklung dieser Auffassung treu geblieben und hat 

*) Es genOgt hierüber auf Kap. 7 zu verweisen. 

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jQA Allgemeiner Theil. 

die himmlischen Mächte als die Vorbilder und als die vollkommeneren 
Vertreter seiner Kunst unentwegt festgehalten und hochgehalten*). 

So sehen wir die Götter zu immer höheren, reineren und 
geistigeren Mächten emporwachsen. Anknüpfend an bestimmte Momente 
ihrer natürlichen Erscheinung, ihres Wesens und ihres Wirkens gestaltet 
der Mensch sie, die von Haus aus ausschliesslich Naturgestalten und 
Naturgewalten waren, zu geistigen Mächten um. Mit feinem Sinn aut 
jedes Merkmal, auf jede Beziehung der einzelnen Naturerscheinungen 
achtend; mit tiefem Verständniss den geheimnissvollen und doch so 
zweifellosen Zusammenhang zwischen der äussern Natur und dem 
Seelenleben des animalischen Organismus benutzend, weiss der Mensch 
den Schritt für Schritt wachsenden und sich vertiefenden Bedürfnissen 
und Interessen seines Gemüths- und Geisteslebens Rechnung zu tragen 
und auch für diese in den Offenbarungen und Lebensäusserungen seiner 
Götter Ausgang Vorbild und Schutz zu finden. 

Und endlich hat sich die Verknüpfung der irdischen und der 
himmlischen Verhältnisse auch in der sittlichen Entwicklung des 
Menschen vollzogen. Der Mensch hat sich seine Sitte selbst geschaffen 
und gebildet. Ausgehend von einer schrankenlosen Geltendmachung 
seiner Persönlichkeit hat er Schritt für Schritt zwangsweise gelernt in 
kleinere und grössere Kreise sich einzufügen. Gleichberechtigte neben 
sich, Autoritäten über sich anzuerkennen und Gesetzen sich zu fügen, 
<iie gleichmässig ihm und Andern galten. So haben sich Formen des 
Thuns und Lassens gebildet, die stereotyp werdend zur Sitte sich ge- 
stalten, der er und alle mit ihm demselben Kreise angehörigen sich 
fügen müssen. Und wie die selbstsüchtige Natur des Menschen ge- 
zwungen wird durch Dulden Anderer neben und über sich fremde 
Persönlichkeiten und fremde Rechte zu respectieren ; wie sie zugleich 
gewöhnt wird in fremde Willen sich einzuordnen, mit ihnen sich aus- 
zugleichen, ja sich zu befreunden: so wird sie auch genöthigt die 
starren nur dem eigenen Ich geltenden Richtungen ihres Strebens zu 
beschränken und zu dämpfen, milderen Gefühlen der Neigung, der 
Freundschaft, der Liebe zugänglich zu werden*). 

Auch an dieser Fortbildung seiner Cultur zu milderen Formen 
des Seins, zu sittlicheren Lebensauffassungen hat der Mensch seine 
Götter theilnehmen lassen. Hat einst der Himmel von täglichen 

*) Auch hierüber wird im speziellen Theile bei den einzelnen Göttern selbst 
zu handeln sein. 

2) Über die Entstehung der Sitte und der Sittlichkeit verweise ich auf den 
Aufsatz von Lazarus in der ZfVölkerps 1,437 ff der mir noch immer am besten 
diesen Gegenstand zu behandeln scheint. Im Übrigen verweise ich auf Herbert 
Spencers Prinzipien der Ethik übs. von Vetter-Carus l. Stuttgart 18 79» 94 dessen 
evolutionistischen Standpunkt ich im Wesentlichen theile. 



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Mytbopoesie. IO5 

Kämpfen und Blutthaten der Götter widerhallt, so fügt sich nun das 
gesamte himmlische Leben, wenn auch sehr allmälig, in den Rahmen 
einer von sittlichen Prinzipien beherrschten Gemeinschaft. Alles Böse, 
Schädigende, der sittlichen Weltordnung Widerstrebende wird nun in 
bestimmten Gestalten, Unholden und Dämonen concentrirt, gegen 
welche die Himmlischen kämpfen und mit Recht kämpfen. Der eigent- 
liche Götterkreis selbst ist fortan von der innigsten Eintracht, der 
vollkommensten Harmonie beherrscht. Und wenn auch hier und da 
die Nachklänge alter finsterer Zeiten mit ihren Kämpfen und Morden 
nachzittem in dem Verkehr der Götter, so überschreiten sie doch nicht 
die Grenze dessen was geeignet ist das Ganze zu einem interessanten 
stimmungsvollen Gemälde zu machen, zu einem heitern Familienbilde 
das vom Lichte des Humors und der Schalkhaftigkeit bestrahlt, durch- 
leuchtet und erwärmt wird*). 

So sind die Götter allmälig aus den rohen, rein naturalistischen 
Mächten zu tief sittlichen Gestalten geworden, die dem Menschen auch 
nach dieser Seite hin als die unerreichbaren Vorbilder und Ideale sich 
vor Augen stellen. Und obgleich in Wirklichkeit wieder das Verhältniss 
ein umgekehrtes ist, indem der Mensch seine eigene sittliche Ent- 
wicklung auf die Götter überträgt, so hat er doch auch hier dem 
frommen Wahne gehuldigt, dass jene die Ersten, die Vorgänger und 
Anfänger alles Thuns seien und dass sein eigenes Thun nur dem ihren 
nachgemacht, nachgebildet und nachgestrebt sei. 

So sehen wir Himmel und Erde in unauflöslichen Banden mit 
einander verstrickt. Es giebt nur eine Welt: am und im Himmel 
vollzieht sich dasselbe Leben, herrschen dieselben Gesetze, sind die- 
selben Güter enthalten wie auf der Erde; nur dass dort oben alle 
Dinge und Verhältnisse reinere und vollkommenere, höhere und gött- 
liche Maasse an sich tragen. 



Viertes Kapitel. 

Zeitauffassung. 

In den Hymnen des Rigveda werden die Götter oft aus dem Grunde 
als die ordnungsmässigen, die nicht willkürlich über die ihnen gesetzten 
Schranken sich hinwegsetzenden gepriesen, weil sie sich in ihrem Leben 
Handeln und Wandeln an die bestimmten Himmelsgegenden binden, stets 
dieselben Pfade am Himmel gehen, dieselben Richtungen zu Ausgangs- und 
Endpunkten wählen. Viel schärfer tritt dieses Moment der Ordnung 

^) Ich habe mich für die im Vorstehenden berührten Momente absichtlich 
nur auf Andeutun^ifen beschränkt, da dieselben im Einzelnen im speciellen Theile 
immer wieder zur Sprache kommen werden; eine systematische Ausführung der- 
selben im Zusammenhang würde allein ein Buch für sich beanspruchen. 



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106 Allgemeiner Theil. 

und Gesetzmässigkeit im griechischen Glauben darin hervor, dass die 
himmlischen Mächte Zeitgötter sind, indem sie die Ordnung, die Norm 
der Zeit in sich tragen. Dieses Moment ist für das Verständniss des 
Götterglaubens von ausserordentlicher Bedeutung. Man muss sich klar 
machen dass als der Mensch allmälig zum Bewusstsein seiner selbst ge- 
langte, er den Begriffen von Raum und Zeit gänzlich halt- und ver- 
ständnisslos gegenüber stand. Der Himmel ist es erst gewesen, der 
dem Menschen wie den Begrifi des Raums so auch den der Zeit all- 
mälig zum Verständniss gebracht hat. Er hat ihn gelehrt den regelmässigen 
Wechsel von Tag und Nacht als etwas stetes bleibendes zu erkennen 
und festzuhalten und so die endlos dahin fluthende Zeit in zwei grosse 
ewig sich erneuernde Perioden zu scheiden. Mit dieser Zweitheilung 
aller Zeit hatte der Mensch ein Gesetz gefunden, eisern und unentrinnbar, 
eine Ordnung die alles menschliche Leben und Thun regelte, bestimmte 
und durch feste Schranken begrenzte. In dieser Zeitordnung traten 
dem Menschen zuerst die göttlichen Mächte als die Gesetzgeber, die 
Weltordner entgegen, die das ganze Leben des Menschen unter Zwang 
stellten, in starre Fesseln all sein Handeln schlugen und ihm den 
unerbittlichen Ernst der himmlischen Ordnungen zu Gemtithe führten*). 
Mit der Erkenntniss der regelmässigen Wiederkehr von Tag 
und Nacht hat der Mensch äusserlich und praktisch die bestimmende 
Form für seine Lebensteilung gefunden. Der Zeitraum von einem 
Auf- oder Untergang der Sonne bis zum andern wird so das erste 



*) Die x£vif)ot€ ^^r Dinge ist die Quelle der Zeitvorstellung, wie sie zugleich 
der Anlass zu einer objectiven Messung der Zeit ist Arist<>4, 14; daher Plato 
Tim lof der xpö'^o^ mit dem Himmel entstanden als Ausdruck seiner Entstehung 
und seines Werdens durch alle Zeit: XP^^^ ^ ^*'^' dpt^6v loöoa di(övio^ slxeöv 
des ewigen Ideals des oöpav6^. Da die Zeitvorstellung an die Bewegung der 
himmlischen Mächte gebunden ist, so werden die letzteren eben als Personen ge- 
fasst die Träger der Zeit. Die frühe Abstraction der Zeit (wie Welcker l, I40 
Kp6vo^=^XP^voC fasst) ist bestimmt abzulehnen. Wohl fasst Homer (B343; S 206 
etc) und Hsd (190) XP*^°€ ^^s Ausdruck einer gewissen Zeitdauer, personifizirt 
erscheint er erst bei Pherecydes, der Zdg und Xpövo^ und XO-ovii] an die Spitze 
der Theogonie stellte. Nur die sinnlich wahrnehmbaren Einheiten von Tag und 
Nacht finden sich früh personifizirt. Von jenem spätem Standpunkte aus PdP 1,46; 
08,28; Simon 4; AeschCh 965; E 2S6; SophAi 715; OC609; Eur 306. 1057; 
Chaeremon 22 (FTG 788); Grates 4 (FTG810); Demosth PLG 2, 332 uvaSt. Vgl. 
auch SophOG 618 6 iiöptog XP^^^C xtxvoöxat vöxTag ^ptipot? x' lo)v; f305 y(ß6yo^ SixaCoog 
iTcdycDV xavövoi^ etc. Vgl. hierzu Wundt Logik 1, 428 ff „es ist die Gonstanz des 
Veränderlichen welche uns antreibt die Zeit zu objectiviren — diese Gonstanz 
der Erscheinungen findet ihren vorherrschenden Ausdruck in der Bewegung der 
Gegenstände**. Auch Forchhammer Hellen. 4f; 354ff uo bebt die Wichtigkeit der 
Ordnung der Himmelsmächte und des Gebundenseins ihrer Bewegungen mit Recht 
hervor. 



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Zeitauflfassung. iQy 

Mittel weil die natürlichste Einheit zur Ausmessung der Zeit, welches 
dem Menschen genügt so lange er nur in der Gegenwart lebt. Diese 
Grundteilung aller Zeit ist das Werk des Dunkeigotts und des Sonnen- 
gotts, deren eigenes Leben dieser Ordnung sich unterwirft; sie hat sich 
als Grundordnung allem göttlichen Leben und Wirken aufgeprägt und 
kommt in analoger Weise im wachsenden und abnehmenden Monate, 
im Sommer und Winter des Jahreskyklos zum Ausdruck. Und diese 
Grundordnung des göttlichen Lebens wird zugleich zur Grundordnung 
des menschlichen Lebens, das sich somit auch nach dieser Richtung 
hin zum getreuen Abbilde des Himmels gestaltet*). 

Als den Niederschlag dieser ältesten Zeitrechnung, wie als ihre 
mythologische Fixierung dürfen wir es ansehen, dass die Nacht an der 
Spitze aller zeitmessenden Mächte steht. Denn in dem Verhältnisse 
von Tag und Nacht ist die letztere die mächtigere, die führende, wie 
sich das schon darin zeigt, dass der Hellene gleich dem Semiten die 
durch den Umschwung von Tag und Nacht begrenzte Zeitperiode von 
dem Beginne der Nacht datirt. Wie es gekommen dass an die Stelle 
des Dunkeigotts selbst die weibliche Nachtgöttin getreten ist, werden 
wir später sehen: die letztere tritt uns hauptsächlich in ihrer Verbindung 
mit der Mondtochter in Cult und Mythus entgegen. Als Mutter, als 
Gebärerin immer neuer Zeiten steht sie am Anfange aller Zeitentwick- 
lung und da die Zeiten immer nur in den concreten Erscheinungsformen 
von Mond und Sonne dem Menschen jener frühen Perioden zur Per- 
ception gelangen, so erscheint die Mutter Nacht in spezieller Be- 
ziehung zur Mondtochter, die sich der menschlichen Auffassung aus 
dem nächtlichen Mutterschoosse losringt. So ist die Nacht, wie wir 
noch sehen werden, an die Stelle der Mutter Erde getreten, die zeit- 
Hche Auffassung hat die räumliche Anschauung verdrängt: die Nacht 
wird Anfang und Grundordnung aller Zeit und aller Zeitmessung. In 
der Themis wird die Nacht auch cultlich nach dieser Richtung als die 
Ordnerin, dh als die anerkannt welche eben in sich selbst die Grund- 
ordnung der Welt setzt; die übrigen Nachtgöttinnen tragen dieser Be- 
ziehung auf die Zeit nur darin Rechnung dass sie, wie schon bemerkt, 
als Mutter der Mondtochter erscheinen, welche letztere bald die Be- 
obachtung des Menschen, sein Denken wie seine mythengestaltende 



1) Ideler Hdb. d. Chronol. i, 5Q; Cantor N. Heidelb. Jbb 2, iQoff. Semiten 
wie Griechen beg^innen den bOrgerlichen Tag mit dem Abend, der Nacbtanfang 
also Epoche dieses Kyklos (Schrader ^ 449ff). Tag u. Nacht zB Bacchyl 19; 
Theogn 160; FTG 934(4^6); Räthsel Theodect 4 (FTG 802); EurHel 1365 etc. Vgl. 
PdO 13,37 aiX((p diicp' iv£; EurHel 682 ^X£oi>c |jit>p(ot>^; noch Heraclit hielt jede 
Tagessonne für eine andere. 



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I08 Allgemeiner Theil. 

Phantasie ganz übergewichtlich auf sich gezogen und damit die Nacht 
in die zweite Stelle gedrängt hat'). 

Es hat sich nemlich im Laufe der Zeit an die Stelle des ältesten 
Tageskyklos der Monatskyklos als die Grundordnung der Zeit gesetzt 
und damit ist der Mond bezw. die Mondgöttin zur eigentlichen Trägerin 
der Zeit, der zeitlichen Weltordnung geworden. Durch den Mond hat 
sich nun aber gegenüber der Zeitzweiteilung, wie sie in Tag und Nacht 
zum Ausdruck kommt, eine Zeitdreiteilung, herausgebildet und diese 
Zeitdreiteilung sehen wir allmälig das ganze Wissen und Glauben von 
den Göttern beherrschen. Schon Homer kennt die Dreiteilung des 
Tages wie der Nacht. Ist die Dreiteilung des Tags eine innerlich be- 
rechtigte und von selbst gegebene, da sie sich an die natürliche 
Scheidung der Momente des Sonnenauf- und niedergangs, wie des 
höchsten Standes dieses Gestirns am Mittag anschliesst^), so kann man 
dieses von der Nacht nicht sagen. Ihre Dreiteilung scheint erst 
eine Folge der Dreiteilung aller Zeit zu sein, die eben vom Monde 
ihren Ausgang genommen hat. Als nemlich dem Menschen die Einheit 
des Monds in seinem regelmässigen Kyklos zum Verständniss gekommen 
war, da hat sich ihm neben der Zweiteilung in der er das Leben der 
Mondgöttin nach den beiden Phasen des Wachsens und Abnehmens 
bestimmte, zugleich eine Dreiteilung gebildet, in der er den Mond nach 
den Phasen des ersten Erscheinens, des Höhepunkts und des letzten 
Verschwindens schied. Und da der Verlauf des Monds eine Zeit von rund 
30 Tagen umfasste, so zerlegte sich durch jene Dreiteilung diese grössere 
Zeiteinheit zugleich in 3 Dekaden welche letztere die erste höhere 
Zahleneinheit bilden. Das Leben der Gottheit schuf also zugleich eine 
eminent praktische Zeitordnung. In ihrem Gesamtleben wie in ihren 
Phasen hat damit der Mond, sei er als einheitlich mit dem Dunkel- 
gotte verbunden, sei er als selbständige weibliche Gottheit gefasst, der 
Erde und dem Menschen ein höheres Gesetz für ihr Leben und Wirken 
gegeben. An die Stelle des ursprünglichen Kyklos, der die einförmig 
dahinfluthende Zeit nur nach Tag und Nacht scheidet, tritt also jetzt 
der höhere Monatskyklos, der Jahrtausende lang herrschend und be- 
stimmend dem gesammten Mythenkreise seinen Stempel aufgedrückt 
hat^). Und dieser neue und höhere Kyklos ist eben das unmittelbare 



*) Über die Göttinnen der Nacht wird Kap. 9 im Zusammenhang^ gehandelt 
werden. Vgl. Ideler Hdb. 1, 262. 286; Mommsen Heortol. 96. Daher Hsd 11 6ff 
aus dem Chaos zuerst Erebos und Nyx, aus diesen Aither und Hemere ent- 
stehen läset. 

2) Vom Tage ^111 neben der Zweiteilung t, 56fr; vgl. die 3 Stationen 
oder Schritte der Sonne Rigv. Von der Nacht K25lf; |i3l2. 

3) Über die Zweiteilung des Monds bezw. Mondmonats CicND 2,19,49t; 
Welcker 1, 555f. Dass sie die ältere darüber vgl. Schrader ^ 443ff. Die Drel- 



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Zeitauffassung. IO9 

Werk der Mondgöttin selbst, die in sich selbst, in ihrem Leben und in 
ihrer Erscheinung denselben trägt und birgt und damit der Erde und 
dem Menschenleben die bestimmende Ordnung, das feste Gesetz giebt. 
Das Leben der Göttin und der Umfang des Kyklos fallen zusammen: 
die Göttin selbst ist die grosse Ordnerin und Gesetzgeberin alles 
Daseins. 

Das wunderbare am Monde ist dass er in ewigem Wechsel drei 
Erscheinungsformen aufweist, indem er als links gewandte Sichel, als 
Scheibe und als rechts gewandte Sichel sich zeigt. Ist er als Voll- 
mond naturgemäss das Gesicht oder das Haupt der Nacht bezw. des 
Dunkels, so gestaltet er sich in seiner dreifachen Form zum dreiköpfigen: 
die Nacht- oder Dunkelgottheit erscheint mit drei verschiedenen Köpfen. 
Sehen wir also den Dunkelgott Hermes selbst^ namentlich aber die 
älteren Entwicklungsformen desselben Geryoneus, Kerberos uA mit 
3 Köpfen, so können wir darin nur die Beziehung auf den Mond 
erkennen. Wie die Sonne als Haupt gefasst den Sonnengott zu einer 
selbständigen Persönlichkeit geschaffen hat, so ist auch der Mond zum 
Haupt des Dunkel- und Nachtgotts geworden, während er später wieder 
die selbständige Mondgöttin aus sich heraus hat gehen lassen. Und 
wenn ursprünglich die Verschiedenheit dieser Köpfe hervorgehoben 
ist, so kann es nicht wunder nehmen, dass später nur die Dreiheit 
überhaupt betont wird, obgleich in manchen altertümlichen Gestalten 
auch die Verschiedenheit in der dreifachen Erscheinungsform hervor- 
gehoben wird^). 

thetlunt; wird durch die Dauer des synodischen Monats von 29 Tagfen 12 Stunden 
44 Min. bestimmt; im AUg. entsprechen also 59 Tage 2 Monaten, der Wechsel 
von 29 und 30 Tagen genügte wesentlich um dem Mondeslaufe nach seiner natür- 
lichen Erscheinung gerecht zu werden. Diese 30 (29) Tage zerlegten sich von 
selbst in 3 ÖtxdÖe^ die als npcoTV) ÖtUTipa (nioT]) xpixT] oder p.Tjv6c lazo(\Uyo\} 
jieooövxo^ 9^vovTOg bezeichnet werden. Wenn Solon auch für die xptoocdc die Be- 
zeichnung IvT] X. via einführte, um der Thatsache gerecht zu werden dass der 
30. zugleich der erste des folgenden Monats war, so ist man doch im populären 
Sprachgebrauche stets bei der obsoleten Mondberechnung stehen geblieben 
ASchmidt Hdb. der griech. Chronol. 24ff: die letzte Dekade schwankte eben 
zwischen 9 und lo Tagen. Dieser Mondperiode legten die Alten Serv 3*284 mit 
Recht den Namen ivtaox^ h*^ Hesiods Rechnung E 765ff. Unter den heiligen 
Tagen steht der l, voran, tepcöxdtXTj Plut vit, aes al. 2, an ihm allen Göttern 
Philoch 178; PlutQR 25; Dem 25, 99 Gebete und Opfer dargebracht. Da der Monat ein 
geschlossener Kyklos, so ist jedes Fest tspO|iTjv£a, da dasselbe von H::us aus 
Monatsfest PdN3, 2Sch.; Harpocr.; DionHrhet. 4, 2. Allmälig kamen diese alt- 
väterlichen Monatstage den später geschaffenen glänzenden Festen gegenüber in 
Vergessenheit, daher der Gegensatz der vot>(iiQvio(oxoi( und xaxo8au|JiovioxaC 
Ath 1 2, 76. 

3 Vollmonde auf einem Schilde der Athene Annali 2, 2)8 = Monum I. T. 
XXII 6a; auf Münzen von Argos 3 Mondsicheln Mionnet 2, 230; auf alten Tetra- 



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HO Allgemeiner Theil. 

Viel characteristischer tritt uns nun aber diese Dreiteilung an 
den zur Selbständigkeit gelangten Mondgöttinnen selbst entgegen: die 
Dreiteilung bildet geradezu den Grundzug ihres Wesens. Und so ver- 
schieden die Form ist, in der diese Dreiteilung zum Ausdruck kommt, 
so tibereinstimmend nehmen sämmtliche Mondgöttinnen an ihr theil. 
Die Mondgottheit erscheint demnach dreigeteilt. Und indem einerseits 
die Theilung anderseits die Einheit schärfer hervorgehoben wird, tritt 
die Mondgöttin entweder als eine dreigeteilte, dreigeeinte Gruppe von 
zusammengehörigen Personen bezw. Schwestern, oder als eine dreifache, 
dreieinheitliche Einzelpersönlichkeit uns entgegen. Der zauberhafte 
Wandel und Wechsel der Mondgöttin hat die Phantasie wie den Ver- 
stand des Menschen mit magischer Gewalt angezogen und ihn zu 
immer neuen Versuchen dieses wunderbare Götterwesen sich ver- 
ständlich zu machen veranlasst. 

Indem wir daher jetzt dazu übergehen die fast unerschöpfliche 
Zahl weiblicher Dreigestalten wenigstens in ihren Hauptvertreterinnen 
an uns vorübergehen zu lassen, wenden wir uns zunächst den Graeen 
und Gt^rgonen zu. Wenn es von den ersteren heisst dass sie nur ein 
Auge und einen Zahn haben, welche sie sich gegenseitig wechselnd 
darrei< hen, so drückt das höchst significant die kindliche aber plastische 
Vorstellung von dem Wechsel der Monderscheinung aus, die bald als 
Auge, bald als mächtiger Hauer oder Zahn sich der Beobachtung dar- 
bietet. Aach die Graeen erscheinen aber — und es gilt das, wie hier 
soglei« h bemerkt werden mag, von allen Mondschwestern — in engster 
und innris v Beziehung zum Dunkel überhaupt nach seinen verschie- 
denen } 1 c.neinungsformen, daher Wolken Winde und Feuchtigkeit 
unzenrrniilich mit ihnen verbunden sind; und die wesentliche Ver- 
bindiru mit dem Dunkel tritt auch in ihrer Wohnung hervor, die im 
fernsten Westen am Okeanos der Heimath alles Schreckens und Grauens 
sich iMiiilet '). 

<lrachiii' n \ihens Eckhel2, 20Q; das Zeichen des xpioxeXog auf attischen Münzen 
Beule 111 >nn d'Athenes IQ hat dieselbe Bedeutung Duc de Luynes et. num. sur le 
•cuitt* <! i;< . aie 84ff. Vgl. Nonnus 6, 23 » xptcpüT^ DeXi^VT]; 6,245 xpCjiXeupoc (iopcfi^. 
Heroi -- .v.y.cCpaXog Milrhhoefer b. Cur ius Stadtgesch. v. Athen XXXIV; jedenfal s 
erfan'i ir. kifides, als er ihn 'AyxüXtqoiv weihte nichts neues, sondern gab einer 
allen A'.:.i»ung künstlerischen Ausdruck. Kerberos (Immisch ML 2, 1 I26f) mit 
1, j, ; l\ i-n (so Apd i, 122 und die att. Tragg. durchgehend); der 'Opö^c 
diYÄ'^j./.'.: ])t\ j, 106 nur ein anderer Name. Auf die 50 Hsd312, bezw. ux) 
Köpi • I ' ') ibt zurückzukommen. Geryoneus schon Hsd 287 xpixdprjvo^, also 
nui ei' 1. umpfe, während Apd 2, 106 ouiKfüi; 0(ö|ia dh 3 Leiber: verschiedene 
Erkl i'M .l:' der traditionell feststehenden Beziehungen zur Dreizahl; 3 Öpdxovxe^ 
IMf^ ^. ^, 1 yphon Chimaera ua. zeigen noch die 3 fache verschiedene 

- ' tr (iorgonen I33ff; RappML i, 17290; GaedechensAE 1, 74. 38utf. 

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ZeitauffassuDg. m 

Die Gorgonen sind die Doppelgängerinnen der Graeen: zwei 
Versionen einer und derselben Vorstellung. Was bei den Graeen das 
Auge ist bei den Gorgonen das grinsende Gesicht. Als solches kommt 
die Gorgo ausschliesslich bei Homer vor, der sie nur als das furchtbar 
blickende Antlitz, das bleiche gespenstisch aus den stürmenden Wolken 
sich emporhebende Mondgesicht kennt. Ihre Verbindung mit den 
Wolken tritt in den Schlangen hervor, wie nicht minder das wild den 
Kopf umringelnde Lockenhaar, die Flügel mit denen sie die Luft 
durchschneiden, die dunklen Gewänder mit denen sie angethan sind 
nur verschiedene Ausdrücke der engen Beziehung des Monds zu dem 
ihn umgebenden Wolkendunkel sind.. Und auch die Beziehung zu dem 
himmlischen Nass wie zu dem Wehen und Rauschen des Sturmwinds 
lässt sich nicht verkennen. In den Graeen und Gorgonen kommt also 
das Mondgesicht durchaus noch nach seiner furchtbaren Seite zum 
Ausdruck, wenn auch die Entwicklung der Kunst sich nicht bei der 
Fratze hat begnügen können, sondern das absolut furchtbare der 
ursprünglichen Auffassung zu mildem verstanden hat. Und während 
bei Homer nur das Vollmondsgesicht, das Gorgonenhaupt erscheint, 
tritt uns bei Hesiod und allen folgenden die volle Dreizahl der 
Schwestern entgegen die in allen Zügen sich mit den übrigen Mond- 
schwesterngruppen vergleichen lassen*). 

Hsd 270 erwähnt nur 2 Graeen (OÜM4, 774; TzL838), die Spätem fast durch- 
gebend 3 AeschPr 795(Sch). Aesch xotvöv öuji* ftxTiQ|i4vat (nach ihm Erat 22 Sva 
d^Ö-otXiidv— dtXXi^Xottc WCÖooav xaxd qpüXaxi^v); Pherec 26 xiv d^d-oüLfiöv x. xiv ÖÖovra 
dptYOuaä^v dXXi^Xou^; Apd2,37 etc. PpaTau wohl in Beziehung auf die Zeit schlechthin; 
die Enyo drOckt die Beziehung zum Wasser aus Hermann op 2, 179; Schoemann 
2,211; daher Tritonis See Erat. Die Characteristik söiwicXoc, xpoxiiwiüLo^, xtwtvd- 
tiop^oi aus der Natur erldärlich. Übrigens ist die Enyo der Ilias (Str 535) ohne 
Zweifel identisch mit der Graee; wie die VoIImondsgorgone Medusa die schreck- 
liche xax' igoxT^v so auch die Vollmondsgraee. Ihre enge Verbindung mit Ares 
E592; 333; Jm Cult Ca 3,2; Pl,8, 4 ist eine wesentliche, erst spätere haben sie 
AristP457; Com 21 etc genealogisirt bezw. als Personification des Kriegs verflüchtigt. 
Wenn Aeschylus sie weder von Sonne noch Mond bescliienen werden lässt so ist 
er sich eben ihres Wesens nicht mehr bewusst; er dachte sie wohl in einer Höhle 
wohnend; Pherec; Apd ua setzen sie auf dem Wege zum Okeanos an. 

1) Gaedechens AE l, 74. S. 387 ff; Röscher Gorgonen l879; ML l, 1695 Ö. 
Furtwängler ML 1701 ff will die Hom Gorgo als späteres Einschiebsel darstellen, 
wogegen Heibig hom. Epos* 388 ff; Milchhoefer AZ 39, 281 ff. Als volle Persön- 
lichkeiten schon Hsd 276; Journ 6, 275. Die Identification mit dem Vollmond Plut 
fac. lun. 29; ClemS 5» 49; Beule aO 22 f. A 36f Fopyd) ßXooopÖTCtg ftorscpdvoDXO heisst 
(vgl. S485; H32, 6): ihr oxicpovo^ (Kreisrund) bildete die Mitte des Schildes, zu 
beiden Seiten Deimos und Phobos; E 738ff FopYfttyj xsqpocXi^ inmitten der Aegp's, 
der Sturmwolke, wie P 1,21, 3; 5,12,4; X 634 aus der Unterweh als Inbegriff 
alles Schreckens sich erhebend Apd 2, 123. Vgl Philadelpheus Eqp 1894,99 ff; Mitt 
21, 1 ff; Reichel Hom. Waffen 55 ff; Loeschke Bonner Festschr. f. Brunn 1893; Siltl 



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112 Allgemeiner Theil. 

Erscheint bei Graeen und Gorgonen das Wesen des Monds nur 
nach seiner furchtbaren Seite dh nach seiner Verbindung mit dem 
Schrecken und dem Grauen der Nacht, wie das Zeitmoment nur in 
der Dreizahl ihrer Personen zum Ausdruck gelangt, so tritt das letztere 
schärfer und bestimmter bei den Moeren hervor. Auch die Moira 
erscheint in der Einzahl und zugleich in der Zwei- und Dreizahl und 
bezeichnet die Mondgöttin als diejenige, welche die unendliche Zeit in 
kleinere gleiche Theile zerlegt, ebenso wie sie als Mene Messerin die 
Zeit in kleinere stets gleiche Maasseinheiten scheidet. Die Ansicht 
d^s die Moira das Schicksal selbst sei ist zurückzuweisen, da eine 
solche Abstraction für jene Anfänge undenkbar ist: wie alle diese 
Begriffe ist auch sie von einer sichtbaren Einzelnaturerscheinung aus- 
gegangen. Der Mond ist dem ältesten Glauben die erste und einzige 
höhere Zeiteinheit, das allein gültige Zeitmaass ; er bringt eben in dieser 
seiner Eigenschaft alles in der Zeit geschehende; er wird damit selbst 
zum Träger wie zum Inhalt alles in der Natur wie im Menschenleben 
sich vollziehenden Wandels. So wird die Mene oder Moira selbst zum 
Schicksal weil sie als die Zeit schlechthin für alles was lebt sein 
Geschick in sich trägt und ihm zuteilt*). Und wie jedes Ereigniss 

AJb2, i83ff. Auch bei Perseus' Abenteuer lediglich die Fop^eCT] xs^pocXi) Anlass 
und Ziel Phcrec 26; HsdSc 227; PdP IG, 46; AeschPr356 yop^cDTCöv o^Xo^; EurHfpQO 
dYpuoicdv $p,|iOU Der archaische Typus sucht das Grinsen darzustellen Heibig 389; 
der versteinernde Blick hyperbol. Ausdruck des Schreckens Jahn BSG 1S55, 59. 
Bez. zu den Wolken: Schlangen HsdSc233; PdO 13,63; PlO,47; AeschPr799;. 
Apd2, 40, obgleich an den ältesten Darstellungen fehlend; ihr Haar Apd 2, 144 
(ßöaxpuxoc); P8, 47, 5; Suid icX6xtov, zugleich ein dnoxpönaiov wie das Gorgoneion 
bczw. Aegis; Flügel P 5, 18, 5 und in den ältesten Darstellungen; AeschPr 798; 
Ch 1049 cpaiox^XiDVt^; Apd iniprrfOL^ xpuodüQ, Die Auffassung ihres Bluts als thells 
^vdot|it>( theils dxs^dpo^ EurJ 1005; Apd 3, 120 lässt nur die Deutung auf das 
wechselnd lebenschafifende u. vernichtende himml. Nass zu. Auf die Gorgonen der 
vdjiO€ icoXüKi^otXog zurückgeführt PdP 1 2, l ffSch ; Boeckh, dem oupiYjiöc, dem 
Sturropfeifen abgelauscht. Verwechslung der Graeen und Gorgonen früh und 
zahlreich, Pherccydes (Aesch <>opx£dt€) wird beide Versionen verschmolzen haben. 
1) "Weizsäcker ML 2, 3084 ff. Über die Etymologie Leo Meyer vergL Gram. 
1^697; Fick BezzB 1, isf: p,olpa passiv Theil = das Geteilte. Ist das richtig so 
ist eben fiolpa der Theil, dh der Zeitteil schlechthin, wie auch aloa (von loo^) 
die stets gleiche Theilung der Zeit. Leichter würde sich die Molpa erklären 
wenn wir ihren Namen ursprünglich activ als „Theilerin" fassten, wie Xoix^g von 
XeCx«») l^otX^ von |isiX"» vi|itot€, Xäxsotg von vifjio), Xax*. So ist auch |iijvij 
die Messerin u. das Maass. Jedenfalls kommt |ioTpa act. und pass. schon Hom 
vor. Die Beziehung auf die Zeit tritt namentlich in altertümlichen Formeln hervor 
wie (iolpa äoxCv (^avelv), oö p,olpa 4ct£v die wir geradezu übersetzen können ^die 
Stunde ist gekommen** etc; Motpat = jiipTj xijg atXiiwr^Q ClemS 5, 50; Seh Arat 733- 
Aus den Formeln ttpiapxat, TtiT^ptüxai wie sie das dem Menschen von der Molpa 
zugeteilte Lebensloos bezeichnen sind später £C(iOtp(JidviQ, nenpoopivr] gebildet. Die 



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ZeitaufidssuDg^. . II3 

seine Moira hat, dh die Stunde der es unerbittlich verfallen ist, so 
sind es naturgemäss in erster Linie die entscheidenden Wendepunkte 
des menschlichen Daseins, die in eminentem Sinne die ihnen bestimmte, 
die feste unerbittlich begrenzte Zeitspanne haben, in die sie fallen 
müssen. Namentlich in Bezug auf den Tod kommt bei Homer und 
später die ganze plastische Anschauungskraft der Hellenen zum Aus- 
druck, die die Moira als furchtbare persönlich den Tod des einzelnen 
vollstreckende fasst. Wie aber diese älteste Zeitordnung nicht nur das 
irdische sondern auch das himmlische Leben in feste Maasse und 
Schranken zwängt, so sind auch die Götter selbst in ihrem Thun und 
Leiden diesem alles Schicksal in sich bergenden Zeitmaasse unterworfen 
und erst eine spätere freiere und sittlichere Anschauung lässt die Götter, 
vor allen den höchsten Himmelsgott selbst, von dem Zwange dieser 
ältesten und unentrinnbarsten Ordnung sich freimachen^). 

Völlig identisch mit der Moira ist die Tyche: auch sie ist ihrer 
Bedeutung nach die Zuteilende, dh die in der Monderscheinung personi- 
fizirte Zeitgöttin. Pindar gebraucht ihren Namen völlig gleich dem der 
Moeren und wir haben anzunehmen dass derselbe nur einer der vielen 
Namen der die Zeit teilenden und in der Zeit das Schicksal bringenden 



Mören später mit Vorliebe als Töchter der 'AvdYXt) bezeichnet drücken gleich- 
falls die absolut zwingende Gewalt der Zeit aus: Cepöv 'AvdYXYj^ x. BCa^ P2, 4, 6 
Mörencult. Ober die Molpa als Persönlichkeit Bohse Fr. Berlin Westgymn. 1893. 
iQff der freilich die Moera völlig anders auffasst. Dreizahl Hsd 218; Q05; Sc 258; 
AeschPr 516; die Sondernamen Hsd 218; KX(od«^ Spinnerinnen inschr. unendlich; 
oft. Beziehung auf die 3 Zeiten Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft Plato rep. 10, 14 
(Arist) xöojjt. 7 etc. 

*) Die innere Beziehung der p.oTpa zur Zeit tritt auch später noch oft ent- 
gegen Pd0 7, 94: 10, 52ff; Theognii87; SophTSsi; E 14I4; EurB 102; AI 147 
= i58; C9S6; 3272; 6243 etc. Auch die Formeln xaxa jiolpav, iv ptoCpig, ÖTcip 
oiloav, xax* atoav gehören hierher: sie sprechen aus dass etwas der Zeit, dh der 
durch sie gesetzten Ordnung angemessen ist; umgekehrt &nipp.opov; später auf 
die sittliche Ordnung übertragen. An und für sich bringt die Molpa Glück (F 182; 
Pd0 2,2l; 8,29 etc) wie Unglück, letzteres namentlich Tragg. ; speziell ist es der 
Tod den sie verhängt 0*09; ß ico etc; daher des Orestes Grab am tspöv der 
Motpai P 3, 11,10; inschr. mit Vorliebe Todbringerin ; jiöpog der von der Mo^a 
zugeteilte X 280. Mit andern wellbewegenden Ereignissen verbunden Pd 30 ; AeschE 
173; 724; AristAv 1733 etc. Es ist aber fast immer das äussere Schicksal mit 
dem die p.olpa sich verbindet, das sittliche Handeln des Menschen hat damit ge- 
wöhnlich nichts zu thun ; Ausdrücke wie Theogn 50 dtpeTi)^ p.olpa selten. Das 
furchtbare der MoTpa Hom durch verschiedene Epitheta ausgedrückt; ähnlich die 
spätem. Die Götter den Moiren untergeordnet AeschE 172: 728; Pr5l5; Her 1,91 ; 
später Ausgleichungen hierin T87; 410; 11849; von den Göttern selbst ausgehend 
X413; PdP 5, 76 etc; daher nun Zeus, Apollon MotpayixTjc; Plato rep 10, l4f die 
Ausführerinnen der Pläne der Weltregierung. 

Gilbert, Gütterlebre. S 



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IIA AUgfemeiner Theil. 

Mondgöttin gewesen ist, der dann im Laufe der Zeit zum Ausdruck 
iür Schicksal überhaupt sich umgestaltet hat. Und wieder ein anderer 
Name dieser Zeitmacht ist die Nemesis, auch ihrerseits die Zuteilerin, 
die gleichfalls nur als ein Cultname der Mondgöttin zu verstehen ist. 
Tyche, Nemesis und andere ähnliche Gestalten sind als in lokalen 
Culten aufgekommene Epikleseis der Göttin zu fassen: in den wech- 
selnden Namen und Formen derselben spricht sich das Mühen und 
Spielen des menschlichen Verstands aus, der Beziehung der Zeitgöttin zum 
menschlichen Schicksal den möglichst passenden Ausdruck zu geben *). 

So sehen wir wie der Begriff der Moira und Moirai wie derjenige 
der Tyche, Nemesis und ähnlicher Gestalten in dem Zeitwesen des 
Monds als der ältesten und characteristischsten Erscheinungsform der 
Zeit wurzelt. Und so gewiss dieser ursprüngliche Zusammenhang im 
Laufe der Zeit dem Bewusstsein geschwunden ist, so bestimmt lässt 
sich derselbe doch auch später noch nachweisen : die Tradition in Cult 
und Sage hat sich auch hier als eine stetige nie unterbrochene erwiesen. 
So sind die Moiren entweder selbst Geburtsgöttinnen oder sie stehen 
mit den Mondgöttinnen des Cults in engster Verbindung: denn der 
bedeutsamste Akt im Leben des Weibes ist wie kein anderer der nie 
fehlenden Ordnung der Zeit untergeben und die Zeit ist es die allein 
die Frucht zur Reife bringt. Auch der Gesang der Moiren ist der 
Natur entnommen, wie alle Mondgöttinnen des Gesangs sich erfreuen. 
Die "Wesensgleichheit aber die alle Drillingsschwestern vereine der 
griechischen Mythologie verbindet, tritt in der engen Wechselbeziehung 
hervor, die zwischen den Moiren einer-, den Erinyen Hören Graeen 
anderseits herrscht. Es sind eben die verschiedenen Dreischwestem- 
vereine der Graeen und Gorgonen, der Moiren und Erinyen, der Hören 
und anderer ähnlicher Gestalten dem Hellenen selbst als so wesentlich 



*) Die Bedeutung: von vifxß'-'vv^ contingo ferio lässt auf die active ^zuteilen*' 
schliessen. Horo noch nicht: H5,420 als Okeanide; Hli,5 Gebet an Athene 
Ö6c tOx^jv. Pd4i preist sie als eine der Moiren; O 12, 2; f 39; P 7, 26,8; Alcm 62 
bezeichnet sie als Schwester der Eunomia u. Peitho: es gehen also die Kreise 
der Hören Moeren wie der Aphrodite in einander Qber. Eur lOl 1 erldärt Erin3rs 
Nemesis Tyche Moira als identisch. Vgfl. Archil i6; Simon lOO; Bacchyl l ; SophOR 
lo8ofiF Töx^i mit |if)v«c verbunden. P 4, 30, 6 in Smyrna mit dem Hörn der Amalthea; 
in Sekyon P 2, 7> 5 als dxpacioe, mit Flügeln als Mondf^öttin die Ober den himm- 
lischen Segen gebietet. Enge Wechselbeziehung zwischen Tyche u. Selene, Hekate, 
Artemis etc Lewy Jbb 145, 761 f; Famell cults2,487ff; ML 3, ll7ff. Ndjisotc Hsd 
223 Tochter der Nacht neben Moeren und Keren; PdO 8,86; P 10,44 als strafende 
rächende Macht = der Erinys. Sie sowohl wie Acirasteia (Lobeclc Agl5l4ff; Pos- 
nansky Bresl. phil. Abh. 5, 2; Tümpel ML 1 , 406 ff ) sind ganz in den Mythenkreis 
der Aphrodite übergegangen. 



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ZeitanHaiaong. 1 1 ^ 

verwandt, so eng und innerhch zusammenhängend erscbienen, dass ihm 
die einen in die andern übergegangen sind^). 

In der Tbat sind speziell die Erinyen von Haus aus mit den 
Moeren ydllig identisch: sie haben nur einen etwas andern Elntwicklungs^ 
gang genommen. So erscheinen die Erinyen bei Hocner noch ganz 
als Schicksalsgöttinnen, die wesentlich nach ihrer furchtbaren Seite 
au%efissst werden tmd die auch darin den Moeren gleich sind, dass 
wie jeder Mensch and jecies Stück seines Lebens seine Moira hat, mit 
der er unlösbar Terknfipft ist, so auch )eder Mensch und jede etnzebie 
Handlung desselben seine Erinys hat die gleich unerbittlich erscheint 
um zu strafen vaad die sonach gleich unlösbar mit dem Menschen und 
seinem Tbun verstrickt ist. Denn wenn die Erinjs auch noch oft bei 
Homer als eine Naturmacht erscheint die sie von Haus aus ist, so 
zeigt sich doch schon eine vertiefte AufSskssung derselben darin dass 
sie in Wechsdbeziefaung zu dem Tbun des Menschen tritt, indem die 
einzelne Handlung die Rachegöttin herbeiruft^. Aber auch die Erinjen 
tragen in ihrer ganzen Entwicklung dem Ausgangspunkte ihres Wesens 
Rechnung, indem sie die ursprüngliche natürliche Verbindung mit 
Nacht und Dunkel nicht zn .verleugnen vermögen. So sind die Erinjen 
noch bei den Tragikern die grausig blickenden, scharf spähenden, die 

«) Moirai für od. neben EUcithyia PdO 1,26; 6,42; N7, l; vgl. Pol! 3, 38; 
EutJ T 206 (Opfer der Bräute). Aphrodite älteste Moira in Athen P l, 19, 2; Ca 3, 
57; 2,1378; Verbindung mit Artemis Orthia in Sparta 01,1444; Pott 3, 38; mit 
Persephone P 2, 4, 7; 8, 42, 3; als llsicpc»}!^ P 8, 21, 3. Vgl. Auadvfieke wie xopCtj^ 
4v p.rjv£ PdO 6, 32; icsnp(0)iivif] '^(lipa EurAl 147. Moeren u, Erinyen eng verbunden 
AcscftPr5l6; Se975ffr E 168 ff; 956ff; P 2, 11,4 gietcher Cuft der Euweniden u. 
Molren in Sekyoo. Ebenso eng die Verbindung zwischen Moires u. Hören, deren 
Schwestern Hsdgoi; P3, 19, 4; 1,40,4; als Greisinnen OMtRer Hdb § 398 = 
rpoCau Die Pharmakfden an der Kypsefosbde P 5, 18, 2 scbehibar eine Form der 
Moires Röscher Ph 47, 703 AT gegen Kern AJb 3, 234 ; ebenso die Njrmphen als 
Töchter des Zeus u. der Tbenris (P 9, 25,4) Apd 2, 11 4, ihrerseits wieder Pherec 
33b; ScfaEurilß 742 in die Hesperiden abergebend. 

^ OBKIler Aescbylos? Eumeniden 1833: Rosenberg d, Eriiiyen 1874; Rapp 
MLl, 1310ff; Rohde RhMso, 6ff. Betreffs ihres Namens (von Kuhn ZvgBpr l, 
439 ff mit Saranyü zusammengebracht) rgl. P8, 25, 6 (4ptv6«iv). Rom briogen sie 
stets Noth oder Tod 1 455 f; 571 ff; ♦4'3; ß 134; >'^77; 0231; a77; P475; r275; 
T258. Daher die Erinys Hom schrecklich, erbammngstos etc; das letzte Ziel 
ihrer TWWgkeit der Tod Ca 3, 1354, 14. 23; 1424; C 2415 etc. deich des Moeren 
in Bexog zu Geburt und Hochzeit AeschE835; mit Mören zusammen AeschPrsiö; 
E96I; 1046. 'Ept^ösg tiTjTpö« *412; X277; ««Tpöj Hsd472; tixvcov EurMi389; 
^msxAv P475. Gleicher Weise Tragg. oft; Her 4,149; Apd3, 87; Paroe» 1 app, 
IJ, 20: jedenfalls ist diese Vorstelluog zunächst aus dem Familienkreise henror- 
gegangen, EMe Erinyen durch das Gebet, den Fluch des Beleidigten herbeige- 
rufen ß 134; I454; 566 ff: doch deutet nichts an dass Hom dfe Erinyen selbst die 
personifizirten *ApaC sind wie später bei den Tragg. 

8* 



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1 1 6. Allgemeiner Theil. 

in die finstern Wolken oder in nächdiches Dunkel gehüllt eilenden 
Laufs dahin rasen. Auch die Erinyen sind gleich den Gorgonen von 
den Wolkenschlangen umzüngelt, während ihre Sturmpeitsche auf die 
Wolkenmassen niedersaust; sie blasen den verglühenden oder erkältenden 
Lufthauch von sich, der in andern Bildern als Sturmmusik erscheint 
mit der sie den Menschen bethören oder vernichten; sie senden zu- 
gleich das tödtende Nass herab, wie sie nicht minder die Lichtfackel 
tragen, mit der sie ihre nächtliche Wanderung erhellen; sie stehen 
endlich in engster Beziehung zum Westen, zum Reiche der Finsterniss 
und der Unterwelt, aus der heraus sie ihr gespenstisches Haupt über 
die Erde erheben. Alle diese Züge, so sehr sie später künstlich und 
willkürlich beeinflusst sind, haben sich aus dem Naturwesen selbst 
entwickelt; sie werden in all diesen Einzelbeziehungen als die nach 
der grausigen Seite ihres nächtlichen Wesens und Wirkens und Er- 
scheinens erfassten Mondschwestern characterisirt, die mit Sturm wölken 
und mit den Schrecken der Finsterniss verbunden dem Menschen zu 
schrecklichen Unholdinnen wie zu furchtbar mächtigen Gestalten werden 
Erst im Laufe der Zeit haben sich die Erinyen sittlich vertieft und 
namentlich im Anschluss an die Blutgerichtsbarkeit in Athen zu jenen 
Rächerinnen entwickelt welche die Schuld des Menschen unerbittlich 
zu treffen wissen*). So zweifellos nun aber schon bei Homer die 
Erinyen ganz oder fast ausschliesslich nach ihrer fürchtbaren Seite auf- 
gefasst erscheinen, so kann es doch nicht verkannt werden, dass der 
Cult einen doppelten Character kennt, indem die Erinyen neben ihrer 



1) Der schreckliche aber scharfe Blick Pd0 2, 41 löoloa dgel' /Epivu^, daher 
EurO 261 yopytSm^i; SophOC42. 84; Ai836; ganz mit den Gorgonen Identifizirt 
E48; Ch 1048; von Euripides auch beflügelt gefasst O317; JT28Q; Nacht und 
Duqkel Hpm •JjepocpQrTtc; AeschCh 1049 qpoctoxtTCüvs^, E 52 (liXaivai 353. 375; Se699; 
977; SophE 501 (pdojia vüxtög; Eur0 32i etc; Wohnung im W. Unger Ph 45,559ff; 
nächtliche Pompe AeschE 1027. 1034. IO44. loöff; Fackeln 1022. 104I; Aeschin l, 
i8q; SchAristPl425; Hunde Röscher ASG 17,111. 46 ff. Ihre Schnelligkeit AeschE 
250; 376 etc; Schlangen AeschCh 1049; Eur0 256; E1345; Sturmpeitsche AeschCh 
290, später oft; die Sage Nonn 21, lOSff wird echte Züge enthalten; durch das 
ganze Stück der Eumeniden zieht sich die Verfolgung des Orestes durch die 
Erinyen in dem grossartigen Bilde einer Jagd hindurch; in dem Brüllen der Erinyen 
das Gebrüll von Thieren, Gebell von Hunden EurJT 294; furchtbarer Gesang 
AeschE 329ff; A 1191. 645. 991 : Se 867. Der vernichtende Lufthauch AeschE 53; 
137; EurJT 288, daher die Erinyen Macht Ober avdpwov oci^piaTOi, öevöpoTCi^juov 
ßXd^a etc; das vernichtende Nass AeschE 478 f; 7 78 ff, daher Macht Ober dai{jLÖv(Ov 
azoLk(iy[iOLXOL, Öp6oo€ icovxCa te xotl oöpavoö. Die Erinys aus der Unterwelt und als 
Executivorgan der unterirdischen Mächte I571; T258; r277; l453; 566; AeschE 
7J; 375; 1007; 103O; SophE 490 etc. Die Tragiker werden dann nicht müde in 
immer neuen Wendungen den Rachecharakter der Erinyen zu schildern: darauf, 
näher einzugehen bedarf es nicht. 



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Zeitauffassung. 11^ 

furchtbaren Seite eine lichte und freundliche zeigen. Auch diese letztere 
findet ihre Erklärung nur in ihrem Naturwesen. Sie treten nach dieser 
Seite völlig den Hören und Chariten zur Seite, da es die Vegetation 
in ihrem Werden und Wachsen ist, der ihre Thätigkeit gehört. Nach 
ihrer freundlichen Seite fördern und schützen sie dieselbe; nach ihrer 
furchtbaren Seite vernichten sie sie. Sie sind hier also Herrinnen der 
Vegetation die von ihrem Erscheinen wie von ihrem Thun abhängig 
ist und zeigen sich damit auch hier als die Zeitgöttinnen die in dem 
wechselnden Erscheinen von Sommer und Winter ihrer äussern Gestalt 
nach zwar immer dieselben bleiben, in ihrem Thun aber den vollen 
Gegensatz von Freundlichkeit und Zorn zum Ausdruck bringen. In 
dieser Doppelseite kommt also dieselbe doppelte Wesensseite zum 
Ausdruck wie wir sie auch bei den grossen Cultmondgöttinnen selbst 
finden werden: die fördernde Seite ihrer Erscheinung im Frühling und 
Sommer, die vernichtende Seite im Herbst und Winter*). Und so sind 
sie auch in Bezug auf ihre sittliche Thätigkeit die Trägerinnen der 
Zeit, die mit tödtlicher Sicherheit heranschleichend das Schicksal des 
Menschen und zugleich die Strafe und Rache für seine schuldbare 
Handlung bringt. Wie wir von der Zeit sagen, dass sie alle Schuld 
auf Erden rächt, so hat auch der Hellene diesen Gedanken in seiner 
Erinys ausgedrückt Aber wie die Zeit der antiken Auffassung nicht 
ein wesenloses Abstractum ist, sondern in der sinnlichen Erscheinungs- 
form des in unwandelbarer Zeitspanne sich auslebenden Monds offenbar 
wird, so ist auch die Erinys als Mondgöttin zugleich die Trägerin der 
Rache wie sie die Herrin über das vegetative Leben ist. All ihr Thun, 
mag es das Leben des Menschen oder der Natur treffen, erscheint 
demnach als das streng der Naturordnung sich anschliessende, eben 
weil sie selbst die Trägerin der ältesten und heiligsten Ordnung ist, 
die in der verlässlich sicher gewährenden, wie in der erbarmungslos 
sicher treffenden Zeit zur Erscheinung kommt. In den Erinyen haben 
wir sonach eine hochaltertümliche Auffassung der Mondgöttin zu er- 
kennen, die nach der Verschiedenheit ihrer Erscheinungsform und in 
spezieller Beziehung zu der Zeit ausgebildet, sich später der voll- 



1) Die Characteristiken AeschE 778 ff. 8ooff. 824ff. 903ff. 921 ff. 938ff die sich 
zweifellos an die Culttraditionen anscbliessen verlassen nirgends den Boden einer 
auf die Natur sich beschränkenden Wirksamkeit. In der älteren Kunst (Rapp 1332) 
ehrwürdige langbekleidete Frauen von ernstem selbst mildem Charakter; P 1,28, 6 
äYdXpiaxGC nichts 9oß«pöv; Epimenidesg aloX68a)poi. Doppelauffassung Mitt4, TIX« 
Xa.b. (mit Schlange u. Blume); in Megalopolis jidXaivott u. Xz\}%cd; MavCai (EurO 
400 ; SophAn 603) u. 'Axioet« P 8, 34, 1 ff; in Sekyon MoTpat u. Eöjwveösg P 2, 1 1, 4 ; 
in Athen 2ep.vai SophOC458. 127; EurO 37 Seh was beide Seiten ihres Wesens 
bezeichnen kann, daher mit schwarzem und weissem Lamm DiogL 1, 10, llQ 
(SchSophOC 42) verehrt. 



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1 lg AligeoseiBer Theil. 

kommnefcn Vorstellung der etnheitiich gefassten Mondgöttin cultlich 
untergeordnet hat^). 

So bieten uns auch die Erinyen einen hoch interessanten Beleg 
für die Aufl&tssung der Zeit in einer Entwicklungsperiode der Mensch- 
heit welche noch selbstthätig Mythen schuf wie sie Begriffe schuf. Die 
Wechselbezidiung zwischen der Zeit und dem Schicksal des Menschen 
hat das Denken und Sinnen des Menschen zu immer neuen Versucheti 
der Verständlichmachung getrieben und hat so die Gestalten der 
Erinyen, der Moiren und andere geschaffen die den Gedanken des 
Menschen Ausdruck geben. Fest steht es ihm dass das was das Leben 
triüt und beherrscht nur von einer sinnlich wahrnehmbaren Macht her- 
rührt. Und wie die spätem Dichter und Philosophen nicht müde 
werden von der Zeit als solcher zu singen und zu sagen, dass sie her- 
anschleicht die Wahrheit zu offenbaren, die Dinge zu bringen, das 
Schicksal zu vollenden, alles zu sehen und in seinem wahren Wesen 
zu zeigen, so hat eine ältere Auifessung all dies Thun wie es der Zeit 
eignet, der bestimmten Einzelerscheinungsform derselben, dem Monde, 
beigelegt und die Erinyen sind die personifizirten die Zeit in sich 
tragenden und bringenden Mondschwestern ^). Der Gedanke dass die 
Frevelthat des Menschen die Rache der Zeitgötter herbeirufe hat si<A 
zunächst in dem engsten Kreise der Familienordnimg gebildet um all- 
mälig weitere Ausdehnung zu gewinnen. In dieser speziellen Beziehung 
der Zeitgöttinnen zu dem Thun des Menschen haben sie selbst die 
sittliche Vertiefung zu den gerechten Rächerinnen aller Schuld er- 
fahren in der sie uns bei den Tragikern entgegen treten. Und es ist 



1) Die Erinys in der Einzahl l571; 0234; Pd0 2^4l; I>reijEahl EurT457; 
O408. 1649. Wenn ScfaAeschln 1, 188 3 Statuen erwähnt, deren mittlere KaUmis 
(ClemPr47 KdX(i>(), deren beide äussere Skopas verfertigt habe so ist (Urlichs 
Skopassf) die eine Statue zur Dreibeit ergänzt; nach OMüUer Eum 179 siD<l 
alte Schnitzbilder vorhergegangen. An 3 Tagen (SchAeschin) Blutgerichtsbarkeit; 
3 Tage H6dE802l den Erinyen geweiht; drei Cultbüder in Argos M1tt4, 175; 
ans 3 Krügen Spenden SophOC468ff, wie auch 3 mal Ölzweige Ihnen dargebracht; 
in Megalopolis P 8, 34i 1 f. 3 ttpd; Dem 21, 11 5, 3 iepOKoioL der Semnal (Dhiarch 
£1469, 12 ff 10). Polemon SchSophOC 39 vindicirt daher 3 Erinyen fftr Athen 
gegen Phylarch. Die Eineelnamen Apd 1, 3 werden auf später Madie beruhen. 
Die Auffassung in der Vielzahl gemacht AeschCh 1057; Tragg; auf den Denkm. 
l»2,3,4»5 etc. 

2) Vgl. PdN4, 44 XP^^^ IpTWiv iwTCpwpiivocv xeXiott; 011,52 Motpa 8 iT 
i^Xtf/io^ jiövoc iXi^^tav In^xüiiov XP^^C» l, 33; 2, 17; f 33 XP^^^^g dtvog ÖTctp- 
ßdcXXcov itdvTtov poxdptöv; SophAi604; OC1452; f284; Simon 175 oöx ton (isC^ov 
ßdoavog XP^^ou oöötvdg IpT^J ^76; Eur 305 XP^^^ öeixwotv dvOp<&7c<ov xotx6TT)Tac; 
f6i; 444 etc: Theogn 967; FTG 937ff (499- 510. 512) uo. ÄhnKch die Erinyen 
selbst in unzähligen Wiederholungen als xocxöW jivijfiovs^ und in Verbindung mit 
der Zeit characterisirt. 



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ZeitauffiassuD^. H^ 

ohne Zweifel Athen gewesen, die Blutgerichtsbarkeit des Areopag, wo 
sich in erster Linie diese Vertiefung der Auffassung vollzogen hat. Hier 
sind sie, die noch überwiegend von ihrer finstern, nächtlichen Seite erfassten 
Mondschwestem, in enge wesentliche Verbindung mit dem Dunkel- 
und Nachtgotte getreten und haben so als die aus der Unterwelt zur 
Rache aufsteigenden Mondunholdinnen einen Cult erhalten, der ihre 
rächende Seite systematisch ausgebildet und vertieft hat^). 

Den Erinyen schliessen sich die Hören an die wir gleichfalls als 
einen Mondschwestemverband anzusehen haben. Bei Homer tritt uns 
nicht das leiseste Anzeichen einer Identifizirung derselben mit den 
Jahreszeiten entgegen: in ihrem himmlischen Dienste sind sie nie die 
eine oder die andere thätig, sondern stets in engem Vereine die 
Schwestern zusammen. Auch Hesiod kann die Hören noch nicht in 
Beziehung zu den Jahreszeiten aufgefasst haben, da seine Namen Dike 
Eunomia Eirene ganz allgemeine Bedeutung haben; wie auch Pindar 
diese Einzelnamen jedenfalls ohne die specielle Beziehung gebraucht. 
Hören sind Zeiten, Zeitteile: dass aber mit diesem Namen der Zeitteil 
in seiner characteristischsten und significantesten Erscheinungsform dh 
als Zeit des Mondkyklos bezeichnet worden ist geht daraus hervor, dass 
Hora speciell die Vollmondszeit bezeichnet^). Als das characterische 



1) Cultstätte an der Ostseite des Areopag Thuc 1, 126; PlutSol 12; P 7, 25, 2. 
Ihre Ahäre (Aescb E 806 iaxipotx) am x^^l^^ X^^^C EurEl271; AeschE 805 mit 
den Dunkelg^ttero Hermes ScbSophOC 489; I556ff (Hesychos Almhcrr des mini- 
strirenden Geschlechts kein anderer als Hermes selbst, daher der Dienst Polemo 
49 |iex& i^ouxCoCi di& töcfT]}i{av; SopbOC489; 131). Auch der Cuh am Kolonos 
OC57. 127. 100 wird gleichfalls unter den Hesychiden gestanden haben. Auf Ver- 
btndong mit Ares weist ihr Cult am Aresbeil igthum: daher vielleicht ihr Cultname 
'ApavxiÖtc Hes. Verbindung mit Hades SophE 1272: Ca 2, 948ff. Der Cult scheint 
überall unter freiem Himmel stattgefunden zu haben und ist immer bocbaltertOmlicb 
geblieben Polemo 42; P 2, 11,4. Verbindung mit Athene AeschE 833. 1 021 ff. Die 
'^"^ZS' haben dem Verständniss der Erinyen namentlich dadurch geschadet dass 
sie sie mit den *ApaC u. Kflpsg (Hsd2l7) identifizirt haben: erst durch die Tragg. 
sind die Erinyen populär geworden. 

') Zoega Bassir. 2, 2i8ff; RappML l, 2712ff; Lehrs pop. Aufe. 78ff (von 
^^«8:eDgesetztem Standpunkte aus); PHerrmann de Horarum figuris D Berlin 1887. 
Hom in der Mehrzahl; der Dual H 6, Sff sehr zweifelhaft: seit Hsd Dreizahl; 
Denkm. als 2 oder 3; im Cult Oberwiegend als 2 Ca 2, 1598; P8, 31» 3; 3» 18» lO 
etc. E 749ff; B 393ff haben sie die Aufgabe ^ \ik^ dvocxXtvai nuxiv6v viqpog ifi* tm- 
Hlyou.; Dienerinnen der Hera und Athene B433; der Aphrodite H 6, 5ff; in» 
Culte des Apoll H 2, 16. Als gemeinsamer Verband Hsd 901 ff: PindO 13,6.17; 
P9i59: f30; 75; vgl. die 3 Frauen mit Blume Reichel vorhellen. Göttcrculte 3. 
Einzelnamen Hsd; PindO 13, 6f; 9, 15 {is^oXödogo^ Eövo|i£a; P8, 70 &9t>(JitXi^ A(x*j; 
Bacchyl 29; Dike Eunomia Thcmis Bacchyl 15, 540. Hören sind auch Damia u. 
Anxesia P2, 30, 4; 32,2, wofür in Thera (vHiller Thera 19) Damia u. Lochaia; 



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J20 Allgemeiner Theil. 

der Hören wird gerade das gleichmässige wie das festgebundene be- 
zeichnet: sie sind die sich stets gleichbleibenden bestimmten Zeitmaasse, 
die keineswegs eine wechselnde Beziehung auf die sich wandelnden 
Jahreszeiten aufweisen, sondern in stets gleicher Wesenheit im Sommer 
wie im Winter dieselben sind. Sie bilden also einen engsten Verband 
von zwei . oder drei Schwestern, die in den ewig wandelbaren Zeiten 
des Jahrs immer wieder als dieselben von neuem erscheinen. Dieses 
wunderbare Verhältniss trifft nur für die Mondschwestern, die Mond- 
zeiten zu, die in stetiger Regelmässigkeit immer als dieselben wieder- 
kehren, um die sich wandelnden Jahreszeiten herbeizuführen und zu 
beherrschen. An und für sich haben also die Hören mit den Jahres- 
zeiten nichts zu thun. Da nun aber das Wort Hora eine allgemeine 
Bedeutung angenommen hat, so hat dasselbe auch von jeder Zeit und 
jedem Zeitmoment gesagt werden können, wie es denn auch speziell zum 
Ausdruck der wechselnden Jahreszeiten geworden ist. Erst ällmälig ist 
der Name Horai die ständige Bezeichnung dieser in der Drei- oder 
Vierzahl gefassten Jahresperioden geworden und hat nun nothwendig 
zur Confundierung mit den älteren und eigentlichen Hören geführt. 
Diese letzteren sind und bleiben der eng vereinte Schwestern verband 
der Mondphasen, die in der Zweizahl oder in der Dreizahl gefasst die 
Einheit des Monds, dh der Zeit in ihrer significantesten Erscheinungs- 
form bilden 0. 



fsrner die oivoxpönot PherecQS; Cypriai?; Wentzel Ph5i,46ff. Als Vollmond 
in der Lykurgischen Rbetra Pliu Lyk 6, die, auch wenn sie in der von Aristoteles 
au%ezeichneten Form nicht alt gewesen sein mag (EdMeyer Forsch, l, 261 ff; 
GGilbert Studien 121 ff) sicher auf eine alte Formulierung zurückgeht: &pa^ &^ 
&pac dTceXXdl^eiv von Vollmond zu Vollmond. Das Verb cbpio), -e6(o^=^uXdrc(o 
erst von öpa abgeleitet; dieses letztere etym. mit öpt^ü) zusammenhängend Plato 
Crat 25 ; SophOR 1083 StobE 1, 2, 31 (Bergk PLG 3, 681) xP<^voü ncddm d)pöv. Vgl. 
den Gebrauch von <&pa inschriftl. Herm 3l,508ß; EurAl449 xüxXdt^ avtxa iwpt- 
vCooexott ö>pa jiTjvög dstpojiivac Tcawöxoü asXdvo^. Die 9, 10, 12 Hören Hyg 183; 
Nonn 12, 17, späte Mache Welcker 3, i3f. 

'; Vgl. ^450 (PdN4, 33f.); ß 107; X469etc; namentlich il35; 0)344: 
daher in den ältesten Darstellungen die 2 oder 3 Hören ohne Unterschiede. Hom. 
ist (Bpa=Zeit allgemein, daher (bpalog (Ätopog) der entsprechenden Zeit oder Stunde 
angemessen. Praegnant die Hauptzeit im Jahre als Frühling, im Leben als Jugend 
B468; tSl; PdN8, 1; fl 22; Stesich36; Mimn2; endlich als Schönheit Poll3,72; 
Lexx c&poL Ausdrücke wie X469 TWpl Ö' expaiiov c&pat; PdO 4, 2; N4, 34; SophOR 
156 können ebensowohl auf die Jahreszeiten wie auf die .Mondphasen bezogen 
werden. In bestimmter Beziehung auf die 4 Jahreszeiten zuerst Alcm 76; Plaio 
rep6, 4: 7, lO; legg 10, 13 etc: aber die Hören als Zeiigötier haben damit nichts 
zu thun, da jene wechseln, diese stets als die Zwei oder Drei gemeinsam er- 
scheinen. Erst in später Zeit findet Identification statt. PhilJ 2, 34 unterscheidet 
(im Übergang zu der Identification) wpat YjpivaC xstp^ptot ö«(i)ptva£; im Feslzuge 



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Zeitauffassung. 121 

Obgleich die Hören nun als die Zeitgöttinnen sich wesentlich zu 
Schützerinnen der Vegetation ausgebildet haben, so mag doch noch 
darauf hingewiesen werden, dass die Hesiodischen Namen wie die 
Cultnamen der Hören bestimmt andeuten, dass sie einst eine allge- 
meinere Bedeutung gehabt haben, da sie gleich den Moirai und Erinyes 
als Vertreterinnen der Rechtsordnung erscheinen. Auch hier ist diese 
Beziehung aus ihrem Charakter als Trägerinnen der Zeitordnung zu 
erklären. Von ihnen scheint namentlich die als Dike bezeichnete An- 
spruch auf ein hohes Altertum zu besitzen: zur Dike wird die Zeit 
indem sie jedem Dinge seine Stelle und seine Ordnung weist; sie ist 
die Weiserin schlechthin die allem Geschehen ihre «Weisung» giebt. 
Daraus ist der BegriÖ der objectiven Rechtsordnung geworden, in dem 
aber immer wieder die alles Unrecht sehende und rächende hervor- 
bricht. Und so sind sie in vielen Punkten völlig gleich den Moeren 
und Erinyen die in der Zeit und durch die Zeit dem Menschen sein 
Schicksal heraufftihren und namentlich zu den kritischen Momenten 
seines Lebens in engster Beziehung stehen, wie sie nicht minder die 
Schuld des Menschen offenbaren und zeigen, strafen und rächen *). Über- 
wiegend aber treten die Hören zum Leben der Erde, zum Pflanzenleben 
in Beziehung. Denn wie die Zeit, die sich fortspinnende Zeit der 
wachsenden Monde es ist, die das Leben aus dem Schoosse der Mutter 
Erde hervorlockt, so sind es in antiker Auffassung die Hören, die in 
immer jungen Kreisen sich erneuernden Mondschwestern die dieses 
Leben schaffen erhalten und schützen. Dieser Gesichtspunkt wird erst 
bei den Mondgöttinnen selbst seine volle Würdigung erhalten: wir 



des Ptolemaeus Philadelphus 283 v. Chr. Aths, 27 als Äpat Tdooopsg. Die Kunst- 
denkm. dieser {gehören sämmtlich der röm. Epoche an Rapp 2732ff. 

') EövotiCt) AixY) Elpi^vT] Hsd bezeichnen Gesetzmässigkeit Recht Ordnung: 
Dd5, 73; Bacchyl. 29; PLG3, 140 (p 733 f ) mit den Moeren zusammen, mit denen 
gemeinsame Abstammung Hsd 904, daher oft verbunden P3, 18, IG; IQ» 4; 1,40, 
4 etc; SophAi 1390 Erinys Dike. Cult Cs 1» 95; Ca 2, 1598; 3» 733- 277. 623. 738- 
Aus der natürlichen Ordnunjf wird die der Sitte» der Sittlichkeit, des Rechts» 
diese Entwicklung kann hier nicht genauer verfolgt werden, Allg. von den Hören 
Hsd 902 oE x* §py' d)p8Ö0üat ßpoxoTg; Schutzgöttinnen von Korinth PdO 13i6f; l4f; 
AristAv 727 iidvxst^; sie fQhren namentlich die Feste herbei PdO 4, 2 ; P 8, 7» weil 
der kommende Mond das. Fest mit sich bringt wie sie denn überhaupt in den 
verschiedenst*»n Wendungen in Verbindung mit der Zeit gebracht werden. Sie 
ziehen die Götterkinder auf P2, 13» 3; Ale 6; PdP9, 60; Beziehung zum Tode Hes 
cbpotlGC etc. Ober Dike speziell Milchhoefer AJb 7, 203ff; Usener l86ff. Wenn es 
von ihr heisst dass sie alles sieht, alles ans Licht bringt,, dass ihr göttliches Licht 
aufleuchtet, so erhalten alle diese Wendungen ihr voUesILicht erst aus dem Um- 
stände tlass Dike eben die Mondgöttin, speziell die Vollmondsphase war die als 
Tochter des XP^^C Eur 223 und zugleich durch ihr Licht die in gleicher Weise 
offenbarende und die Strafe und Rache bringende ist. 



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CmOO^Q: 



122 Allgemeiner Theil. 

werden sehen von welchem Grunde aus und in welcher Weise der Ein- 
fluss des Monds bezw. der Mondgöttin auf die irdische Vegetation sich 
gestaltet. Und gleich allen Mondgöttinnen treten sie dann auch zu den 
Wolken und Winden und Wassern des Himmels in engste Beziehung, 
wie sie zugleich mit dem Dunkelgotte selbst, den sie umtanzen und 
umspielen, auf engste verbunden erscheinen^). 

Einen weiteren Mondschwestemverband lernen wir in den Chariten 
kennen, die im besondem eine so enge Verwandtschaft mit den Hören 
zeigen, dass man sie nur als landschaftlich und dem Namen nach von 
denselben unterschieden hat bezeichnen können. Und zwar sind die 
Chariten noch ausschliesslicher als die Hören die Spenderinnen erfreu- 
licher Naturgaben. Die Angaben über ihre Zahl wechseln zwar sehr, 
da Homer sie schon in der Einheit und in der Vielheit kennt; doch 
stellt schon Hesiod ihre Dreizahl lest, obgleich daneben wieder- 
holt auch zwei Charitinnen im Culte auftreten. Namentlich der Cult 
von Orchomenos, aber auch die übrigen Cultstätten lassen erkennen 
dass die in zwei- oder dreifacher Gestalt aufgefassten Chariten nur eine 
ältere Entwicklungsphase der später einheitlich gefassten Mondgöttin 
gewesen sind. Die sprachliche Form ihres Namens geht in die indo- 
germanische Zeit zurück und hat den feurigen Glanz ihres Wesens zum 
Ausdruck gebracht: als die lichten, leuchtenden Mondhuldinnen hat sie 
der Mensch bezeichnet der in ihnen nicht mehr die finstere Seite ihres 
Wesens, ihre Beziehung zu Nacht und Finsterniss characterisirt, sondern 
in freudigem Dank ihr Lichtwesen anerkennt*). Indem sie den himm- 
lischen Erscheinungen von Wolke Wasser und Wind gebieten üben sie 



*) Vgl. HsdE75; Ihre Thätigkeit »344 Ö7Wp««v; Blumen und Früchte PdO 
I3il7; f30; 8010043; Hymnus StobE 1, 2,31 at «dvxa qjoovxi; schöne Schilderung 
AP 9, 363; Beziehung zur Erndte in der Eiresione SchAristEq ^2g; Fl 1054; Wein- 
stock Panyasi3; Philoch 18; Philj2, 34; Häufung von Beinamen OrphH 43; lange 
Gewänder= Wolkengewänder Cypria 3; Hermipp 5 (FCA p. 226); Rapp 2715; daher 
auch schleierartig umwickelt und verdeckt. Beziehung zum himml. Wasser Philoch 
171 (Cultgebet); Theoer 1» 150; zum WindeE 749; Pd 75» Uff; 04,2; Callim 2, 82 
etc. Enge Verbindung mit Pan, dem ältesten Dunkelgott Rapp 272lf; Michaelis 
Annali 1863, 292ff; TavL2; Milchhoefer Mitt 5, 206ff; OrphH 11,4 Pau oövd^vo? 
Spai;. Dienende Beziehung zu den Cultroondgöttinnen £ 749ff; ^433^; P2, 13, 3; 
5>15,3; 3,19,4; 2,17,4; 7,5,9; H6; OrphH 43, 7 etc. 

3) Allg. Useneri3iff; Stoll-Funwängler ML l, 873ff; Eichingcr Pr Augsburg 
1892 S 382 Xdpig Gattin des Hephaestos, an ihrer Statt ^ 266ff Aphrodite; Viel- 
zahl S 267ff. Pamphos P 9, 35, 4 und der Cuit von Orchomenos P 9, 35, 1 kannte 
keine Sondernamen. Hsd 907 xptl^, die Sondernamen 'AyXouiQ Et^pouvT) SaOdri sind 
der Ausdruck der Festfreude, des Lebensglücks, des Frohgenusses; der Name 
von x°^^^ nicht zu trennen, daher Soph. el. 3 x^^ (PLG 2, 244). In Athen 
2 Chariten 'Aügoo liyt\i6Yri P 9, 35, 2, in Sparta KXTJxa ^ocivva, welche Namen an 
die Hyaden Hsdfi3 ^at(o KXisioi erinnern; ein anderes Heilig^thum in Sparta P 3, 



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Zeitanl&weiiBg:. 123 

den tiefsten Einfluss auf die irdische Vegetation aus und treten darin, 
wie bem^kt, völlig den Hören zur Seite. Anderseits aber erscheinen 
sie auch in engster Beziehung zu den Musen, Um das zu verstehen 
müssen wir uns daran erinnern, dass gerade diese hoch altertümlichen 
Mondculte in eminentem Sinne Culturträger gewesen sind, da in ihnen, 
dh im Anschluss an ihren Dienst sich Tanz und Gesang, Poesie und 
Mantik ausgebildet haben, die bestimmt gewesen sind auf Sitte Bildung 
und Wissen befruchtend einzuwirken. Und wie im Erinycndienste sich 
eine tiefere Auißissung von Recht und Sittlichkeit; so haben sich im 
Dienste der Chariten wie der Musen freiere und edlere Formen der Sitte her- 
ausgebildet: Chariten und Musen werden so zu Vorsteherinnen der in 
Spiel imd Tanz und Gesang wie in den Freuden des Mahls waltenden 
feinen Sitte, Denn hat der Cult zunäbchst wieder nachahmend das 
himmlische Wesen, die himmlische Thätigkeit der Mondhuldinnen dra- 
matisch dargestellt, da sich auch am Himmel die drei Mondschwestem 
in engem fröhlichem Reigen um einander schlingen, so ist er doch zu- 
gleich bestrebt gewesen in seiner fortschreitenden Entwicklimg bildend 
und sittigend auf weite Kreise einzuwirken und hat so das himmlische 
Leben der Göttinnen und die irdische Darstellung derselben in unauf- 
löslicher kunstvoller Dichtung verschlungen. Die himmlischen Chariten 
und die irdischen Chariten, dh die Mondschwestem selbst und die 
ihnen dienenden und sie darstellenden Mondpriesterinnen. sind in vielen 
Stücken in einander übergegangen^). 

14,6. Die Dreizahl in Athen ergiebt sich aus AristN773; Socrates* Bildwerken; 
ob BoXXob Kocpneb *Au^ znsaaimengfebören Robert Com. in hon. Momnisen l43£r 
zweifdhafL Hören und Chariten oft zusammen H2, 16; HsdE73ff; Panyas 13; 
Ale 6; AristPax 456; P3, 18, 10; 5,11,7; 2, 17,4; 7, 5» 9 etc. Über den alten 
Cult in Orchomenos ergiebt sich nichts aus Cs l, 3l95ff; Dreixahl P 9, 35, 1 ; Cs 
1,3207; die nächtliche Feier Eust Ol 94; vom Himmel gefallene Steine P9»35>1; 
Kuchen in Gestalt von Monden EustS575 (daher 06Xflvat=Kuchen Eur 352) etc; 
in Kyzikos gleich den Hecatebildem in einer 3 geteilten Stele AP 6, 342 : in der 
Dreizahl auch Miller M^l. 452,6: EurT924; f359 etc. 

1) Beziefamig zu den Wolken E 338f; Cypria 3; ru den Winden PlutMus 14; 
XU den Wassern P9, 38, 2; Serv 1, 720; PdO 14, l etc. Ihr alter Einfhiss auf die 
Vegetation besonders vom OJahn Wien. Denkschr 19 (1870), 3^flf betont; vgl. 
AristTh295ff; Pp, 35, 3 (mystischer Cult); 6,24,7; Ephor68; Her 4, 175; Callim 
266; PdO 9, 26 xSüiOQ xapf'wv; P 6, 1 Äpoupot, wenn auch in übertragener Bedeutung, 
doch vgl. SchPdP 5, 31; Stesich 37 etc Betreffs der späteren Entwickhing Gaede- 
chens AEi,88,427f. (Ricklefs das. 1, 16, l66ff). Pindar feiert sie völlig gleich 
den Musen und man darf annehmen dass viele von den Chariten berichtete Züge 
(wie ebenso von den Musen, Hören, Erinyen etc) den die letzteren darstellenden 
priesterlichen Jungfrauen gelten. Enge Verbindung mit Hermes AZ 25,4fi; P 1, 22^ 8; 
AristPax 456 etc; ebenso mit den Cultmondgöttinnen Hera Com 15; P2, 17, 3; 
EtY«|AiQXCa; Aphrodite E 338f ; ^-364; H4, 61; 194 etc; Artemis H 4, 95f; 27,15; 
Ca 3, 268; P2, 30, 2; 3,18,9 etc. 



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124 Allgemeiner Theil. 

Dieser Gesichtspunkt trifft in ausschliessenderer Weise noch für 
die Musen zu: offenbar haben hier die Priesterinnen, welche bestimmt 
waren als Darstellerinnen des Lebens ihrer göttlichen Vorbilder in 
Musik und Gesang, in Tanz und Weissagung zu wirken in hohem 
Grade die Anschauungen von den göttlichen, den himmlischen Musen 
beeinflusst. Dennoch lässt sich bei Homer noch in vielen Stücken die 
ursprüngliche echte Göttlichkeit der Musen als der Mondjungfrauen 
erkennen und es ist auch hier der Zeitbegriff aus dem heraus dieselben 
sich entwickelt haben. Denn der Name Mousa bedeutet die Erinnernde, 
die Mahnerin: als die Trägerin der Zeit führt die Mondgöttin in ihrem 
Erscheinen selbst die Mahnung an die zur rechten Zeit zu geschehenden 
Dinge herauf; sie führt in den einzelnen Phasen und Tagen ihres 
monatlichen Lebens die Festzeiten heran und mahnt vor allem in ihrem 
Höhenpunkte als Vollmond an den Dienst des höchsten Gottes. Denn 
zu allen Zeiten und bei allen Völkern ist die Zeit die grosse Mahnerin 
gewesen, diejenige Macht welche dem Menschen das zu geschehende 
wie das kommende unablässig in Erinnerung ruft und zugleich in der 
Wiederholung ihrer kyklischen Phasen auch das Vergangene dem 
Menschen wieder ins Gedächtniss zurückbringt. So wird die Mond- 
göttin als Inhaberin der Zeit zugleich zur Weissagerin derselben und 
dessen was in ihr geschieht»). Wie sie aber zugleich in ihrer innigen 
Verbindung mit der Windmusik zur Sängerin wird, die im himmlischen 
Gesänge die Gottheit preist und verherrlicht, so wird sie zur Priesterin 
der Gottheit schlechthin, die nicht nur die rechte Zeit sondern auch die 
rechte Weise ihres Preises kennt. So lassen die Musen in schmeichelnden 
und lustigen, in ernsten und majestätischen Weisen die Musik des 
Himmels ertönen und ihnen lauschen die Menschen die irdische Musik 
ab, die wie alles irdische wieder nur ein Abbild der himmlischen ist. 
Und wie die himmlische Muse, die Mondgöttin, im Höhepunkte ihrer 
Erscheinung Nachts sich offenbart und Nachts ihre Weisen erschallen 



Allg. Bie ML2, 5238ff. Leo Meyer l ^ 757 fasst (ioGoa (die W. man 
stark erregt sern und man gedenken erinnern wohl identisch) richtig als ^die 
denkende, die sich erinnernde": wahrscheinlich ist aber hier wieder die transitive 
Bedeutung die ursprüngliche. Brugmann Indog. Forsch. 3, 253 ff siebt in dem 
Worte den Ausdruck der geistigen Erregung des epischen Sängers, welche Be- 
deutung erst als eine abgeleitete anzusehen ist. Vgl. auch Wackemagel ZvglSpr 
33i 574 der den Namen als Bergfrau erklärt. Von ihnen als den Zeitträgerinnen 
B 484 tot« Tidcvxa; Hsd 38 ftlpeöoat xd t' dövxa xdt t' äoo6|ieva wpö t' iövxa, daher 
auch von dem Sänger selbst 32 <bc xXaCotjit xd x' ioo6|ieva wpö x' Wvxa. Als 
jidvxsi^ Pd 150: AristAv726, daher in Delphi Tcdpsdpot xfjg jiavxtxf)^ PlutPythl7. 
Vgl. Eur927 wer die Musen verachtet x6v TCotpsXO^vx' dicöXooXs xp^vov xotl x6v 
jiiXXovxa xi^vyjx«; sie geben Nachruhm jiöptov )(jp6wo>f PdN4, 4; J 5, 28; Solon 13; 
Theogn 1056 ua. 



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. ZeitaufTassung:. . . 1 2 5 

lässt, so ist sie auch als Tochter unlösbar mit der Mutter Nacht ver- 
bunden; und da die heilige Stille der Nacht det ewig unerschöpfliche 
Born dichterischer Begeisterung ist, so schöpft aus ihm in gleicher 
Weise die himmlische Muse und die irdische Muse. So erklärt sich 
die enge und innige Beziehung der Musen zu der Nacht und dem 
Winde, wie sich nicht minder aus diesem ihrem Wesen zugleich ihre 
ständige Verbindung mit den Wolken und Wassern des Himmels erklärt 
— eine Vorliebe die später wieder auf die irdischen Wohnplätze über- 
tragen wird. Und eben daher ist es wieder zu erklären dass sie gern 
zu dem Dunkelgotte in Beziehung treten, wie sie nicht minder später 
den ausgebildeteren Culten der Mondgöttin sich anschliessend). 

In Pierien ist einst der Cult der Musen und des Zeus Mittelpunkt 
alles Glaubens und Götterdienstes gewesen: vom Preise der Musen 
zeugen alle Berge und Flüsse des Landes. Dieser Dienst am Olympos 
ist von einer eminenten Bedeutung für die Culturgcschichte Griechen- 
lands geworden, da er hauptsächlich die Anfänge des epischen Ge- 
sangs ausgebildet hat. Vom Olymp brachten thrakische Stämme diesen 
Musencult nach Boeotien und hier ist es der Heliconische Dienst, in 
dem Hesiod seine dichterische und Gesangsausbildung erhalten hat. 
In den Prooimien seiner Werke giebt er dieser seiner Abhängigkeit 
von seinen Lehrmeisterinnen Ausdruck. Hesiod ist es dann auch der 
die Musen zuerst in der Neunzahl nennt und damit wieder die Ab- 
hängigkeit seiner Vorstellungen von dem speciellen Cultdienste er\yeist. 
Denn die Neunzahl ist aus der Praxis des Cults zu erklären, der die 
3 Mondschwestern durch Reigengruppen von je 3 tanzenden Priesterinnen 
darstellen Hess, wobei ohne Zweifel die Zahl der Tage des periodischen 
Monats bezw. der Mondwoche eingewirkt haben wird. Es kann daher 



1) Die Worte HsdQflf lvd«v &7Copv6(i8vac X£xocXuii,(iivai %ipi icoXXf) iwöxtat 
oxelxov nepixoXXioc öooav Istaai ö|iV8daai Hol bat man (M. Aurel im Briefe an Frooto 
bei diesem l, 3) auf ein Traumgesicht Hesiods bezogen: im Gegenteil haben wir 
darin einen Beweis dafQr zu sehen dass das Wirken der Musen als ein nächtliches 
galt; dahe^ auch die Worte Tcepl xpi^wjv lostöiot nöaa' &waXolotv dpx^Ovxai e?c auf 
eine nächtliche Feier zu beziehen. Doch sind die Musen durchaus die hin^mlischen 
3^84; 491; AöOlf; 0*43 ua. Die Musen singen selbst A 604 uo, von. ihnen 
lernen die Sänger H 25, 2; 0*63; 48 1; 488 etc; das djisCßeadm diel xaX|) (1)60; 
H2, 11; 27,15 entweder dem Cultgesange entlehnt oder ein alter Zug, der dem 
"Wechselerscheinen der Mondschwestern Rechnung trägt. Die Glosse HesOoöpiSc^ 
Nojiqpai (Roediger Musen Leipzig 1875» 257 ff) MoOoat ergiebt nicht die Identität 
von Nymphen und Musen, sondern die enge Verbindung der Wolkenjungfrauen 
mit den Mondgöttinnen, wie auch P9, 34, 4; Str47l etc Musen und Nymphen zu- 
sammen erscheinen (O-oöpog Hom). Verbindung mit Wasser in Delphi PlutPyth 1 7 : 
Simon 44. 45; in Korinth Eumeli7; 'AYavtTncTj tctjyiJ P9»29, 5; 'Iroiouxpf^viQ P 9,. 
31, 3; Hsd 5ff; Dirke PdJ 6, 74; P 2, 31, 3 etc. Gemeinsam mit Hermes P l, 30, 2; 
Pan Theoer l, 6Sch; Athene P 2, 3, l ; 3, 17» 5 etc. 



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126 Allgemeiner Tkcil. 

nicht auffeilen wenn wir zwischen älteren drei und jüngeren neun 
Musen unterschiedeift sehen. Und während der ältere Cult nur den 
Preis der Götter, in erster Linie der Musen selbst und des Zeus ge- 
pflegt hatte, werden nun in künstlicher Speaialisirung alle einzelnen 
Gattungen der Dichtkunst auf diese 9 Musenschwestem verteilt, deren 
jtde ioTtan einen besonderen Zweig der Poesie vertritt*). 

Dvese spätere Entwicklung der Musen hat also nichts oder wenig 
mit dem urspfttnglichew Wesen derselben zu thun. Der Helrkonische 
Dienst war eben im Laufe der Zeit zu einer Schule geworden, die 
alis solche Anstalten treffen musste um die dichterischen Erzeug- 
nisse durch weiche die Gottheit gefeiert wurde bei sich zu pflegen 
und weiter zu bilden und ihre Kunst zugleich den jüngeren Geschlechtern 
immer vo« neuem einzuüben. So ist im Dienste der Musen am Helrcon 
wie wohl auch schon am Olymp eine Musenschule entstanden, der die 
Au%abe zufiel die Überlieferung in Gesang und Tanz, in Poesie wie 
in cultlichem Ritual zu pflegen und fortzubilden. Und hieraus haben 
sich wieder musische Agone entwickelt, die einmal der Verherrlichung 
der Musengottheiten selbst dienten, sodann aber auch die Ehre der 
Priesterschaft und ihres Heiligtums zu verbreiten bestimmt waren'). 

1) IIispCdBc HsdSc206; ILyLicXvjCdsc SchApl>25 nach dem Quell ]%icXftia 
Hes nCicXtiai; AAißyj^pCSs^ ServE?, 21 nach Quell Ani^^o^ Hes; Oicfxpitt^ nach 
d. Fluss Otafpo^ Mosch 3, 17; 'OXüiiittdötc B4gi. Der Mittelpunkt des Cults 
ACöv, atao Zeuscult. Der von Archelaus wiederhergestellte dye&v (Dio Cbr 2, 2 
dlpXatto€> gaft Atl %. Moöoat^ EM 17, 16; Arrl,il; Vorimondfeiern PdO 3, 19; 
Sappho 53; EusT 1072C Über den Dienst am Brücon P9, 28 — 31 : IIXiXQmdbdsc 
H8dE658; Htsiods Name eng daout verbanden Hsd 1 ff ; P9>3li3; ein Verein 
Töv oovdtKcdMv xAv MooodoDv xSv £caioda£()M» Ca 17B5; 1790; BuU 14,549; I9^3iiff. 
Hom MoOaa Al, i; ai,l; H4, i; MoSoai B484; o>6o (Neunzahl spät); H2, 11^ 
Hs€l75ff; 91 5 ff; »60 NetmsEahl, aber noch mft nngeschiedeoen Aufgaben, nur als 
xdXXtoxos xopöz PdN 5, 23; P 5, 18, 4 X*P^ X^P^C ^^ der Kypseloshide; P 9, 29s 3- 
So aoch ^ 258 9 aloüjiv^jxoct npvxoi die wir uns als Vortänzer im x^P^ zu denken 
hoben; rgf. H2, i6f. Mimn 13; Alcmli9; Aristarch SchPdN 3, 16; Musaeus 10 
FEG 1, 226 die altem 3 Musen, vgl. PtetSymp 9, 14, 3; Varro b. ServE 7, 21 ; P9, 
29> 1 : 3 in Sekyon^PlatSymp 9, I4, 7; in Askra P 9, 29, 2f; m Delphi Phit aO 4; in 
Korfüth Eumel 17; Trozen P 2, 31,3; hi Sparta P3, 17, 5 «tc; andere Zahlen be- 
ruhen auf Spielerei. 

*) Die Namen der 9 Musen finden sich Hsd 75 ff; die Verse sind mit Lehrs 
pop. Aufs 5* 426 als ungeschickte Erweiterung auszuscheiden. Weder Hom noch 
Hsd (ausser 75 ff) hat einen Namen; PdN 3, 84 hat KXeo) u. zwar als die Muse 
(vgl. Stesich 35); J 2, 7 Terpsichore (für die auf der Fran^oisvase Stesichore: vgl. 
Pd 199; SophOC69lf. H27, 15 ua) gleichfalls als die Muse: die einzelnen Musen 
haben hier offenbar noch keine Sonderstellungen sondern nur verschiedene Cult- 
nameUk Alcm 45 hat Kalllope (vgl. 6ni xocX^ A 604) gleichfalls als die Muse 
schlechthin; derselbe Name Stesich45; H31,2: sie wird Hsd 75 als TCpoqpBptaTd-nj 
dcnaaicov bezeichnet wie sie auf der Fran^oisvase Monum IV, 54 — 57 allein durch 



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Zeitauffassong. I27 

So eigentümlich also auch der Entwicklungsgang der Musen ge- 
wesen ist, an dem ursprünglichen Wesen derselben können wir nicht 
zweifeln. Auch hier ist es der Begriff der Zeit aus dem heraus die 
Musen die geworden sind als die wir sie später kennen. Als die Zeit- 
trägerinnen schlechthin werden die Mondjungfrauen die Schöpferinnen 
und Gestalterinnen des gesamten Festkyklos, der in seiner älteren 
Hesiodischen Gestalt noch durchaus der Monatskyklos ist. Die Mond- 
göttin zeigt in ihren verschiedenen Erscheinungsformen den Menschen 
die wichtigen und bedeutsamen Tage an, an denen der Preis der 
Götter geboten ist. So wird die Mondgöttin, wird der Mondschwestem- 
verband selbst zum Cultträger, zum Ministranten der Gottheit. Und 
wie die Mondjungfrauen zugleich im Besitz der himmlischen Musik 
sind, so werden sie nun zu Priesterinnen der Gottheit schlechthin, die 
nicht nur die rechte Zeit wissen, in welcher der Gottheit zu dienen 
ist, sondern die auch des rechten Gesangs mächtig sind, mit denen 
die Gottheit zu preisen und zu verherrlichen ist. 

So sehen wir wie Graeen und Gorgonen, Moiren und Erinyen, 
Tychen und Hören, Chariten und Musen aus einem und demselben 
» Kerne gemeinsam erwachsen. Wir liaben in ihnen die verschiedenen 
Auffassungen eines Begriffs zu erkennen, den der Mensch in den 
wechselnden Beziehungen auf sein äusseres und inneres Leben, auf 
Natur und Menschenloos sich klar zu machen, seinem Verstände wie 
seinem Gefühle nahe zu bringen suchte. Der Begriff der Zeit fiel 
dieser frühen Periode, die noch keine leeren Abstractionen kannte, 
zusammen mit der significantesten Zeitform, derjenigen Naturerscheinung 
welche in sich selbst die Zeit trug, die Zeit brachte, wie sie die Zeit 
war, dem Monde. Denn mag die Zeit in ihrer äusseren sichtbaren 
Erscheinung als Mond das Schicksal und die Strafe bringen; mag sie 
in dem Umkreise der Jahreszeiten Leben und Gedeihen wie nicht 
minder Vernichtung der Vegetation mit sich führen; mag sie endlich 
in der regelmässigen Wiederkehr ihrer Phasen die grosse Mahnerin sein 
die den Menschen an das zur rechten Zeit zu thuende erinnert: immer 
bleibt sie in ihrer Monderscheinung die wunderbare und unbegreifliche 



Syrinx au^ezeichnet ist, während alle übrigen ohne Attribute sind. Völlig aus- 
gebildet erscheint das System der 9 Namen Plato Phaedr4l; Com 12. Thalia 
als Nymphe Hsd 245; als CbarisQOQ; EratoHsd247; Urania 350; Alcro 59 etc. 
Wir haben die 9 Namen und andere neben ihnen (vgl Tz zu Hsd aO ; Bie aO) als 
eiiuelne Cultnamen zu fassen, die ohne Unterschied für die Muse bezw. Musen 
neben einander hergingen und die erst später fixiert worden sind. Die auf die 
musischen Agone bez. Inscliriften siehe Cs 1735 ff; ^ie Spezialschrifien de« Amphion 
icepl xod iv TXixdvi pioDosCou und des Nilcokrates irepl toO iv 'EXixfi^vt dydvo^ sind 
verloren. 



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128 Allgemeiner Theil. 

göttliche Macht die in der unwandelbaren Sicherheit ihrer Maasse und 
Zeiten als heilige unantastbare Ordnung dem Menschen sich offenbart. 

Und auch darin zeigt sich der innere Zusammenhang wie der 
gleiche Ursprung aller dieser Dreischwesternvereine dass sie eine und 
dieselbe Mutter, die Nacht, haben. Denn wenn Erinyen und Moiren 
als Töchter der Nyx, Moiren und Hören als Töchter der Themis be- 
zeichnet werden, so werden damit Erinyen Moiren und Hören offenbar 
als gleichen Wesens characterisirt und wir werden nicht irren in der 
Themis selbst nur einen Cultnamen der Nyx zu sehen. Die Nacht als 
die Urform der Zeit und die Monde als die entwickeltere Erscheinungs- 
form der Zeit werden hier in innere Wechselbeziehung gebracht. Denn 
neben der mehr äusserlichen Auffassung, nach welcher Nacht und Mond 
in natürliche Wechselbeziehung gebracht werden, haben wir sowohl in 
der Verbindung der beiden göttlichen Mächte von Nacht und Mond 
wie in der vertieften Ausbildung aller der vorstehend betrachteten 
Schwesternvereine die Anfänge einer philosophischen Speculation zu 
erkennen, welche sich an das Zeitwesen von Nacht und Mond knüpft 
und welche das Wechselverhältniss der Zeitformen von Nacht und 
Mond einerseits unter einander, anderseits ihre innere Beziehung zum 
Naturleben, zum Schicksal, zu Recht und Sittlichkeit zu begreifen und 
zum Ausdruck zu bringen beflissen ist. Und wie Themis nur eine 
Epiklesis der Nacht selbst ist, als der Urform der Zeitordnung welche 
letztere wir den Grund aller Ordnung und Gesetzmässigkeit nennen 
dürfen, so haben wir auch in der Eurynome der Mutter der Chariten 
und in der Mnemosyne der Mutter der Musen wieder nur Cultnamen 
der Mutter Nacht zu erkennen. Bezeichnet jener Name die Göttin als 
die weitherrschende, da sie in ihrem Erscheinen die gesamte Welt mit 
ihren dunklen Schleiern bedeckt, so drückt der letztere Name mehr 
das Zeitwesen selbst aus: es ist die heilige Stille, die wunderbare Macht 
welche das tiefe, das göttliche Schweigen der Nacht auf das Gemüth 
des Menschen ausübt, die in dem Namen und dem Wesen der Mnemo- 
syne einen characteristischen Ausdruck erhält^). 

Die Dreiheit, wie wir sie als bestimmend für das Leben der 
Mondgöttin kennen gelernt haben, ist nun von eminenter Bedeutung 
für ihre Mythologie geworden. In unendlichen Variationen durchzieht 
sie den gesamten Mythencomplex: Cult und Sage sind gleicherweise 
von ihr erfüllt. Als die Mondgöttin selbst zur Einheit erwachsen war. 



1) Auf die Nachtgöttinuen wird im Zusammenhang Kap. 9 zurückzukommen 
sein; daher sei hier nur auf Hsd 901 fif verwiesen, wo Themis Mutter der Hören 
u. Moiren, AeschE 321 wo NOg Mutter der Moiren u. Erinyen. Eurynome Hsd 907. 
Mnemosyne 915: die zpo^b^ töv Mouoöv P 9» 29, 5 Eü^iinrj ist keine andere als 
Mnemosyne selbst, daher auch Tirvog eng mit den Musen verbunden P 2,31, 3, 
wozu vgl. Phocylid 8 vuxTi^ ßouXsöetv, vuxxö^ öi xot dguxipTj qppTjv dvöpdotv ua. 



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ZeitaufiassuDg^. j 29 

da sind die Dreischwestemverbände als die älteren Entwicklungsphasen 
der Gottheit ihrem Culte wie ihren Mythen eingefügt und untergeordnet: 
sie erscheinen nun als die Dienerinnen, die Priesterinnen, die Helferinnen 
der Göttin. In solchem Verhältniss stehen die Aglauriden zur Athene, 
die Proetiden zur Artemis, die Eileithyien zur Hera: aber auch die 
Minyaden, Hyaden und Hyakinthiden, die Erechthiden uud Andere sind 
desselben Wesens. Eine selbständigere Bedeutung haben sich zunächst 
die Thrieen erhalten, die in ihrer Verbindung mit dem althellenischen 
Nacht- und Dunkelgotte Hermes, in ihrer Beziehung zur Mantik wie 
in der ganzen Characteristik ihres Wesens und ihrer Erscheinungsform 
hochinteressant sind und sich als einen sehr altertümlichen Cultverband 
der Mondschwestem erweisen *). Und ferner gehören auch die Sirenen 
hierher, die wir als eine unentwickeltere Form der Musen bezeichnen 
dürfen. Denn immer muss man bei diesen Schwesterverbänden fest- 
halten, dass die wechselnde Monderscheinung selbst nur den Ausgangs- 
punkt ftlr die Auffassung der zwei- oder dreigeeinten Schwesterngruppe 
gebildet hat, während Wolke und Wind und Wasser des Himmels die 
specielle Characterisirung der Persönlichkeiten hinzugefügt haben. So 
werden denn auch die Sirenen durch ihren Gesang, durch ihr Wohnen 
im Westen, durch ihre Flügel und sonst in engste Beziehung zum 
Sturmwinde und zu den mit demselben verbundenen Wolken gebracht. 
Und während an den Sirenen zwar das verderbliche und vernichtende 
der Sturmwindmusik aber daneben doch auch das schauerlich schöne 
derselben zum Ausdruck gelangt, tritt in den Harpyien nur die ver- 
nichtende Seite des Sturmwinds hervor. Wozu noch kommt dass in 
den durch den Sturm dahingerissenen Wolkenzügen der antike Glaube 
die Seelen der Gestorbenen erkennt, weshalb die Harpyien selbst zu 
den dahinraffenden Todesmächten werden und so in gewissen Be- 
ziehungen den Moiren zur Seite treten 2). 

*) Hauptstelle über sie H 3, 550/ Opioci — xaoCfVTjxai notp^vot Äxsi^oiv dYotX- 
Xöp.tvai «xapÖYeoot xpelg enge Verbindung mit dem alten Sonnengotte wie namentlich 
mit dem Nachtgotte Hermes. Die Worte xaxd xpatö^ iWTcXaypiivat SX^ixa. Xsuxd 
cbaracterisiren sie als X9^^°^i ^^^ heissen ^avxeCT)^ diddoxoiXoi. Die Worte 5 59 ff 
beeieben sich auf die Verbindung des Monds mit der als Honig aufgefassten 
binmliscben Feuchtigkeit; es liegt hier eine bochaltertumliche Auffassung vor 
welche die Mondgöttin durch den Genuss des Wolkenhonigs trunken werden lässt. 
Vgl. noch Archiloch 168; Pherec 2a (FHG IV, 637); Philoch 196; Et; Callim2,45; 
PLG3,689; Lobeck Agl. 814— 817. 

«) Ober die Sirenen Schrader Berl. 1868; Stephani Cr 1866,9— 66; WeickerD 
Leip7Jgl895; Unger Ph 46, 770flf; ji38ff; isSflf; Mantik n 189; ihr wunderbarer 
Gesang oft; Sch}i 168 nach Hesiod zob^ dvifjtoog diXyeiv; in Koronea ßo>p^ dvi)i4i>v 
aeben "Hpo^ &x^V^ol mit Sirenen auf der Hand P9, 34, 3; ihre Insel (Hsd fi97 
*Avd«fi6ftooa) nur ein anderer Ausdruck des mythischen Westlandes. Hom 2, später 
3 Eust|i; Apd 1, 135; Ap 4, 891 ff; TzL 712 ff. Als Töchter des Acheloos Apd 1, 18; 

Gilbert, Gotterlebre. 9 

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1^0 Allgemeiner Theil. 

In der Schöpfung dieser Mondschwesterngruppen hat der Mensch 
den Versuch gemacht sich die Erscheinung dieses Himmelskörpers ver- 
ständlich zu machen. Das wunderbare Wesen wie den innern Zu- 
sammenhang der drei Erscheinungsformen hat er wie den Reigen dreier 
eng verbundenen Schwestern gefasst, welche die eine die andere ab- 
wechselnd am Himmel ihre Bahn ziehen. In der Hekate haben wir 
nun diejenige Entwicklungsform noch vor uns, durch welche hindurch 
die ältere Auffassung des Monds als des Dreischwesternvereins zur Ein- 
heit der Mondgöttin fortgeschritten ist. Aber wir sehen zugleich wie 
selbst diese Entwicklung sich nicht in einem Schritte sondern nur 
stückweise vollzogen hat. Denn ursprünglich nur als Dreigestalt auf- 
gefasst wird Hekate die Mondgöttin zur dreiköpfigen, verwandelt sich 
dann zum Haupte mit 3 Gesichtern, um schliesslich die eine voll- 
kommene Artemis zu werden die der alten Dreiteilung nur in ihren 
Dienerinnen, ihrem Culte, wie in Einzelbeziehungen Rechnung trägt. 
Die Bildung der Hecate ist ein interessanter Beleg dafür in welcher 
Schritt für Schritt erfolgenden Entwicklung der griechische Götter- 
glauben sich aufwärts gerungen hat. Und auch Hekate verleugnet 
nicht die Beziehung zur Zeit, welche Beziehung wir als das eigentlich 
characteristische, als den Ausgangspunkt für die Entwicklung aller 
Mondgöttinnen zur Dreiheit, zur Dreieinheit kennen gelernt haben*). 

oder Phorkys Soph 407 f gehören sie dem Westen bezw. der Unterwelt an (d-pooövxft 
TOü^ 'Atöoü vönoüg) daher auch mit dem Persephonemythus verbunden Ap 4, 896 f; 
Eust; EurHel 167 ff (ircepocpipot XO^vö^ xöpott; f903; Ap4, 899f &Xko ufev olwvototv, 
äXko tk nocpd-evtxalg fevaXtYXtat) daher oft mit Tod und Grab verbunden P 1,21, l; 
AP 7, 491. 710; OMüller Hdb. D 393, 4. Wenn sie in hellenistischer Zeit (Crusius; 
Ph 50, 93 ff) ganz als Spukgestalten erscheinen, so hat das mit ihrer ursprünglichen 
Auffassung nichts zu thun: für diese ist ihr Aufenthalt im W., ihre Zusammen- 
gehörigkeit in 2 (|i 167) oder 3 Gestalten, ihre Beziehung zur Windmusik (die 
dem Wachenden, nicht dem Schlafenden gilt) ua entscheidend. Hierher gehören 
auch die Harpyien (RohdeRhM 50, iff) in besonderer Beziehung zum Sturmwinde 
T5l8, vgl 77 (Herm27,487ff). 

») Petersen Östr Mitt. 4, 140—174; 5, 1—84. Über Wesen der Hecate Plut 
def. or. 13; JS44; EusPr. ev. 3,16,2; dasselbe geht aus ihren Festen am Neu- 
mond Porph abst. 2, 16; Apd b. Ath 7, 126 und am Vollmond Plut gl. Ath 7, aus 
den mondförmigen Kuchen Ath 14, 53; den Fackeln, Schlangen, Giessgefässen 
oder Schalen, ihrer Beziehung zur Geburt, zur Unterwelt, zu den Dunkelgöttern 
Pan ua hervor; Sturmpeitsche Mitt 21, 2 80 ; enge Beziehung zu den Erinyen. 
Selene, Artemis, Hekate nur verschiedene Namen, wenn auch die Zusammen- 
bringung SchEurM 397 künstlich; vgl. SchTheocr 2, 12. 34. 36. Neben der ein- 
gestaltigen Hekate der griech. Kunst die 3 gestaltige, daher Artemid 2, 37 jiövo- 
und TptTCpögcüito^; Myron P 2, 30, 2 Sv icp6g(!)7:ov x. zb XotTiöv 0(&(ia, Alkamenes 
dYdX|j.axa tpCa Tcpo^ex^P^^^ dXXTJXaic: die 3köpfigen Hecatebilder schon während 
des Archidamischen Kriegs ganz allgemein AristV 804; Ath 7,126. Daher die 
Dreiheit der Hekate als eine alte anzusehen ist: die künstlerischen Schöpfungen 



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Zeitauffassung. . I3I 

Der Mondmonat, die Periode vom ersten Erscheinen des einen 
bis zu dem des andern Monds, ist für lange, unübersehbare Zeiten der 
bestimmende Kyklus geblieben, der allein das Leben des Menschen 
beherrscht hat, wie er zugleich dem gesamten Leben der himmlischen 
Mächte zu Grunde gelegt ist. Denn wenn auch daneben im Allge- 
meinen die Wahrheit sich aufgedrängt hat, dass der Sonnenlauf einen 
grösseren Zeitraum umschreibt, so hat es doch unendlicher Erfahrung 
bedurft, ehe diese von der Sonne umspannte Zeitdauer als ein genau 
abgemessener Kyklos erfasst wurde. So blieb die Mondgöttin als die- 
jenige, deren sichere stets gleichbleibende Zeitdauer man zu übersehen 
vermochte bestimmend und massgebend auch für die andern Götter. 
Und so hat man versucht den Sonnengott insofern der Mondgöttin 
unterzuordnen, als man auch für jenen mit jedem neu beginnen- 
den Monde eine neue Lebensphase beginnen Hess. Das ersehen wir 
namentlich aus Hesiods Kalender welcher lehrt dass der Monat noch 
zu seiner Zeit die Zeit schlechthin war, da seine einzelnen Tage ohne 
jede Rücksicht auf die wechselnden Jahreszeiten nur aus sich selbst 
heraus charaterisirt werden^). Und wie die Mondgöttin als ein Drei- 
Schwesternverband aufgefasst worden ist, so hat man ihm auch in den 
Sonnen- und Dunkelgöttern Drei-Brüdervereine nachgebildet. Wenig- 
stens nehmen die Hesiodischen Kyklopen und Hekatoncheiren eine so 
eigentümliche Stellung ein, dass sie schwerlich anders denn als von kykli- 



eioes Myron und Alkamenes P 2, 30, 2 nur verschiedene Versuche der im Glauben 
feststehenden Dreiheit künstlerisch Ausdruck zu ^eben. Häufig^ sind Darstellungen 
auf denen die 3 gestaltigen Hekatebilder wieder von 3 Jungfrauen umtanzt werden. 
Hecate xpi\JkOp<po^ Ath aO; tptxdpTjvo^ MinFel Oct. 22 (trinis capitibus); Lyc. 1186; 
bekannt die der pergamenischen Gigantomachie mit einem Leibe» 3 Köpfen, 
6 Armen Ergebn. d. Ausgr. v. Pergam. 57; iptitpögowioc Com 34; die Darstellungen 
heben oft die mittlere Gestalt als die wichtigste hervor. Hecate als Mond- und 
Zeitgöttin Conze Heroen- u. Göttergest. 33; Zusammenhang mit Art. KeXy.oc.ia die 
gleichfalls speziell Zeitgöttin Petersen 5, 2lfif. 

*) Hesiods Rechnung E 765 ff. So ist Apoll wie Helios die voühtqvC« geweiht 
Philoch 178. 181 und es ist höchst bedeutsam dass das einzige bei Homer vor- 
kommende allgemeine Fest eine dem Apoll gefeierte voojiTjvda ist § löoff; x 3o6f; 
ÜI56; 276; 9258; 266ff. Ich kann deshalb in dem Xuxaßo^ mit Stengel Herm 18, 
305 nur den Mond, Monat erkennen wie er später Bezeichnung des Jahrs war: 
die XÖXKJ (lux) deren Gang die Zeiteinheit bildete war eben früher der Mond, 
später die Sonne. Wahrscheinlich am i. jedes Monats allen Göttern Opfer ge- 
bracht Theop 283; vgl. Dem 25, 99; Porph abst 2,16; Plut aes al. 2; QR 25. 
Wenn neben dem 1. später der 7. Monatstag dem Apoll galt so beruht das auf 
semitischem Einflüsse Hsd E 772f; Herb, 57. Ist der 20. dem Apoll heilig Ca 2, 
609 (OMOIler Nouv. ann. de Tinst. l, 335ff) so schliesst sich auch das der Monats- 
^jlung (3. Dekade) an; Feier am Vollmond Plut Dio 23. Ähnlich waren auch den 
andern Göttern je einzelne Tage jedes Monats geweiht. 

9* 



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132 Allgemeiner Thcil. 

scher Bedeutung verstanden werden dürften. Und ähnlichen Wesens 
scheinen auch die Tritopatoren zu sein: während die Hekatoncheiren 
in spezielle Beziehung zum Wolkendunkel treten, nehmen die Trito- 
patoren dieselbe zu den Winden an; wie sich aber ihre Dreieinheit 
durchaus nicht aus diesen besonderen Beziehungen erklären lässt, so 
wird es eben die tiefere Auffassung derselben als der Zeitmächte ge- 
wesen sein welche ihre Dreiheit schuf. Wie überall so ist auch hier 
der Glaube bestrebt gewesen die verschiedenen Götter in Wechselbe- 
ziehung zu einander zu bringen; und zeigt die ganze Evolution und 
der gesamte Mythenkreis der Mondgöttinnen wie ausschliesslich hier 
der kyklische Gesichtspunkt, das Zeitmoment ihre Auffassung beherrscht 
hat, so kann es nicht wunder nehmen nun auch Versuchen zu begeg- 
nen die andern göttlichen Mächte in eben dieselbe Auffassung mit 
hereinzuziehen. Aber über Versuche ist hier die Mythenschöpfung nicht 
hinausgekommen, da das Wesen speziell des Sonnengotts einer solchen 
Auffassung zu wenig entgegen kam*). 

So bedeutsam nun aber auch der Mond und der durch ihn ge- 
setzte Monat in das Leben der Erde wie des Himmels eingegriffen hat, 
seine ausschliessliche Herrschaft hat doch keinen Bestand haben können. 
Die Erfahrung dass das gesamte kosmische Leben unter der Herrschaft 
der Sonne, des Sonnengottes steht, dass dieser es ist der weit über die 
Ordnung des Monds hinaus der Welt die Ordnung seiner Zeit auf- 
zwängt, hat auf die Länge der menschlichen Erfahrung nicht verborgen 



>) Kyklopen Röscher ML 2, l676ff; MMayer Giganten 104ff; 120ff. Hsd iSQff 
YtCvaxo (Gaea mit Uranus) KbyXdiTZfx^ Bp6vTr)v xe Hxepönrjv xt xal 'ApYTJv d|ißptnö- 
di>(iOv ot ZiQvl ßpovnjv t' iöooav xsögdv ts xipauvov. Ist auch dieser letzte Vers 
spät aus ihren Einzelnamen gemacht und hinzugefügt, so ergeben doch eben die 
letzteren die Beziehung auf das Gewitter, die ihrem alten Wesen entspricht« 
während die Charakteristik |io9voc dqpd'0iX|i6c {liaoq) ivixsixo \itxthi7Up sie als Sonnen- 
riesen characterisirt. Ebenso lassen Hsd l47ff xpetg TcalÖi^ pÄydtXot x. 6|i,ßpi(iOL 
Köxxo^ xe Bptdpea)^ xe röiij^ yöiwpij^ava xixva mit lOO Händen und 50 Köpfen 
nur die Beziehnng auf die Wolkenbildung zu, während sie ihrer Dreizahl nach 
eine allgemeinere Bedeutung als Dunkelgötter haben. Vgl. SchHsd 148 Über 
die verwandten Bildungen des Kerberos, Gergoneus etc oben. Ober Triton BrOckner 
Mitt 14,690; T. II. Über die TpixoTcdcxopeg Suid; Orph £240; Schx2; von Klei- 
demos 19 mit den Hekatoncheiren identifizirt ; Demon 2 als Windgötter erklärt« 
Orph aO dDpcopoi)^ x. cpöXaxot^ x&y dvi|i(i)v, mit 3 Einzelnamen ; Cult in Athen Ca 2« 
1062; Phanoden 4; tcovxcdv icpcbxou^ Philoch 2. 3. Das xptxo- wird orsprfinglich 
in Beziehung zur Dreiheit der Gestalten gestanden haben So gewiss die Auf- 
fassung der Winde nach ihrer lokalen Herkunft in der Dreizahl unmöglich, so 
sicher liegt hier dieser Auffassung eine kyklische Beziehung zu Grunde. Eine 
Nebenform der Hekatoncheiren scheinen die Chciro- oder Encheirogastores zu 
sein MMayer Giganten I25ff (Tümpel Ph 56, 340) obgleich Str 572 mit den Ky* 
klopen identifizirt. 



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ZeltauffassuDg. I33 

bleiben können. Und so tritt denn sehr allmälig aber immer ent- 
schiedener der Sonnengott in den Mittelpunkt der Zeitrechnung und 
die Mondgöttin muss sich fortan als die geringere und als die dem 
kleineren Zeitkreise vorstehende dem höheren Sonnengotte und seinem 
Yollkommneren Kyklos unterordnen. 

Die Überzeugung dass das durch den scheinbaren Lauf der Sonne 
geschaffene Jahr eine feste stets gleich bleibende Zeiteinheit schafft, ist 
natürlich, wie bemerkt, erst sehr allmälig gekommen. Ursprünglich 
hat man Sommer und Winter unterschieden und diese beiden Jahres- 
zeiten haben sich wie eine höhere Potenz von Tag und Nacht der 
Vorstellung des Menschen wie speziell seinem mythologischen Denken 
eingeprägt. Alle Sonnengötter tragen dieser Grunderfahrung, dass das 
himmlische Licht in einem steten Auf- und Abwärtssteigen sich bewegt 
Rechnung: wird der höchste Stand der Sonne im Sommer als Sieg 
des Gotts, so wird sein niedrigster Stand im Winter als Ersterben ge- 
fasst; und danach hat man auch das Leben des Dunkeigotts als ein 
Erstarken und ein Schwachwerden gedeutet*). Immer wogt der Kampf 
zwischen Licht und Dunkel auf und ab und was einst jeder einzelne 
Zeitraum von Tag und Nacht dem Menschen wie den Göttern gebracht 
hat, findet nun in der durch Winter und Sommer begrenzten Spanne 
statt. Es sind also — das muss bestimmt hervorgehoben werden — 
nicht neue Götter welche die fortgeschrittene Kenntniss des Wechsels 
von Sommer und Winter schafft: es sind und bleiben die alten Götter, 
die aber dem höheren Wissen des Menschen entsprechend auch ihrer- 
seits wachsen und sich entwickeln. Und auch in den neuen Formen 
bleiben die alten Anschauungen wesentlich erhalten, indem Ausgangs- 
punkt und Ziel ihrer Wanderung, Aufgang Niedergang und Höhenpunkt 
ihres Wirkens, Segen und Verderben ihrer Herrschaft, aber zugleich 
auch Feindschaft und Ausgleich der beiden Gegner Kern und Mittel- 
punkt aller Mythenbildung bleiben. 

Mit der gewonnenen Erfahrung dass der Sonnengott auch seiner- 
seits eine sichere unfehlbare Zeitordnung einhält; dass er also ebenso 



1) Ideler 1, 24if. „Als Merkmale dieser beiden Haupfeabschnitte diente den 
Griechen der Frabauf- und Untergang der Plejadea.*" Vgl. Hsd E 383f. IUi)idid«v 
*AtXQir«vio)v lic'.TtXXo|Jiivacov äpx^^* äfii^TOU, dpöxoio tk duoopisvGUov. Für den Land- 
mann characterisirt sich Sommer und Winter als die Zeit des i^ki^to^ und des 
dpeto^. Für die indog. Zeit vgl. Schrader'435ff. Speculativ Theop 293 so aus- 
gedrückt dass aus x^i^v (s=c Kronos) u. dipo^ (=«= Aphrodite) xö iap = Persephone 
hervorgeht zum Zweck y^vv^^d-ai icÄvra. Die Sage von der Umkebrung des Soanen- 
wagens EurO looiif; JT816 wird die kritische Epoche der i^XCoti Tporcai tum 
Ausdruck bringen, wie die enge Verbindung des Phaethonbrands mit der Deukalio»- 
flttth Hyg 1 52 den innem Zusammenhang der Sommergluth mit der Winterüber- 
schwemroung ausdrückt. 



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134 AUg^melner Thell. 

wie die Mondgöttin der Träger der Ordnung, der Gesetzmässigkeit, ist 
hat sich nun das Verhältniss von Sonne und Mond völlig verschieben 
müssen. Denn nun wird der Sonnengott der grössere, gewaltigere, da 
die in seinem Jahreslaufe beschlossene Zeitordnung eine viel höhere 
ist als die der Mondgöttin. Das von dem Sonnengott getragene Zeit- 
gesetz wird thatsächlich zur Weltordnung, da das Leben der Erde das 
genaue Abbild des himmlischen Jahreslebens ist, welches in dem sieg- 
reichen Übergewichte des Lichts, der Sonne für die Erde gleichfalls 
die fröhliche Zeit des Werdens und Wachsens bringt, während es in 
dem Schwachwerden und Ersterben des Sonnenlichts auch für die 
Erde die Zeit der Trauer und des Vergehens und Verderbens schafit. 
Fortan muss sich die Mondgöttin als die Trägerin des kleineren Kyklos 
dem Sonnengott als dem Vertreter des höheren, des eigentlich ent- 
scheidenden Zeitkreises unterordnen: der Sonnengott wird der Führer, 
der Leiter der Mondschwestern, die in immer neuen Erscheinungsformen 
den Gang des Sonnengotts begleiten, in die grosse umfassende Lauf- 
bahn des letzteren die eigenen kleineren Kreise einfügen und einordnen^). 
Und wie auch hier wieder der Mensch bestrebt gewesen ist das 
Leben seiner Götter in ein Wechselverhältniss zu setzen, das des einen 
wie des andern von gleichen Normen beherrschen zu lassen, so hat er 
auch das Leben der Mondgöttin fortan in die Periode eines Jahres- 
ringes eingeschlossen. Und so schwierig, ja unmöglich diese Auffassung 
des Monds als eines Jahresgestims, seines Lebens als eines Jahreslebens 
auf den ersten Blick zu sein scheint, die Beweise dass sich diese ver- 
änderte Auffassung der Mondgöttin vollzogen, dass sie zur Jahresgöttin 
geworden ist sind zwingend: die Nothwendigkeit alle Götter in ein 
Wechselverhältniss zu bringen, ihr Leben zu einem gemeinsamen, ihr 
Wirken zu einem sich gegenseitig ergänzenden zu gestalten hat dem 
Glauben genügt dieses Wechselverhältniss zwischen Sonnengott und 
Mondgöttin, wie es ja auch thatsächlich vorhanden ist, herauszufinden 



') Dieses Prinzip findet seinen Ausdruck Geminus Isag 6; poetisch Eur 854 ; 
Hermipp 4 (FCA p 225f); Sappho 130 etc. Was hier aber dem Abstractum ivtanTÄg 
beigelegt wird gilt mythologisch dem f)XiO€. Daher Eratosthenes Dox 3 1 8 den 
Xpövo^ als TTjv TOÖ iiXioo Tcopetav bezeichnet. Vgl. AristZY4» 2. IG; Mqp 1 3, 6; Dd l, 26; 
Poll. l,54tf; SchTheocr 7, 1.45. Plutls4l die ausdörrende Kraft der Sonne und 
die Feuchtigkeit bringende des Monds sich ausgleichend und ergänzend. Aristoteles 
fQhrt es wiederholt aus wie ^iveoi^ und qpd-opd dh oC ßioi der Erde abhängig sind 
von den y(jp6yoi des Himmels: die letzteren sind das Prius, die ersteren das Pos- 
terius; die xp^voi aber werden durch die ictpCodo^, die xCvrjai^ des riXio^ (und der 
otXijvY)) geschaffen n, ytv. 2, 10 ; 04,13 ua. Und so künstlich und verschlungen 
auch die Laufbahn von Sonne und Mond und in ihrem letzten Grunde dem 
Menschen verborgen, sie wird streng eingehalten und schafft dadurch die Welt- 
ordnung Plato leg 7, 22, 



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Zeitaufiassung. ' ' I a c 

und im Mythus zu gestalten. Es spielt sich also das Gesamtleben der 
Mondgöttin nun gleichfalls in dem Verlaufe eines Jahres ab: die 12 
Mondringe die sich in den grossen Jahresring schlingen, werden zu 
den niederen Ordnungen die sich der höheren Ordnung einfügen. Der 
Sonnengott wird fortan der grosse Führer der den Reigen der Mond- 
huldinnen anführt, ihnen voraufschreitet und sie leitet, während die 
letzteren sich ihm anschliessen und fügen, ihm folgen und gehorchen *). 
Diese beiden Vorstellungen, deren ältere in möglichst genauer Be- 
rechnung der monatlichen Zeiteinheit das Leben der Götter nach ihr 
bestimmte, deren jüngere an die ältere Erfahrung von Sommer und 
Winter anknüpfend die Götter als Jahresgötter, als gebunden durch die 
Periode eines kyklischen Sonnenumlaufs fasste, haben sich keineswegs 
unvermittelt an einander geschlossen und abgelöst: sie sind im Gegen- 
teil lange, sich gegenseitig ergänzend und modifizirend, sich in ein- 
ander und über einander schiebend, neben einander hergegangen. Und 
auch als die höhere Zeiteinheit allmälig das Übergewicht erlangt hatte, 
ist die ältere Rechnung in unzähligen und mannigfaltigen Formen 
innerhalb derselben erhalten geblieben. Wie sich der Mondkyklos, die 
Einheit der monatlichen Monderscheinung aus 3 zusammengehörigen 
Schwestern einst zusammengesetzt hat, so baut sich jetzt der Jahres- 
kyklos, der Ring des durch die Sqnneneinheit bestimmten Zeitlaufs, 
aus 12 eng verbundenen Theilen auf, die der Mythus wieder als 
12 Einzelpersonen fasst. Hatte man also früher aus Tag und Nacht 
im Anschluss an die älteste Fingerzählung und zugleich als Unterab- 
teilung des Monats die 10 (bezw. 9) tägige Woche und aus ihr sodann 
den Mondmonat selbst berechnet; so richtete man nun auf Grund 
dieser letzteren Stufe das 12 monatliche Jahr auf, obgleich auch dieses 
nicht völlig der wirklichen Jahresdauer entsprach. Ein i3ter Schalt- 
monat half nach Bedüffniss aus^). 

*) Der bestimmteste Beweis dass die Mondgöttin dem Jaln-eskyklos sich 
angeschlossen hat ist H 32, 1 1 fif wo es von Selene heisst dass sie den [kifOLZ öyiiog 
vollende, wodurch sie T^x^uop ßpoxolg xotl ofjjia xiTUXxai: der neue ÖYjiog begann 
mit der Frühlingstag u. nachtgleiche. Denselben Fortschritt werden wir bei den 
Cultmondgöttinnen kennen lernen. Mythologisch drückt sich, wie im Texte an: 
gedeutet, das neue Verhältniss des Sonnengotts zu den Mondschwestern darin aus, 
dass jener der Führer dieser wird, daher Apoli Moiragetes, Musagetes, wie er 
auch in dasselbe Verhältniss zu Hören, Chariten, Erinyen tritt: vgl. Kap. 11. Aber 
wie alle diese Verhältnisse sich aus naturalistischen zu ethischen und culturellen 
entwickeln, so ist auch Apolls Verhältniss zu den Mondschwesterngruppen im 
Laufe der Zeit in tieferer Auflassung zu einem sittlichen und culturellen geworden. 

^ Dip Bedeutsamkeit der Zwölfzahl zeigt sich in den 12 Titanen Hsd 132 
wie in den 12 olympischen Göttern AristAv 95. Hom tritt die Zahl Zwölf I 123; 
T244; I328; W175; ö 299— 31; Z248; O746; X25; A425; ü)78l; Ö636; ß353; 
T574; üJ07 bedeutsam hervor. Neleus hat 12 Söhne A692; Niobe 12 Kinder 



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136 Allgemeiner Theil. 

In diesem Übergange aus dem Mondkreise in den Jahreskreis, 
den wir alle Mondgöttinnen machen sehen, haben dieselben nun noch 
eine weitere hochbedeutsame Entwicklung erfahren. Es waren nemlich 
die drei Phasen, aus denen sich einst das Leben der Monatsgöttin zu- 
sammensetzte, zu einem so integrirenden Bestandtheil ihres Wesens ge- 
worden, dass sie als unverlierbares Eigentum sich aus der älteren in 
die jüngere Auffassung fortpflanzte. War demnach die Monderscheinung 
einst als eine Gruppe von 3 zusammengehörigen Schwestern gedacht; 
oder wickelte sich das Leben der einheitlich gefassten Mondgöttin nach 
den 3 natürlichen Phasen der Geburt des Höhepunkts und des Todes 
einst ab, so setzten sich diese 3 Zeiten fortan in dem grösseren Kyklos 
fort. Auch das Jahr verlief nun nach den Phasen des Anfangs, des 
Höhepunkts, des Endes. Neben die Zweiteilung des Jahrs in Sommer 
und Winter bildete sich also nun eine Dreiteilung des Jahrs aus, die 
wir als Fortbildung des alten dreigeteilten Monatskyklos aufzufassen 
haben. Die Mondgöttin in ihrer Entwicklung zur Jahresgöttin gestaltet 
auch jetzt wie einst ihr Leben nach drei Phasen: sie schafft damit die 
drei Jahreszeiten welche die Erde wieder als die Ordnung des Himmels 
empfängt und aufnimmt, um sie in dem Werden und Wachsen, dem 
Gedeihen und Reifen, dem Abnehmen und Sterben der Pflanzenwelt 
auch ihrerseits wiederzuspiegeln ^). 

In dieser Vertiefung ihrer Dreiteilung und in der Übertragung 
der letzteren auf das Jahr haben wir eine geniale Fortbildung zu er- 
kennen, die bestimmt gewesen ist den tiefsten Einfluss auf die Mytho- 
logie auszuüben. Es treten damit die Ordnungen der Mondgöttin und 
des Sonnengotts in die unmittelbarste Wechselbeziehung. Zeichnet der 



Ö603; AII08 12 Söhne X5; dem Poseidon werden 12 Stiere g^eopfert v 182: je 
12 Heerden von Stieren, Schaafen, Schweinen, Ziegen weiden dem Odyssus g lOüff; 
12 Könige der Phäaken 3-390; in 12 Theile zerlegt Hermes den Stier H 3, 128 
etc. Vgl. PdN4, 28 12 Wagen; O 10, 25 12 Altäre; O 10, 4Q 12 Götter; P4, 25 
12 Tage; I2mal 03,33; 6,75; 12 Monate N 1 1, IG; 12 Söhne fl7l; 12 ßoO^ ab 
Opfer SophT 76of; «diwtvov öa)Ö6x6v<potXov den Göttern Ca 3, 77; oft 12 Söhne Apd 
3,124 etc. Das bekannte Räthsel des Cleobul PLG3, 20lf baut sich auf der 
Zwölfzahl der Monate auf. In der Zahl 13 (E 386; Pd 135; O 1, igf etc) ist der 
Schaltmonat mit berücksichtigt. 

*) Über die Dreitheilung des griechischen Jahrs allg. Ideler 1, 243ff. Homer 
kennt eotp T519, Hpo^ "»J n8, x^^l^^ ^4. Wohl stellt er einigemale zB X 192 
Hpo^ und iTWüpa zusammen, aber die letztere ist keineswegs mit unserm Herbst 
identisch: SchTheocr 11, 36. Auch Hesiod kennt 3 Jahreszeiten E448flf, wenn 
er auch durch das )ji6Tona)piv6c4i5 und durch die spätere Ansetzung der önApa 
das Oipo€ weiter auszudehnen scheint. AeschPr454; AristAv 7ioff haben gleich- 
falls X^^P^^j ««P und Hpo^ bezw. öircopou Vgl. Ddi,lif; 16.26; Theop203; 
Poll 1 , 62. Es lässt sich aber nicht verkennen dass daneben Spuren einer Vier- 
theilung hergehen, wie schon Alcm 76 dipo^ X^\^^ 6icd>pa und iocp nennt. 



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ZeitaufiiEissuiig. f ^ y 

Sonnengott in seinem grossen Jahreskreise der Erde das entscheidende 
Gesetz vor, nach dem sich das Gesamtleben zu richten hat, so zieht 
die Mondgöttin innerhalb jenes Jahresringes ihre kleineren Kreise die 
denselben in zwölf Monate wie in drei Jahreszeiten zerlegen, die auch 
ihrerseits bestimmt sind allem Thun des Menschen wie allem Leben 
der Erde die bestimmende Ordnung zu weisen. In drei grossen Jahres- 
perioden vollzieht sich fortan alles kosmische Leben, das himmlische 
und das irdische*). Aber wie die Götter selbst sich dieser Ordnung 
unterwerfen, indem sie das Aufsteigen wie das Niedersteigen ihres 
Lichts und damit ihrer segensreichen Einwirkung auf die Erde durch 
die in ihnen selbst ruhende Zeit bestimmen und begrenzen, so zeichnen 
sie damit ihr eigenes Leben als das gewaltige, mächtige vor, während 
das irdische nur ein Abbild, ein Produkt jenes ist. Es prägt sich also 
die Ordnung welche der Himmel durch die Gesetzlichkeit seiner stetig 
wiederkehrenden Wandlungen setzt und stiftet und die im Wesentlichen 
eine Ordnung der Zeit ist, zugleich als Lebensordnung der Erde und 
ihren Geschöpfen auf, deren Jahresleben nur ein Widerschein jenes 
himmlischen ist. In der festen Ordnung seiner Zeitmaasse und Zahlen, 
da er das einheitliche Jahr in zwölf Monatsringe wie in drei Jahres- 
zeiten theilt, giebt der Himmel aber zugleich der Menschheit die 
Weisung, dass es heilige Zahlen giebt nach denen sich das himmlische 
wie das kosmische Leben scheidet und gestaltet und die daher der 
Mensch gehalten ist auch in den von ihm geschaffenen Dingen und 
Verhältnissen nachzuahmen und nachzubilden*). 

So haben fast alle Zahlen von Eins bis Zwölf eine gewisse tiefere 
und symbolische Bedeutung erhalten. Sind Drei und Zwölf die grund- 
legenden Zahlen und Maasse des himmlischen und des irdischen Lebens, 
so entsprechen denselben zugleich die Neun bezw. Zehn theils als die 



*) Bekanntlich ist es namentlich die Mondgöttin Persephone, in der am 
deutlichsten die Beziehung auf die 3 Phasen des Jahreskyklos tum Ausdruck ge- 
langt; aber auch die andern Mondgöttinnen stellen diese Jahresdreitheilung dar. 
Darfiber ist Kap. 10. 1 1 näher zu handeln. 

^ Nach Plato (namentlich leg 5, 14) sollen die politischen Theilzahlen den 
durch die Himmelsbewegung geschaffenen Maassen entsprechen. Die Zwölf lico^iiw] 
xölc nTfjol xal Tfl toO «avxög ictpi68<|>. Daher 12 Phylen (12 Hauptgötter); 360 Bu- 
jeuten; 5040 xX^pot (Produkt von 1 — 12 ausser 11); 365 Feste, für jeden Tag 
ein Gott; 37 dpxovttc =r 37 Dekaden in abgerundeter Zahl in Piatos Staat. 
Daher die 12 zahl der Städtebünde, die 3 od. 4 Phylen, die 360 Gentes etc als Streben 
zu erklären, die irdischen Verhältnisse zum Abbild der himmlischen zu machen. 
Der Himmel lehrt den Menschen die Zahlen epinom 4. Daher die Frömmigkeit 
des Menschen unzertrennlich mit dem Vermögen zusammenhängt die Zeiten Zahlen 
u. Maasse wie sie an Sonne Mond Sternen Himmel haften kennen zu lernen und 
zu verstehen. Die Pythagoreer haben ihr ganzes System auf die Zahl gegründet; 
Arist* 4, 1 1 XP^V0€ Ap^ö« xt^. 



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Ijg Allgemeiner Theil. 

höhere Potenz der Drei, theils als die Summe der Mondwoche. Aber 
wie Drei und Neun oder Zehn zusammengehören, so bilden auch Vier 
und Sieben eine zusammengehörige Einheit: denn überall wo semitische 
Einflüsse sich geltend gemacht haben ist die Theilung des Monds in 
4 siebentägige Wochen an die Stelle des echthellenischen dreigetheilten 
Monats getreten. Die Vier hat aber auch in dem altgriechischen Glauben 
selbst ihre Bedeutung gehabt, da die räumliche Scheidung des Horizonts 
in die vier Weltgegenden eine natürliche und selbstverständliche ist, 
4 Mondringe auch der Jahreszeit entsprechen. Die unzähligen Drei- 
schwestern- bezw. Dreibrüdervereine in der griechischen Mythologie 
und Heroensage finden aus dem Gesagten heraus ihre Erklärung, während 
da wo 4 Töchter erscheinen semitischer Einfluss indicirt ist. Die räum- 
liche Auflassung dagegen tritt in den 4 Sturmhunden, in den 4 Wolken- 
rossen und in andern Beziehungen hervor *). Es hiesse völlig den Geist 
des Altertums missverstehen, wenn man diese und andere gleichfalls 
dem Himmel entnommenen Zahl Verhältnisse von minderer Bedeutung 
als Spielerei betrachten wollte. Denn sie sind dem Menschen einst 
wirklich die alles göttliche wie irdische Leben beherrschenden Maasse 
gewesen, denen er heiliges Wesen und göttliche Kraft beigelegt hat. 
Und als heilige Ordnungen hat sie der Fromme zu respectieren. 

So können wir den Entwicklungsgang der Götter bis . zu dem 
Augenblicke verfolgen, wo sie aus den ersten Anfängen ihrer Auf- 
fassung als der Tagesgötter in langsamem Werden zu Jahresgöttern 
sich gestalten. Über diese Stufe ist wohl der Glaube, nicht aber der 



1) AUg. Weickerl, 51—56; Pott ZfVölkerps. 14, 1—48; 129— 174; Gemoll 
Jbbl27, 250ff; Lattich PrNaumburg 189I; Wölfllin ArchfLexicogfr 9» 333ff(7 u. 9). 
Eine systematische Sammlung und Erläuterung aller 2^hlen der griech. Mythologie 
wOrde eine eigene Schrift erfordern. Speculativ ist die Dreiteilung als Anfang 
Mitte Ende Plato leg. 4, 7 ; in Bezug auf Zeit als Vergangenheit Gegenwart Zukunft 
Hsd 38; populär in Beziehung auf die 3 Naturreiche Himmel Erde Wasser O l87ff; 

3 Weltreiche Her 4, 42 und sonst erklärt. Vier zB H 3, 194 4 xöveg, oft 4 tiCTCOi, 

4 Teichinen Bacchyl69; sehr oft 4 Töchter wie H 5, 108 etc. Die Sieben sehr 
bedeutsam n I28fif, daher Apoll selbst feßWpLetog Hsd 770f uo; vgl. 7 oder 14 Kinder 
der Niobe Lasos2; EurPh 159; Einteilung des Lebens in Phasen von 7 Jahren 
Solon 27; die 14 dXxuovfde^ -^{lipai Simon 12; das Opfer von 7 Knaben u. Mädchen 
Bacchyl 1 7 : der 7. Tag Pd 3 ; die angeblichen 7 Thore Thebens Brandis Hermes 2y 
259ff etc. Vgl. RFMeyer ZfEthnol 8, iff. Ober die Neunzahl als Woche A53; 
Z174; 2610.664.784; y]253; 182; X28; 11 447; 6314; Hl,9l; 5,47; sonst B96; 
2 578; Y 7; 0-258; 1 160 etc; 9 Kinder der Niobe Sappho I43; 9 Köpfe der Hydra 
Ale 118 etc. Vgl. Siecke Liebesgeschichte 47ff; Diels ArchfPhilos lO, 233; Sibyll 
B1.40fif; WeinholdABA 1897; Kaegi Philol. Abh. f. Schweizer-Sidler 50ff. Zehn 
B372; 489; 618; A347; I122; 264; A24; 33; T247; Ö232; W851; 882; 0129; 
(0340; 10 Kinder Mimn 19; Alcm etc; Woche AristN 17 etc. Fünf 11 171; 2481; 
1270; W833; T299; ?62; PdP4, 130; Aesch 385. Sechs K317; Hsd 133ff etc. 



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. Zeitaufiiassuog. I^p 

Cult — wenigstens in allen Hauptzügen — hinübergekommen. Aller 
Cult ist Jahrescult, indem derselbe sich den jährlichen Wiederholungen 
des Laufs der himmlischen Mächte und den durch sie vorbildlich dem 
irdischen Leben gezeichneten Entwicklungsphasen anschliesst. Es sind 
zwar zahlreiche Spuren älteren Glaubens, der das himmlische Leben 
nach den Mondläufen zu bestimmen suchte, in dem späten Culte er- 
halten geblieben: verschwindend gering sind die Spuren einer über 
den Jahreskyklos hinausgehenden Rechnung. Wohl ist der Mensch 
bestrebt gewesen aus Gründen der Religion wie des praktischen 
Lebens die durch den Lauf des Monds wie der Sonne geschaffenen 
Ordnungen immer genauer zu bestimmen und auszugleichen und so 
höhere Ringe von 2 und 4 und 8 Jahren zu schaffen, die diesen 
Zwecken besser zu entsprechen schienen: für den Cult haben solche 
künstliche Schöpfungen nur einen untergeordneten Werth gewinnen 
können. Überall bleibt das Jahr der Kreis, in den sich der Cult ein- 
schliesst; überall spiegelt sich im Culte die Jahresentwicklung der 
himmlischen Mächte wieder, indem derselbe nachahmend und drama- 
tisch darstellend das Leben der Götter den Andächtigen vorführt*). 
Aber indem die Mythen dichtung die verschiedenen Kyklen des gött- 
lichen Lebens, dh die an die Tages-, an die Monats- und an die 
Jahreserscheinungen der Götter sich knüpfenden Momente unwillkürlich 
in einander übergehen lässt, hüllt sie die Thaten jener in einen nebel- 
haften Schleier der das eigentliche Wesen der Dinge verbirgt. In 
dieser Combination verschiedener Kyklen im Mythus liegt ein Haupt- 
schlüssel zum Verständniss der Mythologie selbst 2). 



1) Forchhammer Apoll in Delphi 9. Plato leg, 7, 14 spricht es aus dass die 
&pca TU ^oaCai x. iopxoLi z&y ^|itp(&v tl^ (iigvSv ntpiödou^ x. |iT)vfiyv tl^ Ixocaiov t6v 
ivtouxdv dh mit den nepCodoi tö5v dtCcov £axpü>v — i^kioi} x. otXi^vT)^ übereinstimmen 
müssen. Vgl. auch AristN 6o6ff. Dadurch aber dass die historische Entwicklung 
verschiedene Götiersysteme mit einander verschmolzen hat, ist das ursprünglich 
einfache und klare Verhältniss des Cults mannigfach getrübt worden. Über Dieteris 
bezw. Trieteris in ihrer ursprünglichen u. verbessenen Form AdSchmidt Hdb. d. 
Chronol. 3iff; Verbindung mit Dionysuscult Macr 1,18,5; CicND 3, 23, 58; Cen- 
sorin 18. Sie hat in der Form dass je in der 4. Periode der Schaltroonat ausge- 
lassen wurde den Obergang zur Oktaeteris gebildet. Tetraeteris ASchmidt 38 ff; 
vgl. Ale ia8; Aesch 175; Bacchyl 59; [i I28ff; H 3,437 etc; mythologisch entspricht 
ihr die 50 zahl als Töchter, Häupter und sonst der einheitlichen Persönlichkeit. 
Ennaeteris ASchmidt 56ff; B 313. 134; §240. 285 ff; 1Q 259ff. Ihr entspricht die 
lOOzahl. Da ^0^:= Jahr Dd 1, 26; Censoria 10, 6, so sind MCva)^ iwicopo^ t 178f; 
Aloaden X3U Vertreter dieses grossen Kyklos. Vgl. O444; Apd3, 24; Plut 
Thesl5 ua. 

') Jeder geschlossene Zeitring kann als Jahr exo^, iviauTd^ bezeichnet 
werden, daher der Monat Ser v 3, 284 ; Kyklen mehrerer Sonnenjahre Fritzsche 
de carmine Aristophanis > mystico 46f. So hat sich auch ä>poc, &po^ zur Bezeichnung 



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140 AllgemeiBer Theil. 

Wenn so die Götter in ihrer ganxen Entwicklung "als Zeitgötter, 
als Träger der Zeit erscheinen, die selbst an die von ihnen gesetxten 
Zeitmaasse gebunden sind, so hat doch der Mensch, der beflissen ist 
die Götter auf die höchste Stufe seiner Erkenntniss lu heben, bei 
dieser Auffassung nicht stehen bleiben können. Der Glaube des 
Menschen hat seine Götter, wie sie vorher Sklaven der Zeit und ihrer 
Ordnung waren, über sie hinausgehoben und hat sie zu Herren der 
Zeit gemacht. Und damit werden die kleineren und grösseren Zeit- 
ringe zu Ordnungen welche die Götter dem Himmel wie der Erde 
setzen, während sie selbst von ihnen unabhängig sind. Ist es derselbe 
Sonnengott, dieselbe Mondgöttin die in ewig gleichbleibenden Phasen 
sich offenbaren, so müssen sie eben die ewigen, die über der Zeit 
erhabenen sein, die jene Zeitkreise nur zu dem Zwecke ziehen, durch 
sie das kosmische wie das irdische Leben zu regeln zu ordnen zu 
bestimmen. Und so ist der entscheidende Schritt gethan: aus den 
selbst der Zeit unterworfenen Persönlichkeiten werden sie zu den zeit- 
losen, den ewigen und unsterblichen, die jetzt nur um so gewaltiger, 
übermenschlicher, göttlicher den sterblichen Menschen gegenüber treten. 
Denn wenn auch anzunehmen ist dass der Begriff der Unsterblichkeit, 
der Ewigkeit sich zuerst an dem Himmelsgotte gebildet hat, der in 
seiner ehernen Wölbung, in seinem unendlichen Lichte stets derselbe 
bleibt, so hat sich doch dieser Begriff auch auf die übrigen göttlichen 
Mächte übertragen: sie lösen sich von der Zeit, sie werden zu Herren 
der Zeit, die fortan ihre Ordnungen nur auf ihr Geheiss vollzieht. 
Freilich in einem wesentlichen Punkte unterscheiden sich die letzt- 
genannten Mächte doch und für alle Zeiten vom Himmelsgotte. Jene 
wechseln und wandeln sich, leiden und dulden, während der Himmels- 
gott über jeden Wechsel erhaben ist. Insofern bleibt auch nachdem 
sich die Mächte der Sonne, des Monds, des Dunkels zu unsterblichen 
Persönlichkeiten herausgebildet haben, ein grosser Unterschied zwischen 
ihnen und dem Himmel bestehen. Der Himmel bleibt als der Unver- 
änderliche, der AUumfasser und Allerhalter zugleich der höhere und 
gewaltigere; er weist den andern Mächten ihre Bahnen, bestimmt ihnen 
Maasse und Ordnungen, lässt sie thaten und leiden vor seinem Ange- 
sichte und nach seinem Willen. Und zugleich bleibt er der Vater der 
die beiden Söhne wie die Tochter immer von neuem aus dem Schoosse 
der Mutter Erde erzeugt. Und so bleibt selbst von dem Begriffe der 



der nZeit** schlechtbin, dh der Monatsxeit einer-f des Soonenjahrs anderseits ent- 
wickelt. Besonders wichtig- ist es aber dass im Mythus die abgeschlossene Jahres- 
zeit (zB Winter, Sommer) als njahr*" behandelt wird, sodass die Rechnung eines 
Jahr« nur die Zeit einer in sich geschlossenen Jahreszeit bezeichnet. Hierdurch 
erklären sich viele sonst unverständliche mythische Rechnungen. 



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ZeiUuffassufif^. I ^ I 

Ewigkeit gleichsam eine höhere Stufe dem himmlischen Vater eigen, 
da seine Erzeugten doch immer wieder dem Wechsel und Wandel der 
Zeit sich unterordnen müssen oder freiwillig sich unterziehen*). 

Aus dem Gesagten ergiebt sich die eminente Bedeutung welche 
die menschliche Auffassung der Zeit, die Vorstellung des Menschen 
von der Zeit für die Entwicklung der Gottesbegriflfe gehabt hat. Der 
gesamte Entwicklungsgang den die Erkenntniss der Zeit im Geiste des 
Menschen genommen hat, spiegelt sich in dem Entwicklungsgange der 
Götter wieder, die aus den an die kurze Spanne von Tag und Nacht 
in ihrem Leben gebundenen Mächten Schritt für Schritt aufwärts 
schreitend schliesslich zu den unsterblichen über allen Wechsel der 
Zeit erhabenen Gewalten werden. 

Aber auch an dieser Stelle muss noch einmal hervorgehoben 
werden, dass je höher sich scheinbar in dieser Weise die Auffassung 
von den Göttern entwickelt, desto entschiedener der Glaube zu Trug- 
bildern führt. War die Gottheit ursprünglich mit der elementaren 
Himmelserscheinung identisch, so wurde sie im Abschluss ihrer Ent- 
wicklung zu einer rein ideellen Persönlichkeit, welche die elementare 
Erscheinung nur als Mittel und Werkzeug für ihr Thun gebraucht So 
geneigt man einerseits ist, diese Entwicklung der Götter als einen 
Fortschritt der menschlichen Cultur zu bezeichnen, die der Gottheit 
das höchste Maass zuweist dessen menschliches Denken fähig ist; so 
bestimmt muss anderseits betont werden, dass die Götter damit in rein 
speculative Gedanken sich auflösend und völlig den Boden der Wirk- 
lichkeit verlierend sich zu rein fictiven, imaginären Grössen verflüchtigen. 



Wir haben damit die Entwicklung des Götterglaubens wenigstens 
nach seinen Hauptrichtungen uns klar gemacht. Es sind — um das 
Gesagte noch einmal zusammenzufassen — die objektiv gegebenen für 
das Leben der Erde und des Menschen als von hervorragender Be- 
deutung erkannten Naturmächte, welche der Mensch als höhere Wesen, 
dh als Götter anerkennt. Dieser Glaube hält sich aber nicht mehr, 
wie der Fetischismus, an und auf der Erde, um hier das zu- 
fällig für den Menschen Bedeutung gewinnende zu vergöttlichen: er ist 
schon ausschliesslich Himmelsglaube. Es sind die himmlischen 
Mächte, welche dem Hellenen, wenn auch noch neben der in einheit- 
licher Persönlichkeit gefassten Erde, als die göttlichen Mächte er- 
scheinen. In dieser seiner Beziehung oder Beschränkung auf den 
Himmel ist der Glaube ein innerlich wahrer, ein sachlich berechtigter. 



1) Daher auch Zeus selbst als ^oipctyivr^ etc erscheint Ps, 15, 5; Zeus 
ferner selbst als [itfiozc^ dv6p(oitot€ vöjiog FTG 932 gezeichnet wird und SophOR 
865 die vönot bf^inobiQ oöpavtav öt' cdHpoL xexv(i)^ivx«€ auf ihn zurückgehen. 
Daher 6i(&tc o&pavCa SophE 1064; Theoer 10, 71 oöpav6( l^^vot^ u. iviauTou^ ä,f(i>y 



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142 AUgjenreiner Theil. 

ein mit dem Wissen zusammenfallender: die Erhebung der himtnlischen 
Mächte zu den göttlichen zeugt von dem ungeheuren Fortschritt mensch- 
licher Naturerkenntniss, die den springenden Punkt alles kosmischen 
Lebens damit getroffen hat. Diese objectiv gegebenen himmlischen 
Mächte bilden den Inhalt des antiken Glaubens. Aber wie das Wissen, 
die Erkenntniss des Menschen von ihrem Wesen, ihrer Beziehung zur 
Welt naturgemäss sich erst allmälig entwickelt, so weisen auch jene 
Mächte des hellenischen Glaubens eine genetische Entwicklung auf, die 
wir als Mythogenie uns klar zu machen gesucht haben. 

Diesen objectiven Gewalten tritt nun aber ein rein subjectives 
Thun und Gestalten des Menschen gegenüber, welches in den unab- 
lässigen von immer neuen Seiten begonnenen, zu unendlich verschiede- 
nen Auffassungen führenden Versuchen des Menschen besteht, die 
äusseren Erscheinungsformen dem eigenen Verständniss zu vermitteln. 
Natürlich vollziehen sich auch diese Versuche in aufsteigender Linie, 
von niedrigeren Auffassungen zu höheren fortschreitend. Es tritt also 
auch in dieser Thätigkeit des Menschen eine Entwicklung uns entgegen. 
Da diese gestaltende Thätigkeit aber ausschliesslich im geistigen 
Schaffen, in einer halb spielenden halb ernsten Thätigkeit der mensch- 
lichen Phantasie besteht, so haben wir diese Seite in der Entwicklung 
der göttlichen Vorstellungen als Mythopoesie bezeichnet. 

Wie aber alle Erfahrung des Menschen nicht über die beiden 
Grenzen von Raum und Zeit hinüberzukommen vermag, alle seine 
geistigen Aneignungen von diesen beiden Erkenntnissformen abhängig 
sind, so haben wir es für nöthig gehalten zu zeigen, dass auch der 
hellenische Götterglaube nur verständlich wird, wenn wir ihn in Zu- 
sammenhang mit denjenigen Vorstellungen betrachten, welche der 
Hellene, gleichfalls in genetischer Entwicklung aufwärts schreitend, von 
Raum und Zeit sich gebildet hat. Die Götter sind sonach unmittelbar 
aus den Raumvorstellungen, der Anschauung vom Kosmos und vom 
Räume schlechthin herausgewachsen; und sie sind zugleich durch alle 
Jahrtausende hindurch Zeitgötter geblieben, indem sie in ihrer aufwärts 
steigenden Evolution die Auffassung der Zeit widerspiegeln, zu der 
die Griechen gleichfalls in wachsender geistiger Erfahrung von einer 
Stufe zur andern gelangt sind. 



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SpezieUer Theil. 

Fünftes Kapitel. 

Himmel und Erde. 

Die griechische Mythologie weist zwei Himmelsgötter auf Zeus 
und Poseidon, die ihrem Wesen nach zu einander in demselben Ver- 
hältniss stehen wie Indra und Varuna. Während Zeus der Himmels- 
gott der alten einheimischen im Innern Griechenlands sesshaften Stämme 
ist, gehört Poseidon einmal denjenigen Stämmen an, die früh an die 
Küsten und aufs Meer gedrängt die Schiflfahrt zu ihrem Lebensberufe 
machten; er ist aber zugleich naturgemäss auch der Himmelsgott der- 
jenigen Bevölkerungselemente geworden, die aus der Fremde kamen, 
Inseln und Küsten besetzten, zum Theil auch tief ins Land hinein- 
drangen und überall sich mit den althellenischen Stämmen verschmolzen. 

Betrachten wir zunächst Zeus, so haben wir es bei ihm mit einer 
aus der Urzeit und der Urheimath mitgebrachten Namens- und Glaubens- 
form zu thun, deren wesentlicher Inhalt ohne Zweifel schon feststand, 
als die Hellenen den Boden Griechenlands betraten. Dennoch ist der 
Zeus wie er uns in den hellenischen Culten entgegentritt, kein ein- 
heitlicher. Mit dem althellenischen Himmelsgotte Zeus hat sich nemlich 
ein von Kreta gekommener Sonnencult verschmolzen, der die ursprüng- 
lichen Vorstellungen in wesentlichen Punkten und nicht zu ihrem Vor- 
teile umgestaltet hat. Wir werden daher den kretischen Sonnenzeus 
später behandeln und hier uns auf den alten Himmelsgott Zeus be- 
schränken *). 



1) AUg. Overbeck KM 2; Farneil cults i» 35flF. Mit Recht betont Welcker 
2, 2l8ff dass der Kretische Zeus von dem Griechischen Zeus ursprünglich ganz 
verschieden gewesen ist; vgl. auch Overbeck Beitr. z. Erk. u. Krit. d. Zeusreligion 
ASG la 1865. Die Verschiedenheit beider wird durch die beiden Glossen Macr 
1, 15, 14 A£a T»]v ^jidpav und Her 1, 131 xöv x6xXov icdvia xoö oöpavoö ACa xaXo0aiv 
angedeutet: der altgriech. Zeus war gleich dem persischen höchsten Gotte Himmels- 
gott, der kretische Zeus war Sonnengott. CicND3,2i,53 unterscheidet 2 Joves 
neben dem kretischen. Über den Namen Zeug als indog. Schrader ^604; Kretschmer 
Einl. 78f ; über die dialekt. Formen Asög boeot. lakon.; Zog dor., Zijc Pherec; 
Zifi (Hom Zyjvö; ua), Zdv C 1313. 14 (ZavC), Zftve« Elis P 5, 21, 2, kret. Tav etc; 



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CmOO^Q: 



144 Spezieller Theil. 

Die alteinheimische Glaubensform dieses Himmelsgottes Zeus 
tritt uns am reinsten im Dodonaeischen Culte entgegen, der dem Zeus 
zunächst nach seiner Dunkelseite, der Beziehung des Himmels zu 
Wassern Winden und Wolken gilt Um das völlig zu verstehen, müssen 
wir einen Blick auf das Klima Griechenlands werfen. Dieses zerfällt 
in zwei streng geschiedene Jahresperioden, die Periode des Regens und 
die der Dürre. Die Regenmassen die im Sommer sehnsüchtig begehrt 
werden, während sie im Winter Verderben bringen, bestimmen das 
Jahr: sie sind also die zugleich befruchtenden und vernichtenden. Das 
Jahr zerfallt damit in zwei streng geschiedene Theile, einen grösseren 
dem Lichte, einen kleineren dem Regen, dem Dunkel angehörenden. 
Namentlich die vernichtenden Winterregen kann man sich für jene 
frühe Zeit menschlicher Entwickelung kaum genügend vorstellen*). 
Der Höhepunkt dieser furchtbaren Zeit ist aber immer die durch die 
Gewalt der Wasser herbeigeführte unmittelbare Todesgefahr. Wenn 
die durch die anhaltenden Regenströme angeschwellten Bäche und 
Flüsse über ihre Ufer treten; die durch Schnee und Frost zeitweilig 
zurückgehaltenen Wassermassen aus den Gebirgen in die einge- 
schlossenen Thalkessel gemeinsam sich ihren Weg bahnen: dann 
bricht für die im Thal in Höhlen oder dürftigen Lagern und Hütten 
verkrochenen und ängstlich den wachsenden Grimm des Himmels be- 
obachtenden Menschen die furchtbare Zeit herein, die sie dem unmittel- 
baren Verderben aussetzt. Diese in jedem Jahre, wenn auch mit 
wechselnder Gewalt sich erneuernden Überschwemmungen haben in 
der Sage von der Deukalionischen Fluth ihren Ausdruck gefunden: der 
stetig sich wiederholende Vorgang wird im Mythus zu einem einmaligen. 
Und es ist der Norden Griechenlands, speziell Epirus und Thessalien, 

ACg, ACeg Eusta 14 GustMeyer GriechGr. ^ 338 ; 42of. Kretschmer bei Kern de 
theogon. 93 führt die dialectischen Formen auf zwei Urformen Zt6( und Zdv^ zurQck. 
Vgl. Meister BSG 1894, 199ff. 

1) Über das Klima des Subtropengebiets der alten Welt Hann Hdb. d. 
Klimatol. 404flf ; ThFischer Beitr. z. phys. Geogr. d. MittelmeerlSnder 30: Regcn- 
mangel in der dürren, Regenfülle in der kühlen Jahreszeit; und zwar sind es bis 
zum 40. Breitengrade (also einschl. Thessalien und Epirus) reine Winterregen die 
das Klima bestimmen; daher Bobbaye bei Fischer 33 ^das Jahr zerfällt in zwei 
scharf geschiedene Zeiten, die Zeit des Regens, der 4 — 5 Monate dauert, und die 
der Dürre**. Ähnlich Curtius Pelop. 1, 50; Neumann-Partsch Geogr. v. GriechenL 221 
die winterliche Regenmasse in Athen 78%, die sommerliche 22^Iq^ wovon mir 
T^'q in den 3 heissesten Monaten Juni — Aug^ust. Damit hängt die ausserordentKch 
geringe Wolkenbildung im Sommer zusammen, die allerdings speziell für Attika 
gilt. Im Allgemeinen hat das Mittelmeerbecken allerdings einen milden Winter; 
dagegen kommen im Innern der Balkanhalbinsel ausserordentlich tiefe Winter- 
minima vor (Hann 427); das mittlere Minimum für Janina (die Gegend von Dodoaa) 
stellt sich immerhin auf — 8,0 C. 



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Himmel und Erde. I^j 

WO diese Sage ursprünglich zu Hause ist^). Dem entspricht es dass 
in Dodona der Hauptcult des Zeus sich um den Namen Naios zu- 
sammenschliesst, welcher letztere den Gott nach seiner Wasserseite 
characterisirt: denn dieser höchste Himmelsgott selbst ist es der im 
Winter die vernichtenden, im Sommer die erquickenden und befruch- 
tenden Regenströme sendet, welche letzteren sehnsüchtig begehrt und 
oft neidisch zurückgehalten zum Quell werden aus dem die Vegetation 
Leben und Gedeihen schöpft. Diese Seite des Himmelsgottes tritt so 
übergewichtlich in Cult und Sage hervor, dass dagegen die Beziehung 
zum Licht fasst völlig verschwindet. Immerhin haben wir anzunehmen, 
dass der Cult des Dodonaeischen Zeus neben seiner Beziehung zu den 
himmlischen Wassern auch die zum himmlischen Lichte zum Ausdruck 
gebracht haben wird, wie denn schon das Gebet Achills den Dodo- 
naeischen Zeus nach allen Seiten hin als den Himmelsgott, den gleich- 
massig im Gewitter wie im Lichte sich offenbarenden höchsten Gott 
feiert»). 

Betrachten wir nun den Dodonaeischen Zeuscult nach seinen 
Einzelheiten, so erkennen wir die hohe Bedeutung und das hohe Alter 
desselben. Achill betet zum Dodonaeischen Zeus in Worten die uns 



1) Pd0 9, 4lffSch; Apd 1,46 fr; 3» 99; im Zusammenhang; OvM 1,260 ff. 
Deukalions Landung Pd Parnass, Hellan 16 Othrys, ServEcl6, 4I Athos; seine 
Wohnung Thessalien Hsdf34 (aber 29 Epirus 35 Opus); Hec 334; Hellan IG. 16: 
Str432; Apdl,46; Opus SchPd; Delphi PlutQG9; Arkadien Apd 3, 99; Attika. 
AristM 1, 14 bringt die Fluth mit der JahresGberschwemmung zusammen, wenn er 
sie auch fälschlich nur als eine kyklische did xP^vcdv 8Cixoippivu)v fasst, und setzt 
sie um Dodona an Flut Pyrrh l ; stets wird sie als l;io|ißpda dargestellt. Et A(i)5(i)v 
scheint Epirus u. Thessalien zu combinlren; BekkAn 1, 283 üspfpog (Ilepti^pYjg) nimmt 
statt der Fluth einen Schiffbruch an. Köhlers Annahme (Sat. ph. Sauppio obl. 79ff) 
die Sage sei in Dodona erst nach Herodot (2,55. 1,56) aufgekommen ist ganz 
unwahrsclieinlich. Die Sage war nach Aristoteles nur |idXicrca in Epirus zu Hause, 
keineswegs xaxdi xou^ auTOUg xönoug: ohne Zweifel also in ganz Nordgriechenland 
gleichmSssig verbreitet. Vgl. Preller Dem. 229; HDMüller 1, 192. 

3) Z. vdtO€ Carapanos Dodone40ff; 49ff; 69ff; Schn233: St Aü)Ö; Bull 14, 
155ff. Spiele Nöta C2908: Ca 2, 131 8f; vatapxo« Carapanos 55. Das Gebot Sch^ 
194 jedes Dodonaeischen xpy]0|iö^ 'Axe^(ü(p ^öetv galt thatsächlich dem Zeus vdUog. 
Dieser auch auf Delos BekkAn 1,283; Athen AeXx 1890, 145. Der Dodon. Zeus 
n 233 erscheint ganz als Himmelsgott in Beziehung zum Gewitter, eOpuoica, iiY^xCexa, 
König, Erhörer von Gebeten, Verleiher von Glück und Unglück. Bronzen und 
Münzen mit Blitz u. Eichenkranz oder Adler Carapanos 11 6ff; Marmorbüste Jahn 
AZ 6, 303 mit triefendem Haar und Bart. Jedenfalls überwog seine Bez. auf die 
Dunkelseite des Himmels. Vgl. HoeferML 3, 2ff. Vielleicht bringt der Cultname 
T|idpioc ^^s ^i^ Lichtseite mehr zum Ausdruck: doch ist zu beachten dass der 
Tomarus Plin 4, 2 besonders durch seine fontes (Theop 230) berühmt war und dass 
auch die Höhe des Pelion ua im Zeuscult speziell dem Regen galt, 

Gilbert, Götterlehre. 10 



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I^ö Spezieller Thell. 

das ganze Ansehen und die Heiligkeit seines Cults erkennen lassen. 
Mit ihm ist sowohl der Name Pelasger wie der Name Hellenen aufs 
engste verbunden, da sich an die Stelle des Pelasgischen Cults im 
Laufe der Zeit die spezielle Cultgemeinschaft der Hellenes gesetzt hat, 
die gleichfalls in dem Dienste des höchsten Himmelsgotts ihren ver- 
einigenden Mittelpunkt fand. Dem Alter des Cults entsprechend ist 
auch der Dienst ein altertümlicher: wir haben anzunehmen dass die 
das Heiligtum umwohnenden Priester ihre Charakteristik, wie sie schon 
im Gebete Achills erscheint, der absichtlich festgehaltenen Altertüm- 
lichkeit ihres Rituals verdankten, als Reminiscenz einer früheren Cultur- 
periode, wo die Menschen noch barfuss gingen und ihre Lagerstätte 
die Erde war, auf der sie in Felle gewickelt sich ausstreckten*). Den 
Mittelpunkt des Cults bildete die heilige Eiche, welche letztere völlig 
unverständlich bleiben würde, wenn wir in ihr nichts als einen irdischen 
Baum sehen wollten: sie ist im Gegentheil wieder das Abbild des 
mächtigen himmlischen Wolkenbaums. Wie dieser unter dem Wehen 
des Windes säuselt und rauscht uud braust und wie diese verschiedenen 
Töne des himmlischen Pneuma die Oflfenbarung des höchsten Gottes 
sind, der wie über die Wasser so auch über die Winde gebietet, so 
'wird eben die Dodonaeische Eiche als die irdische Versinnlichung des 
Himmelsbaums in abbildlicher Weise gleichfalls zum Medium der 
himmlischen Offenbarung, indem die Propheten aus seinem Wispern, 
Raunen und Rauschen weissagen. Und nicht minder hat man durch 
künstliche Zurüstungen mannigfacher Art weitere Abbilder dieser himm- 
lischen Offenbarungen geschaffen, aus denen man den Willen des 
höchsten Gottes herauslesen zu können glaubte. Sie alle zeigen dass 
der Dodonaeische Cult, wie aller Cult, bestrebt war die heilige irdische 



*) n 233flf; Seh. Zsüg neXaoYix6c wie ihn Achill hier nennt, scheint damit aus- 
drücklich dem Zsüg KpovCcav entgegengesetzt; Dodonaios, Dodoneus Hes; ÖstrMitt 
4,61. Vgl. Her 2, 52flf; Hsdfi92; Ephoros Str 327f; 402; St Acodc&viQ. Anderseits 
knüpft der Name 'EXXvjve^ an ZeXXol an, daher B68lfif Achill mit nsXaoyixöv 
"Apyog und 'EXXdcc verknüpft. Die enge Verbindung zwischen O. und W. Seite 
des Pindus wie sie uns in der heroischen Wanderzeit der Griechen entgegen tritt 
(BergkPh 32, 126) und welche die Achaeer gleichzeitig oder nach einander um 
Dodone und in Phthia angesiedelt hat, hat manche der Hom. Ausleger verführt 
neben dem epirotischen Dodone ein thessalisches anzunehmen. *£XXoC und ZeXXoC 
2 gleichwerthige Formen (gegen Niese Hermes 12, 413). Schll 233 x«P^«^®övom, 
durch xa[i.aX öopalg SyxotiwoiJivot erklärt; Callim 4, 286 YYjXexteg; das dvwcxdrcoösc 
(PhilJ 2, 33) um so auffallender als gerade Reinheit im Dienste jeder Gottheit 
erstes Gobot und auch Achill vor dem Gebet die Hände wäscht: Kretschmer Einl. 
88 will darin nur besondere Formen der Kasteiung, der Askese sehen, aber das 
erklärt nichts; Dümmler Ph 56, 5ff. Ob die Traumorakel (Seh) ursprünglich, sehr 
zweifelhaft; auch die Opfer von ßoOg und olg Dem 21, 53 wohl einer spätem Zeit 
asgehörig. Vgl. Pind 57ff. 



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Himmel und Erde. 



147 



Stätte des Zeus zum getreuen Abbilde des Himmels zu machen und 
in diesem Bilde der unmittelbaren Nähe und Wirksamkeit der Gottheit 
froh zu werden^). 

Für das Verständniss des Dodonaeischen Himmelsgottes in seiner 
ältesten Cultform ist es nun höchst bezeichnend, dass Gaea mit Zeus 
aufs engste verbunden war. Das kann nur so verstanden werden, 
dass Himmel und Erde zu ehelichem Bunde vereint waren. Denn wenn 
Zeus als Vater, Gaea als Mutter im alten Cultgesange der Dodonaei- 
schen Priesterinnen bezeichnet werden, so kann hier nur an ein altes 
eheliches Verhältniss der beiden gedacht werden. Erst später ist Dione 
an die Stelle der Gaea getreten 5). 

Ein dem Dodonaeischen völlig entsprechender Cult tritt uns nun 
auch in Thessalien entgegen. Nicht nur dass die Sage von der Deu- 
kalionischen Fluth auch hier haftet, es ist speziell der Cult des Zeus 
Pelor der diesen wieder nach seiner Herrschaft über die himmlischen 
Wasser hervorhebt. Das Fest der Peloria haben wir als den Ausdruck 
der Freude darüber anzusehen, dass die winterlichen Gewässer sich 
verlaufen haben, die unmittelbare Todesgefahr verschwunden ist und 
der Mensch wieder an das Leben glaubt, des Lebens sich freut. Aber 
auch hier bleibt der Cult durchaus seinem Character treu, indem er 
thatsächlich die Veränderungen, wie sie durch die himmlischen Fluthen 
hervorgerufen sind, durch Nachahmung zur Darstellung bringt^). Haben 

*) Vgl. §327 (1296); HsdfSo; SophTll65«f. P 8, 23, 5 die Dodonaeische 
öpög der Zweitälteste Baum Griechenlands. Die von Proxenos 2 (FHG 2, 462) ge- 
gebene Gescliichte scheint die Sage vom Rinderdiebstalil mit der Eiche zu ver- 
binden, ist aber durch euhemeristische Tendenzen entstellt. Das Str 329, 3 be- 
schriebene merkwürdige Weihgeschenk der Korkyraeer kann nur als Nachahmung 
der himmlischen Windpeitsche verstanden werden, welche letztere die Töne her- 
vorbringt die der Cult nachahmt: Polemo 30; Philj2, 33 (djicpijg iieoxöv); SophT 
löpff; llösflf; f40l; Cratin 5 etc. Ebenso kann auch das Tönen der xpiicoöe^ 
Demo 18 nur so verstanden werden. Eben diese Windstimme stellt die Offen- 
barung des Himmels dar, daher ein Stück der Eiche als [lolyUXow dient OrphA 266. 
Auch die Angabe Plin 2, 228 von dem fons macht den Eindruck dass ej» sich hier 
zunächst um den Himmelsquell handelt, den man dann im irdischen Quell wieder 
zu erkennen bestrebt war. 

*) In Gebet P lo, 12, lo Zsu^ f^v Zsug iazi Zei)^ looexat* & t^ydXs ZeO. Tä 
xocpnöu^ dvtet, öti xX-jJ^exe iivjxipa yalav heisst Gaea Mutter wie n 250 Zeus Vater. 
Über Dione Kap. 9. 

3) Die Cultlegende (Baton Ath 14,45) hebt wie gewöhnlich einen einmaligen 
Anlass des Festes hervor, wobei sie sich schon durch die Speculation beein- 
flussen lässt: denn der Durchbruch des Tempethals liegt weit vor aller menschlichen 
Erinnerung und hat nicht den Anstoss zur Einsetzung des Festes geben können. 
In Wirklichkeit bringt das Fest die jährlich sich vollziehende Überschwemmung 
zum Ausdruck (dticojiCiiYjiia). Auch den Zei)^ Aopiotog Str 44O; St bringt Strabo mit 
dem Wasserreichtum von Larisa in Verbindung. 

10* 



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1^8 Spezieller TheiL 

die Peloria als das Freudenfest über die abgelaufenen Fluthen des 
Winters ihre naturgemässe Stellung im Frühling, so bildet der Akt, wie 
wir ihn in der heissesten Zeit des Sommers auf der Höhe des Pelion 
vorgenommen sehen, die natürliche Ergänzung zur Frühlingsfeier. Denn 
wenn im Sommer alle Wolken und himmlischen Wasser verschwinden, 
nach denen jetzt die Erde lechzt, dann glaubt der Mensch durch eine 
dramatische Vorführung der Wolken- und Wasserbildung des Himmels 
diese selbst herbeiführen zu können. Die Widderfelle in denen die 
Jünglinge zur Höhe des Gebirgs hinaufsteigen, stellen die Wolke dar; 
durch das Hinauftragen des Widderfells zur Höhe des Gebirgs soll also 
die Wolken- und Regenbildung eben auf der Höhe dargestellt und 
durch diese Darstellung der Regen selbst hervorgerufen werden. Der 
ganze Akt ist also eine Nachbildung der himmlischen Aegis, des 
Wolkenvliesses, deren Schütteln in der Hand des Zeus Sturm und 
Regen schafit'). 

Auch in Attika treten deutlich Spuren eines Cults hervor, der 
den Himmelsgott in gleicher Weise auflfasste und verehrte. Denn das 
Frühlingsfest im Anthesterion welches dem Zeus Meilichios galt, ist 
schwerlich anders zu fassen, denn als Erinnerungsfest an den glück- 
lichen Ablauf der Winterüberschwemmung und den Neubeginn von 
Licht und Sonnenschein. Wenn sich der Himmelsgott jetzt wieder 
von seiner freundlichen Seite zeigt, so ist es billig ihn dem entsprechend 
zu verehren. Die Hydrophoria aber welche mit diesem Feste verbunden 
waren, werden wieder die dramatische Vorführung der vom Himmel 
strömenden Gewässer gewesen sein, die nun ihr Ende erreicht haben 
und durch deren Vorführung noch einmal die ganze Furchtbarkeit der 
verflossenen Zeit ins Gedächtniss zurückgerufen wurde. Und wenn 
auch der alte Charakter dieser Diasia dadurch später eine Alteration 
erfahren hat, dass die Dionysien mit ihnen verbunden sind, welche die 
Festfreude mehr und mehr in den Vordergrund rückten, so ist doch 
auch dadurch nicht das ursprüngliche Wesen des Festes völlig ver- 
wischt, welches letztere auch durch die ausgelassenste Lust den 
Ernst und den Schrecken hindurch tönen lässt. Auch bei diesem 
Feste aber — und es ist das höchst bedeutsam — kommt das Widderfell 
in Anwendung als Ausdruck des himmlischen Nasses: nur dass dasselbe 
im Laufe der Zeit eine tiefere Auffassung erfahren hat. Denn wie 
der Erguss des himmlischen Wassers zugleich als Waschung und Reini- 
gung gefasst worden ist, so hat diese ursprünglich rein äusserlich be- 



^) Dicaearch 60. Der Akt fand zur Zeit der höchsten Hitze im Dienst des 
Zeus dxpalo€ (Mitt 14, 5 1 ; hdschr. dxxotCoi)) statt. Die Theilnehmcr waren in 
neue langhaarige xd>dia gehüllt. Dicaearch erklärt den Gebrauch rationalisirend 
wegen der Kälte auf der Höhe des Gebirgs. 



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Himmel und Erde. iaq 

trachtete Reinigung allmälig die Bedeutung einer inneren, einer sitt- 
lichen Sühnung angenommen *). 

In demselben Verhältnisse nun in welchem die Peloria zu der 
Procession auf die Höhe des Pelion, stehen die Diasia zu dem Akte 
der Buphonia, in welchem ein Stier, nachdem er von den Körnern auf 
der Ära des Zeus genascht hatte, erschlagen wurde. Es ist wahrschein- 
lich dass auf die Äusserlichkeiten des Akts die Erinnerung an das Ver- 
lassen der alten Sitte, welche nur unblutige Opfer kannte, eingewirkt 
hat: der Akt selbst kann wieder nur als Wiederholung, als Darstellung 
eines himmlischen Vorgangs aufgefasst werden und es liegt nahe zur 
Vergleichung das Stieropfer des Prometheus bezw. Hermes heranzu- 
ziehen. Ist die Wolkenbildung als solche einheitlich unter dem Bilde 
des Stiers aufgefasst, so stellt die Tödtung desselben das Hinsterben 
der Wolken im Sommer dar: der himmlische Wolkenstier leidet den 
Tod und setzt durch seinen Tod die Erde dem ungehinderten Aus- 
strahlen der vollen Sonnengluth aus. Daher als zweiter Akt an diese 
Darstellung der himmlischen Vorgänge nothwendig wieder eine Pro- 
cession mit dem Dioskodion sich anschliesst, welche eben durch die 
Vorfiihrung dieses Abbilds des himmlischen Nasses das letztere, als ein 
rechtes Aquilicium, herbeirufen und herbeibitten will»). 



1) Höfer ML 2, 2558ff. Es Hegt zunächst nahe die (igto x9^ «öXta)^ ge- 
feierten) Acdoia Atig iopXT) MmXvy(io\} \i»yiavfi Thuc l, 126 (AristN 408 Seh) mit dem 
ßtt>(i6c dpxotCo^ MtiXixCou Aiö^ Fl, 37« 4 (Frazer) zu verbinden. Da dieser Altar 
aber jenseits des Kephissos (vgl. auch FlutThes 12) anzunehmen, so erscheint es 
ausgeschlossen denselben mit dem Feste in Verbindung zu bringen. Anderseits 
verbietet Lucjcar 24 es mit dem Olympieion am Ilissos zu verbinden da hier die 
Diasia u. xb *OX6)iimov bestimmt unterschieden werden. Vielleicht ist an die 
Gegend nördlich des Nymphenhügels zu denken, wo Ca 2, 1 584f aui einen Bezirk 
des Ztug tit^^x^o^ weisen, wenn auch die Inschriften selbst jung sind. Dörpfeld 
Mitt 20, 199flr denkt an das von ihm im NW der Burg angenommene Olympion, 
welches Str404 erwähnt; Ca 3, 198 hier gefunden. Die Diasia fielen auf den 23. 
Anthest. SchAristN 408, wahrscheinlich ursprünglich auf den Vollmondstag. Ober 
die 6dpo9Öpia OMüller Eum 141 ; Hes; Et mit den durch die i)CO(jißp(a oder %otxar 
xXuo)iöc getöteten (PlutSull. 14) zusammengebracht. Der später hinzugekommene 
Dionysoscult hat die Xuxpot (WasserschlOnde) zu Xöxpott Theop 342, die Xootl zu 
X6c( gemacht, weshalb der Tag der Xöt( Phot (iioipd %ipou Das Dioskodion 
Suid stets als Aiög oder dtov bezeichnet, also dem Zeus gehörig, dient den dico- 
dcoTCO|i7n^osic Preller zu Polemo 140: das himmlische Wasser reinigend und über- 
tragen sühnend SophOR 1227f uo. Reinigungen Apd3, 88; P 2, 31,81; Theseus 
am Altar des Z. ^iXCxtog P l, 37, 4; FlutThes 12 etc. 

«) Vgl. vPrott RhM 52, i87ff: Stengel RhM 52,309ff; Hermes 28, 4890"; Toepffcr 
l49ff. Über den Akt selbst Forph abst 2, 9. 28; Androt 13; P l, 24, 4 (28, lO); dazu 
Lexx u. einzelne Notizen. Die Angabe des Fausanias muss den Ausgangspunkt bilden, 
während die andern Quellen entweder verschiedene Versionen der Cultlegende 



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150 Spezieller Theil. 

Endlich haben wir auch das dritte Fest in Athen welches wir 
dem alten Zeus dargebracht sehen, die Maimakteria, obgleich uns ge- 
naueres über dasselbe nicht bekannt ist, als eine Nachbildung der 
himmlischen Vorgänge aufzufassen: es galt dem winterlichen Himmels- 
gotte, der seinen Zorn in Sturm und vernichtenden Regengüssen offen- 
bart. In allen diesen Culten sehen wir also den attischen Zeus dem 
Charakter des Dodonaeischen und Thessalischen Zeus treu bleiben : es 
ist speziell die Beziehung des Himmelsgottes zu den Gewässern des 
Himmels welche in ihm auch in Attika uns entgegentritt. Er ist aber 
zugleich der universale Himmelsgott der auch als Lichtgott, als Meili- 
chios im Frühling sich oflfenbart und nicht minder im Hochsommer 
durch Tödtung des Wolkenstiers seine vernichtende Gluth die Erde 
empfinden lässt. Dieser älteste Zeus aber, wie er nach seinen einzel- 
nen Seiten in Beziehung auf die Gewässer des Himmels, als Inhaber 
des Blitzes, als höchster und ähnlich characterisirt wird, war, soweit 
wir nach den freilich sehr dürftigen Spuren urtheilen können, auch in 
Athen mit der Gaea cultlich verbunden. Wir haben daher anzunehmen 
dass der alte und ursprüngliche Zeus durchaus und ausschliesslich als 
Himmelsgott im weitesten Umfange des Worts angesehen und dass er 
eben als solcher in ehelicher Verbindung mit Gaea vereint verehrt 
worden ist^). 



bieten oder fremde Cultlegenden neben der attischen. Der Mt BotxfOVKÖv in Delos 
und Tenos (=Boedrom.), BouxdTiog in N. Griechenland weisen vielleicht auf 
ähnliche Ceremonien: doch wäre dann eine mannigfache Verschiebung des Festes 
anzunehmen, was sehr unwahrscheinlich. Das Stieropfer fand am Altar des Ztb^ 
icoXis6g am Vollmond des Skirophorion statt Ca 1, I49f; 3,242; Hes Ai6g d>&xoi; 
Suid Atöc 4^0€. Über die Jahreszeit Neumann-Partsch 28flf: sengende Hitze, 
Regenmangel, Spärlichkeit der Bewölkung, ungemeine Trockenheit; daher Porph 
2, 29f nach Tödtung des Stiers aöx(ioC und Öttvij dxotpwCo. In späterer Zeit ist 
dann mit dem Akt der Buphonia ein grosses Speiseopfer (Dipolieia Disoteria, 
Wackernagel RhM45,48off) verbunden und die Berücksichtigung dieser späteren 
Erweiterung aus dem eigentlich religiösen Akte der Boixfövia (Suid) sowie die 
Verbindung des letzteren mit den Skirophorien und Arrhephorien Mommsen 45 5f 
hat mit auf die Confusion die hier herrscht eingewirkt; die Bouxönia OeodaCoia 
von Lindos CIns 791 — 804, sowie die Opfer des Zeus in Kos Leg. sacr. 5 scheinen 
nur allgemein grosse Stieropfer gewesen zu sein. Ober die &notioK6[i.Kriai^ mit 
dem Dioskodion Suid Aio^ Thätigkeit von Odpoqpöpoi icdpd«voi Porph abst 
2y 30 ; der iciXsxoc ist wahrscheinlich als Darstellung des Blitzes zu fassen, der den 
Wolkensrier tödtet; beachtenswerth dass 6 TciXtxo^ auch in Dodone eine Rolle 
spielt PhilJ 2, 33. 

^) Ca 3, 77 nennt am 20. Maemakterion einen ländlichen Umgang fUr Zeus 
Yeö)pY6€, wozu vgl. EustX48l der &v xolg xad-ocpiiotg des ausgehenden Maemak- 
terion im Verlauf der 7tO|A7cala einen Umzug mit dem Dioskodion nennt. Zeus 
\i.a,i\i.&y.vriz Harp war nach den Regenstürmen benannt. Z. d7CiQ|j,ioc (?) 5p.ßpiog 



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Himmel und Erde. icj 

Der Dodonaeische, thessalische und attische Zeuscult stellen 
wenigstens im Grossen und Ganzen die älteste erkennbare Form des- 
selben dar. Nahe verwandt mit denselben ist der Dienst des Zeus 
Laphystios einer-, des Zeus Lykaios anderseits. Auch diese beiden 
Cultformen sind jedenfalls in ihrem Kerne alt und einheimisch: es 
scheint aber zweifellos dass dieser echte Kern durch aus der Fremde 
gekommene Elemente nicht unwesentlich beeinflusst worden ist. Was 
zunächst den Dienst des Zeus Laphystios betriflft, so ist es beachtens- 
werth dass in demselben ebenso wie im attischen und thessalischen 
Culte das Dioskodion eine bedeutsame Rolle spielt. Denn die Schlachtung 
des Widders bezw. des Phrixos, der jenen vertritt, ist der Kern des 
Mythus: es ist der Himmelsgott selbst der den Wolkenwidder in sich 
einschlürft, ihn verschlingt und der nun nach Vernichtung jedes kühlen- 
den und befruchtenden Wolkendunkels in voller Erbarm ungslosigkeit 
seine Gluth hernieder strahlen lässt; Athamas der Opferer stellt eben 
den Himmelsgott selbst dar. Die allgemeine Dürre oder Unfruchtbar- 
keit des Landes, die ein wesentliches Moment des Mythus bildet, kann 
nur auf die wachstumfeindliche Gluthhitze des Sommers bezogen 
werden. Wie hier also Zeus in der Hochsommerzeit dargestellt wird, 
so scheint er als Phyxios wieder die milde Seite des Frühlingsgotts 
darzustellen, wie ihn in gleicher Weise der attische Cult im An- 
thesterion feiert^). 



(MarmPar 7) mit der Deucalionischen Fluth in Verbindung P l, 18, 7f; ÖTcaTOg P 1, 
26, 5 ß(i>|J.ög, auf dem nichts i(i4^X^^ geopfert ; P 8« 2, 3 ; Z. G4>ioxoc namentlich auf 
der Pnyx Ca 3, l48ff; 'OXöjaicios am Olympieion an der NWEcke der Burg oS 149; 
und am Ilissus Pl,l8, 8; Thuc. 2, 15 etc; dorpaicaloc Str404. Das x4|isvo€ Tf^ 
inlxkr^w *OX\)\i.nioL^ befand sich im nsp^ßoXog des Z. OXö|iTCiog am Ilissus P 1, 18, 7; 
PlutThes27; wie nicht minder an der NWEcke der Burg (Thuc 2, 15) Pl, 22, 3 
ein Cepöv der Gaea u. Demeter; Ca 1,4 etc; auch aus SchAristTh 299 geht die 
enge Verbindung der Gaea mit Zeus hervor. Vgl. ferner Ca 1,4 viQ^dXia All |i*t- 
XixCcp, worauf in der folgenden Zeile (iTjxpC folgt, was schwerlich anders als F^ 
zu ergänzen; im Demos Phlyus ein Altar der Gaea als MtyctXY] 8e6c P 1,31, 4. 
Aus dem diyoiXii.oc. Ffjg ExtxeuouoiQg 5oat ot t6v Mol P 1, 24, 3 auf der Burg ist (Suid 
Koupoxp. Ca 2, 48 1 Z. 59) zugleich auf einen alten ßa>|i6g der Ge zu schliessen. 
Es waren also eine Reihe altertümlicher Gaeaaltäre vorhanden, die ihrerseits wieder 
in engster Beziehung zum Zeuscult standen. Tf^ ä-^m (?) SchPdP9, 177. Cult 
r% eijitöoc Ca 3, 318. 350; Zeus und Gaea Ca 4, 1, 528; AeschSe69 uo. 

') Hoefer ML2, i850f. Der Mythus ist durch die Argonautensage und 
durch Einwanderung eines Iremden Volkselements zur See entstellt: dadurch die 
Verknüpfung mit Kolchis, die Stiefmutter Ino ua. Die einfachste Form Her 7, 197: 
in diesen alten Gebräuchen häng^ der ganze Mythus wie in seinen Angeln Müller 
Orchom. 158. Vgl. Overbeck a0 4lff, der allein ein volles Verständniss zeigt 
Der Widder SchH86; P9, 34, 5; Simon 21; Hsd84; Pherec53; Hecat337; iden- 
tisch mit Phrixos selbst (PHartwig Festschr. f. Overbeck l4ff) von qppCooo) Gerhard 



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1 52 Spe£lellcr Theil. 

Ähnlich nun wie in Thessalien hat sich auch in Arkadien im 
Culte des Zeus Lykaios offenbar eine Verschmelzung hoch altertüm- 
licher Gebräuche mit jüngeren und fremden Anschauungen bezw. Riten 
vollzogen. Erscheint das Lykaion mit der Stadt Lykosura in einmüthiger 
Auffassung als Ausgangs- und Mittelpunkt aller arkadischen Geschichte, 
so wird dieses vor allem durch die Ceremonie des Aquilicium bestätigt, 
die sich ihrem ganzen Grundgedanken nach genau in die Reihe der 
uns schon bekannten dem alten Himmelsgotte geltenden Gebräuche 
einreiht. Wenn Pausanias den Akt als einen nur in Ausnahmefallen 
vorkommenden darstellt, so darf man doch als sicher annehmen, dass 
derselbe ursprünglich wenigstens die regelmässige Feier der Hoch- 
sommerzeit war, die in der Zeit der höchsten Dürre wieder durch eine 
dramatische Darstellung des himmlischen Vorgangs den Regen hervor- 
zulocken suchte. Andere Angaben gelten dem hochaltertümlichen Be- 
zirk selbst, innerhalb dessen der Cult des höchsten Gottes statt hatte: 
wenn sie auch kein spezielles Merkmal der uns bekannten alteinheimi- 
schen Cultformen enthalten, so lassen sie sich doch am sachgemässesten 
auf ein wirklich hohes Alter des Cults deuten. Anderseits aber bleibt 
es unverkennbar dass der Cult bestimmte Beeinflussungen von der 
Fremde her erlitten hat, die vor allem aus dem Umstände zu erklären 
sind, dass der kretische Sonnenzeus mit dem althellenischen Himmels- 
gott sich verschmolzen hat. Hierauf ist zurückzukommen*). 



Abh. 2,510 stellen die persönlich gedachte Wolkenbildung dar; als icspl dpdv 
aufgehängtes dem Zeus geweihtes dipo^ Apdlf83 ist es ein Dioskodlon. Der 
Cultnaroe Xol^\)oxioz von Xowföooo) einschlOrfen A 176; Hes; Suid; Athamas (Maass 
Ind. Greifsw. 1889/00. Vllf) wird übrigens ursprünglich selbst ein Cultnaroe des 
Himmelsgotts gewesen sein; Z. doavxijp AsXx. 1890, 14 1. Die Sage dass er selbst 
habe geopfert werden sollen nicht ursprünglich, da die Nachkommen des Phrixos 
auch später noch die geopferten sind Plato Min 5; SchAp2, 404; 653; SchArist 
257. Das Moment xöv xopiwBv «pS^ipoiidvwv SchPdP4, 288; St "AXo^; SchH 86 
dxotpTcCa; Apdl,8o: SchAristN 257 aöxiiög ist natürlich später rationalisirenden 
Deutungen unterworfen. Zeög ^pö^to^ SchAp2, II47 in Thessalien, erscheint so 
auch in Lykorea (von Deukalion gegründet) Apd 1,48; 83; St; Argos P 2, 21, 2; 
Sparta P 3» 17, 9- 

») Vgl. Höfer ML2, 2l65f; Welcker kl. Sehr. 3, löoflf; P 8, 2,1fr; 38. itf; 
Wetzel DBreslau 1879» 3ff. Die P 8, 38, 4 geschilderte Ceremonie stellt als dico- 
liC|i7jva den himmlischen Vorgang dar: der seine Zweige regende Wolkenbaum 
lässt die Wasser herabströroen ; Callim 1, ISff Zeus der Urheber aller Gewässer 
Arkadiens. Das Lykaion (Usener 199Ö"; Auxato; als 'r^iaxog P 8, 38, 2) auch Olyro- 
pos und Cepdt xoptiqpi^ P8, 38, 2; unter dem Gipfel heiliger reept^oXog, x6 Aöxatov 
aTJxcDjJwt EurEl 1274; xäjjisvog P8, 38, 6; dgaxov Erat l; auf dem Gipfel Altar -(9^ 
Xöli« 38, 7, vor dem 2 Säulen gegen die aufgehende Sonne, mit Adlern daraufi 
die Opfer iv d7ropp>5x(p; In dem Abaton warf kein Gegenstand Schatten 38, 6, 
offenbar als Abbild des himmlischen Lichtraums gedacht Jbb 145, 7off. Mit dem 



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Himmel und Erde. {c^ 

Die Spuren dieses ältesten Zeuscults lassen sich nun durch ganz 
Griechenland verfolgen und beweisen dass dieser höchste Himmelsgott 
ein gemeinsamer Urbesitz der hellenischen Stämme gewesen ist. Von 
Thessalien aus hat sich der Cult nach Euboea und Aegina verbreitet: 
namentlich die letztere Insel zeichnet sich durch hochaltertümliche 
Cultformen aus, die sich denen von Epirus, Thessalien etc eng an- 
schliessen. Weiter begegnen wir Spuren dieses alten Zeuscults in Phokis, 
wo die Traditionen der Deukalionischen Fluth und des Zeus Phyxios 
wie der Cult der Gaea in Delphi hierauf zu beziehen; auch Boeotien 
hat in verschiedenen Formen diesen alten Zeusdienst erhalten, der aber 
mehr noch als Tochtercult des Laphystios bekannt ist. Nicht minder 
ist aber auch der Peloponnes von ihm erfüllt, wo Argolis, Lakonien, 
Messenien etc in gleicher Weise Spuren seines alten Dienstes erhalten 
haben *). 

Diesem alten Himmelsgotte sehen wir überall die Höhen geweiht. 
Denn die Bergspitzen stehen in gleicher Weise sowohl mit dem Lichte 
wie mit dem Dunkel in engster Beziehung, da sie einmal direkt in den 
Himmel hineinweisen, anderseits aber gerade die Berggipfel es sind, 
an denen sich mit Vorliebe die Wolken sammeln, um sich zu ver- 
dichten und als Regen auf die Erde herabzukommen. So ist es vor 
allem der Olymp der aufs engste mit Zeus verbunden erscheint. Die 
mit dem Namen Olympus benannten Höhen sind eben nur als die 
Verirdischungen des himmlischen Olympus anzusehen. Und in gleicher 
Weise sind in allen einzelnen Landschaften, soweit wir erkennen können, 



t«pöv Asylrecht verbunden Thuc 5, 16; Spiele Aöxata Pind0 9,96; N. 10,48; P 8, 
2,1; Fun 7, 205 die ältesten; C1515; 15 34 Cxexeia wohl in Bezug auf das Asyl- 
recht; Münze Bullettino 1868, IQOf; Curtius SBA 1860, 472f; Pol 4, 33 Mittelpunkt 
Arkadiens. Die Sage Apd 3, pöff macht einen sehr altertümlichen Eindruck: die 
Verbindung mit Gaea als ursprünglich eheliche zu denken. Filiale des Lykalon- 
cults in Tegea P 8, 53» 9; in Megalopolis P 8, 70, 2. 

*) Aegina von achaeischer Bevölkerung colonisirt ßo^ö^ «axdpog •EXXavCoo 
PdN 5, 10. Sacra quercus de semine Dodonaeo OvM 7, 623ff. Die Befreiung der 
Insel von ixpopia und dxoipnCa Apd 3, 1 59 (aöxjAoO) durch das Gebet des Aeacus 
P 1,44, 9 ist ähnlich wie die Procession auf die Höhe des Pelion zu deuten; daher 
dqpdotoc der den Regen loslassende P 2, 29, 7f; Isoer Euag 5 ; Dd 4, 61 ; Cs 349 3f« 
Der Cultname TEXXijvtoc später zum icavsXXT^vtog gemacht und die Sage von der 
Dürre auf ganz Griechenland bezogen; der dyciw dp,9op(Ty]C der 'Aidx6ia SchPdO 
7,156 gleich den Hydrophoria oder Choai aufzufassen; Seh AristEq 1253- In 
Delphi djKpoXöc P 10, 16,3 mit 2 Adlern SchPdP4»6: Gaea AeschE if. Boeotien 
Zeus [iAikixiOQ Cs 1814; 3169; Gaea 2452; öicaTog Po, 19,3; ö4>toxoc8, 5; öitio; 
39,4; Ober den AaqpöoTtO€ MüllerOrch 1 soff. Argolis P 2, 24, 3 Larisaios; 20» 3 
Nemeios; qpögto^ 21,2; jistXtxtoc 20, if; 66x105 ^9» 8 etc. Lakonien öiiaxog P 3, 17, 6; 
oxoTixoe^ 10, 6; 'AYapiip,vü)v TzL 335; Hes. Messenien Ithome (gleichfalls fremde 
Einflüsse) P4, 33, iff etc. 



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154 Spezieller Thcil. 

die höchsten und centralsten Gebirge zu Sitzen und Cultstätten des 
höchsten Himmelsgottes erhoben worden. Sie sind die Säulen die 
gerade in die höchste Spitze der Himmelswölbung eindringend diese 
letztere tragen und halten und von der herab Zeus sich im Licht wie 
im Regen zu offenbaren scheint*). Und eben in dieser seiner Eigen- 
schaft als höchster Himmelsgott trägt er den Cultnamen Hypatos, 
Hypsistos, der, wenn ihn auch die spätere Frömmigkeit auf die höchste 
Macht und Majestät des Zeus bezogen hat, von Haus aus nur ausdrückt 
dass der Himmel als die äusserste Grenze alles Raums zugleich der 
höchste und mächtigte sei. Als höchster ist er aber zugleich der von 
dieser seiner Warte den gesamten weiten Umkreis der Erde bezw. der 
Landschaft unter seinen Lichtblicken haltende, der weitschauende, der 
Allseher, der Allwissende. In diesem seinem Wesen kommt vor allem 
die wunderbare, die unendliche Lichtnatur des Himmelsgottes zum 
Ausdruck, deren Reinheit und Heiligkeit der Mensch nur in banger 
Scheu und tiefer Ehrfurcht zu nahen wagt'). 

Diesem höchsten Himmelsgotte sind nun zwei Dinge eigentümlich, 
die Aegis und der Blitz. Die Aegis, dh in ursprünglicher Bedeutung 
das Ziegenfell, ist nur ein anderer Ausdruck der als Thierfell überhaupt, 
als Vliess, als Dioskodion gefassten Sturm-, Regen- und Gewitterwolke, 

*) Ausser Musen nur Zeus Olymplos. ApdSchAp ), 598 zählt 6 Gebirge 
des Namens aui« doch ist Hom u. Hsd nur der thessal. zu verstehen. *OXt>|i7n«irov 
Thespiae Cs 2192; Athen P 1, 18, 6f; Megara Cs iflF; P 1, 40, 4f; Korinth 2, 5, 5 ; 
3, 9, 2; Sekyon 2, 7, 3; Patrae 7i 20, 3; Elis etc. Sonstige Höhen Gargaron 047ff; 
Athos Hes; AeschA 285; Ossa Ath 14,45; Othrys Her 7, 197; OetaSophT 200; 
Helikon Hsd 4; Hypatos in Boeotien P9, 19, 3; Laphystton 1,24,2; Kithaeron 
9,2,4; Hymettos mit Adler des Zeus Ombrios, Parnes mit ZvjiiaXiou (Z. &icdxpiog 
Et) als d(ißpiou u. d7CiQp,Cou; Anchesmos P 1,32, 2; Akropolls 26,5; Kenaion Ca 1, 
208; Aesch 27 etc; Ocha St Kapoor; Aegina Theophr otqja 1, 24: Lykaion P8,38,2; 
Kyllene H 3, iff; bei Tegea P 8, 53, 9; Kronion PdO 5, 1 7 ; Jthome4, 33, iflf; Apesas2, 
15,3; Callim 82 ; Kokkygion P 2, 36, 2 ; Korinth 1 , 44, 9 etc. Vgl. ferner Zeus Auxcoptög 
St; AtVTJotog Str456; Hsd f21l; Kynthos, Aetna, Atabyron etc. Allg. indxptoc 
Hes; xotpatög HesPhot; Cs 3208; xopixf atog P 2, 4, 5 ; dxpatoc C 3146 etc; öprj 
OTfjiiavTtxd Theophr l, 3. 20. 22, 24. 3, 6. 8. IG; 4, 2. Vgl. PdP 1, 30; Theophr 3, 10 ; 
Neumann-Partsch 26ff; noch heute entsprechende Processionen Milchhoefer Text 
z. Karten v. Att. 2, 72. 

^) Hom ÖTcaxog, oft öt^t — ; Bacchyl 1, 18 ötpC^^UYOg; in Athen P8, 2, 3; 1, 
26,5; Ca3, I46ff. 170; Korinth P 2, 2, 28; Olympia 5, 15, 5; Boeotien 9, 8, 5 etc. 
Eöpudna (Erklärung SchA 498 schwankend); iiavÖ7:xT]g AeschE 1045; SophAn 
184 6 ndvy öpöv dsd; OC 1086; i7c6<|;toc Callim l, 82; Ap 2, 1123; Stcötcttjc, incDTcexi^ 
Hes; Bacchyl 15,51; FTG 847 (43) «avÖTixa x. xaiiiixa icavxaxoO etc. Poetisch 
PdO 4,1; 13,24f; N 1,60; 11,2; fi4; AeschCh 245. 645; 86485; Su38l; Soph 
759; E 175.659; Ph 1289; T 1106; Eurj446 etc. Zeus in engster Bez. zum Aether 
N837; B412: A 166; 11233; SchOölO; EurPh84; f 035. 869. 836.491. 903. 975 ua. 
Z öcptoxog PdN 1), 2; AeschE 28; P 2, 2, 28; 5, 15, 5; Bull 11, 150 etc. 



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QiOo^z 



Himmel und Erde. jce 

die in ihrer grellen und unheimlichen Beleuchtung wie ein Wahrzeichen 
des höchsten Gottes am Himmel erscheint. Diese Aegis ist immer mit 
dem Sturmwinde verbunden, wie sie uns auch selbst als solcher charac- 
terisirt wird: aber sie ist nicht schlechthin der Wind, da stets von ihrer 
körperlichen Bildung die Rede ist, sondern die vom Winde gepeitschte 
oder den Wind bergende und ausströmende Wolke, die eben durch 
ihre rasende Eile am Himmel den Eindruck des Grausens und Schreckens 
macht, dem auch wir uns namentlich in nächtlicher Einsamkeit nicht 
zu entziehen vermögen. Ist sie ihrem Wesen nach mit dem Himmels- 
gotte selbst wie mit dem Sonnengotte und der Mondgöttin verbunden, 
so sehen wir sie später mit Vorliebe in Verbindung mit Athene ge- 
bracht, da gerade der Mond es ist, wie schon früher bemerkt, der die 
Wolke in die rasende Bewegung zu setzen scheint und ihr die unheim- 
liche Beleuchtung giebt. Die Auflfassung der Aegis als eines Sturm- 
schildes, hinter der sich der Träger versteckt, ist unmittelbar der Natur- 
beobachtung entnommen: erst die spätere überall von aesthetischen 
Motiven beeinflusste Mythendichtung hat sie zum Brustschilde gemacht, 
welches namentlich Apoll und Athene tragen*). 

Gleich der Sturmwolke und noch ausschliesslicher als diese ge- 
hört dem Himmelsgotte nun auch der Blitz, mit dem der Donner aufs 
engste verbunden ist. So führt bei Homer nur Zeus den Blitz und 
Donner und wird dem entsprechend in zahlreichen von Blitz und 
Donner hergenommenen Epitheta characterisirt. Und in gleicher Weise 
ist es auch bei Hesiod Zeus allein der den Blitz in Händen und über 
ihn Gewalt hat, wenn auch die Kyklopen als die Sonnenriesen die 
Verfertiger der Blitzkeile sind. Und dieser Auflfassung dass nur Zeus 
es ist, dem die Herrschaft über Blitz und Donner gebührt, bleiben alle 
Spätem — mit verschwindenden Ausnahmen — getreu. Wenn Aeschylus 
einmal von Athene sagt dass sie allein den Schlüssel zu dem Gemach 

J) Vgl. 0S83; EurK 36O; Her 4, 189; Hes otlfLz- Zeus als alYO^dy^C ^^ 
schlürft die als Ziege gefasste Wolke in sich (Schwartz Jbb 119, 3i4flr), um sich 
mit dem Reste als Fell zu schmücken; ähnlich Athene, Apoll: Z. alytoxo^ T 426 uo; 
Athene B 447; 2 204; Apoll 229. 308 etc. 308; Q 20; B447 schildern plastisch 
die goldumsäumte, vorwärtsstOrmende, unheimlich leuchtende Wolke; P593; 2204 
mit Donner u. Blitz verbunden; vom Sonnenschmied verfertigt O308; EustP595; 
S225. Die Erklärer verbinden stets den Sturmwind mit ihr Et; BekkAn 1, 354, 6; 
AeschCh 592f ; Schrecken verbreitend E 738 ; X ^97 ; EustA 202 ; vgl. Stengel Jbb 
125,518: FrMüller SWA 136, 7; Reichel Hom. Waffen 66flf. lu Bez. auf Athene 
E 738ff iv Ölpt« — iv öi xe Topy^ifi xs^otXi^, da gerade die mit dem Mondgesicht 
verbundene Wolke den unheimlichsten Eindruck macht. Als Schild SchO 229- 
Eratl3; auf Bildwerken KM 2, 2430"; wenn die Erklärer SchA 167 die Aegis als 
&icXov bezeichnen, so ist das nur uneigentlich richtig, da sie nur als Schreckbild 
wirkt, daher EusiE 738. Hom Zeus ve^eXiQYepixrjc, xsXatvsqji^g uä derselben Be- 
deutung wie otX'xioxoQ. 



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156 Spezieller Theil. 

kennt in dem der Blitz versiegelt ruht, so geht selbst hieraus deutlich 
hervor, wie Zeus als der alleinige Eigentümer des Blitzes gilt. Als 
höchster Himmelsgott hat er allein Recht und Macht Donner und Blitz 
zu führen und zu gebrauchen^). 

Im Ganzen hat die griechische Mythologie wenige eigentliche 
Kämpfe des Himmelsgottes Zeus gegen das Dunkel der Gewitterwolken 
aufzuweisen: nur der Kampf des Zeus gegen Typhon, sowie der gegen 
die Giganten gehört hierher, indem er völlig dem Kampfe Indras gegen 
Vitra entspricht. Typhon ist ein Sohn der Gaea, eben weil diese die 
finstern Wolken aus sich heraus zu gebären und gegen den Himmel 
anzuwalzen scheint. Die gewaltigen Hände und Füsse des Ungeheuers 
entsprechen den wild vorwärtsstossenden Wolkenmassen, die hundert 
Köpfe den immer wieder von neuem aus sich herausquellenden Knäueln, 
die bald mit schwarzen Zungen über sich heraus lecken, bald mit 
feuersprühenden Augen leuchten, während sie zugleich mit verschieden- 
artigen stets furchtbaren Stimmen tönen: das Pfeifen und Brausen des 
Gewittersturms wie die unheimliche Beleuchtung der Wolken selbst 
wird hier als wesentlicher Bestandtheil der Wolkenmassen gefasst. Und 
wie die Wolke dem Beschauer bald als Stier bald als Hund bald als 
Löwe oder anderes Gethier erscheint, so wird die von ihr ausgehende 
Stimme naturgemäss gleichfalls zur Stimme des Löwen, des Stiers, des 
Hundes. Der Kampf selbst wie ihn Hesiod beschreibt bezieht sich 
unzweifelhaft auf ein die gesamte Natur erzittern machendes Gewitter: 
wenn Zeus den Unhold mit Blitz und Donner überwältigt, sämmtliche 
Köpfe desselben verbrennt und ihn in das Innere der Erde zurück- 
stösst, so kann das nur auf die schwarze Wolkenmasse bezogen werden, 
die, von der Gluth des Feuers mehr und mehr angefressen und ver- 
nichtet, schliesslich wieder vom Horizont in die Tiefe der Erde hinab- 
sinkt. Eben diese auf Täuschung des Auges beruhende Beobachtung 
dass das Gewölk wieder herabgleitend aus der Höhe unmittelbar aut 



») Epitheta des Zeus LexHom. Gewitter Hom 133ff; Tsöff; S4l4ff; 6305ff; 
4> 33ofi; Hsd 72f. 14 1 f. 5Q4f. 515- öQoff. 699f. 707f. 839ff; Sc 421 f. f49; Blitze x^Xa Aiö^; 
Pd0 4, 1; 8,43; 10,81; 13» 77; Pl,5; 3> 58; 4,23.196; 6,24; N9t 19.24; 10,71; 
Bacchyl 3, 53«"; 17» 53ff; AeschPr 358. 370. 916. 922. 992. 1017. 104$. IO62. 1082; 
Se430. 444. 454; A470; E18I; Su34; SophAn 130. II16; Ai 257; OR 200; OC95. 
1460. 1462. 1479. 1502. 1658; E825. 1063! T437. 1087; f483.507; EurHfi77; B3. 
522.597; AI 131; M 144; T 78.92. 1102; Hi 530. 558; Ph 183. 1175- I181 ; J 2ia 
215; Hec67.472; K 320. 328; Su 640. 831.860. 934; f 781,64; 1094d etc. Die Worte 
im Text AeschE 825(7; ähnlich schon Pd 146. Z. xaxatßdtTifj^ AeXx 1 90, 144; Joum 
17, 8f; {Jpovxöv Mit.r7, 174; GGA 1897,410; ßpovxaCog Musit 3,622; xspauvög Bull 
2, 515; xepauviog P 5, 14, 7. lO; Ja 101 ; eÖT]X6ota P 5» 14> 10; Poll 9, 41 ua. Auch 
Pd zahlreiche Bezeichnungen des Zeus als Blitzschleuderers 09,6.42; 8,3-44; 
4,1; 13,77; fl4- 144- 155 etc. 



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Himmel und Erde. 157 

und in die Erde zurückkehrt, hat später Typhon als Personification 
der Gewitterwolken mit den irdischen Vulcanen in Verbindung ge- 
bracht. Die den letzteren entsteigende von feuriger Gluth bestrahlte 
Rauchmasse schien den von glühender Lohe umleckten Wolkenmassen 
zu entsprechen. So ist Typhon selbst zum Vulcan geworden. An seinem 
ursprünglichen Wesen aber kann kein Zweifel sein: er ist denn auch 
zum Urbild und Vater aller spätem das Licht bekämpfenden Ungeheuer 
geworden*). 

Eine ähnliche Bedeutung trägt der Kampf der Giganten gegen 
Zeus oder die Götter überhaupt an sich. Die Giganten sind ein wildes 
Volk von Riesen, im Westen hausend gleich dem Typhon, aus der 
Erde herausgeboren gleich diesem, der in seinen hundert Köpfen schon 
den bestimmten Ansatz zur Vielheit an sich trägt. Auch in den 
Giganten erscheint die Verbindung der schwarzen Wolkenmassen mit 
dem Gluthanhauch des Feuers darin, dass sie aus dem Blute des 
Uranos geboren mit glänzenden Panzern und Speeren bewaffnet sind. 
Das Wesentliche der Giganten besteht in ihrer Vielheit. Denn wenn 
einerseits die mächtige zusammenhängende Wolkenbildung als eine 
Einheit gefasst werden kann, die als Stier, als Drache, als Riese er- 
scheint, so kann sie mit gleichem Rechte als eine Masse einzelner 
gleicher Wesen gefasst werden, die in wildem Durcheinander dahin 
fahren. Und es wird in ihnen eine Eigenschaft hervorgehoben, die 
uns auch sonst, wie schon früher bemerkt, in zahlreichen Variationen 
bei den Dunkelgöttern entgegentritt: sie alle haben Anlage sich selbst 
zu zerfleischen. Denn gerade die Wolkenmasse, wenn sie vom Sturme 
gepeitscht hin und her geschleudert wird, scheint wie unter eigenster 
wilder Wuth diese Zerreissung und Auflösung an sich selbst vorzu- 



») Hsd820ff (0S47); Schoemann Op 2, 340ff. PdP 1, isff; 8, ISff; fQ3i 
AeschSe493ff; Str 248 etc; von ihm dvi|i(üv \Liwo(; öypöv divxcöv Hsd 869 (Plin 2, 
iSlf; Gell 19» 1): MMayer Giganten 274ff; Mitt 14, ögff; T. II. Typhon als Wolken- 
ungeheuer schlangenleibig u. geflügelt KM 2, 393fr; mit Echidna P3, 18, IG; PdP 
1, 16 IxaTopcopavog. Ähnlich Apd l,39ff (verkürzt AntLib 28). Dem Naturverlauf 
entsprechend Kampf in 2 Phasen: Flucht der Götter (PdP 1, 15 Typhon Feind aller 
Lichtgötter; AeschPr 354; Götter verwandelt Pd 91 ; OvM 5, 326Ü); Sieg der Götter. 
Typhon Zeus mit Schlangenwindungen umstrickend dasselbe als wenn der Himmel 
mit Wolkenstricken gefesselt wird. Übrigens ist Zeus hier in wesentlichen Stacken 
Sonnengott daher in der Höhle verborgen, Sehnen zerschnitten, was an den ge- 
schwächten Sonnengott erinnert: phrygisch-kretische Vorstellungen Her 2, 144; 3, 5; 
Dd 1, 2lf etc. SchB 783 (H 2, I27ff; Stesich 60) späte Mache. Das äv 'ApC|iot€ B 
782 f allg. Bezeichnung des westl. Dunkels; doch schon Hsd 860 ff; PdP l, 15 ff; 
04,8; f93; AeschPr 367ff Bez. zu Vulcanen; vgl. Ideler zu Aristot. Meteorol. 3, 
Ip. 250ff; ProbG2, 478. Der Mythus wohl zunächst Kleinasien zugehörig Str 579; 
626f; St 'Apijia; SchPdP 1, 31, 34; O4, 11; SchAp 2, 121of; Apd u. von da nach 
Griechenland Obertragen PdP 1,31 Seh; 04,11; HsdSc32. 



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158 Spezieller Theil. 

nehmen. Aber zugleich bleibt doch der Gegensatz dieser Wolkenriesen 
gegen das Licht des Himmels, gegen den Glanz der Sonne wie des 
Monds bestehen und wenn der Mythus daher von Kämpfen der 
Giganten gegen Zeus wie gegen andere Lichtgötter berichtet, so ist 
darin echte Überlieferung aus alter Zeit enthalten. Aber freilich hat 
sich hier allmälig eine Umgestaltung älterer einfacher Vorstellungen 
vollzogen, indem im Laufe der Zeit eine grosse Zahl localer Über- 
lieferungen, wie sie sich an die Namen und Sagen von einzelnen 
Dunkeldämonen und deren Kämpfen gegen die Lichtmächte knüpften, 
mit dem Gigantenmythus sich verschmolzen und diese zu einem sich 
immer mehr erweiternden Gesamtbilde gestaltet haben. In gleicher 
Weise hat später eine Verschmelzung der Giganten mit den Titanen 
stattgefunden, welche von Haus aus nichts mit einander gemein haben. 
Der Kampf der Giganten gegen Zeus ist — das muss festgehalten 
werden — der Kampf der Wolkenriesen gegen den lichten Himmel, 
der damit endet, dass der Himmelsgott mit Donner und Blitz die ge- 
waltigen Gegner überwindet. Und wie diesen Kampf gegen die Un- 
holde des Dunkels in gleicher Weise der Sonnengott und die Mond- 
göttin führen, so sind auch die einzelnen Sonnengötter und Mond- 
göttinnen des griechischen Glaubens in den Mythus von den Giganten 
mit hereingezogen worden welcher letztere auf diese Weise zu einem 
grossen Kampfgemälde sich erweitert hat^). 

In allen diesen Beziehungen erscheint Zeus als die Personification 
des Himmels: als Himmelsgott ist er der höchste Herr über den ge- 
samten Kosmos und insbesondere über die zwei Seiten der Erscheinungs- 
welt Dunkel und Licht. Im lichten Aether wohnend, seinem Wesen 
nach selbst Licht und Aether, sammelt er zugleich die Wolken, 



1) Material Wieseler Allg. Enc. 1,67. I4I — 184; Ilberg ML 2, 1639^; Max 
Mayer Giganten u. Titanen Berlin 1887 fasst die ersteren als Autochthonen; wahr- 
scheinlich hatte auch Hesiod eine Gigantomachie gedichtet Schoeroann 2, 1 40, 23, 
wie auch der Kyklos eine solche hatte SchAp l, 554. Hom ein Xaö^ Äxaod-otXo^ 
den sein König Eurymedon ÄXsoe wie er selbst ÄXtxo 73 59ff; ihre d^pta (föXa 
nahe den Phaeaken also im Westen tj 206; xi20; Hsd 50; den Laestrygonen ver- 
glichen X lipf; daher auch wie diese Felsroasscn schleudernd und selbst berghoch 
X 1 13; in Waffenrüstung Koepp AJb 2, 265ff. (PdN 1, 67; J 6, 33; AeschE 295; EurJ 
988; AristAv824: OrphArg 1125) wird, wenn auch Her 7, 123; St mit Pallene 
identifizirt, eine allgemeine Bedeutung haben, wie iv 'ApCjiotc ua. Ihre Geburt und 
Rüstung Hsd 185, so auch in den ältesten Darstellungen Kuhnert ML 2, l653ff; 
völlig wesensgleich sind ihnen die Hekatoncheiren. Die Selbstzerfleischung nament- 
lich von den Sparten in Theben (EurPh 667ff Seh; 939; Apd 3, 22ff) und Kolchis 
Apd 1,131 ausgesagt. Apdi,34 — 38 finden sich eine Reihe localer Traditionen 
mit dem ursprünglichen Gigantenkampfe verschmolzen: jene bezogen sich auf 
Kämpfe von Dunkelriesen gegen den Sonnengott wie gegen die Mondgöttin, wie 
SchS 295 (Euphorion) Hera von Eurymedon überwältigt wird udgl. 



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Himmel und Erde. 



159 



schleudert Blitz und Donner und führt die Sturmes- und Wetterwolke 
als Panzer und Schild. Und als Himmelsgott hat er zugleich den 
Sonnenadler, die Sonnenkyklopen als seine Diener die ihm den Blitz 
schmieden und tragen und ihm helfen im Kampf gegen das Dunkel. 
Denn wie die absolut finstere Seite des Kosmos, die namentlich in dem 
gegen den lichten Aether sich erhebenden Gewitterdunkel zum Aus- 
druck kommt, als das lichtfeindliche Element und im Gegensatz gegen 
den Himmel erscheint, so tiberwindet der letztere den trozig und furcht- 
bar gegen ihn ankämpfenden Feind, zerschmettert ihn mit seinem 
Blitzkeile und zerreisst ihn in Stücke, um sich mit seinen Resten als 
Trophaeen zu schmücken '). 

Wenn so der Himmelsgott entsprechend seinem ursprünglichen 
Wesen, in dem Dunkel und Licht noch als integrirende Bestandteile 
vereinigt waren, die Herrschaft über Wolken, Winde und Wasser wie 
nicht minder über Licht und Sonne ausübt und eben hierdurch aut 
das Erdeleben selbst bestimmend einwirkt, so tritt doch diese ganze 
Seite des Himmelsgotts in historischer Zeit aus dem Grunde zurück, 
weil die andern Mächte des Himmels, Sonne und Dunkel und Mond, 
die einst nur Theile des Himmels selbst waren, später zu selbständigen 
Gottheiten empor wuchsen und nun in unmittelbarerer und speciellerer 
Weise die einzelnen Beziehungen des Himmels zum Ausdruck brachten. 
Aber auch im spätem Culte erscheint Zeus selbst noch in mannig- 
fachen Namen und Formen nach jener alten umfassenden Wesensseite, 
indem er in Winden und Regenströmen auf die Erde und auf das 
Menschenleben einwirkt und namentlich auch als Schützer des Land- 
baus, wie der Vegetation erscheint. Denn der Himmel in seiner Ge- 
samtheit ist es ja der diesen Schutz, diese segensreiche Einwirkung 
auf das irdische Leben ausübt — wenn auch später daneben der 
Sonnengott und die andern Erzeugten des höchsten Himmelsgotts in 
diese Aufgabe mit eintreten*). Und auch darin bleiben noch die 

1) Zeus oHvto^ P2, 32, 7; 34,6 mit dem Fest Z^vta Hes; dXxTJjp Hsd657; 
dyi^tcop XenRepLac 13, 2; xpoTWcto^ P 3, 12, 9; SophAn 143; T 303; (ätpsto^ P 5, 14, 6; 
später 4Yö>vtO€ Bez. zu Wettkämpfen; OTpdtxtoc Her 1,171; 5» 119; 6«Xdo|Jtto€ 
AristZji 3, IG; Lebas 372f; xpüaaopeög (karisch) Strööo (Blitz; Xdcßpog PlutQG45). 
Kpdxo^ u. Bio, AeschPr seine Diener. 

*) Zeus «ödvsjio^ P 3, 13, 8; öi)^ Hes; Ixjiato^ Ap 2, 522; oCL^iOi; Theoer 4, 43; 
o5pioc AeschSu 594 (e 176; 0475 Atö^ oSpog); AicoßaTi^ptog Bez. zur Seefahrt ArrAn 
1,11,7; Xi|Uvooxd«0€ Callim 114; PdP 4,1930"; oxöXXtog Hes; RhM49,469; Wxtog 
P2, 19, 8; 9, 39, 4; ^l^Spto« etc. Vgl. M25; M Antonin 5, 7 (Gebet der Athener 
^o^ 5aov & (^ae Zsö); P2, 25, 10; Cratini2l; P 1,24, 3; Ca 3, 166; Atö^ ^jißpog 
E 91 ; A 493; PdO 7, 49; N 3, 10 etc. In Bez. zur Erde tsmptö^ Ca 3, 77; Xd-ivtoc 
P2, 2, 8; Syll373, 26; im einzelnen ivöevöpo^ Hes; imxdcpTWog Hes; ip^otlo^ (Hsd 
E465) Hes; dpöxptog EusPrEvi,25; ÄictpvOxtog; fpinio^ Hes; {i^pio^ SophOC 705Sch; 
4Xa(oüc Hes; vöjito^ StobFlor 2, 170 (Gaisf); iw^Xcoato^ C 1870. 2418 etc. SchönFTG 
933 (476) 6 iU{i7C(0v tJjv i9i)|i8pov xpo^i^v der uns unser täglich Brodt giebt. 



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l60 Spezieller Thell. 

Spuren des alten Verhältnisses, nach dem der Himmel selbst die Welt- 
ordnung wie der Weltenschutz war, erhalten, dass die Ordnungen welche 
die Erzeugten des höchsten Gottes der Erde vorschreiben und bringen, 
im Grunde genommen immer die Ordnungen des himmlischen Vaters 
sind, der seinen Söhnen und seiner Tochter die Wege bahnt und vor- 
schreibt, die sie zum Segen der Erde und der Menschheit zu wandeln 
haben. Und es ist namentlich der Sonnengott, der nach dieser Rich- 
tung hin als Zeus' Prophet, als Träger der ewigen Ordnungen 
seines Vaters gilt. Denn wie die Zeitordnungen immer im höchsten 
Sinne als die Weltgesetze gegolten haben; und wie der Sonnen- 
gott zum vornehmsten Träger dieser Ordnungen geworden ist: 
so wird ApoUon zum Darsteller und Verkünder der himmlischen 
Themistes, die im wesentlichen zwar Satzungen des Vaters selbst sind, 
die aber von dem Sonnensohn übernommen, ausgeführt, der Welt und 
der Menschheit zur Ordnung ihres eigenen Lebens gesetzt werden'). 
Und diese Abhängigkeit des Sonnensohns von seinem himmlischen 
Vater zeigt sich auch darin, dass das scheinbare Abweichen jenes von 
seiner normalen Himmelslaufbahn, welches der Mythus als ein Irre- 
gehen, als eine durch eine grosse Schuld zugezogene Strafe auffasst, 
auf den Vater zurückgeführt wird. Es ist der Vater, der den Sohn 
straft, aber zugleich ihn in den winterlichen Regenströmen wäscht und 
reinigt von seiner Schuld und ihn so der ordnungsmässigen Thätigkeit 
im Frühling zurückgiebt. So wird Zeus der als Herr des Himmels 
diese Reinigungen selbst vornimmt, zum Katharsios, dem nun auch 
der Mensch, wenn er sich in Schuld befindet, vertrauensvoll nahen 
darf, um von dem himmlischen Vater der Schuld entladen und ge- 
sühnt zu werden. So wächst auch hier die ursprüngliche rein 
physische Auffassung in die geistige und sittliche hinein^). 



*) At6g ^jitoxeg (zunächst Bez. zur Zeit) «403; 'AtiöXXcüvo^ H 2, 214: Apoll 
Atög Tcpoqpf^XTQg AeschE 19 uo. In seiner Herrschaft über die himmlischen Ordnijnjjfen 
ist Zeus damit zugleich im Besitz ihrer Geheimnisse dh |idcvxt€ Aristid 2, 5 1 ; Hsd 
fl77. Die Könige von Zeus die ^iitoxeg empfangend A 238; B206; 1215; Soph 
515 etc. Wie ^jitoreg in erster Linie Zeitordnungen sind die das Auge erfasst, 
so sind die durch das Ohr erfassten himmlischen Stimmen 6\ixpcLi und deren In- 
haber ist Zeus gleichfalls, daher icavdjiyotog 25O; Simon 144; 6ÜqpiQ[iO€ Hes; 
ydiiiog Syll 370, 26; "Ooao, <^7i B94; co4»3; P 1, 17» 1 seine ifT^Xo^. Alle 
diese Erscheinungen des Himmels als Atoo7)ii£at zusammengefasst. Obertragen 
Zeus Vertreter der Rechtsordnungen öcxatdouvog BekkAn 1, 34; xtjwopöc ClemPr 
39; in: üoiXXocdCq) Ca 3, 71 etc. 

2) Zeus xaO-dpotoc P5, 14»8; xaTOWÖxag (=xaTaTcai)Tac) P3, 22, 1; Ä7WTp6- 
«atog Syll 370, 69. 115; Cxiatog Bull 3,472; AeschSuölO; alleinstehend vHiller 
Thera 19, auch öpxtog; dnaXot; Aesch219; dXtgi^xtop SophOC 143; AeschSeS; 
(pavalo^ EurRh355; txsxiiotoc v 2l3eot€ %oti fiXXoüg dvdtxönoüc iqpop^ x. xivoxoti 
CgTig 6L\idpvQy daher auch t 270 4mxt|ii^(op Jxexdcöv x» gtivtov x»; yj 165. 18I; dqpCxxwp 



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Himmel und Erde. jgl 

Tritt uns hier schon wieder die Tendenz des Menschen ent- 
gegen, die eigenen Verhältnisse auf den Himmel zu tibertragen, so weist 
die ethische Entwicklung, welche der Zeusglaube und Zeuscult im 
Ganzen genommen hat, die ethische Entwicklung des Hellenentums 
selbst auf. Zeus ist den Griechen im Laufe der Zeit zunächst der 
höchste Gott der Gnade geworden, da von ihm alle Gaben des Himmels 
kommen. Und weil er der höchste, so ist er auch der mächtigste: er 
ist allmächtig und damit zugleich der Soter und Alexikakos. Und 
femer ist er der allgerechte, da alle himmlischen Ordnungen, die zu- 
nächst in natürlichem Sinne gefasst allmälig sich sittlich vertiefen, auf 
ihn zurückgehen und er über deren unverbrüchliches Einhalten wacht. 
Er ist zugleich Horkios der auf Treue und Glauben hält und 
den Meineid straft: denn er selbst ist ja in ursprünglicher An- 
schauung der als Horkos oder Herkos den gesamten Raum 
des All umfassende, dass nichts über den von ihm gesetzten 
Kreis und seine Grenzen hinüberkann und alles sich dieser 
von ihm gewollten Begrenzung unweigerlich fügen muss. Und so ist 
er auch Teleios, Horios weil er ja die Grenze schlechthin ist und allem 
Maass und Ziel setzt. Und wie alle Zeit in ihm beschlossen ist, so 
ist er der allwissende, der aus seiner lichten Höhe alles sieht und 
alles kennt und alles rächt*). 

Wie wir so das Wesen des Himmelsgottes vor unsren Augen 
sich vertiefen sehen, so können wir ihn zugleich Schritt für Schritt von 
kleineren zu grösseren Kreisen in seiner Geltung fortschreiten und 
wachsen sehen. Der Einzelne, der Stamm, der ursprünglich den Himmel 



AescbSu 1; txxtog 385; Cxxiip 479« Solon (Poll 8, 142) Hess bei Zeus unter 
3 Formen schwören txdotov xad'dpoiov iSaxsoT?)pa. Wie die Art der Sübnung* 
durch Anwendung des Dioskodion nur eine Nachahmung des himmlischen Vor- 
gangs ist, indem eben das in dem Vliess enthaltene himmlische Nass das Mittel 
wird, zeigt Polemo 87. 

1) Zeus' Allmacht PdO 13, 24; J 5» 52f; AeschSu 5240"; 816; SophAn 604ff; 
OR903ffua. Zeus xdXstog PdP 1, 67; O 3, 115; AeschA 973 Z. xdXsts xig itid^ 
töxöec xiXr.; E 759 "CoO ndrca xpafvovrog; Pr 526 6 Tidvxa vd^icov; Plut QR 2; Furt- 
wängler SM A 1897 H. 3; in Bez. zur Ehe Kap. 11. Der häufigste Beiname ist 
ocDTTiJp, wie er aus zahlreichen Städten bekannt ist AeschSu 25 etc; daher Feste 
Ztavfipia^ Attomxi^pta Preller-Robert I5if. Zeus oawxrj^ P9, 26, 7. Er kann je nach 
Belieben Gutes oder Böses verhängen daher 2 527 Öotol «C^t — d(öp(OV ota dCdcooL 
xocxä^v, ßxepos bk idUüv, daher dXdoxcop Aesch 90 wie nixoaiXwtOQ Soph375. 259; 
imJ^rr^ P 8,9,2; ßtoÖcaxwp Orph 73,2; Krankheiten abwehrend PdO 8, 85. 
'Opxtog P5, 24, 9; EurHiioSS; daher die Eide schon H4II uo unter seiner Ob- 
hut stehen. 'Opiog Plato Leg 8,9. Zeus' Allwissenheit oben; Hsd E 267 icdvTa 
IWov Atög d^^otXjiöc X. ndvxa voT^oa;— xdö' imöipxexai oööfe I Xij^t flf; PdPs, 123; 
EurHel 1441 ff; FTG 905 (351); ursprünglich ist dieses Auge des Zeus das Sonnen- 
auge gewesen FTG 934fF (485. 491- 496) etc. 

Gilbert, Gotterlebre. 11 



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l62 Spezieller TheiU 

allein sich zu Häupten geschaut und geglaubt hatte, der erkannte in 
den Berührungen mit seinem Nachbar, dass es dieselbe Himmelswölbung 
war, die ihn gleich jenem unter ihren Schirm und Schutz nahm und 
hat dieser Erfahrung entsprechend auch den Nachbar als Theil nehmer 
des Schutzes seines Himmels anerkannt. Aber weiter: auch die staat- 
lichen Ordnungen gehören dem Schutze des Zeus. Haben wir schon 
bei Betrachtung der Zahlen Verhältnisse gesehen, wie der Mensch in 
seinen irdischen und staatlichen Institutionen die himmlischen nach- 
zuahmen und darzustellen suchte, so kann es nicht wunder nehmen, 
Zeus nun auch als den Herrn dieser irdischen Satzungen anerkannt zu 
sehen. Schon die Cultnamen Genethlios, Phratrios ua zeigen ihn als 
Herrn der künstlich geschaffenen Geschlechter und Phratrieen; Zeus 
Boulaios und Agoraios schützt Boule und Agora; Zeus Polieus ist der 
höchste Schirmherr der Burg, der Stadt, des Staats in seiner Gesamt- 
heit^). Überall also wird der natürliche wie der künstlich gemachte 
Kreis zum Abbild des himmlischen Kreises gemacht: und wie hier 
Zeus die höchste Gewalt übt, so führt er sie nun auch dem Abbilde 
jener, dem irdischen Kreise gegenüber. Und wie diese Kreise des 
irdischen Lebens nicht nur äussere Ordnungen sind, die als solche 
schon Bestand haben, sondern die erst dann sittlichen Werth erhalten, 
wenn sie auch innerlich von dem Sinne für Sitte und Gesetz, von dem 
Geiste der Ordnung und des Rechts erfasst und erfüllt werden, so ist 
auch Zeus als Herr der himmlischen Themistes von Zeit und Raum 
zum Geber und Wächter aller irdischen Ordnungen geworden. So 
hält er, wie schon angedeutet, Treue und Glauben, rächt und straft 
alle Schuld; nimmt auch den Fremden, ja jeden der sich hülfesuchend 
an ihn wendet unter seinen weiten Schirm; bewahrt zugleich vor allem 
Schaden; erhält alle Güter und schützt namentlich das höchste Gut, 
die Freiheit, dem der muthig für dieselbe eintritt. In dem Namen 



1) Z. kpxtTog Harp; Ca 2, 1664; Arist245; PhÜoch 146; |jiM4pxtog Hes; 
iipiazio^ Her l, 44. SophAi 492; P 2, 24, 3; 8, 46, 2; 5, 14, 7; gövotijiog SophAo 658; 
Ytvvi^(op AeschSu 206; -f^vi^^io^ PdO 8, 16; ndzpio^ Bull 16, 143; ot>YY4vttog EurgSS; 
öjiÖYVto^ EiirAn92l; icaxp^o^ SophT288; Syll36o, 35; AristN 1469; qppdxptog Eqp 
1883, 74 (=dpÄxptoc Del ^ ll6f); d««xouptog Conon39; 6\i.ocr(i>pioz P 7» 24, 2; ötidpio^ 
Str385 (dbiidptog Syll 178); ijioXcotog P9, 8, 5ff; Cs 2456; ftXXi^tog Her 9, 7; Mitt2, 
59 etc. SuXXavCac Plut Lyc6; izoXi^b^ (OJahn Memorie d. Inst. 2, 130") P 1,24,4 
in Athen u. sonst; «dvÖTjjioc Ca 3, 7. BoüXalog Ca 3, 272 ; d|ißo6Xtoc P 3» 13» 6; dyopotloc 
Ca 1, 23; dp^dlxog Baccbyl 11,9. Aax8da£)Ki)v Her 6, 56; rtXi(i>v Ca 3, 2. ^ÜUoc 
Ca 3,285; Furtwängler SMA 1897 H3; ixaiptlo^ Hes.: Zeus schätzt auch die Ord- 
nungen der Freundschaft und Kameradschaft. Schutzherr der Ehe PlutQR 2; 
SchAristTh973; TtXoöoto^ P3»19j7; XTJjatoc AeschSu 445; P 1,31, 4; Dem 21, 53; 
^298; B670 etc: Zeus verleiht also auch Besitz und Reichtum. 



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Himmel und Erde. 



163 



Vater und König drücken sich am praegnantesten alle diese Beziehungen 
des höchsten Gottes aus^). 

So hat sich der Begriff des rein sinnlich gedachten Himmels als 
der die Erde überspannenden Wölbung zu einem Schirme mächtiger 
Hülfe vertieft und vergeistigt; die regelmässigen Wechsel des Himmels, 
die alle Ordnungen irdischen Lebens bedingen, sind zum Prinzip der 
Gesetzmässigkeit, der Gerechtigkeit geworden ; die Gaben des Himmels, 
von denen alles Gedeihen der Erde abhängt, zum Begriffe der AUgtite, 
der Allliebe; das stets unverändert in ungetrübter Ruhe dem Auge des 
Menschen sich darbietende Himmelsgewölbe wird ihm zum Ausdruck 
der Ewigkeit, der Unveränderlichkeit, in der alle die kleinen und klein- 
lichen Wechsel und Veränderungen in Zeit und Raum, im Leben der 
Erde und des Menschen ihre Ausgleichung finden. Der Himmelsgott 
ist nun der ewige und unveränderliche, der allgerechte und allgütige, 
der allgegenwärtige und allmächtige; er ist die höchste Weltordnung, 
die Quelle aller guten und vollkommenen Gaben, der mächtige Schutz 
und Schirm jedes einzelnen wie jeder Gemeinschaft; er ist Ein und 
Alles, Anfang Ende und Mittelpunkt alles Glaubens*). 

Wir haben oben schon auf die Spuren hingewiesen welche an- 
deuten dass mit diesem höchsten Himmelsgotte Zeus im Glauben und 
Culte Gaea eng verbunden war: galt jener als der Vater, so war diese 
die Mutter und das eheliche Verhältniss beider war eine nothwendige 
Folge dieser Auffassung. In historischer Zeit hat sich dieses Verhätniss 
geändert, indem einmal an die Stelle der Gaea eine Göttin getreten 
ist, die unter den verschiedensten Cultnamen als Demeter, Dione, 
Themis, Leto etc bekannt, stets eine und dieselbe Persönlichkeit dar- 
stellt, auf die zurückzukommen ist; indem anderseits mit dem Himmels- 
gotte Zeus der kretische Sonnenzeus sich verschmolzen hat, dessen Ehe 
mit der Mondgöttin Hera allmälig an die erste Stelle im Glauben sich 



») Zeus givw)€ Simon 128; AeschSu627; Ps» Ui n; fxiotogoben; 4Xst>Wpto€ 
Harp CEXtti^ta Ca 2, 1 7, 65 ; Plataeae Flut AHst 21 ; P 9, 2, 5); ßootXtöc P 9i 34, 4; 
Hsd96; ican^p A 544; SophT275 ö töv &7cdvTö)v Ztu^ «axi^p etc. Bacchyls, 179 
dpxocYi^ 9t&y; I99f |i»YtoTO«dx(op. 

^ Daher mit Zeus aller Gesang beginnt PdN 2, l ; Alcm 2; Terpand l icdvxcov 
dpxd, iidrwDv dp^xcop (daher dpCarocpxo^ Bacchyl 13, 25; Simon 231). Der Hymnus 
wie ihn zB Cleanthes StobEcl 1,2 an Zeus richtet lässt in allen Thellen noch den 
Zusammenhang der Auffassung des Zeus als des rein naturalistisch aufgefassten 
Himmelsgew/^lbes mit derjenigen die ihn zur höchsten geistigen Potenz erhoben 
hat, erlcennen und ist zugleich nach Form und Inhalt ein so tief empfundenes 
Meisterwerk dass er mit jedem christlichen Hymnus verglichen werden kann. 
Auch bei den Tragikern und sonst bricht immer wieder die ursprüngliche Identität 
des Zeus mit dem oöpav6g hindurch Aeschös; SophOCl47l; E 175; EurT 884ff; 
f869; Plato Phaedr 26 etc. 

11* 



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164 Spezieller Theil. 

gesetzt und speziell die Ehe des Himmelsgotts mit der Erdgöttin zurück- 
gedrängt hat. So ist es gekommen, dass Gaea mehr und mehr ver- 
schwindet und nur noch in der theo- und kosmogonischen Dichtung 
ihre Stelle behauptet^). Nach zwei Seiten hin hatte Gaea einst die 
Stelle der grossen Mutter in Anspruch zu nehmen das Recht, indem 
nicht nur die gesamte Vegetation und in entfernterer Beziehung auch 
das animalische Leben auf sie zurückgeführt wurde ; indem nicht minder 
aber auch der Sonnengott wie der Dunkelgott nebst der Mondgöttin 
als die Kinder der Gaea galten, da sie in täglich neuem Gebären vor 
den Augen des Menschen aus ihrem Schoosse hervorgingen, wie sie 
zugleich täglich wieder im Sterben oder Verbergen in ihren Schooss 
zurückkehrten. In dieser Auffassung tritt uns ein bestimmter Gegen- 
satz des Unten gegen das Oben entgegen. Schien es dem Menschen, 
als ob die in ewiger Wiederholung in ihren Schooss zurückgeschleu- 
derten Sonnen Monde und Dunkel in ihrer Vielheit die Mutter be- 
drängen, sie belästigen mussten, so tritt er mit seiner ganzen Sympathie 
auf die Seite des Unten, dem er selbst angehört, und erblickt in dem 
Thun des Himmelsgotts wohl eine höhere aber auch eine ungerechte 
Macht. Aber auch darin zeigt sich die versöhnende Tendenz des 
hellenischen Glaubens, dass dieser Gegensatz der Erde gegen den 
Himmel im Laufe der Zeit sich ausgeglichen hat 2). Denn steht die 
Erde noch in dem Kampfe des Uranus gegen seine Söhne auf Seite 
dieser, so tritt sie schon in dem folgenden Kampfe des Zeus gegen 
die Titanen — der nur eine andere, jüngere Version jenes älteren 
Kampfes ist — auf Seiten des Zeus. 

Indem wir uns vorbehalten auf die Momente zurückzukommen. 



1) Vgl. Kuhnert ML 1, I566ff; Gerhard ABA 1849, 477f. Philoch 13 stellt 
die Ehe des Zeus mit Gaea an die Spitze; daher richtig Welckerl,26 Zeus und 
Gaea als das wesentliche des althellenischen Cults bezeichnet. Vgl. auch Her 4, 
59; 1, 131. Zeus und x^ovir) = Gaea wird auch von Pherecydes in den Mittelpunkt 
der Religion gestellt SBA 1897, l47ff. Schwur bei ihr T 278 uo; Syll 171» 61 etc. 

') Von Gaea u. Uranus Hsd I26ff stammen Sonnen- u. Dunkelgötter: Heka* 
toncheiren u. Kyklopen einer-, Titanen (Kap. 6) anderseits sind verschiedene Ent- 
wicklungsphasen derselben. Uranus stösst die kaum geborenen in den Schooss 
der Erde zurück; 157ff wird dieser sinnlich vor dem Auge sich abspielende Vor- 
gang höchst plastisch geschildert: der Himmel stösst die kaum geborenen in den 
Schooss der Erde zurück (FaiiQS iv xsuO-^iöivt) : ^ ö* IvTÖg oxovaxCCsto Fal« tctXcopT) 
oxsivo(UvY). Später werden namentlich Wolken- u. Dunkelungeheuer als Geburten 
der Erde gefasst r) 324. Mala (=liiTnjp) ist mit Robert 390 als alter Name der 
Mutter Erde zu fassen §435; H3 oft; Hsd 938; Simon 18; EurJ iff. Ihr Wesen 
aber früh durch Aufnahme in die Genealogie des Atlas getrübt. TItyos; Erinyen, 
Giganten, Melische Nymphen Hsd 185; Typhoeus82l; Aigaion SchAp 1,1165; 
Echidna Apd2, 4; Python Hyg 140; Areion P 8, 25, 9 uA. Die Ehe der Erde mit 
Pontos Hsd 232 beruht auf Mache. 



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Himmel und Rrde. 



165 



welche den Begriff der Erde als Gottheit allmälig umgestaltet haben, 
seien hier nur noch kurz die Anschauungen wieder gegeben, die in 
historischer Zeit ihr bleiben. Und da ist zu sagen dass die Ehe 
zwischen Himmel und Erde zwar erhalten bleibt, dass sie aber fortan 
nur auf rein populärer Anschauung beruht, während sie im Culte ganz 
zurücktritt. Es wird also fortan nur ihr Hervorsprossenlassen von 
Saaten und Pflanzen betont, während das eigentliche religiöse Moment, 
ihre Mutterschaft der grossen Himmelskinder verschwindet. Die Erde 
bleibt demnach einerseits die Karpophoros, die damit zugleich auch 
als Quell alles Erdesegens, alles Besitzes, aller Habe angesehen werden 
kann^): sie wird aber anderseits zugleich die Todesgöttin, da sie alles 
Leben wieder in ihr Inneres herabzieht, dasselbe in ihrer Tiefe, in dem 
geheimnisvollen Schoosse ihres Leibes verschwinden lässt. In dieser 
doppelten Beziehung behält also die alte Gaea ihre Stellung im 
Glauben, während sie sich als die eigentliche Mutter der himmlischen 
Familie in Demeter und unter anderen Namen aus dem starren unbe- 
weglichen Erdbegriflfe zu dem lebendigen sich bewegenden Dunkelbe- 
griflfe entwickelt; darauf ist zurück zu kommen'). 

Zugleich aber hat der Erdbegriff noch nach einer andern Rich- 
tung hin sich entwickelt und diese Umgestaltung desselben muss uns 
hier noch einen Augenblick beschäftigen. Während nemlich Gaea 
ganz allgemein als die Erde in ihrer Beziehung zum Himmel wie zu 
den Geschöpfen ihres Schoosses aufzufassen, ist Hestia die Erde in 
spezieller Beziehung zum Wohnsitze des Menschen. Es war ein unge- 
heurer Fortschritt als der letztere aus dem unsteten Wanderleben zur 



^) H 30 bringt die populären Anschauungen zum Ausdruck : n9]i.\iiixnpf^ 
ipHiM^'Xoz, icpto^OTT), d«d^v iii^xiQp; nährt alle Creatur, verleiht Besiu u. Reichtum 
wie auch Gesetzmässigkeit als Folge des auf Ackerbau beruhenden Culturlebeos. 
PdN9, 25 ßadöoxtpvo^; P9, 102 ßadöxoXno^; 9,60 Verbindung mit den Hören; 
xapTW^öpoc P 1,24, 3; Ca 3, 166; l^tCdcopog, dvT)oid<6pa SchAristAv97l; «avöcbp« 
Hippon37; {idxaipa xtXt^^öpoc CS2452; icatißdxi^ SophPh 391 etc; xoupOTpöqpog 
Pl, 22, 3 uo. Daher Plut fac2i; SophAn 339; AeschSe löff; Theogn 82 5 ff. Wie 
Götter u. Menschen aus ihr als )iiA( tivixp6( hervorgehen PdN6, iff, so philos. Dox 
580,3; 561,4; 427,'17fi. 

*) Als Todesgöttin empfängt sie Spenden AeschCh I24ff; P 220; 626 etc; 
das Fest Ttvioia CÖpala) Hes iopvfi iiiv^jioc 'AÖngyaCotc— Tj Tfl döou^u Die Spuren 
eines Cults ausser den angenihrten sehr dürftig: allg. TheophrHpl. 9, 8, 7 ; PhilVAp 
6,39 (pi28); Freilassung bnb Ai& Tfjv 'HXtov Syll.441; vgl. ferner Plin 28, I47 
Aegira; P 7, 25, 13 Talov in Aegae; P 1, 31,4 in Phlyus Gaea als Mtr^Xv) 8t^ in 
einer Cultgemeinschaft die auf Verschmelzung mit fremden Culten weist; 3, 11,9; 
12,8 Sparta Ti^g x«l Aiö^ Upöv; 8,48,8 Tegea ßtojiög; 5, M» 10 Olympia ßa)|i6€ 
und iiavTilöv 10, 5, 5^; Atl x^vtcp Pj X^o^t? J° Mykonos Syll.373, 26 etc. Als 
icpa>Tdp,«vxtc in Delphi bezeichnet sie AeschE2; EurJT 1249 p,avTttov x^yioy; 
P 10, 5i 5; t«p^v Plut Pyth 17 ua. 



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l66 Spezieller Theil. 

festen Ansiedlung überging und der Ausdruck dieser Begründung eines 
bleibenden Wohnsitzes ist Hestia. Es ist deshalb auch von hohem 
Interesse zu bemerken, dass in Thessalien, derjenigen Landschaft wo 
wir die ältesten bleibenden Wohnsitze der hellenischen Stämme anzu- 
nehmen haben, der Begriff der Gaea zur Hestia sich umgebildet hat^). 
Mit ihr ist demnach der Begriff der Heimath verbunden, welcher 
erst durch die Errichtung einer festen Siedelung geschaffen wird; denn 
nur sie giebt erst die Möglichkeit eines geregelten Culturlebens mit 
den Segnungen des Ackerbaus und aller aus dem Festgewurzeltsein 
an einem bleibenden Lebensmittelpunkte hervorgehenden Güter. Mit 
diesem Begriffe der Sesshaftigkeit hat sich aber offenbar ein anderer 
Begriff, der freilich eng mit jenem zusammenhängt, verbunden. Denn 
den Grund zu einem solchen sesshaften Leben legt das Feuer, die Mög- 
lichkeit und Leichtigkeit des Feuergebrauchs, welcher dem Menschen 
gestattet den rohen Naturzustand zu überwinden und ein geordnetes 
Leben mit Benutzung der Früchte und Thiere des Feldes zu Speise 
und Trank zu führen 3). Tritt uns bei den Alten das volle Verständ- 
niss für die Bedeutung des Feuers nach dieser Richtung hin entgegen, 
so entspricht dem die Thatsache dass als Mittelpunkt des Hauses, der 
Heimath zu allen Zeiten der Heerd gegolten hat, auf dem das Feuer, 
die heilige Gabe des Himmels lodert; welches aus seinem himmlischen 
Sitze herabgestiegen sich nicht scheut zum Segen des Menschen in 
seinen Dienst zu treten. Es hat sich also mit dem Begriffe der Sess- 



*) AUg. Preuner ML l, 2605ff. Der etymol. Zusammenhang von *EoT£a mit 
Vesta ist nicht zu leugnen, doch ist es beachtenswerth dass Vesta nur spezifisch 
römisch ist« während im übrigen Italiea Name und Wesen der Gottheit unbekannt 
gewesen zu sein scheint. Während die Alten •EoiCa, laxioi von 5^(0, t^ü) ableiteten 
(vgl H 2% 3 göpTjv dtCötov SXaxft) hat Preuner auf die W. vas leuchten brennen hin- 
gewiesen (vgl Lottner ZvglSpr 7,178; Schweizer 1 6, 130), während Grassmann 
(16,172) und Roth (19,218.221) die Ableitung von vas wohnen annehmen: 
Grassmann begründet diese Ableitung durch den Hinweis auf vedische Vor- 
stellungen. Ich schliesse mich der letzteren Ableitung an; danach ist mit Roth 
■EoiCa als „Genie der Heimath** zu bezeichnen. Die genealogische Einreihung der 
Hestia in die olymp. Götterfamilie Hsd 454; Apdi,4; Dd 5, 68 etc trägt den 
Stempel später Mache an sich. Dagegen weist die Landschaft Histiaea in Thes- 
salien auf alten Cult der Histia. 

3) Vgl dazu oS9lff. Daher Porph abst 1,13 die ältesten Menschen der 
lebenden Thiere nicht aus Frömmigkeit sich enthalten lässt, sondern weil sie tyjv 
TCüpög yijpfioiw nicht kannten; sobald sie das Feuer kennen lernten verehrten sie Hestia 
TtjiwoxaTdv xe xal Uptöxaxov (hier also Hestia in Bezug auf das Feuer). Dass die 
Heiligkeit des Feuers den älteren Zeiten feststand zeigt Agni, die Verehrung des 
itöp bei den Persern Her 1,131; Str733; daher auch die skyth. 'Eozioc Her 4, 59 
(neben der Gaea) vielleicht das Feuer ausdrückt. Vgl Hes 'Eozir^ TCÖp x. 0*6^; 
EurHel 872 fe^ioxtov f^Xöftx ua. 



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Himmel und Erde. ig^ 

haftigkeit derjenige des Feuers als des göttlichen Culturelements eng 
verbunden. 

Die Entwicklung der Göttin Hestia, welche wesentlich in der 
Verschmelzung dieser beiden Begriffe der Heimath und des Feuers be- 
steht, lässt sich denn auch noch deutlich verfolgen. Tritt bei Homer 
noch ausschliesslich der erstere Begriff der Sesshaftigkeit, der bleiben- 
den Heimstätte hervor, nach dem Hestia das Haus ist, dh die Erde 
in ihrer speziellen Beziehung zum Wohnsitz des Menschen, so bleibt 
dieser Grundbegriff, indem Hestia einerseits als eine andere Bezeichnung 
der Erde selbst gilt, anderseits aber unter ihrem Namen sehr ent- 
schieden die Geschlossenheit des Hauses, die Einheitlichkeit der ein- 
zelnen Heimstätte und der ihr zugehörenden Familienglieder hervor- 
gehoben wird*). In den homerischen Hymnen löst sich dann der Be- 
grifi von der Erde und dem bestimmten einzelnen Wohnräume und 
verflüchtigt sich zu einer allgemeinen Schutzgöttin die Über dem ein- 
zelnen Hause und seinem Frieden steht und wie ein dienender Geist 
in den Häusern der Menschen wie den Tempeln der Götter waltet. 
Da aber der Heerd des Hauses ohne das heilige Feuer nicht zu denken 
ist, welches seinerseits dem Menschen helfend und dienend sein Leben 
erträglich macht und verschönt, so wendet sich von selbst die Ver- 



1) Hom wird mit dviortog I 63 (dcqp pi^xtop AWjitoTOg) nur das heimatlose 
hervorgehoben; ebenso B 125 mit itpiozio^ das sesshafte. Daher der Schwur ^ 159; 
p 156; 0231; X303 unter EotCt) Oöuoijog (^v dcftxdvo)) nur das Haus des Odysseus 
als Schutz- und Heimstätte verstehen kann. Auch in Wendungen wie SophE88l 
|ii xr^v Tcaxpcpav 6ox(av, EurHf 599f. icpdgstuft yioiCav x. 06^ icaxpcpotc 5a>{iaoiv; Phot 
C$ÖY^' «apa^a?ivx«€ ""jv vöjAqpr)v äx xijg icaxpcpac SoxCag bezeichnet §ox(a offenbar 
den Frieden, den Schutz des Hauses, ohne jede Beziehung^ auf das Feuer, wie denn 
auch der Schutzflehende der sich an den Heerd setzt damit thatsächlich in den 
Frieden des Hauses gelangt und an ihm theil nimmt. Eine ähnliche Bedeutung 
hat das Fest der Amphidromien, durch welches das Kind in den Schulz des 
Hauses aufgenommen wird. Daher Hes loxCa ßtoiiög y) olxCa und die der 'Eoxfa 
gebrachten ^T>a(at (Hes *Eox£q|: ^op^v) den geschlossenen Kreis des Hauses be- 
zeichnet. Bestimmt als Bezeichnung der Gaea nennen Hestia Soph b. Philod 66a. 
23 (wahrscheinlich auch Aeschylus in den vorhergehenden Worten aöxtjv 'Eozicf); 
Eur 938; vgl auch Plato Phaedr 26; Theophr b. Porph abst 2, 32 (yi)— xotvij fcoxCa) 
[Arist] x6((i2 (Gaea icavxoöaTtÄv 5<po>v hauet x. jn^xTjp); PlutQ couv. 7,4,7; Com. 
28 etc. Ähnlich AeschSu 372 ßcojiöv fcoxCav x^ovög; SophOR965; Eur 781, 35 
•EoxCac Wog; PdNii,6; FTG88o(22l). Daher die allg. Opferregel SchAristTh 
299 elx» rj r^ «txe rg *EoxCqp ö{ioC(0( icpö xoO Atög Wouotv aOrg. Dd 5, 68 'EoxCav 
XT)v xöv olxMöv xaxotoxeoTjv tOpsTv. Wenn SchAristN 844 i^tl ^ fcoxio^ xpiqpoüo'. 
XO(poi>^ richtig ist so kann man darin nur das Festhalten des ursprünglichen Zu- 
stands erkennen, in dem auch die Hausthiere unter demselben Dache Aufnahme 
fanden; und daher mögen auch die Schweineopfer zu erklären sein, welche Hestia 
vorzugsweise erhielt Preuner 2620f. 



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l68 Spezieller Theil. 

ehrung, der Cult der Flamme zu, welche lodernd vom Heerde zum 
Himmel steigt. Nur durch dieses ihr Feuerwesen ist die Göttin zur 
Jungfrau geworden; nur ihr als der heiligen Lohe gilt das Opfer 
welches der Mensch ihr weiht, indem er an jedem was er geniesst 
wie seine Hausgötter überhaupt so auch das Heerdfeuer selbst theil- 
nehmen lässt*). Und wie dem einzelnen der Heerd der Mittelpunkt 
des Friedens und der Segnungen seines Hauses ist, so hat jede Gemein- 
schaft, sie mochte noch so klein oder noch so gross sein, auch fiir sich 
in ihrer Gesamtheit einen Heerd gegründet, der in übertragener und 
höherer Bedeutung all das zum Ausdruck bringt was der Heerd im 
Hause der einzelnen Familie für sich beansprucht'). 

So hoch interessant also Hestia und so bedeutsam sie erscheint 
für die Erkenntniss des antiken Denkens und Empfindens, so ist doch 
zu bemerken dass sie für den Gesamtglauben ohne Bedeutung geblieben 
ist. Sie hat wohl Aufnahme in das olympische Göttersystem erhalten, 
steht aber als eine ganz singulare Erscheinung vereinsamt und zu- 
sammenhanglos im Kreise der grossen Götter. Wir haben eben in 
Hestia einen Begriff zu erkennen der sich erst spät entwickelt hat und 
der nie die tiefgewurzelte allgemeine Anerkennung gefunden hat, in 
der wir die alten unmittelbar der Natur entsprossenen Begriffe finden. 
An ihrer Stelle hat eben einst Gaea gestanden und hat in umfassen- 
derer, allgemeinerer Auffassung den Begriff der Erde in deren Beziehung 
zum Himmel zum Ausdruck gebracht. 

Haben wir also nach älterem Glauben Zeus und Gaea als im 
Mittelpunkte des ältesten Cults stehend aufzufassen, so tritt nun jenem 
als dem Himmelsgotte ein anderer Himmelsgott in Poseidon gegen- 
über und diesem letzteren haben wir jetzt noch unsere Betrachtung 
zuzuwenden. In Wirklichkeit ist aber Poseidon nur ein anderer Zeus, 
der ursprünglich denselben Namen wie Zeus tragend, in einer langen 
historischen Entwicklung zu einer so eigenartigen Persönlichkeit ge- 
worden ist, dass er auch seinem Wesen nach ein anderer zu sein 
scheint. Der Name Poseidon ist nemlich in seinem zweiten Theile 
nichts anderes als die dialektische Form Dan=Zeus, während der erste 
Theil des Namens die Beziehung auf das feuchte Element trägt. 
Poseidon == Potidan ist also Zeus in Beziehung zum Nass, zum himm- 
lischen Nass. Erst im Laufe der Zeit hat sich diese Beziehung auf 



1) H 24, iflf; 29, iff, daher d<p' "EoTCac dpxöjievoc Hes uo; Hsd E 748f; PlutQc 
7, 4, 4. Hestia als Jungfrau H 4, 22ff ; ScbAristV 846 etc. Bez. auf das Feuer im 
Sprichwort 'Eozia. ^bX^ AristM 2y 9. Die Heiligkeit des Heerds als ß(i))i6( kommt 
Hsd E 733f zum Ausdruck. 

^ Über die Hestia der firri (Ca 2, 596), Phratrieen, Phylen, Städte u. 
Staaten Preuner 2629flf. 



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Himmel und Erde. 169 

die Gewässer des Himmels in diejenige auf die Gewässer der Erde 
und hier speziell des Meers umgestaltet*). 

In den Homerischen Dichtungen erscheint Poseidon schon völlig 
als Gott des "Wassers und zwar in einer so spezifischen Weise als Gott 
des Salzwassers, des Meers, dass, wenn wir nichts anderes von ihm 
wüssten, wir schwerlich zum Verständniss seines Wesens gelangen 
würden.. Dennoch müssen wir allein schon auf Grund der Homerischen 
Daten aufs bestimmteste die Ansicht, Poseidon sei eine Person ification 
des irdischen Meers abweisen. Denn auch bei Homer erscheint Po- 
seidon durchaus als der über dem Meere stehende, der je nachdem 
seine aufregende oder seine besänftigende Macht über dasselbe auszu- 
üben vermag. Denn wenn es auch heisst, dass er in Aegae in der 
Tiefe des Meers seinen Pallast habe, so tritt er uns doch völlig abge- 
trennt vom Meere als diejenige Gottheit entgegen, der ausschliesslich 
oder vor allem die Herrschaft über dieses Element zukommt. Gleich 
dem Zeus treibt er die Wolken zusammen, sendet Stürme oder 
günstigen Fahrwind: er übt also durch Wolken und Winde die Herr- 
schaft über das Meer aus, das ihm gehorchen muss^). Denn dass das 
Meer an und für sich völlig indifferent nur durch himmlische, von 
oben durch Stürme und Regenmassen oder durch die besänftigende, 
glättende Macht der Lichtmächte kommende Einflüsse bewegt bezw. 



») Allg. Overbeck KM 3, 207ff^ Ober den Namen Ahrens Ph 23, iff = KlSchr 
1, 390flf: W. Hot- (tcoxöv, itov/^, «oxa|i6g) Bez. zum trinkbaren Wasser; Aesch 
436 Mol töv iv ^aXdatTQ sein späteres Wesen. Poseidon hat dieselbe Entwicklung 
durchgemacht wie Varuna. Dagegen will Prell witz mit Pott BezzB 9, 327ff den 
Namep=:der Heranfluthende erklären: es ist schwer glaublich wie ein > so allge- 
mein gehaltenes, zusammengesetztes Eigenschaftswort sich zum allgemein gültigen 
Cultnamen entwickelt haben soll. Zusagender ist die Erklärung von Meringer — 
FrMüUer BezzB i6, 232f wonach der Name = Wegbahner ; auch dieser Name, wie 
den entsprechenden auch Indra fQhrt, würde aber ursprünglich dem Himmels- 
gotte gelten. 

5) Poseidon im Meere sich aufhaltend N 44. 352; 161. 219; X253; daher 
er selbst von sich sagt O 1 90 iycbv iXaxov itoXtijv &Xa voUpÄV al»{. Pallast in der 
Tiefe des Meers N 20ff ; Hsd93iff; in ein oitiog eöpö stellt er seine Rosse ein 
N32flf. Ausserhalb des Meers A 399ff; O161; N loff; §282; Ml7ff; Y 6lß. Die 
schöne Schilderung N 1 7ff macht durchaus den Eindruck einer alten traditionell 
fortgepflanzten Fassung, bei der das Schreiten des Gottes aus der Höhe in die 
Tiefe und jedenfalls oberhalb des Meers das wesentliche. Sein Name knörvTr^ 
P8, 30, 1 erinnert an N lOff. Er gi^bt Sturm oder günstigen Fahrwind X 400; «^ 234f; 
YI76; I362; •29if; 366; r)272 etc. Vgl. PdJ 7, 38 Patdoxoc tWCov Siwtaatv *x 
Xstfi^voc; O 6, 103 töd-üv «X6ov; ein Fest ötÄ x6v oo^ßdvxa x^t^iSva SchPdO 13» 159; 
in seinem Mt Anacrö vstpiXai Gdsi ßp(d'Ovxai ßapu d* ^ypioi x^i-t^^^ TcaxaytOknv; 
durch Sturm vernichtet er die persische Flotte Her 7, 192, daher 2)(i)xi)p; PdO 6, 
103; Apd 2, 43 etc. 



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170 Spezieller Theil. 

beruhigt werde, diese triviale Wahrheit ist denn doch auch de n Alten 
geläufig gewesen. In der Zusammenfassung aller dieser freundlich 
oder feindlich einwirkenden Momente ist es der höchste Himmelsgott 
der jene beherrscht und ausübt und in dieser Beziehung auf das Meer 
ist eben Poseidon der Himmelsgott selbst der über Stürme und Wolken 
befiehlt*). Und als Himmelsmacht erscheint er auch in der Triaina, 
dem Dreizack, der von Haus aus nichts anderes als der Blitz gewesen 
sein kann. Bei Homer ist sie durchaus die mächtige Waffe mit 
welcher der Gott das Meer aufwühlt, während er zugleich durch 
Stürme dasselbe peitscht, durch Wolkenmassen dasselbe bewegt; mit 
ihr zerstört er Burgen und Mauern, spaltet Felsen und Berge, gebraucht 
sie als Waffe im Kampfe gegen die Giganten, lockt wiederholt Quellen 
mit ihr hervor. Offenbar haben wir in allen diesen Beziehungen die 
Triaina als Blitz zu erkennen, den der Himmelsgott gegen die Wolken- 
riesen gebraucht und mit dem er aus den himmlischen Bergen den 
Quell des Regens hervorlockt. Es erscheint hier also überall die 
Macht des Poseidon als die eines andern Zeus: erst die menschliche 
Beschränktheit hat die alten Züge der himmlischen Thätigkeit des 
Gottes zu irdischen herabgezogen. Wenn man später die Spuren der 
Triaina an verschiedenen Stellen tief im Lande wieder zu erkennen 
glaubte, so ist klar, dass der Glaube hier nicht die Waffe des Harpun- 
schleuderers verstanden haben kann: jene Stellen sind gleich den 
Elysia oder Enelysia zu fassen die des Zeus Blitz geschlagen hat*). 

In allen diesen Beziehungen tritt uns also Poseidon als Himmels- 
gott, aber nach einer bestimmten Seite und zwar der der Wolken- und 
Wasserbildung des Himmels entgegen. Er hat offenbar mit den Haupt- 
repraesentanten des himmlischen Meers Atlas und Okeanos wenigstens 
nach einer Richtung hin grosse Ähnlichkeit und namentlich ist sein 
alter Cultname Erdhalter so aufzufassen wie die gleiche Charakteristik 
des Atlas. Wie dieser mit seinen Wolkensäulen das gesamte Weltrund 
umfasst und so Himmel und Erde zusammen hält, so ist auch Poseidon 
im wörtlichsten Sinne Erdhalter, indem er eben das Erdrund mit seinen 



1) Vgl. Solon 12 k^ dcvdptoDv O-dlXaoaa xapdtoaexat* yJv öi xtg otöxYjv p.Y] xtvj «dvxcov 
iozi ÖtxatoxdriQ; ähnlich Archiloch54; Ale l8; Dox44l,8ff; AristZY4, 2 uo. 

3) Poseidon gebraucht die xpCatva als gewaltige Waffe M27: ö 506f ; §292; 
bedeutsam S 3»5 östvöv Äop xavör)xe€ excüv iv x^tpl eIxsXov AoxepoTC^. Pd0 8,48; 
1,72; 40; N4, 86 dpooxpCatva, EöxpCatva, &YXaoxp£atva; AristN 566 uo. Im Kampf 
gegen die Giganten Str489. Die xpCatva mit dem Blitz verglichen PdJ8, 36; 09,30; 
beide von den Kyklopen geschmiedet Apd 1, 7. Vgl. noch AeschPr925; Su2l8; 
Eurj282; SchN 59. In den älteren Kunstdarstellungen KM 3, 2i4f kein wesent- 
licher Unterschied zwischen Zeus und Poseidon; sehr selten die xpCaiva als Gerälh 
des Fischfangs, wie AeschSe 131. Spuren des Dreizacks in Athen auf der Akro- 
polis P 1, 26, 5; Apd 3, 178 uo. Vgl. Walters Journ 13, I3fi. 



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Himmel und Erde. lyi 

von den Weltenden auf- und niedersteigenden Wolken- und Wasser- 
massen umspannt und zusammenhält^). Nur darin unterscheidet sich 
Poseidon von Okeanos und Atlas, dass in ihm allmälig die ursprüng- 
lich himmlische Beziehung zu einer Bedeutung aller Gewässer erweitert 
worden ist. Denn Poseidon ist der Cultgott seefahrender Stämme ge- 
wesen oder geworden, deren Lebensmittelpunkt das Meer, mit dem sie 
nun den alten Himmelsgott und Herrn der Gewässer immer entschie- 
dener zusammengebracht und in dem sie schliesslich das Meer gerade- 
zu personifizirt haben. 

Als ein anderer Zeus, ein anderer Himmelsgott tritt nun Poseidon 
vor allem auch in einzelnen Landschaften darin hervor, dass er der 
Schöpfer fruchtbaren Gedeihens, ihrer gesamten Vegetation und Kultur 
ist. Hier erscheint er also in bestimmtestem Gegensatz gegen sich 
selbst nach seiner spätem Auffassung als Vertreter der unfruchtbaren 
Salzfluth. Als ein solcher dem vegetativen Gedeihen des Landes zu- 
gewandter echter Himmelsgott wird er zum Gemahl der Demeter, lässt 
das befruchtende Nass zur Erde herabfliessen, giebt den Saaten und 
Früchten Wachstum und erscheint in jeder Beziehung als ein milder 
die Vegetation fördernder Gott. Wie so oft hat sich in diesen localen 
Beziehungen die ältere und ursprüngliche Auffassung des Gottes er- 
halten, während dieselbe von den seefahrenden Stämmen in diejenige 
des Meerherrschers umgestaltet ist^). Und wenn Poseidon in gleicher 



*) Ml6ff i^ehorchen ihm die Flüsse. Die Wanderung Ober dem Meere von 
Samotbrake nach Aegae, anderseits sein Kommen und Gehen zu und von den 
Aethiopen drOckt in ursprünglicher Auffassung die Himmelsbewegung von O. nach 
W., bezw. von W. nach O. aus. Die Öcö^iaxa N 2lf der im äussersten W. gedachte 
Urquell alles Wassers, an dessen Stelle später die bekannte Cultstätte von Aeg^e 
tritt. Die Rosse (Wolken) von W. hergeholt N 23f; im O. ausgespannt N 32ff. 
Auch die Verbindung mit einem OTCi^Xaiov in Taenarum P3, 23, 2; 25,4; 8, 42, 2f; 
Apd 1, 27 etc zu fassen wie das Hausen des Okeanos in der Tiefe. Pos. Yan^oxog 
Hom, oft auch alleinstehend; Ja 79; PdP4, 33; P 3, 20» 2; 21, 8 etc. SchN43 richtig 
erklärt 6 Tyjv y^v oyv4xt«>v; Et mit Okeanos verglichen. Vgl. Zeug fctidoxo^ AeschSu 
816; EurT 884ff. Auch der Name djupCßatoc (— Yatog?) TzL 749, sowie doqpdbXtog 
werden hierher gehören; das letztere Et Äo^otXijg Wpato^ erklärt dh unbeweglich; 
Pos. lÄpalog Journ 10,81. Vgl. Plut Thes 36 fm; AristAch 682 (Macr 1, 17, 22); P 7, 
21,7; 3,11,9; Str57; C 2347h; 4443; Bull 6, 454 etc. 

>) Pos. 9UTdXjitog (Corn. 22) Ca 3, 269: PlutQconv. 5, 3, 1 ; daher die Phy- 
taliden Toepffer 252ff in engem Zusammenhang mit Pos., der ^pta^ Ä^*5 ^xotXog 
in Wirklichkeit Poseidon selbst P 1,37, 2, der hier als Garten- und Ackerbauer 
auftritt; nach Hes gab es auch einen Zsi>( 9uxdtX.{iio^. PlutQconv 8, 8, 4 Pos, unter 
den ^«ol Tf)€ ÖYpäg x, yov£|jioi> x6pioi; wenn die Priester keine Fische essen so er- 
scheint das in direktem Gegensatz gegen die spätere Auffassung des Gotts als 
des Meerherrschers; Artemid 2, 38 bedeutet seine Erscheinung Regen. Feldfrüchte 
ihm geopfert Plut Thes 6; PhilJ 2, 17 r^töpY^g (=Zeus). Als xajioUCTjXoc erhält er 



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172 Spezieller Theil. 

Weise Berge spaltet um den Fluthen der Gewässer ihren Abfluss zu 
schaffen ; wenn er hier Mauern baut und dort sie niederreisst, so haben 
wir auch darin nur eine Uebertragung himmlischer Verhältnisse auf 
irdische zu erkennen. Es sind Bilder und Anschauungen die uns in 
zahlreichen Variationen aus den alten Liedern der Inder bekannt sind, wo 
Indra des Himmels Burgen baut und niederreisst, wie er nicht minder die 
gefangenen Ströme des Himmels befreit und herabsendet. Und diesem 
seinem "Wesen als des mit Vorliebe in dunkle Wolken sich kleidenden 
Himmelsgottes entspricht auch die finstere gewaltige trozige Kraft des 
Gottes, in der er den Gläubigen erscheint. Die Cultnamen geben 
demselben in zahlreichen Formen Ausdruck, wenn man auch annehmen 
darf, dass manche derselben erst später entstanden ihm als Meeresgotte 
gelten 0- Und ähnlich verhält es sich auch mit den Cultnamen die 
ihn als Erderschütterer bezeichnen. Auch hier kann man zweifeln ob 
die Ausdrücke wie Enosichthon ua sich nicht ursprünglich auf das 
Gewitter bezogen haben, indem der Himmelsgott gerade durch das 
Schleudern der Blitze, durch das Rollen des Donners, das Brausen 
des Sturms die Erde bis in ihre Tiefen erschüttert. Sicher ist aber 
dass man später allerdings diese Bezeichnungen des Gottes durchaus 
auf seine Macht im Erdbeben thätig zu sein bezogen hat, welche er 
eben durch das Meer ausübt. Das furchtbare Toben und Brüllen des 
vom Sturm gepeitschten Meers wurde in dem Rollen und Zittern der 
vom Erdbeben bewegten Erdtiefe wieder erkannt und wie jenes auf 



ein VTj^dXtov Ca 3, 77. Enge Verbindung mit Demeter in Trozen P2, 32, 8; Ar- 
kadien 8,25,5; 42,4; 10,2; 37,9; in Athen 1,37,2; in Mykonos Syll373, 9ff 
daher in Eleusis als iiaxi^p P 1,38,6; mit Gaea Pio, 5, 6; Bull 6, 454; Apd 2,115 
etc. Pos. mit Quell- und Binnenwassern verbunden P 1, 21, 4; 14,6; 38,6; 2,2,8; 
32,8; 3,21,5; 23,2; 8,7,2; dörrt aber zugleich die Quellen aus Apd2, I3f, wie 
er Dd 4, 42 Xoi|Jiöc und xapiiä^v qpd'opd durch das die Winterüberschwemmung dar- 
stellende xfjTOg sendet. Pos. als oder im Alpheios Pd0 6, 58; X 238 als Enipeus; 
AeschSc307 sendet er Quellen hervor wie Plato Grit 7; Hyg. 169. 187 ; Vater 
des Asopos Apd 3, 156; Triton Hsd 930; Ogygos TzL 1206; ServG 1, 12 Neptunus 
et fluminibus et fontibus et omnibus aquis praeest; Pos. irciXCtivio^ Hes. Wenn 
später gerade das Meerwasser characteristisch für ihn wird P2, 22, 4; 1,26,5; 
i24, 3; 2, 1, 7; 8, 10, 4 Apd 3, I78f etc so entspricht das eben der spätem Auffassung. 
*) SchPdP 4, 246 durchbricht Pos. die thessalischen Berge um dem Penelos 
Abfluss zu verschaffen: natürlich ist das nur ein Schluss aus der Natur des Landes. 
Her 7, 1 29 fQhrt die Schaffung des Ausflusses des Peneios auf ein Erdbeben zurück. 
Mauerbau des Pos. H452; ^446; Niederreissung M27ff; vgl. Hsd 732f. Hom 
xüavoxattY)^ (Com 22 vom dunklen Mantel), dva§, sOpuxpsCcov, eöpuad«vi^, ^t^ 
H6z, |i»YaXoo^VT5€; H3, 187 iptaqpdpaYOg; Pd0 8, 31 töpujUöwv; 6,58 töpüßCog; 
Hsd 456 ÄpCxwiiog; iupöaxtpvog etc In Trozen ßaotXtög P2, 30, 6; MiXavdoc 
SchLyc 767 uä. 



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CmOO^Q: 



Himmel und Erde. 



173 



den Herrn des Meers zurückgeführt wurde, so ging auch dieses nun 
auf eben denselben zurück*). 

Müssen wir diese Beziehung als eine erst der spätem Entwicklung 
des Gottes gehörende ansehen, so tritt uns das alte Wesen des Gottes 
weiterhin auch in seiner Beziehung zu einer Reihe von Thieren ent- 
gegen, die uns als Auffassungen des Wolkendunkels bekannt sind. 
Poseidon ist nicht nur Schöpfer sondern auch Herr einer Zahl von 
Thieren, unter denen namentlich der Stier, das Ross, die Ziege be- 
deutsam hervortreten. Gleich dem Indra, der in verschiedenen Thier- 
gestalten, vor allem aber als Stier auftritt, erscheint auch Poseidon 
selbst in Gestalt eines Stieres, eines Hengstes, eines Bockes, wie er 
nicht minder diese Thierarten erschafft und über sie herrscht. Man 
hat später die Rosse in den Wogen des Meers wieder zu erkennen 
geglaubt: aber die Sagen von der Entstehung des Rosses sind nur 
verständlich, wenn wir sie auf die Wolkenrosse beziehen. Aus der 
bergartig zusammengeballten, vom Dreizack des Blitzes zerrissenen 
Wolkenmasse sich loslösend, stürmt es hastig durch den Himmelsraum 
dahin: das irdische Ross ist wieder nur die Copie des himmlischen. 
Und wenn das Wolkenross auch der Sage nach selbständig vom Sonnen- 
gotte wie von der Mondgöttin gebändigt werden kann: der eigentliche 
Herr derselben ist und bleibt der Himmelsgott selbst, der es erzeugt, 
der selbst seine Gestalt annimmt oder in dem erschaffiien wieder er- 
scheint. In dieser Beziehung zum Wolkenross ist Poseidon selbst 
Hippios; und wie er dieses Wolkenross nach seinem Willen wild dahin 
rasen oder bedächtig einherschreiten lässt, so ist er auch der Bändiger 
des Rosses. Als eine Erweiterung dieser Anschauung haben wir es 
dann anzusehen wenn Poseidon mit vollständigem Gespann erscheint 2). 



*) 'Evoofx^v, -yatog Hom Lex: M 27 durch die xpdoavGc 'Ewoofdo^ PdP4, 
33-173; ottcrfxötov J 1, 52; Bacchyl 18, 21 ; iXaoCx^v f 17; iktXiyJ^^ P6, 50; xivyjtJjp 
Y&C J4il9; i^i'wjC Hes. Wfr], H22, 2; AristN 566; SophT 502 etc. Packende 
Schilderung T 54ff; Hymnus während des Erdbebens XenHell4, 7, 4; gewaltsame 
Veränderungen von Land u. Meer auf Pos. zurückgeführt Dd 4, 85; Str 57. 579 ^tc. 

9) Vgl. oS 83f. Schöpfung des Pferds ServG l, 12; SchPdP4, 246 dtii6 xijg 
ic^Tpoc i^^ Wolkenfels), daher Pos. itexpalog; Bacchyl 14, 20; in anderer Auffassung 
fl Yfj dvidoxtv — SxiKpCov (Bez. zum Wasser; oxöqpog Becher). 'Apft£(i>v göttlich ^^ 346; 
P 8, 25, 8— IG; Hes; 'EpCcöv (vWilamowitz Herrn 26, 225) von 'Eptvög, Sohn des Pos. 
Apd 3, 77; Pegasus Hsd 28lff; PdO 13, 92; Apd 2, 32; andere Apd 3, 170; Dd 6, 3- 
Pos. tTcmo? Et; PhilJ 2, 14; P l, 30,4; 6, 20, 18; 5» 15» 5; 8, 25, 4ff (Pos. als Ross 
ServG 1, 12; Wentzel Philso, 385); P8»42, iff; 10,2; 14,5; 36» 2; 37, 10; 7,21,7; 
HimerO 3, lO. Vgl. AeschSe 131; Pd 243; Alcm 12; Stesich49; licnr/ffirr^ SchLyc 
766; CTOWXoöptog P3, 14, 2; tii7copi4Ö(i)v Bull 10, 367f. Bändigung des himmlischen 
Rosses: Pos JÖYtog, t|i4/toc Hes; öa|JiaaxtxÖ€ SchPdO 3,89; PdO 13i79ff; P 7, 21,9; 
H 22, 5 ; Stesich 49. Sein Gespann N 23ff; ^ 277; PdO l, 41 ; O 5, 21 ; H 2, 52ff 
(die Rosse noch ganz göttlich); Plato Grit 9; HimerO 3, lO; KM 3, 317f: geflügelte 



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174 Spezieller Thcil. 

Und wie der Glaube in der ziehenden Wolke ein Ross erkennt, 
so kann er auch einen Stier in derselben sehen und so wird Poseidon 
wieder selbst zum Stier. Und eine Übertragung vom Himmel auf die 
Erde ist es weiter, wenn der irdische Strom gleichfalls als Stier ge- 
fasst wird, da er ja nur ein Abbild, ein Abkömmling des Himmels- 
stroms ist. Und wie der gewaltige Himmelsstier, wenn er im Winter 
die Fluthen aus der Höhe herabströmen lässt, schädigend und Ver- 
derben bringend wirkt, so wissen die Sagen von solchen furchtbaren 
Vernichtung bringenden Stieren zu berichten — Sagen die sich nur 
auf die winterlichen Überschwemmungen beziehen können, welche vom 
Himmel herab und mittelbar durch den sein Bett überschreitenden 
Strom des Landes wirkend Tod und Verderben mit sich führen. 
Endlich hat der Glaube auch mit dem Bocke die Wolkenbildung ver- 
glichen, weshalb Poseidon selbst als Bock erscheint, mit Böcken über 
das himmlische Gefilde fährt und der fröhlichen Schaaren von Böcken 
und Ziegen dort oben sich erfreut. In dieser Auffassung ist er völlig 
gleich dem Zeus als dem Eigentümer und Schüttler der Aegis und 
das ist auch der Grund weshalb Poseidon in so mannigfaltiger Be- 
ziehung zu der Wurzel Aig- erscheint. Die Fassung der Wolken als 
der Ziegen, des Wolkenvliesses als des Ziegenfells hat eben in mannig- 
fachen Formen und Wandlungen Ausdruck erhalten und es ist in 
gleicher Weise der Himmelsgott Zeus wie der Himmelsgott Poseidon 
der in engster Beziehung zu diesen Wolkenziegen erscheint. Auch 
hier ist erst später wieder die Übertragung auf das irdische Meer erfolgt 
und nun auch in den Wellen die Beziehung auf die Ziegen aufgefunden*). 



Rosse Apdl,6o. Pferdeopfer (doch vgl. Stengel Jbb 143, 449flf) P8, 7, 2; Ross- 
heerde Apd l, QOff; Hyg l87< Die Wagenkämpfe bringen den majestätischen Zug 
des Himmelsgotts selbst mit seinen Wolkenrossen zum Ausdruck Ap 3, I240ffetc, 
daher Pos. auch Stifter der Wagenkämpfe. 

*) Pos. T0(6ptoc HsdSc 104; Hes. Die Beziehung zum Wasser auch in dem 
Sprichw. Taöptiov icfi^iia Hes und der Bezeichnung der olvox^oi als xocSpoi Hes. 
Stieropfer für Pos, und Alpheios A 728; y^. 179; v 181; X 130f; tp 278; PdO 13, 69; 
P 4, 205 ; r 403. Der Stier des Prometheus wesentlich gleich dem des Pos. Dieser 
sendet den verderblichen Stier P l, 27, 9; Apd 2, 94; 3, 8; Dd 4, 7. Lebender Stier 
ins Meer gestürzt PlutConvSap 20; Hes Taöptio. Die Unfruchtbarmachung des 
Landes EurHi I2l4ff; P 2, 32, 8; Apd 3» 179; Dd 4, 28; die Sendung eines «cfjxog hat 
dieselbe Bedeutung Apd 2, 103; 43; npopcXüOTioc P 2, 22,4. Die schädigende Seite 
des Gottes im Mt Poseideon (neben dem Maemakterion) fixiert ; Mt Taureon BischofT 
Leipz. Studd. 7,396.400. Als Widder buhlt Pos. Hyg 3. 188; die Sage von Arne 
Dd4, 67; Opfer X 13Öflf; Syll 373, 10 etc. Später hat man die Beziehung der odys^ 
zum Meer zu erklären gesucht: so fasst als cdys^ Artemid 2, 12 xdc \iS'xiXoL x6{J.axa; 
VarroLL 7, 22 die scopuli in pelago; Plin4, 51 einen speziellen scopulus; TzL 135 
gar das ganze Alyalov TcSXaYO^ als Ziege: man sieht daraus wie hier durchaus 
keine Obereinstimmung herrschte. In Wahrheit entbehren alle diese Erklärungen 



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Himmel und Erde. 



175 



Es muss also noch einmal hervorgehoben werden, dass diese gött- 
lichen Rosse Stiere und Böcke nimmermehr von Haus aus die irdischen 
gewesen sein können. Keine der Natur sich anlehnende Beobachtung 
oder Erfahrung konnte darauf verfallen Landthiere, die im Wasser über- 
haupt nicht leben können, ins Meer zu versetzen. Wir haben in ihnen 
die himmlischen Thiere zu erkennen, die Wolkengeschöpfe, welche sich 
lustig auf der himmlischen Weide umhertummeln und in engster Ver- 
bindung mit dem Nass geheimnissvolle Wesen sind, die als die höheren 
und vollkommneren zu Urbildern und Vorbildern der irdischen werden. 

So erkennen wir denn in Poseidon den mächtigen Himmelsgott, 
der ursprünglich ein anderer Zeus über die Wolken Winde und Ge- 
wässer des Himmels herrscht; der in seiner Identification mit den 
Wolken selbst im Meer oder Strom, ein wilder Stier, ein unbändiges 
Ross wird; der nicht minder aber als Herr von Stürmen und Wassern, 
als Gebieter über Rosse Stiere Ziegen und anderes Gethier, als Fürst 
des Meers und seiner Fluthen seine Macht äussert. Der Glaube des 
Menschen, dass die irdische Welt nur ein Abbild der himmlischen, 
hat die Herrschaft des Gottes über die himmlischen Gewässer auch 
auf die irdischen ausgedehnt und übertragen. Und weil gerade die- 
jenigen Stämme, welche den Poseidoncult hatten, vorzugsweise see- 
fahrende waren, denen das Meer zum Lebenselement wurde, so haben 
sie mit besonderer Vorliebe die Beziehungen dieses ausgebildet und 
seine Eigenschaften selbst mit auf den Gott übertragen '). So ist später 
allerdings der Himmelsgott der durch seine Stürme und Blitze das 
Meer erregt und es wieder besänftigt allmälig immer mehr mit diesem 
selbst, wie schon bemerkt, innerlich zusammengebracht, fast geradezu 
identificiert. Aber das alte Wesen des Himmelsgottes bleibt doch in 
all seinen Wandlungen und Veränderungen klar erkenntlich. Denn so 



jeder Wahrscheinlichkeit: wir haben auch hier eine Übertragung von den himm- 
lischen ocTys^ auf das irdische Meer anzunehmen: die aly^ des Zeus wesentlich 
gleich den alYK Pos. Der Himmelsgott als Besitzer der himmlischen Heerde war 
AIy^6( und ihm zu Ehren sind dann eine Reihe von Cultstätten benannt Curtius 
Jonier l8ff. 

1) nsXoYoiToc P 7, 21, 7; «ovxo|iiö<üv AeschSe 131; dXtppö^os SchPdO 11,83; 
w6vTiO€ EurAn loiof; AristEq ssiflf; Bull IG, 367; Verehrung auf Vorgebirgen, in 
Häfen etc: Tcöpd^iog Bull 4, 262; inaxxarog; &7CiX£{iVioc Hes; xpoicalog Seesieg Ath 
8, 7; P 2, 1, 7* Nun auch der Delphin mit ihm verbunden Stephani Cr 18Ö4, 2048*. 
Vgl. N 27ff; AelNa 12, 45 (angeblicher Hymnus des Arion); SophOC 7i2ff; EurT iflf; 
ArisiTh322ff. Vielleicht gehört hierher der Cultname "EXmcovio^ Schr404 (von 
iXCoco)?): doch bleibt die Bedeutung des Worts, namentlich angesichts der Be- 
zeichnungen SXig, ^XCkokI' zweifelhaft. Auch die Cultnamen da^dXio^, aoxi^p hat 
man später vom Schutze der Seefahrt verstanden; die Argo ihm geweiht Dd4, 57; 
Apd 1, 144. 



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176 Spezieller Thell. 

gewiss Förderung wie Gefahr der Schiffahrt nicht oder nur zum ge- 
ringsten Theile aus der Tiefe des Meers kommen, sondern aus der 
Höhe von den Stürmen und Wettern des Himmels, so gewiss ist auch 
Poseidon von Haus aus nicht der im Meere hausende und wirkende, 
sondern der aus der Höhe durch Sturm oder glücklichen Fahrwind, 
durch Unwetter oder heitere Luft fördernd oder hemmend auf die 
Schiffahrt einwirkende Himmelsgott. 

Haben wir demnach Poseidon als eine Fortentwicklung des alten 
Himmelsgotts Zeus anzusehen, so ist auch die mit ihm ehelich ver- 
bundene Demeter als eine solche der alten Erdgöttin anzusehen. Und 
auch darin zeigt sich die ursprüngliche Identität des Zeus und Poseidon 
dass beide mit derselben Göttin verbunden werden. Denn wenn auch 
später Amphitrite als die legitime Gattin des Poseidon erscheint, so 
hat doch ohne Zweifel ursprünglich Demeter als seine Gattin eine viel 
bedeutsamere Stelle eingenommen. Auf sie wird später zurückzu- 
kommen sein. 

Zeus und Poseidon sind die beiden einzigen Himmelsgötter des 
griechischen Glaubens. Wohl treten uns noch einige andere Namen 
entgegen die wir entweder als Localbezeichnungen jener, oder als 
fremde im Laufe der Zeit verblasste Gestalten, oder endlich als von 
der Speculation geschaffene Begriffe aufzufassen haben: sie sind jenen 
beiden grossen Cultgöttern gegenüber ganz ohne Bedeutung geblieben. 
Dennoch mag es gestattet sein dieselben hier kurz zu betrachten. 

Ich behandle zunächst einige Gestalten die wir als dem Poseidon 
ähnliche, aber untergeordnete Bildungen anzusehen haben. In der aus- 
schliesslichen Beziehung zur Wolken- und Wasserseite des Himmels 
steht Poseidon schon den früher behandelten Okeanos und Atlas nahe. 
Denn indem diese beiden später mehr und mehr verblassenden, einst 
ohne Zweifel viel bedeutsamer hervortretenden Götterbegriflfe die Erde 
von allen Seiten umfassen, umschliessen und halten, treten sie dem 
Poseidon als Erdhalter zur Seite, welcher letztere gleichfalls als 
Himmelsgott nach allen Seiten sich auf und um die Erde herabsenkt 
und diese in seine Wölbung und damit zugleich in seine Wolken und 
Wasser einschliesst, sie hält und umfasst. Ähnliche Bildungen scheinen 
nun auch Phorkys, Triton, Proteus, Thaumas uA zu sein. Phorkys, 
seinem Namen nach wohl gleich Horkos, bringt den Himmel als Grenze 
der Erde und der Welt gleich dem Okeanos und wie dieser zugleich 
in Bezug auf die das Erdenrund umkreisenden Wolken und Wasser 
zum Ausdruck. Proteus wird ähnlich dem Atlas charakterisirt und 
stellt gleichfalls die Wasserseite des Himmels dar. Auch Thaumas 
wird nur ein Ausdruck der Wunder des Westens sein, aus dem die 
Wolken und Wasser aufsteigen, um den Himmel zu erfüllen. Und 
hier ist auch Triton noch einmal zu nennen, der wie Phorkys, Proteus 



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Hiiiimel uod Erde. 



^n 



uA als Meergreis charakterisirt von Haus aus nur Beziehung zu dem 
himmlischen Wundermeere gehabt hat, daher er speziell im Regen- 
wasser erscheint und mit den Sonnengöttern in Kampf steht*). Und 
endlich gehört auch Nereus hierher dessen Name vom fliessenden 
Wasser hergeleitet seinen Träger ganz dem Zeus Naios und Poseidon 
zur Seite stellt. In allen diesen Bildungen haben wir also entweder 
Cultnamen und Cultformen des höchsten Gotts in seiner speziellen Be- 
ziehung zu den himmlischen Gewässern, oder Nebengestalten des 
Dunkeigotts gleichfalls nach dessen Beziehung zur Wasserseite des 
Himmels aufgefasst zu erkennen. Sie sind später auf das irdische 
Meer bezogen und übertragen zu untergeordneten Gestalten herabge- 
sunken, die ausschliesslich noch in Schiflfersagen und Märchen ihren 
Platz behaupten. Aber alle tragen in ihrem Wesen noch Spuren und 
Reste einer älteren Auffassung an sich, die sich nur aus ihrem ur- 
sprünglich himmlischen Wesen erklären lassen^). 

Wenn die eben betrachteten Gestalten übereinstimmend ihren 
Ausgangspunkt von der Wasserseite des Himmels aus genommen haben, 
so haben wir umgekehrt in Argos Panoptes speziell die Lichtseite des 
Himmels, sei es als Himmelsgott selbst wie Zeus, sei es als Sonnen- 

^) Phorkys Schoemann Op. 2, l8iff=öpxo^ oS 14; daher die Kyaaeen 
seine 7c6Xai als Eingang: *">" Unterwelt SchTheocr 13, 12; Höhlen v96ffSch. Er Ist 
ftXioc "ii^^ V 96. Seine Tochter g^ebiert a 72 die Sonnenriesen; ebenso stMunen 
von ihm Skylla Acusils; Hesperiden ScfaAp 4, 1399; Sirenen Soph407; Eriayen 
Eiipbor52; Graeen u. Gorgonen PdP 1 2, 1 3 ; Aescb 252f; Pherec 26. Proteus dem 
Nanen nach unklar; seine Charakteristik d 3S5ff stellt ihn dem Atlas u. Nervus 
zur Seite; absolute Wandelbarkeit 41 7ff; bekannt an der Cbalkidike vWilamowitz 
Hom. Um. 27A. 15; Thasos Apd 2,105; St xaßtipCa; Samothrake Pherec 6 etc. 
Tbaumas zeugt mit Electra Hsd^ösff l^i^ u* Harpyien die mit dem irdischen 
Meere nichts zu thun haben. Triton oS 14; Hsd 930ff= Atlas; auch er ist 
&X;oc yipiDv Furtwängler Bronzen v. Olympia n. 699a. Kampf mit Herakles 
Annali 1882, 73ff Tav JK (Petersen); Mitt 11, 6ift (Studniczka) ; l5,84ffTaf, 2 
(Brückner); Escher DZürich 1890; Kuruniotis DMünchen 1893; vgl SchAp4, 1619; 
Gerhard VB l, 37ff; mit Dionysos P 9, 20, 4: GazArch ], 7f* Bildung halb menschlich 
halb thierisch SchAp 4,1619; auf der Muschel blasend HygA 2, 23 (Wind); auf 
den Mfindungen strömenden Regenwassers abgebildet Gerhard VBl,37ff; auch 
in der Mehrzahl erscheinend in Bez. zu den Wolken. Vgl Dressler PrWurzen 1892' 
93; Wemicke AJb 2, ll4ff. 

') N9]pe6g von ^^y va{Q> nicht zu trennen, welches fliSssen heisst« dahe 
xpijvoi X. 9p»iaxa vdoooiv *197; C292; ^222\ v 109 ÖÖax' dtvdovxqt, wie vsq)iXa 
divaoi AristN 275, nie von den stehenden Fluthen des Meers. Er ist A358; 
236 zwar in den Tiefen des Meers, seine Charakteristik als icaxi^ y^o^^ Hsd 
234flf d4«t>ÖTfe, ÄXtj^, VTfjjjÄpxT^, i^to€ etc scheint den Zeus v4;o€= Poseidon zu 
bezeichnen; daher seine Verwandlung tl^ Gdcop x. icOp Pherec 33 im Kampf mit 
dem Sonnenheros Herakles; Apd 2, 115 absolute Wandelbarkeit. Cult in Gytheion 
P 3, 21,9; Byzanz Dion Bp. 20. 

Gilbert, Gotterlebre. 12 



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178 Spezieller Theü. 

gott zu erkennen. In dem Gegensatze des Argos gegen den Dunkel- 
gott Hermes kommt der volle Widerstreit von Licht und Finstemiss 
zum Ausdruck: Hermes den Argos unter Gesang blendend kann sich 
nur auf das unter dem Wehen des Windes erfolgende Überdecken des 
Lichts mit den Wolkenschleiern beziehen; während die andere Version, 
nach welcher Hermes dem Gegner das Haupt abschneidet, wieder den 
Nachtgott Hermes characterisirt, der am Abend das Sonnenhaupt dem 
Himmelsgotte abschneidet, dass dasselbe hinab in die Tiefe, in das 
westliche Dunkel rollend daselbst verschwindet Und wenn auch 
Argos nicht ohne Beeinflussung durch fremde, wahrscheinlich semi- 
tische Einflüsse geblieben zu sein scheint, so stellt doch der Kampf 
zwischen Hermes und Argos jedenfalls einen uralten und ohne Zweifel 
echt hellenischen Mythus dar*). Und mit Argos wieder muss Uranus 
in Parallele gestellt werden. Denn obgleich wir anzunehmen haben 
dass Hesiod in der Schilderung des Kampfs zwischen Uranus und 
Kronos manche Änderungen bewusst oder unbewusst vorgenommen 
bezw. übernommen hat, so drückt der Kampf selbst doch ohne Zweifel 
den Gegensatz des Lichts und Dunkels, des Tages und der Nacht aus. 
Aber so sicher das ist und so bestimmt wir wieder anzunehmen haben 
dass dieser Mythus einst eine sehr bedeutsame Stelle im hellenischen 
oder im kretisch-phrygischen Glauben eingenommen hat — mag der 
lichte Himmelsgott nun wirklich den Namen Uranus getragen haben 
oder mag der letztere an die Stelle eines andern Namens gesetzt sein 
— in den historisch übersehbaren Zeiten des griechischen Glaubens 
hat derselbe völlig seine Bedeutung verloren'). Im Cult und Glauben 

1) Panofka ABA l837; Apd 2, 3ff- Sein Name scheint aus ÖLpfd^ und *ApYOC, 
als Eponym der Landschaft verschmolzen : al^ letzterer yrixvrf^ Acus 1 7 ; AeschSu 
305 ; Pr 667. Kratinos f iSßhatte seinen Chor Ilavöircoci mit xpdvia d\.ooA und d9d«X|iol 
odx dcpi^Y]ToC ausgestattet; daher er die eine Hälfte der Augen mit dem Auf- 
gSLBge der Sterne, die andere mit dem Untergange schliesst, weshalb er auch 
schlaflos EurPh 1 1 1 5f Seh ; AeschPr 569. 678; Hyg I45 etc. Vgl den Zeus xt-cpa 
(ooTO^) GGAl897i408. Wenn anderseits Argos ein Auge am Hinterkopfe hat so 
ist darin wohl die Einäugigkeit von Sonne bezw. Mond ausgedrückt Pherec 22; 
je 2 Augen vom und hinten bequemt sich dem Normalgesicht an Vf des AV(L\ixo^ 5- 
Einerseits die Vielheit der Sterne bezw. Sonnenstrahlen, anderseits die Einheit des 
Sonnen- bezw. Mondauges ist also in Argos ausgedrückt. Die Blendung als Ein- 
schläfern unter Gesang OvM. l, 682flf; ValFlArg 4, aSsflf: Hermes überzieht mit 
seinen Wolkenschleiern das Licht; anderseits (Apd) als Gewalt (daher ^ApftvpÖYvr^ 
Argostödter, Lichttödter, troz der Bildung des Worts) durch Kopfabschneiden wie die 
Bildw. KM 1,4730.483; OvM 1,717. Die Thaten des Argos Apd aO stellen ihn 
durchaus als Lichtgott dar, wenn auch mehr als Sonnen- denn als Himmelsgott: 
der Stier, der Satyr, die Echidna nur verschiedene Ausdrücke des schädlichen 
Dunkels; mit deilii Fell des Stiers schmückt er sich wie ein anderer Herakles. 

') Auf die Titanen im Gegensatz gegen Uranus, sowie auf Kronos ist zu- 
rückzukommen. Der Kampf Hsd 1 54fF schildert den Kampf des Nachtgotts gegen 



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Himmel und Erde. 



179 



hat eben Zeus der alte Himmelsgott die alleinige Herrschaft erhalten 
oder errungen, indem er unter dem Namen 2^us selbst von Urzeit her 
den einheimischen Stämmen geblieben ist, während er den auf die 
Küsten und auf die Inseln gedrängten mit fremden Volk^elementen 
früh und nachhaltig durchsetzten seefahrenden Stämmen zum Poseidon, 
zum Wasserzeus geworden ist. 



Sechstes Kapitel. 

Dunkel und Licht. 

Bevor wir an die gesonderte Betrachtung des Dunkeigotts einer-, 
des Sonnengotts anderseits gehen, empfiehlt es sich diejenigen Mythen 
in denen beide Gottheiten gemeinsam erscheinen für sich besonders 
zu behandeln. Es kommt dabei vor allem darauf an, die Entwicklung 
des Wechselverhältnisses zwischen Dunkel- und Sonnengott uns vor 
Augen zu führen. Um diese Entwicklungsreihe in möglichster Con- 
tinuität zu übersehef, mag es gestattet sein, ausnahmsweise auch ein- 
zelne Züge aus der Heroensage herauszugreifen, da namentlich die 
älteren Phasen jener Entwicklung sich aus den Mythencomplexen der 
eigentlichen Cultgötter mehr und mehr verflüchtigt haben, welche 
letzteren, wenn nicht ausschliesslich, so doch ganz übergewichtlich, 
nur die Schlussphasen wie die Resultate ihrer Evolution zum Ausdruck 
bringen *). 

Während das Verhältniss zwischen Dunkel und Licht bezw, 
Sonne gewöhnlich so aufgefasst wird, dass die letztere enger mit dem 
Himmel vereint feindschaftlich dem Dunkel gegenübersteht, giebt es 
eine Reihe von Mythen, die an Originalität des Gedankens wie an 
Grossartigkeit der Gestaltung wenige ihres gleichen haben, in denen 
die nicht nur brüderlich sondern auch freundschaftlich geeinten Götter 
des Sonnenlichts und des Dunkels gemeinsam gegen ihren Vater den 
Himmelsgott ankämpfen. Der gemeinsame Grundgedanke dieser 
Mythen ist der, dass sowohl der Dunkel- wie der Sonnengott aus der 
Tiefe, aus dem Schoosse der Erde hervorgehen, um aufwärts steigend 



den Tagesgott: dieser am Abend in der sieb neigenden Sonne gleichsam sich 
über die Erde lagernd, während zujrldch in der beraufkommenden Nacht der 
Dunkle aus seinem Hinterhalt berausstei^. Der letztere führt gleich dem Hermes 
die ftpiCT) 179) dpinavov 162. Die Setzung der aldoTa an Stelle des Kopfs ist auf 
spätere Mache, wahrscheinlich auch auf fremde Einflüsse zurückzuführen. Wenn 
Erinyen, melische Nymphen, Giganten aus dem Blut des Uranus hervorgehen, so 
kann sich das nur auf das blutrothe Licht der untergehenden Sonne beziehen, 
welches die Wolkengestalten mit seinem Blute färbt. 

^) Ich muss mich hier mehr noch als sonst auf Andeutungen und was die 
Quellen betrifft auf eine nur summarische Behandlung beschränken, da die Fülle 
des Materials eine ausführliche Darlegung verbietet. 

12» 



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l8o Spezieller Theil. 

zum Himmel hinan zu streben ; dass sie aber in der Höhe angekommen 
wieder hinabmüssen, um in die Tiefe der Erde wieder herunterge- 
stossen zu werden. Wird das Aufwärtsdringen wie ein Versuch aufge- 
fasst den Himmel zu erstürmen, so erscheint dagegen das Nieder- 
steigen als ein unfreiwilliges, ein durch den Himmel selbst veranlasstes, 
der den Söhnen die Theilnahme am Leben in der Höhe, den dauern- 
den Aufenthalt im himmlischen Lichte verweigert und sie, die es 
wagen denselben sich zu erobern, gewaltsam wieder hinabstösst. Haben 
wir diese Anschauung betreflfs des Dunkeigotts an Typhon wie an den 
Giganten schon kennen gelernt, so giebt es auch eine Reihe von 
Sonnengöttern und Sonnenheroen, in denen dieselbe Anschauung uns 
entgegentritt. So heisst es von Bellerophon, dass er in seinem Über- 
muthe in den Himmel eindringen will: aber der Zorn des Zeus trifft 
ihn und stösst ihn wieder zur Erde herab. Und ähnlich wird von 
Hephaestos berichtet, dass Zeus ihn aus dem Olymp auf die Erde 
herabgeschleudert, sodass jener, so wird bedeutsam hinzugesetzt, herab- 
fallend Abends auf der Erde anlangt. Das Hinabgleiten der Sonne 
also von Mittag bis Abend aus der Höhe des Himmels bis in die Tiefe 
der Erde, wo sie scheinbar verschwindet, ist dem Menschen ein Sturz 
aus dem Himmel, der in natürlicher Motivirung auf den Himmelsgott 
selbst zurückgeführt wird. Und wie das Hinabstürzen als ein Akt der 
Strafe, der Rache erscheint, so wird das Hinaufdringen als ein Versuch 
gefasst, den Himmelsgott in seinem eigenen Reiche anzugreifen, ihm 
hier selbst Gewalt anzuthun. Heroisirtc Sonnengötter sind auch 
Phaethon Daedalus Ikarus. Die Flügel welche die letzteren zu ihrem 
Himmelsfluge am Leibe befestigen sind die Wolken, auf denen und 
von denen getragen die Sonne gleichsam aufwärts schwebt. Aber wie 
die Wolken Mittags verschwinden, vergehen, da sie von der Sonnen- 
gluth selbst aufgelöst erscheinen, so fallen auch dem Ikarus die 
Flügel ab und sein Sturz aus der Höhe wird nun eben durch dieses 
Abfallen der Wolkenflügel motivirt*). 

Tritt nun an dem Dunkel- bezw. Wolkengotte der menschlichen 
Beobachtung dasselbe Verhältniss entgegen, indem er auch scheinbar 
aus der Erde hervorbricht, gegen den Himmel anstürmt und schliess- 
lich wieder von diesem herabgestürzt wird, so liegt es nahe beide 
Brüder in der gleichen Tendenz zu verbinden und sie als gemeinsame 
Feinde des Himmelsgotts aufzufassen. Die griechische Mythologie 
weist eine Reihe von Doppelgestalten auf die dieses Verhältniss zum 

») Hephaestos* Sturz A59lff; Bellerophons PdO 13,87ff; J 7.440" durcb Ab- 
schleudern vom geflOgelten Pegasus; Pbaetbons (Kap. 8) vom Wolkenwänden 
(Blitzstrahl unorganisch); Ikarus' durch Schmelzen der Wolkenflügel Höfer-Roscher 
ML2, il4ff, wie auch Daedalus die letzteren gebraucht (PdN 4, 59 = Hephaestos ; 
Toepffer l65ff; Schreiber ML l,934ff). 



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Dunkel und Licht. l8l 

Ausdruck bringen. Gewöhnlich wird die innere Verschiedenheit dieser 
Brüderpaare noch so bestimmt angedeutet, dass es leicht ist den 
Dunkeln von dem Lichten zu unterscheiden. Die Aloaden, Diosküren, 
Titanen sind die Hauptrepraesentanten dieses Götterpaars. Sie zeigen 
wie der Gegensatz ursprünglich an den Brüdern in Widerstreit gegen 
den Himmelsvater haftend allmälig zu einem Gegensatz der Brüder 
selbst wird. Die Wesensverschiedenheit der in ewigem Wechsel, in 
stetem Auf- und Niedergange befindlichen Mächte der Sonne und des 
Wolkendunkels gegenüber der unwandelbar starren und unbeweglichen 
höchsten Himmelswölbung hat jene beiden vereinigt und der letztern 
entgegengestellte 

Die Grundanschauung, von der aus dieser Mythus entsteht, ist die 
dass das Unten gegen das Oben, die Tiefe gegen die Höhe, die Mächte 
der Erde, wenn man sie so nennen darf, gegen die Macht des Himmels 
sich erheben. Hier spielt auch die Erde eine Rolle, da sie in täglich 
neuem Gebären die Söhne aus ihrem Schoosse hervorgehen lässt, die 
von dem furchtbar erbarmungslosen Vater immer wieder in die Tiefe 
hinabgestossen werden. In dieser ihrer Verbindung mit der Allmutter 
Erde werden die Himmelssöhne die Vertreter, die Freunde, die Genossen 
des Menschen, der ja gleichfalls sich als Sohn der Mutter Erde fühlt und 
in dem Leben und Thun der göttlichen Brüder das eigene Leben und 
Thun vorgebildet sieht. Denn wenn der ewige und unveränderliche 
Himmelsgott der Ordnung ewigen Wandels auch seine Söhne unter- 
wirft, während er selbst sich über diese Ordnung stellt, so erscheint er 
den Menschen nicht als liebender Vater, sondern als einer der, selbst 
unsterblich, Lust am Vernichten hat. In dem Schicksale der Mächte 
die aus dem Schoosse der Mutter Erde hervorgegangen nach kurzem 
Leben dahin zurückkehren von wannen sie gekommen, sieht der Mensch 
ein getreues Abbild des eigenen Lebens, des eigenen Schicksals, das 
nach kurzer Spanne mühseligen Leidens ihn wieder vernichtet. So 
steht der Mensch mit seiner vollsten Sympathie, mit seinem leiden- 
schaftlichen Interesse auf Seiten der göttlichen Brüder wie der Mutter 
Erde und gestaltet aus dieser Stimmung heraus den in ewigem Kreis- 
lauf sich vollziehenden Naturvorgang zum ergreifenden Mythus^). 

Behandeln wir hier zunächst die Aloaden, so drücken schon 
ihre Namen Ephialtes und Otos die kämpfenden Elemente aus die sie 
vertreten. Und weist auch die Charakteristik ihres Lebens als eines 
neunjährigen schon die Einwirkung eines spätem künstlich ausgebildeten 



1) Die Betheiligung: der Mutter Erde (oS 164) Hsd lS4ff; die Stimmung des 
Menseben tritt vor allem im Mythus von Prometheus hervor, wo dieser selbst ein 
Titane und Feind des höchsten Gottes zugleich der besondere Freund der Mensch- 
heit ist. 



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l82 Spezieller Thcil. 

ihre Namen sich knüpfende Mythus das Schicksal der Sonne und des 
speziell in der Wolkenbildung sich oflfenbarenden Dunkels darstellt, 
Kyklos auf, so kann es doch keinem Zweifel unterliegen, dass der an 
welches zunächst im täglichen Verlaufe, sodann aber auch in der er- 
weiterten Jahreslaufbahn zum Ausdruck kommt In und mit den 
Wolkengebirgen, wie sie sich auftürmend den Himmel zn bedrohen 
scheinen, klimmen die göttlichen Helden selbst zur Höhe hinan, um 
dennoch wieder in die Tiefe hinabgestossen das Loos ewigen Vergehens 
zu erleiden. In dieser Form haben wir in der Aloadensage nur eine 
andere Version der Titanensage zu sehen, während diejenige Fassung, 
welche die Brüder sich selbst tödten lässt, der gewöhnlicheren An- 
schauung, wonach die Götter des Dunkels und der Sonne Gegner sind, 
Rechnung trägt*). 

Haben wir die Aufthürmung der Berge, wie sie die Sage den 
Aloaden zuschreibt, als ursprünglich auf die Wolkenbauten bezüglich 
aufzufassen, so sind ihnen hierin andere Brüderpaare vergleichbar, 
nemlich Trophonios und Agamedes, wie Amphion und Zethos. Das 
erstere Paar gehört dem Cultkreise der Minyer und gilt besonders als 
Erbauer von Höhlen und Schatzhäusern. Sind die letzteren nur eine 
andere Deutung der Wolkenfelsen und Wolkenhöhlungen, welche nicht 
nur das Nass sondern auch das Sonnengold bergen und demnach 
selbst Thesauri sind, so ist eine solche Deutung und Beziehung 
zweifellos durch den Umstand beeinflusst worden, dass die Minyer selbst 
kunstverständige Baumeister waren. So sind zunächst die beiden gött- 
lichen Brüder zu den himmlischen Baumeistern geworden, welche die 
wunderbaren Wolkenbauten errichten; und sie sind sodann im Laufe 
der Zeit mit bestimmten einzelnen Bauten in Beziehung gebracht, 
welche letzteren von den Minyem, den Trägern des Mythus herrührend 
bekannt waren. Denn dass wir in Trophonios den heroisirten Dunkel- 

*) vWilamowitz Her, 2, 150; E 386 Söhne des Aloeus: dieser scheinbar Cult- 
name des Poseidon, Bedeutung unklar, *AXa>iddai (Aloion Stadt St), ^AXooddou Ap 
1,53. Söhne des Poseidon X 305 Seh; Hsd fSp und der Erde Erat bei SchAp. 
(Iphimedeia wohl spät gemacht). Ephlaltes stets Name des Dunkeigotts Kap. 7 
(Apd 1, 37 Gegner des Sonnengotts); Otos trotz Pott ZvglSprp, 204ff als Verbaladj. 
von &Hm mit zurückgezogenen Akzent zu fassen=Japetos, Phoroneus (=9Sp6(MV0(), 
Hephaestos der geschleuderte. Ihre Geschichte X 305 ff; riesenhafter Körper dem 
iwicopoi entspr. nach der Neunzahl berechnet; Apd 1, 5 3ff Umschreibung; Hyg 28 
ins Ungeheuerliche verkehrt Olymp Ossa Pelion treten an die Stelle der himm- 
lischen Berge: vgl Pd 162; Plato Symp 14. Gegnerschaft Apolls P 9, 22, 6 wie 
des AresE 385Sch, der Artemis PdP 4, 88ff Seh durch histor. Momente bedingt. In 
anderer Version tödten sie sich selbst Pd 163; Dd 5, 51; Eudoc 10a3 durch 'Bliu 
erschlagen, Hyg 28 atrotos. Sie sind nur eine andere Form der Titanen, daher 
dieselbe Strafe Hyg aO, indem sie für ewig in die Unterwelt hinabgestossen 
werden. 



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Dunkel und Licht. 183 

gott wie in Agamedes den Sonnengott zu sehen haben, ist nach allen 
Anzeichen die uns hierüber zu Gebote stehen zweifellos. Und auch 
hier wieder erscheint in anderer Version der Sage der lichte Bruder 
selbst in Gegensatz gegen den dunklen, von dem er selbst den Tod 
erleidet *). 

Dieselbe Auffassung finden wir nun auch in Zethos und Amphion, 
von denen jener als der colossale Wolken- und Sturmgott, dieser als 
der kunstverständige Sonnengott characterisirt wird. Findet die ältere 
Form des Mythus in der älteren Generation des Zwillingspaars Lykos 
und Nyktimos ihren Ausdruck, so lässt die jüngere Anschauung der 
friedlichen harmonischen Vereinigung von Sonne und Wolkenbildung 
die Brüder freundschaftlich verbunden sein. Und wirkt im Mythus 
der wilde gewaltige Wolkengott durch seine rohe Kraft, so vollendet 
gleiches und grösseres der Sonnengott durch das Zaubermittel seiner 
Windmusik. Das tritt speziell in den Wolkenbauten hervor, die der 
Dunkelgott in der Weise vollbringt, dass er colossale Massen zusammen- 
schleppt, während der milde Amphion, der schon eine grosse Ähnlich- 
keit mit dem idealsten aller Sonnengötter Apoll zeigt, grössere Massen 
durch seine Musik bewegt^). 

J) Müller Orch. 237ff; P 9, 36, 3— 40, 4. Trophonios, von xpicpo) CicND 3, 
22,56; Arnob4, 14, mit Hermes identifizirt; 'Epiiotl P9, 39, 7; Cbarax 6 o>c6xtoc; 
mit Nass verbunden P 9, 39, 2f; 'AYXäoiog 9, 1 1, l ; Xa\M gegen die Dürre 9, 40, 1 ; 
ia^ }itXiao^, Zeus Oixtoc; ^wtö^iaxa Seh AristN 508 ; ^dxovxsc, dYdX}iocxa öpd>d, 
%pi6z, Nachts Diebstahl und Orakel; sein chthonisches Wesen ^ ^ij ^laox&OQ^ 
om^Xaiov, oxö|iQ^ xaTOißdoiov; €51,30540 (Suid): alle diese Momente weisen über- 
einstimmend auf sein Dunkelwesen hin. Im Cult von Lebadea oft selbst als 
Zeus gefasst3077; 3090 etc; doch wiederhoh beide unterschieden 3080.81.83. 
41 36. ^Afv^iflrjiz der sehr kunstverständige als Cultname des Hephaestos zu fassen, 
Bauten H 2 llöff (dduxov St AsXcpoC); xaxcopuxi^ Charax aO; ^aat>p6c des Hyrieus 
P9i37, 5ff; in Elis xa|Jit«rov xp^oslov Charax; dieselbe Sage trivialisirt Her 2, \2l; 
P 9, 11,1. Sie sind dann überhaupt zu Repraesentantcn der ältesten Baukunst 
geworden die aus Holz P 8, 10, 2 und Stein H2, 118; PlO, 5, 13 zu bauen ver- 
stehen. Gemeinsamer Tod beider CicTusc 1,47, II4; Pd 2. 3. Man darf aber aus 
dem Umstände dass Trophonios dem Bruder (als dem Sonnengotte) den Kopf ab- 
schneidet P 9, 37, 6 schliessen dass eine andere Version die Gegnerschaft der 
beiden betont hatte; ebenso wird danach auch Trophonios die Fussfesseln gelegt 
haben: die spätere rationalisirende Deutung hat hier eingegriffen. 

^ Müller Orchom 222 ff; Stoll MLi,3o8ff. Z^fi-o^ von (dco schnauben, 
*A)iqp(ii>v=T7Csp(o>v. Ein näheres Eingehen auf den Mythencomplex schliesst sich 
aus: ältere und jüngere Entwicklungsphasen (Apd 3,111), Localtraditlonen, die 
Auflassungen verschiedener Stämme haben zusammengewirkt: schliesslich ist der 
Stoff von verschiedenen Bearbeitern in die ihnen zusagende Form gepresst. 
Nykteus Apd 3,40x^ivtoc, Cypria AoxoöpYOg Lichttödter, von Epopeus getödtet P 2, 
6, if; Lykos auf den Inseln der Seligen Apd 3, 111. Der Vf. der Minyas 3 wusste 
von Amphions Schuld und Strafe in der Unterwelt, wie er auch als Gemahl der 



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184 Sperieller Theil. 

Haben wir in den genannten Brüderpaaren die freundschaftlich 
geeinten Götter des Dunkels und der Sonne zu erkennen, die trotz 
ihrer verschiedenen Naturen gemeinsam am Himmel wirken, so tritt 
uns nun dieses Zusammenwirken, hier aber wieder in entschiedenster 
Feindschaft gegen den Himmel selbst aufgefasst, am schärfsten in den 
Titanen entgegen. Allerdings nicht in der von Hesiod überlieferten 
Form des Mythus, da hier schon die Zwölfzahl aus einer spätem Periode 
des Glaubens in den Mythus hineingebracht ist, an deren Stelle ur- 
sprünglich die Zweizahl gestanden haben wird. Mögen wir nun an- 
nehmen, dass die ursprüngliche Gestalt des Mythus die gewesen ist 
dass die Erde täglich die beiden verschieden gebildeten Söhne gebar, 
die im Anstieg und Ansturm gegen den Himmel in täglich steter Wieder- 
holung den Absturz und die Einschliessung in die Tiefe der Erde durch 
den Vater erlitten; oder die dass im Osten und Westen je eine mächtige 
Völkerschaft von Göttern lebte, die beide täglich einen der ihren zur 
Wanderung und zum Kampfe über und gegen den Himmel aussandten, 
welche letzteren eben gleichfalls täglich den Sturz aus der Höhe und 
in die Tiefe der Erde erfuhren*): immer sind es zwei verschieden ge- 

Niobe Apd3, 45 ein tragisches Geschick erfährt; ähnlich von Zethos PQ, 5»9- 
Als Zwillinge X lOoff; Epopeus Asius l ein Cultname des Zeus. Geburt in einer 
H6hle nahe der Quelle P 1,38,9; Eniehung durch Hirten etc bekannte Züge, 
Gemeinsames Grab P9, 17,4; 10,32, 11 ; St Tid^paCa; gemeinsam als XsuxöiOtfXoi, 
Ai6( xoOpoi Hes; EurPhöOÖ; Hf 29; Phefec 102; Amphion {Jlouoixö^ Ath 2, 27? 
Zethos d|iOt>ao( Ath 8, 43 ; Amphion aber hat die Musik von Hermes gleich Apoll 
H3,4l8ff; an die Stelle des Hermes sind später die Musen getreten Pherec aO. 
Das Wunderbare der Bauten Hsd f 151; Apd 3, 43f ; Eumeli2; P9, 5, 6flf; Hyg9; 
SchEurPh 1140* etc, während X 26off nur vom Mauerbau Thebens die Rede, 
worauf historische Momente eingewirkt haben. P 9, 1 7, 4 lässt auf einen Cult 
scbliessen, in dem den Brüdern Einwirkung auf das Gedeihen der Früchte zuge- 
schrieben wurde. 

') TiT&vt^ etym. unklar; MMayer Giganten u. Titanen 69ff will den Namen 
als Reduplikation von Tdv (troz des langen i) fassen: dann müsste Tdv in die allge- 
meine Bedeutung Gott übergegangen sein, da bei Homer u. Hesiod nicht der spät 
mit Vorliebe als Ttxdv bezeichnete Sonnengott sondern gerade der Dunkelgott 
Kpövo^ Führer ist. Hom wiederholt Schwurgötter d«oog dvö|i.»jvtv Änavxac "coög 
ÖTWTOtpxapdouc S 273ff; 224f; 6479: Homer kennt also die Mehr- oder Vielzahl, 
unter der Kronos und Japetos besonders hervortreten. Hesiod hat der kyklischeo 
Zwölfzahl zu Liebe eine Reihe alter Cultnamen zusammengestellt, hebt aber aus- 
drücklich hervor dass gleicherweise sowohl Kyklopen 139fr wie Hekatoncheiren 
l47ff denselben Namen haben. Die allgemeine Charakteristik der Titanen ist das 
Geboren werden von Himmel und Erde und das Hinabgestossen werden der ebeo 
geborenen (öitco^ xt^ izp&xa T^voixo) in die Tiefe der Erde, aus der sie hervor- 
stiegen Hsd 154 ff, das trifft eben für die in stetem Auf- und Absteigen am Himmel 
thätigen Götter des Dunkels und der Sonne, die täglich aus der Erde hervor- 
gehen und täglich wieder in dieselbe hinabgestossen werden. Über Kyklopen 
und Hekatoncheiren als Entwicklungsphase der Dunkel- und Sonnengötter oS 1 3 1 f. 



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Dunkel und Licht. I85 

artete Einzelwesen oder Repraesentanten von Gemeinschaften die uns 
in den Titanen entgegentreten, wie dieses am deutlichsten an den mit 
gleichem Namen characterisirten Kyklopen und Hekatoncheiren er- 
sichtlich ist. Kronos der Dunkelgott und Japetos der Sonnengott sind 
die eigentlichen Titanen, die als die Führer und Vertreter des Titanen- 
geschlechts schon bei Homer erscheinen: die Auffassung von den 
beiden verschiedenen Brüdern, die das Widerstreben gegen den Himmel 
zu gemeinsamem Handeln vereint, und die Auflassung von den vielen 
Einzelerscheinungen des Dunkeigotts wie des Sonnengotts hat sich 
offenbar im Mythus dahin verschmolzen, dass die Vielen unter zwei 
Führern auftreten. Gleich den Aloaden stürmen sie den Himmel, um 
hinabgeschleudert zu werden und in der Tiefe der Erde zu ver- 
schwinden *). 

Eben denselben Charakter des titanenhaften Widerstrebens, des 
Aullehnens gegen die höchste Macht des Himmels tragen nun auch 
Prometheus und Hephaestos, abermals der Dunkelgott und der Sonnen- 
gott unter neuen Namen und Gestalten. Und wenn dieselben auch 
später nicht mehr als Brüder erscheinen, so zeigt doch der Ciilt, dass 
sie thatsächlich einst im Mythus in engster Verbindung gestanden 
haben. Und wenn Prometheus auch zugleich die Spuren einer alten 
Feindschaft gegen den Sonnengott aufweist, indem er ihm das Feuer 
raubt, so scheint die ältere Form des Mythus doch die gewesen zu 
sein, dass er dieses Feuer dem Himmelsgotte raubt: wir haben in den 
verschiedenen Versionen wieder verschiedene Entwicklungsphasen des- 
selben Mythus zu erblicken. Die Strafe welche die beiden ereilt ob 



1) Über Kronos als Dunkelgott Kap. 7; über Japetos steht uns allerding^s 
fast nichts zu Gebote, doch ist sein Name am einfachsten als Verbaladj. von 
Idbcxo) zu fassen, sein Wesen also =: Otos, Hephaestos, Phoroneus. Der Titanen- 
kämpf selbst O 224 nur angedeutet, aber die wiederholte Erwähnung der ^sol 
&icoTOtpxdpioi, der ivipxtpoi bnb x^vl vocisxdovxt^ etc zeigt die Bekanntschaft des 
Mythus. Der Kampf bei Hsd ist aus echten ZOgen und Willkflrlichkeiten zu- 
sammengesetzt. Als der tägliche Kampf, wie er Hsd issf noch angedeutet wird, 
kefnen Platz mehr hatte, ist er als Abschluss einer früheren Periode der Götler- 
gescfaichte aufgefasst und gestaltet. Reminiscenzen an die alte Auffassung, wonach 
die 2 Brüder die eigentlichen Titanen waren, mag man in Titan und Helios P 2, 
11, 5 (Sekyon selbst TtxdvY)); Alexanor und Euamerion in Sekyon 2, 11,7; Kronos 
und Helios in Olympia Et *HX(^ etc sehen. Der Name der ursprünglich als Appel- 
lativ die beiden Brüder bezeichnete ist später im Sing, als Einzelname einer Per- 
sönlichkeit gefasst und so bald für den Dunkelgott (P 2, 11,5; Tixavöitav etc) 
bald für den Sonnengott (Euhem bei Ennius f3. 4. 6; MyihVat 3, 3, 4; xtxavtdiö^ 
statt icaiavtQji6c Str33i,40; Empedocies bei ClemS 5, 4Q al^p und spät mit Vor- 
liebe) gebraucht. Späte Ausdrücke wie Ttxavl^ Yfl Lexx, Tixocfa Dds, 66; Ttxü) 
Lyc94i ; Callim 206; Tt^vög etc (zum Theil zweifelhaft ob hierher gehörig) können 
nicht auffallen. Vgl. MMayer aO. 



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186 Spezieller Tbeil. 

ihres Frevelmuths ist wieder gleich der an den Titanen vollzogenen: 
Hephaestos wird aus der Höhe des Himmels hinabgestürzt, während 
Prometheus gleichfalls hinabgeschleudert am äussersten Ende der Erde 
eingekerkert wird. Und so sehr auch der Mythus später durch histo- 
rische Elemente beeinflusst und getrübt ist, an dem ursprünglichen Ge- 
halte desselben kann nicht gezweifelt werden*). 

Der eben kurz skizzirte Mythus vom Gegensatze des Dunkel- wie 
des Sonnengottes gegen den Himmel ist, wie schon bemerkt, deshalb 
so interessant, weil in ihm jene göttlichen Brüder mehr den Charakter 
von Mittelgestalten zwischen irdischem, menschlichem und zwischen 
himmlischem, göttlichem Wesen an sich tragen, da sie in engster Be- 
ziehung zur Mutter Erde stehen. Wenn auch andern und hohem 
Wesens als der Mensch scheinen sie doch mit dem letzteren selbst 
verwandt zu sein. Und auch darin erscheinen die göttlichen Brüder 
dem Menschen verwandt, dass auch er gleich jenen in natürlich un- 
bewusstem Drange seinen Blick, sein Verlangen nach oben, nach den 
Höhen des Himmels richtet, wo die Quelle aller Güter, die ihm 
neidisch vorenthalten werden und deren Besitz doch zu seinem Leben 
nöthig ist. Und aus diesem Gefühl seiner Hülllosigkeit und seines un- 
befriedigten Verlangens, welches ihm zum ewigen Vermächtniss ge- 
worden ist, hat er den Mythus von den Titanen, seinen Vorbildern und 
Vorkämpfern, so tief und ergreifend gestaltet'). 

1) Die alte Verbindung der beiden geht aus ScbSopbOCsö; P 1,30, 2 ffir 
Athen; aus A SQOff vgl. mit CicTusc 10, 23 für Lemnos hervor. Beide Söhne der 
Hera Euphor 134; Hsd 927. Prometheus mit Vorliebe Tixdv genannt SophOC 56; 
Eurj455; Phll22 etc. In Lemnos beide in den Kabeirencult hereingezogen, 
worüber die in der verkürzten Form sinnlose Glosse Phot Kdßtipou HsdE47ff 
stiehlt Prometheus das Feuer dem Zeus; AeschPr den Göttern im Allg.; vgl Apd 
1» 45 ; Hyg 144. Dagegen Jbyc 25 ; Plato Prot 1 1 ; ServE 6, 42 dem Hephaestos: vgl 
oS 94ff. Die Bestrafung des Hephaestos A SQOff: der Umstand dass Hephaestos 
später in die Zahl der olympischen Götter aufgenommen ist bat die urspQngliche 
Bestrafung mehr und mehr zurückgedrängt. Über des Prometheus Bestrafung 
AeschPr etc. Die Verbindung der beiden tritt namentlich auch in ihrer Beziehung 
zu Athene hervor, die Duris 19 von Prometheus; EurJ 267ff; Hellan 65 von 
Hephaestos begehrt wird; beide wechselnd bei der Geburt der Göttin betheiUgt 
EurJ 455; Apd 1,20. Plato Prot 11 Athene eng mit Hephaestos, Sappho 145 mit 
Prometheus verbunden. 

>) Beim Kampf der Titanen gegen Uranus Ist die Erde die eigentliche 
Leiterin; ebenso steht dem Prometheus seine Mutter Themis (AeschPr 208ff als 
Gaea erklärt) bei. Bezüglich der Aloaden deutet vielleicht X 309 oO^ di) {JLTpcCoxouc 
d^iqpt Ztidfüpo^ dLpoupa eine alte Verbindung mit Gaea an. Da auch der Mensch 
sich als Sohn der Mutter Erde fühlt, so geht daraus die enge Verwandtschaft 
desselben mit den Titanen, den erstgeborenen Söhnen der Erde hervor HsdE 108; 
PdN 6, 1. Die von dem Menschen begehrten Gaben des Himmels, ursprünglich 
die durch das Feuer und das Licht wie durch das Nass und die Luft bedingten 



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Dunkel und Licht. 187 

So verschieden also auch im Laufe der Zeit die Einzelmythen 
von den Aloaden und Titanen, von Trophonios und Agamedes wie 
von Prometheus und Hephaestos, von Nyktimos und Lykos wie von 
Zethos und Amphion sich entwickelt haben, es ist derselbe Ausgangs- 
punkt, derselbe Naturvorgang, der in ihnen zum Ausdruck gelangt. 
Die beiden Brüder des Dunkels und des Lichts, der Nacht und des 
Tages, der in nächtlichen Schleiern wie in den Wolkenmassen thätigen 
Macht des Verbergens wie der im Sonnenlichte und Sonnenglanze 
wirksamen Macht des Oflfenbarens erscheinen hier vereint, zu gleichem 
Thun verbunden gegen die höchste Himmelsgottheit. In dem immer 
von neuem begonnenen Unternehmen aus der Tiefe der Erde, von den 
Enden der Welt aufwärts zu dringen gegen die Höhen des Firmaments 
erscheinen beide Brüder verbunden, wie sie nicht minder in dem ewig 
sich wiederholenden Schicksale des Hinabgestossenwerdens aus der Höhe 
in die Tiefe zu gleichem Leiden vereint erscheinen. Ist dem Menschen 
der Himmel die Quelle aller Güter, da alle Gaben, aller Segen des 
irdischen Lebens aus der Höhe herabkommt, so sieht er in dem ewig 
neu sich abspielenden Vorgange des Hinaufklimmens der göttlichen 
Mächte des Dunkels und der Sonne zur Höhe des Himmels den Ver- 
such sich in den Besitz der himmlischen Güter, in den Mitgenuss der 
im Himmel zusammengeschlossenen Gaben zu setzen, wie er nicht 
minder in dem täglichen Absturz der kühnen Götterhelden ein feind- 
liches Verhalten der neidischen Himmelsmacht sieht, welche den be- 
gehrenden den Mitgenuss nicht gestatten will. In keinem andern 
Mythenkomplexe spricht sich sosehr die schmerzerfüllte Seele des 
Menschen aus, der in dem Begehren und Streben, in dem Thun und 
Leiden der göttlichen Mittler sein eigenes Wünschen und Sehnen er- 
kennt und der nun die letzteren in allen einzelnen Phasen ihres Be- 
ginnens mit leidenschaftlichem Interesse, mit heisser Sympathie ver- 
folgt. In dem Mythus von den Titanen bringt der Mensch die Wünsche 
des eigenen Herzens zum Ausdruck, das gleichfalls nach dem Himmel 
und seinen Gütern verlangt. 

Während der Mythus von den Titanen und Aloaden und anderen 
ähnlichen Gestalten insofern eine originale Stellung in der Mythen- 
entwicklung einnimmt, als er Dunkelgott und Sonnengott zu gemein- 
samem Kampfe gegen den Himmelsgott vereint, so ist die gewöhn- 
lichere Auffassung, wie schon angedeutet, die dass der Sonnengott mit 
dem Himmelsgotte inniger verbunden mit diesem gemeinsam den 
Kampf gegen das Dunkel führt. In dem Kampfe des höchsten 

natfirlicben Erzeugnisse, sind im Laufe der Zeit zu den höheren geistigen und 
sittlichen Gütern der Menschheit geworden und so werden die Titanen — und speziell 
Prometheus — auch nach dieser Seite hin die Vertreter alles Strebens Kämpfens 
und Ringens der Menschheit. 



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l88 Spezieller Theil. 

Himmelsgotts gegen Typhon, gegen die Giganten sehen wir in ver- 
schiedenen Versionen die Lichtgötter auf Seiten des Himmelsgotts* 
Noch jünger und jedenfalls die gewöhnliche Form des Kampfs zwischen 
Licht und Dunkel — der nun einmal für die menschliche Auffassung 
feststeht — ist die dass dieser Widerstreit sich zwischen dem Sonnen- 
gotte einer-, dem Dunkelgotte anderseits vollzieht. Und ist dieser Kampf 
von Haus aus der zwischen dem Nachtgotte und dem Tagesgotte, so 
entwickelt sich im Laufe der Zeit der erstere, der Nachtgott, zum Gott 
des Dunkels überhaupt, der nun nicht nur in der Finst^rniss der Nacht, 
sondern auch in den Wolken und Wettern des Tages den Glanz, das 
Licht, das Feuer der Sonne bekämpft. 

Dieser Kampf tritt uns in der griechischen Mythologie unter 
tausend verschiedenen Formen entgegen, indem der Mythus sich immer 
von neuem der fortschreitenden Culturentwicklung entsprechend aus 
älteren Formen in jüngere umbildet. Und hat dieser Kampf ursprüng- 
lich so geendet, dass die Gegner sich täglich von neuem morden, so 
ist später — als die Götter zu den unsterblichen geworden waren — 
entweder unter Beibehaltung der alten Göttern amen an die Stelle des 
Mords Kampf, Überlistung, Streitigkeiten mannigfacher Art getreten; 
oder es sind unter Beibehaltung der alten Form dh des Mords des 
einen oder des andern Gegners, die alten Götternamen geändert und 
andere untergeordnete Gestalten an ihre Stelle getreten. Nimmt zB in 
der Mythologie des Sonnengotts Apollon von Haus aus Hermes die 
Stelle des Dunkeigotts ein, so hat es der Mythus zwar verstanden aus 
der ursprünglichen Erzählung von der Gegnerschaft beider alle Spuren 
einer roheren Anschauung zu verwischen: er hat aber zugleich in 
Marsyas einen Gegner geschaffen, der als Stellvertreter des Hermes 
noch die ganze Unmittelbarkeit der Feindschaft des Sonnengotts an 
sich erfahren muss. Wie nemlich in der Erzählung des Homerischen 
Hymnus zwischen Apoll und Hermes eine Auseinandersetzung betreffs 
der Windmusik statt hat, die sich hier aber in durchaus friedlicher und 
freundschaftlicher Weise vollzieht, so wird diese Auseinandersetzung in 
dem Verhältniss des Apoll zum Marsyas zum Verderben des letzteren, 
indem Apoll ihm die Wolkenhaut abzieht, die nun als Siegestrophaee 
am Himmel flattert. Und in gleicher Weise erscheint Marsyas auch in 
dem Streite mit der Mondgöttin Athene und in seinem engen theils 
freundschaftlichen, theils einander überlistenden Verhältnisse zum 
Sonnenheros Midas durchaus als Stellvertreter des Dunkeigotts Hermes i). 

Vgl CABoettiger kl. Sehr. 1, 3ff; Jessen ML 2, 2439flf; Kuhnert ML i, 
2Q54ff; Michaelis Annali 1858, 2gSff, Dem Wettkampf des Apoll und Marsyas 
liegt die Thatsache zu Grunde dass die Windmusik gleichmässig dem Sonnen- 
wie dem Dunkelgotte gehört. Der Kampf wird Her 7, 26; Plato Euthyd 14 vor- 
ausgesetzt; Apdi,24; HyglöS; Dd 3, 59 etc erzählt. In dem Umstände dass 



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Dunkel und Licht. 189 

Denn wenn es auch als sicher anzusehen ist dass Marsyas von Haus 
aus eine nicht hellenische Gestalt ist, so muss doch Apollon schon 
früh mit demselben in Verbindung getreten sein und hat nun die alte 
Feindschaft gegen den hellenischen Dunkelgott auf diesen fremden 
Dunkelgott übertragen. Der alte Streit des Sonnengotts und des 
Dunkeigotts um die Windmusik wird hier noch durch nationale Gegen- 
sätze verschärft; das Abziehen der Haut hat denselben Naturvorgang 
zum Gegenstand, dem das Stieropfer des Prometheus oder Hermes, das 
Erlegen des Löwen durch Herakles, des Ebers durch Atalante gilt: 
wird die schwere das Nass bergende Wolkenmasse als lichtfeindliches 
Wesen angesehen, so ist die leichte wallende Wolke die abgezogene 
Haut des Feindes wie sie einen Siegespreis und eine Trophaee ftir den 
Überwinder den Sonnengott bezw. die Mondgöttin bildet. Und wie 
der Sonnengott Hephaestos den Dunkelgott Ares mit seinen ihn um- 
klammernden Sonnenstrahlen festhält und fesselt, dass jener mit seiner 
Ungestalt unbeweglich am Himmel ruht: so hat der Mythus vom Silen 
dieses in der Weise motivirt dass der Sonnengott das Wolkenwasser 
mit seinem Feuerweine mischt, wodurch der Silen trunken und un- 
beweglich wird. 

Erscheint also in Marsyas die Feindschaft des Sonnengotts gegen 
den Dunkelgott noch als die alte ungebrochene, so wird das Wesen 
des letzteren noch tiefer herabgedrückt, wenn als Gegner des Apoll 
der Drache Python, Tityos oder andere Ungeheuer auftreten. Die ur- 
sprüngliche Auffassung, nach der der Kampf zwischen Dunkel- und 
Sonnengott sich täglich ausfbcht, ist darin noch erhalten, dass der 
Drache Python von den ersten Pfeilschüssen des eben geborenen 
Gottes getröffen wird. Anderseits aber trägt der Mythus den ent- 
wickelteren Auffassungen des Dunkels darin Rechnung dass sich das 
verderbliche Thun des Python in den zerstörenden winterlichen Über- 
schwemmungen zeigt. Wenn im Gigantenkampfe Apollon den 

Apoll die Cither, Marsyas die Flöte spielt kommen nationale und Cuhuninter- 
schiede «um Ausdruck Str470; P2»22, 9; PlutAlc 2 etc. Marsyas durch Ver* 
bindun^ mit Nass XenAn 1, 2, 8; PlO, 30, 9; Dd aO; Plln 5, io6; Solin 40,7.8 
cbaracterisirt; über die abg^ecogeae Haut oS 83. Sehr bezeichnend ist es dass 
an der Stelle des Marsyas auch Pan erscheint im Kampfe gegen Apoll: Pan ist 
eise ältere Gestalt des Hermes Kap. 8. Ober Athene und Marsyas GHtrscfaleld 
Wiskelmann Progr. 1872; vSybel Marb. 1879: auch hier bildet die Windmusik, 
wie sie einmal dem Dunkelgott, anderseits aber auch der Mondgöttin zu gehören 
scheint, den Mittelpunkt; mit eingewirkt haben wieder nationale Elemente. Die 
Sage von Marsyas und Midas, dem phrygischen Sonnenheros, Her 8, 136: die 
Mischung des Wolkennasses mit Sonnenwcin und dadurch motivirt die Pestlegvng 
bezw. Fessehing des flüchtigen Wolkengotts am Himmel wie seine wunderbare 
^-^•«ng; vglHygi9i; Pl,4, 5; ServEö, 13,* erste archaische Darstellung Mitt 
22^ 387flF (BttWe). 



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CmOO^Q: 



IQO Spezieller Theil. 

Ephialtes, Dionysos den Eurytos, Hephaestos den Klytios erschlägt, so 
sind das nur wieder dieselben Kämpfe zwischen dem lichten Sonnen- 
gotte und dem Dunkelgotte, für die der zwischen Apoll und Python 
ausgefochtene Kampf prototypisch geworden ist. Und im Mythenkreise 
des Dionysos spielen ausser andern namentlich Pentheus und Lykurgos 
dieselbe Rolle der feindlichen Finstemiss, der Licht und Wärme be- 
drängenden Kälte, des wintefUchen Dunkels und Nasses. Pentheus 
drückt schon in seinem Nansen die düstere Seite des Naturlebens aus, 
die aber von dem Lichte tiberwunden wird. Und desselben Wesens 
ist wieder Lykurgos, der als erbitterter Feind des Sonnengotts Dionysos 
in seiner Selbstverstümmelung und Selbstvernichtung nur verschiedene 
Ausdrücke der Naturbeobachtung bietet, wie das Dunkel, die finstere 
Wolkenmasse in wilder Wuth sich selbst zu zerreissen und aufzulösen 
scheint*). 

Wie hier die beiden Hauptsonnengötter Apoll und Dionysos, so 
führen nun auch die Sonnenheroen den Kampf gegen die Dunkelheroen, 
Und unter allen Sonnenheroen nimmt Herakles nach dieser Richtung 
den ersten Rang ein. Die verschiedenen Kämpfe dieses Heros gegen 
Gethier aller Art, das er theils vernichtet, theils zähmt, sowie gegen 
Riesen und Unholde, die er gleichfalls, wenn auch erst nach mannig- 
fachen Wechselfällen überwindet, schildern in immer neuen Bildern 
den Kampf der Sonne gegen die Finstemiss, mag diese letztere wieder 
als nächtliches, mag sie als winterliches, mag sie endlich als Wolken- 
dunkel zu verstehen sein. Und obgleich es ausgeschlossen für uns ist 
auf diesen grossartigen Mythencomplex näher einzugehen, so mag doch 
wenigstens in Umrissen die Hauptsumme dessen was für uns hier in 
Betracht kommt angedeutet werden'). Und da drücken zunächst der 



') Über Python und Delphyne, Pentheus und Lykurgos Kap. 8. Eurytos 
von e6p6c auf die gewaltige Masse bez. wie sie namentlich in der Wolkenbildung 
sich am Himmel lagert oder mit ^io zusammenhängend; der gleichnamige Gegner 
des Herakles und andere Träger dieses oder ähnlicher Namen Dunkelgötter 
oder Dunkelheroen. Ephialtes eine der bekanntesten Bezeichnungen des Dunkei- 
gotts nach seiner spezifisch feindlichen Seite. Klytios mit Klymenos als Cultname 
des Dunkeigotts zu vergleichen. Über den Gigantenkampf im All^. oS 157f> 

3) Vgl allg. vWilamowitz Her^l, igff. Nach ihm ist Herakles aus dem 
Glauben an die Göttlichkeit des rechten dorischen Mannes entstanden: er ist die 
geglaubte göttliche Person,, in welcher sich der Dorer Mannesideal verkörperte; 
er ist demnach eine reine Abstraction, eine Schöpfung der Phantasie. Eine solche 
Annahme, die zur Consequenz führt dass der gesamte Mythencomplex wie er sich 
an Herakles knOpft die freie Erfindung eines oder verschiedener Dichter ist, die 
ohne jeden realen Anhaltspunkt, ohne jeden gegebenen Stoff die dem Inhalte wie 
der Form nach wunderbaren Mythenmassen aus dem Nichts entstehen Hessen ist 
entschieden abzulehnen. Mag immerhin der Dodekathlos selbst in seinem ganzen 
Zusammenhange das einheitliche Werk eines Dichters sein, der die Sage «planvoll 



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Dunkel und Licht. lOI 

Löwe und die Hydra den Begriff des Dunkels nach verschiedenen Rich- 
tungen hin aus. Denn bezieht sich der Löwe zunächst auf das atmo- 
sphärische Dunkel, welches vom Lichte tiberwunden wird, so haben 
wir ohne Zweifel in demselben auch die vom Himmel herabgekommene 
winterliche Überschwemmung zu erkennen, wie sie das enge Thal über- 
fluthet und Leben vernichtend, Tod bereitend sich in den Bergen staut. 
Nur die siegreiche Macht des Sonnengotts überwindet diese Todesgefahr 
indem seine Gluth es ist, die nach schwerem Kampfe die Fluthen 
zurückdrängt, sie verschwinden macht und der irdischen Wohnstätte 
den alten heimathlichen Charakter zurückgiebt Ist also in dieser Be- 
ziehimg auf die winterliche Überschwemmung der Löwe vom Himmel 
herabgekommen, und als solcher durchaus gleich dem Python, in dem 
wir ebenfalls die Überschwemmung der irdischen Heimstätte kennen 
lernen werden, so ist er seinem ursprünglichen Wesen nach der am 
Himmel thätige, eben weil alle winterlichen Überschwemmungen 
irdischer Landschaften durch das vom Himmel herabströmende Wasser 
bewirkt werden. Aus dieser seiner ursprünglichen Beziehung auf den 
Himmel sind die Züge des Mythus zu erklären, nach denen der Sonnen- 
heros das Thier mit seinen Armen umklammert, wie er nicht minder 
mit seinem Felle sich schmückt. Was bei Hephaestos das goldne Netz, 
die goldnen Fesseln sind, mit denen er die Kolossalgestalt des Dunkei- 
gotts umschlingt und festhält, das sind hier wieder die Lichtarme, die 
feurigen Strahlen welche die Wolkenmassen von allen Seiten umfassen, 
gleichsam einschnüren und so allmälig auflösen. Und aus dem eigentlich 
chthonischen Wesen des Dunkels wird sich der Zug erklären der den 
Herakles in die Höhle selbst eindringen lässt, wie Herakles in anderer 
Fassung eben in Pylos dem Ende der Welt, eindringend in die Ein- 
gänge der Unterwelt mit Hades selbst ringt, welcher letztere nur die 
ausgebildetere, vollkommnere Gestalt des Unthiers selbst ist. So trägt 
der Löwe nach allen Seiten hin die Züge des Dunkeigotts an sich: 
die siegreiche Macht der Sonne tiberwindet die nächtliche Finstemiss, 
die colossale Wolkenmasse, die winterliche Überschwemmung und 
schmückt sich zum Erweise seines Siegs mit dem Fell des erlegten 
Feindes, der leichten flatternden Wolke, die von der schweren licht- 



und tiefsinnig in festen Rahmen gespannt hat**, (vWilamowitz Her 1, 57) die 
Sage selbst ist nur verständlich wenn wir in ihr eine Reihe neben oder nach 
einander entsUndener aus der unmittelbaren Anschauung geschöpfter Einzelsagen 
erkennen. Denn den Stoff entnahmen die Dichter dem Himmel, den an letzterem 
in unendlichen Variationen sich vollziehenden Vorgängen und sie haben diesen 
der Natur entnommenen Stoff ihrerseits gestaltet, combinirt, zu einheitlichen 
Bildern verarbeitet. Die Zwölfzahl der Kämpfe kann aber nur als eine kyklische 
verstanden werden, worüber es genflgt auf oS 135 zu verweisen. 



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T92 Spezieller Theil. 

feindlichen Masse übrig bleibend als Trophaee des siegreichen Über- 
winders erscheint*). 

Wenn der Löwe von dem Begriff des Dunkels selbst ausgegangen 
ist, so ist umgekehrt für die Hydra der Mond der Ausgangspunkt. 
Aber es ist der Mond hier noch nicht die spätere Lichterscheinung, 
sondern die alte mit nächtlichem Grauen und mit dem Schrecken der 
Finstemiss verknüpfte Nachterscheinung. Sie ist daher zu vergleichen 
den Graeen und Gorgonen, deren Beziehung zu Nacht und Dunkel wie 
zugleich zum Nass und zu den Sturmwinden des Himmels wir früher 
kennen gelernt haben. Und grade das Nass des Himmels — hier 
wieder nach seiner absolut schädigenden und vernichtenden Seite im 
Winter — ist es mit dem der Sonnengott seine Pfeile vergiftet. Wenn 
die Sonnenstrahlen, wie wir noch sehen werden, als Pfeile, als Ge- 
schosse des Gotts aufgefasst werden, während uns anderseits die Be- 
ziehung der Sonne zu den himmlischen Wassern, aus denen sie ihre 
Nahrung saugt, schon bekannt ist, so haben wir in den vergifteten 
Pfeilen des Herakles eine Combination beider Auffassungen zu sehen: 
der Sonnengott zieht aus den Wassern einen Stoff, ein mächtig wirkendes 
Zaubermittel an sich, um durch ihn seine Strahlen, seine Geschosse in 
ihrer siegreichen Kraft noch ftirchtbarer zu machen. Und auch der 
Hydra gegenüber gebraucht Herakles sein Feuer indem er die immer 
neu aufquillenden Köpfe derselben mit Feuerbränden vernichtet. Ob- 
gleich also auf die Gestaltung der Hydra zweifellos die kyklische 
Auffassung des Monds eingewirkt hat, so trägt doch das Wesen der 
gewaltigen Schlange selbst den Erscheinungsformen des Dunkels nach 
allen Richtungen hin Rechnung. Hauptsächlich ist es auch hier 
wieder, ebenso wie beim Löwen, die Beziehung auf die schädigende 



1) Über den Kampf mit dem Löwen Michaelis Annali l859» 6otf; Gerhard 
AVB2, S40ff; Furtwängler ML 1, 2l95ff; vWilamowitz l,44f; 62. Von Haus aus 
wird das Verhältniss des Herakles zum Löwen freier dh wechselnder aufgefasst 
sein: die Kunst hat allmälig einen feststehenden Typus geschaffen. loniier hat 
dieser Kampf als der erste und hauptsächlichste gegolten, daher die cablreidien 
Bilder. Der nemcische Löwe ist aus dem Monde gekommen und erweist sich 
schon damit als ein ursprünglich himmlisches Gebilde, daher Hsd 327ff von Typhon 
und Echidna erzeugt, von Hera der Mondgöttin genährt und auf die Erde herab- 
gelassen, wo er ein icfjti« dvd^cbnoi^ seine verderbliche Wirkung ausübte; dUüldt 
i iQ iddqiooot ß{T2C *HpaxXt)tCT2C. Das Atö^ dXooc EurHf359f; Theocr 25,169 iat 
ursprünglich das Himmelsgefilde. Die Tödtung durch Erschlagen mit der Ke«de 
Gerhard AVE T. 94; Reisch Mitt 12, 124; durch Würgen Apd 2, 75 und anf des 
Denkm. die später gewöhnliche Art; die Erwerbung des Fells PdJ 6, 47f ; EurHf 
36lff; Dd4, 11; StB4|ißtva. Wenn hier Herakles den Löwen in seiner Hölile 
aufsucht so ist die letztere ohne Zweifel ursprünglich die Höhle im Westen wohin 
der Sonnengott dringt, wie Apoll in die Höhle des Hermes eindringt ua. 



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Dunkel und Licht. 



193 



und vernichtende Seite der himmlischen Gewässer, wie sie speziell im 
Winter sich äussert, welche das eigentlich characteristische der Hydra 
bildet: die Sonne überwindet die winterlichen und gewitterlichen 
Wolkenströme, indem sie zugleich aus ihnen flir sich selbst Kraft und 
Stärkung saugt 1). 

Diesen beiden vorbildlichen Abenteuern des Herakles stellen sich 
die übrigen ihrer Bedeutung nach im Wesentiichen zur Seite, wenn sie 
auch jedes in seiner Weise original gedacht und gedichtet selbständige 
Ausführungen des einen unerschöpflichen Themas sind, welches dem 
gewaltigen Thun und Wirken des Sonnengotts am und vom Himmel 
gilt Ist der Eber zweifellos wieder in einer neuen Variation die 
Personification des Wolkendunkels, wie es nicht nur am Himmel sondern 
auch vom Himmel herab im Winter durch Überschwemmung der 
Thäler und Niederungen verderblich wirkt und welches wieder nur 
allein durch das wohlthätige Wirken des Sonnengotts überwunden wird, 
so hat das Abenteuer mit dem Erymanthischen Eber zugleich Anlass 
gegeben die köstliche Episode von dem Kentaurenkampfe einzuflechten. 
Haben wir die Kentauren früher schon als die aus den Wolkenrossen 
zu menschenähnlichen Riesen herausgewachsenen Dunkel- dh hier 
Wolkengestalten kennen gelernt, so schildert die Verbindung des 
Sonnenheros mit den Kentauren die wunderbare Vereinigung der Sonne 
mit den Wolken, wie diese ähnlich in dem Wechselverhältniss des 
Dionysos und der Satyrn dargestellt erscheint. Während nemlich 
Sonnengott und Wolkenriese einmal freundschaftlich geeint durch die 
himmlischen Gefilde dahinwandeln, erscheinen ein andermal die Wolken- 
riesen in heftigem Aufruhr gegen den Sonnengott, den sie in wilden 
gigantischen Sprüngen und Anläufen umtoben und umringen, über- 
wälzen und überwältigen. Und sieht zugleich der mythenschafFende 
Geist in dem himmlischen Nass einen kostbareren Stoff, den Wolken- 
wein, so gestaltet sich nun ganz von selbst das Verhältniss des Sonnen- 



*) Über die Lernaeiscbe Hydra dh Wasserschlang-e Welckcr AD 3, 25 7Ö'; 
Gerhard AVB 2, S43flf; Furtwängler ML 1, 2198ff; Konitzer Herakles u. die Hydra. 
Breslau 1861; StoIIML 1, 2769f. Hsd 3 1 3fif gleich dem Löwen von Typhon und 
Echidna erzeugt, wieder von der Mondgöttin Hera genährt, von Herakles mit 
dem Schwerte getödtet. Zahl der Köpfe 3, 7, 9, auch andere Zahlen, kyklisch zu 
verstehen; daher eigentlich nur ein Kopf unsterblich, die andern sterblich Ale 118; 
Apd2, 77. Kampf Apd 2, 77ff; Dd4, 11. Ihr giftiger Anhauch Hyg30; ihre Bez. 
zum Nass aus ihrem Namen und der frühen Localisation im Thalg^nde P 2, 37« 4 
zu schliessen; daher Servö, 287 ganz als Überschwemmung gefasst. Das Aben- 
teuer mit dem kollossalen Seekrebs Erat 11 ist als ein SeitenstQck zum Aben- 
teuer mit der Hydra selbst aufzufassen; später sind beide vereinigt. Herakles bei 
diesem Kampfe verwundet St 'Axy). Die Vergiftung seiner Pfeile Apd 2, 80 uo. 
Auf die Theilnahme des Jolaos u. der Athene ist zurückzukommen. 

Gilbert, Gotterlebre. 13 



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Ip4 Spezieller Theil. 

gotts und der Wolkenriesen zu einem gemeinsamen Zechen, während 
wieder der wilde Aufruhr der übrigen Kentauren gleichfalls aus dem- 
selben Motiv hergeleitet wird. Die Entstehung des Mythus muss also 
zu einer Zeit erfolgt sein als die Realität der Wolkenriesen und des 
Sonnengotts noch feststand: aber im Laufe der späteren Entwicklung 
hat sich die unmittelbare plastische Anschauung verloren und traditionell 
fortgepflanzt hat der Mythus manche echte Züge verloren, manche 
künstiich gemachte angenommen. An dem eigentlichen Gehalt des- 
selben kann kein Zweifel sein*). 

Denselben Gegensatz des Sonnengotts gegen das Dunkel der 
Wolkenmassen wie der Regenmassen haben auch die Mythen von den 
Stymphalischen Vögeln und von den Rossen des Diomedes, wie nicht 
minder diejenigen vom Kerberos und vom Augeiasstall zum Gegen- 
stande. Während die Vögel die im Schnee sich entladenden Wolken 
sind, die durch das siegreiche Hindurchbrechen der Sonne verscheucht 
und überwunden werden, sind die wilden Rosse gleichfalls die Sturm- 
und Wolkenrosse die der Sonnengott bezwingt und überwältigt, um 
nun der gebändigten selbst sich auf seiner Fahrt durch das Himmels- 
feld zu bedienen. Dieselbe Auffassung tritt uns sodann in Kerberos 
entgegen, nur dass hier die gebändigte Dunkel- und Wolkenerscheinung 
die Gestalt des Hundes annimmt: Herakles den Höllenhund in seinen 
Annen tragend stellt wieder in neuer Auffassung denselben Naturvor- 
gang dar, den der den Hermes in seinen Armen tragende Apoll zum 
Ausdruck bringt Und zugleich ist wieder das Ringen des Herakles 
mit Kerberos nur eine andere ältere Form des Mythus, wonach Herakles 
mit Hades selbst, Apollon mit Hermes ringt: Hades und Hermes sind 
die spätem, entwickelteren Formen des früher als Hund, als Stier, als 
Ross gefassten Dunkels. Und so ist auch Geryoneus nur ein anderer 
Name des Hades-Hermes selbst und seine Heerden drücken denselben 
Gedanken aus den wir auch in den Heerden des Hades und Hermes 
wiederfinden'). Und endlich kann auch die Reinigung des Augeias- 

*) Ober die Kentanren oS 88 ; in ihrem Besitz das Weinfass Stcsich 7, 
welches sie von Dionysus erhalten; vgl. Panyas 4. 12 — 14; Pisanderp; Furtwingler 
ML 1, 2193f. 2199f; AJb 13, l4ff; Apd 2, 83ff; Dd 4, 12. Der Eber die vom Himmel 
kommende Überschwemmungf daher die Landschaft verwüstend ; als Wolkenbildung 
von der Sonne getragen; also derselben Bedeutung wie wenn Apoll den Hermes 
fortschleppt. Wesentlich gleicher Bedeutung mit dem Eber scheint der Stier zu 
sein vgl oS 80 ; daher gleichfalls die Landschaft verwüstend und von Herakles 
getragen. Doch ist diese hellenische Auffassung durch Vermischung mit der 
semitischen, nach der der Sonnengott selbst als Stier gefasst wurde, in ihrem 
Vcrständniss getrübt. Vgl Apd 2, 94f ; Dd4, 13; Fl, 27, 9; Serv 8, 294; Furt- 
wingler l, 2201. 2225. 

^ Die Stymphal. Vögel oS 74; die Vergleichung des Schnees mit Federn 
tritt auch Her 4, 7 hervor wo Luft und Erde nzipib^ xtx^l^^voDV angefüllt ist Das 



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Dunkel und Licht. I95 

Stalls nichts anderes bedeuten als die Reinigung des himmlischen Ge- 
fildes von dem Schmutz und dem Unrath des Winters: auch hier ist 
es der Sonnengott wieder der im Frühling durch seine siegreiche Er- 
scheinung diese That vollführt. Und wie die am Himmel über einander 
gelagerten Wolkenmassen des Winters sich erst durch gewaltige Regen- 
entladungen auflösen und dem siegreichen Wiederkommen des Sonnen- 
gotts Raum geben, so heisst es von Herakles dass er in den Unrath 
der Stallungen einen mächtigen Wasserstrom hineinleitet und aut diese 
Weise den Schmutz wegspült und fortschafit *). 

In all diesen Mythen sehen wir das Verhältniss des Sonnengotts 
zum Dunkel in immer neuen, aber immer plastisch erfassten, original 
gestalteten Schöpfungen zum Ausdruck kommen. Und wie die vor- 
stehend behandelten Mythen im Rahmen des Dodekathlos ihren Platz 
gefunden haben, so giebt es wieder andere gleichen Inhalts welche 
ausserhalb jenes Ringes der 12 Kämpfe geblieben sind. Auch sie 
preisen in andern Fassungen das mächtige Wirken des Sonnengotts, 
der am Himmel seine einsame Bahn ziehend in nimmer endigenden 
Thaten gegen das Dunkel ringt. So ist zunächst der Kampf des Herakles 
mit dem Riesen Antaios, wie derjenige mit dem Drachen welcher die 
Hesione bewacht wieder nichts anderes als das Ringen der Sonne mit 
den Wolkenriesen: wird der Wolkenriese dort als eine dem Ares ver- 
gleichbare Kolossalgestalt gefasst, so wird er hier zum Drachen. Und 
wenn es heisst dass Herakles in den Bauch des Drachenungeheuers 
hineinspringt und demselben von innen den Bauch aufschneidet, so 
drückt auch das wieder in unmittelbarer Anschauung den Naturvorgang 
aus, in welchem die Sonne in der Wolkenmasse verschwindend in ihr 
Inneres, ihren Leib einzudringen schein^ bis sie die verhüllende Masse 
durchbrechend und wieder emportauchend den Leib des Drachen aus- 
einanderreisst. Auch hier ist also wie überall der Mythus unmittelbar 



Abenteuer Pherec32: Hellanöl; Pisander4; SchApi, 1052; Apd 2, 92f ; Dd4, 13; 
Furtwänj?ler ML l, 2200f. 2224/. Der Wind wird hier zur Klapper mit der der Sonnen- 
gott die Wolken Vögel verscheucht. Die Rosse oS 84. Das Abenteuer Apd 2,96f; 
Hyg30; EurA! 504 uö: die 4 Pferde den 4 Windrichtungen entsprechend; daneben 
1 Pferd wie die Kunstdarst. ergeben Furtwängler ML 1, 2202. 2225f, hierin also gleich 
dem Bellerophon in Bez. zum Pegasus. Der Angabe von der Zerreissung der 
Rosse durch die Wölfe des Öpo^ "OXuiiTtov liegt wohl ein Missverständniss zu 
Grunde: als Vemlchter der Rosse wird von Haus aus Lykos (der Lichte: Kap. 8) 
gegolten haben. Über Kerberos hernach; das Abenteuer schon 6367; X623; der 
Kampf mit Hades E 395ff nur eine andere Version. Vgl Apd 2, I22flf; Furtwängler 
ML 1, 2205. 2229. Das Heraufholen des Kerberos sehr beliebt Stesich 11; Hecat 
346 (Taenarum); Panyas9 ua: später mannigfach localisirt und durch Episoden 
erweitert. Ober Geryoneus hernach. 

>) Apd 2, 88ft*; Hyg 30 ; Furtwängler ML 1, 2229. 

13* 



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1^6 Spezieller Theil, 

aus dem Anschauen herausgewachsen: er spricht nur das aus was das 
Auge sieht und wird nur darin und dadurch zum Mythus selbst, dass 
er die Sonne einer- das Dunkel bezw. die Woikenmasse anderseits als 
lebende Wesen, als Personen fasst*). 

Und wie bei der Sage von der Befreiung der Hesione der Dunkel- 
dämon zum Ungeheuer wird, so sind Triton und Nereus, Nessos und 
Acheloos nur andere Formen desselben Mythus: das Ungeheuer wird 
in diesen Gestalten zum menschlichen oder menschenähnlichen Wesen, 
welches aber in seiner körperlichen Bildung seinen Ursprung wie seine 
Beziehung zu den himmlischen Gewässern nicht verleugnen kann. 
Herakles der Sonnenheld und als solcher der Inhaber des himmlischen 
Feuers ist der natürliche Gegner dieser das Nass bergenden Dunkel- 
gestaiten. Und wieder Alkyoneus, Kyknos, die Giganten sind gleich- 
falls nur andere Namen und Formen desselben lichtfeindlichen Dunkels, 
wie es in ewigem nie rastenden Kampfe die Sonne mit ihrem Glänze 
und Lichte befehdet. Und endlich sind auch die Schlangen weiche 
das Herakleskind zu erdrücken suchen nichts anderes als die Wolken- 
schlangen, welche das göttliche Kind nach seiner Geburt im Frühling 
in ihren Umringlungen verbergend es zu ersticken drohen, bis das 
Sonnenkind erstarkend, die Wolkenstricke zerreissend siegreich aus den 
Wolken hervortaucht und in strahlender Kraft und Schönheit unbesiegt 
seinen Triumphzug durch das himmlische Gefilde vollendet'). 

Lassen wir andere Mythen von Herakles, die gleiche oder ähn- 
liche Anschauungen zum Ausdruck bringen, hier bei Seite, so mag es 



1) Pherec 33. 33d. 33e seine Riesengestalt; Pisanderö; PdPp, lOSffSch; J 4, 
52; Apd2, 115; FurtwänglerML 1, 2206f; 2230f. Der Ringkampf ist durch Ein- 
fügung des Motivs vom Weibe erweitert. Auch hier ist die Überwindung des 
Antaios durch Umschlingung mit seinen Lichtarmen ein echter traditionelljer Zug. 
Wenn es von Antaios heisst dass er aus der Erde immer wieder neue Kraft sog, 
so drückt das die enge Verbindung der Wolken mit der Erde, aus der sie her- 
vorzubrechen scheinen gut aus. Seeungeheuer Weizsäcker-Drezler ML 1, 2591 (f; 
Furtwängler l, 2192f. 2230. 

*) Triton und Nereus oS 177; Nessos vWilämowitz Her. l,45vSophT 
546ff: auch hier ist das von ihm ausgehende Gift das himmlische Nass nach seiner 
vernichtenden Wesensseite; Acheloos SophTsiO; Apd 2, I48; sein Hom oS 60; 
wenn er durch das letztere jedes Gebet um Speise und Trank erfüllen Pherec 37 
und alle Fülle des Herbstsegens gewähren konnte Dd 4, 35, so ist klar dass es 
sich hier nicht um den irdischen Strom sondern um den himmlischen Wolkenstrom 
handelt, der in seinen Wassern das Leben und Gedeihen für die gesamte Vege- 
tation enthält. Vgl. Furtwängler ML 1, 2193; 2194f; 2230; 2209f. Alkyoneus (vgK 
hernach) ist wieder der in seiner Colossalgestalt aufgefasste Wolkenriese, der 
unbeweglich am Himmel ruht SchPdN4, 43; J5i47; Furtwängler MLl,2208f; 
Kyknos oS 73; Furtwängler 221 of; Giganten 22 11 f. Ober die Schlangen welche 
das Kind erwürgen wollen PdNl,35flf; Pherec 28 ctc; Furtwängler l, 2222ff. 



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Dunkel und Licht. ig7 

doch gestattet sein auch auf die andern Hauptsonnenheroen noch einen 
kurzen Blick zu werfen. Sonnenheroen sind Bellerophon, Perseus, 
Kadmos, Jason, Der Kampf des Bellerophon gegen die Chimaera ist 
inhaltlich völlig gleich dem Kampfe des Herakles gegen die Hydra. 
Trägt atich die Chimaera in ihrer Dreigestalt der Beziehung zum 
Monde Rechnung, so schildert doch der Kampf selbst wie ihn Belle- 
rophon gegen das Ungeheuer führt wieder den Kampf der Sonne gegen 
das Dunkel wie es in gewitterlichen und winterlichen Wolken- und 
Wettermassen sich gegen das Licht aufthürmt. Und anderseits stellt 
die Verbindung des Bellerophon mit dem Rosse Pegasus diejenige 
Seite in dem Verhältnisse von Sonne und Dunkel dar, in der jene die 
anfangs widerstrebende feindliche Wolke bändigt und zähmt, sodass sie 
nun selbst von der Wolke getragen, des Woikenrosses sich bedienend 
erscheint. Tritt hier also Bellerophon einmal in der Zähmung des 
Woikenrosses gleich dem Herakles auf, der die Thrakischen Rosse 
bändigt; und anderseits in der Bekämpfung der Chimaera ihm gleich, 
da er die Hydra, überwältigt: so vergleicht sich der Kampf des Per- 
seus mit dem Meeresungeheuer, dem Andromeda preisgegeben ist, in 
allen Stücken wieder dem Kampfe des Herakles gegen den Drachen 
der Hesione. Das die schöne Mondjungfrau überwachende, sich über 
sie lagernde und sie überwältigende Wolkendunkel wird von dem 
Sonnengotte bekämpft, besiegt, vernichtet und so die gefährdete Jung- 
frau errettet. In unzähligen einzelnen Zügen erscheinen die Sonnen- 
heroen Herakles, Bellerophon, Perseus gleich^). 

Und wieder die Mythenringe der Sonnenheroen Jason, Kadmos 
uA sind alle derselben Wurzel entsprungen, wenn auch hier wie dort 
historische Momente eingewirkt haben, welche die ursprünglich rein 
den Naturvorgang zum Ausdruck bringenden Mythen im Laufe der 
Zeit beeinflusst haben. Speziell Jason und Kadmos erscheinen in 
wesentlichen Stücken so gleich, dass sie nur wie zwei aus derselben 
Wurzel gleichen Volksthums und gleicher Stammesgeschichte ent- 
sprossene Gestalten aufzufassen sind. Der Drache den Kadmos tödtet 
ist seiner Natur und seinem Wesen nach gleich den Sparten welche 
ihm entsprossen: wird das Dunkel in dem Drachen einheitlich aufge- 
fasst, so erscheint es in dem Sparten, die wieder ihrerseits nur ein 
anderer Name der Giganten sind, in seiner Vielheit. Die zusammenge- 
ballte Masse der Wolken löst sich in einzelne bewegte und durch ein- 
ander wogende Theile auf. Und wie die Wolkenrosse ihren Herrn dh 
sich selbst zerreissen — da die vom Sturm bewegte Masse sich selbst 



1) Chimaira oS 82. Hsd 319 mit 3 Köpfen; Zl79ff dreifach gebildet; 
n 326f; H 2, 190; Engelmann ML 1, 893f; Rapp 763ff. Pegasus Rapp ML l, 758flf. 
Perseus das x5)toc der Andromeda bekämpfend Rosctier ML 1, 345ff. 



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Ip8 Spezieller Theil. 

zu vernichten, sich aus einander zu reissen scheint — so zerfleischen 
auch die Wolkenriesen sich selbst, indem sie sich übereinander wälzend 
in wildem Aufruhr unter und gegen einander erscheinen. Völlig gleich 
diesem Kampfe und Gegensatze des Sonnenheros Kadmos gegen den 
Woikendrachen und die Wolkenriesen vollzieht sich dann auch der 
Kampf des Jason gegen den Drachen und die Riesen. Und wie 
Herakles die Wolkenlöwen überwältigend in seinem Felle die Sieges- 
trophaee erbeutet — das lichte Überbleibsel der dunklen Wolkenmasse 
— so erbeutet auch Jason das goldne Vliess dh wieder die vom goldnen 
Licht umsäumte freundliche segensreiche Wolke, die ihres finstern ver- 
derblichen Wesens entkleidet ist. Und wie Herakles die unbändigen 
Sturm- und Wolkenrosse überwältigt und dienstbar macht, so zwingt 
auch der Sonnenheros Jason die Wolkenstiere in seinen Dienst: er 
bändigt die von Haus aus wild bewegten, trozig der Einwirkung des 
Sonnenlichts sich entziehenden Wolkenmassen, dass sie fortan ruhig und 
geduldig dahingleiten, von der Macht der Sonne geleitet und bewegt, 
ihr dienend und gehorchend i). Es ist also hier nur der eine Unterschied 
der Auffassung welche dort die Wolken als stürmische Rosse, hier die- 
selben als wilde trozige Stiere denkt. Herakles, Bellerophon, Perseus, 
Kadmos, Jason erscheinen so als wesensgleiche: wir haben in ihnen 
Sonnenheroen zu erkennen, die in immer denselben Auflassungen, nur 
wechselnd nach Standpunkt und Zeit des Mythendichters, erscheinen. 
Wird das Dunkel einmal als furchtbarer Drache, als gräuliches Unge- 
heuer gefasst, so gestaltet es sich ein andermal zum wilden Stier, zum 
unbändigen Ross — welches den vier Weltgegenden entsprechend zum 
Viergespann wird — , oder es wird der Vielheit seiner Erscheinungen 
gemäss zu einer Schaar von Riesen oder Kentauren. Es ist immer 
dieselbe Wurzel aus der alle diese Mythendichtungen erwachsen. Es 
würde langweilig sein immer Ausführungen desselben Themas vor sich 
zu haben, wenn nicht gerade in der mannigfachen Gestaltung des- 
selben, in der wunderbaren Vielseitigkeit, wie die Naturvorgänge auf- 
gefasst werden, in der meisterhaften Verflechtung tief aus der Seele 
geschöpfter Züge mit dem von der Natur gegebenen und doch wieder 
so verschieden zu deutenden und zu gestaltenden Stoffe der mythen- 
schaffende und mythendichtende Geist der Hellenen eine Genialität 
sonder gleichen bewiesen hätte. 

Eine in den verschiedensten Versionen sich bewegende Form 
dieses Gegensatzes zwischen Sonnengott nnd Dunkelgott ist nun die, 
in welcher die Feindschaft sich um den Besitz der Wolkenheerde 
dreht und dieser Mythus muss uns hier etwas eingehender beschäftigen. 



*) Kadmos' Kampf gegen Drachen und Sparten Crusius ML 2, 827ff. 834ff; 
Jasons Abenteuer Seeliger 2, öQff. 



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Dunkel und Licht. 



199 



Während Herakles, der grosse nationale Sonnenheros Griechenlands, 
die Stelle des Sonnengotts selbst vertritt, erscheint sein dunkler Gegner 
unter verschiedenen Namen, wie sich zugleich der Kampf selbst der 
Sage nach an sehr verschiedenen Stellen abspielt. Man kann aus 
diesen mannigfachen Formen, unter denen der Mythus erscheint, er- 
sehen wie verbreitet und wie beliebt die Sage selbst war. Geryoneus, 
Eurytion, Menoitios, Alkyoneus, Cacus sind nur verschiedene Namen 
des einen Dunkeigotts, der sowohl nach seiner Seite als Nachtgott wie 
als Wolken- und Sturmgott erscheint. Die spätere Dichtung hat diese 
verschiedenen Versionen der einen Sage, die sich, überall selbständig 
bildete und eigenartig fortpflanzte, in einen grossen Mythenring zu- 
sammengefasst, der dieselben nun wie die verschiedenen Phasen eines 
grossen zusammenhängenden Abenteuers erscheinen lässt^). Um die 
Wolkenheerden dreht sich der Kampf. Denn wenn die Wolken nach 
der wechselnden Zeit ihres Erscheinens, nach ihrer verschiedenen 
Richtung, Farbe, Gestalt bald enger mit dem Dunkel, bald enger mit 
der Sonne verbunden erscheinen, so werden sie eben danach bald als 
Eigentum des Dunkeigotts, bald als das des Sonnengotts characterisirt 
und es findet ein Kampf der beiden Gegner um ihren Besitz statt. 
Daher der wunderbare Wechsel, wonach jene Heerden bald als die des 
Helios oder eines andern Sonnenheros, bald als die des Hades oder 



1) Material "Wieseler Allg. Enc. Geryon; Voigt-Drexler ML 1, l630ff; Furt- 
wängler l, 2203f. 2226f. Die Dreigestalt des Geryon Hsd 287; Stesich 6; P 5, 19» 1 
(Kypseloslade) ; Apd 2, 106; Dd4, I7ff; Vasenbilder Doell Mem. Petersb. 1873 
N. IV . T. VII,8 lassen nur die Deutung auf die Nacht bezw. Mond zu. Der 3köpfige Hund 
Gardner Journ 13, 74 in Verblödung mit ihm macht ihn ganz zu einem andern 
Hades. Dagegen kann der Name nur von yT}p6<o, Y^P^ (Hom) abgeleitet werden 
uud ihn als den brüllenden Sturmgott characterisiren. SchHsd 287 bezeichnet ihn 
als TÖv xetl^spivöv xatp6v. Man erzählte von ihm in Epirus oS 6; Schg327 Dodona; 
Sicilien Dd4, 24; Stallen SuetTib 14; Olympia PhilHer p289; Cypern Doell aO; 
im Gebiet der Aenianen Arist6ocu|Ji 1 33. Der Kentaur Eurytion 9 295 wird kein 
anderer sein als der der Geryonis; vgl. auch Bacchyl 60. Hsd 293 ist er ßoüx6Xoc 
des Geryon; Apd 2, 108; SchHsd 293 bringt ihn mit fiiizö^ zusammen. Höchst be- 
achtenswerth die Verbindung mit einem mächtigen Baume, dem Wolkenbaume 
RevArch 1872, 2. 22 3ff; pl. 21; Doell aO T. XI, 6; PhilVAp 86f; Gardner Journ 1 3, 
74. Der Menoites wohl identisch mit Menoitios dem Bruder des Prometheus 
Hsd 515; Apd 2, 125 im Hades Gegner des Herakles, wie er auch Apd 2, 108 die 
Heerde des Hades weidet und selbst Sohn des Keuthonymos (= Hades) ist Apd 2, 125, 
Alkyoneus Rinderhirt PdJ 6, 32 (Seh xoc *HX£oü ßdotg Ani^OLat; Apd 1, 35; auf Vasen- 
bildem OJahn BSG 1853, I35ff. T. 5. 7- 8. 9) als ungeheurer Wolkenriese; Apd 1,36; 
PdN4, 27, seinem Namen nach mit Kälte und Winter zusammenhängend. Ober 
Cacus Breal mel. de myth. et de ling. 1 — 163. Gleiche Gestalten Eryx auf Sicilien 
Apd 2, 111: Dd 4, 23; P3, 16, 4; ^dXaxpoc Sch|ji30i; SchAp4, 965; PanyasSJ 
Lakinios an der Ostküste Italiens Dd4, 24; Serv3, 552 uA. 



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200 Spezieller Theil. 

eines Dunkelheros erscheinen. In seinen westlichen Höhlen und 
Ställen birgt der Dunkelgott die Heerden, während der gewaltige die 
ganze Welt durchmessende Sonnengott sich morgens aufmacht die ver- 
lorenen zu suchen, direkt in das Reich des Feindes eindringt, um hier 
mit ihm um den Besitz der Heerden zu ringen, und am andern Morgen 
mit ihnen im Osten wieder erscheint. Den mannigfach wechselnden 
Phasen des Naturvorgangs sucht der Mythus wohl gerecht zu werden*): 
da er ihnen aber einen befriedigenden Abschluss geben muss, so lässt 
er den Sonnengott, wie das Licht ihm immer entschiedener zur 
Herrschaft gelangt, schliesslich im dauernden Besitz der Heerden 
bleiben, wie er auch zum einzig berechtigten Eigentümer desselben 
wird. 

Dieser Kampf um den Besitz der Heerden, wie ich ihn vor- 
stehend kurz skizzirt habe, ist also ursprünglich ein zwischen Helios 
und Hades, zwischen Apoll und Hermes, dh zwischen den grossen Cult- 
göttern des Dunkels und der Sonne sich vollziehender gewesen. Da- 
her die Heerden selbst noch als die des Hades und Helios, des 
Apoll und Hermes bezeichnet werden. Aber wie dieser Kampf um 
ihren Besitz ursprünglich mit dem gegenseitigen Morden der beiden 
Todfeinde verbunden war, so musste sich im Laufe der Zeit, als die 
Cultgötter zu den unsterblichen geworden waren, derselbe nothwendig 
umgestalten. So ist der Mythus selbst einerseits unverändert geblieben, 
aber er ist von den Göttern auf die sie repraesentirenden Heroen über- 



») Vgl. im Allg. oS 100. •HXfoü ßöt^ xal tqpta jJtfjXa X lo8; PanyasS; Her 
9,93; ACdou Apd 2, Io8 etc. Geryoneus nur ein anderer Name des Hades; an der 
W.-KQste von Epirus dafOr auch Adpivo^ SchAristAv 465 ; AelNa 12, 11; Nicander 
bei AntLib4; Hecat 349; Scyl 27. Die Rinder verborgen Hsd 294 in dunkler Höhle; 
Stesich 5 im äussersten Westen am Urquell; H 3, lOlff; 2, 233f Taenarum, da hier 
später der Hadeselngang localisirt wurde. In der gewöhnlichen Darstellung des 
Kampfs die Rinder Eigentum des Geryoneus, doch erscheint auf Erytheia sowohl 
die Heerde des Helios Apd 1,35, wie des Hades 2, 108. Gleicher Bedeutung sind 
die Heerden des Electryon Apd 2, 54, von den Söhnen des gleich Geryoneus ge- 
geflOgelten Pterelaos, die des Amphitryon von Polyxenos (= Hades) geraubt ua. 
Dort ist auch Anfangs- und Endpunkt der Wanderung, der äusserste O. und W. 
(vgl. auch SchAp 1,747; TzL 932) bedeutsam. Hier erleidet Electryon den Tod 
wie auch Herakles Arnob 1,36 im fernsten W. gestorben sein soll. Die Heerden 
des Iphiklos SchTheocr 3, 43ff gleicher Bedeutung. Die Hingelangung des Herakles 
in das Reich des Gegners auf Grund der bekannten Anschauungen ausgeschmückt 
(Panyas4. 5. 6. 7. 8; Pherec33h; Stesich?. 8; Pd8l. 169 etc). Den Kampf be- 
handeln zahlreiche Vasenbilder Gerhard VB 2, 76f; T. 104—108. Furtwängler ML 
1, 2203f; 2226f. Alkyoneus ein anderer Geryoneus Koepp AZ 1884, 31; Robert 
Herrn 19, 473ff. Später hat sich auch der Kampf um den Besitz des Weibes als 
weiteres Motiv eingedrängt. Natürlich haben die Mythographen später die Rück- 
kehr des Herakles benutzt eine Menge Localtraditionen einzufügen. 



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Dunkel und Licht. 201 

gegangen: Herakles tritt an die Stelle des Helios, des Apoll, Geryoneus 
Alkyoneus und andere Namen vertreten Hades, Hermes. Anderseits 
ist aber der Mythus selbst insofern umgestaltet als er sich sittlicheren 
Auffassungen anbequemt, den Mord zum Widerstreben, den Kampf 
zum Wortgefecht herabmildert, um schliesslich das Ganze zum harmo- 
nischen Ausgleich zu gestalten: in dieser Umgestaltung der ursprüng- 
lichen Form ist der Mythus den Cultgöttern selbst verblieben und als 
so umgestalteten werden wir ihn sogleich kennen lernen. 

Wenn uns demnach in dem zwischen Herakles und Geryoneus, 
sich vollziehenden Kampfe der absolute Gegensatz, der auf Leben und 
Tod sich abspinnende Widerstreit der beiden Mächte des Dunkels und 
des Sonnenlichts entgegentritt, so hat eine spätere Zeit, ein milderer 
Glaube, eine sittlichere Weltanschauung eine Ausgleichung dieser 
beiden Mächte in ihrer Natur selbst gesucht und gefunden : und dieser 
Ausgleich hat sich — es ist schon wiederholt darauf hingewiesen 
worden — in der Weise vollzogen, dass der ursprünglich ganz oder 
überwiegend auf die Nacht beschränkte Dunkelgott zugleich zum 
Wolkengott wird, dessen gemeinsames Wirken mit dem Sonnengotte 
ihn allmälig seines Widerstreits gegen diesen entkleidet und ihn schliess- 
lich zum Genossen, zum Kameraden, zum Freunde des letzteren macht. 
Diese Auffassung der beiden Götter als der freundschaftlich geeinten 
tritt uns in einer unzähligen Menge von Beispielen entgegen: eins der 
interessantesten bieten die Dioskuren. Diese Söhne des Zeus, des 
Himmelsgotts, finden sich in Sparta, in Messenien, in Argos, in Attika, 
in Elis, in Boeotien und sonst und zeigen in dieser allgemeinen Ver- 
breitung, dass der ihnen zu Grunde liegende mythologische Gedanke 
einst alle hellenischen Landschaften gleichmässig beherrscht hat*). 



*) Allg. Furtwängler MLl, li54ff: Cultstätten das. ll64ff. Cypria 5ff; PdN 
lO, 49flFSch; Theoer 22 noch manche altertOmliche Züge erhalten. Die Messenier 
nahmen die Dioskuren in erster Linie fQr sich in Anspruch P 3,26, 3; 4,31,9. 
Ober die böotischen oS 183; sie sind wesentlich dieselben; ebenso die von Elis, 
die Aktorionen oder Molioniden (ML l, 2l8ff), die aber (A 749 Seh; Eust; qr638ff; 
Jbyc 16: Apd 2, 139ff; SchPdO 11, 29; P 2, 15, 1 ; 5, 2, 2) in einzelnen Stücken die 
altertümlichste Form sich erhalten zu haben scheinen. Vgl. ASchultz PrHirschberg 
1881. Als Angehörige eines später überwundenen Göttersytems erscheinen die 
DioskureiK schon Hom, indem sie T 236ff als Gestorbene gekennzeichnet werden. 
Dem entsprechend werden sie auch (T 238 von Helena nur aöxoxaotYVi^xa) ; H 27, 2 
Tuvdap(da( oX Ztjvös 4^y4vovto genannt) X 298ff als Söhne des Tyndareos bezeich- 
net, während Helena Tochter des Zeus selbst ist. In Wirklichkeit ist Tyndareos 
als Cultname des Zeus zu fassen Apd 3, 1 26. Die Gleichheit der Dioskuren mit 
den Molioniden geht speziell daraus hervor dass die ersteren nicht nur Zwillinge 
sind (PdO 3, 35 ö£öi>iJivot; EurE 1238 ÖCircoxot; ebenso die Molioniden ^T 641 
8(du{ioi; Hsdf99 diqputl^ 860 sxovxt^ oco^iaxa x. xot>€autJiiU9uxöxac dXXfjXoi^; danach 
Pherec 36 ausgeschmückt), sondern auch gleich den Molioniden aus einem Ei ge- 



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202 Spezieller Theil. 

Beschränken wir uns hier auf die Betrachtung der spartanischen Dios- 
kuren als der bekanntesten, so berichtet der Mythus dass die Dios- 
kuren ursprünglich einen um den andern Tag lebend und herrschend 
später gemeinschaftlich den einen Tag auf der Oberwelt verweilen, 
um eine gleiche Zeit, aber wieder gemeinschaftlich, zu verschwinden. 
Diese Heteremerie kann nur in Bezug auf den Wechsel von Tag und 
Nacht verstanden werden: die Nacht erscheint der Zeit nach als ein 
anderer Tag, der Nachtgott löst den Sonnengott für eine gleiche Zeit 
ab. Und hat, wie aus den vorher betrachteten Mythen hervorgeht, 
dieser zeitliche Wechsel der beiden Götter zugleich einen Gegensatz, 
einen Widerstreit in sich geschlossen, so ist es auch wahrscheinlich 
dass eine ältere Entwicklungsphase den Kampf und den Mord der 
beiden Brüder gekannt hat. Wenn Kastor als der gestorbene, Polydeukes 
als der unsterbliche erscheint, so haben wir uns zu erinnern, dass auch 
in dem Mythus von Geryoneus und Herakles der Dunkelgott von dem 
Sonnengotte den Tod erleidet. Wir haben also in dem Tode des 
Dunkelheros Kastor den Nachklang einer älteren Darstellungsform des 
Mythus zu erkennen, nach der der Dunkelbruder von dem Sonnen- 
bruder den Tod erleidet*). 

In dem Mythus von den Dioskuren kommt also die Entwicklung 
selbst zum Ausdruck welche der Begriff des Dunkels, des Dunkeigotts 
in der Auffassung der Hellenen erfahren hat. Ursprünglich ausschliess- 
lich oder übergewichtlich als Gott des nächtlichen Dunkels gefasst und 
als solcher zeitlich mit dem Sonnengotte wechselnd, seinem Wesen 
nach ihm diametral entgegengesetzt, ist er allmälig mehr und mehr 
zum Repraesentanten des Wolkendunkels geworden und hat als solcher, 
indem das letztere wieder immer entschiedener nach seiner freundlichen 
Seite aufgefasst ist, zugleich seinen völligen Ausgleich mit dem Sonnen- 
bruder gefunden. Schloss die ältere Auffassung des Dunkeigotts als 
des Nachtgotts das gemeinsame Wirken mit dem Sonnengotte absolut 
aus, so ist dieses nun durch seine Entwicklung zum Wolkengotte und 



bildet, daher P 3, i6, 1 ein von Taenien umwickeltes Ei im Tempel der Leukip- 
piden. Die Deutung auf die beiden ^{JtioqpaCpia bezw. Tag und Nacht übrigens 
auch Eust; Seh. 

*) Vgl X 303 ÄXXoxt |iiv ^i^ODa* fexspTJiJtepoi, äXXoxs ö' aSxft x4^&atvj PdN 
lOf 55 (ieTap«iß6)itvoi ivocXXo^ &^ocv xdv [liv ncapä nocxpl cpiXtp AI v6(iovxo(i, x&v 
8' bnb xsö^ot yaCo^ «6t|iov dtiiTiiiiTiXävce^ öjiolov; Seh; Pi 1,61 ff. Auf die Zeit 
ihres unterirdischen Lebens bezieht sich Alcm 5. Die Sterblichkeit des Kastor 
gejä^enüber der Unsterblichkeit des Polydeukes wurde später so motivirt dass jener 
Cyprias; PdN 10, 8of; Apd3, 126; Hyg 77 als Sohn des Tyndareus, dieser des 
Zeus angesehen wurde. Dass das gemeinsame Leben der Beiden an Stelle einer 
früheren Trennung trat ist die gemeinsame Anschauung aller Quellen Eust; Seh 
X 303 ; LucDD 26. 



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Dankel und Licht. 203 

schliesslich durch seine Beschränkung auf die lichten Tageswolken er- 
möglicht und damit der Dunkelgott zum engsten Genossen und Freunde 
des Sonnengotts geworden. In dieser Vereinigung des hellen freund- 
lichen Tagesgewölks mit dem glänzenden Sonnenlichte sind die Brüder 
der Ausdruck der erquickenden segensreichen Himmelserscheinungen 
überhaupt geworden. Wenn sie daher als Helfer und Retter in der 
Noth und zwar hauptsächlich auf der See erscheinen, wo sie durch 
das Opfer weisser Lämmer herbeigerufen, mit glänzenden Flügeln durch 
den Aether einhersegelnd sich ofienbaren und rasch die Stürme be- 
sänftigen, die Meereswogen ebnen, so kann hier ihre Epiphanie nur 
das Wiedererscheinen eines freundlichen Himmels, des mit leichten 
lichten Wolken vereinten Sonnenlichts bedeuten, welches der Schiffer 
als freundliche Vorbedeutung, als göttliche Gewähr dafür ansieht dass 
ihm die Rettung aus der Gefahr naht *). Und ähnlich werden sie auch 
zu Lande als Helfer und Retter angerufen. Der Umstand dass sie 
namentlich als zur Zeit des längsten Tages Rettung bringend dargestellt 
werden, weist schon von selbst auf die Macht des Lichts die im Sommer 
am unmittelbarsten zum Ausdruck kommt. Aber auch als geisterhaft 
schnelle Boten gelten sie, da sie im Wehen des Windes wie in den 
Fluthen des Lichtmeers die ganze weite Welt durchziehen. Und 
während von Haus aus der Wolkengott allein die Herrschaft über die 
Wolkenrosse besitzt und der Sonnengott ohne dieselben dahinschreitet, 
so gewährt der spätere Glaube auch dem letzteren die Herrschaft über 
die Wolkenrosse. Als Leukopoloi ziehen nun beide Brüder am Himmel 
dahin: auf goldenen Wogen durcheilen sie den Himmelsraum: mächtige 
Kämpfer, die um Hülfe im Streite angerufen werden; herrliche Jüng- 
linge die in leuchtenden wallenden Gewändern erscheinen; echte 
enagonioi die als Jäger und Kämpfer, im Hippodrom und in der 
Palaestra sich hervorthun^). Die ungeheure Machtfülle dieser beiden 

1) Schöne Schilderung H 33, 70. Beispiele ihres Helfens EurHel 1495^; El 
990flf; 1240fr; 1347ff; Callim 5, 23ff; Dd4, 43; Theoer 22, 6flf; vereint mit ihnen 
Helena EurO l636f. Man hat sie später mit dem Elmsfeuer zusammengebracht 
und mit den Kabtren identifizirt Furtwängler ll63r. 

3) Zu den Epiphanien AMommsen JbbSuppl 3» 355ff: Ph 1 1, 706fr. ZoöT^ps« Ter- 
pand4; Str 232; Callim 71 ; Cic de or 2, 35 2f; Ca 3, 195 etc. Die verschiederie Charak- 
teristik r237; X 300 wonach Kastor Ciwioödtp-og, Polydeukes nb^ iya^d^ auch Ap 
1, l46f; P5, 8,4; Plut TiGr2; PdP 5, 9; Z, Jl,i7f; Mon 11 t. 22; AZ 1846 N.44 
(Kastor zu Pferde, Polydeukes ohne solches). Alle heftigen Bewegungen Plato leg 
7t 6; Aristid 1, 24; LucSalt 10 auf die Dioskuren und speziell auf den Dunkelbruder 
Kastor zurückgeführt Bez. zum Sturmwind: der Angriffsmarsch KaoTÄp»vov PdP 
2,69; Plut Lyk 22 (Ath4, 84; SchPdP 2, 127); die Hunde KaoropCösg (Sturmhunde 
0S81) XenVen3, 1; Poll 5, 39; ihr Heiligentum mit dem Apöjio^ verbunden P 3, 
14, 6f. Dagegen der Sonnenbruder Polydeukes Ringer Simon 8; Kampf mit dem 
ungeschlachten Wolkenriesen Amykos Ap 2, l — i63Sch; Apd 1,119; Theoer 22, 



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204 Spezieller TheiU 

grossen Himmelssöhne, wie sie uns auch spät noch entgegentritt, ist 
nur verständlich wenn wir uns in Erinnerung halten dass sie — abge- 
sehen von dem Himmelsgotte selbst — thatsächlich alle göttliche 
Macht in sich vereinten. So sind und bleiben sie die Herren schlecht- 
hin, die Gewaltigen, die Gottessöhne, die Heilande. Denn in ihrer 
friedlichen und segensreichen Genossenschaft gewähren sie alles was es 
Natur und Leben förderndes und erfreuendes giebt: Ordnung von Zeit 
und Leben, Gedeihen von Früchten und Thieren, den unerschöpflichen 
Born von Licht und Luft der die Welt durchfluthet und aus dem Alles 
Leben und Gedeihen trinkt. Und zugleich sind diese grossen die Welt 
erhaltenden Mächte diejenigen zu denen sich der Mensch wie zu seines 
gleichen hingezogen fühlt, da sie die unverdrossen vom Himmel zur 
Erde, von der Erde zum Himmel auf- und niedersteigenden Heilande 
sind, die alles was sie thun nur für die Erde und den Menschen zu 
thun scheinen und die in unermüdlicher Fürsorge die ganze Fülle 
ihres Wesens in jedem Augenblicke über die Welt ausgiessen *). 

Was die Form des Mythus betrifft, in der uns derselbe erhalten ist, 
so kann es keinem Zweifel unterliegen, dass dieselbe durch historische 
Momente in hohem Grade beeinflusst und getrübt ist. Als nemlich die 
Spartaner nach Einverleibung des messenischen Gebiets hier, wo eine 
gleiche Bevölkerung auch gleiche Mythen hatte, einen Mythus vor- 
fanden der genau dasselbe erzählte wie der einheimische, hat eine 
Verschmelzung beider in der Weise stattgefunden, dass an die Stelle 
des Kampfs des einen Bruders gegen den andern — wie ihn die ältere 
Fassung gekannt und berichtet haben wird — der Kampf des einen 
Bruderpaars gegen das andere trat. Und indem das Object des Streits, 
die Wolkenheerde, sowie der einmal fesstehende Tod des einen Bruders 

27—134 mit bekannten Züjfcn. Beide XeincÖTWöXoi PdPi,66; 3»39; Alan 9; 
H 17, 5; 33» 18; Mitt 2, 313; P 3, 18, 14; Wolken wagen EurHel 1495; 2 od. 4 Rosse 
Stesich 1. Agone PdN IG, 52; P 3» Mi 7; 5» 15, 5. Auf älteren Bildw. gewöhnlich 
nackend; im Volksglauben in weissen und purpurnen Gewändern P 4, 27, 2. 

1) PS, 21,4 ^ol liSYdXot; in Attika P 1,31,1; Ca 1,34; 3,195.290; Ath 
6,27 'Avaxxeg, 'Avaxot, sonst P2, 36, 6; AZ 1882,383; Ja 37. Unklar der Name 
AaTcipaai Hes ; Str 364. In Messenien der Zeus vom Jthome mit den Dioskuren als 
höchste Götter verehrt P4, 27, 6; ähnlich in Sparta nebst Athene als d|ißoöXioi im 
Mittelpunkt der Stadt P 3, 13, 6. Hoch interessant ein Rad mit der Inschr. toI(v) 
^avdxoi(v) 4(i)|i£ Ja p. 1 73. 43a, wie auch sonst das Rad (Sonnenrad) auf MQnzen 
erscheint. Vgl noch Schlangen auf Amphoren, itlXoi (Hermeshut), xpiJvT) des Poly- 
deukes P 3, 20, 1 ; über die sie darstellenden eng verbundenen döxocva Plut. de frat. 
am. 1 oS 68. Die später genannte Verbindung mit Morgen- und Abendstem wohl 
schon EurHel 140 angedeutet. Als Pamiliengötter Scholl Hermö, 18; als Gäste bei 
ihren Freunden einkehrend P3, 16, 3 uo; hochaltertQmlicher Gebrauch Ath 4, 14. 
Natürlich galten sie später als Hauptvertreter der Bruderliebe EustaO; Theogn 
lo87ff; Pherec92; Erat 10 p. 86 etc. 



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Dunkel und Licht. 2O5 

erhalten wurde, ist allmälig der Mythus in die Form hineingepresst 
worden, in der derselbe wesentlich schon bei Pindar uns entgegentritt. 
Sinn behält der Mythus aber nur wenn wir den Kampf ursprünglich 
auf die Brüder selbst — den Dunkelgott und den Sonnengott — be- 
schränkt auffassen, welcher Kampf sich dann im Laufe der Zeit zur 
schönsten Harmonie, zum Ausgleich und zur Vereinigung der beiden 
von Haus aus feindlichen Brüder gestaltete*). 

Wenn nun schon der Mythus von den Dioskuren einmal in der 
Heteremerie, sodann in dem gemeinsamen Wandel am Himmel die 
beiden Hauptphasen in der Entwicklung des Dunkeigotts zum Ausdruck 
bringt, so geschieht dieses in noch viel anschaulicherer Weise in der 
Entwicklung des zwischen dem Sonnengotte Apoll und dem Dunkel- 
gotte Hermes bestehenden Verhältnisses, wie dasselbe in dem Home- 
rischen Hymnus dargestellt wird. OiFenbar hat der erste Dichter des 
letzteren noch ein volles Verständniss des Wesens der beiden Götter 
gehabt. Und wenn auch in der Reihe von Jahrhunderten, während 
welcher dieser Hymnus im Cultgesange ohne Zweifel eine Hauptrolle 
gespielt hat, Wort und Inhalt eine unausgesetzte Modelung und immer 
neue Anpassung an die wechselnde Auffassung und das schwindende 
Verständniss erfahren haben wird, das Wesendiche seines Inhalts hat 
nicht verloren gehen können'). Der Hymnus schildert uns die ganze 

^) Der Kampf um die Rinder angedeutet PdN 10, 60 ; ausführlich Apd 3, 
I34ff. Die hier berichtete Schlachtung des ßo0c deutet auf einen alten Gegensatz 
der ApharidenbrGder. In dem Kampf des Lynkeus mit Kastor tritt an die Stelle 
des feindlichen Bruders der ursprünglichen Auffassung der Apharide Cypria 9; 
PdN 10, ölfSch: der hohle Baum der Wolken bäum; Cypria 9 der weite Blick des 
Lynkeus hervorgehoben; Theoer 22, 137ff Hauptkampf zwischen Lynkeus und 
Kastor. Wenn Zeus den andern Bruder durch den Blitz zerschmettert so ist das 
ein fremder Zug. Eine spätere Fassung hat an die Stelle des Rinderraubs den 
Frauenraub gesetzt : Hilaeira und Phoibe Cultnamen der Mondgöttin ; das Phoibaion 
eng mit dem Heiligtum der Helena verbunden Her 6, 61 ; die Priesterinnen Hihren 
selbst den Namen Leukippiden P 3, 16, 1; ahnlich P4, 31, 9; 2, 22^ 5. SchPdN 10, 
112 sind die Aphariden die ersten Freier denen die Dioskuren die Bräute rauben. 
Frauenraub und Rinderraub verbunden Theoer 22, I37ff; HygSo. Seit Homer die 
Mondgöttin Helena in Schwesterverhältniss. Anderseits erscheinen auch die Hippo- 
koontiden (Bergk zu Alcm 15) als Gegner der Dioskuren: dvxt|ivif]aTi)ptc SchClem 
ed. Klotz 4» p. 107f; PIutThes 31 (Helena von dem einen Bruder begehrt). Auch 
beim Kampfe des Theseus und Peiritboos spielt der gegenseitige Frauenraub eine 
Rolle Alcm 13 (dazu Bergk); Schr242; PIutThes 31. Auch hier war vom Tode 
Kastors die Rede HygA 2, 22, Andere Namen von Gegnern Kastors SchX 302 etc. 

>) Vgl. Bergk Litt. Gesch. 1, 766ff; Baumeister Hymni l82ff; Gemoll d. Hom. 
Hymnen l8lff; dazu GottfrHermann Hymni Hom 1806. XXXVII—LXXXDC ; ALud- 
wich Jbb 133,433ff; 137, 734; 139, 4l3ff uo; Allen Journ 17, 252ff". Auf Kritik im 
einzelnen kann hier nicht eingegangen werden. Die schriftliche Fixierung des 
Hymnus mag (Gemoll 193) wegen der 7 saitigen Leier nach Ol. 26 zu setzen sein. 



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206 Spezieller Thell. 

Entwicklung des Wechselverhältnisses von Dunkelgott und Sonnengott 
in einer so plastischen Form, einem so tiefen Verständniss, einer so 
geistvollen Auffassung, dass der Hymnus als die wichtigste Quelle be- 
zeichnet werden darf, die uns über die hellenische Religionsgeschichte 
erhalten ist. Ob der Humor, der uns in der Behandlung des Wechsel- 
verhältnisses der beiden Götter entgegentritt, schon der Originalform 
des Hymnus eigen gewesen, ist freilich zu bezweifeln: jedenfalls gehört 
die Form, in der uns der Hymnus vorliegt, einer Zeit an, in der das 
volle Verständniss, wie der Ernst der Auffassung in Bezug auf das 
Leben und Wirken der himmlischen Götter schon anfing einer spielenden 
Behandlung der heiligen Dinge zu weichen, die es sich nicht versagen 
konnte, von überlegenem Standpunkte aus den eigenen Witz da walten 
zu lassen, wo einst in ursprünglicher Betrachtung Furcht und Ernst 
die bestimmenden Factoren gewesen waren*). 



Wo sich die im Hymnus wiedergegebene Tempellegendc speziell ausgebildet hat 
wissen wir nicht; man denkt zunächst an das Heiligtum auf dem Kyllene, Ober 
welches wir nur die Notiz P 8, 1 7« 1 haben. Hat der Hymnus seine abschliessende 
Gestalt in Kolophon erhalten (Fick BezzBeitrQ, 20l) so werden die ionischen 
Colonisten der Stadt den Stoff in älterer Gestalt schon von Pylos (Mimn 9. 10) mit- 
gebracht haben. Apd 3, 112 — 115 hängt in den wesentlichen Stücken von unserem 
Hymnus ab; Nicandros AntLib 23 giebt dagegen eine späte Version wieder, bei 
der die Verwandlung des Battus (so auch OvM) die Hauptrolle spielt. Auch 
Alcaeus' Hymnus (5 — 8) hat jedenfalls den Rinderdiebstahl als Hauptsache gegeben; 
8 deutet andere Züge an. Der Hymnus hat im Laufe der Zelt mannigfache Schick- 
sale auch im einzelnen erfahren. Die Verse 1 — 16 bilden die Einleitung; 20 — 23 
den Übergang zum Hauptthema; 24 — 67 später zugeflSgt; 68 beginnt die Erzählung 
vom Rinderraube. (Vgl. auch Ale. 7 ) Zu bemerken ist aber dass, wenn der 
Dichter die Entwicklung des Verhältnisses der beiden Götter geben wollte, dieses 
ohne mannigfachen Zwang nicht geschehen konnte. Er musste daher alle Zufällig* 
keiten und Unebenheiten, welche der physicallscfae Vorgang selbst bot, weglassen 
und in jeder einzelnen Scene nur das geben was ihm passte und seinem Zwecke 
diente. Vgl. Ahrens Phi9»40lff. 

1) Die Rinder werden aus Pierien 'geraubt 191 um nach Pylos entführt zu 
werden: wir haben anzunehmen dass an Stelle von Pylos ursprünglich die West- 
küste von Eplrus als Ziel galt. Der äusserste O. und W. ist bedeutsam; EIC^ 
III, T* 86 stellt die beiden Endpunkte einander gegenüber. Der Rückzug des 
Hermes auf den Kyllene ist ein Anbequemen an die Cultstätte. In dem Culte' hat 
offenbar das dvrpov (6.23.172.234.359) als XCxvov (21.63 1 50. 290.358) eine 
grosse Rolle gespielt; vgl. GHirschfeld bei Scheftler de Mercurio DKönlgsberglff. 
Die Angabe Philj 1, 26 Hermes sei auf den xopo^al des Olymp geboren ist ver- 
einzelt. Die geraubten Kühe sind 70ff ^8(5v |iaxdp(Ov, doch werden sie 1 8. 22 uo als 
Eigentum des Apoll bezeichnet und dieser Auffassung trägt der Context Rechnung; 
vgl. auch AntLib 23: PhilJ 1, 26. In der Zahl 50 (74) ist ein kyklischer Charakter 
unverkennbar; ähnliche Bedeutung haben die 12 Kälber, lOO Kühe, 1 Stier AntLib. 
Im Hymnus lässt Hermes den Stier und die 4 Hunde (oS 81) als Grundstock der 



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CmOO^Q: 



Dunkel und Licht. 207 

Der Hymnus zerfällt in eine Reihe von Akten, deren jeder die 
Zeit eines Tages bezw. einer Nacht für sich in Anspruch nimmt: insofern 
gestaltet sich das Ganze zu einem Drama, dessen einzelne Handlungen 
zugleich je eine Phase in der Entwicklung speziell des Dunkeigotts zur 
Darstellung bringen. In dem ersten Akte macht sich Hermes mit dem 
Untergange der Sonne auf zu seiner That, dem Rinderraube, um Morgens 
in seine Höhle zurückzukehren. Hier erscheint also Hermes durchaus 
als Nachtgott: vom Westen, seinem Dunkelreiche ausgehend, dringt er 
über den ganzen Himmelsraum bis in den äussersten Osten vor, be- 
mächtigt sich der Wolkenkühe die er vor sich hertreibt und verschwindet 
mit dem Neubeginn des Tages in seinem westlichen Reiche. Der 
Stall in dem Hermes die Wolkenkühe verbirgt, wie die Wiege in der 
er sich selbst versteckt sind nur verschiedene Ausdrücke des sei es im 
Westen sei es in der Unterwelt gedachten Dunkelreichs, dem Hermes 
selbst angehört und dessen Träger und Herr er ist*). Es schildert 
also der erste Akt des Dramas das nächtliche Wirken des Dunkeigotts, 
der eben während der Nacht als der eigentliche Herrscher über Himmel 
und Erde erscheint. Es ist daher bedeutsam dass dieses Wirken des 
Gotts bezw. der Götter, da auch Apoll dieselbe Welt zu seiner Zeit 
beherrscht, durch die äussersten Enden im Westen und im Osten be- 
grenzt wird. 

Der zweite Akt beginnt mit dem Morgen des folgenden Tags. 
Sobald sich der Dunkelgott in sein Reich zurückgezogen hat, erhebt 
sich im äussersten Osten der Sonnengott, um nun seinerseits die Welt 
zu beherrschen. Es tritt uns also in diesem abwechselnden Wandeln 
und Wirken der Beiden durchaus die Heteremerie der Dioskuren ent- 
gegen, die der eine den andern ablösend leben und herrschen. Der 
zweite Akt des Dramas stellt demnach das Wandern des Sonnengotts 
am Tage vom äussersten Punkte der östlichen Welt bis zum äussersten 
Punkte der westlichen Welt dar'). Und wie das ganze Wandern des 
Gotts über das Himmelszelt nur den Zweck zu haben scheint in den 
Westen, dh das Reich des Dunkeigotts zu gelangen, so stellt sich der 



Heerde zurück. Die Angabe des Philostratus Hermes habe die KQhe in ein x^^ol 
'(ffg getrieben o6x 6^ dicöXoivxo &Xk' (b^ d^avia^lsv i( |i£av ^(jiipav muss man als 
echten Zug der Legende ansehen. 

1) Hermes ist mit dem Untergange der Sonne 68f in Pierien um mit Be- 
ginn des Morgens 97ff in Pylos anzulangen; 99f sind als Interpolation auszuscheiden. 
Hermes wird consequent als nächtlicher characterisfrt 15. 67. 97. 284. 290. 362 etc. 
Die Episode 87 — 94 ist später eingeschoben zur Erklärung des Vorgangs l85ff. 
Die Verse 95f schliessen den Bericht über die Wanderung ab- Über die Schlach- 
tung der Rinder oS 95: Hermes tritt hier ganz gleich den Prometheus auf. 

^ Apollon erhebt sich i84f Morgens von Pierien um Abends mit dem 
Untergänge der Sonne in Pylos anzulangen. 



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208 Spezieller Theil. 

Dichter im Zusammenhang des Gesamtmythus auf den Standpunkt den 
Sonnengott auf der Suche nach den geraubten Wolkenrindern sein zu 
lassen, zu welchem Zwecke der einsam wandelnde den ganzen Raum 
der Welt durchschreitet. 

So sieht denn der Dichter den Sonnengott, indem dieser auf- 
wärts zum Himmel und wieder abwärts von demselben steigend den 
untersten Horizont und damit den Beginn des Dunkelreichs erreicht, 
in dieses letztere selbst eindringen und seine Phantasie malt sich das 
Zusammentreffen der beiden Todfeinde aus. Damit beginnt der dritte 
Akt, welcher die zweite Nacht umfasst. Der Dichter verlässt hier also 
die Auffassung, welche er betreffs der ersten Nacht, in der er den 
Dunkelgott durchaus als Nachtgott erscheinen lässt, vertreten hatte, um 
hier für die zweite Nacht sich ganz der Betrachtung des Zusammen- 
treffens der beiden Gegner zu überlassen >), welches ihm nothwendig 
im westlichen Dunkelreiche stattfinden muss. Es schildern also die 
drei ersten Akte die prinzipielle Feindschaft der beiden Götter, indem 
zuerst der nächtliche Raub durch den Dunkelgott, sodann das Suchen 
des einsam wandelnden Sonnengotts, endlich das Zusammentreffen der 
beiden im westlichen Dunkelreiche, in welches der Sonnengott am 
Abend eingedrungen ist, zur Darstellung gelangt. 

Mit dem vierten Akte beginnt die Ausgleichung, die Versöhnung 
der beiden: er stellt daher das gemeinsame Erscheinen derselben am 
Himmel dar und kann deshalb nur an einem Tage stattfinden. Der 
Dichter beginnt also mit dem zweiten Tage den vierten Akt*). Es er- 



1) Dieser 3. Akt beginnt 227. Hier in den Stallungen des W. erschlägt 
nach ältester Auffassung der Sonnengott den Gegner: in dem Verhältniss des 
Apoll und Hermes musste sich dieser Mord bezw. Ringkampf umgestalten und 
wird hier zum Wortgefecht, in dem aber Apoll insofern als Sieger hervorgeht 
als er den Gegner schliesslich beim Kragen nimmt und ihn herausschleppt. An 
der Höhle hafteten auch sonst Erinnerungen von dort eingestellten Kühen : die des 
Nestor oder Neleus P4, 36, 2 sind thatsächlich keine andern als die des Hermes; 
vgl OMüller in Gerhards hyperb. Studd. 285. Die hier aufgehängten Felle 124. 
404. 135 (Ober ihre Bedeutung oS 83) knüpfen wahrscheinlich gleichfalls an locale 
Eigentümlichkeiten der Höhle an. 

') Diese Entwicklungsphase beginnt 293. Die verschiedenen Phasen in dem 
Verhältnisse von Sonne und Wolke werden 293, 298. 304. 307. 320 gezeichnet Bis 
312 wird das Widerstreben des Hermes geschildert, 313 bezw. 322ff der prinzi- 
pielle Ausgleich vor Zeus. So erfolgt die gemeinsame Wanderung der beiden, 
was also wieder einem Tage entspricht. Daher 397ff das gemeinsame Hingen 
langen der beiden abermals nach Pylos, wo endlich die völlige innere Harmonie 
hergestellt wird, was sich der Dichter in dem nächtlichen Weilen beider im W. 
vorstellt. Die humoristischen Verse 294ff, der crepitus ventris und das Niesen des 
Gotts, sind echte der Natur entnommene Züge, wie nicht minder l46f: Hermes er- 
scheint in ihnen völlig in seinem Wesen als Luft- und Windgott. Das ondpyavov 



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Dunkel und Liebt. 



209 



scheint daher der Dunkelgott hier nicht mehr als Nachtgott sondern 
als Wolkengott. Aber in höchst geistvoller Weise lässt der Dichter, in 
unmittelbarem Anschluss an die Natur, diesen Ausgleich nicht auf ein- 
mal, sondern allmälig stattfinden. Denn wie das Verhältniss der 
Wolkenbildung zur Sonne zwei Seiten hat, indem sie einmal etwas 
widerstrebendes, sodann auch etwas nachgebendes, freundlich sich an- 
schmiegendes und sich fügendes zeigt, so schildert der Dichter zunächst 
die widerstrebende Seite, um so den Übergang zur völligen Aus- 
gleichung anzubahnen. Die schliessliche völlige Versöhnung der 
beiden und ihre fortanige innige Verbindung zu gemeinsamem Wirken 
und Schaffen findet auf Grund der Auswechslung der Gaben statt die 
ihnen von Natur aus eigen. Hat die ursprüngliche Anschauung den 
Dunkelgott im Besitz der Windmusik sich gedacht, so theilt er nun 
dem alten Gegner und neuen Freunde diese seine Musik mit. Hier 
haben physikalische und geschichtliche Momente zusammengewirkt. 
Denn erscheint in der Natur thatsächlich die Sonne mit dem Winde 
verbunden, so hat zugleich in der historischen Entwicklung der Apoll- 
.cult die Ausbildung des musischen Elements sich hauptsächlich an- 
gelegen sein lassen. So lässt der Dichter den Hermes einen Theil 
seiner Windmusik dem Apoll abtreten, um hierdurch die völlige Ver- 
söhnung wie ein gemeinsames Wirken der beiden zu motivieren. Ob 
wir den zweiten Theil des Dramas, wie es im Hymnus zur Darstellung 
gelangt, gleichfalls in mehrere Akte — entsprechend verschiedenen 
Tagen und Nächten — zerlegen wollen, soll hier nicht untersucht 
werden : jedenfalls wird der Schlussakt so dargestellt, dass die fried- 
liche und freundschaftliche Rückkehr der beiden an den Himmel nicht 
mehr eine vorübergehende sondern eine für ewige Zeiten dau- 
ernde ist*). 

305 ist die flatternde Wolke selbst. Der Befehl des Zeus 39lflf dtjKpoxipoug 
6\LÖ<fpowoL d-ünöv ixovTog ^Tfjxeöetv, "Epiifjv dk Öidxxopov f)Y»liov»ö»tv spricht das nor- 
male Verhältniss von Wolke und Sonne aus: jene ist die schnellere, die vorauf- 
eilende. Das umgekehrte Verhältniss wird dann 4098" als Vergewaltigung des 
Hermes durch Apoll dargestellt, der die Wolke fesselt, wie Hephaestos den 
Ares ua. 

*) Daher 504ff otöxol 81 Mq 7:spixaX>ia xixva Äc|>oppoi «pög "OXoiiwov dYcfcwiqpov 
ippcooavxo x8picö[ievoi (pöpp-tYYt. Xopiij Ö' dpa (iT^xiixa Zftög. Die wortreiche Ausein- 
andersetzung selbst 436fif mag spätere Zusätze erfahren haben, enthält aber nichtsi 
unpassendes; jedenfalls echt ist die |idoTtg cpotetvi^ 497. Dagegen werden 507— 80 
spätere Erweiterung sein, welche die Legenden von dem Entwenden der. Leier 
und des Bogens, wie den Besitz des Thrieenorakels, des j^dßdo^ xpiniTT^Xoc etc 
mit berücksichtigen wollte. Auch Alcaeus 7 (6; SchO 256) hat in seinem HymnMS 
auf Hermes diese Entwendung, Im Cult treten die geeinten Apoll und Heripes 
wiederholt zusammen als musische Götter auf P 5, 14, 8; 4, 33, 4 — 6 (3yll 388, 34)» 
9,17,2 etc. 

Gilbert Gotterlebre. 14 



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210 Spexieller Theil. 

So sehen wir denn vor unsern Augen die Gestalt des Dunkei- 
gotts aus dem altem ursprünglichen Kerne in die spätere Auffassung 
hineinwachsen. Jeder Akt des im Hymnus dargestellten Dramas ent- 
spricht einer Phase der innern Entwicklung des Verhältnisses von 
Dunkel und Sonne, dh der menschlichen Auflassung dieses Verhält« 
nisses, welches von der Todfeindschaft zwischen nächtlichem Dunkel 
und Tageslichte Schritt für Schritt zur Ausgleichung und Versöhnung 
der Gegensätze auf dem Wege gelangt, dass das nächtliche Dunkel in 
das Wolkendunkel übergeht und dieses letztere wieder übergewichtlich 
nach seiner freundlichen versöhnlichen Seite aufgefasst wird. Hermes 
und Apollon sind — um dieses noch einmal auszusprechen — keine 
andern als die Dioskuren, die Zeussöhne, deren allmäliges Werden 
und Ausgleichen wir gleichfalls wenigstens in den Hauptzügen habe^ 
vor uns geschehen sehen. 

Es ist selbstverständlich dass ähnliche Anschauungen wie sie hier 
in dem Verhältniss des Apoll zum Hermes hervortreten sich bei allen 
Sonnengöttern finden. So bietet zB der Sonnenheros Herakles eine 
schlagende Parallele. Denn wie Apoll den widerstrebenden Dunkel-» 
gott Hermes in seinen Armen aus der Unterwelt zur Oberwelt herauf- 
trägt, so schleppt auch Herakles den Kerberos herauf*). Gleich dem 
Apoll wandert Herakles vom äussersten Osten der Welt in den äusser- 
sten Westen nach Pylos, wo dem Glauben der Beginn des Schatten- 
reichs feststand, um hier in die Finstemiss hinabzusteigen und mit 
dem wilden Gegner zu ringen. Und wieder gleich dem Apoll steigt 
er mit dem im Ringkampf überwundenen im Osten herauf, um ihn 
nun von neuem zum Hades hinzutragen. Es ist hier also nur der 
Unterschied in der Auffassung dass im Homerischen Hymnus die Aus- 
gleichung von Sonne und Dunkel der letzte Zweck des Ganzen ist, 
im Heraklesmythus dagegen der Gegensatz von Dunkel und Sonne 

1) Hom nur x6a>v oxuYtpoO *A(dao 6368; X623, beidemal in Bezietiung: auf 
Herakles. Dsigegen der Name Hsd 311, der Ihn neben dem "OpO^ des Geryoneus 
als x^>(^9<i>^ov oilt 50 Köpfen bezeictinet ; 760ff allgemein vom x6a>v im Einenge 
der Unterwelt; dass oöaoiv Ajiqpotipotaiv widerspriclit den 50 Köpfen und deutet 
auf einen Kopf (AZ 1859. T. 125). Pd 249 hat lOü; Monum. VI, 36 hat 3 Köpfe; 
Die 3 zahl später allgemein Furtwängler zu Samml. SabourofT T. LXXVI; 
JSchneider DLips. Meissen (1888) S 44ff ; Jmmisch ML II, il26f. Ober Kerberos 
mit 2 Köpfen Loeschke aus d. Unterwelt 9ff. Daraus folget nicht mit Loeschke IG 
dass das Phantasiebild keine festen Umrisse hatte und im Flusse war sondern nur 
dieses, dass die feststehenden Vorstellungen von dem furchtbaren Hunde in jedem 
Aus:enblicke auf Grund der wechselnden aber doch auch in diesem Wechsel be- 
ständigen Anschauung^en sich neu bilden konnten. Kerberos ist nur eine andere 
Version des Orthos. Dass mit Kerberos der Begriff des Dunkels verbunden 
war zeigt AristR 187; Soph 898; SchX 14. Daher auch enge Verbindung mit 
Schlangen Hecat346; Apd2, 122; SchHsd3il; AZ aO etc. 



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Duokel and Licht. 211 

festgehalten wird. Und wie sehr dieser Mythus einer allgemeinen An- 
schauung entspricht, erkennt man daraus dass jener an den verschieden- 
sten Punkten der griechischen Welt uns entgegentritt. So finden wir 
die Sage an dem westlichsten Punkte, wie nicht minder an dem süd- 
lichsten Punkte des Peloponnes fixiert, wo das vor den Augen der 
Beschauer stattfindende Verschwinden der Sonne an den Enden der 
Welt die Vorstellung von dem zum Hades hinabsteigenden Sonnen- 
gott von selbst herausforderte: so auch an dem nordwestlichsten Punkte 
Kleinasiens wo gleiche Verhältnisse gleiche Anschauungen und diesen 
entsprechende Mythen hervorriefen. Und auch andere Mythen zeigen 
wenigstens in ähnlichen Formen, wie gerade das Hinabsteigen des 
Sonnengotts in die Unterwelt und sein hier als selbstverständlich an- 
genommenes Zusammentreffen mit dem Dnnkelgotte die Phantasie der* 
Mythendichter aufs lebhafteste beschäftigt hat*). 

Erscheint in diesen Mythen der Sonnengott als der überlegene, 
der tragende und führende, um den sich das Gewölk wie um seinen 
Kern zusammenschliesst, so ist nun umgekehrt in andern Mythen der 
Wolkengott der tragende, der den Sonnengott in seinen Armen oder 
auf seinem Rücken birgt und trägt. Es sind das eben verschiedene 
Auffassungen, die das wechselnde Verhältniss der Sonne zur Wolken- 
bildung zum Ausdruck bringen. Hier ist zunächst Hermes zu nennen, 
der das Dionysoskind in seinen Armen trägt. Solange die Sonne im 
Frühling noch klein und schwach, überwiegt die Wolkenbildung, die 
nun den jungen Gott einzuhüllen, zu umfangen, zu tragen scheint. 
Und es ist wieder nur eine andere Form dieses Mythus, wenn der 
Sonnengott von dem Wolkenrosse getragen oder fortbewegt, oder wenn 
er vom Wolkengespann gefahren wird*). 

1) Kampf des Herakles gegen Hades E395ff (AZaO); PdO 9,290 Seh in 
Pylos nur eine andere Form des gejren Kerberos; später Mstorisirt, Neleus^^Hades 
A690fifSch; Apd 2,142; 1,93 etc. Ursprünglicher scheint die W. KQste von 
Epirus Philoch 45f. Kerberos ältere Form des Hades, daher dieser selbst noXdoxo^ 
Plutjsss; Kerberos Wächter SophOCl572; daher Apd2, 125f an den Thoren 
des Acher on; Bacchyl 5,62; Hartwig AJb 8, 157ft. Localisationen Apd 2, 123; Hec 
346; Str363; XenAnö, 4, 4; Nymphis2; Plln37, 4 etc. Später mit der xaxÄßaötg 
die dtvÄßoioic verschmolzen, die von Haus aus an östlichen Punkten haftet Apd 2, 
126; P2, 31,2; 35t lO; EurHf6l5. Apd 2, 126 bringt Herakles den Hades zurück 
der EustV408; Hes ftXa60«pov entfloh, verschiedene Ausdrücke des Wcchselvcr 
hältnisses entsprechend den Phasen zwischen Apoll und Hermes im Hymnus, wo- 
nach Hermes einmal von Apoll getragen wird, das andere mal sich von diesem 
löst und vorauseilt. Die Umklammerung des Hundes durch die Arme des Herakles 
Apdl,125f; SthE395 drückt die Umschliessung der Wolke durch die goldenen 
Strahlenarme der Sonne aus, wie Hermes durch Apoll, Ares durch Hephaestos 
festgehalten wird. 

•) Vgl P3, 18, 11; 5il7, 3 etc; dazu Back Jbbi35,433ff; Usener RhM49, 

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212 Spezieller Tbeil. 

Die griechische Mythologie ist von den Doppelgestalten des 
Dunkels und des 'Sonnenlichts nach ihrem Gegensatze aufgefasst in 
unzähligen Formen, Wandlungen und Entwicklungsphasen erfüllt, die 
von den groteskesten Ungestalten bis zu den idealst ausgebildeten 
Menschenleibern sich dem Auge des Beschauers darbieten. In gleicher 
Weise ist nun auch das Wechselverhältniss der beiden grossen Gott- 
heiten nach ihrer Ausgleichung und nach ihrer harmonischen Ver- 
einigung aufgefasst in abermals unzähligen Variationen vertreten. Wenn 
einmal die Dioskuren, sodann Apoll und Hermes als die grossen 
Götter, die Himmelssöhne schlechthin, die Heilande und Helfer als 
solche zu betrachten sind, die eben als die Zeussöhne auch die 
alleinigen sind, welche andere ihres gleichen ausschliessen : so treten 
nun neben diese ihrer Natur und ihrem Wesen nach alleinigen 
Himmelssöhne ungezählte andere Gestalten, die wir eben nur als locale 
Nebenformen, als in landschaftlicher Abgeschlossenheit selbständig 
entwickelte Namen, als aus der Göttlichkeit zum Heroenthum herab- 
gesunkene Sondererscheinungen jenes grossen Götterpaars selbst auf- 
zufassen haben. So weist uns der Mythenkreis der Hauptsonnengötter 
Dionysus, Apollon, Hephaestos ; es weist nicht minder der Sagenkranz der 
Sonnenheroen Herakles Perseus und anderer in verschiedenen Ver- 
sionen die enge Vereinigung des Sonnengotts bezw. des Sonnenheros 
mit je einem Freunde, einem Liebling, einem Genossen auf, in welchem 
letzteren wir unschwer wieder den Repraesentanten des Dunkels er- 
kennen können. Das alles sind nur Variationen zu dem gewaltigen in 
der Natur tausendfach erklingenden Thema, wie es in den Dioskuren 
zum Ausdruck kommt: dass Dunkel und Licht im kosmischen Leben 
sich zu einer innigen Harmonie, zu einem eng vereinten Wirken, zu 
einer die Welt beherrschenden und zugleich beglückenden Gemein- 
schaft zusammengeschlossen hat. Und werden solche Verhältnisse wie 
die des Apollon zu Karnos, Linos und andern Lieblingen; die des 
Dionysus zu Pan, zum Satyr; die des Herakles zu Abderos, Jolaos 
auch im Mythus selbst noch mehr nach der äusserlichen Seite ihres 
Erscheinens am Himmeh aufgefasst und dargestellt^): sie enthalten doch 



466. Herakles AZ 35, 199f; T. 17. Allg. Callim3,66ff. Ähnlich das Zeuskind 
getragen und umlärmt; Bellerophon, Perseus uA reiten auf den Wolkenpferden; 
Apoll, Dionys fahren mit Wolkenschwänen, Wolkenwiddern etc. 

^) Im einzelneu ist auf das Verhältniss des Apoll zu Karnos u A ; des Dionys 
zu Pan, zu den Satyrn etc zurückzukommen. Über Abderos Röscher ML l, 2f; 
Jolaos Stoll-Roscher ML 2, 2858. Ans dieser der Mythopoesie feststehenden Ver- 
bindung des Sonnengottes bezw. -heros mit dem Dunkel- bezw. Wolkengotte ist 
es zu erklären dass Hermes der ständige Begleiter des Herakles, des Perseus auf 
ihren gefährlichen Wanderungen und Abenteuern ist. In der Heroensage erscheint 
das Verhältniss vielfach in der Weise aufgefasst, dass der Sonnenheld auf den 



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Dunkel und Licht. 213 

zugleich den Kern der tiefern und wahren Erfassung der Dinge, dass 
Licht und Luft die grossen Träger des irdischen Lebens, durch deren 
wunderbar harmonische Verbindung die animalische und vegetabilische 
Existenz erhalten und getragen, genährt und gespeist wird. Im Culte 
treten uns noch zahlreiche Formen entgegen, in denen die beiden 
Himmelssöhne als die Grossen, die Könige unter den Göttern hervor- 
gehoben werden — zum Erweis dessen dass das Gefühl für die Einzig- 
geartetheit dieser beiden gewaltigen Helfer nicht erloschen war, die, 
auch nachdem sich andere Göttergestalten im Laufe einer langen 
historischen Entwicklung aus andern national verschiedenen Systemen 
ihnen angeschlossen hatten, unter diesen spätem Nachkömmlingen 
immer als die ursprünglich alleinigen und einzigen hervorgehoben 
wurden. 

So hat sich das Wechselverhältniss des Dunkeigotts und des 
Sonnengotts zu einander in einer Entwicklung von Jahrtausenden 
aus dem Begriff absoluter Feindschaft, diametralen Gegensatzes 
zu dem der innigen Harmonie gestaltet. Und indem die ein- 
zelnen Entwicklungsformen neben einander erhalten bleiben, die 
älteren Auffassungen traditionell fortgepflanzt neben den jüngeren be- 
stehen bleiben, wird ein geradezu überwältigend reiches Material für 
die Gestaltung der Mythen im einzelnen geschaffen. Denn haben wir 
zB die Wolkenbildung als Baum und Gebirge, als See und berauschen- 
den Trank, und zugleich wieder als Bock und Widder, als Stier und 
Raubthier, als Ross und Gespann, und endlich almälig zur Menschen- 
gestalt emporwachsende Bildung von Ungeheuern und Giganten, von 
Kentauren und Hekatoncheiren, von Satyrn und Silenen und Panen 
kennen gelernt, so kann der Mythen gestaltende Geist in jedem Augen- 
blicke wechselnd aus diesem unendlich reichen Materiale herausgreifen 
was ihm dient, kann in tausend verschiedenen Variationen seine Ge- 
bilde gestalten, in unendlichen Wandlungen was ihm beliebt und wie 
es ihm beliebt verbinden und scheiden, combiniren und in Gegensatz 
stellen, um so der Entwicklung der Götter Rechnung tragend immer 
neu und immer anders deren Erlebnisse zu gestalten. Dass hierfür 
gerade die Auffassung des Dunkelbegriffs von hervorragender Wichtig- 
keit gewesen ist, wird aus allem was wir gesagt haben klar geworden 
sein. Und diese Entwicklung — das muss zusammenfassend hier noch 
einmal gesagt werden — ist nur verständlich, wenn wir uns dessen 

dem Dunkelhelden von Haus aus gehörenden Wolkenwagen tritt, welches Ver- 
hältniss dann zu einem organischen wird, indem die eng vereinten Götter bezw. 
Heroen auf dem Streitwagen geroeinsam wirken, der Sonnenheros als der eigent- 
liche Kämpfer, der Dunkelheros als der Wagenlenker. So st zB in der Pelops- 
sage Myrtilos deutlich als Dunkelheros gezeichnet, dessen altbekannter Tod durch 
den Sonnenheros besonders motivirt wird; daher sein Herabsturz. 



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214 Spezieller Theil. 

bewusst bleiben, dass der Dunkelbegriflf selbst eine Evolution erfahren 
hat, die ihn aus dem ursprünglich ausschliesslich oder vorzugs- 
weise in der nächtlichen Finsterniss sich offenbarenden Dunkel in all- 
mäligem Umgestalten zu dem in den Wolken, Wassern und Winden 
des Himmels zur Erscheinung kommenden Luftwesen umgebildet hat. 
Als die Gottheit des Luftelements wird der Dunkelbegriff zum Pneuma 
welches die Welt durchzieht und alles Leben trägt und nährt; er tritt 
zugleich in Gemeinschaft mit dem den Kosmos erfüllenden Licht- 
element und führt so mit dem letzteren vereint die Herrschaft über 
alles was auf Erden lebt und webt. 

Dass aber der hellenische Geist auch noch in anderer Weise, 
namentlich was den Begriff der Nacht betrifit, durch Neuschöpfungen 
oder durch Modificationen alter Begriffe und Anschauungen gleichfalls 
mildernd und sittigend eingegriffen hat, das haben wir früher schon 
wiederholt angedeutet und werden wir im einzelnen später noch zu 
betrachten haben. 

Siebtes Kapitel. 

Dunkel. 

Die griechische Mythologie weist mehrere Hauptgötter des Dunkels 
auf, unter denen Hermes-Hades der althellenische der eingebornen 
Stämme ist, während Ares thrakischen, Kronos kretisch-phrygischen 
Ursprungs ist. Aus demselben natürlichen Kerne entstanden, haben 
sich diese Götter, jeder in seiner Weise, verschieden entwickelt, um 
später im hellenischen Gesamtsysteme sich zusammenzuschli essen. Zu 
diesen Hauptgestalten der männlichen Dunkel gottheit kommen dann 
aber noch mehrere Nebengestalten, die wir als ursprüngliche Local- 
culte anzusehen haben, welche später zu selbständigen Gestalten bezw. 
Culten geworden sind Es ist unsere Aufgabe diese Göttergestalten 
einzeln zu betrachten. 

Der althellenische Dunkelgott ist Hermes: in ihm zeichnet sich 
am klarsten das einheitliche Wesen des Dunkelbegriffs, welcher sich 
dann nach den vier Seiten von Nacht und Wolke, Wind und chthonischer 
Beziehung entwickelt hat*). 

Was zunächst die Nachtseite des Gottes betrifft, so tritt dieselbe 
vor allem in der Tödtung des Argos und im Rinderdiebstahl hervor. 
Es genügt hierfür aber auf früheres zu verweisen : Hermes erscheint in 



1) Roscher-Scherer ML l, 2342f[. Den Namen 'EpjJtftloc Hom CEp|Jti)c) bringt 
Weicker mit 6p}ii^, Kuhn ZvglSpr 6, 1 1 7ff mit scr. saramä Sturm, davon Saramejas, 
zusammen. Das eigentOmliche Wesen des Gottes bat wiederholt zu monographischer 
Behandlung geführt: ich nenne speziell Röscher Hermes der Windgott. Lpzg 1878. 
Über die Namensformen Robert 385. 



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Dunkel; 215 

dem letzteren Mythus — wenigstens in den ersten Phasen des Wechsel- 
verhältnisses zu Apoll — völlig als Nachtgott, sein Thun als das ge- 
heimnissvolle, verschleierte, luft- und nebelartige Weben der Nacht. 
Leise auf leichten Sohlen durchstreift er, sich Abends aus seiner west- 
lichen Ruhestatt erhebend, die weite Welt, um keine Spuren hinter- 
lassend Morgens eben dort wieder zu verschwinden : daher der Hymnus 
in seiner Weise es wiederholt hervorhebt, dass er ungesehen und unbe- 
merkt seine Thätigkeit ausübt, wie er zugleich spurlos seinen weiten 
Weg zurücklegt. Und wie er selbst der unsichtbare, versteckte, der 
alles sichtbare dem Auge entzieht, dem Anblick entführt, so hat sein 
Thun etwas diebisches bekommen: er ist der Dieb schlechthin, der 
selbst diebischen Wesens al$ Helfershelfer aller diebischen Anschläge 
erscheint. Und als Nachtgott verleiht er zugleich den Schlaf, der sich 
wie mit einem geheimnissvollen Zauber auf die Geschöpfe herabsenkt 
und ihnen im Schlummer zugleich die Träume bringt. Als dem Nacht- 
gotte wird Hermes vor dem Schlafengehen der letzte Becher gespendet; 
sein Name bedeutet das tiefe Schweigen, wie es eben die Nacht bringt, 
daher dem Hermes auch die Zungen geweiht werden*). 

In allen diesen Beziehungen tritt also Hermes durchaus als der 
Gott der Nacht hervor. Wenn er Abends in geheimnissvollem Weben 
sich vom Westen her aus dem grossen Reiche der Finstemiss erhebend 
die Welt mit seinen dunklen Schleiern überzieht, des lichten Himmels- 
und Tagesgotts Lichter auslöschend, das Haupt des Sonnengotts ab- 
schneidend, dass es hinabrollt in das Gebiet der Schatten, dann sieht 
der älteste Glaube ihn leibhaftig sich über die Welt lagern. Unsichtbar 
und geheimnissvoll webt und schafit er; wie in Zauberspuk empfindet 

^) Vgl. oS 205ff. Er ist H 3, 1 5 vuxxög diwiwnjtT^p ; 66f mit den Dieben |i«Xa£vifjc 
vuxxöc iv ßi^iQ verglichen; gebraucht 99 die dp^vaCr) 8ai|iOvCif] vog als InCxoupoc; 
äfanltcfa 830"; Möf; 208; 284 iwt>xo€; ^90 [leXocivrjc voxxöc fcxalpe; 358 [MkaivQ wxxl 
4oixcü(. Er beisst qpY]X7]Ti^ 214. 446; 175 qpTQXnjxicDV &pxa|iOc; 292 dbpxö^ qpiQXnjxicDV; 
Hippon 1 (peopÄv Ixalp»; EurRh 217; C 2229 xX4«ty^; AeschE 149; Com 16; LucDD 
7; Proms; P 7, 27, l ÖdXtog etc. An dem Samischen Feste PlutQG 55 wurde in 
dem xXiirctiv x. Xcoicoduxtlv der Gläubigen das Thun des Gottes dargestellt Bo(xXt4/ 
Soph857; KuvdyxilS Lichtwürger (Usener 240flF) Hippon 1; also = •ApYtKf^vtrjc 
Lichttödter Hom. H 3, 515 stiehlt Hermes dem Apoll Zither und Bogen, ein echter 
Zug; danach ß 23; E 390; Pherec 39; H 4, 121 ua frei erfunden. Hermes Ath 1, 28 
ÖICVOU iipooTdtTfjc ; P 2, 31,3; daher ß 332flf dvSpd^v S|jL(iaxa Wcfti, Äv idiXsi xou^ 
ö'odixt (wcvcöovxotg 4Y»(p»t; H3»449; «47ff; ß445; AeschPr575; Et KuXXnjv; vgl. 
Krfiger Jbb 87, 289flf. Das Sprichwort "EpniJ^ iwttCijX^ Plut garr 2 bedeutet das 
tiefe Schweigen, wie es vor allem die Nacht bringt, daher H 3, I43ff. Der letzte 
Becher 'Eptifj^ Poll 6, 100; PhilHer 10, 8 önfcp dvt(pti)v, wie schon H 3, 14 ^JT^xcop 
dvtipcov; Ap 4, l733Sch. Dem entspricht die Sitte t) 138; Ath 1, 27 (<5)€ rjönj oiyi^oovxK 
vor dem Schlafengehen). Vgl. Eusty 332; Corn 16. Beziehung zur Dreizahl oS 109; 
Lyc680; P 8, 16, 1. 



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2l6 Spezieller TheiL 

Alles das Wesen und Wirken der unheimlichen Gewalt, die schweigend 
und schweigenmachend mit dunklen Fittigen die Erde und ihre Ge- 
schöpfe, den Himmel und seine Erscheinungen umfächelt und ein- 
schläfert. Und wie er selbst der unsichtbare auch alles was lebt und 
webt in die Schleier der Unsichtbarkeit hüllt, so durchstreift er auch 
ohne Spuren zu hinterlassen die weiten Räume der Welt: lautlos und 
geheimnissvoll, allgegenwärtig und doch ungesehen, empfunden und 
geglaubt an den wunderbaren jedem Verständniss sich entziehenden 
Wirkungen seiner Persönlichkeit. Nur als der Nachtgott schlechthin 
ist Hermes nach diesen Beziehungen verständlich: als Nachtgott welcher 
der Feind des lichten Gegners, der Vernichter und Würger alles Lichts, 
der einsam und allein während der Nachtzeit schaffende und wirkende, 
er der das Schweigen und den Schlaf bringt, die Augen der Menschen 
bezaubert und verschliesst, die Träume mit ihrer Angst und mit ihrem 
Spuk heraufführt; er der wie kein anderer die ganze Welt in feierlicher 
unheimlicher Stille beschreitet und beschattet, beherrscht und gefangen 
hält. Und dieses sein Wesen als Nachtgott tritt sowohl in seinem 
Sohne Autolykos wie in seinem Nachkommen Odysseus wieder hervor, 
die beide in ihren Thaten und Eigenschaften die Züge ihres Vaters 
an sich tragen. Namentlich die Gabe des Autolykos alle Dinge die 
er berührt unsichtbar zu machen zeichnet klar und bestimmt den Nacht- 
bezw. den Dunkelgott, der mit seinen dunkeln Fittigen alles dem Auge 
des Beschauers verschleiert und verhüllt*). 

Erscheint in diesen Zügen noch deutlich das Wesen des Nacht- 
gotts, so tritt dasselbe in der spätem Entwicklung des Gotts, gegenüber 
der Beziehung zur Wolkenbildung, aus dem Grunde entschieden zurück, 
weil die Momente der Nacht sich immer bestimmter an die aus der 
Fremde gekommene Nachtgöttin selbst und an die mit dieser eng ver- 
bundene Mondgöttin geknüpft haben. So ist Hermes in erster Linie 
der Wolkengott und damit der offizielle Bote der olympischen Götter 
geworden. Die stets geschäftige Wolke die von einem Ende des Himmels 
zum andern eilt, den weiten Himmelsraum nach allen Richtungen durch- 
misst, erscheint als die Wanderin, die Botin schlechthin, die im Dienste 
des Himmels selbst steht. Dem entsprechend wird Hermes zu allen 
Botschaften schon bei Homer verwandt; er ist der Euangelos der seine 
Aufträge rasch und sicher ausführt, der aber auch nach allen Seiten 
gejagt seines Lebens kaum froh wird. Und so wird er auch zum Ge- 

1) Über Autolykos schoo x 394flf; dass er ein anderer Hermes ergiebt auch 
Apd 2, 129; Hyff20l der Rinderraub« der sich auch hier an die äussersten Enden 
Griechenlands im O. und W. knüpft. Hsd f 96 Tcdvxa öooa Xd?80X»v AtUka ndvxa 
xtd^oxe wozu TzL 344; daher die Verwandlung:sgabe, wie sie auch Hyg 201 : OvM 
11» 313; Pherec63 etc. Odysseus Auslöschen des Sonnenauges, wie sein ganzes 
Wesen zeichnet ihn deutlich als einen heroisirten Hermes. 



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Dunkel. 2 1 7 

leitsherrn des Menschen, dem er am Himmel voranschreitet, dem er 
in den ziehenden Wolken Weg und Richtung weist, dem er wie der 
göttliche Vorgänger und Vorläufer erscheint, zu dem nun der irdische 
Wanderer wie zu seinem göttlichen Ebenbilde und Schutzherrn ver- 
trauend und hülfeflehend emporschaut ^). Und diese seine Eigenschaft 
als Bote hat ihm auch die Ausrüstung gegeben, die sich eng an die 
Natur selbst anschliesst. Denn während es im Homerischen Hymnus 
noch in mannigfachen Wendungen angedeutet wird dass Hermes eigentlich 
unsichtbar ist, hat ihn eine spätere Zeit geradezu mit der Wolkenbildung 
identifizirt. Auf goldnen Sohlen schwebt Hermes nun dahin, da der 
goldne Saum der Wolke diese wie ein Hypodema zu tragen scheint, 
welches selbst geflügelt dem die Luft durchfliegenden Gotte entspricht. 
Als Bote der allem Wind und Wetter ausgesetzt ist trägt Hermes den 
Pilos, der ursprünglich gleicher Bedeutung wie die Hundskappe wieder 
die Wolke bedeutet, unter der sich die Phantasie den Gott bezw. den 
Kopf desselben von Haus aus verborgen und verkrochen vorstellt. 
Endlich führt Hermes als Bote auch den Stab, über den es freilich 
schwer ist zur Klarheit zu kommen. Hat auch er von Haus eine tiefere 
Bedeutung, so mag man daran denken dass die Wolkenbildung als 
Baum gefasst wurde; dass sich an ihr zugleich die Gabe steter Ver- 
wandlung vollzog: so mochte sich der Baum zum Stabe gestalten, der 
mit dieser Gabe der Verwandlung begabt nicht blos zum Wander-, 
sondern auch zum Zauber- und Wunderstabe wurde'). 



1) Hom Öidxxopoc; AeschPr 942 Ötdlxovoc, 941 tp^x^J EurE 46f &xx^o^'n • 29; 
EurHel 243 dmöicou^. Allgemeiner 8ai|iövü)v Xdxptg Eurj4; H 19i29; Hsd939 x5Jpü^ 
dd^vdxcov. 'EüdYT«^©« Hes; LucDD 24; Sacr 8. Beispiele s 28flF; a 38flf; AeschPr 
944. 968 XaxpftOsiv etc. Sein Verhältniss zu den Menschen spricht Zeus Q 334 aus 
wonach die Lieblingsaufgabe des Gottes IrocipCoaai, daher 3753*; 461 ddoiicöpo^, 

TCOfifCÖC uä. 

') Über die Sohlen Q 340ff; 6 44flf mit der unmittelbar der Natur entlehnten 
Beobachtung soff. Vielleicht bezieht sich hierauf der Cultname xP^oöppaTCic, da 
Hes f airtg = xpifjicd^, obgleich gewöhnlich auf den Stab bezogen PdP 4, 1 78. Hom 
Hermes ohne Flügel, später beflügelt AristAv 572; Com 16 Tcidüla icxepcoxd, später 
an Schulter und Brust Hut und Stab Macr 1, 19, 8 etc. Über den itlXog Hsd E 546; 
Apd 1,38; P5, 27, 8 trägt Hermes aqch dje xüvi) die sonst dem Hades eigen wie 
auch Autplycus EigentOmer einer berühmten xuvf) K 266ff; später ist an die Stelle 
dieser der «ixotoog getreten, als Hermes selbst zum Rpheben geworden war Poll 
10, 164; Seh AristAv 1213 (Tiixotoo^ = xuvfj). Der Stab zuerst Q und s; er ist als 
oxijnxpov zu denken, welches als Stütze dient B lOl. 109; SophOC 848. II09. Als 
oxfjicxpov wird des Hermes Stab bezeichnet Ap 1,642; 3,198; EustQ 34O, obgleich 
später dafür pöi^bog (vgl. XenCyn 10, 3). Mit wunderthätiger Wirkung erscheint 
der Stab ß 332ff; 8 44f!; H 3, 528ff, wo er xpiTiixTjXo^. Damit wird vielleicht nur 
der Stab mit den beiden Krücken ausgedrückt, obgleich es nicht unwahrscheinlich 
dass die Dreizahl, die Hermes überhaupt eigentümlich, eingewirkt hat Später 



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2l8 Spezieller Tbeil. 

Zwischen dem Nachtgotte Hermes und dem Wolkengotte Hermes 
liegt zweifellos eine unendlich lange Entwicklungsperiode, eine Ent- 
wicklung die zugleich in den Einwirkungen aus der Fremde, in dem 
mächtig bewegten Leben wie sich dieses gerade unter jenen Ein- 
wirkungen von aussen vollzogen hat, als eine höchst intensive, das 
gesamte Glauben und Denken umgestaltende aufzufassen ist. Und ist 
Hermes als Nachtgott von Haus aus der absolut furchtbare, der Licht- 
tödter und Feind schlechthin, so hat es eben langdauemder alle Be- 
griffe umwälzender und umstürzender Erfahrungen bedurft, bis sich jene 
die Furcht und das Grauen bringende Göttergestalt zu der lichten 
freundlichen Jtinglingserscheinung entwickeln konnte, als die wir ihn 
schon aus Homer kennen. Es ist ein Gewinn ohne gleichen dass wir 
in dem Homerischen Hymnus noch die Entwicklung wenigstens in 
ihren Hauptzügen selbst vor uns haben, die uns über die verschiedenen 
Phasen seiner Evolution belehrt. Denn wenn es auch sicher ist dass 
die Charakteristik der ältesten Phase seines Wesens schon unter dem 
Eindruck der spätem poetischen Auffassung selbst steht, die nur den 
Scherz und den Witz walten Hess, so geht wenigstens doch die Haupt- 
sache auch aus dieser späten Behandlung des Gottes hervor, dass er 
von Haus aus Nachtgott war: als solcher aber muss er zunächst und 
ursprünglich nach seiner furchtbaren Seite aufgefasst sein. 

Ist nun Hermes, wie wir gesehen haben, im Laufe seiner späteren 
Entwicklung zum Wolkengott geworden, so hat gerade diese Seite im 
Wesen des Dunkelgotts den Anlass zur Ausgleichung mit dem Sonnen- 
gotte gegeben. So begleitet Hermes als Woikengott Sonnengötter und 
Sonnenheroen auf ihrer gefahrvollen Bahn, indem er ihnen voran- 
schreitet, sie trägt, sie geleitet. Und diese Identification des Hermes 
mit der Wolkenbildung tritt auch in seinem Culte als Kriophoros her- 
vor, da er durch Tragen eines Widders eine Pest von der Stadt ab- 
wendet. Ist der Widder der Ausdruck der Wolke selbst, so ist eben 
der Dunkelgott der Träger derselben, der, indem er in der heissen 
Zeit des Jahres die dunkle Regenwolke über den Himmel trägt und 
so der lechzenden Erde das kühlende Nass schenkt, zugleich die ver- 
derbenbringenden Miasmen der Hochsommergluth abwehrt und mit 
seinem Wolkenwidder dieselbe Wirkung hervorbringt wie Zeus mit 
dem Dioskodion. Gehört also der Cult des Hermes Kriophoros in 
den Hochsommer, so weist dagegen derjenige des Hermes Leukos in 
den Frühling. Denn offenbar wollte auch hier wieder der Cult 
mimisch und precativ zugleich die Hülfe des Gottes herbeirufen, dass 



erscheint er in Verbindung mit Schlangen Macr l, 19, l6 — 18; aber noch Apd 3, 
115; EustaO als gewöhnlicher Hirtenstab. Verbindung mit dem Wolkenbaum 
P 9, 22, 2, 



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QiOo^z 



DunkeL 2 IQ 

er ftirderhin nicht mit dunklen Wolkenmassen dem neuen Lichte der 
Sonne entgegenwirke, sondern sich freundlich in leichten glänzenden 
Gebilden offenbare*). Der Cult des Hermes wie er in Tanagra 
erkennbar ist hebt also die beiden Seiten seines Wesens als Wolken- 
und Regengott bestimmt hervor und bringt dieselben Gedanken zum 
Ausdruck, wie wir dieselben schon im Culte des höchsten Himmels- 
gotts selbst kennen gelernt haben. Sie sind nur verständlich wenn 
wir sie als zwei verschiedenen Perioden angehörig auflfassen. Was in 
der ältesten Zeit in Zeus selbst, dem höchsten Himmelsgotte, zu- 
sammengeschlossen erfasst wurde, das hat eine spätere Zeit gesondert 
auf seine Söhne, die Emanationen seines Wesens übertragen. Hermes 
stellt eben die eine Seite des Wesens des himmlischen Vaters dar und 
hat in dieser seiner Ausbildung zum selbständigen Vertreter der einen 
himmlischen Wesensseite in eigenen Cultakten das in sich vereinigt 
was ursprünglich ausschliesslich dem höchsten Gotte gehörte. Dabei 
kann es nicht auflfallen dass die alten Ceremonieen des Zeus selbst 
auch später noch neben den jüngeren dem Hermes geltenden sich er- 
halten haben. 

Sehen wir nun Hermes hier in Beziehung zum Schaatbock wie 
er nicht minder im Mythus vom Rinderraube der Rinderheerden be- 
gehrt, so kann es nicht wunder nehmen dass er zum Hirten überhaupt 
geworden ist. Hier kommt zu dem natürlichen Moment das cultureile 
und nationale. Waren die Vertreter des Gotts Hirten, so wurde ihnen 
dieser auch selbst zum Hirten und so haben sie in natürlicher Folgerung 
in Wesen und Wirkungen des Gottes alles das anfgesucht und gedeutet, 
was diesem seinem Lebensberuf zu entsprechen schien. Und unwill- 



>) Vgl. 0S211. So sagt Herakles selbst schon X 626 'EpiAeCac ji' eiMn^^ev, 
während dem Perseus Pherec26; Apd 2» 37 Hermes voraufeilt oder ihn geleitet; 
SophPh 133 6 7ci(itca>v ööXtog ^Y^oatxo; AeschE 91 iconitotTog; SophE 1395 ärf%i WXov 
oxöxq) %piy^oui ^tc. Hermes xpio^öpo^ (vielleicht ursprünglich xpiöqpopog) P 9, 22^ 
1, in Tanagra; 5,27,8; 4,33,4 etc; ihm genau entsprechend Odysseus i 425ff; 
AZ 1868, 52flF; T. 9 (Stark); Stephanl Cri869,9off; AtXx. 1890, 122f. Daher auf 
Hermes auch das goldne Lamm der Pelopiden wie der goldene Widder des 
Phrixos zurückgehen EurJT995flf; Apdl,82. Die Procession der Jünglinge mit 
dem Widder ist also wieder eine Darstellung des himmlischen Vorgangs und 
wesentlich gleich der Procession der Jünglinge auf die Höhe des Pelion. Vielleicht 
gehört hierher auch der Name oöxog T 72, von Goebel ZfGl2, 801 mit ocbtog 
zusammengebracht: der Dunkelgott legt seine Wolke wie ein Schild vor die 
Sonne. Hermes oaxo (9 opog) Mitt 10, 208. Hermes ^ocidpög Lyc 680 ; Xeux6( 
SchTz: der Schutz den der Gott in ursprünglichem Sinne im Naturleben gebracht 
hatte (Artemid 2, 36 vi^T) t& {Uv Xsuxdi eöicpocgCa^ 072p,avxixd, xdi {^09<odi7 9t>€^t>(i6oiCi 
xd {iiXava x^l*^^C ^ ^^>]C)^ wurde später euhemeristisch auf Rettung aus 
Kriegsgefahr bezogen. 



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220 Spezieller Theil. 

ktirlich sind wieder die himmlischen Heerden mit den irdischen ver- 
schmolzen, welche letzteren sich nun gleichfalls des besonderen Schutzes 
des Hermes zu erfreuen haben. Als Hirt wird er nun am Himmel 
unter den Wolkenheerden gedacht und geglaubt, welche letzteren als 
gchaafe und Rinder den Gott umgeben, umringen, verstecken. Und 
wie auch hier wieder verschiedene Auffassungen neben einander her- 
gehen, die alle dem einen Zwecke dienen sich das himmlische Treiben 
verständlich zu machen, so erscheint neben der Heerde der führende 
und leitende Bock oder Widder oder Stier, mit dem nun der Gott 
selbst von den einen identifizirt, von den andern in Wechselbeziehung 
gebracht wird. So weisen sehr bestimmte Anzeichen darauf hin dass 
Hermes thatsächlich einst selbst als Bock gegolten hat, während er 
zugleich neben der Heerde mit dem Bocke in besonders enge Ver- 
bindung tritt. Der den Hermes tragende Bock wie der vom Bock ge- 
tragene Odysseus sind eben nur verschiedene gleichwerthige Formen 
der Verständlichmachung dieser traditionell feststehenden Verbindung 
des Hermes bezw. des Dunkeigotts mit der als Widder oder Bock auf- 
gefassten Wolkenbildung. 

Erscheint aber Hermes schon als Kriophoros pestabwehrend, 
demnach als Heilgott, so tritt diese seine Wesensseite in andern Be- 
ziehungen noch schärfer hervor. Denn wie im Winter gegen die ver- 
nichtenden Überschwemmungen des Dunkels der Schutz und die Hülfe 
des Lichts, der Sonne angerufen wird und demnach der Sonnengott 
oder die lichte Seite des höchsten Himmelsgotts als helfend und gegen 
die mit dem Nass und der Kälte verbundenen Krankheiten als Heilung 
bringend angesehen wird: so wird umgekehrt im Hochsommer gegen 
die mit dem Sonnenbrande entstehenden Seuchen und Miasmen die 
Hülfe des Dunkeigotts herbeigerufen, dass er mit kühlenden Winden 
wie mit erquickendem Regen den furchtbaren Grimm des Sonnengotts 
bekämpfe und dessen Wirkungen hemme und lindere. Das ist der 
Grund weshalb alle Dunkelgötter, als die Träger der gesundenden 
Luft, zugleich Ärzte, heilende und helfende Retter sind*). 

Auf den Wolkengott Hermes bezieht sich nun auch seine Ver- 
ehrung auf Höhen, da es die Höhen sind, auf denen sich die Wolken 
mit Vorliebe sammeln um durch ihr Erscheinen wetterverkündend zu 



') Opfer dpvÄv ijö' ip(9<öv x 397ff; H 3, 2 nennt ihn |i6Ö4ovta 'ApxoÖdYjc 
TCoXt)|ii^Xoü; vgl 232. 314 olonöXo^-y P2, 3, 4; Artemid2, 12. Hermes äiuiii^Xtoc P 9» 
34, 3; vö|itO€ Corn 16; AristTh 977; ^I. cer. 3, 85. 977. Mehrer des Viehs Hsd 444ff; 
H 3, 567ff; t*i5vYj, noXüp,i^Xifj seine Frauen Z 490; 11 I79f; Dd 5, 48. Hermes dxdxT}xa 
ni85; (Die; Stesich64; Hsd f 46 von 4>t8Tod'at; ebenso andere Dunkeljjfötter 
Prometheus Hsd 614; Pluton Csli7 etc; daher Reinigung Apd 2« 22. In 'Axaxi^- 
otov stand P 8, 36» IG des Gottes Bild auf der Höhe. Hermes dXs^xaxo^ AristPax 
422; ototf^p AeschCh2; Mitt 1,332; Hygiea mit ihm Corn 16. 



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Dunkel. 221 

wirken. So soll Hermes auf der Höhe geboren sein, wie er von der 
Höhe herab die Geburt, dh den Aufgang von Sonne und Mond an^ 
kündet. Denn wie dem Aufgange der Sonne und des Monds Wolken- 
ansammlungen voraufgehen, die wie die Herolde und Verkünder der 
erscheinenden Lichtgottheiten aus der Tiefe aufsteigen; und wie nicht 
minder die einsam durch den Himmelsraum dahin wandernden Gk)tter 
der Sonne und des Monds von den Wollten begleitet zu werden 
pflegen, die wie die freundlichen Gefährten, die schützenden Geleiter 
jener erscheinen: so hat auch der Glaube die Verbindung der Licht- 
mächte mit dem Wolkengotte in unendlich verschiedenen Formen und 
Wandlungen festgehalten und verherrlicht. Und wenn die Wolken um 
die Höhen der Berge sich sammeln, von hier weit ins Land hinaus- 
schauen, so erkennt der Mensch den Gott der ihm in seinen Wolken- 
geschöpfen Mahnungen, Offenbarungen, Weisungen zu theil werden 
lässt, wenn er auch diese Weisungen nicht immer versteht*). 

Und in seinem Wesen als Wolkengott liegt zugleich der Aus- 
gangspunkt für die Auflassung des Hermes als des Schutzgotts der 
Kaufleute. Denn ist er, wie wir eben gesehen haben, als der ewig 
wandernde zugleich der Geleitsgott aller Wanderer und aller Reisen- 
den, so ist er nun auch seinem innern Wesen nach in Beziehung zu 
den Geschäften des Kaufmanns gebracht. Denn da die stets wandel- 
bare, bewegliche Wolke nichts weniger als zuverlässig, beständig, 
charaktervoll ist, so wird Hermes in seiner Eigenschaft als Wolkengott 
selbst zu dem veränderlichen und verschlagenen, dem gewandten und 
listigen. Er der selbst mit allen Kniffen und Praktiken vertraute wird 
so zum Schutzherr und Vorbilde aller dem Gewinn nachjagenden Ge- 
schäfte, da er ja zugleich der Verleiher von Fruchtbarkeit und Segen, 
von Reichtum und Glück ist. Eine Menge einzelner Bezüge, die in 
ursprünglich natürlicher Auffassung ihm als dem in die ewig wechseln- 
den Formen der Wolken sich kleidenden Gotte galten, sind später in 
übertragener Bedeutung gqfasst und nun diese Seite des Gottes mit 
Vorliebe ausgebildet und gestaltet. Nur in seiner Beziehung zur 
Wolkenbildung hat der Dunkelgott die Gabe der Verwandlungsfähig- 
keit und dieses sein Wesen hat sich allmälig nach der sittlichen und 
geistigen Seite entwickelt und umgebildet'). 



^) Das Öpo( KT]pöxt,ov P 9, 20, 3 mit der Sage seiner Geburt; Kyllene 8, 17« 1 ; 
*Axaxi^ov 8, 36, 10; auf Lemnos '£pp.aXov XinoL^ der höchste Punkt der Insel 
AeschA 283f; SophPh 1459; Öprj Tpixpif)va P8, 16, l. Von dem Keryklon aus soll 
Hermes die Geburt der Mondgöttin Artemis verkündet haben (yor dem Aufgang des 
Monds Wolkenansammlung). Hierher gehört wohl auch der Cultname Aticuro^ 
P 8, 47, 4. 

2) Hermes e^yi^zoip P 8, 31, 7} ivööto« Theoer 25,4; Söto« Hes; Ja 349; 
^e|i6vtoc AristPl 1159; nop-ÄOtTos EurM 759; SophB I395ff* Das Teränderliche und 



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222 Spezieller Theil. 

In diesem natürlichen Momente liegt also die Begründung dafür, 
dass alle Dunkelgötter des griechischen Glaubens einen so wandelbaren 
und unbeständigen Charakter besitzen. Denn dem einfachen, stets sich 
gleichbleibenden Wesen der Sonne gegenüber ist, wie schon früher 
hervorgehoben worden, die Wolkenseite des Dunkels die absolut 
wandelbare. Sie hat einerseits zu den unendlich vielen und mannig- 
fältigen Auffassungen der Wolkengebilde als Berge und Flüsse, als 
Bäume und Thiere geführt, sie hat zugleich auch dem Charakter des 
mit ihr wesentlich und innerlich verbundenen Gottes den entscheiden- 
den Zug, die significante Seite verliehen. Veränderlich und wandel- 
bar, unbeständig und unzuverlässig ist die Wolkenbildung selbst wie 
ihre Gottheit und es vermag die eine wie die andere in immer neuen 
Formen Wendungen und Praktiken den Sinn und den Glauben des 
Menschen zu täuschen. 

Anderseits aber erscheint Hermes doch auch, namentlich in 
älteren Mythen, als ein gewaltiger Kämpfer, der bei aller Verschlagen- 
heit und Gewandtheit seines Leibes zugleich nicht des Muths, der 
Kraft, der Stärke ermangelt. Und als solcher ist er der Schirmer aller 
agonistischen Übungen geworden. Denn wie die Wolkenbildung in 
ihrer Gegensätzlichkeit gegen das Licht wie in dem mächtigen Anprall 
ihrer Masse eine grosse Zahl kriegerischer Gestalten hervorgebracht 
hat, so musste auch der Hauptvertreter dieser Seite des Dunkelbegriflfs 
sich zu einem solchen Kämpfer entwickeln, so sehr auch die spätere 
Systematik das Gewicht auf den Läufer und Boten Hermes gelegt hat. 
Und zugleich wird der Kämpfer und Läufer zu dem scharfspähenden, 
der die weiten Strecken seiner Lautbahn mit sicherem Blicke über- 
schaut *). 

verschlagene Wesen des Gottes tritt schon im Hymnus in zahlreichen Wendungen 
hervor 13 aCjiüXoni^XTjv TCoXöxpoitov 155 wotxtXo|ifjxa 282 •fjitepoiwoxÄ öoXoqppotöic 319 
icoXöjw'jXt^ 413 xXecJ^i^pcDv 436 (iT^xavtSxa etc. Auch Hsd E67. 77, wonach er 
4/töösa yot!piüX£oü€ xs XöfODQ x. iTcCxXoTcov ffi-o^ — x6vtov vöov giebt; vgl. ferner 135 
8^ tni (fptal ictuxaXC|i^ai xdxaaxoa. Hermes döXio^ P 7, 27, i ; SophPh 133; E 1396; 
AristPl li56f; humoristisch Studniczka AJbö, 258ff; AristTh 1202; Seh AristPI 1157 
i][X6\i.oy6Üm. xtxvöv x, «paxxtxöv; Dd 5, 75 xö XcW^q^ xdt xöv &XXq>v 09«xtpC5wd«t. 
Obertragen ipwtoXalog x. AfopaXo^ Poll 7, 15; Corn 16; Aristid 2, I4; AfopoCLo^ P 1, 
15, 1 ; 9» 17, 2; mitten auf dem Markt P 7, 22^ 2; Harp. &p}iaT; iiiÄoXaloc «oXtYxdTOgXoc 
AristPl 11 55f. Verband der 'Epnatoxad Kaufleute Bull 8, 94ff. Der Cultname 
TioXdfio^ P 2, 31,10 in ursprünglich natürlichem Sinne (von yuIqv) zu fassen; 
ebenso oxpo^o^o^ AristPl 11 53 von oxpi^sodui x. navoupYelv Seh EustS33Ö; die 
Deutung auf oxpo^eö^ AristPl 1153 erst analog dem nuXotlo; gebildet Hes; Poll 8, 
72. Das körperlich sich Drehen und Wenden (H 210; 346; 332) auf die geistige 
Beweglichkeit übertragen. Hermes als Inhaber des wunderbaren 9dp|iQCX0V )idXu 
X 277ff. Auch der Beutel des Hermes (auf attischen Münzen Beule p. 362) ur- 
sprünglich nach dem oS 61 gesagten zu beurtheilen. 

>) Als Gegner des Argos II 181 xpaxu^; in Athen opfern ihm die Strategen 



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Dunkel. 223 

Wenn alle diese Vorstellungen unmittelbar aus dem Wolken- 
wesen des Hermes sich ergeben, so ist es nur eine weitere logische 
Folgerung wenn Hermes zugleich zum Wind- und Sturmgott wird. 
Denn der Wind ist, wie früher bemerkt, mit der Wolke unzertrennlich 
verbunden, als deren Athem Stimme Musik er aufgefasst wird. Auch 
hier hat Hermes die aliseitigste Entwicklung erfahren. Da der Wind 
alle Skalen des Geräusches vom leisesten Flüstern bis zum wildesten 
Brüllen durchläuft, so ist es folgerichtig wenn Hermes auch alle diese 
Stufen vertritt. So überwindet Hermes den Stentor, den personifizirten 
Donner, da er noch furchtbarer seine Stimme zu erheben vermag als 
dieser; und er ist zugleich der Flüsterer, dessen leises Säuseln die 
Welt durchzieht. Und entsprechend der allgemeinen Tendenz jeden 
naturalistischen Begriff ethisch zu beziehen, so ist der Flüsterer zum 
Ohrenbläser, zum Verleumder geworden und ist hierin denselben Weg 
gegangen wie der Satan des Neuen Testaments. Der normalen Ent- 
wicklung aber entspricht es dass Hermes zum Herold der Götter ge- 
worden ist, dessen erstes Erfordemiss die laute kräftige Stimme ist. 
Und in gleicher Weise wird Hermes zum Träger der Musik, die zuerst 
als Pfeifen gefasst allmälig im Anschluss an die Culturentwicklung der 
Hellenen selbst die ganze Stufenfolge musikalischer Ausbildung durch- 
laufen hat'). Alle diese verschiedenen Beziehungen des einen Gotts 

als f|y8|i6vtog Ca 2, 741 ; 3> 197; AristPI 1159; in Beziehuns: auf die Jagd ArrVen 34; 
icpö)iocxo( in Tenaf^ra P 9, ^2, 2. PdO 6, 79 8« dYCovog Ixtt |iolpav x* H^-Xtüw; N 10, 
49ff xc^iLoL^ dY«&vc»v; dY(6vioc Jlföo; t^cLffhyioq P 2, 10; Faustkampf Corinna 11; 
Ringkampf LucDD 26; worin besonders sein Sohn Aotolycus stark Apd 2, 63. 
In Athen Gymnasien nach ihm benannt Pi,2, 5; Messene 4, 32, 1 etc; später 
Hermes mit Apoll oder Herakles Patron aller Leibesflbunj^en. Eüoxono^ H2, 22; 
3,73; &24; a38; H3, 15 d ro piCT^xijpou Der Hymnus hebt mehrmals eine gewisse 
Eigentümlichkeit des Blicks hervor 2 78f; 415: haben wir darin einen echten tra- 
ditionellen Zug zu erkennen so bezieht sich derselbe auf das bald aufleuchtende 
bald sich verfinsternde Blinken der Wolke. 

1) Über Stentor E 78sf. mit Seh; dazu Leo Meyer z. Gesch. d. gr. Myth. 
18. Aus etymologischer Spielerei der Fisch ß^otg dem Hermes geweiht Ath 7» 27. 
Die Verehrung eines TEpp-fj^ ^^piovf^ (Dero.) 59, 39 legte man sich später (Suid) 
willkfirlich zurecht; doch geht aus BekkAn; Harp hervor dass Hermes thatsächlich 
als Verleumder gefasst wurde. Ähnliche Zöge H 3, 293ff; 280; 497 etc. Die He- 
rolde mit Vorliebe Xifi}cpd'0'fxo\, uä H 384; P324; der Wind der Verkündiger des 
himmlischen Willens (xrjpöooo)) daher Hermes xijpog H 3, 331 (porjv xi^puxo^ ^'^^', 
AeschSu 220f; A 515: Poll 8, 103; EurSu 121; Dd 5, 75. Zu seiner Stimme kam 
seine Eigenschaft als Bote hinzu. Als olvox^og kennt ihn Ale 8 ; Sappho 5 1 ; H 3, 
436; vgl. 61. c^r. 3, 73; AZ 1880 T. 1—4; LucDD 24.4.9. 10 romanhaft aufge- 
stutzt: er ist hierin ein anderer Ganymed, da er als Wolkengott der rechtmässige 
Eigentümer des himmlischen Nasses. Über sein Stieropfer oS 95. Klangorakel 
des Hermes P 7, 22, 2f Nachts befragt; Hermes xXrjWvtog Le Bas Asie min. n. 1724a. 
Das* älteste Instrument die oöptyS von Pan (einer älteren Gestalt des Hermes) 



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224 Spezieller Theil. 

lassen sich also nur aus seinem Naturwesen erklären, welches sich 
auch hier wie überall erst sehr allmälig nach der ethischen und 
intellectu eilen Seite entwickelt hat. Dem andachtsvoll der Natur 
lauschenden, ihre geheimnissvollen Äusserungen deutenden Geiste wird 
der Wind zur himmlischen Sprache überhaupt wie zugleich zur Musik, 
deren Flötentöne die Welt durchziehen, Und wie der Wind — es 
ist schon wiederholt darauf aufmerksam gemacht — in allen Mytholo- 
gieen als die Sprache, das Wort, der laut verkündete Wille des Himmels 
aufgefasst worden ist, so wird auch Hermes naturgemäss zum Ver- 
künder dieses himmlischen Willens, zum Herold dessen Ruf Himmel 
und Erde durchtönt. 

Religionsgeschichtlich bedeutsamer aber ist es geworden dass 
Hermes nicht nur Träger der himmlischen Stimme überhaupt geworden 
ist, sondern zum Träger der Rede, des vernünftigen Logos. Ist der 
Wind die himmlische Offenbarung, so ist Hermes der Beauftragte des 
höchsten Gottes, der im Winde, in der Stimme des Himmels den 
Willen, die Satzung diese3 verkündet. Hermes wird so zum personifi- 
zirten Logos, der selbst aber wieder nur ein Ausfluss des Wesens des 
himmlischen Vaters. 

Auf diese Entwicklung näher einzugehen schliesst sich aus, da 
sie mehr und mehr von der philosophischen Speculation an sich ge- 
nommen sich abseits vom Glauben vollzogen hat: sie ist aber für die 
gesamte Religionsgeschichte von eminenter Bedeutung geworden. Aber 
nur wenn wir dieselbe auf ihren natürlichen Ausgangspunkt zurück- 
leiten werden wir zu ihrem Verständniss gelangen. Und so ist 
Hermes, weil alle Cultur durch das Wort vermittelt wird, zum Reprae- 
sentanten aller Cultur, zum Lehrer des menschlichen Geschlechts, 
zum Erfinder von Sprache und Schrift, zuip Meister und Vermittler 
aller Künste geworden'). 

erfunden; Apd3, 115 fälschlich die Leier schon vor der oöpty^. Jedenfalls ent- 
spricht H 3, 25—64; P 8. 17, 5 einer alten Vorstellung:; P 2, 19, 7; PhilJ 1, lO. Die 
Verbindung Apolls mit der Leier beruht auf historischen Verhältnissen, doch häh 
die Tradition daran fest dass Apoll der spätere H3; P9, 5, 7ff; 30, 1; Apd 3,435 
später hat man Scheidungen zwischen den verschiedenen Formen der Leier P 5, 
14,8; Aristid 2, 14; LucDD 7, oder zwischen den verschiedenen Phasen ihrer Ent- 
wicklung Dd 1, 16; Macr l, 19, 15 etc gemacht. 

1) Sprichwort Str 104 oöö' Äv x^ ^Eprt «lorsöoou xt^ XiYovxt; wie tief ge- 
wurzelt diese Anschauung im Volke war zeigt ActAp 14, 6ff. Vgl. Et "Ep^fjC ^ 
xoö X6yoü e^opog; LucProm 5; Gall2; PhilVAp 199!; Plut. and. 3; Com 16. So 
erscheint übrigens Hermes schon Hsd E 8of vgl dazu PdO 6, pöf ; P 3i 104f. Er- 
finder der Sprache und Schritt PlutQc9, 3, 2; einzelne Wissenschaften Str 816; 
Aristid45, 13. 100; 46,307; Phil aO; Dd 1, 16; Eratosth, carm. rell. ed. HUler 
p. 4ff. Von Hermes die Kunst der Ip^jiT^vtCa benannt, daher ippiT^vsö^. Hermes ist 
überhaupt eine der beliebtesten Gestalten für die spätere Philosophie geworden 



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Dunkel. 225 

Wenn wir hier den Begriflf des Hermes als des Dunkel- bezw. 
Wolkengotts sich geradezu philosophisch entwickeln und vertiefen sehen, 
so ist anderseits aus eben demselben Wesen des Gottes eine höchst 
äusserliche und elementare Eigenschaft desselben zu erklären. Hermes 
nemlich in seiner Beziehung zu Luft und Wind ist damit zugleich der 
Herrscher der Winde selbst, die zusammenfassende Einheit eben der 
aus den verschiedenen Himmelsgegenden wehenden Einzelwinde ge- 
worden. Und da es zu allen Zeiten vier Hauptwinde gewesen sind, 
welche alle Windrichtungen zum Ausdruck bringen, so erklärt sich 
daher nicht nur die enge Verbindung des Hermes mit den Winden 
selbst, sondern auch seine Beziehung zur Vierzahl. Ihm selbst wird 
eine viereckige Gestalt beigelegt, wie nicht minder die ihm geweihten 
Steinhaufen das Wesen des Gottes darstellten, der in seinen vier Winden 
die vier grossen Strassen des Himmels anzeigte und damit auch den 
irdischen Wegen Ziel und Richtung wies. Das ist auch der Grund 
weshalb im Cult der Würfel eine Rolle gespielt hat, eben weil der- 
selbe wieder gleich dem Hermaion das Wesen des Gottes zum Ausdruck 
brachte. Und aus dem Steinhaufen, der ältesten Versinnbildlichung 
des Gottes heraus ist seine körperliche Bildung erwachsen, indem die 
Anthropomorphose dazu führte, dem Steinhaufen ein Haupt zu geben. 
Und es scheint dass Hermes in älterer Zeit — nachdem er aus dem 
unsichtbaren Nachtgotte zum Wolkengotte und damit zugleich zu einer 
mit körperlicher Bildung versehenen Göttergestalt geworden war — 
greisenhaft dargestellt wurde gleich dem Kronos: erst die Entwicklung 
des hellenischen Gesamtsystems hat ihn zum Himmelsboten und dem 
entsprechend zum leicht beflügelten Jüngling gemacht^). Und als hoch- 



Suid 'Epn^v, -(öv etc; hier fliessen griechische und aegyptische Vorstellungen zu- 
sammen: darauf kann hier nicht eingegangen werden. Seine Bedeutung für die 
religiöse Entwicklung ist eine eminente. 

*) In Koronea enge Verbindung des Hermes mit den 'Aveiiot P Q, 34» 3 ; in 
Titane 2, 1 2, l nächtlicher Cult der 4 Hauptwinde. Das ox"?)|ia xexpdYCöVov des 
Hermes P 4, 33, 3 (Gerhard Abh. 2, 1 26fif ) im Anschluss an die hp\i%XoL den 0(1,90X01. 
gegenüber «471 Seh; Babr 48 etc. P8, 17, 2 spricht von einem Hermesbilde mit 
8 Füssen: jede der 4 Seiten des Gotts stand also auf eigenen Füssen; vgl. EustQ 
336; Macr 1, 19, 14; Corn 16 etc. Suid ipp,alog 6 xexpdYwvog XCd-og, daher auch 
der ÄOTpdtYOcXo^ ein wesentliches Moment im Cult des Gottes Plato Lys 3; Ath 14, 
44. Der doxpdYoXog hielt übrigens seine bestimmte Beziehung zum Hermes xexpä- 
YCDVOg fest, indem er nur auf 4 Seiten bezeichnet war Eusta 107 ; erst der xOßo^ 
bezeichnete alle 6 Seiten. Aus der 4zahl hat sich dann die Beziehung des Hermes 
zur Ttxpdg überhaupt entwickelt: OMüller Nouv. Ann. i,34lf. Über die 3zahl 
oS 109. Nach Plut an seni ger. resp. 28; Com 16 gab es eine zweifache Bildung 
der Hermen indem oc dpx^loi den Gott älter, mit Bart und ithyphallisch darstellten. 
Obgleich die erhaltenen Denkmäler dieses nicht völlig bestätigen muss es doch 
als richtig angesehen werden, da auch Eust ^ 498 sagt p,dX.iaTa xob^ fipoyxoLg 

Gilbert, Gotterlehre. 15 



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226 Spezieller Theil. 

altertümlich dürfen wir auch die ithyphallische Bildung des Hermes 
auffassen: die regenschwangere der Entladung nahe Wolke wird zum 
Phallus. Denn da der Regen der Same ist, den der Himmel bezw. 
der Dunkelgott selbst aus der Wolke auf die Erde herabgiesst, die nun 
des üppigen vegetativen Lebens schwanger zum Gebären drängt, so 
wird in natürlicher Folgerung die Wolke selbst zum Phallus, in dem 
sich der Gott zeigt um sein Begehren zu offenbaren. Ohne Zweifel 
aber hat der Mythus dann dieses Moment auch in den Beziehungen 
des Gottes zur Mondgöttin verwandt, mit der er in mannigfachen 
Legenden buhlt oder sich vermählt*). So sehen wir auch hierin die 
mannigfachen, scheinbar einander widerstreitenden Wesensseiten des 
Gotts in natürlicher Evolution aus seinem ursprünglichen Kern allmälig 
erwachsen. Ist der Gott als der nächtliche der Herr des Schweigens, 
der feierlichen Stille, so wird er in seinem Übergange zum Wolken- 
und Windgott umgekehrt zum Herrn aller Laute vom leisesten Flüstern 
bis zum wildesten Brausen, vom Raunen und Säuseln bis zum Toben 
der wilden Jagd. Und wie ferner Hermes als nächtlicher Gott der 
unsichtbare ist, dessen dunkle Schleier die ganze Welt erfüllen, ohne 
dass er selbst in seiner körperlichen Bildung hervortritt, so wird er 
wieder umgekehrt als Herr der Wolken zu dem selbst in den mannig- 
fach wechselnden Formen der letzteren sich offenbarenden, in sie sich 
kleidenden, bis er ganz den Charakter der rastlos dahineilenden, als 
geflügelter Bote von einem Ende des Himmels zum andern fliegenden 
Wolke annimmt. 

Mit seiner Beziehung zu der nasserfüllten, die Vegetation fördernden 
Wolke hängt nun aber auch die letzte Seite in dem Wesen des Hermes, 
die chthonische, zusammen. Der Dunkel gott hat dem Glauben seinen 

«EptiOg fXb^OMOi. xotoÖTOi>€ dh itbyphalliscb. Hermes mit Bart ?Ty22y2; 2J^2; 
LucSacr 11; Artemid 2, 37 vgl. mit Luc, ep. Sat. 24; Poll 7, 73 bezeichnet Hermes 
geradezu als Yipo>v. Docb erscbeint er scbon Q 347 als jOagling. 

Über den Phallus Her 2,51; dazu Com 16; LucPhilop 7 ua. Von Athen 
bezeugt die ithyphallische Bildung Pl,27tl) denn offenbar war deshalb das Bild 
von Myrthenzweigen bedeckt, während man in Arkadien und Elis diese Rücksicht 
nicht nahm Artemid 1, 45 (PhilVAp 6, 20; Hippol. ref. haer. 5» 7); P 6, 22^ 5. Hermes 
zusammen mit Aphrodite Plut conj. praec. pr; P2, 19, 6; 6,26,5; 8, 31» 6; Bull 
9, 78 ; mit Persephone CicND 3, 22^ 56 (wahrscheinlich als xpt6g mit ihr buhlend 
HeraO; P 2, 3i 4); Daeira P 1, 38, 7; Hekate Prop 2, 2, 11. CicND sagt geradezu 
die ithyphallische Bildung rühre vom Anblick der Persephone her. Daher auch 
Hermes •d'OcXajidxY]^ Hes. Eine Reminiscenz davon mag man 0« 334ff finden ; Herodot 
und Pausanias 2, 3, 4 schweigen aus Eusebie. Über die Beziehung des Hermes 
zum Wasser PS, 16, 1; IG, 12, 6; 7,22,4; 2,31,10; 4,33,4; 10,32,5 etc; olvo- 
XÖO( vorhin. Enge Verbindung mit den wesensverwandten Nymphen § 435 Seh; 
AristTh977f; H 4,262fr; Mitt 2, 246; Ca 3, 196; SBA 1884, lO; E9 1893, 129ff; AAnz 
1890 N. 3 uo. 



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Dunkel. 



227 



Ständigen Wohnsitz im Westen oder in der Erdtiefe, von wo aus er 
zwar in immerwährendem Wechsel heraufsteigt und dahin wieder 
hinabfährt, wo er aber doch auch selbst thätig und schaffend gedacht 
wird. Die bestimmte Hervorhebung des Gottes als des chthonischen 
schlechthin, speziell seine Verbindung mit Persephone in den Mysterien 
zeigt, dass Hermes thatsächlich als der chthonische Gott in umfassendem 
Sinne des Worts anzusehen ist. Die spätere Dogmatik hat aber diese 
allgemein chthonische Seite des Gotts nach einer bestimmten Richtung 
hin auszubilden gesucht, um ihn mit Hades, dem spätem Vertreter der 
chthonischen Dunkelseite, möglichst auszugleichen. So erscheint Hermes 
speziell als Begleiter der Seelen, die selbst als Hauche gefasst, mit den 
ziehenden Wolken des Gotts sich verbinden um mit ihnen in die 
Tiefe der Erde hinabzusteigen. Damit wird Hermes der natürliche 
Geleitert der abgeschiedenen Seelen, wie er zugleich den engen Ver- 
kehr zwischen Ober- und Unterwelt vermittelt*). Und hiermit wieder 
hängt seine Auffassung als Pylaios zusammen, welcher Cultname ihn 
nicht mit den Thoren überhaupt, sondern mit dem Thore der Unter- 
welt verbindet. So hat die spätere Zeit eine Ausgleichung der von 
Haus aus identischen Gewalten des Hermes und Hades vollzogen, 
indem sie diesem seinen steten unwandelbaren Sitz in der Unterwelt 
anweist, während dem Hermes die Vermittlung zwischen Ober- und 
Unterwelt und der spezielle Schutz des Unterweltthors zufällt. Und 
mit dem chthonischen Gotte Hermes hat man auch eine Menge Pflanzen, 
die in besonderer Beziehung zum Dunkel der Unterwelt zu stehen 
schienen verbunden; hat Erdschlüchte und Erdspalten auf Hermes 
zurückgeführt; hat das lichtscheue Gewürm ihm geweiht; wie nicht 
minder den lebendigen Quell, wie er aus der Tiefe hervorsprudelt, ihm 
gegeben. Und gleich den Schätzen des Wassers werden nun auch alle 
übrigen Schätze der Erdtiefe auf Hermes zurückgeführt, der so zum 
Gott des Segens, des Glücks, des Reichtums überhaupt wird'). 

*) Hermes iptouviog X 34 uo erklärt Eust ipt-dvöv, Com 16 lieYOcXaxpeXTJc; 
C 539 dvTJotjie, von Haus aus jedenfalls allgemeinerer Bedeutung, später speziell 
auf die chthonische Seite des Gottes bezogen: Et vermischt die verschiedensten 
Begriffe. Im Gegensatz zu ööXtog AristR ll4lf; öcÖTCDp Somüv 9-335. Speziell diese 
chthonische Seite ausdrückend sind x^övtog, iptx^övtog EustaO; Et; vgl. AeschCh 
1. 124. 727 (vüxtoö; P628f etc; SophE 111 ; Ai832; EurAl 743 etc; C538; Mitt 8, 
llSff. Als Geleiter der Seelen vor allem o) iff (die Pythagoreer TafiCog täv c|*üxöv 
DiogLS, 31); H3, 572; LucDD 24; 7. Daher TioiiTiaug, no\iK6^, :io|i7CfltCos y 376; 
AeschEQi; SophOC 1548; Ai 788; Dd 1,90. Vgl. AeschCh I23ff; 147; t90; X623ff. 
Diese Seite des Doppellebens und Vermitteins zwischen Ober- und Unterwelt (Ger- 
hard VB 129— 131 Herakles in die Unterwelt geleitet; Gaz. arch. l, 7) kommt 
noch schärfer in Hermes' Sohn Aethalides zum Ausdruck Pherec66; Ap l,640ff; 
DiogL8, 1,4. 

2) Hermes iwXato^ SchB842; n\jXrfi6%oi H3, 15 erklärt PlutQG 24 Hx^obou. 

15* 



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22S Spezieller Theil. 

So bestimmt also auch im spätem Glauben die Gewalten des 
Hades und des Hermes auseinander geschieden und gegen einander 
abgegrenzt werden, beide Götter — es muss das schon hier ausge- 
sprochen werden — sind ihrem Wesen nach nur verständlich, wenn 
wir sie als gleich von Haus aus auffassen. Hermes ist als ein anderer 
Hades ein Gott des Dunkels, der wie er der Nacht den Wolken Wassern 
und Winden, so auch dem unterirdischen Dunkel, dem Reiche der 
Finsterniss befiehlt. Und wie sich dieses Reich der Finstemiss aus 
dem grossen Gebiete des Zophos im Westen später mehr und mehr 
in die Tiefe, in die Gründe der Erde hinabgeschoben hat, so ist auch 
Hermes aus seinem ursprünglichen westlichen Reiche zum Herrn der 
Unterwelt, zum chthonischen Gotte geworden. Aber er ist mit nichten 
hier ständig sesshaft gedacht: in freier Thätigkeit waltet er in nächt- 
lichem wie im Tageswirken oben und unten, im Himmel ui^d unter 
der Erde, da alles was das Wesen des Dunkels, der Finstemiss, des 
Verschleierns und Verbergens an sich trägt, in gleicher Weise auf den 
einen Gott zurückgeführt wird. 

So erscheint Hermes nach allen Seiten als der Dunkelgott 
schlechthin, der gleichmässig in der Nacht, in den Wolken Winden 
und Regenströmen, wie endlich im chthonischen Wirken sich offen- 
bart. Er ist die interessanteste Gottesgestalt Griechenlands, die in 
ihrer Entwicklung die volle Energie des mythischen Denkens zum 
Ausdruck bringt. Und so sehr er, gleich allen olympischen Göttern, 
vom spätem Glauben nach seiner freundlichen Seite ausgebildet worden 
ist: der Cult zeigt dass derselbe ihn von Haus aus als einen furcht- 
baren Gott aufgefasst hat, der in der winterlichen Überschwemmung 
seinen vollen Grimm über die Erde ausschüttete^). 

TOg ^ux^C "cöv 'Eppi^v nemlich in das Thor der Unterwelt; xdTOXOg Defix. tabb. ed. 
Wünsch 85 uo; später auf Thür und Thor überhaupt bezogen P4, 33, 3 H. iv Tal^ 
TCuXats; 6 Tipög TJ5 izuXidi (Dem.) 47, 26; nponbXaio^ P 1,22,8; C4301; Philoch 8of ; 
übertragen npövaog P9, 10, 2; inizip\ii.oz Hes; P 2, 38, 7 etc. In dieser Beziehung 
sind Kerberos und Charon nur ältere Formen des Hermes. Die enge Verbindung des 
Hermes mit den Todten PlutQG24; CicLeg 2, 26, 65 ; C 538. 539 etc; SchAristAch 
1076 an den Anthesterien. Die befruchtende Kraft des Hermes in Bezug auf die 
Gewächse schon H 3, 4090"; vgl. P8, 17, if; 9,28,1; 2,31,10. Daher Hermes 
ipt^uXXog Hes; (fXuTJotog Hes vgl. cfXel Hes; AelVh3, 41; allgemeiner otögCöijiioc 
Hes. Im ävxpov des Kyllenegeb. empfangen und geboren H 3, 4fF; mit dem ävxpov 
identisch x6 XCxvov H 3, 21. 24. 228ff. 358ff; P 4, 36, 2ff; Apd 3, 112: thatsächlich ist 
dvTpov und Xfxvov die Unterwelt selbst. Über die Schildicröte H 3, 23ff; P8, 17, 5- 
Schätze des Bergbaus AeschE 946flf; LucTim4l; angedeutet H 3, 249flf, später mit 
der pip^Oi verbunden 529 Geber alles Reichtums H3, 170ff; 0319I; x*P^ött>xifj5 
PlutQG 55 (xäpt€ materieller Segen); feöö^ Et; |iftY0cX65ü)poc, tiXoüxoööxtqc, xspö^og, 
cftXööwpog etc. Vßfl. Hes 'Epjioö xXfJpog, *Ep|ioö tpfjqpog; Et 'Epjiatov; Hes xotvig 
'Epfifjg; Suid eOep}i(a etc; Hermes Töxcov Kern Mitt 19, 548. 

^) Hermes nahm theil am Frühlingscult des Zeus: die x^*^?* *^ Ehren der 



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Ihifikel. 



229 



In jeder Beziehung eine ältere und rohere Form des Hermes ist 
Pan, der äusserlich als Sohn mit Hermes verbunden ist. Wir haben 
in ihm den Cult einer einfachen, im Verborgenen lebenden Hirten- 
bevölkerung 2u sehen, welche die Göttergestalt in ihrer ursprünglich 
derben und echt ländlichen Form im Wesentlichen erhielt. 

So tritt uns zunächst in ihrer nächtlichen Seite die Überein- 
stimmung und zugleich der Unterschied zwischen Hermes und Pan 
characteristisch entgegen. Ist Hermes der Geber ron Schlaf und 
Traum und nächtlicher Stille, so bleibt Pan nach der Ursprünglich 
furchtbaren Seite des nächtlichen Dunkels der Bringer der nächtlichen 
Spukgestaltetty alles nächdichen Schreckens und Grausens. Das 
Grauen wie es jede Seele ergreift wenn in einsamer Gegend das un- 
heimliche Dunkel der Nacht den Menschen beschleicbt, hat sich für 
alle Zeiten an Namen imd Gestalt des Pan geknüpft. So ist der nächt- 
liche Gott zu dem Bösen sehlechthin geworden, der im Traum sich 
auf die Brust des Schlafenden lagert um ihn den ganzen Schrecken 
des entsetzlichen Dtmkels empfinden zu lassen; der durch nächtlichen 
Spuk, durch grausige aus der Seele des angstgequälten Menschen selbst 
emporwachsende Gebilde seine Macht beweist; der in dem Dunkel der 
Naebt in der Finstemiss selbst herankriecht, dem Menschen sich 
nähert, ihn mit einer unentrinnbaren Gewalt unheimlich umschleicht 
und erfesst. Und diesem Nachtwesen des Gotts entspricht auch die 
nächtliche Feier, der nächtliche Cult desselben; wie er nicht minder als 
Nachtgott in Wechselverhätniss zur Mondgöttin tritt, die er mit seiner 
Liebe verfolgt^ um im Wolkendunkel sie zu umarmen und mit ihr zu 
buhlen^). 



im XQCTaxXuo(iö^ umgekommeiiea oS 149. Die *JLg\yxut Plat Lys^Sch; SchAesehin 
Tim 10 später meist in spezielle Bez. zu ihm als Patron der Gymnasien, ursprüng- 
lich at%emeincrer Bed. Der Siegesprets einer x>><a^va SchPdO 7, 13<3; Hts üsXXiqv; 
Hlppon 17 erinnert an sein ondpYoevov. 

1) Ober Pan Roseber Fan als Allgott Leipzig 1893 (Festschr. f. Ovefbeck 
56ff); ArchfRelWiss ],42ff; Usener 347^ Wenn Roseber sagt, das Leben und 
Tteiben der aharksKÜaehea Hirten spiegele sich in dem Charakter, dem Kultus 
und Mythus des Gottes wieder, so ist das richtig: daraus folgt aber nicht Pan 
etwa als Ideal oder Verkörperung des arkadischen Hirten zu fassen. Die Gläubi- 
gen haben auf die durch die Natur gegebene feststehende Gestalt des Gottes das 
etgeae Leben und Treiben übertragen -^ immer aber im Anschhiss und auf Grund 
der natAf lieben Momente selbst. Über H 19 PepproüUer Ph48, iff. Paa Hermes' 
Sek» H I9»3'5f; Her 2, 145; CicND 3, 22, 56. Hes Ilav^^ a%&zo^ erklärt durch 
vtMtTspcvdtc cpctYZOKsioLi; Long 2, 19; Phot üocvög oxon^c- Der zu eider besonderen 
Gestalt gewordene 'E^idXxvjg (Et; Hes=aeö iniTcyjdAv; Pbrynicb 6 iniTcdirccov %öil 
iqpipncsv zcXq xoc}jLo»|jLivoi^ 5oiC(io>v) wird Artemid 2, 37 mit Pas identificirt. Die yieU 
fachen EalsteUungen des Namens (Meincke h. er. eom.gr. I52f) zeigen wie weit 
der Glaube an denselben verbreitet war. Mit diesem Namen dachte man steh so 



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230 Spezieller Theil. 

Mehr aber noch als die nächtliche Seite tritt die Beziehung aut 
Wolke und Wind uns entgegen. Wie Hermes der Läufer so ist Pan 
der Tänzer. Heftige Bewegung und wildes Geschrei ist dem Gotte 
eigen, daher der Cult wieder nachahmend ihn in Tanz und Ver- 
renkungen wie mit Lärm und Geschrei feiert. Und wieder gleich dem 
Hermes erscheint Pan als Hirte, der nichts anderes kennt als den 
Besitz seiner Heerde, die Freude und Lust an derselben, die Geschäfte 
Scherze und Spässe des Hirten : in seinem Namen ist er der Hirte, dh 
der himmlische Hirte schlechthin. Aber consequenter als Hermes hat 
Pan diesen Charakter sich bewahrt und hat niemals verleugnet dass er 
von Haus aus selbst der Bock, der Wolkenwidder gewesen ist. Alle 
diese einzelnen Beztige lassen sich wieder nur aus seiner natürlichen 
Entwicklung verstehen. Ist er als Gott der Nacht mit ihrer Stille, mit 
ihrem Schweigen verbunden, so ist sein Geschrei und Lärm, seine 
wilden Sprünge nnd Verrenkungen wieder nur aus der andern Wesens- 
seite des Dunkels, der Erscheinung in Wolken und Winden erklärlich: 
das Dunkelwesen vereinigt beide Seiten; indem Pan aus dem Nacht- 
gotte zum Wolken- und Windgotte emporwächst, erweitert sich auch 
sein Wesen und Wirken. Und auch darin ist er wieder ganz ein 
anderer Hermes, dass er, wie er die himmlischen Strassen durch- 
wandert, so auch die irdischen unter seiner Aufsicht hat; dass er ein 
scharfer Späher, dass er mit Vorliebe auf den Höhen der Berge weilt. 
Und wie Hermes trotz der ursprünglichen Feindschaft in engste 
Kameradschaft mit dem Sonnengotte tritt, so wird auch Pan der Ge- 
nosse dieses, den er auf seinen himmlischen Zügen begleitet und für 
und mit ihm kämpft und siegt. Seinem Wolkenwesen verdankt Pan 
dann die Ausrüstung in der er gewöhnlich erscheint: das rote Luchs- 
fell oder das graue Hasen feil drückt die wechselnde Farbe aus, in der 

sehr Angst und Zittern verbunden dass man mit demselben (Suid) auch xb p\.fO' 
m>p6T0v den Schüttelfrost bezeichnete SchAristV 1038. Der 9Ößo( üavixöc befällt 
des Nachts den Menschen Pio, 23, 7,* Thuc 7, 80; ValFI 3, 43flF: diese uralte Vor- 
stellung später bez. des Heeresschreckens spezialisirt Schmid RhM 50, 3lof 
gegen vWilamowitz EurHip. 193. Pan als Verhänger von xaxöv Oberhaupt AristL 
998; sein Zorn EurM 1172. Nächtlicher Cult PdP 3, 77ff; StatTheb 3, 480; 
daher das itOp oöitoxt dTtooßtvvöiievov P 8, 37, 11; 5» 15» 9; Fackelwettlauf Her 6, 
105; BekkAn 1,228; Phot XaiiTcd^. Beziehungen auf die Nacht Polyanl,2; Lucr 
4, 58off; DAK 2, 554- Traumorakel Longus 2, 19; Artemid 4, 71 ; P 2, 32, 6; Epigr 
802 (Drexler Ph 52, 73of). Verbindung mit Rhea PdP95ff; mit Selene Porph. 
antr. 20; den Chariten Ja 74. In dieser Verbindung mit der Mondgöttin (ServE 
10,27) giebt Pan auch Begeisterung nnd Weissagung EurHi I42; P 8, 36, 7. Vgl. 
Apd 1, 22 mit H 3, SSOfiF; Thespis 4; AP 9, 226 Honigopfer mit H 3, 560 etc. Ver- 
bindung mit den Nymphen Mitt3, 154; H 19, 19fr; Ca 2, 1562. 167 1 ; Cs 3092; Str 
398 und Ca l,423flf; 2,1515; PlO, 32, 7; C 1728; Michaelis Annali l863i 30lff; 
PdP3, 78; Plut Aristll uo. 



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Dunkel. 23 1 

der Gott am Himmel sich oflfenbart. Haben wir aber schon früher 
gesehen dass der Wolkengott Keim und Streben in sich trägt in ver- 
schiedene Teile sich zu zerlegen, so kann es uns nicht wunder nehmen 
dass neben dem einen Pan mehrere erscheinen, die der sich immer 
wieder von neuem spaltenden und scheidenden Wolkenbildung ent- 
sprechen*). 

Wir sehen also wie in allen diesen Beziehungen die enge Ver- 
wandtschaft des Pan mit Hermes hervortritt. Hermes und Pan sind 
von Haus aus identisch: wir haben in ihren Namen zwei alte Cultbe- 
zeichnungen zu erkennen, die sich der eine wie der andere selbständig 
ausgebildet haben. Sie weisen beide denselben Entwicklungsgang auf, 
indem Hermes sowohl wie Pan als Wolkengott in jene enge Ver- 
bindung mit dem Sonnengotte treten, den sie tragen und begleiten, 
den sie umtanzen und umspielen, dem sie voraufeilen und den sie ge- 
leiten auf seinen Triumphzügen durch die himmlischen Gefilde. 

Und wieder mit dem Wolkenwesen des Pan ist seine Beziehung 
zum Winde eng verbunden. Gleich dem Hermes verfügt er über alle 
Laute vom leisesten Flüstern bis zum stärksten Toben. Vor allem 
aber hat er als Hirte an der Rohrpfeife Gefallen, deren Tönen eben 
das Wehen des Windes darstellt. Wenn der Wind Mittags sich legt, 
so zieht sich Pan in seine Höhle zurück um zu schlafen; Abends, 
wenn der Wind srch von neuem erhebt, kriecht er wieder hervor und 
lässt seine Pfeife erschallen: in diesen Zügen ist das Leben des Gotts 
selbst dargestellt, der hier im Winde eben lebend und thätig sich 
zeigt. Und wie er im Winde erscheint, so wird er zum Gott aller 



1) Beweglichkeit H 19, 2flF; 8flF; 12f; 20; 22f; D AK 2, 555 durch die Luft 
fliegend; Läufer SilPun. 1 3, 326ff; Et ßaßdxTif]; dpxiQon^-; Cratin 321; Corn 27 
oxtptT}Ttxöv X. TOgÖTjxtxöv; AeschP447ff ^^iXöxopoq; f. 73; SophAi öQSflF; Plato Cratyl. 
24; Artemid 2, 37; Ath 15, 50 (Skolion ö'); LucBacch 2; Pd 99 xop«>'cife» Sein Name 
6)cdo>v; H 19,5 vöjiio^; P 8, 38, ll; Phaon vielleicht mit ihm identisch Jurenka Wien. 
Studd. 13, 195. Sein Ziegenursprunj^ durch seine spätere Bildung noch angedeutet 
H 19, 2 alytTCÖÖTjv ötxipcDxa; Thespis4; Simon 133 xpaY^ÄOUg; Her 2, 46; AristR 
230; SchTheocr i, 3 OT)|iaivet xöW xaxatydöcov xig aicpvtÖCooc xopaxdt? x. xöv inb xöv 
V69Ö&V yevoiiivoDv nspl xöv dipa piftxaßoXdi^v. HimerE 12, 8 7cip,7coi iJiiv oe Ilav ivödio^ 
«opiTcaloc; EurJT 1125; sein Name dxxto^ Pd 98; Theocr 5, 14, AeschP447ff; SophAi 
695ff wird den günstigen Fahrwind bezeichnen. Pan dgia öepxöiisvo; H 19, 14; 
Plato aO. 6 Tcftv iiyjvöcdv; P 8, 42, 2. Auf Höhen H 19,6; x^pug DAK 2, 174; AZ 
1873 (31) T. 7,1; vgl.Eurj498; Her 6, 105; P 1, 32, 7; 8» 54» 6; 24,4; 38,5; 36,8? 
38, 11 ; 42, 3 ; Eur 697. Enge Verbindung mit den Sonnengöttern Helios P 2, 1 1 l ; 
Apoll P 8, 31, 3; Dionyses H 19, 46; LucDD 22; bis accus. 9; Bacch 4; Polyaen l, 2; 
Theocr 7» 103; vgl. seine Anwesenheit beim Sonnenaufgang auf Denkm.; Usener 
RhM 49, 461 ff. Das Fell in welches er sich kleidet H 19, 23; ServE 2, 31 nebridem; 
Cultname ifX.aid^ipo^ H 19, 5; xprys^y^pto^ Cratin 321; Duris 42 nimmt 2 Pane an; 
Aesch29; Soph 131; AristE 1069; Plato Leg Plat 7, 18; P 8, 37, 2 etc Iiatvtc. 



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232 Spezieller Theil. 

tönenden Stimmen und Geräusche. Ja auch darin entspricht er völlig 
dem Hermes, dass er zum Inhaber des Logos wird. Niemals hätte dieser 
derbe frivole bockfüssige Gesell in innere Beziehung zum Logos treten 
können, wenn er eben nicht in seiner Identität mit Hermes in seinem 
Wesen selbst die Entwicklungsfähigkeit hierzu getragen hätte*). Und 
völlig als Windgott erscheint Pan auch in einer Erzählung des 
Plutarch, die ein hoch interessantes Licht auf sein Wesen überhaupt 
und auf seinen zäh festgehaltenen Cult wirft. Der Tod des Pan wird 
hier in so bestimmter Weise mit der Windstille in Beziehung gesetzt, 
dass die Annahme eines unmittelbaren Wechselverhältnisses des Windes 
und des Gottes sich von selbst ergiebt. Pan ist der im Winde selbst 
lebende und webende; er flüstert in seinem Säuseln, er tobt in seinem 
Brausen, er schlummert oder stirbt wenn der Lufthauch, der Windodem 
aufhört und erlischt. Hier ist also Pan geradezu mit dem Winde 
identifizirt und wir haben gerade in dieser Auffassung des Gottes einen 
hoch altertümlichen Zug zu erkennen. Der Hirte der das himmlische 
Leben mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt erkennt in den wech- 
selnden Äusserungen des Windes das wechselnde Leben des Gottes 
selbst, der in dem Säuseln oder Brausen seine Flöte oder seine 
Stimme erschallen lässt; der in dem lindern oder stärkeren Wehen 
seines Athems das schwächer oder heftige bewegte Leben seiner selbst 
zu erkennen giebt; der im ersterbenden Windeshauche zum Schlafen 
sich legt oder vergeht, im neu erwachenden Luftzuge aus dem Schlafe 
oder vom Tode sich neu erhebt. Auch darin erscheint also Pan als 
der Dunkelgott, der gleichmässig in Wolke und Wind sich offen- 
bart '). 



1) Alle Arten von Geschrei in Bez. zu ihm Artemid 2, 37; Suid Ilamx^ 
(dpYt^tiv — {MTd xpau>YfjO; Hes üdvio^ doiiiKov; Flut amator l6 ((iav(a icvtö|iaxo€ 
ßXoßipoO). Daher H 19, 2.37 <^tXö— woXöxpoxoc; i^ÖuYiXtDg. Vgl. SchPdP3, 139; 
Erat 27; EurHel l89f. Liebe zur Echo Mosch 6; Long:3, 23; Rufe des Pan Her 
6,105; Wolkenpeitsche EurRh36; St Ilavö^ tzöXl^. Zusammenhang der Flöte mit 
dem Wehen des Windes OuM i, 707ff; SchTheocr 1 , 3 ; VergEcl2, 32; Com 27; 
P8, 38,11. Flötender Pan Plato ep. 24; EurJTll25; J 50l ; B952; El 702; P8, 
36, 8; 38, 11; Ath 10, 81; Denkm. Die reizende Schilderung Theoer 1, 15ff stimmt 
mit H 19, 14—26. Über die Beziehung zur Rede Et ßaßdxxTjg; Plato Cratyl 24; 
Phaedr46 (xexvtxdg npb^ X^you^), daher Socrates zu ihm betet 64; Aristid 2,231 
heisst er selbst Xö^og. Anderseits wilder Jäger Hes ifpti)^] AP 6, l83ir; Castorio 2. 

^ Plut def or 17; Röscher Jbb 145, 465!?. So zweifellos hier aegyptische 
Vorstellungen eingewirkt haben, so ist doch zu bemerken, dass Pan hier durchaus 
seinem alten echthellenischen Wesen treu bleibt. Wie das dwoogfjvot xö tcveOfiO, 
vt)vtp-(>j€ ^ yoiX'fiwri(i Y«vojiivT)€ oöxt 7cvtö|iaT0€ 5vto; oOxs xX6d(i)voc mit dem Tode 
des Pan zusammenfällt, so tritt Theoer 1, 15 an die Stelle des Todes der Schlaf; 
gerade Mittags in der höchsten Gluth der Sonne schläft oder stirbt der Wind. 
Und das ist der Grund weshalb gerade der Mittag im Volksglauben so gefährlich 



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Dunkel. 



233 



Die chthonische Seite endlich tritt zwar, was sehr natürlich, 
nur in wenigen Momenten hervor: immerhin zeigen die letzteren dass 
das Dunkelwesen des Gotts sich gleichmässig nach allen Seiten ent- 
wickelt hat. Die Verbindung mit Höhlen, mit Wassern, mit immer- 
grünen Gewächsen bringt ihn in Verbindung mit dem Innerleben der 
Erde und offenbart ihn dem Kerne seines Wesens nach als chthonischen 
Gott *). Und hiermit wird auch seine erotische Natur zusammenhängen, 
die ihm freilich auch als Wolkengott zukommt. Jedenfalls erscheint 
Pan nach allen Seiten als der Dunkelgott: wir haben in ihm, wie 
schon bemerkt, die ältere ländliche Cultform des Hermes zu sehen. 
Während für den Gott der Hauptcultname Hermes sich mehr und 
mehr Geltung verschafft hat, um schliesslich als der einzig berechtigte 
anerkannt zu werden, hat sich speziell in den weltabgeschiedenen 
Thälem Arkadiens ein anderer Cultname, der ihn als den »Hirten« 
fasste, erhalten, um im Laufe der Zeit unter Beibehaltung seiner alter- 
tümlichen Formen zu einer von Hermes selbst verschiedenen Götter- 
gestalt zu erwachsen. 

In engster innerer Beziehung zu Hermes steht nun auch Hades, 
zu dessen Betrachtung wir jetzt übergehen. Beide Göttergestalten 
haben sich gleichfalls aus einem und demselben Kerne entwickelt und 
nur dadurch ist Hades ein anderer geworden, dass er bei aeolischen 
und ionischen Stämmen ausgebildet und namentlich auch durch die 
Mysterien beeinflusst sich ausschliesslich nach der chthonischen Seite 
entwickelt hat. 

Der Name des Hades kennzeichnet ihn als den Unsichtbaren. 
Unsichtbar ist er als Dunkelgott überhaupt, wie denn auch Hermes 
im Hymnus noch deudiche Spuren dieser Auffassung zeigt, die ihn 
als eigentlich unsichtbar betrachtet. Und als dem Unsichtbaren ist 
ihm die Hundskappe eigen, da die Wolke nur als eine Hülle ange- 
sehen wird, mit der sich der seinem Wesen nach unsichtbare umkleidet, 
hinter der er sich versteckt, die er nur wie eine äussere Erscheinungs- 
form gebraucht. Schon diese Kappe zeigt dass Hades von Haus aus 
keineswegs auf die Unterwelt beschränkt gewesen ist. Und wie Hermes 
selbst gleich dem Hades die Hundskappe gebraucht, so sind auch, wie 
bemerkt, beide Götter von Haus aus gleich gewesen. Und das zeigt 
sich auch darin dass der Rinderraub von beiden gleichmässig ausge- 
sagt wird. Denn die Rinder des Hades sind keine andern als die des 



und dämonisch beeinflusst erscheint wozu vgl. Drexler Ph52, 73lf; AllgZeitung 
1897 N46. 

1) Höhlen Pl, 32, 7; 10,32,7; EurJ SOlf. 938; OyMll, 147; Hes Ilavö^; 
Pd95; AristL72l; erotisch Her 2, 46; St navö^n; LucDD 24. Seine Verbindung 
mit Wasser P 1, 32, 7; 34, 3; 2, 24, 6; 8, 30, 3; AristL 911 ; OoF 2, 267ff; Liebe *u 
Nymphen Long.; P8, 38, 5; Denkm. Weinstock P 8, 30, 3 etc. 



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234 Spezieller Theil. 

Hermes: und erst als Hades im Glauben völlig aut die Unterwelt be- 
schränkt worden war, sind an seine Stelle untergeordnete Gestalten ge- 
treten, die thatsächlich wieder nur Copieen des Dunkeigotts sind. 
Denn Geryoneus Alkyoneus Neleus und andere stellen in Wirklichkeit 
Hades selbst dar: sie sind in der Sage an die Stelle des Gotts selbst 
getreten, der als der unsterbliche, als der ständige Herrscher der 
Unterwelt keine Stelle mehr im Mythus hatte und nun seine Thaten 
und Leiden an Stellvertreter abtrat, die aus Cultnamen zu selbständigen 
Persönlichkeiten heraufgewachsen waren. Und weiter zeigt sich das 
universale Wesen des Dunkeigotts Hades auch in dem Kampfe mit 
Herakles, dem Sonnenheros. Wie das Zusammentrefien des Apoll mit 
Hermes in seiner Höhle in Pylos einen ursprünglichen Kampf der 
beiden andeutet, so ist auch der Kampf des Sonnenhelden mit dem 
Dunkelgotte nur als das Zusammentreffen der beiden am Abend, wenn 
der Sonnengott auf seiner Wanderung von der Oberwelt in die Schatten- 
welt hinabsteigt zu fassen. Der Kampf des Hades mit Herakles ist 
daher nur eine Version des grossen Zweikampfs zwischen dem Gotte 
des Dunkels und dem Sonnengotte, wie sich jener in immer wieder- 
holten Malen dem Glauben vollzieht. Nur dass eben hier im Laufe 
der Zeit an die Stelle des Gottes der Heros getreten ist, da die 
eigentlichen Götterkämpfe sich dem Glauben einer sittlicheren Zeit 
entzogen und nur noch wie verschollene Sagen einer Urzeit erhielten. 
Aber die nähern Umstände des Kampfes zwischen Herakles und Hades 
zeigen, dass Hades auch hier durchaus als der auch der Oberwelt an- 
gehörende Gott gedacht wird. Wenn er daher den Zophos als seinen 
Herrscherantheil erhält, so ist hier Zophos im weitesten Sinne zu 
fassen als das Dunkel, wie es ausser der Unterwelt in Nacht und 
Wolken und Winden zur Erscheinung kommt*). 



') Über den Namen Lexx. Plato Gorg47 iv *AtÖ0ü tö dttök^ Wj Xiyov; 
daher Plut El 21 Alöcüvtöc dem Ai^Xtog entgegengesetzt und jener als axdxtoc, vuxxöc 
alövölg 4«pYr)XoTÖ ^' Titvoo xotpavög characterisirt wird ; Corn 5 döpaxoc. Der Gegen- 
satz von Ober- u. Unterweit kommt darin zum Ausdruck dass Hades Zti>( xaxa- 
X^^vio^ heisst I457; DiogL prooem S. Dass die xuvf) nicht etwa der Ausdruck 
des unterirdischen Dunkels zeigt E 844f uaBeispiele: 'AOi^vtj ÖOv' "Aiöoc Xüvinjv 
|jii^ pLtv Xöot Ößptjiog "ApYjc. Richtig Eust als viqpog xt Twxvöxaxov erklärt hinter der 
sich die Götter verbergen. HsdSc 226f "Atöo^ xoviYj voxxö; C^cpov otlvöv Ixouoa; 
AristAch390: SchAp4, 1515; Suid; IQl ^Aibr^ «Xaxt C^^ov •?jtp6tvxa. Vgl. KFrHer- 
mann Hadeskappe Göttingen 1853* Die Heerden des Hades Apd 2, loöfif: die 
später als seine Hirten characterisirt en MtvoCxT)^, Eöpux((i)v, wie Geryoneus selbst 
nur Formen des Hades selbst: vgl. oS 198. Ebenso Neleus, dessen Heerden Apd 
1, 98ff= Hades HDMQller i, I5lff; und wieder Periklymenos Apd 2, 142 = xXö|i«vo€ 
C 1197. 1199; Lasos 1; P 2, 35, 9f; sein Kampf gegen Herakles Apd 1, 93; A M^ 
(AZ 1859 [17] T 125; S33ff In die Unterwelt selbst versetzt) nur eine Variation 
des Kampfs zwischen Hades u. Herakles E 3950'; B 367f; HsdSc 360 (Pylos gleich- 



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Dunkel. 



235 



So zeigt sich Hades als ein echter Dunkelgott, der aus seinem 
Wesen als Nachtgott wieder zu der alle Seiten des Dunkels gleich- 
massig beherrschenden Göttergestalt sich entwickelt. In dem Namen 
Aides hat der Mensch wieder den Versuch gemacht, sich das wunder- 
bare Wesen des Gotts klar zu machen, der ohne jede sichtbare Er- 
scheinungsform nur in seinem Weben und Wirken sich mächtig er- 
weist. Wie der Name den unsichtbaren bezeichnet, so wird er von 
Haus aus zugleich das Unsichtbar machen bedeuten und umfassen; 
denn unsichtbar macht der Gott ja alles, wenn er am Abend seine 
Schatten über die Welt lagert. Aber wie dieses unsichtbar machende 
Wesen sich auch am Tage fortsetzt, da dieselbe Kraft des Verbergens 
und Versteckens auch in den Wolken sich offenbart, so ist auch in 
Hades das ursprünglich der Nacht geltende Wesen zu dem umfassen- 
deren Dunkelbegriff überhaupt emporgewachsen, welcher letztere 
sich in der Nacht, wie in den Wolken und Nebeln des Tages 
äussert. 

Die Verbindung des Hades mit Persephone ist schon Homerisch 
eine enge, da die Mondgöttin der ursprünglichen Auffassung nach 
wesentlich mit Nacht und Dunkel zusammen hängt. Diese Verbindung 
der beiden ist aber wieder keineswegs als auf die Unterwelt beschränkt 
angesehen, da die den ganzen Himmel überspannende und ver- 
schleiernde Nacht unmittelbar vor den Augen der Welt in Verbindung 
mit dem Monde tritt; und diese Wechselbeziehung zwischen Mond 
und Dunkel in gleicher Weise in den finstern Wolken des letztern 
sich äussert. Der Homerische Hymnus und alle älteren Quellen be- 
tonen denn auch einstimmig, dass der erste Theil des Mythus, wie ihn 
der Hymnus darstellt, der eigentliche Raub, auf der Oberwelt stattge- 
funden hat. Nur für die Oberwelt hat Wagen und Rosse des Gottes 
Sinn und Bedeutung. Im Wolkenwagen und mit Sturmesrossen jagt 
der Dunkelgott am Himmel dahin; hier am Himmel bemächtigt er 
sich der Mondgöttin, die daselbst in lieblicher Erscheinung einher- 
wandelnd vom finstern Gewölk verfolgt und eingeholt, mit fortgerissen 
erscheint, um nun in den Westen, die Tiefe der Erde herabgezogen 
und hier festgehalten zu werden. Auch in dieser Verbindung des 
Hades mit der Mondgöttin ist der erstere nur als der Dunkelgott in 



falls mit dem DunkeIj2:ott Ares verknQpft). Das ganze Ereigniss erinnen merk- 
wOrdig an den Kampf des Diomedes gegen Ares, wie auch die Heilung beider, 
Hades und Ares, £ 40lf, QOOf ganz gleich erzählt wird. Apd 2, 142 ist der Kampf 
historlsirt als Kampf gegen die Pylier; P 6, 25, 2(; während A öpoff der Kampf 
gegen Pylos von dem gegen Hades getrennt wird. Es sind das alles nur Varia- 
tionen und Historisirungen des Kampfs zwischen Sonnengott (Apoll, Herakles) und 
Dunkelgott (Hades, Hermes, Neleus, Klymenos etc, sowie Ares) wie er sich dem 
Glauben an die Westküste Griechenlands (Pylos), den Eingang zur Unterwelt, knOpft. 



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236 SpeiicUer Theil. 

umfassenderem Sinne zu verstehen, der im finstem Sturmgewölk zum 
Himmel fährt, mit Wolken- und Windrossen dahinjagt, der Wolken- 
heerdcn sich erfreut und um die Mondgöttin, wie sie am Himmel er- 
scheint, ringt und buhlt. Erst als die Stämme mit ihren selbständig 
entwickelten Dunkelgöttem zusammentrafen und diesen ihren Götter- 
besitz austauschten und zu einem gemeinsamen Systeme auszugestalten 
unwillkürlich bestrebt waren, ist Hades, der Dunkelgott aeolischer und 
ionischer Stämme, so specifisch nach seiner chthonischen Sehe ausge- 
bildet worden*). 

Und so tritt er denn hauptsächlich nach zwei Richtungen hin 
als chthonischer Gott uns entgegen. Einmal ist er als solcher der 
schreckliche Todesgott, der im finstem Reiche herrschend alles Leben 
zu sich hernieder zieht; zu dem Sonne und Mond hinabsteigen und 
der in seinem Grimme während der Winterzeit nichts Lebendes aus 
der Tiefe herauflässt Anderseits aber ist er der absolut fruchtbare 
Gott, der im Frühling keimen und wachsen lässt und Segen und Fülle 
und Leben spendet. 

I>ie finstere Seite des Hades wird in einer Menge von Cultnamen 
zxmi Ausdruck gebracht, welche sein finsteres Wesen, seinen Grimm 
imd seine Erbarmungslosigkeit, wie seine enge Verbindung mit dem 
Tode in immer neuen Wendungen schilderru Er ist ein gewaltiger 
König und Herrscher und troz seines Grimms ein gerechter Richter. 
Endlich ist er euphemistisch der gute Wirt, der in die Thore seines 
Reiches jeden ein-, aber niemand herauslässt. Und dasselbe will auch 
wohl sein Name Zagreus, der grosse Jäger, sagen, wenn wir in dem- 
selben nicht vielmehr eine Beziehung auf den Wolken- und Sturm- 
gott und seine wilde Jagd erkennen wollen. Als dieser finstere 
Wtttherich empfängt Hades kein Opfer, kein Gebet, wie er selbst als 
der Thanatos schlechthin erscheint^). 

*) Hades and Persephone zusammen I569; 457. X491; Xailff etc. H5 
bet<nit öfter dass der Raub zu Wagen geschah 17 — 20: 430f; 32; 8of; auch Per- 
sephone kommt 375ff zu Wagen wieder auf die Oberwelt zurück. Daher nXtyzö^ 
ic«3lo^B654; A445f U.Ö2S; Piadar (P9,23.4) XP«<n)v«)g; Orph 18, 12— 15; Hyg 
146; Et Kktnd^; SchE 654; £9 1893, 130ff Tg. H 5 bat 2 Terschiedene Tnufitioaen 
vcrekit, indem 3off Ton einer längeren Fahrt die Rede ist, 4146' den Raub direkt 
mit dem x^^^ 2u verknüpfen scheint; P 1, 38, 5 zeigt die letztere aU eleusiniscbe. 
Aadere x^«'^« P2, 36, 7; 35» 10 (Welcker2T479f) «tc; dafür auch H»6««a, 
x«ii*|M&Vy i«>x6c, ircöxiCr «xuxflti ua AZ 1873 (3l) 93; ^»ot ptöxiot StephaaiCr 1 869> 
176; Anacr 43. Wena Persephone 5, 377ff auf demselben Wagen mit Hermes filhrt, 
so niami der letztere hier die Stelle des Hades ein. PdO 9, 33ff erinnert an o> äff 
(jSißdo^): Hades EurAl 24ff selbst Psychopomp; zu Hades ^uponpöpo^ H<-s Oipd 
Her 7, 69. 75 «in weiter bauschiger Überwurf) vgl. H 3, 305. *AxdxT)( C 1067 gleich 
Hermes; auch mit* Flügeln erscheinen beide; xoavoxa^Tyjc H 5, 347; Deakxn. oft 
put struppigem Haar; EurAl 436ff \xMXaefXjxiiai. 

^) Beziehung zu Tod und Unterwelt in den mannigfachsten Wendungen aus- 



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Danket. 



237 



Nach der andern Seite seines chthonischen Wesens spendet 
Hades Segen und Reichtum, da er aus der Tiefe der Erde, aus seinem 
eigensten Reiche heraus die Vegetation hervorzutreiben scheint, wie er 
ja als Dunkelgott zugleich von oben herab durch sein Nass die Erde 
befruchtet Auch nach dieser Seite hin zeigt er die engste Verwandt- 
schaft mit Hermes. Als Spender des Reichtums ist er Pluton und 
tritt zugleich in Beziehung zur Vegetation wie zum Ackerbau, der 
Hauptquclle alles Reichtums und der Grundlage aller Cultur. Daher 
führt er auch die Dikella und der Landmann betet zu ihm um seinen 
Segen. Und in dieser seiner Beziehung zur Vegetation sind ihm auch 
eine Reihe vou Pflanzen heilig, die durch besondere Eigenschaften in 
Wechselverhältnis mit ihm stehen*). 

So erscheint Hades allerdings später als der chthonische Gott 
schlechthin. Sein Wesen ist aber, um dieses noch einmal zu betonen, 
nur verständlich, wenn wir ihn als den Dunkelgott überhaupt auffassen, 
der von Haus aus mit Hermes identisch und nur ein besonderer Cult- 
name dieses sich unter bestimmten historischen Verhältnissen nach 
der spezifisch chthonischen Seite ausgebildet hat. Aus dem nächt- 
gedrückt: I457 xaxax^<^vtog; I58f djisdXtxoc; Hom noch oruYtpög, xputp^c, IxOtoxog 
uä. Hsd 455 Sc Ö7i6 x^ovl öa)|jiaxa vaCtt, vtqXs^c ^<'cop «X<öv; Stesich 50; SophOR 30 j 
T 501 Iwüxoc; OC 1559; Ai 608 dTcdxpoicos dCörjXog; 1035; 1689 ?övtoc; EurHec 
1033 ^'avdotpLOg; AI 261. 438; Ap3, 810; Plutjs 20 oxöxtog; Theoer 2, 34 dödjiac; 
Orph 68, 6 tpuxoqp^poc ; TzL 49 Aiicxuvtg Verwesung bringend; daher auch der 
Wintermonat nach ihm benannt Aöduvalo^ Suid. Als Herrscher 1 45 7 Zeus; 188; 
röi; H 5, 347. 357. 376 «oXüOYjiJidcvxwp ; Hsd 850; AeschSu 23 Zeug ÄXXog; SophT 
1085; E184; AristV763; Hes E'jßooXeuc (Kern Mitt 16, iff) Mitt 1,334; 'A^ijv 2, 
237; 5il5; H5, 18. 1 2 icoXuü)Vüjio€ ; 1 7 TCoXuöiYjMOV uä; Pd 149 dYocvcoxaxoc; tbyXf^ 
Hes. nüXdpx7]g Hom; H 5, 17 uö 7CoXuöiY|Aü)v ; TCuXdoxog Piutjs35; P5, 20, 3; Com 
35; Aesch 229 icoXOgevo;; Su 157; Pr 153 vtxpo84YIJ^ü)v ; £319 dYTJoiXaoc; SophAn 
810 naYXoCxocg: Ai 1 1 92 «oXöxotvog ; vgl. PdN7»3l; Callims, 130; C25Q9; Hes 
'AYi^oavöpog ; P 5> 20, 3; Apd 3, 159; EurAl 436flf Y^pwv vexpoitojjiitög, nur ausnahms- 
weise dvaTCopt«^ AeschP ösof. ZaYpe'i^ Alcmaeonis 3; Et; Aesch 229; vWilamowitz 
HomUnt. 2l4ff. Selbst als Bdvaxog gefasst Eustll58; Aesch 156; Bdvaxog und 
Tnvo^ nur Erscheinungsformen des Gottes. 

*) nXouxcDv noch nicht Hom und Hsd; AeschPr 805f lässt zunächst an einen 
Fluss denken = Okeanos P 10, 12, 4. Daher Hades selbst P 3, 25, 6 dpdxoiv; Plutjs 
28. Später ist der Name sehr häufig, üXouxsu^ C 569. 1067 etc; Hes. IIXoOxo^, 
gewöhnlich als sein Sohn, anderer Name des Hades SchAristP 727; Theogn 1117; 
vgl. Arist 445a; Plato Cratyl 19. Der nXoOxog^als ii 4x x(5v xpt^^v x. xöv icup<&v 
iwptoüoCa bezeichnet Hes eÖTcXouxov; Hes •üitXouxov. «Xoöxog; vgl. SchO 188; auch 
Metalle Str 147. Daher mit Schaale oder Füllhorn Mitt 2, T. 20— 24; 4T. 7; 7, 
l6off; 8, 367; DAK 2, 85lff; Mon. V, 49; AD 3, 305. Auch der Name IpLiisÖoc ge- 
hört hierher Hlpponll3A; Hes; IooöocCxtqs Hes; vgl. Artemid 2, 39. Denkm. 
führt Pluton die foi,x6\).o^ dCxtXXa Aesch 198 ; SophAn 2 soft Hsd E 465 betet 
der Landmann zu ihm Bull 7t 397ff; ^tpio^to^ Empedocl 160. AeschSe 157 naht 



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238 Spezieller Theil. 

liehen Gotte, wie Hermes in dem Mythus vom Rinderraube, Hades 
vor allem in seinem Namen erscheint, ist jener wie dieser in natür- 
licher Entwicklung zu dem Dunkelgotte schlechthin geworden, der sich 
nun nicht blos in der Nacht, sondern auch in den Wolken und 
Winden, in den Wassern und Nebeln des Himmels offenbart. In dem 
Homerischen Hymnus haben wir noch den Entwicklungsgang selbst 
vor uns, den Hermes genommen hat: in ähnlicher Weise hat sich auch 
Hades einst entwickelt, um dann aber später nach seiner spezifisch 
chthonischen Seite hin im Glauben beschränkt und ausgebildet zu 
werden. 

Haben wir in Hermes-Pan-Hades den echt hellenischen Dunkel- 
gott zu erkennen, so treten diesem nun die Dunkelgötter der fremden 
eingewanderten Stämme entgegen. Unter ihnen ist zunächst der 
thrakische Ares zu nennen. Denn obgleich auch Ares im Laufe der 
Zeit eine einseitige Ausbildung und zwar nach der Seite der finstem 
Wolkenbildung und des Sturms erfahren hat, so ist doch nicht zu be- 
zweifeln dass auch er einst Dunkelgott nach allen uns bekannten 
Seiten und Erscheinungsformen des Dunkels gewesen ist*). 

So scheint Ares zunächst in den an seine Söhne sich knüpfen- 
den Mythen, die in Wirklichkeit ihm selbst einst gegolten haben, eine 
Gottheit allgemeinerer Bedeutung zu sein. Der Umstand dass Kyknos, 
Oionomaos, Diomedes sämmtlich übereinstimmend ihren Gegnern die 
Köpfe abschneiden, was am natürlichsten auf das Verschwinden des 
Sonnenhaupts im abendlichen Dunkel bezogen wird, lässt den Schluss 
zu, dass jene Dunkelgestalten, bezw. Ares in ihnen, in ihrer ursprüng- 
lichen Form zunächst Vertreter des nächtlichen Dunkels gewesen sind. 
Im Übrigen freilich tragen auch jene Söhne die spätem Züge des 
Vaters an sich und erscheinen auch ihrerseits in besonderer Beziehung 
zum Wolken- ^und Sturmesdunkel ^). 

Diese Beziehung zur finstern vom Sturm gepeitschten Wolken- 
bildung tritt in Ares in ganz überwiegender Weise uns entgegen: 



man mit Zweigen; SophAn 1200ff Corn 35; zahlreiche einzelne Pflanzen in Beziehung 
zu ihm: XeöxTj ServE?, 6I; dWavxov Corn 35; Theoer 13, 4 1 Seh; jjiCv^ P0II6, 68; 
Nareisse H 5, 8flf; EustA 206 ua. 

^) HDMüUer Ares 1848; Tümpel-Sauer RE 2, 642ff; Stoll-Furtwängler ML 
l,477ff. 

3) Das Kopfabschneiden wird von Kyknos SchPdO 11, 19; EurHf39l; von 
Diomedes TzL 160; von Oinomaos Soph bei SchPdj392: O 1,114; "^^n Euenos 
Baechylöl; von Antaios Pdj4, 52ff berichtet. Im Kampfe des Kyknos und He- 
rakles vertreten diese Heroen Ares und Apoll HsdSe 57ff; P 5i 7» 10. Die schnellen 
Rosse des Oinomaos ua sind die Wolken- oder Sturmrosse, 4 zahl Hyg 30 etc; als 
Dunkelgott jagt Oinomaos an seinem Gegner dem Sonnengott vorüber; die 12 bezw. 
13 Freier kyklisch. 



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Dunkel. 



239 



Wolke und Wind ist hier noch unzertrennlich verbunden. Es wird 
an ihm namentlich die colossale Gestalt, wie die wilde unwidersteh- 
liche Gewalt hervorgehoben : es ist der Anprall der vom Sturm beweg- 
ten Wolkenmasse die in Ares zum Ausdruck kommt. Im Sturmwind 
brüllt er gleich 9 — 10 tausend Männern und fährt im finstern Gewölk 
zum Himmel; während er ein andermal völlig mit dem Gewölk iden- 
tifizirt mit seinen colossalen Körpermassen einen ungeheuren Flächen- 
raum bedeckt. Namentlich wird an Ares die wilde wahnsinnige sich 
selbst aufreibende Wuth, sein Berserkertum, sein Rasen geschildert, 
in dem er schnaubend am Himmel dahinstürmt — sehr anschaulich 
dem sich über sich selbst dahinstürzenden, sich selbst Gewalt anthuen- 
den Wolkenknäuel entsprechend: des Ares Molos ist ursprünglich 
nichts anderes als die zusammengeballte, sich über sich selbst auf- 
thürmende, scheinbar einheitslose und mit sich selbst im Ringen be- 
griffene Wolkenmasse, welcher Ausdruck dann auf das wildwogende 
Kampfgetümmel übertragen ist. Und eben als Wolkengott ist Ares wie 
alle Dunkelgötter unzuverlässig, wetterwendisch; zugleich entnimmt er 
von der goldbehelmten, goldumstrahlten Wolke seine Rüstung; wie er 
auch in sonstigen mannigfachen Beziehungen seiner innern Verbindung 
mit den Wolken Ausdruck giebt*). 

Alle diese Einzelzüge in dem Mythenkreise des Ares sind wieder 
nur verständlich, wenn wir sie als aus der unmittelbaren Anschauung 
herausgewachsen auffassen. Die furchtbare Gewalt der sturmbewegten 
Wolkenmassen ist von unsern wie von der Hellenen bezw. Thraker 
Vorfahren mit andern Augen angesehen wie von uns. Für jene frühen 
Generationen lebten diese Massen: es war eine furchtbare Gewalt, eine 
unwiderstehliche Kraft in ihnen und es war zweifellos eine Gottheit 
die in ihnen mächtig war. Nur darin wechselt die Auffassung dass 
die Wolkenmasse einmal nur das Mittel ist durch welches die Gottheit 
ihre Gewalt zum Ausdruck bringt, die Erscheinungsform in der sie 
sich zeigt und offenbart; dass sie ein andermal selbst zur Gestalt, zum 
Körper des Gottes emporwächst. In dieser letzteren Fassung, welche 
die Wolkenmasse mit dem Gotte selbst identifizirt, tritt Ares bei Homer 
hervor: die Wolkenmasse wird zum mächtigen ungeschlachten Leibe, 
die sich in Riesenmassen am Himmel hinlagert; sie wird zugleich in 



^) Ares neXcüptoc H208; Ößptjioc E845; öetvdg, xpaxftpig etc; H 8, iff. Die 
plastischen Schilderungen E 59ff; ^ 406ff drücken das wilde Tosen des Sturm- 
winds wie das Colossale der Wolkenmasse au?i; sein pioiivsa^ai E 7 1 7 ; 831 ; O128; 
605; ^537; AeschSe343; Suid 'Aptt^idvtoc ; SophAil79ff; 706 der Wahnsinn auf 
Ares zurückgehend. McöXo^ H I47; P 397; 0233. Ares dXXoTcpö^aXXo^ E 831 ff; 
889: natürlich ist das später wieder auf den Kriegsgott bezogen. Ares x^^^^ 
H146; xopu^ofg X 132; xopu^aCoXo^ r38: H 8, 1.2: auch das kommt ihm später 
als dem Krieger schlechthin zu. Höhen ihm geweiht AeschE 688ff; Callim 4, 63 etc. 



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240 spezieller Theil. 

ihrer Bewegung zur gewaltigen Kraftäusserung, wie sie im Sturmes- 
brausen zum alles übertönenden Kampfgeschrei wird. 

Als Wolken- und Sturmgott, aber zugleich doch auch als nächt- 
licher, erscheint Ares nun auch in seiner Liebschaft mit Aphrodite der 
Gemahlin des Sonnengotts Hephaestos. Der Mythus giebt die That- 
sache wieder, dass die Mondgöttin, die in ihrer Erscheinung dem Tage 
wie der Nacht gleichmässig angehört, mit beiden Göttern des Dunkels 
wie des Sonnenlichts zu buhlen scheint. Auch dieser Mythus fasst 
den Gott durchaus als mit den Wolken selbst identifizirt: auch er 
geht von der unmittelbaren Naturanschauung selbst aus. Mit seinem 
gewaltigen Leibe lagert sich der Gott des Wolkendunkels über der 
Mondfrau und der Morgens heimkehrende Sonnengott überrascht die 
beiden Verbuhlten. Es schliesst sich der Mythus also völlig der Auf- 
fassung an, wie wir sie in den schon erwähnten sonstigen Homerischen 
Schilderungen angetroffen haben: wir erkennen auch hieraus wieder 
mit welcher plastischen Elementarkraft seiner Phantasie der Hellene 
oder Thraker auf Grund der sinnlich wahrnehmbaren Formen der 
Götter diese gestaltete und zu originalen Persönlichkeiten verarbeitete. 
Auch in seinen nebensächlichen Zügen giebt der Mythus ebensosehr 
die feinsinnige Beobachtung der Natur wie die glänzend schaffende 
Kraft der Phantasie wieder*). 

In geradem Gegensatz zu diesem Mythus steht der Kampf zwischen 
Ares und Athene. Sind Dunkel und Mond dort in Liebe verbunden, 
so erscheinen sie hier in unversöhnlichem Gegensatze. Und während 
dort das scheinbar bewegungslos lagernde Gewölk der Ausgangspunkt 
der Mythenbildung ist, sind es hier die sturmgejagten Wolken, welche 
auch die Monderscheinung in rasende Eile zu versetzen scheinen. Denn 
während bei klarem Himmel, bei nicht oder kaum bewegten Wolken 
die Monderscheinung gleichfalls ruhig und friedlich, in ihrer Bewegung 
kaum bemerkt durch den Himmelsraum dahin gleitet: nimmt sie in 
stürmisch dahin rasenden Wolken selbst für das Auge des Beschauers 
eine leidenschaftliche Bewegung, ein stürmisches Jagen an. Auf dieser 
Beobachtung baut sich der Mythus von dem Kampfe des Wolken- und 
Sturmgotts Ares und der Mondgöttin Athene auf. So wird die stürmende 
Mondgöttin wie die stürmende Wolkenmasse als in furchtbarem Anprall 
gegen einander, in leidenschaftlichem Kampfe unter sich aufgefasst. 
Auch hier hat der Dichter die Züge seiner Schilderung des Kampfs 



1) Vgl. %• 266flf; die Trennung des Helios von Hephaestos ist nicht auffallend; 
da der Mythus hier schon traditionell. Die Fesseln die sich um die Liebenden 
schliessen 2770"; 296f können nur von der goldnen Umsäumung verstanden werden, 
welche die dunkle Wolkenmasse naeh allen Seiten umfasst und gleichsam festhält. 
Ähnlich die Mondgöttin Hera von Hephaestos auf ihrem Wolkenthrone festge- 
schmiedet Pd 283. 



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Dunkel. 



241 



auch im kleinsten Detail unmittelbar der Natur entlehnt. Wir sehen 
aber aus diesen verschiedenen Mythen wie wechselnd das Verhältniss 
des Dunkeigotts zur Mondgöttin aufgefasst werden kann und thatsächlich 
aufgefasst worden ist: Homer bietet uns noch eine Reihe anderer 
Schilderungen, die wieder sämmtlich der himmlischen Scenerie selbst 
entnommen sind^). 

Als Wolkengott ist Ares nun vor allem der schnelle: die Götter 
nennen ihn selbst den schnellsten, weil er Sonne und Mond tiberholt; 
und so gebraucht er auch seine Rosse, sein Gespann. Werden hier 
die Wolken zum Wagen wie zu Rossen, von denen der Gott — selbst 
unsichtbar — getragen wird, so kann er auch selbst in seiner Identi- 
fication mit den Wolken als Ross aufgefasst werden. Wie Hermes und 
Pan zum Bock oder Widder, so wird Ares zum Schlachtross, das nun 
wieder seinerseits vom Sonnengotte gezähmt, gebändigt, bestiegen werden 
kann. Auch hier haben wir also wieder die verschiedenen Auffassungen, 
wie sie nach einander sich gebildet haben und nun als gleichberechtigt 
neben einander hergehen, zu erkennen. Auf dem Wolken wagen er- 
scheint Ares auch in dem wenn auch von späten Anschauungen viel- 
fach beeinflussten, in seinem Kerne doch altertümlichen Homerischen 
Hymnus^). 

1) Der Kampf zwischen Ares und Athene ist eine Episode der Götterkämpfe 
$ 391 ff. Wenn die Wolkenmasse auf den Mond zueilt, so scheint dieser (die 
stürmische Bewegung der Wolke bringt die Augentäuschung hervor) als eile auch 
der Mond in derselben Richtung, offenbar um vor dem anstürmenden Feinde zurück- 
zuweichen. Hat die Wolkenmasse den Mond erreicht, so erscheinen beide in 
wildem Kampfe, da das Licht des Monds bald ganz verschwindet, bald siegreich 
hervorbricht. Ist endlich die fliegende Wolke an dem Monde vorüber, so scheint 
jene zu fliehen und die Lichtgöttin das Feld zu behaupten. Ein einzelnes fliegendes 
Wolkenstück wird zum Felsblock. Scenen mit Aphrodite, einer andern Mond- 
göttin E 29ff; 4> 4l6ff. Ares auch sonst mit Wolkendunkel verbunden E 864ff; 
355ff; N 523; rsi; Val Fl 5, ölQf ingentem trahens per aequora nubem. Das 
wechselnde Verhältniss des Ares zu den einzelnen Mondgöttinnen ist mit durch 
historische Verhältnisse bedingt. 

2) Das Verhältniss des schnellen Wolkengotts zu dem langsamen Sonnen- 
gotte sprechen die Götter d- 32Qf aus; daher Ares O-oög E430; 6 215; N 295 etc. 
Ares zu Wagen E; die xP^^^jiTiuxe^ tTOiot E 365 bringen dieselbe Naturerscheinung 
zum Ausdruck wie Ares xp^of^^tog d* 285 und anderseits die Fesseln die ihn um- 
schiiessen. Dass die Rosse icoScoxee^ HsdSc 191 selbstverständlich. Der Wagen 
des Ares auch O I19Ö; HsdSc; Ares x^^^appLaxog PdP4, 87; tjtTWOg P5, 15, 6; 
ötgtöotipog SophAn 140; ßpioapptaxog H8, 1; HsdSc 44I; E 837ff; Pferdeopfer Str 
155. *Aps£(i)V T 346ff xax^s tXoz kann nur als ältere Form des Ares verstanden 
werden. Die Worte H 8, 6ff nupauYia xuxXov IXCaacov (vgl. AeschPr 1092 al^p 
9dog &XCao(i)v) können nur auf den xuxXog der Sonne oder des Monds bezogen 
werden, die (gewöhnlich durch -JjXCou bezw. osXiivYjg näher bestimmt AeschPr 91 ; 
P504; Eurjliss) auch allein stehen können, wenn der Zusammenhang kein Miss- 

Gilberi, GöUerlebre. 16 



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242 Spezieller Theil. 

In dieser seiner Beziehung zur zusammengeballten, stürmisch 
bewegten Wolkenmasse, in der er entweder verborgen gedacht oder 
mit der er identifizirt wird, hat nun Ares das stürmische, leidenschaft- 
liche, gewaltsame seines Wesens und seines Charakters erhalten und 
ist so später ganz zum Kriegsgotte geworden, der im Sturme seinen 
gewaltigen Schlachtruf erschallen lässt: eine grosse Zahl von Cultnamen, 
poetischen Epitheta und Beziehungen ist bestrebt seiner spätem Per- 
sonification und Abstraction Ausdruck zu geben*). 

Tritt uns Ares hier ausschliesslich nach der wild und unorganisch 
aufgefassten Seite von Wolke und Sturm entgegen, so sind doch be- 
bestimmte Anzeichen dafür vorhanden, dass Ares ursprünglich auch nach 
der Seite der Einwirkung auf das organische Leben der Natur erkannt 
und aufgefasst worden ist. Das tritt namentlich in seiner Verbindung 
mit Quellen und Gewässern hervor, die nur aus seiner Beziehung zum 
Wolkenquell verstanden werden kann; das tritt nicht minder in seinem 
Cultnamen Enyalios hervor, der gleichfalls nur aus der Verbindung des 
Gotts mit den himmlischen Wassern zu erklären ist^). Wir ersehen 
daraus dass Ares keineswegs von Haus aus allein der auf Wolkendunkel 
und Sturmwind beschränkte gewesen ist, sondern dass er zugleich als 
der im Dunkel auf die Erde und ihre Geschöpfe einwirkende gegolten 
hat. Wie er im himmlischen Nass die Vegetation befruchtet, so ist 
er im Winter in dem Übermaass seines Grimms und Zorns der ver- 
nichtende, der durch Seuche und Hungersnoth und Misswachs die 



verständniss zulässt Her 6, 106. Da nun alMpo^ imamöpoi^ ivl xtCpeoiv auf den 
Sternenbimmel weist, so ist icupoiUY^c x6xXo( auf den Vollmond zu bezieben, den 
der Wolken- und Sturmgott iXCooti, indem er ihn inmitten seiner Wolkenmasse 
fortzubewegen scbeint. Ares und Enyo E 592 (vgl. Crusius Jbb 1 23, 289fr) das- 
selbe Verhältniss von Dunkel und Mond, wie Hades und Persephone. 

1) Sein wildes furchtbares Geschrei E 859ff; N521 ßpM^üo«; AeschSe635; 
SophOCl046; HsdSc 346; Callim 4, 1 36ff ; Com 21, daher Esel geopfert Str727; 
LucTrag 39ff. Schon H 241 kennt iiiXTwoö-ai *ApYjt wie x^ *EvuoiXC(p dXoüLd^stv 
XenAn 1, 8, 18 uo; vgl. PlutMus 29. Pindar nennt die personifizirte *AXoiXd Tochter 
des ndXsiiog 225. Später erscheint Ares völlig als Personification des Kriegs. 
Was bei Homer etc auf dieser Anschauung bezw. was auf alter Tradition beruht 
ist nicht zu entscheiden: vgl. E 289. 844; AeschSe 244; Geier ihm geweiht Corn 21; 
Hom Beinamen Lexx; PdP 1, 10; J7, 25; P 2, 1 ; N 10, 84; AeschSe 681; P951; 
A436; E918. St BCswog Hekatompbonia ihm geopfert auf Kreta, wie aufLemnos 
FHG4, 397 (vgl. Amm27,4, 4; Plut amator 16). 

5) 'EvüdtXtoc = ödcXiog Suid, von ö(o = ßpix«»« ÖYpoUvo). Kpi^ dpsCa Apd 3, 22 ; 
SchB494; EurPh 658ff ; 932; P6, 19, 12. Auch die Stymphalischen Vögel 'Api^oi 
Ap2, 1033; 1083ff; Serv8, 300. •Aqpvstö^ in Tegea P8,44, 7. H8 stellt ihn ganz 
von seiner milden freundlichen Seite dar. Vgl. AeschSu 823 etc. Anderseits kann 
Ares durch Misswachs, Hungersnoth, Seuche etc wirken, erscheint hierin also 
ganz in Beziehung zum Winter Stoll Ares 15 ff- 



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Dunkel. 243 

Menschen strafende. Ares erscheint also hier ganz als Culturgott, der 
aber nur wieder aus dem natürlichen Kerne seines Wesens heraus ver- 
standen werden kann. Denn als Gott des Dunkels ist er der nährende 
und befruchtende zugleich und der schädigende und vernichtende. Die 
spätere Entwicklung des Gotts, der als thrakischer nie recht zur vollen 
Anerkennung gelangt ist und nur in seiner Beziehung zum Kriege wie 
eine Personification dieses letzteren selbst erscheint, hat bewirkt dass 
die alten Beziehungen des Gotts, die einst sein Wesen bestimmt haben, 
mehr und mehr zurückgedrängt und nur seine rohen und wilden Seiten 
ausgebildet sind. 

Und wie die Beziehung des Ares zu der befruchtenden Seite des 
Dunkels sich im Laufe der Zeit verwischt hat, so ist auch die chthonische 
Seite des Gotts allmälig erblasst. Als chthonischer Gott erscheint Ares 
schon im Argonautenmythus; der Hain des Ares kann nur die west- 
liche Wohnung des Dunkeigotts bezeichnen, in das der Sonnenheld 
Jason eindringt und dessen Schrecken er überwindet. Und wie der 
diesen Hain bewachende Drache ursprünglich Ares selbst gewesen ist, 
so kann derselbe nur die schädigende, die feindliche Seite des Dunkels 
bezeichnen, wie sie sich vor allem in Nacht und Winter äussert. Und 
wie der Drache, dh Ares selbst, hier überwunden wird, so wird in 
einem andern Mythus die Kraft des Gottes gleichfalls bezwungen und 
unschädlich gemacht: die Fesselung des Ares durch die Aloaden be- 
deutet das Brechen seiner furchtbaren winterlichen Kraft durch den 
Sonnengott, wie eine solche Fesselung, wenn auch in etwas anderer 
Bedeutung, von dem Sonnengotte Hephaestos an Ares vorgenommen 
wird und wie nicht minder der Cult dieselbe dramatisch darstellte. 
Und dieselbe Fesselung des Gotts stellt auch die Sage von Lykurgus 
dar, wenn hier auch, wie so oft, wieder zwei verschiedene Auffassungen 
in einander übergehen, die nur zur Bestätigung der Thatsache dienen, 
dass wir es hier wirklich mit dem umfassenden alle Seiten des Dunkels 
gleichmässig in sich begreifenden Dunkelgotte zu thun haben*). 



1) Vgl. HDMülIer Ares ilflF; 49f etc. Mit Aia ist die ^^ao^ 'ApiTctäc Ap 2, 
1031; Hygso; St'Apetov iwöCov von Haus aus identisch. Die Fesselung des Ares 
X 305ff wesentlich gleich dem ^-ifjTtöatv elg ivtauxöv Panyas 16 dazu ClemPr 35. Im 
Cult zu Sparta 'EvüdXto? Tcdöo^ ixtüv P 3, 1 5, 7 ; ähnlich Bdvaxog Pherec 78. Der 
Eipa|Jiog EustE385; Hes wird die Unterwelt selbst bezeichnen und ist identisch 
mit dem X(xvov H 3, 150. Ober den Mythus von Lykurgos Z 130ff; Soph An 955fr; 
Apd 3, 33ff; Dd3, 65; Hyg'132. In den Andeutungen der Quellen ist das ganze 
Wesen des Dunkeigotts klar ausgedrückt: das wilde hitzige seiner Natur (d^x^Xo^ 
Soph), sein Kampf gegen den Sonnengott (Dionysos) wie gegen die Mondgöttin, 
sein Rasen (im Winter), seine Zerfleischung durch seine Rosse (auch Diomedes 
Dd4, 15; Abderos Apd 2, 97 von ihren Pferden zerfleischt) im Frühling, seine 
Blendung dh seine Fesselung und Einschliessung in die Unterwelt im Sommer 

16* 



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244 Spezieller Theil. 

Obgleich also Ares im Laufe der geschichtlichen Entwicklung, 
die er erfahren, wesentliche Seiten seiner ursprünglichen Persönlichkeit 
abgeschwächt hat, können wir doch nicht zweifeln dass er als ein 
Repraesentant des Dunkels nach allen seinen Erscheinungsformen in 
der Nacht wie in der Unterwelt, in den Wolken und Winden wie in 
den Gewässern des Himmels aufzufassen ist. Als thrakischer Gott hat 
er neben den alteinheimischen Dunkelgestalten Hermes, Pan, Hades 
Geltung und Anerkennung, wenn auch in beschränkter Weise, gefunden. 

Haben wir in Ares eine thrakische Gottheit zu sehen, so ist 
Krön OS eine phrygische. Aber von Kreta aus nach Griechenland ge- 
kommen hat Kronos eben in Kreta, dem bedeutungsvollen Mittelpunkte 
phrygischer und hellenischer, semitischer und aegyptischer Culturein- 
flüsse, eine Einwirkung semitischer Anschauungen erfahren. Und 
anderseits wieder in Griechenland auf den althellenischen Dunkelgott 
Hermes-Hades treffend hat er hier umgekehrt eine Einwirkung echt 
griechischer Anschauungen erfahren, die ihn mehr und mehr dem ein- 
heimischen Hermes nahe gebracht haben. Denn von Haus aus scheint 
Kronos auf Kreta und wohl auch in Phrygien selbst eine etwas andere 
Stellung im Göttersysteme eingenommen zu haben, da das Verhältniss 
in welchem er zweifellos als Vater zum Sonnenzeus steht mit Sicher- 
heit darauf hinweist, dass das in Kronos personifizirte Dunkel als der 
im Alter und Range dem Lichte vorstehende Gottesbegriff aufgefasst 
wurde. Es ist also Kronos hier ursprünglich, soweit wir urtheilen 
können, als der Himmel nach seiner dunklen Seite gefasst w^orden, 
während der echt hellenische Hermes-Hades das dem Himmel unter- 
geordnete Dunkel repraesentirt *). 

Kronos erscheint namentlich in zwei Mythen, die von Hesiod in 
Zusammenhang gebracht sind. In dem einen ist er Gegner des 
Uranos, in dem andern des Zeus: wir haben diese Mythen einzeln zu 
betrachten. Was zunächst den Gegensatz des Kronos gegen Uranos 
betrifft, so haben wir früher gesehen, dass die ursprüngliche Form des 
Mythus, wie sie noch bei Homer vorliegt, die gewesen ist, dass die 
zum gemeinsamen Kampfe gegen den Himmelsgott vereinigten Götter 
des Dunkels wie des Sonnenlichts von jenem immer wieder aus der 
Höhe des Himmels, wohin sie dringen, in die Tiefe der Erde hinab- 



(Soph Ceöx^ icsTpc&öst xaxdlypaxToc 4v öaopi^). Haut er sich in den Fuss (Hyg) 
so soll das gleichfalls das Brechen seiner stfirmischen Bewegung bedeuten; erschlägt 
er seinen eigenen Sohn, so ist das wohl auf die Vegetation zu beziehen die durch 
ihn im Winter ihren Untergang findet, daher Apd sagt, solange Lykurg gelebt 
habe sei das Land unfruchtbar geblieben. Ebenso ist Ares selbst oft Bringer von 
Misswachs, Hungersnoth, Seuche, wie er zugleich ein Todesgott ist. 

1) Vgl. im Allgemeinen Qber ihn MaxMayer ML 2, l452fi; Famell cults l,23ff. 
Auf die historischen Momente ist Kap. 12 zurückzukommen. 



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Dunkel. 245 

gestossen werden. Es ist ein Kampf des Unten gegen das Oben, da- 
her Gaea selbst hier am Kampfe betheiligt erscheint. Diese Vor- 
stellung haben wir früher als echthellenische bezeichnet. Wenn 
Hesiod abet den Mythus dadurch zum Abschluss bringt, dass er den 
Uranus entmannt werden lässt, so haben wir darin den Einfluss fremder 
semitischer Anschauungen zu erkennen. Der Dichter brauchte einen 
Abschluss für seine Darstellung und er hat diese fremde Vorstellung 
dazu benutzt. Jedenfalls ist Uranus hier durchaus der Himmelsgott 
nach seiner höchsten räumlichen Anschauung und seinem Wesen nach 
kein anderer als Zeus selbst, der urhellenische Himmelsgott. Und 
wenn von Zeus selbst dieselben Mythen wie von Uranos berichtet 
werden, so erkennen wir daran dass der Dichter eben mit Bewusstsein 
des Wesens des Zeus an seine Stelle Uranus gesetzt hat*). 

Was den zweiten Mythus betrifft, so kommt in dem Gegensatze 
des Kronos und Zeus der Gegensatz von Dunkel und Licht in der 
Weise zum Ausdruck dass zunächst das Dunkel, sodann das Licht die 
Oberhand gewinnt. Vollzieht sich der Sieg des Dunkels in der Form 
dass das Dunkel — wie es vornehmlich in der Nacht und im Winter 
seinen Höhepunkt erreicht — das Licht in sich einschlürft, in sein 
westliches Reich hereinzieht, so vollzieht sich umgekehrt der Sieg des 
Lichts in der Weise dass das Dunkel aus dem obern Räume des 
Kosmos verschwindet, in die Tiefe der Erde, hinabgestossen wird. So 
stellt uns denn auch der Dichter die Phasen des zwischen Kronos 
und Zeus sich vollziehenden Kampfs und Gegensatzes dar. Aber 
darin findet der ganze Mythencomplex, wie schon bemerkt, seinen 
Abschluss, dass der Dichter unbemerkt an die Stelle des kretischen 
Zeus, der als Sonnengott Sohn des Kronos ist, den althellenischen 
Zeus, den Himmelsgott, setzt und so stillschweigend den Uranos ent- 



\) Über Uranus oS 178; Qber den Titanenkampf oS 184. Von Uranus heisst 
es Hsd I56ff dass er die eben geborenen Kinder sofort nach ihrer Geburt duo- 
xp(»;rcao)ct xocl i^ qpdo^ o&x iwlAOtMi der Himmel stösst die immer von neuem aus 
der Tiefe aufwärtsdringenden Dunkel- und Lichtkinder in die Erdtiefe zurück. 
Imgleichen heisst es auch von Zeus 7l3ff dass er die Titanen (mb x^vö^ 66pt>od«£i2C 
hinabstien: Zeus erscheint also hierin ganz als ein anderer Uranus. Nur darin 
tritt in der zweiten Tradition ein Unterschied gegen die erstere hervor dass die 
Hekatoncheiren auf Seite des Zeus kämpfen, der sie zu dem Zwecke 6l7fif löst. 
Aber in die Tiefe verbannt werden auch sie wieder 734f; die Lösung der Kyklopen 
501 fif ist später Zusatz^ Es existirte aber auch eine andere Tradition da der Vf. 
der TItanomachie 2 den Aegaeon auf Seite der Titanen stehen liess. Über die 
Sichel oS 62; die Entmannung Hsd l Soff, der zugleich aus den [iiffitoL Erinnyen 
Giganten und Melische Nymphen entstehen lässt: die echthellenische Sage 
hat statt dessen das Abschneiden des Kopfs gekannt. Auch die Verbindg der 
Entstehung Aphrodites mit den jjif^dta wird auf semitischen Vorstellungen beruhen. 



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246 Spezieller Theil. 

thronend die Herrschaft des mit ihm wesendich identischen höchsten 
hellenischen Gottes Zeus beginnen lässt. So hat es der Compositor 
der Theogonie verstanden, die mannigfachen und einander wider- 
sprechenden Traditionen und Mythen unter sich auszugleichen. In 
dem Kample der Titanen gegen Uranus und gegen Zeus ist dieser 
wie jener der Himmelsgott, während in dem Kampfe des Kronos gegen 
Zeus der letztere der kretisch-phrygische Sonnengott ist. Aber indem 
im Abschlüsse des ganzen Mythenkomplexes unmerklich an die Stelle 
des Sonnenzeus der Himmelszeus tritt, erreicht es der Dichter da zu 
enden wo er eingesetzt hat: die Hinabstossung der Titanen durch 
Uranus ist wesentlich identisch mit ihrer Hinabstossung durch Zeus*). 
Wenn hier also Kronos durchaus als Dunkelgott — das eine 
mal mehr als die dunkle Seite des Himmelsgotts, das andere mal 
mehr als das dem Himmel untergeordnete Dunkel — erscheint, so 
stimmen nun mit diesem seinem Wesen alle sonstigen Beziehungen wie 
sie sich an seine Person knüpfen überein. Immer ist es das Dunkel, 
die Finsterniss, die Erdtiefe oder der Westen der eng mit ihm zu- 
sammenhängt. Und tritt noch bei Homer und Hesiod der tiefgehende 
Widerspruch gegen die Ordnungen des Himmels, gegen das Licht der 
Oberwelt in ihm hervor, so hat eine spätere Zeit und eine mildere 
Auffassung dieses dahin geändert, dass Kronos zum Herrscher des 
Schattenreichs, der Inseln der Seligen wird: er erscheint hier also 
völlig ein anderer Hades. Und auch sonst tritt Kronos durchaus wie 
die bekannten Dunkelgötter uns entgegen. So ist er seinem Charakter 



^) Name und Gestalt des Kronos bietet die Möglichkeit den zweiten Mythus 
als Fortseuung des ersten erscheinen zu lassen. Hesiod lässt übris:ens keines- 
wegs den Uranus entthront werden (207if; 463f; 470f; 891): nur die Zeugungen 
hören auf und Zeus tritt stillschweigend an seine Stelle. Der Kampf des Zeus 
gegen Kronos ist S 203f bekannt. Nur in Bezug auf den Sonnengott hat das 
xaxocicCvtiv Hsd467 Sinn: die HinzufQgung anderer Namen 454ff ist gemacht. Wenn 
an die Stelle des Zeus der Xi%-o^ tritt so wird sich das auf eine cultliche Nachahmung 
des Vorgangs beziehen; daher Zeus selbst Xid^ P 10, 24, 6 oder dCoxog TzLSQQ. 
Die zweite Phase des Kampfs, das Hinabstossen des Dunkels in die Tiefe erfolgt 
7l3ff> Danach und nachdem noch ein letzter Kampf des Zeus gegen Typhoeus 
(einen neuen Repräsentanten der Finsterniss) 820ff erzählt ist (derselbe ist ein 
selbständiger Mythus und hier vom Dichter eingeschoben) tritt Zeus SSlfif die 
Herrschaft an : von Uranus ist nicht mehr die Rede. Die Sage von einem Kampfe 
zwischen Zeus und Kronos in Olympia wie in Arkadien bekannt P 5, 7? 6fif; 8, 
2^2; daher Kronos und Helios gemeinsam Et *HXtg; RevArch 1872 (23), 253. 
Über den Kampf selbst vgl. noch AeschPr 201 ff; CicND 2, 25; Ov 1, 113; über das 
Verschlucken der Kinder P9, 2, 7; 9»4lf»o.; 8,8,2; 36,2; 10,24,6; Dd 5, 68. 13, 
86; LucSacrS; Str468 etc. Nach LucSalt 47 wurde die Ttxvo^ayfa tanzend dar- 
gestellt. Auf diese und viele andere Einzelheiten und Widersprüche kann hier 
nicht eingegangen werden. 



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Dunkel. 247 

nach der versteckte, verschlagene, heimtückische. Daher wird er mit 
verhülltem Haupte vorgestellt, auch darin völlig gleich dem Hermes 
und Hades, die sich unter der Hülle der Wolkenkappe verbergen. 
Und wie alle Dunkelgötter erscheint er von Haus aus auch als ein 
alter, greisenhafter, was aber nicht ausschliesst dass er zugleich als 
starker, gewaltiger gilt. Und wieder einem andern Dunkelgotte dem 
Ares ist er darin gleich dass er sich in ein Ross verwandelt: er nimmt 
die Gestalt des Wolkenrosses an um als solches zeugerisch zu wirken. 
Und weiter sind ihm als Dunkelgotte auch die Höhen lieb, da er sich 
in seinen Wolkenmassen um sie lagert*). 

So tritt in Kronos nichts hervor, was uns nicht schon aus der 
Betrachtung der übrigen Dunkelgötter bekannt wäre. Als chthonischer 
Gott ist er dann der Geber von Segen und Fruchtbarkeit und üppiger 
Fülle. Die spätem Dichter haben dieses in ihrer Weise ausgeführt, 
indem sie unter ihm Glück und Gerechtigkeit herrschen, ein goldnes 
Zeitalter blühen lassen, in dem Alles von selbst der Erde entsprosst. 
Und als einen solchen Gott der Fruchtbarkeit und des üppigen Ge- 
deihens feiert ihn auch der Cult, indem die Kronia inhaltlich dieselbe 
Stelle einzunehmen scheinen wie die Hermaeen, Und gerade dieser 
Cult, der einen unzweifelhaft ursprünglichen Charakter an sich trägt, 
zeigt dass wir es bei Kronos mit einem hochaltertümlichen und echten 
Gottesdienste zu thun haben, der, obgleich die Einwirkung semitischer 
Einflüsse zweifellos zu sein scheint, doch in seinem Kerne ein unverfälscht 



1) Kronos 8478 an den äussersten Weltgrenzen, wo ewige Finsterniss; 
AeschPr219; E 200flF; 274; Hsd ISöflf; 717ff. Der Westen ständig mit seinem 
Namen verbunden Aesch 10; Polemo 102; CicND 3, 17,44; Myths, i; die Sage 
von der Sichel knQpft sich an Rhion P 7« 23, 4; das ionische Meer Ap4, 982ffSch 
(dieses Qberhaupt das Kronische SchAp 4^327 ; 54O; 4 prooem) ; SicUienTzLSöQ. Vgl. 
femer Dd3,6o; 5» 66ff. Arnob4, 26; Philoch 184; Plutjs69; Theop293; Charax 
16 (bis zu den Säulen des Herakles); Kpdviov Tii^ayog jenseits Britanniens Plut. 
fac. 26; def. or. 18; Plin4, 94. Hom Kronos dYxoXojJtnixigg, sein Thun dem ent- 
sprechend; Com 7; Orph 13, 2ff «otxtXößouX» — icoixiXö(iu6« — dYxuXojiflxa; mit 
verhülltem Kopfe dargestellt PlutQR 11; Serv3,407; Macr 1,8,2. AeschPr 
220 nennt ihn noiXaiYtvi}; Hes KpovCdap; LucSat. 5; Tertull 1, 10; Arteroid 2,44 etc. 
Noch häufiger der N. für veraltetes AristPl 581; Suid xpovtxalg; ArislV l48of; 
N 1070 xpövtiCTtog (Suid); 398; 9^9« Daher Hes KpovCovo^ TcotXatouc dvd^c&not>(; 
Kpövot itoXaioC; Plato Euthyd 16; Callim 5, 100; SchEurRh 36; Ath 3, 79; 15,44; 
9,68. Zugleich aber ist er Hom diisCXtxxoc, xpattpö^, oxuYvög, iitYcto^vi^ etc. 
Höhen ihm geweiht Dd 3,61; PdO 6, 64 uo; P9,4l fin; 10,24,6 etc. Als Pferd 
zeugt Kronos mit Phil5rra den Cheiroa Ap l, 554Sch; 2, 392Sch; i23lSch; Amob 
4,26; Apdl, 9; Hyg 138. Meleager 128a (Graefe) nennt ihn tocjKJmo^, Ähnlich- 
keit mit der Sage hat P 8, 8, 2 (vgl. 8, 36, 2). Hier wird die Sage vom wesens- 
gleichen Ares eingewirkt haben: vijoog 'ApiQ-cid^ SchAp. 2, 393. 



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248 Spezieller Theil. 

indogermanischer ist, da phrygische sowohl wie hellenische Anschau- 
ungen und Ideen in ihm sich verschmelzen*). 

So zweifellos es also auch ist dass Kronos — wie später genauer 
auszuführen ist — aus der Fremde, speziell aus Kreta, nach Griechen- 
land gekommen ist, so sicher ist es dass derselbe hier im Laufe der 
Zeit hellenisirt, den vorhandenen und bestehenden Culten und An- 
schauungen vom Dunkelgotte sich angeschlossen hat. Er ist so fast 
völlig ein anderer Hermes-Hades geworden und zeigt nur in den 
Mythen, wie sie sich an seinen Namen knüpfen und traditionell fort- 
gepflanzt nicht verloren gehen können, die alte selbständige Bedeutung 
des Gottes an. Und wie alle Gottesbegriflfe so ist auch Kronos in 
logischer Entwicklung unmittelbar aus dem natürlichen Kerne hervor- 
gewachsen. Ist das Dunkel in Nacht und Wolken, das veränderliche 
und verborgene, das versteckte und hinterrücks wirkende, so ist auch 
Kronos selbst der verschlagene und heimtückische geworden. Nur 
wenn wir Kronos als eine aus der Fremde gekommene Göttergestalt 
auffassen, können wir verstehen dass derselbe als Dunkelgott sich neben 
dem althellenischen Hermes-Hades und dem thrakischen Ares einen 
Platz im griechischen Göttersysteme hat gewinnen können. 

Dem thrakischen Ares und dem kretisch-phrygischen Kronos fügt 
sich nun als weiterer fremder Cult Prometheus an, über dessen 
nationale Zugehörigkeit später zu handeln sein wird. Betrefiis seines 
Feuerraubes wie seiner Stierschlachtung genügt es auf früheres zu ver- 
weisen. Eine Gestalt von grossartiger Originalität, in genialer Weise 
erfasst und ausgebildet ist Prometheus, als der ihn speziell verehrende 
Stamm im Laufe der Zeit seine Bedeutung verloren hatte, im Culte 
zurückgetreten und hat nur als eine aus alten Zeiten überlieferte Sagen- 
gestalt eine hoch eigentümliche Stellung behalten. Haben wir aber 
schon früher Prometheus in den an ihn sich knüpfendeu Mythen als 
Vertreter des Dunkels kennen gelernt, so wird er auch nach seinen 
andern Beziehungen nur von diesem Grunde seines Wesens aus ver- 



J) Herrschaft auf den Inseln der Seligen oS 18; PdO 2, 70flf; Hyg220; das 
goldne Geschlecht Hsd E löQfT; P 5, 7, öflf. Von seiner Zeit Porph abst 4, if a^öjiata 
ndvxa iqputxo, daher (Plut) pro nobil 20 das Geschlecht des Kronos xoö^ y'^^^PT^^ 
Schilderungen Plato leg 4, 6; Ath 6, 94(1 uo; DionA 1, 38 Kronos Verleiher aller 
ftö^fltt|iov(a; Philod »öo 51. Beziehung zur Vegetation Macr 1,7,25; Höhlencult 
MMayer ML 2» MSßf; 153lflf. Über die Kpövta Philoch 13; Dem 24, 26; VHom 22^ 79; 
ursprünglich wohl im Frühling gefeiert Mommsen Heort. 22* 79 vgl. P 6, 20, 1 ; 
Ca 3,77; Ähnlichkeit mit den Herroaeen Philoch aO; Ath 14,44 Theilnahme der 
Sklaven. Fesselung im Mythus für ewig, im Cult zeitweilig Apd bei Macr 1 , 8, 5 ; 
Pio, 24, 6; (Plut) fluv 5, 3 drückt seine Unschädlichmachung aus (=Ares; Prome- 
heus). Als phoenlk. Gott Porph abst 2, 54; Soph 132; Jstros47; Tim 28; Dd 13, 
t86; 20, 14; Plato Min 5 etc: vgl. Kap. 12. 



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QiOo^z 



Dunkel. 249 

Ständlich. Denn zeigt Prometheus in Bezug auf die Stierschlachtung 
die grösste Ähnlichkeit mit Hermes, so tritt er in seiner Fesselung 
wieder in Beziehung zum Kronos, wie zum Ares. Diese Fesselung, die 
wieder nur als eine von Haus aus kyklische verstanden werden kann, 
drückt gleichfalls die zeitweise Vernichtung seiner Schaffenskraft aus. 
Im Übrigen aber erscheint sein Charakter durchaus als der der 
Dunkelgötter überhaupt: er ist einerseits verschlagen und hinterlistigen 
Sinnes, anderseits helfend und heilend. Und wie alle Götter von 
ihren gläubigen Verehrern mit der Stammes- dh Menschheitsgeschichte 
in Verbindung gebracht werden, so tritt auch Prometheus als Schöpfer 
des Menschengeschlechts auf. Die spätere Poesie hat die gegebenen 
Momente benutzt, um Prometheus zu einer der tiefsinnigsten Gestalten 
der Mythologie umzuschaffen : es wäre das nicht möglich gewesen, 
wenn nicht in seinem Wesen selbst im Kerne alle die Beziehungen 
enthalten gewesen wären welche später an ihm hervortreten. Wie 
Hermes gleichfalls im Keime alle die segensreichen Seiten eines helfen- 
den und heilenden, eines Cultur fördernden und für die gesamte 
Menschheit segensreichen Wirkens in sich trägt, so sind dieselben auch 
in Prometheus vorhanden und in Bezug auf ihn speziell ausgebildet 
worden. Hierauf näher einzugehen liegt ausser unserer Aufgabe: wir 
müssen uns damit begnügen die äusseren durch die Natur selbst ge- 
gebenen Momente angedeutet zu haben, aus denen der an Prometheus 
sich knüpfende Mythencomplex erwachsen ist*). Denn wenn Prome- 



1) Rapp PrOldenburg 1896; Milchhoefer42. WinckelmannPr. 1882. Feuer- 
raub und Stierschlachtung oS 94ff; AY^uXoiiij'njc Hsd E48; ähnlich th 511. 537. 
540. 546. 550. 559f. 566. 616 (TcotxCXo^, ocloXö|i7]xi^ uä); dxdxigxa und xf)pi>§=rHermes 
Hsd E 50; th6l4; Hes'I^dg. Fesselung Hsd 521 ff; Apdi,45; Hyg I44; AeschPr 
etc. Die Worte t^oov didt x{ov* iXdooo^ werden auf Missverständntss einer Tra- 
dition beruhen welche von der Zerschmetterung durch den Blitz berichtete. Ur- 
sprOnglich am Rande der Erde im äussersten Westen gefesselt: das tägliche Hin- 
abgestossen werden und sein zeitweilig völliges Verschwinden in einen Akt zu- 
sammengezogen Hsd 52] f; histor. Erfahrungen haben den Kaukasus hereingebracht 
Foss DBonn 1862. Das Aushacken der Leber ist das tägliche Aussaugen der 
WolkenflQssigkeit durch den Sonnenadler Pherec 2 1 ; Tityos gleiches Wesens hat 
dasselbe Schicksal X 577; Herakles Eintreten unorganisch: die ursprQngliche Lösung 
deutet AeschPr 756 an wonach Zeus dereinst vom Throne gestossen werden und 
des Prometheus eigene Befreiung 774 im 13. Geschlecht erfolgen wird; ähnlich 
wird Ares nach 13 Monaten befreit E 386. Ich kann diese Zahl nur kyklisch, 
die Angabe selbst aber als auf Missverständniss beruhend auffassen: der ursprQng- 
liche Sinn des Mythus wird der gewesen sein dass sich in den Kyklos eines 
Jahrs (13 Monate statt 12) die Schicksale des Dunkeigotts einfügen, der die eine 
Hälfte gefesselt, die andere befreit wird; statt der 12 — 13 Monate Aesch die 
13. Ytved, später möglichst hohe Zahlen AeschPr 94. In ursprQnglicher Auffassung 
wird übrigens das xpöircttv TiOp von Seiteri des Zeus Hsd 563 ; E 50 in innerer 



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250 Spezieller Thell. 

theus später auch zum Heros herabgedrückt ist, der Cult von Athen 
wie die Sage von Lemnos, wo er völlig gleichberechtigt mit Hephaestos 
erscheint, zeigt dass wir es mit einem Gotte zu thun haben. Nur 
darin nimmt Prometheus eine eigentümliche Stellung im hellenischen 
Gesamtglauben ein, dass er in Beschränkung auf die älteste Cultur- 
periode der Menschheit erscheint. Offenbar sind die Träger seines 
Cults früh, wie schon angedeutet, in den hellenischen Stämmen auf- 
gegangen, sodass ihr Dunkelgott in seiner Entwicklung gehemmt und 
gleichsam in seiner ältesten Auffassung und Form erstarrt sich nur 
wie ein Petrefakt erhalten und fortgepflanzt hat, wenn auch die spätere 
Speculation gerade durch die originale Gestalt dieses Gottes angeregt 
ist sich mit ihm besonders zu beschäftigen. Ist doch auch Hephaestos, 
den wir als Sonnengott kennen lernen werden, und der nur als 
Parallelcult zu Prometheus aufgefasst werden kann, gleichfalls auf der 
ältesten Culturstufe stehen geblieben, sodass auch er wie ein Rudiment 
aus praehistorischen Zeiten erscheint. 

So sehen wir sich neben die echthellenischen Hermes-Pan und 
Hades die fremden Göttergestalten des Ares, Kronos und Prometheus 
in den allgemeinen Glauben der Hellenen einschieben. Thraker, 
Phryger und Tyrrhener haben eben in gleicher Weise jeder Stamm für 
sich ihren Dunkelgott mitgebracht und in der Verschmelzung mit den 
althellenischen Stämmen festgehalten und den letzteren zu gemein- 
samem Besitze mitgetheilt. Und so verschieden sich diese einzelnen 
Göttergestalten entwickelt haben, sie alle sind in natürlichem Werden 
demselben Kerne entsprossen. In ihnen allen kommt der Dunkel- 
begriff zum Ausdruck, der freilich nur in dem echthellenischen Hermes- 
Hades zur vollen Entfaltung nach allen Seiten seines Wesens gelangt 
und in dieser Entfaltung in Cult und Mythus klar erkennbar ist, 
während die fremden Götter nur in vereinzelten, abgerissenen und 
verblassten Zügen auf ihre ursprüngliche Wesenheit zurückschliessen 
lassen. 

Neben diesen Culten allgemeinerer Geltung haben sich aber noch 
einige Lokalculte des Dunkeigotts, durch besondere historische Ver- 
hältnisse ausgebildet und getragen, erhalten, auf die wir gleichfalls 
schliesslich noch emen Blick werfen müssen. 

Zu den Lokalculten des Dunkeigotts gehört zunächst Asklepios. 
Die Sage wie sie uns die Hesiodische Eoee andeutet lässt erkennen, 
dass in dem Verhältnisse zur Koronis, des Asklepios Mutter, Ischys von 
Haus aus die bevorzugtere Stelle eingenommen hat und dass Apollon 
erst später in die Sage eingetreten ist. Ischys ist aber als Dunkel- 
heros zu fassen und seine Gegnerschaft des Apollon eine durch die 

Bez. zum xpUTCXtiv ߣov 42. 47 gestanden haben, welches letztere nur als die unfrucht- 
bare Zeit des Jahrs (die wämielose Kälte des Winters) gefasst werden kann. 



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Dunkel. 25 1 

Natur gegebene. Asklepios ist demnach selbst ein Dunkelgott, den 
erst bestimmte historische Verhältnisse in Beziehung zu Apoll gebracht 
haben ^). In Thessalien als Spezialcult des Phlegyer- oder Minyer- 
stammes zu Hause ist der Asklepioscult mit den Wanderungen des 
letzteren nach Phokis und Boetien, nach der Insel Kos wie nach dem 
Peloponnes gekommen und ist namentlich in Epidaurus zu besonderer 
Blüthe und Ansehen gelangt. Seine ursprüngliche Heimath in Thes- 
salien tritt schon bei Homer und Hesiod so bestimmt hervor dass 
wir nicht zweifeln können, der Cult habe hier thatsächlich seinen Aus- 
gangspunkt genommen. Wir haben Asklepios als einen Spezialcult 
des Hermes zu fassen, der gerade in Bezug auf Thessalien gleichfalls 
als der Arzt, der Heilende uns entgegentritt. In dem Sagenkomplex 
wie er sich um Koronis Apollon und Ischys, welcher letztere in 
Asklepios wieder erscheint, zusammenschliesst, haben wir den alten 
Mythus von der Mondgöttin zu erkennen, die von beiden Gegnern, 
dem Sonnengotte und dem Dunkelgotte gleichmässig begehrt wird. 
In der Herabdrückung der Göttin zur Heroine und in der Einwirkung 
einer Reihe historischer Momente hat sich die Umgestaltung des 



1) Vgl. Thraemer ML 1,615—641; RE3, 1642— 97; vWilamowkr Isyllos 
44—103; üsener 147—171 ; Müller Orchomenos l87ff; Wolters Mitt 17, iff; T 2—4. 
Die Darstellung Hesiods f 76. 125, von der PdP 3 in bewusster Polemik, wie 
Pherec 8; Apd 3, II8; EurAl iff; Hyg 202 uA (Philodem «60 17) theilweise abhängen, 
hob Ischys als den öffentlichen und berechtigten Liebhaber der Koronis hervor, 
Apoll als den heimlichen; wie auch H 2, 29fi' Apoll u. Ischys als Rivalen nennt; 
daher CicND 3, 56f ; Lyd. mens. 4, 90 (Ampel 9 Elati filius) der eine Asklepios Sohn 
des Valens (Ischys) u. der Koronis. Diese Fassung ist die ursprünj^liche. Die 
Gegnerschaft der beiden Rivalen (Ischys von Apoll getödtet; an Stelle d. Ischys 
Ant. Lib. 20 (8) Alkyoneus; Elatos Fichtenmann Schultz Jbb 1882, 345f, dh Träger 
d. himmlischen Baums) ist dieselbe wie die des Hephaestos u. Ares um den Besitz 
der Aphrodite: Dunkel- und Sonnengott ringen um die Mondgöttin (daher neben 
Koronis Aigle Isyll ; Lampetie Seh AristPl ?ol ; Xanthe Hsd f 50). Der Name 
Koronis von xöpiQ Böhlau Bonn. Studd. I26ff; da der Rabe xopcuw], xdpoiS, so ist 
die Geschiebte von der Verwandlung des Raben früh (Hsd) herausgesponnen. 
Die einzelnen Heilungen d. Asklepios, Pindars Behauptung er habe seine Kunst 
für Gold verkauft, sein Tod durch den erzürnten Zeus, der Koronis Tod durch 
Artemis sind als spätere Mache zu fassen; Pindar hat auch den Thessaler *Iox^ 
zum Arkader gemacht (P 10, 34, 2), dh die arkadische Tradition in die ursprüng- 
liche Sage Hesiods eingeschoben, wie jene schon H 2, 31 xoOpiQv 'ACavxCöa ange- 
deutet ist (P 8, 21,3). Auch die Verbindung des Mythus mit dem Tode der Ky- 
klopen u. d, ^xeCa d. Apoll bei Admet ist erst später erfolgt: ob Hesiod sie 
schon hatte (vWilamowitz) höchst zweifelhaft. Jedenfalls steht die Eoie auf Del- 
phischem Standpunkte, daher d. Tod des Asklepios Pherec 76 ftv Ilud^vi: die 
Phlegyer von Haus aus Feinde des Delphischen Apoll haben sich später diesem 
untergeordnet und zugleich auch ihren Gott Asklepios in Abhängigkeit von ihm 
gebracht. 



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252 Speweller Tbeil. 

Mythus vollzogen, die den Asklepios zum Sohne des Apollon gemacht 
hat. So hat Asklepios und sein Cult die Wanderung durch ganz 
Griechenland angetreten, indem der zu besonderm Glanz entwickelte 
Spezialcult sich tiberall Eingang verschafft hati). 

Von Haus aus allgemeinerer Bedeutung hat Asklepios schon früh 
eine spezielle Beziehung zur Heilkunst erhalten, indem sich im An- 
schluss an sein Wesen selbst heilkünstlerische Bestrebungen in seinem 
Culte ausgebildet haben, die sich naturgemäss an den Gott selbst an- 
schlössen. Den Alten ist ebensowenig wie uns die Wahrheit verborgen 
geblieben, dass die göttlichen Prinzipien Dunkel und Licht, dh Kühle 
und Feuchtigkeit bis zur Kälte und Nässe einer-, Wärme und Trocken- 
heit bis zur Hitze anderseits, in gleicher Weise je nach dem Über- 
gewichte des einen oder des andern lebenfördernd oder lebenver- 
nichtend wirken. Im Hochsommer ist der Dunkelgott der heilbringende, 
weil er gegen die Seuchen erzeugende Hitze Schutz gewährt; im Winter 
dagegen ist der Sonnengott derjenige, dessen Hülfe gegen die Nöthe 
und Verderbnisse der Kälte und Nässe erfleht wird. Darin liegt der 
Grund dass sowohl der Dunkelgott wie der Sonnengott zum Arzte 
wird, wie beide anderseits auch Krankheit und Tod zu bringen ver- 



1) Vollzählige Aufzeichnung aller Cultstätten Thraemer aaOO. Nach Thes- 
salien weisen übereinstimmend BTZgff; Hsd; Pd; Pherec: Boißcag ^^W], ItaxUp ftv 
ntdCfp, ACdu}u>i xoXö^vot, AowUpatot, TpCxxij etc. VgL Str437. 647; Herondas 2, 97. 
4, 1 ua. BundesmOnze von Magnesia Head 256. Hier ist auch Kynosura zu suchen 
CicND 3, 57 (Asklep begraben). Phokis verehrte den Asklepios als dpxoqr^^ 
P 10,32, 12: die Landschaft reich an Phlegyersagen, die wieder mit Boeotien in 
Verbindung. Aus der Sage von Kos (die Asklepiadcn als xxioroti) scheinen diese 
in die Ilias gelangt A 517. 614; A 204 v Wilamowitz 496* ; später hier berühmte Heil- 
stätte u. Cult, der Gott icpoxodi^Ytpuov u. owvf^p Inscr. Cos n. 408 ; Dibbelt DGreifs- 
wald 56ff. Unter den Heiligtümern des Peloponnes besonders Titane P 2, 11, 5 — 8: 
Toptövio^ weist nach d. thessal. Gyrton wie Titane nach Titanos B735; Tttxdtviog 
Bull 3, 193. In Arkadien Tbelpusa, Asklepios als TCOÄg PS, 25, 11 neben Apoll: 
ebenso in Gortys 28, l bartlos. Da Cicero den 3. Aesculap non longe a Lusio 
flumine (sepulcrum et lucus) ansetzt, so weist dieses nach Gortys u. Thelpusa 
(Demeter AouoCa) P 8, 25^6: das characteristische wird sein dass er als icoC^ galt. 
Zugleich weisen die Altern Arsippus u. Arsinoe (Lyd mens 4, 40; SchPdP 3« 14 
Töchter des Leukipp) nach Messenien u. Lakonien P4, 31,6. 12; 3,12,8; Cult 
des Machaon 3, 26, 10; 4, 3, l. 9; 30, 3. Der aus Thessalien einwandernde Asklepios 
hat sich hier also in schon vorhandene Traditionen eingedrängt. Neben Argos 
P 2, 21,1; 23,2.4 der berühmte Cult von Epidaurus P 2, 26, 3— 29, 1. Durch die 
Ausgrabungen (Cawadias Fouilles 1) zahlreiche Inschriften etc; über den Paean 
des Isyllos u. die in ihm niedergelegten Traditionen vWilamowitz 84ff. Die Cult- 
legende knüpfte an Thessalien an, gestaltete sie aber selbständig und willkürlich 
mit der Tendenz als die allein berechtigte Geburtsstätte zu gelten. Von hier ist 
Asklepios 420 v. Chr. (Körte Mitt 18, 23lflf) nach Athen gekommen P2, 26, 8. 



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Dunkel. 



253 



mögen. Wenn wir so alle Dunkelgötter als Ärzte anerkannt und ver- 
ehrt finden, so ist eben diese Beziehung in Asklepios — durch be- 
sondere Cnlturverhältnisse veranlasst — zu spezieller Ausbildung ge- 
langt und ist, nachdem sie einmal diese Richtung genommen hatte 
durch künstliche Macht immer consequenter ausgestattet^). So ist 
Asklepios der Vertreter der heilbringenden Luft geworden, die vor 
allem in ihrer sommerlichen Reinheit und Klarheit, in der gesunden- 
den Kraft und Wirksamkeit der Wälder und Gebirge Wunder schafft, 
daher der Urarzt der griechischen Mythologie Cheiron im Hochgebirge 
zu Hause ist, wo er der Träger der göttlichen Luft und ihrer heil- 
schaflfenden Kraft lehrend und erziehend wirkt und seine Kunst auf die 
späteren Generationen und ihre Ärzte vererbt. Eben der Umstand 
aber, dass seinem Wesen nach der Sonnengott und speziell Apollon 
in gleicher Weise als Arzt anerkannt worden ist, hat bewirkt dass 
Asklepios, obgleich von Haus aus entgegengesetzten Wesens, zu Apoll 
in Beziehung gebracht ist. Die Verbindung beider hat scheinbar in 
Delphi stattgefunden und ist von hier aus als Glaubenssatz verbreitet 
worden. Es ist wahrscheinlich dass der berühmtere Asklepioscult an 
verschiedenen Orten namentlich des Peloponnes ältere Culte, die sich 
mit spezieller Hervorhebung des Heilcharacters der Götter an den 
Dunkel- und den Sonnengott knüpften, verdrängt und ersetzt hat: 
Asklepios und Apoll nahmen so die Stelle älterer lokaler Götter ein^). 

^) Einzige Ursachen der Krankheit PdP 3, 50 ^piv6v TcOp u. x&^l^o^v: dem 
entsprechend sowohl die Dunkelgötter Hermes Prometheus Kronos, wie die Sonnen- 
götter Arzte: Apoll Axioiog P6, 24, 6: laxpö^ Bull 2, 509; C 2134a; ooXiog Str 
635; Pherec 106; iT^tog SophORl095; Hes; iatiip PdP 4, 270; AeschA I45; 
l7]7caM^a)v H 2, 94. 322. 339; T^ati^wv uä Ja 516; Ca 1,210* EHonys laxpö^ Ath 
1,41; 2y2; PlutQc3, 1,3; öytÄTTjc Ath 2, 2; Ttawoviog Hes; Herakles P 5, 14 
7; 7, 6; Hephaest H 20 etc. Selbst Poseidon laxpög Philoch 184. Die 
spezielle Heilkraft der Götter hat sich übrigens aus der allgemeinen Schutz- 
kraft entwickelt (anders Usener): daher Asklepios ow-nip; ytXöXaog P 3, 22, 9; 
JrjliaCveTOg P 6, 21,4; wi%oXoi, iici^oog, fJTttog Fouilles durch Volksetymologie dem 
Namen selbst entnommen; Zeus Cl 198. Die Cultnamen alyXai^p, alyXiJTifjc Hes 
wohl erst dem Apoll alyXiJTirjg Hes entlehnt bezw, nachgebildet; vWilam. 9lif ver- 
bindet damit den N. Asklepios. 

^ Podaleirios und Machaon in dem Kyklischen Epos 'IXfou wdp^ot^ Eust 
A514 (Aethiopis 3) Söhne Poseidons, die älteste Fassung. Die Zweiheit auch in 
Titane P 2, 11,7 Alexanor und Euamerion, in Pbarai 4, 30, 3 Nikomachos u. Gor- 
gasos (4, 3, 9) uA; 'AoxXTjwtoa icato£v Bull 3, 190; ^ol la-rijpec *Efp 1890, 13lflf. Wir 
haben darin den Doppelcult der Göttersöhne überhaupt (d. Dunkeigotts u. d. 
Sonnengotts) zu sehen, in spezieller Beziehung zu ihrer Heilkraft; später bat der 
einwandernde Asklepioscult hieran angeknüpft. Einzeln ist dami der eine oder der 
andere als laxpd^ verehrt (so in Athen Hes; Ca 2,403) was (gegen Usener) keines- 
wegs als älter« sondern als eine dem allgemeinen Begriff des Dunkel- oder 
Sonnengotts untergeordnete Bezeichnung zu fassen ist. Klar ersichtlich ist das in 



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254 Spezieller Theil. 

Aber so entschieden auch der Heilcharacter des Asklepios im Laufe 
der Zeit hervorgehoben und bevorzugt worden ist, die ganze Auffassung 
des Gotts weist darauf hin dass er von Haus aus, wie schon bemerkt, 
eine allgemeinere Bedeutung gehabt hat. Er ist eben nur als Local- 
und Spezialcult des Dunkeigotts zu verstehen, der ursprünglich gleich- 
massig in dem Dunkel der Ober- wie der Unterwelt thätig und wirk- 
sam aufgefasst worden ist und der speziell in dem Schatten und der 
Kühle, der Feuchtigkeit wie dem Schutze von Wolken Winden und 
Wassern, der reinigenden und heilenden Kraft der Luft selbst seine 
helfende Macht erweist. So entschieden also auch das ursprüngliche 
Wesen des Asklepios durch historische Einwirkungen wie durch die 
im innern Dienste seiner Priesterschaften selbst erfolgte und plan- 
mässig ausgestaltete Beeinflussung des Gotts umgebildet worden ist, 
wir werden nicht irren wenn wir in ihm nur eine Nebengestalt, einen 
Spezialcult des althellenischen Dunkeigotts erkennen, der aus seiner 
ursprünglich allgemeinen Beziehung zu allen Seiten des kosmischen 
Dunkels im Laufe der Zeit eine so einseitige und beschränkte Ent- 
wicklung eingeschlagen hat. Müssen wir es bestimmt ablehnen den 
Gott als eine blosse Abstraction des Begriffs des heilenden und helfenden 
Wesens aufzufassen; müssen wir im Gegentheil auch ihn gleich allen 
echten und alten Göttergestalten aus einem bestimmten durch die 
Natur gegebenen Momente ableiten: so können wir nicht zweifeln 
als diesen natürlichen Kern seines Wesens das Dunkel zu fassen, dessen 
Zusammenfallen mit dem Element der Luft als ein uraltes allgemein 
anerkanntes Axiom gegolten hat^). 



üaidv, Ilaii^QDv der bestimmt als ursprünglich dem Apoll geltend zu erkennen ist 
Schwalbe P. Magdeb. 1847, 7f. Unter speziellen Cultnamen erscheint dann dieser 
laxpög als Alkon Mitt 10, 97ff; P 3» 14> 7 ; Oresinios BekkAn 263, 1 1 ; 'Axeoia^ Zenob 
1, 52; P 2, 11, 7; Telesphoros Ca 3, 171c 12 — 21 ; Eöooüg, Adtppcov Hes; 'Aptoxdiiaxog 
BekkAn 262, 16; Sphyros P 2, 23, 4; vielleicht auch Apis Gruppe l46f; Polemo- 
krates P 2, 38, 6; Ampbiaraos 'Ecp 1885, 96; Amynos Mitt 21, 287ff ua. 

1) Das Attribut der Schlange (der Name am wahrscheinlichsten^doxdXoßoc 
Welcker 2» 736, der Gott selbst einst als Schlange gefasst P 2, IG, 3) SchNicTher 
438; Denkm.; P 2, 11,8 etc. Ziege P2, 26, 9; IG, 3A 12; Hahn Plato Phaed 66. 
Asklepios als Jäger Apd 3, 119; Beziehung zum himmlischen Nass durch die 
Schaale angedeutet, vgl. Apd. 3, 1 20 ; Höhlen (vielfach als xdqpoi gefasst) und 
chthonisches Ritual Thraemer MLi,6l9f; RE2, l654f; Hund P2, 26, 5; 2^y2; 
AelNa 7, 13; Reinach RevArch 1884, 129ff; E9 1885, 87 etc. Nächtliche Incubation 
AristV I22f; Pl635ff; AelNa 7, 13; Rohde Psyche 1 1 3flf ; nawoxCg Ca 2, 373b, danach 
wohl auch in Epidaurus; Tiup^öpot oft Fouilles; C1178; Beziehung zur Vegetation 
P3i23, 7; 2,11,6; 3> M» 7 (Ar^ixag); Et doKeXi^ Kranz; ständiges Attribut der 
Stab (Hermes). Gleichsetzung mit Trophonius und Hermes CicND 3, 56 ; Ver- 
bindung mit Cheiron uA. Wir haben Asklepios als ursprünglich alle Seiten des 
Dunkels vertretende Gottheit zu fassen, der erst im Lauf der Zeit in spezieller 



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Dunkel. 255 

Eine ganz ähnliche Entwicklung wie Asklepios hat auch Aristaios 
genommen. Ja wir dürfen sagen dass derselbe nur eine andere Gestalt 
des Asklepios selbst ist. Denn ist Aristaios von demselben Stamme, 
aus derselben Heimath hervorgegangen, wie Asklepios, so werden wir 
schon hierdurch auf die Annahme geführt, dass er von Haus aus der- 
selbe ist wie dieser, der sich unter andern Verhältnissen wenigstens 
äusserlich anders als sein Brudercult entwickelt hat. Und wie wir in 
Kyrene dieselbe göttliche Macht wieder zu erkennen vermögen, die wir 
in Koronis kennen gelernt haben, die holde Mondjungfrau, mit der der 
Sonnengott wie der Dunkelgott buhlt, so ist auch Aristaios in all seinen 
Wesensbezügen so deutlich als ein Dunkelgott gekennzeichnet, dass wir 
ihn, wie gesagt, dem Asklepios zur Seite stellen können*). Am deutlichsten 
tritt dieses in seinem Culte hervor, wo er als Abwender von Seuche und 
Hungersnoth so ganz wie ein anderer Hermes Kriophoros erscheint, dass 
wir hier den alten urhellenischen Dunkelgott wieder zu erkennen ver- 
mögen. Wie Hermes die Hochsommergluth durch die Regenwolke ab- 
zuhalten die Macht hat, so bewirkt Aristaios dasselbe durch die Etesien, 
die gleichfalls in den Tagen der Hundstagshitze auf den Kykladen die 
ersehnte Kühlung bringen: Wolken Winde und Wasser sind nur ver- 
schiedene Seiten im Wesen und Wirken des Dunkeigotts. Und wenn 
später als Ausdruck der Gluthhitze der Hund oder der Löwe erscheint, 
gegen dessen Wuth sich das heilende Thun des Aristaeos richtet, so 
können wir doch nicht zweifeln, dass es in älterer Auffassung die Sonne 
selbst war, von der die verderbliche Sonnengluth ausgehend gedacht 
wurde. Denn Seirios ist ein alter Name des Helios selbst und ist erst in 
später Zeit auf das einzelne Sternbild übertragen worden, dessen Er- 
scheinungszeit und Höhepunkt als mit dem höchsten Stande und der 
Gluth der Sonne selbst zusammenfallend beobachtet und erkannt wurde. 
So galt die Thätigkeit des Aristaios von Haus aus der Sonne selbst, 
dh ihrem vernichtenden, Seuchen heraufführenden Wirken. Und wie 
Aristaios auf Keos durch seine Kunst die Pest abwendet, so erscheint 
er überhaupt als Heilgott, der gleich dem Asklepios diese Kunst von 
Cheiron erlernt hat^). 



Bez. zur Heilkraft ausgebildet ist. Daher P 7, 23, 7f mit dem di^p identifiziert; 
Panofka ABA 1845, 271 ff; PlutQR 94. Dem entspricht sein Charakter als älterer 
ernster bärtig^er Mann vWilamowitz 940; DAK 2, 759 — 94- Er wird von Haus 
mit Askalaphos identisch sein der historisirt B 5 1 1 ff; P 9, 37, 7 mit seinem Bruder 
Jalmenos Sohn des Ares ist; während sein ursprüngliches Wesen als Sohn des 
Acheron und der Gorgyra Apd 1, 33; 2» 124. 126 erscheint. 

>) Schirmer ML 1, 547ff; vHiller RE i, 852ff; Studniczka Kyrene 39ft ; 132ff; 
Maass GGA 1890, 337Ö. Hsd f 8; PdP 9; Ap 2, 50off. Vgl. Kap. 12. 

') Die Thätigkeit d. Aristaios auf d. Kykladen Ap2, 5l6ff: er bewährt 
sich als Xotptoa AXs^iTcfjpa; Dd4, 8l; Nomn 5. 26off: RratS; Pridik DDorpat 1892 



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256 Spezieller Theil. 

Wenn hier Aristaios wie der althellenische Dunkelgott nach seiner 
segnenden und heilenden Seite erscheint, so zeigt doch die Angabe, er 
selbst habe einst zu den Giganten gehört, dass sich auch die Sage von 
seiner furchtbaren, lichtfeindlichen Wesensseite erhalten hatte. Und 
gleich dem Hades weiden ihm reiche Heerden von Kühen auf Keos: 
dieselben Heerden um die sich der ewig unausgeglichene Kampf des 
Dunkel- wie des Sonnengotts dreht. Anderseits aber ist er der Jäger, 
der mit seinen Hunden das himmlische Gefilde durchstreift: erst eine 
späte Zeit hat diese seine Hunde zum Hunde der Gluthhitze gemacht, 
gegen die gerade die Heilthätigkeit des Gottes gerichtet war. Es sind 
im Gegenteil die Wolken- und Windhunde, deren Herr der Dunkelgott 
ist. Eine eigentümliche Beziehung des Aristaios zum Nass tritt darin 
hervor, dass er der Geber von Milch und Öl, von Honig und Wein ist. 
Hier hat eben der Umstand, dass Aristaios in so eminenter Weise 
Culturgott geworden ist, eingewirkt, die ursprünglich allgemeine Ver- 
bindung mit dem himmlischen Nasse in so spezieller Weise zu ge- 
stalten. Und auch darin tritt diese Entwicklung nach der Culturseite 
hervor, dass Aristaios der Verleiher von Fruchtbarkeit, der Schützer 
der Viehzucht und des Landbaus ist: auch hierin ganz ein anderer 
Hades, wie sich derselbe im Laufe der Zeit aus der ursprünglich furcht- 
baren Seite seines Wesens entwickelt hatte*). 



1 iff. Der Dienst d. Zeug lxii.alo( ist hier völlig gleich demd.Zti)^ dxpaloc auf dem Pellon 
oS 148, wo gleichfalls xaTÖt Xüv6g dvaxoX7]v xata dxiiaiöxaxov xaOjia dieProcession statt- 
findet. Die Ceremonie auf Keos wird eine genaue Copie der auf dem Pelion gewesen 
sein» daher SchAp 2» 498 Ivexa xoö toi)g öpißpouc YfveoO-ai; TheophrVent 1, 14; später 
haben die Etesien eine besondere Berücksichtigung erfahren, (SchAp 2, 526; Plin 2, 
124), da Aristaios als Dunkelgott ebenso Herr über die Winde wie über die 6p,ßpou 
Aristaios=Asklepios als Zeög ServG 1,14. Seipiog=Sonne Archil 61 ; Jbyc 3; SchAp 
2,517; Hes; Suid; daher Hsd 587 Ssiptog dieselbe Wirkung wie 575 tjXtog. Der Lärm 
(SchAp 2, 498 iied-' 6^ü)v; 526) mit dem die Hundstagshitze, speziell der Aufgang 
des Sirius empfangen wurde» kann nur wieder als precative Herbeirufung der 
Windthätigkeit des schützenden Dunkels verstanden werden; Aristaios Erfinder 
d. Hirtengesangs Nonn 5, 26lflf. Später haben sich offenbar an den Cult astro- 
nomische Berechnungen der Priester geknüpft CicDiv 1, 130. HeraclidPom 9; 
ClemS 6, 3, 29 ua beschränken, wie so oft, die jährlich sich erneuernde Thätig- 
keit des Gotts auf einen einmaligen Akt. Aristaios überhaupt Heilgott A.p2, 
5l2Sch. 

1) Als Gigant und einer unter vielen Brüdern erscheint Aristaios Suid 
'Aptoralog; ÖtxadüXJt^; Xöptig; Bacchyl 62 Sohn Ffj^ x. 'OupotvoÖ. Kennt Bacchyl4 
'Aptoxalot, (vgl. die 4 Stieropfer VergG 4, 537ff) so macht Justin 13, 7, 7 ihn zu einem 
Vierbrüderverein, während die consequente Scheidung des Gotts in die Namen 
'AYpsüSi Ndjitog, 'AptOTatoc(PdP 9, 65 ; Dd 4, 81 etc) auf eine alte Auffassung des 
Gotts al» xpixi^oiXoc scfaliessen lässt ; 2 Brüder SchAp 2, 498. Seine Verbindung 
mit der Mondgöttin tritt Hyg 164 (Zusatz); Myth2, 44; VefgG4,457ff erotisch, 



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Dunkel. 257 

Der Mythen- und Cultkreis des Aristaios zeigt also nichts was 
aus dem Rahmen der uns bezüglich des Dunkeigotts bekannten An- 
schauungen herausfiele. Es ist seine wesentliche Verbindung mit den 
Wolken Winden und Wassern des Himmels, welche ihm seinen 
Charakter giebt: er erscheint in zahlreichen einzelnen Momenten als 
ein anderer Hermes oder Hades. 

So haben wir in Aristaios nur eine lokale Form des althelleni- 
schen Dunkeigotts zu erkennen, wenn er auch zugleich Berührungs- 
punkte mit den andern Dunkelgöttern zeigt. Sein Cult hat sich eben 
unter dem besonderen Namen Aristaios von Thessalien aus speziell 
nach Keos und einigen andern Punkten des Binnenlands wie der Inseln 
und Küsten verbreitet und die Verbindung des Gotts mit Apoll kann 
nur als eine durch bestimmte historische Verhältnisse bewirkte ange- 
sehen werden. Aristaios ist von Haus aus nur als eine Epiklesis des 
altgriechischen Dunkeigotts zu fassen, die dann in der besonderen und 
originalen Entwicklung, welche diese Cultform des Gotts nahm, zu einer 
selbständigen Persönlichkeit sich ausgebildet hat*). 

Und wieder mit Aristaios von Haus aus identisch ist Aktaeon, 
den die Sage als den Sohn jenes kennt. Dieselben Factoren die wir 
das Wesen aller Dunkelgötter ausmachen sehen treten uns auch in 
Aktaion hervor. Und zwar ist auch er ohne Zweifel im innersten Kerne 
eine Gestaltungsform des althellenischen Dunkeigotts, wenn auch zu- 
gleich thrakische Beeinflussungen unverkennbar sind. Wenn Hermes- 



dagegen Pherec 10 väterlich hervor. Seine Heerde von 300 juvenci VergG l, 
l4f; Ap2, 513 liT^^tüv; oioKÖXo^ PdP4, 28; daher sein allgemeiner Name Ndjitog 
PdP 3, 64 Seh; Ap 2, 507. Zugleich ist er 'AypsO^ Pd; Ap aaOO; vgl. HeraclidPont, 
Verg etc. Sowohl als Ayptug wie vd^iio^ steht er in Beziehung zum Hunde dh 
von Haus aus dem himmlischen, daher xuvY]Y«o£a PdP 9, 113; OppCyn 4, 266ß; 
Schlangen MOnzen Rasche s. v., VergG aO. Verbindung mit d. Sonnengotte 
Dionysos (gleich Hermes Pan) Dd3, 72; CicVerr4, 128; OppaO; Ath 14, 50 etc. 
Honig und Öl auf ihn zurückgeführt Aristot f. 468; Plin 7, 199; 14,53; SchPd P9, 
113; VergG4, 28lft; Milch Justin aO; Dd4, 81 etc; Ath 14, 50 in Kyrene be- 
sonders das Silphion SchAristEq 894; PI 926. So wird er Oberhaupt YSö)PYtX(ÖTaxog 
Arist BoHin loo. Auf einem Relief d. Kyrenaika Pacho rel. d'un voyage Paris 
1827 — 29 pl. 51 erscheint er mit Hirtenstab, den Widder auf d. Nacken, Schaale 
um sich, zu beiden Seiten ein grüner Baum, rings eingefasst von Fischen; Fische 
auch auf Münzen von Keos (Koresia) Head4l2. Hsd 977 ßa^x*^*^» Zsög SchAp 
2,488 etc. 

^) Aristaios erscheint in Thessalien, Boeotien Dd 4, 81 ; Arkadien P 8, 2, 4; Pd 
251; Keos, Euboea (Bacchyl ö2 Sohn des Karystus), Kyrene; Thrakien Dd 4, 8). 
Wenn er auch in den Westländern Sardinien, Kerkyra etc angesetzt wird ScrvG 
1,14; Dd4, 81 so ist das jedenfalls zum grössten Theile mythisch, dh ihm als 
Dunkelgotte zukommend. Die Unterordnung d. Aristaios unter Apoll ist wieder 
nur als Delphische Mache zu verstehen. 

Gilbert, Gotterlebre. 17 



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258 spezieller Theil. 

Pan einst Bock war, so kann es nicht auflfallen Aktaion, bei dem das 
Moment der Jagd besonders hervortritt, als Hirsch aufgefasst zu finden. 
Vor allem bekannt ist das Verhältniss des Aktaeon zu seinen Hunden. 
Diese ursprünglich in der Vierzahl gefasst, entsprechend den Haupt- 
winden, sind wieder die Wolken- und Sturmeshunde welche dem 
Dunkelgotte angehören und mit denen dieser als der grosse Jäger das 
himmlische Revier durchstreift. Und wie wir schon die wildgewordenen 
Rosse kennen gelernt haben welche den eignen Herrn zerreissen, so 
sind auch die Sturmhunde desselben Charakters, die wild geworden 
die einheitliche Wolkenmasse auseinander reissen, dass seine Theile 
sich weit über den Himmel zerstreuen. Es erinnert das aufs lebhafteste 
an vedische Anschauungen, wo Vritra der Gott des Gewitterdunkels 
gleichfalls in Stücke zerrissen wird, mit denen sich Indra wie mit 
Trophaeen schmückt.*) Weiter ist von Aktaeon auch sein Verhältniss 
zu Artemis bekannt. Wenn Ares der dunkle Wolkengott in Aphrodite 
der Mondgöttin die begehrliche findet, die ihm gestattet sich über sie 
zu lagern, während er in Athene die kriegerische Gegnerin findet, die 
sich seiner Angriffe mit leidenschaftlicher Gewalt erwehrt, so begehrt 
auch Aktaion, ein anderer Dunkelgott, der Mondgöttin, die aber gleich- 
falls keusch über ihrer Ehre wachend den Angriff desselben abwehrt. 
Die combinationslustige Phantasie hat damit die Thatsache, dass Aktaion 
neben seiner menschlichen Gestalt als Hirschbock gefasst wurde, ver- 
bunden und hat diese ältere Anschauung als Folge, als Metamorphose 
gedeutet^). Alle übrigen Momente welche die Sage von Aktaion kennt 
sind bekannte Accidentia des Dunkelwesens. Seine Verbindung mit 
Quellen, dem himmlischen Nasse, sein Aufenthalt in der Hohe, seine 
Fesselung — gleich dem Prometheus und Ares — , sein hinterlistiger 

1) Vgl. Wentzel RE 1, liOQflf; StoU ML 1, 2l4ff; Ziehen Bonner Studd. I79ff. 
Älteste Quelle wohl Hesiods Eoie £158 Rz (Philodem. söo. 60). Aktaeon gehört 
nach Plataiai Flut Arist 1 1 ; Orchomenos P Q, 38, 5 ; in Korinth erscheint er histo- 
risirt SchAp4, 1212; Plut. nar. amat. 2; Dd 8, IG. Sohn d. Aristaios u. d. Autonoe 
Hsd979; Apd3,30 etc. Jäger: 4 Hunde PLG 3, 699 (f 39) ; Aesch239; kyk- 
lisch 3, 50, 36 Hyg 181 ; Apd 3, 31 etc. Als Hirsch Apd 3, 30; Dd 4, 81. Stesich 
68 lässt dieses so geschehen dass dem A. ein dip^ia iXdqpou fibergeworfen wird 
(Polygnot P 10, 30, 5 ihn daher iid dipiiaxi sitzend dargestellt) zu erklären wie 
das Bettlaken d. Hermes, auf die gesprenkelte Wolke bez. Das laute Heulen der 
Hunde Apd aO; das Zerreissen Aesch 239. 40, die Stficke zerstreut, in die Erde 
verborgen P9, 38, 5; Cal lim 5, 11 off. Das sX5a)Xov des Aktaeon P 9, 38, 5 ist wie 
die leere Haut des Marsyas. Mit dem Sirius haben die Hunde absolut nichts zu thun. 

') Stesich 68; Acusil 21 lassen Aktaeon die Semele begehren, wofür Artemis 
als Rächerin eintritt; Spätere lassen ihn für Artemis selbst entbrannt werden Dd 
4, 8I; Callim 5, lioff; Hyg 180; Apd 3, 30. Um seine Schuld zu mildem wird dann 
nur von zufälligem Sehen, unvorsichtigem Rühmen seiner Geschicklichkeit als 
Schütze etc gesprochen. 



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Dunkel. 259 

Character, seine Wettfahrt mit dem Sonnengotte, die Verbindung seines 
Verschwindens im Sommer mit Dürre und Seuche: alles das characterisirt 
ihn aufs bestimmteste als den Dunkelgott, dem Wolken und Winde wie 
die himmlischen Gewässer unterthan sind, in denen er selbst erscheint 
und deren Schicksale die eigenen sind. Auch Aktaion zeigt wieder 
wie sinnlich und plastisch die Alten ihre Götter fassten, deren Wesen 
und Erlebnisse sie unmittelbar am Himmel erschauten und zu persön- 
lichen Gestalten verdichteten. Aber Aktaion ist, obgleich er eng mit 
den Mythen- und Cultkreisen des Cheiron, Aristaios und ähnlicher Ge- 
stalten zusammenhängt, kein Gott geblieben, sondern zum Heros ge- 
worden, der freilich nach allen Richtungen hin das alte Wesen sich 
bewahrt hat^). 

Die griechische Mythologie weist auch sonst noch eine grosse 
Zahl von Einzelgestalten auf, die wir nur als Typen des Dunkeigotts 
verstehen können, die aber später nach einer bestimmten Seite ihres 
ursprünglich allgemeineren Wesens spezialisirt als Wolken- und Wasser-, 
als Nacht- und Windwesen erscheinen. Auf diese hier näher einzu- 
gehen liegt ausserhalb unserer Aufgabe: nur wenige Worte mögen über 
sie noch gesagt werden. Nur in vereinzelten Fällen noch dem Culte 
angehörend sind sie meistens nur noch in der Sage thätig, zeigen hier 
aber, wie gesagt, dass sie einst eine grössere Rolle gespielt haben. So 
wird zB Boreas später durchaus als Nordwind gefasst: dennoch deuten 
die an ihn sich knüpfenden Sagen an, dass wir ihn als einen andern 
Ares von Haus aus fassen müssen. Ebenso scheint Priapos, obgleich 
er später zu einer dem Dionysos ähnlichen Gestalt erwachsen ist, nur 
eine rohe Cultform des ithyphallischen Hermes zu sein. Andere Ge- 
stalten treten in spezieller Beziehung zum Meere uns entgegen: aber 
auch bei ihnen spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sie einst ein 
allgemeineres Wesen als Dunkelgötter an sich getragen haben, die von 
rein lokaler Bedeutung oder ganz im Culte zurücktretend gleichsam 
antiquiert nur noch eine Stelle in der Sage sich bewährt haben. Die 
grossen Cultgötter haben eben allmälig alle diese Lokalculte zurück- 
gedrängt und sich zu den einzigen anerkannten Mächten erhoben. 



1) Quellen P 9, 2, 3; Hyg 18 1 ; PhilJ 1, 14 lässt aus seinem Blute eine Quelle 
entstehen. Eine nixpa 'Axxatcövog xoCxig ; auderseits Verbindung mit Xsipcovo^ &vxpov 
Apd 3, 30; die Fesselung seines sldooXov die noch Pausanias sab PQ, 38»5; sein 
listiger Charakter (der auch dem Aristaios beigelegt wird) Nonn 37, 348fF; sein 
Cberlisten des ^aOvog (der Sonnenrepraesentant Maass GGA1890, 346, daher 
*HeXCou pk^liTjiia ^ipwv Nonn 37, l66f) Nonn 37, 346fr. Der Zusammenhang seines 
Verschwindens mit Pest u. Dürre (P 9, 38, 5) geht namentlich aus der korinthischen 
Version hervor, wo MdXtoooc den Aristaios vertretend und gleich diesem eine 
Dunkelgestalt und Vater des Aktaion sich vom Felsen herabstürzt worauf oi&xi^C 
und Xoi}i^. 

17* 



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200 Spezieller Theil. 

Haben also die einzelnen in ihren abgeschlossenen Thälern sitzenden 
Stämme den grossen Dunkelgott, wie er schon aus der Urheimath 
stammte, unter eigenen Cultnamen und Cultformen einst ausgebildet, 
so sind diese Sondernamen und Sonderdienste später den allgemein 
anerkannten Namen und Culten gegenüber nach und nach zur Geltung 
von Heroen herabgesunken und haben so nur noch eine untergeordnete 
Bedeutung gehabt. Aber auch in dieser Degradation ihres ursprünglich 
allgemeineren und umfassenderen Wesens können sie das ursprüngliche 
Wesen und den Kern, aus dem sie erwachsen sind nicht verleugnen, 
wenn sie auch hier eine spezielle Beziehung zu den Winden, dort zu 
den Wassern oder andern Seiten des Dunkelbegrifis angenommen 
haben ^). 

Genügt es also diese Einzelgestalten hier kurz erwähnt zu haben, 
so liegt es uns dagegen jetzt zum Schlüsse noch ob einige Gruppen 
untergeordneter Gestalten zu betrachten, eben weil dieselben für die 
Belebung der mythologischen Scenerie grosse Bedeutung erlangt haben 
und auch an und für sich in hochinteressanter Weise den Dunkelbegrifi 
nach seinen verschiedenen Erscheinungsformen zum Ausdruck bringen. 
Während der Sonnengott immer der eine und alleinige ist, welcher 
einsam und ohne gleichen seine himmlische Strasse zieht, trägt der 
Dunkelgott in seiner speziellen Beziehung zur Wolkenbildung den Keim 
zur Mehrheit und zur Vielheit in sich selbst. So haben wir schon 
Pan als den einen und als mehrere kennen gelernt und mit den Panen 
sind dem Wesen nach völlig identisch die Silene und Satyrn, die Kureten 
und Korybanten und unter welchen Namen sonst die Vielheit der 
Wolkenbildung personifizirt ist^). Haben wir früher die Wolken als 



') Boreas Rapp MLi,8o3ff; die Entführung der Oreuhyia entspricht der- 
jenigen der Köre durch Hades. In den Boreaden (Rapp ML i, 797ff) erscheint 
dann die Vielheit der Dunkelbildung in spezieller Beziehung zu Wolke und Wind. 
Priapos (vielleicht nur eine Verunstaltung des Cultnamens ßpin^o^ N521 für Ares- 
Hermes) nur am Bosporos (ausser *Opvsai Str 382) zu Hause wohin er durch die 
tyrsenischen Pelasger Her 1» 57; 2, 51 gebracht sein wird; Sohn des Hermes Hyg 
160; Epigr8l7; scheinbar = Pan AP 6, 33 : P 9, 31,2 Aristaios ähnlich; OvF l, 
39lflf; Lact 1,21 Silen; Petron 133 comes Nympharum Bacchique, sonst meist mit 
Dionysos identifizirt Dd4, 6; Str 587; SchTheocr l, 21 ; Ath 1,54. Meeresgott ge- 
worden ist rXaOxog Gaedechens ML 1, Iö78ff (yXauxög von der d-dXaooa 11 34 ; 
Hsd440): der Hom Glaukos Z 153ff; des Poseidon Ross EustN 23; des Minos Sohn 
Apd 3, 1 7ff verschiedene Versionen. Cultsitz Anthedon Pd 263. Über ihn Aesch 23flf 
(dvO'poDTCoetöfec ^ptov); Ath 7, 47- 48. Sprung ins Wasser OüMi3, 900flf; ServG 1, 
437; P9»22, 6; sein Hervorkommen aus d. Meere Apostol7»58; Weissagung Dd 
4,48; Verbindung mit Melikertes Dionysus uA AthaO; Wandelbarkeit Str405; 
sein Jahrescult (einmal nächtlicher Umzug) SchPlat rep. p6ll C etc lassen sein 
ursprünglich allgemeineres Wesen erkennen. 

3) Schon Hsd f 129 werden oöpstat Nöptcpat ^al xoti Yivog oöttöavaiv 2)ax6p(ov 



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Dunkel. 201 

Heerden von Schaafen, Ziegen, Kühen etc kennen gelernt, so sind 
jene Silene Satyrn uA in höherer Entwicklung die Wolkenheerden als 
menschenartige Wesen gefasst. Aber auch sie weisen deutlich den 
Entwicklungsgang auf, den sie genommen haben, indem sie die Reste 
einer bocksartigen oder einer pferdeartigen Natur noch an sich tragen 
und so in ersterer Beziehung dem Pan-Hermes, in letzterer dem Ares- 
Kronos — abgesehen von den Kentauren — vergleichbar sind, die den 
Abschluss eines Werdegangs darstellen, während jene in Mitten des- 
selben stehen und stecken geblieben sind. Die Silene und Satyrn wie 
andere Gruppen ihres gleichen sind also die personifizirten Wolken- 
gebilde, wie sich diese über und durch einander tummelnd ein bewegtes 
fröhliches Leben am Himmel führen. Wie aber kein himmlisches Wesen 
enger mit der Erde verwandt ist, wie gerade die Wolke in den mannig- 
fachen Abstufungen ihrer luft- und nebelartigen Gebilde, so tragen 
auch die Satyrn und Silene gleich den Panen ein halbirdisches Wesen 
an sich und dienen so mit Vorliebe dazu die Verbindung des Himmels 
mit der Erde zu vermitteln. 

Silene und Satyrn sind eines Wesens und eines Ursprungs: nur 
darin zeigt sich ein gewisser Unterschied der beiden dass die Silene 
in Name und Sage und in allen Einzelmomenten die Beziehung auf 
das feuchte flüssige Element der Luft- und Wolkenbildung festhalten, 
während die Satyrn mehr auf die äussere Erscheinung der Wolken- 
gebilde, ihre Form und Gestalt, ihre Bewegung und ihr Thun und 
Treiben beschränkt characterisirt werden. Die enge Wesensverbindung 
der Silene mit dem Dunkelgotte selbst tritt zunächst darin hervor, dass 
es einen und dass es viele Silene giebt. Stellt die Sage von König 
Midas und seinem Silene das in unendlichen Variationen behandelte 
Motiv des Wechselverhältnisses von Sonne und Wolkenbildung dar, 
welche beiden ewig unverträglich und sich befehdend doch niemals 
von einander lassen können, so bringt die Beziehung des Marsyas zu 
Apollon den höchsten Grad dieses feindschaftlichen Verhältnisses zum 
Ausdruck. Dagegen gilt die Verbindung zwischen Dionysos und den 
Silenen dem mehr freundlichen, wenn auch in tausenderlei Schabernack 
sich äussernden Verhältnisse, wie es zwischen dem Sonnengotte und 
den Wolkendämonen in immer neuen Wandlungen zur Erscheinung 
kommt. Die Silene sind die lustigen Bläser die zu dem grossen Triumph- 



xal d{i72Xttvo»pYä>v Koupfjxi^ x« ^ol ^tXoTCaCYjiovtg dpx'^ior^sc als wesensverwandt 
bezeichnet. Von den Satyrn sind aber wieder die Silene, von den Kureten die 
Korybanten nicht zu trennen. EurKyklops ist der einzelne Silen FQhrer des X^^ 
2ax6pa>v vgl. P l , 23, 5 : auch sonst oft von dem einzelnen Silen die Rede, während 
sonst gerade die Gruppe der Silene oder Satyrn characteristisch Aesch 29; Bechtel 
AGG N. 2, 5, 19; Robert GGA 1897, 44f. 



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202 Spezieller TheiL 

ziige des Sonnengotts ihre Windmusik erschallen lassen; sie sind die 
stets trunkenen und in der Trunkenheit ihre Bocksprünge vollführenden 
Springer, die des Wolken weins voll ihren grossen Herrn den Sonnen- 
gott umtoben und umlärmen und tausendfache Spässe mit ihm treiben. 
Und diese ihre Verbindung mit dem Wolkennasse tritt geradezu als 
der Kern ihres Wesens hervor, indem immer das quellende Nass des 
himmlischen Tranks es ist, aus dem sie Nahrung und Kraft, Beseelung 
und Begeisterung schlürfen. Aber wie sie am Himmel blasen und 
springen, sich berauschen und Unsinn treiben, so sieht nun auch der 
allzeit willige Glaube sie in Berg und Wald, in Busch und Feld sich 
umhertreiben um hier ihr lustiges Leben fortzusetzen'). 

Und desselben Wesens sind auch die Satyrn. Auch sie sind die 
stets übermüthigen, weil ewig beweglichen Wolkengestalten, immer mit 
dem mächtigen Sonnengotte sich umher balgend, nie ihm Stand haltend, 
voll Unsinns und Blödsinns wie voll süssen Weins. Und weiter sind 
auch sie die springenden und hüpfenden und tanzenden, wie sie zu- 
gleich flöten und musizieren, toben und lärmen. Können sie sich auch 
nicht im entferntesten mit dem Sonnengotte, ihrem mächtigen Gegner 
messen, so versuchen sie es doch immer wieder voll frecher Lust ihm 
einen Streich zu spielen, um dann in feiger Furcht wieder von ihm 
zu weichen. Wenn sie in erzwungenem Dienst dem Sonnengotte als 
ihrem Herrn ministrieren, so erfrechen sie sich doch immer wieder in 
Spiel und Mummenschanz mit ihm herum zu tollen. Aber auch sie 
sieht wieder der Glaube auf die Erde herniedersteigen, um hier wie 
in den himmlischen Gefilden, in den Gründen und auf den Höhen der 
Wälder und Berge ihr Wesen zu treiben^). Denn wie die Wolken selbst 



1) OMülIer Hdb 609— 1 1 ; DAK 2, 494—521 ; vWilamowitz Her. 2, Sgf ; 
Loeschke MItt 19, 5l8ff; Wernicke Herrn 32» 290ff; Bulle DMünchen 1893; Usener 
RhM49, 467flf; Pottier Bull 19, 225ff; Crusius Festschr. O verbeck 102 ff. Welcker 
Nachrr. 2l4ff Bez. des Silen zum (himmlischen) Wasser. StXTjvög = lat. silanus 
OJahn Ficor. Cista25; München. Vasens. n. 331. Motpoöocc Fluss Her 5, llSf und 
Silen 7, 26; «ppdap (Pd 156) P 2, 25, 2f; 6, 24, 8; sein Schlauch oS 188. Zusammenhang 
mit Kentauren: Pferdeohren, in älterer Zeit wahrscheinlich auch Pferdebeine zB 
Fran9oisvase MonlV, 54— 57; Heydemann A Jb 2, 1 1 2ff. Die Geschichte von der 
Verbindung des Midas mit dem Silen Theop 76 entspricht der Verbindung des 
Apoll mit Hermes; Plut cons Ap27; ServEclö, 13. Schindung durch Apoll Her 
7,26; Dd3, 59; KM 3, 420— 82; AJb 5, 227ff (Robert): oS 188. Silen S. des Hermes 
od. Pan ServEclö, 13; König des Westens Dd aO; Pd 156. Verbindung des bezw. 
der Silene mit Dionys Dd 3, 72, in der Kunst in unendlichen Variatt. Musik Pd 
156;;aiisvT5€; Pio,30,9; Dd3,58f; Platsymp32; PlutMusS; Phil J 1 , 20f etc. Ver- 
bindung mit den Waldnymphen beliebtes Thema der Bildw; vgl. schon H 4, 262f. 
Bez. zu Wasser und Wind noch P 10, 30, 9 (Einfall der Galler In Kleinasien), 

2; OMüller Hdb 603 —9; DAK 2,454—92. Hes Tixupoc u. TpÄyoug; SchTheocr 
3, 2-; ServEcl pr (Aesch 190). Sprünge Com 30: Harp xö^oXot; ArislEq 634f; Mosch 



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Dunkel. 



263 



sich in ewigen Veränderungen auf- und niederbewegen, aus der Höhe 
des Himmels in die irdischen Berge und ihre Wälder herabsteigen, um 
auch hier in wunderlichen Gebilden, ^n lustigen Reigentänzen auf- und 
abzuschweben, so liegt es nahe die |ihrem Wesen nach himmlischen 
Gestalten auch auf die Erde herabzuziehen und hier in ihrem Thun 
und Treiben wieder zu erkennen. 

Hierher gehören nun auch die Kureten und Korybanten, die nur 
dadurch von Satyrn und Silenen sich unterscheiden, dass sie in 
speziellem Dienst des phrygischen Sonnenzeus stehen. Immer sind die 
Kureten und Korybanten die Bläser und Tänzer, die durch ihre wilden 
Bewegungen wie durch ihr Lärmen und Musizieren sich hervorthun. 
Im Frühling verbergen und beschützen sie das Sonnenkind, welches 
im Dunkel, hinter den bergenden Wolken aufwächst und erstarkt, bis 
es mächtiger und kräftiger geworden hinter ihnen hervortritt und nun 
auch in seiner siegreichen sommerlichen Erscheinung inmitten der 
Wolken als einer ihn umgebenden Wache dahinzieht. Wenn neben 
diesem Dienste als Schutzwache des Sonnengotts die Kureten und 
Korybanten mit der Metallurgie wie mit allen Förderungen der mensch- 
lichen Cultur in Verbindung gebracht werden, so sieht man daraus 
dass sie einst in umfassenderer Weise alle Seiten des Dunkelbegriffs 
zum Ausdruck gebracht haben. Aber auch sie werden später im Glauben 
auf die Erde herabgezogen, werden ganz allgemein zu Natur- und 
Schutzgeistern, die nun die irdische Natur beleben. Zugleich aber 
werden sie zu einem priesterlichen Collegium gemacht welches im 
Zeusculte seine Rolle spielt, indem wieder das himmlische Verhältniss 
der Wolkendämonen zum Sonnengotte cultlich dargestellt, mimetisch 
und dramatisch vorgeführt wird*). 

6,2; Hes oxipx^; a(xiwo(. GewöbnI. Motiv Flötenblasen Plin 35, 106. Ganz als 
Dunkelgott = Hermes Apd2, 4; PhilVApö, 27 (p. I23f); daher Satyrn oft mit 
Sonnengöttern kämpfend Jahn BLG 1846/47. 291fr; Ph 27, 1—24. Verbindung mit 
Dionys P l, 20, 2; Stepbani Cr 1868, lo6f; Hase Abbild und Lieblingstbier Cr 1862, 
62flr; 1867, 88 A 10. Das Treiben der Satyrn in unzähligen Scenen auf Bildw. dar- 
gestellt. Beziehung zum Wein AD 2, 113--121 ; Soph 131 dxpaxsl^. Die spätere 
Zeit ist erfinderisch in Schaffung von Einzelnamen Heydemann Satyr- u. Bakchen- 
namen; nun auch weibliche Wieseler GGN 1890, 385ff; 49lf. 

1) Material Lobeck Agl. Uli— 55; Immisch ML2, 1587ff. Hauptstelle Str 
468ff, wahrscheinlich aus ApoUodor (Bethe Herm 24, 402 — 46): die Kureten kretisch, 
die Korybanten kleinasiatisch. Über die Kureten Str 468 vdoug XLvdc^ ivöirXiov 
xtvT)oiv psx' dpx>ias(D^ dcTCoötöövxac ; daher Hom Koi)pT]X8€=juvenes ; Hes vtaviai. Ob die 
Koupf^xe^ als Volksname in Aetolien u. Akarnanien Str 4620* hiermit etwas zu thun 
haben zweifelhaft. Die musikalischen Leistungen Str469. 70. 71 (Phoronis3; Hsd 
f 129 9tXo7C3c(Y|iov8g dpxtjox^pe«) ; 473 »tpig ivÖTcXtov öpK^l^tv ^^ot x. xöpot; Luc 
sah 8; Callim 1, 52ff: Dd 570; DionH 2, 61 ; Apd 1, 5. Die Worte Str 468 oX n«x& 
xu^7cdtvo>v etc geben offenbar den Hauptinhalt des Oilts wieder, welcher seinerseits 



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264 Spezieller Theil. 

Schliesslich seien hier auch noch die Daktylen und Teichinen 
erwähnt, die, trozdem die Difteleien und etymologischen Deutungen 
der Alten sie ihrem Wesen nach fast völlig unkenntlich für uns ge- 
macht haben, wieder nur andere Auffassungen der Wolkendämonen zu 
sein scheinen. Sind die Daktylen speziell nach der Seite ihrer 
metallurgischen Thätigkeit ausgebildet worden, so sind die Teichinen 
zu Zauberern und Kobolden geworden, die speziell mit Poseidon in 
Verbindung tretend im Laufe der Zeit zu Meeresgestalten geworden 
sind, die in der Tiefe des Meers aber auch der Erde hausend, nicht 
nur Wettermacher sind, die Gewölk und Regen und Schnee nach Be- 
lieben hervorzubringen vermögen, sondern auch als Zauberer voll ver- 
derblicher Anschläge und als Künstler, die vor allem in Metall Werke 
aller Art zu gestalten die Fähigkeit haben, ihr altes Wesen festhalten *). 



den bimmliscben Vorgang" c^arstellte. Als Schulzwache des Zeus Str472; Porph 
autr20; Dds, 65; Str472 x*^^^^^'^''^ ; "PIT*^^ als wesentlich gleich den Sparten 
etc. Unter den Scbwurgöttern Kretas C 2554f; Wahrsagung Hes Koi>pi^xa)v ox6\iOL\ 
Mysterien Eur475a; Str466. Ober Korybanten Str 469, 70. 72. 73; Dd5,40; 
EurBac 124; Hip 143; Lucddi2. Von dem aus 9 jQnglingen bestehenden Cult- 
coUegium Dds, 65; darauf bezieht sich auch Str468 npooDQad^itvoi x6v jiO^v — , 
also Nachahmung d. himmlischen Vorgangs. KoöpT); einzeln vHillerThera; 3 Kureten 
entspr. den 3 Cultnamen des Zeus in Labranda etc Bull 12, 820*; Jbb 153,544. 
>) Daktylen Lobeck 1156— 81, Str473; Dd5,64; 17,7 stets als Begleiter 
der Rhea characterislrt; Phoronis 2 (SchAp 1, 1 12Q) nennt 3 Namen; später dem 
Namen zu Liebe (der von Haus nichts mit den Fingern zu thun hat) 5, lO, loo 
gemacht; doch auch 6 SchAp aO; Pherec 7 20 ÖsJtoC, 32 tötovujiot (=52 7tägige 
Wochen?). Sie wohnen in Höhlen, YÖtjxec u. (fotpjiaxoC, SchX 391 jiooatxiÖTaxot^ 
erfinden ttjv •mypb^ XPfl^^^ (= Promttheus) u, danach die Schmiedekunst. Die Feuer- 
bearbeitung der Wolken wird ihnen also hier selbständig beigelegt. Zu den alten 
3 Daktylen (kyklisch = Hckatoncheiren) haben Spätere ganz unorganisch Herakles 
als 4. hinzugefügt Str 355; Dd 5, 64; P 6, 23, 3 etc; 5 Namen einschl. Herakles P 5, 
7,6; 14,7 etc. Die Teichinen gehören speziell nach RhodosDd 5, 55; Str 653f 
Prellwitz BezzB 15, l48ff; Lobeck 1 1 81 — 1 202 ; ob die Beziehung auf Arkadien 
Nonnl4, 36ff, Tümpeljbb 1891, 165Ö ursprOnglich sehr zweifelhaft; sie sind auch 
• in Sekyon P 2, 5, 6f; St StxiHöv; TeXxCg; Teumessos Athene TsXxtvCa P 9, 19, 1. Sie 
werden consequent als Dunkel geister geschildert, daher Dd 5, 55 v4<;pif) x. Sjißpoü; 
X. xoXo^C^ >(• x^^^°^ machend dXdxT&iv xo^ IdCoc^ \iop^AQ (e^oXXoi xal^ (lop^al^), daher 
bald Menschen ähnlich, bald als Schlangen oder Fische; Stesich 93 mit x^psg u. 
oxoxo&aevc identifizirt; ferner YÖrjxeg, in Bez. zum xaxax>.u9p.ö( (winterlich) daher 
xö 2x0^6; ööcöp ^oxov xe xal ^uxtöv öXid-pou x*P^v Str aO) ; identisch mit den Hunden 
des Aktaeon EustI 525, SvO-ouoiaaxtxot — x. SvortX(q) xtvi^ost jisxd ^6:fO}j xojißdXoov 
X. xujindvtov X. CtiXcöv x. aöXöv — , in Bezug zum iior»5ptov, wie zur Schmiedekunst; 
dann aber ins Meer versetzt; Dreizahl; ^0>ovftpo{ x. c|>OY&poC; Kampf mit denHeliaden 
= *IYV73T&€ Hes; CIemS5,4S; Bethe Herrn 24, 427ff. Übrigens hebt EustaO (Str 
472) ausdrücklich hervor dass unter Kureten Korybanten Daktylen Telchfnen kein 
grosser Unterschied herrsche. 



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Dunkel. 



265 



Diesen männlichen Wolken- und Luftdämonen, wie wir sie nament- 
lich in den Silenen und Satyrn zu erkennen haben, treten nun weib- 
liche Gestalten zur Seite. Nichts hindert die spielende Phantasie in 
den luft- und nebelartigen Gebilden des Himmels wie der Erde auch 
weibliche Wesen zu sehen und diese weiblichen Dunkelgestalten werden 
im Glauben unter dem allgemeinen Namen Nymphen zusammengefasst. 
Damit werden die nach ihrer Verbindung mit den Bergen oder mit 
den Flüssen oder sonst geschiedenen Gestalten unter einen Begriff 
vereinigt: alle Nymphen, so verschieden sie später sich offenbaren, 
entsprossen einem Kerne. Und dieser Kern, aus dem das grosse Heer 
der Nymphen in Meer und Fluss, in Berg und Thal sich entwickelt 
hat, ist mit nichten die geschäftige Phantasie allein, die jene zum 
Zwecke der Belebung der Natur aus dem Nichts erschaffl: der natür- 
liche Ursprung ihres Wesens sind ausser den beweglichen flatternden 
Wolkengebilden selbst vor allem die leichten wallenden Nebel, die 
gleichmässig in den Niederungen an See und Fluss, an Bächen und 
auf feuchten Wiesen, wie nicht minder auf Felsen und Bergen auf- und 
niedersteigen und in immer beweglichen Gebilden, in seltsam zauber- 
haften Formen Tiefen und Höhen beleben. Sie steigen empor aus den 
Gründen der Gewässer wie der Erde, aus Schluchten und Höhlen, in 
Wäldern und Bergen: sie bewegen sich in fröhlichem Reigen, schweben 
auf und nieder, wallen an Baum und Fels hinauf oder huschen spielend 
durch Wiesen und Büsche, um immer aufwärts gen Himmel zu streben, 
in die Höhen des Himmels sich zu verlieren. Sie stellen so ein Doppel- 
wesen dar, halb der Erde angehörend, halb dem Himmel. Aber so 
zweifellos es ist dass ein späterer Glaube sie immer mehr und immer 
entschiedener zu irdischen Wesen herabgezogen hat, ihr ursprünglich 
himmlisches Wesen ist unverkennbar. Denn sie haben Theil an dem 
grossen Dunkelreiche und dem grossen Dunkelgotte, der sie herauf- 
sendet aus der Fülle seines Selbst, dass sie aufsteigend und sich ver- 
breitend Thal und Höhe, Busch und Wiese, Feld und Wald mit ihrem 
leichten wallenden Wesen erfüllen und in zauberhaftem Spiel, in ge- 
heimnissvollem Leben und Weben ihres Daseins sich erfreuen*). 

Nach der besonderen Verbindung dieser luftigen Nebelgebilde 
mit dem Meere oder mit Flüssen, mit Niederungen oder Höhen hat 



^) Lehrs pop. Aufs. ^ 1 1 1 ff, freilich von g^anz aoderm Standpunkte aus. 
Etym v6ji^T] (JSchmidt Vocah'sm l, 59) von vdqpoj, nubes nicht zu trennen. Hom 
gewöhnlich in der Mehrzahl, wovon nur Kalypso Ausnahme welche wiederholt 
v6ji9T), vereinzelt auch Kirke genannt wird. Von der göttlichen Nymplie ist der 
Name erst auf die irdische Frau übertragen. H 3, 244 Maja als Einzelnymphe. 
Hom erscheinen sie T 8ff mit den Göttern; als in der Mitte zwischen Göttern u. 
Menschen erscheinen sie darin dass sie zwar lange leben Hsdfl63; H 4, 259ff, 
aber nicht unsterblich sind; Hes (laxpößiou 



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266 Spezieller Theil. 

man später die Nymphen verschieden benannt. Was zunächst die Na- 
jaden betrifit, so werden dieselben als Zeustöchter bezeichnet, da der 
althellenische Zeus desselben Wesens ist wie sie. Mit Vorliebe um- 
geben sie die Mondgöttin Artemis, da ja gerade in mondbeglänzten 
Nächten dieses Wallen und Wogen der Nebelschleier seine Zauber- 
kreise zieht. Und weiter lieben sie es den Dunkelgott Hermes oder 
Pan zu begleiten, der ja gleichfalls ihres Wesens ist. Die Stätten ihrer 
Verehrung, wie sie Homer so characteristisch schildert, sind die Höhlen, 
die mit ihrem tropfenden Wasser, mit ihren murmelnden Quell diese 
Dämpfe und Nebel vorzugsweise zeitigen, die geheimnissvoll und luftig 
auf und ab sich bewegen^). Und ähnlich sind auch die Gebirge die 
Stätten ihrer Thätigkeit, wo aber wieder Waldwiesen und Waldthäler 
ihr Lieblingsaufenthalt sind. Zu einer besonderen Classe haben sich 
dann die Baumnymphen gestaltet. Sie sind von Haus aus keine andern 
als die Nebel selbst, die am Baume und um den Baum spielend in 
engere Beziehung zu demselben treten: eine Identification des Baumes 
mit der Nymphe hat sich erst spät herausgebildet und ist nicht ur- 
sprünglich. Und immer ist es Tanz und Musik was alle diese Nymphen, 
sie mögen sich zeigen wo sie wollen, vor allem lieben, da ihr ganzes 
Leben ein stetes Weben, ein auf und abwärts Schweben ist. Aber 
auch als Hirtinnen oder Jägerinnen denkt sie sich der Glaube, da sie 
sich inmitten der Heerden auf Wiesen und Weiden aufhalten und 
spielen; wie sie nicht minder durch die Wälder schwebend den Jäger 
begleiten und so mit ihm an der fröhlichen Jagd theil nehmen^). 



1) Najaden Z21; S444; 1384; ihr Aufenthalt T 8ff ÄXoea xocXd, inffcd 
7C0xapu&v, TcCoea TCOtTJevxa; 2 616 d|i9' 'Ax^Xcotov; xpTjvalai xoOpai Atög p 240 ; v 355ff; 
bcidemale die Landesnymphen Ithakas, deren Sitze v 345ff; p 205ff anschaulich ge- 
schildert; ähnlich p.317f. Artemis inmitten der Nymphen J 102 ff, später beliebtes 
Thema; allgemein H4, 261 cd jiex' dS-avdxotot xoiXöv xop^v ippcbaavxo; Aphrodite 
unter Nymphen Cypria4. Nymphen mit Hermes; H 19 schildert das Verhältniss 
des Pan zu ihnen. Vgl. oS 220, 230. Die Verbindung mit Quellwasser selbstver- 
ständlich, wie der Name NYjWft^, vrjtdÄeg besagt, daher xpTjvotIaL p 240 ; ö(iirv(ai Ca 
2, 16CXD; 3, 1354; Cs 1,93; Epigr828; Ja 399; SophPh 1454 evuöpot Xstiicovtdösg ; 
EurRh 929 TTiQYalat xöpat; Ap 3, 1219 fe>.etovö|iot noxaiiCxtöeg ; Theoer 5, 17 Xt|ivdös€; 
vgl. Plato Phaedr 5 etc ; davon übertragen auf Hochzeitsgebräuche Porph antr 1 2 ; 
Hes vojiqpixd etc. Vgl. OMQller Hdb. 659. 

^) Orestiaden Z 420 eng mit Bäumen verbunden; ^ I22flf (dpicov alntivd 
xdpv^va X. TOfjYdc noxajiöv x. TcCaea noti^evxa) t 154 (oipaav aX-fou^ dpeoxcpou^) ; Hsd 
129 (f. 129); H4,98. 257ff; Aesch 170; EurHel 187; K4; El 447. 805 etc. Sic er- 
scheinen dYpovöjiot C 106; im7Coi|iiveg ji 131; Hes d^ptdöeg» d^ptocxtvat; i7Ct|i>j>.tÖK 
AntLib. 31; diia|nf]>.(Ö8€ Eusta 14. Tanz und Gesang Hes ^oöptÖsg; C 106; H3l8; 
EurHer78lf; AntLib. 22. 31. 32 etc; im Spiel nachgeahmt P0II9, 127; Eusto) 34a 
Die Identification des Baumes mit der Nymphe als Dryade, Hamadryade ist 
erst sehi: allaälig Glaube geworden: H4, 257ff setat nur Nymphe und Baum in 



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Dunkel. 



267 



Aber auch die Nereiden, die man sich gewöhnt hat als Meer- 
nymphen oder Nixen in der Tiefe des Meeres wohnen zu lassen, haben 
von Haus aus denselben Charakter wie die Nymphen im allgemeinen. 
Wenn das Meer still träumend oder erregt auf und abwogend in sich 
selbst ruht und nun plözlich gespenstisch und zauberhaft aus seiner 
Tiefe die luftigen Gestalten auftauchen, den Schifter umspielen und 
umgaukeln, sein Fahrzeug ablocken von sicherer Bahn und ihn selbst 
hinabziehen in die unheimlichen Tiefen: dann sind es eben die Ne- 
reiden, die Nixen die selbst in den Meergründen hausend und lebend 
zeitweilig heraufkommen an die Oberfläche, um hier zu tanzen und zu 
spielen und den Schiffer in ihr dunkles Reich hinablocken. Sie quellen 
herauf mit ihren wallenden netzenden und verhüllenden Nebelschleiern, 
um nach gethanem Spiel mit ihrer Beute wieder hinabzusinken^). 
Und weil die Nymphen ihre wesensinnige Verbindung mit dem Dunkel 
nicht verleugnen können, so erscheinen sie auch oft als Todesmächte, 
die den Menschen in das Dunkelreich hinabziehen und begleiten. Und 
als unmittelbar dem Boden des Landes entsteigende Gebilde werden 
sie zugleich zu Landesheroinen, die dem Menschen sich gesellen, in 
Liebe sich ihm ergeben, ihm helfend schirmend und heilend zur Seite 
stehen. Aber so verschieden sich Arten und Beziehungen gestalten, 



Wechselverhältniss; so auch Pd 165; 252; Callim 4, 79ff. Der Glaube ist von den 
Wolkenbäumen ausgegangen (MtX(ai Hsd 187: oS 64): die irdischen Bäume er- 
scheinen nur als Abbilder jener, daher speziell der Glaube an 5pd( u. \xBXia sich 
knüpfend, die Hauptbezeichnungen der Wolkenbäume. Vgl. noch Ath 3, 14; P IQ, 
31,6; 32,9; ServEio, 62; Nonnl4, 2iif; 16,230 etc, allg. Boetticher l88flf. Auch 
die Kureten und Korybanten tragen noch die Beziehung auf die Wolkenbäume, 
mit denen sie eben wesentlich identisch, an sich Hippol 5, 7 (p 136); OuM 
4,282 etc. 

1) Von Haus Nirjptö^, NiQpirjCdH nur auf fliessendes Wasser bezfiglich, daher 
Nijpixo^ p 207 gerade speziell am (epdv der Najaden haftend, wie Nijptxov öpog v 22 
fern vom Meere; erst später geschieden zwischen NigCSs^ als xä>v YXuxicov 6ddx(i>v 
und NTjpTjCdeg als ^ocXdoavai Eust( 22, Nereus u. Nereiden nur eine andeie Form 
von Okeanos und s. Töchtern, daher VergG 4, 382 alle Nymphen Töchter d. Oke- 
anos. Als Nereide mag man «71 8öü)oa fassen; in Gruppen 2 37 — 68. 139 — MS: 
die 33 Namen spätere Einschiebsel; Hsd 240flf 50; ebenso PdJ6,6ff; Aesch 175; 
SophOC7l7f; EurAndrl267 (Apdl,llf; Hyg praef.); Plato Critias 9 etc lOO; 
vgl. Schoemann op. 2, l46if. Das ist Mache, da das Characteristische der Nymphen 
grade das Verschwinden der Individualität SchU 39. Wo sie erscheinen sind sie 
gewöhnlich ausserhalb des Meers, so Hom; EurJlo8l; JT424f; JA 1054; daher 
ßa>}io( u. xt^vT} wo sie weilen P 2, 1,8; Her 7, 191 &«otoa ^ dxxi] f^ STjiwdc^-^xÄv 
NtjpYjCöwv u. speziell 8ixido{; EurAndr l6ff; Kerkyra SchAp 4, 1217; vgl. Plut sap 
conv 20; Ath 7, 47 etc. Später vorzugsweise im Meer, so schon PdNs, 36; Aesch 
150; EurEl432flf etc. Vgl. OMüUer Hdb. 655f; Graef A Jb t, I92ff; T. la 



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268 Spezieller Theil. 

sie sind von Haus aus alle eines und desselben Wesens, aus einem 
und demselben Kerne herausgewachsen^). 

Nur auf einen Punkt muss hier zum Schlüsse noch besonders 
hingewiesen werden. Die enge Wechselbeziehung wie sie dem antiken 
Denken zwischen den himmlischen Erscheinungsformen des Dunkels 
einerseits, den Mondphasen anderseits besteht, hat bewirkt dass auch 
die Nymphen, wie sie einzeln oder in Gruppen auftreten, so oft auch 
ihrerseits in Beziehung zum Monde erscheinen. Es giebt eine lange 
Reihe von Nymphengruppen, von Vereinen die aus zwei oder drei 
oder vier Schwestern bestehen, die ihrem Wesen nach nur Personifi- 
cationen von Nebel- und Wolkengebilden zu sein scheinen, die aber 
zugleich der kyklischen Erscheinungsform des Monds in seinen zwei 
oder drei oder vier Phasen Rechnung tragen. Wir müssen uns be- 
gnügen diesen inneren Zusammenhang der Nebel- und Wolkenjungfrauen 
mit den Mondjungfrauen hier angedeutet zu haben. Die Verbindung 
beider Classen himmlischer Wesen dient eben nur zur Bestätigung der 
oft hervorgehobenen Thatsache, dass namentlich in älterer Anschauung 
Mond und Dunkel in engstem wesentlichen Zusammenhange stehen; 
und dass der hellenische Geist immer geneigt gewesen ist, auch die 
scheinbar ohne Ordnung von Maass und Zahl auftretenden Naturer- 
scheinungen der festen Norm von Zeit und Zahl zu unterwerfen'). 



Achtes Kapitel. 

Sonne. 
Die griechische Mythologie kennt zwei Hauptsonnengötter, Helios- 
ApoUon und Zeus-Dionysos, zum Beweise dessen dass es hauptsächlich 

1) Bez. zum Tode C997: 6201 ; 6293 etc. Namentlich tritt dieses Moment 
in den Harpyien hervor, bei denen die Beziehung auf den Sturmwind der Ausgang: 
2 H8d267; Mehrzahl a24l; §371; SchülSO 3 Namen; Harpyienmonument 
Denkm. d. Skulptur l46f; AJb 1, 210 (=ML 1, 1847) ganz als Todesgöttin. Hier- 
her gehört auch das jiaCveoS-at ix vuii^ä^v, daher vt^wpöXrpixo^ Plato Phaedr 15 
(scherzweise); Ca i, 423: P 4, 27, 4 etc. Stammütter des Landes schon Z 21 ; S 444; 
ErfQllen der Wünsche p242; Opfer V358; p 24I etc. 

') Allg. ixtda>p(dft^ Hes; fisXCai Hsd 187; icpootXtjvtöft^ Hes; nach einzelnen 
Gegenden etc SchPdO 13, 74; Callim4»50; P9, 3, 9; Ap 2, 711 ; PlO, 32, 7; Ap 
l,54Qf; P 1,31,4; P9»34,4: Pl,40, 1; PS, 5, H; 5, 15,6: 15,3; Theoer 7, 147; 
'EvvY)oidd«€ Hes; 'A|ivto(ösg St; Callim 3, 15 (20) etc. Bestimmte Zahlen: 3 Acoöco- 
vCÖtg Hyg 182; vom kretischen Ida Erat 2 etc; Hyaden Eur 78O; Hsd f 13; Apd 3, 
2Q; 3 Zeusnymphen vom Lykaion P8, 38, 3; 5 P 8, 31,4; Hesperiden Hsd 21 5 
(XtYiKpa)voi 275 Sturm); 3 Ap 4, 1427; 4 Apd 2, 114; Heliaden 2 ji 132; 'Icovtdösg 4 
Str356; P6, 22, 7; Athis, 31; 3 Nymphen auf Thasos AZ 1867, 4 T.217etc. Wie 
sehr speziell der Glaube der Thraker durch die Dreizahl beherrscht wird zeigen 
die zahlreichen Weihungen BuU21,119ff, in denen immer wieder drei Nymphen 
erscheinen. Daher auch Verbindung mit den Sonnengöttern H 26 Dionys; Ca 1, 
423ff Apoll "Epoos; vüii^aY^ngg Ja 379; Bull 4, 335; 5,1^8 etc. 



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Sonne, 269 

zwei Elemente sind, aus denen der hellenische Götterkreis erwachsen 
ist, das einheimische und das thrakisch-phrygische. Zu diesen zwei 
Hauptgöttern tritt als dritter noch Hephaestos hinzu, der, von Haus 
aus Eigentum eines fremden Stamms, diesem seinem Ursprünge gemäss 
nur einen beschränkten Geltungskreis gefunden hat. 

Wenden wir uns zunächst zu Helios-Apollon, so ist zu be- 
merken, dass Apollon nur eine spätere Namensform des ursprünglichen 
Helios ist. Die ältere Namens- und Glaubensform des Sonnengotts ist 
also Helios, die jüngere Apollon. Nachdem aber die jüngere Periode 
mit ihrem Apollculte allgemeine Geltung erlangt hatte, hat sie natur- 
gemäss die älteren Heliosculte in die jüngere Form herübergezogen 
und so sind nur zufällig und sporadisch einige Heliosculte bestehen 
geblieben. Überall aber, werden wir sehen, verknüpft sich in Glaube 
und Cult die jüngere Apollonperiode mit der älteren Heliosperiode. 
Überall geht also der ältere Sonnendienst, wie er sich an den allgemein 
gültigen Namen Helios geknüpft hat, allmälig in den jüngeren aber 
culturell ausgebildeteren Dienst, wie er sich um den Namen Apollon 
zusammenschliesst, über. Neben dem Namen Helios scheinen dann 
einst noch einige speziellere Cultnamen bestanden zu haben, wie Lykos, 
Argos, die gleichfalls das Lichtwesen des Sonnengotts zum Ausdruck 
gebracht haben: auch sie sind später in den zur Alleinherrschaft ge- 
langten Apollnamen und Apollcult übergegangen. Apollon ist also der 
allgemein gültige Name des althellenischen Sonnengotts geworden. Und 
wenn auch kein Gott in so hohem Maasse idealisirt und mit specu- 
lativen Elementen durchtränkt ist wie Apollon, so hat diese seine Ent- 
wicklung doch nicht vermocht ihn von der Grundlage zu lösen, die 
ihm die Natur gegeben hat und in der er durch alle Zeiten mit allen 
Wurzeln seines Wesens fest und sicher ruht^). 

1) Allg. OMöUer Dor 1, 200—370; Röscher Apollon u. Mars Lpzg 1873; 
Roscher-Furtwängler ML 1, 422 ff; Rapp l, I993ff; Wernicke RE 2, iff; O verbeck 
KM 3. Ober d. Namen Savelsberg PrAachen 1866, 16; Buttmann Myth. 1, 167. 
Von den Namensformen 'ATidXXog, 'AndXXcov, 'AicöXXcöv, wie wir sie bestimmt kennen 
oder zu erscbliessen in der Lage sind, muss die erste als die einfachste den 
Ausgangspunkt bilden: sie wird durch den Mt ^AnaXkotXo^ (Delphi etc) u. *An«XXau6v 
(•Tenos) erwiesen. Aus dieser Form ist erst *Ai;iXXo)v (Prellwitz BezzB 9, 327ff) 
durch das Streben den Träger schärfer zu individualisiren hervorgegangen; erst 
spät ist 'AicöXXcov allgemein geworden. 'AiciXXo^ (:= dTciXio^) ist aber von dßiXiog 
= d^&Xio^ nicht zu trennen Hes dßsXCy^v, dßdXiov. Der Übergang der media in die 
tenuis ist angesichts der notorischen Thatsache dass Aijv in Tijv überging nicht 
unerklärlich: vgl. 'AoxX'y^TCiöc u. -ßcdg Ja 549; IIo^v u. Böoio^; TsXqpoOooa u. A.; 
mxpö^ u. ßixpö^; 'ETciTOupo^ u. -daupo^, *A(ißpdxia u. -1cpdxlo^ Edvcono^ u. -ßo^, 
Twöaicö^ u. noxomö^'y Maked. dpxöv, ydpxav, 'Eopxog etc. Der innere Zusammen- 
hang der beiden Namen geht auch aus i^Xiocia und diUXXa (dor. PlutLykö; Hes; 
GGilbert Staatsa. 1^, 54f) hervor: beide bezeichnen die unter freiem Himmel und 



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2 70 Spezieller Theil. 

Der Sonnengott als solcher trägt eine zweifache Wesens- und 
Erscheinungsform. Er ist einmal die täglich ihre Bahn über den 
Himmel wandernde Persönlichkeit; und er ist zweitens die durch ihre 
wechselnden Monatskreise den grossen Jahreskyklos schaffende und 
damit für das gesamte Erdeleben die unwandelbar ewige Ordnung 
setzende Gottheit. Aus diese a beiden Grundformen seines Wesens 
haben sich alle Einzelmomente seines Glaubens und Cults entwickelt. 

Betrachten wir hier zunächst die tägliche Erscheinung des Gottes, 
so sind es naturgemäss drei Momente, welche bedeutsam hervortreten: 
der Aufgang, der Niedergang, der Wandel durch den Himmelsraum. 
Was zunächst den Aufgang betrifft, so ist derselbe in älterer Auffassung, 
die in jeder Tagessonne eine neue und andere sah, identisch mit der 
Geburt gewesen und auch später, als die Einheit der Sonne erkannt 
war, hat doch die einmal feststehende Geburt des Gottes ihre näheren 
Umstände naturgemäss aus dem Tagesaufgange genommen. Wir werden 
uns daher nicht wundern, wenn wir den Aufgang bezw. die Geburt des 
Helios übereinstimmend mit der Geburt des ApoUon aufgefasst und 
dargestellt finden. Aus dem Okeanos, dem das Erdrund umkreisenden 
Wolkenstrome taucht das strahlende Sonnenhaupt empor, um vom 
östlichen Weltenende beginnend seine Tageslaufbahn über den Himmel 
zu vollenden. Während diese Auffassung von der räumlichen An- 
schauung ausgeht, also das unmittelbare Sehen des Gläubigen zum 
Ausdruck bringt, giebt es eine andere das zeitliche Verhältniss des 
Sonnengotts aussprechende Auffassung, nach welcher es die Nacht ist, 
aus der sich die Sonne, der Sonnengott losringt, um seinerseits den 
Tag zu bringen. Es ist wichtig schon hier auf diese doppelte Glaubens- 
form zu achten. Und ähnlich ist auch der abendliche Niedergang des 
Helios wie des Apoll, das Verschwinden des Sonnengotts im westlichen 
Dunkel, in gleicher Weise bei dem einen wie bei dem andern ent- 
weder als ein Sprung, ein Niedertauchen in den Okeanos, in das Meer, 
oder als ein Eindringen in die finstere Höhlung des Dunkelreichs je 
nach dem Standpunkt des Gläubigen gefasst*). Aber auch hier geht 



nur solangfe die Sonne am Himmel stand statthafte Versammlung des Volks, welche 
Grundbedeutung sich dort ffir das zum Gericht, hier fOr das zur Berathung ver- 
sammelte Volk differenziert hat. 'ÄTiiXXo^ ist also die vor allem durch und von 
Delphi verbreitete Namensform des älteren llXiog. Mit Recht lässt daher auch 
Welcker l,457ff ApoUon aus Helios hervorgehen. 

>) Helios steigt aus dem Okeanos auf y 1 (Xitcüdv ireptxocXXia XCjivtjv); H422 
(45 dxotXotppeCxao ßadi>pp6ou "2.); daher unter seinem Viergespann das Meer Gerhard 
Lichtg. ABA 1838. 384 T. l, 2; AD 3, 53f: 72f. Die Geburt d. Apoll auf Delos Ist 
ein Anbequemen an den Delischen Cuit; Theogn 7 inl Tpoxoetöit Xtjiv^ — yi^dijosv 
ßa^ug TCÖVTOg dXög «oXtfJc; Gerhard 389 T. l, 3; AD 3» 67f; Robert Herm 22, 46ofl'. 
Helios geboren von der Nacht SophT94; AeschA 279; Leto ist ein Cultnamc d. 



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Sonne. ' 27 1 

wieder neben dieser räumlichen Auffassung des Verschwindens des 
Sonnengotts im Westen die zeidiche einher, in der gleichfalls die Nacht 
als die den Gott zur Ruhe bringende, ihn in ihren Schooss aufnehmende 
erscheint. In allen diesen Stücken ist der Glaube der unmittelbare 
Ausdruck der auf dem Schauen beruhenden Erfahrung. 

Den meisten Stoff hat natürlich der Aufenthalt des Sonnengotts 
am Himmel der Mythenbildung gewährt. Was zunächst seine Erscheinung 
selbst betrifft, so gewähren die Worte des Homerischen Hymnus: Helios 
der unermüdliche der den Menschen und Göttern das Licht bringt; der 
aus goldnem Helm weit und scharf über die Welt schaut; von dem 
glänzende Strahlen leuchtend ausgehen; dem die lichten Wangen das 
fernhin schimmernde Angesicht umschliessen während das leichte Ge- 
wand den Leib umhüllend im Wehen des Windes flattert — alles was 
der antike Glaube dem Sonnengotte beilegte. Wie hier der goldne 
Glanz welcher das Sonnenhaupt umstrahlt wie ein Helm erscheint 
welcher dasselbe umschliesst, so ist auch die Erscheinung Apolls aufs 
engste mit Gold und Goldglanz verbunden. Und wie leuchtende 
glänzende Strahlen von dem Sonnenhaupte ausgehen, so dienen die- 
selben Epitheta auch dem Apoll und seiner Erscheinung. Auch Apollon 
ist demnach der in goldnem Lichte erscheinende, der von goldnen 
Locken umsäumte, strahlende und im Leuchten sich offenbarende; er 
ist Phoibos der in reinem Feuer, in heiliger Gluth erscheinende, dessen 
Auge weithin schaut; in hellem Glänze lässt er die Welt aufleuchten, 
die unter seiner Erscheinung in goldnes Licht getaucht erwacht. Zu- 
gleich aber sind diese Strahlen, wie sie die Sonne von sich wirft, als 
Pfeile gefasst welche der Gott mit unfehlbarer Sicherheit auf die Erde 
herabsendet, da jeder dieser Lichtstrahlen aus unendlicher Ferne sein 
Ziel erreicht. Denn das ist ja das grösste Wunder an der Sonnen- 
erscheinung, dass sie aus so unmessbarer Weite noch ihre Kraft, ihre 
Wirkung zu äussern vermag, weshalb die Cultnamen des Apollon 



Nacht Kap. 9. Niedergang des Helios entweder in den Okeanos 8 485 iv d*Siua* 
*S2x8av^ Xa^iicpöv ^do^ ijeXdoio ; H 3 1 , 1 6 bezw. das Meer oder in das Dunkel bezw. 
die Erde, wofQr Hom cöu, Ööoexo, xaxidu bezeichnend; dem entspricht der Sprung 
im Cult des \po\\ Asoxdxocg Pbot, wo der den Gott vertretende Upeo^ den Moment 
des an der äussersten Grenze des Festlands scheinbar ins Meer sich stDrzenden 
Sonnengotts mimisch darstellt Str452: der Cult hat diesen täglichen Akt zum 
Jahresact (xät' ivtocoxöv) gemacht, wie er auch später das Moment der Schuld u. 
Sühne hereingebracht hat; KäyoXog wie Leukates Serv 3, 279 heroisirter Apoll 
OMfiller Dor. l, 232ff. Anderseits dringt Apoll nach der H 3 fixierten älteren Auf- 
fassung Nachts in das dvxpov des Hermes dh die Unterwelt, wie auch eine hoch- 
altertflmliche Sage sogar bez. des Apoll das pinxsad'M el^ Tdpxapov gekannt hatte, 
was freilich Apd 3, 122 (Pd 55 xotpxapföoat) nur als Drohung oder Versuch erscheint. 
Daher mannigfach Höhlen im Culte, wie in Delphi Str4i9; P 10, 32, 4 — 7 etc. 



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272 Spezieller Theil. 

Hekatos, Hekaergos nur ihm — und der Mondgöttin — mit Recht gelten. 
So trägt Apollon den Köcher voll sicherer Pfeile, die er vom Himmel 
herab auf die Erde herniedersendet: nur Abends wenn er seinen Lauf 
vollendet legt er die Geschosse nieder, indem er sie sich von der 
Mutter Nacht abnehmen lässt, um nun von seinen Werken zu ruhen 
und zu rasten^). 

Der Auffassung des Sonnenhaupts, wie sie der Homerische Hym- 
nus wiedergiebt, entspricht nun die Gestaltung des Leibes, welche die 
schöpferische Phantasie dem Haupte anfügt. Ist das Haupt das eines 
feurigen, goldlockigen Jünglings, so muss es auch der Leib sein, der 
sich unter der Wolkenhülle oder in dem Aethermeere verbirgt. In 
hellem weitleuchtenden Wolkengewande schreitet der Sonnenjüngling 
nun am Himmel dahin, obgleich er daneben auch als nackter in seiner 
vollen Schöne sich offenbarender gefasst wird. Oder er hält das 
Wolkenschild, die selbst im Sonnenglanze leuchtende Wolke vor sich, 
hinter welcher er ungesehen aber doch mächtig schaffend und wirkend 
hoch am Himmel dahinschreitet. Und dieser Sonnenjüngling ist ein 
echter Hemerodromos, der in rüstigem Schreiten an einem Tage die 
ungeheure Strecke von Morgen gen Abend zurücklegt und der als 
Wanderer schlechthin zugleich zum leuchtenden Vorbilde für den irdi- 
schen Wanderer wird. Denn wie Helios der unermüdliche, so ist auch 
Apollon der Läufer schlechthin, er der die ungeheure Weite des himm- 
lischen Gefildes in sicherem Schritte in des Tages Frist zurücklegt. 
So wird er der Führer eben weil er dem irdischen Wanderer vorauf- 



1) Von Helios Hom «OyaC (EnrH 749 Xa^inpÖTaxai ttöyat), oCyXtj ; dxxCg *AeXCou 
angerufen Pd 107; H 1, 122. I28 )(jp\)osoi oxp6qpot welche den eben gebornen Apoll 
umwickeln (die goldnen Wolken in denen er erscheint); 135 XP^^^ A^Xo^ ätcoo« 
fjv^oe auf das goldne Licht bez.; Ale 2 \iixpcf. XP^^tj Callim 2, 32tf; die wallenden 
Locken dcxspoexo^iTj^ TSQ; H l, 134. 2^212 wieder auf den das Sonnenhaupt um- 
spielenden Glanz bez.; daher auch xp^oo^^liT'JC Pd0 6, 4I; Bacchyl4, 2; XP^®^*^ 
EurH635f. Hierher gehören die Epitheta adYXijxTjg Str484; C2482; do(Y»XdTag) 
C 2477b; qjÄvalog Achaeus 35 (Helios 5g ^advai — ) Hes; 7ipoö?|>ioc (Helios ojiepÖviv 
öipxexat Coootg — ) P l, 32, 2. Und wie von Helios Licht u. Feuer ausgeht (cpdoc 
'HeXtoto, daher ^ocddtov Hom, vgl. S 344f etc) so drückt auch der Name Apolls 
<I>olßoc (AeschPr 22 ^Xtou yotßig (fXoYC) diese Beziehung auf Licht und feurigen 
Glanz aus; naoTidpiog Usener RhM49, 46lff. Von Helios; dxttotv sßotXXtv X44I; 
H421; Timoth 13; aö-p3 ög8laP37l; ^l^Z 'H. Hsd E4I4; d^oßsXi^g Empedocles 
240; TjsXCoto (i)xia xf)Xa 169; PdO 7, 70 dgetäv 6 YSvdO-Xtoc dxxCvcov «axijp; EurHf 
1090 zö^OL ifjXCou. Dem entsprechen die (faiöijia xdga welche Apoll Ttxaivtt H 1,4, 
wo die schöne Schilderung wie die Mutter Nacht dem Sonnensohne Abends den 
Köcher abnimmt und ihn zur Ruhe fQhrt ; xf)Xa ^olo A 53 etc. Daher Hom 
fexdepYOg, §xaxog, IxaxTjßöXog, -ßeXixTjg, IxrjPöXog (vgl. Helios npdgtoicov TrjXaoYic — ; 
Timoth 13 IxoißöXov ßiXog etc); dpYupdxogog, d^i^p; eine andere Auflassung liegt 
in dem XP^^^Q^P? -öp«o€ Hom; Bacchyl 3, 28. 



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CmOO^Q: 



Sonne. 273 

schreitet, der zu ihm aufschauend aus seiner Wanderung Kraft und 
Antrieb schöpfend selbst ihm nachgeht und nachschreitet. Und wie es 
der Sonnengott ist der in der Höhe wandelnd die Höhen zuerst mit 
seinem goldnen Lichte tiberströmt, wie die Höhen selbst gleichsam 
seiner begehrend sich ihm und seiner LichtoiFenbarung entgegenstrecken, 
so sind auch dem Apollon mit Vorliebe die Höhen geweiht, die ihm 
dem Lichten gehören^). 

Im Mittelpunkte nun aber alles Wirkens des Sonnengotts steht 
sein Kampf mit dem Dunkel und diesen haben wir etwas genauer zu 
betrachten. Es ist schon früher dargelegt, wie der Hymnus, welcher 
die Gestaltung des Verhältnisses zwischen Hermes und Apoll schildert, 
jenen in den ersten Phasen durchaus als Nachtgott erscheinen lässt, 
bis er sich allmälig zum Wolkengotte herausbildet. In jener Fassung, 
welche den Tagesgott dem Nachtgotte gegenübertreten lässt, bildet die 
Wolkenheerde das Objekt des Kampfs. Bewegt sich die Wolkenheerde 
gleichmässig am Tage wie während der Nacht am Himmel, so scheint 
eben sowohl der eine wie der andere Gegner Anspruch auf sie zu er- 
heben. Es ist bezeichnend, dass Helios ebenso wie Apoll als Besitzer 
der Heerde gilt: wieder ein Beweis dessen dass Apoll kein anderer als 
Helios selbst ist. Und naturgemäss knüpft sich die Sage, wie schon 
früher bemerkt worden ist, speziell an den Osten und an den Westen 
Griechenlands, den Ausgangs- und den Endpunkt der Wanderung der 
Wolkenheerde. Der von Osten gen Westen wandernde Sonnengott, der 
inmitten der Wolkenheerde sich bewegt, erscheint wie der Hirte, der 
die oft widerspenstige Heerde treibt und hütet und ihrer sich erfreut. 
Dass diese Fassung der Sage einer Zeit angehört wo den griechischen 
Stämmen selbst das Heerdehüten im Mittelpunkte des Lebens stand, 
bedarf nicht nochmaliger Hervorhebung. Und so ist es denn auch nur 



1) Der Schilderung H 31 entspricht H 1, llQff. Und wie das schöne, leichte 
Wolkengewand im Wehen der Winde um den Leib des Helios leuchtet (H 31, 
I3f) so flattert es auch um den Leib des Apoll H 2, 6. 25 etc; DAKllSff, wenn 
beide auch daneben in ganz nackter Gestalt erscheinen. Über die Aeg^s des 
Apoll O 229ff oS 154. Als Jünglingr in voller Kraft ist Helios Vorbild und 
Schutzgott der Jünglinge die namentlich in Liebesangelegenheiten Pd 104 zu ihm 
beten, wie auch Apoll der Schutigott der männlichen Jugend. Helios "^iMpodpd- 
|iOC HeSf Hom dxd^io^; &iup{(i>v der hoch Ober der Erde wandelnde 8480 uo; 
EurPh 1 ff; Apoll H 1, iff; I33f* 2, 24 xcxXdi xocl öc|>i ßißd^; dpO}iaiE6c C I446; dpo|ioao( 
PlatSymp.8,4: *p»Ö€ Ca3, 159. 175. 177; AeschAloSl; EurPh631; Harp; in 
spezieller Beziehung auf die heilige Feststrasse P IG, 5i 8. Daher Apoll auch 
KpoxadnfjYS^idv Bull 8, 28 etc; iyijfztop SchTheocr 5, 83; Hes dYiJxijs; übertragen 
%iiavf^, olxiOTi^ etc; dcpx^iT^'ctjc Theogn773; PdP 5, 60; BUII4, 40lf. Als dem in 
der Höhe wandelnden sind Apoll wieder — wie allen Himmelsgöttern -^ mit 
Vprliebe die Höhen geweiht: dxpixoiG P 3, 1^, 8 ua, 

Gilbert, GötUrletare. 18 



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274 spezieller Theil. 

eine logische Folgerung wenn nun auch der Sonnengott selbst als der 
himmlische Hirt zugleich zum Schutzherm der irdischen Heerden 
wird. So erscheint der Sonnengott, heisse er nun Helios oder Apollon, 
als Inhaber und Eigentümer der Wolkenheerde, mag diese in Kühen 
oder Schaafen bestehen. Erhebt sich der Gott Morgens aus seiner 
Ruhestatt im Osten, so übernimmt er die Hut seiner Heerde, die er 
in seiner Tageswanderung mit sich über die himmlische Weide führt, 
um sie Abends in die Ställe deis Westens fortzuführen oder sie dem 
Gegner zu überlassen. In dieser engen Wechselbeziehung des Gottes 
zur Wolkenheerde nimmt er selbst die Namen von der Heerde, von 
den Schaafen oder dem Bocke an: die Schaafe oder der Bock werden 
selbst seine Lieblinge, seine Schützlinge, wenn auch daneben die Auf- 
fassung, wonach die eigentlich dem Dunkelgotte gehörende Wolken- 
bildung in prinzipieller Feindschaft gegen den Sonnengott steht, immer 
wieder durchbricht^). 

Aber wie die Wolken dem Hirten zur Heerde werden, so werden 
sie dem Jäger zu wildem Gethier aller Art, das der Sonnengott jagt 
und erlegt: und so wird der Sonnengott auch seinerseits zum Jäger der 
im himmlischen Reviere der fröhlichen Jagdlust huldigt. Freilich auch 
der gefährlichen, da die finstere Wolkenmasse zum furchtbaren Raub- 
thiere wird, das den Gott zu verschlingen droht. Namentlich ist es 
hier der Wolf, der für die Mythologie aus dem Grunde wichtig ge- 
worden ist, weil sein Name Lykos an Licht erinnernd den Anlass zu 
mannigfachen Missverständnissen und gewaltsamen Deutungen ge- 
boten hat. Aber wie der Sonnengott die Wolkenmassen bezwingt, so 
bewältigt er auch die Wolkenthiere, verzehrt sie in seinem Feuer, 
bändigt ihre wilden Bewegungen, schlingt goldene Lichtfesseln um ihre 
Leiber und lässt sich nun von den zahm und dienstbar gemachten 
Wolkengeschöpfen selbst tragen und fahren'). 

*) Heerden des Helios ji 127 — 136 auf der mythischen Insel Tbrinakia; bei 
Taenaron H 2, 233ff; in Gortys ServE 6, 6o; in Erytheia Apd l, 35; in Elis Theoer 
25, 126 — 130; au der Küste des ionischen Meers Herodp, 93; Conon 30; hier ist 
die Weidung der Kühe Tags und ihre Bergung Nachts iv Ävxpcp die genaue Dar- 
stellung des himmlischen Verhältnisses; Ober den Raub oS 198. Es ist interessant 
dass der Name der Stadt Apollonia schon dem jüngeren Culte Rechnung trägt, 
während die Sage selbst sich noch in der altern Fassung (Helios) erhalten hat. 
H 3 gehören die von Hermes entführten Rinder dem Apoll. Helios giebt den 
Heerden Gedeihen Theoer 25, 11 SfT, wofür ihm auch die Opfer eines Lamms 
r 104. Apoll heisst vöiito« "£9 1884, 27 n. 69; tpdyioi; St; ^opivqi Hes; Macri, 
17,43 woCjivtO€, dpvoxöjitjg, vareaTo^ (Weidetriften): multa sunt cognomina per 
diversas clvitates et dei pastoris officium tendentia, quapropter universl pecoris 
antistes et vere pastor agnoscitur. Ober die Cultnamen liocXtdxo^ (iictiiijXioc 
Macr) xapvslog hernach. Auch in der Sage * 448flf erscheint Apollon als Hirte. 

^ Von der Sonne (Rapp 2000) das Kinderspiel fixav vi^os ftnidpd|iig xöv 



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Sonne. 



275 



Wenn hier das Wolkendunkel in der Gestalt von Thierheerden 
und einzelner wilder Bestien gefasst wird, so tritt daneben doch auch 
in den mannigfachsten Formen die Fassung desselben als einer Persön- 
lichkeit uns entgegen, welche dem Lichte widerstrebt und zugleich 
über das Land Pest, Hungersnoth, Überschwemmung birgt. In dieser 
Potenzierung seiner verderblichen Wirkung ist der Dunkelbegriff die 
winterliche mit ertödtenden Regengüssen verbundene Finsterniss. So 
erscheint sie in Python und Delphynes. Und zwar scheinen die Namen 
Python und Delphynes die beiden Hauptversionen anzudeuten, in denen 
die Sage von der dem Apollon widerstrebenden feindlichen Macht im 
Umlauf war: Python gehört wahrscheinlich dem alten einheimischen 
Mythus an, während der Name Delphynes bezw. Delphyne sich bei 
den seefahrenden Stämmen ausgebildet und eingebürgert hat*). Dass 



d«öv zu klappern u. zu rufen i^x* ^ V^* *HXit; Nonn 38, 86 *HiXiO( {^oqpötooav 
dkTOQVxövxtCtv öjiCx^Yjv; P 376; 0356: Oberall erscheint hier die Wolke als etwas 
die Sonne schädigen wollendes. Apoll als Jäger &yP*^ Aesch205; d^pottoc P 1, 
41, 3; *YP*'"i€ Bull 3» 3^3; ^yptuTiTg SophOC 1091 ; daher XenVen l Sypott x. xövt^ 
ein e5piQp,a des Apoll u. der Artemis; Apoll bXdvr^ besitzt heilige Hirschheerden 
AeINa 11,7. Apoll Xöxttog Alcm 73- 83; PdP 1, 39; AeschA 1257 ; P 2, 19, 3 uo, 
dazu Usener I98ff. Die zwei ganz verschiedenen Begriffe Licht (W, luk) und 
Wolf (von vrakas) sind früh vermischt. Der lichte Apoll (daher AiwcrjYtvi^ der 
im Lichte geborene A 101. II9) der das als Wolf gefasste Wolkendunkel bekämpft 
(daher Wolfsopfer SchSophE 4. 6) ist X6xio^, daher die Aöxtio^ d^opd auf dem 
Markte von Argos mit dem ewigen der Sage nach vom Himmel gefallenen icOp 
Wernicke 58f; auch der Gott des Bergs Lykone P 2, 24, 5 sowie der Xux(i>pt6^ = 
Xuxio^. Der XOxio^ später erklärt als Xüxoxxövo^ SophEö; P2, 9»7; Auxioprj^ 
Callim 2, 19. Ein näheres Eingehen auf die mannigfache Entwicklung dieses Be- 
griffs schliesst sich hier aus. Ebenso ist der Schwan (als Persönlichkeit Feind 
des Apoll oS 73) sowie der Greif als Repraesentant der Wolke aus einem 
Feinde zum Diener geworden, indem der Sonnengott die Wolke bändigt und sich 
von ihr tragen lässt Stephani Cr 1864, 50— I4I ; AD 371 f. Dagegen ist die Ver- 
wendung von Pferd und Wolkenwagen durch Helios erst spät (zuerst H 31 ; Theogn 
997 etc); bei Apoll ganz zurQcktretend (AJb 7, 54ff Häuser). 

1) H 2 kennt nur eine weibliche dpdcxoctvav ^OLZptfpioL jisYoXtjv xipoc ÄTptov — 
irfj|ia Ö0Kpotv6v 122ff (Callim 4, 91 ff), während 194.212 IIu^ (Ilödtoc) als Orts- 
name erscheint (B519 Ila^v; H3, 178). Dass dieser Name aber dem Dichter 
zugleich als Name der dpdcxaiva galt geht aus dem Spiel mit demselben I92fi hervor. 
Es ist dasselbe Verbältniss wie mit der AeXqpoOoaööff; I97fft die gleichfalls als 
Quell- und Ortsname und als Persönlichkeit erscheint: daher Apoll AsX^oOoio^ neben 
116^0^. Der Dichter hat also offenbar Iltidtü als Orts- und als Drakonnamen ge- 
fasst. Dass anderseits die AtX^oOaa (hdschr. A. und T. wechselnd) etymol. zu- 
sammenhängt mit AeXqpOvT], AtXcpoC sowie mit deXqpC^, dsX^Cvio^ ist mit Schoemann 
O. 1,362 als sicher zu betrachten. Und wenn der Dichter auch den Namen und 
die Sage von der Feindschaft gegen Apoll an den boeotischen Ort anzuknüpfen 
scheint, so zeigt doch der Name AsXqpoC selbst, dass beide Versionen in Pytho- 

18* 



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276 Spezieller Theil. 

diese Namen in der ältesten Darstellung, die wir über den Mythus im 
Homerischen Hymnus besitzen, in weiblicher Form uns entgegentreten, 
ist als eine bewusste oder unbewusste Änderung des Dichters oder 
Redactors anzusehen, der das Ziel verfolgte verschiedenartige Vor- 
stellungen auszugleichen und zu verschmelzen. War im Gegensatze 
zur althellenischen Vorstellung in dem durch fremde Ideen beeinflussten 
Gebiete die dem Lichte widerstrebende Dunkelmacht mit Vorliebe 
weiblich gedacht, wie wir noch sehen werden, so hat sich dem Dichter 
leicht an die Stelle des ursprünglich männlichen Drachen der weibliche 
gesetzt. Denn das muss als sicher angesehen werden, dass die alt- 
hellenische Form des Mythus den Gegner Apolls männlich fasste. Nicht 
nur der Cult von Delphi hat diese ursprüngliche Auflassung zur Dar- 
stellung gebracht, es ist vor allem die Analogie, welche hierfür spricht 
und welche uns in dem Gegner des Sonnengotts keinen andern als 
den Dunkelgott selbst erkennen lässt, der erst allmälig den absolut 
schädigenden Charakter angenommen hat, wie er uns in Python ent- 
gegentritt. So haben wir in dem Kampfe des Apollon gegen Python 
den Kampf des Sonnengotts gegen den Dunkelgott zu erkennen und es 
ist höchst interessant zu beobachten wie in den Culttraditionen, welche 
der Delphische Hymnus zum Ausdruck bringt, die Bedeutung des 
Helios selbst hervorbricht, der ursprünglich die Stelle eingenommen 
hat, an welcher später Apollon erscheint. Apollon tritt in dieser Cult- 
legende selbst als Helios auf; er setzt sich unmerklich an die Stelle 
des letzteren: die ältere Periode die den Helios, die jüngere die den 
Apollon als den Sonnengott und als den Überwinder des Python fasste 
finden also in der Legende selbst ihre Verbindung und Ausgleichung ^). 



Delphi bekannt waren. Der Dichter sucht also oflenbar zwei verschiedene Ver- 
sionen betr. der Gegnerin des Apoll zu verschmelzen: in beiden war der Name 
dieser zugleich Orts- und Quellname. Da nun der Name AeX^poi^ AeX^oOaa (bezw. 
dsX^OvT)) auf die durch den wunderbaren SsXqpC^ geleiteten Kpfjxs^ weist, so nehme 
ich an dass wir in Iludto, Ilud-cbv die einheimische, in AsX^oOaa, AeX^uvT) die kretische 
Version vor uns haben ; und es ist sehr wahrscheinlich dass der böotische Dichter 
(Fick BezzB 0,201) die sich von Haus aus an den Stadtbrunnen von Delphi AtX- 
(foOaoa St knüpfende Sage irrtümlich auf das ihm näher liegende TsX^oöotov bei 
Haliartus übertragen hat. 

*) Plut def. or. 8 bezeichnet xö ^pCov einmal als dpdxaiva (H 2, 1 22\ spricht 
aber sonst durchgehend von öcptg, Öpdxo)v, 6 Ilöd^v 15. 21 ; mus. 15; QG 12; ebenso 
alle übrigen Quellen Ephor 70; Clearch Ath 15» 72; Apd 1, 22; Hyg 53; EurJT 12450; 
PlO, 6, 6, wie der Cult selbst Schreiber Apoll Pythoktonos 1879, 9ft Der Name 
Python von Ttö^ Hom = aijfiwi (winterliche Überschwemmung); H 2, 193 Verhältniss 
umgekehrt; vgl. Pascal Rendic. Lincei 4 (1895) 36off; Rev. de Hng. 30, 87. Ähnlich 
wird oaOpog, aaupa ursprünglich eine allg. Bed. = 5pdxo)v gehabt haben, daher 
Apoll oowpoxTÖvog AD l,406fl. AsXi^puvYjg Ap 2, 706Sch; öpdxcov SchneiderCallim 364; 
SchBurPh 232; Callim 4, 91 £91^; auch dieser Drache mit Wasser zusammenhängend« 



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Sonne. 



277. 



Python aber ist kein anderer als der Dunkelgott selbst. Denn 
wie sich für das Verhältniss von Apoll und Hermes aus den Parallelen 
der Sage noch deutlich erkennen lässt, dass eine ältere Fassung den 
Tod des Dunkeigotts kannte, so ist auch Python von Haus aus selbst 
der Dunkelgott, der nur deshalb später zu einem absolut schädigenden 
Drachen erniedrigt ist, weil nur so sich sein Tod motivieren Hess. Der 
Tod des Python bedeutet eben wieder das Übergewicht des Sonnen- 
gotts, wie es ursprünglich täglich, später jährlich im Sommer zur Er- 
scheinung kommt. Und wenn auch der Delphische Cult insofern ein 
gewisses Schwanken in die Vorstellung hineinträgt, als er die nach der 
ursprünglichen Auffassung des Tageskyklos zeitlich zusammenfallenden 
Momente der Geburt des Sonnengotts und seines Kampfs gegen den 
dunklen Gegner auseinander legt und somit den Gott im Frühling neu 
geboren werden bezw. von neuem erscheinen lässt, während er den 
wirklichen Entscheidungskampf zwischen ihm und seinem Gegner im 
Hochsommer stattfinden lässt, so kann doch nicht bezweifelt werden, 
dass diese neue Auffassung sich in durchaus natürlicher Entwicklung 
aus der älteren herausgebildet hat*). Als der ursprünglich täglich ge- 

daher am Fluss; oin^Xatov Clearch; x^q^a Apd; Bez. «ir Erde Hyg53; Pio, 6, 6; 
andern Zusammenhang 9pdxaiva Apd 1,42. Die Characteristik H 2, I24ff gilt der 
winterlichen Überschwemmung. Interessant ist wieder die enge Verbindung von 
Helios mit Apoll 191 — 196: jener ist es der die Auflösung des Ungeheuers bewirict, 
wovon Apoll sich Pythios nennt. Und auch 2, 263ff wird Apoll deutlich (dccipi 
ftldöfitvo^ ^o(|> i^p.aTi — aiXot^ el^ oOpavöv lys)t — ^X6Y ädout m^paucxö^itvo^ xd a xf^Xa) 
als Helios gezeichnet. Dieselbe ThStigkeit wie sie Apoll dem Python gegenüber 
im Mythus ausQbt, Obt Helios auf Rhodos Dd 5, 56. 

^) Der Hymnus denkt sich offenbar den Tod des Python unmittelbar nach 
der Geburt Apolls erfolgend, vgl. Ap2, 707; Clearch 46; DAKII, 144; Hyg I40 
post diem quartum; Simon 26; Pd 55 die Erde auf Seiten des Python. Der Cult 
von Delphi (Ober den vgl. allg. Mommsen Delphika. Lpzgl878; Schreiber Apoll 
Pythoktonos Lpzg 18 79) feierte die Ankunft (und damit zugleich xb Y«vi^Xtov) am 
7. Bysios PlutQG 9 (iTwdigjida Procop b. Epistologr ed. Hercher p. 540; ^oqpdvia 
Herod 1,51; Suid); während er die Pythien (Aristot t 594; SchPdP hyp; Hyg 140 
etc als ludi funebres des Python aufgefasst) im Hochsommer feiert (Mt Bouxdxioc 
C 1688,45 380 v. Chr.; 'ATieXXaToc 504 PdO 13,340) Tim 65. Obgleich die Tra- 
dition fast nur die pentaeterische Feier (582 eingesetzt) kennt, so muss die jähr- 
liche (C 1688,44 iviouixCa) als die fOr Mythus und Cult den Ausgangspunkt bildende 
und bedeutsame betrachtet werden. Der vd^ioj Ilüdtxdc stellte elg jiCjiYjaiv 'Atc6X- 
XcDvo^ die ganze Entwicklung des Kampfs dar. Auch auf Delos ist im Frühlings- 
fest im Itpd; Thuc 3, 104 Af;Xta (Robert Herm 21, 161 ff) deren ältere Feier H l, 
I46ff, zur Feier der Rückkehr des Gottes (daher jetzt Reinigung der Insel als Beginn 
einer neuen Zeit Bull 6, 80; viele Xo^iicddeg (5uiio6 6, 23 1. 183) vom Sommerfest 
'AicoXX(6via zu unterscheiden Bull 3, 379> das dann den Höhepunkt seines Wirkens 
darstellte. Wenn aber zugleich am 7. Thargelion (DiogL 3, 2) der Geburtstag des 
Gottes gefeiert wurde, so bleibt der Zusammenhang des Festkreises unklar. Cult 
des Apoll Pythios in seiner Verbreitung Wernicke 6sff. 



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278 Spezieller Theil. 

dachte Kampf des Sonnengotts gegen den Nacht- und Dunkelgott zum 
Jahreskampf sich entwickelt hatte, dem nun auch der Cult Ausdruck 
verlieh, da mussten sich an die Stelle der älteren Cultformen neue und 
jüngere herausbilden, welche den Jahreskampf mit dem Tageskampfe 
zu verbinden und auszugleichen bestrebt waren. Jedenfalls ist der 
Delphische Cult als eine Apomimese des im Hochsommer zum Ent- 
scheidungskampfe zwischen dem Sonnengotte und dem im Wolkendunkel 
sich offenbarenden Dunkelgotte aufzufassen. Daneben wird aber auch 
das täglich neue siegreiche Erscheinen der Tagessonne zum Ausdruck 
gelangt sein. 

Es erweitert sich hier also von selbst die tägliche Erscheinung 
und Wirksamkeit des Gottes zum Jahreskyklos, dh zu der mit den 
Jahreszeiten wechselnden Machterweisung desselben. 

Und dieser Jahreskyklos tritt in all den mannigfachen Mythen 
uns entgegen, die den Kampf Apolls gegen das Dunkel zum Inhalt 
haben. Denn überall ist diese Gegnerschaft von Sonne und Dunkel 
selbständig gestaltet und hat zu neuen Namen und Formen geführt. 
Zwar der Gegensatz Apolls gegen Tityos wie gegen die Giganten, in 
welchen beiden in erster Linie die in ungeheuren Formen und 
Bildungen aus dem Schoosse der Erde quellenden Wolkenmassen des 
Dunkels zum Ausdruck gelangen, trägt dem Jahreskyklos am wenigsten 
Rechnung*). Wir haben in diesen Mythen mannigfache und bedeut- 
same Anklänge an Vedische Vorstellungen, wo gleichfalls der Sonnen- 
gott, freilich meist in engster Verbindung mit Indra dem höchsten 
Himmels- und Lichtgotte, gegen die in den Gewitterwolken sich auf- 
thürmende Dunkelmasse ankämpft, sie zerreisst und vernichtet, um 
seinem Glänze und Lichte wieder dauernd die Herrschaft zu sichern. 

Wohl aber sind es eine Reihe anderer Gestalten, die deutlich 
einmal ihr Dunkelwesen an und für sich, sodann aber zugleich ihre 
Beziehung zum Jahreskreis widerspiegeln, in denen das Wechselver- 
hältniss zwischen dem Sonnengotte und dem Dunkelgotte zum Ausdruck 



^) Ttxü6g Sohn der Gaea 7)324; X576 (ebenso Python EurJT 1247f; Hyg 
140); stets das massige seiner Bildunjf betont SchAp ], 761 ; die 9 niXeO^a die er 
einnimmt erinnern an die 7 TciXeO-pa die der Dunkelgott Ares liegend bedeckt ^407; 
die Geier die ihm dem wehrlosen X 577ff die Leber fressen an den gleichfalls wehr- 
losen Dunkelgott Prometheus. Tityos gehört nach Euboea und Phokis Str422f 
und hat hier dieselbe Rolle gespielt wie Python. Apoll sein Gegner Apdl,23; 
Ap 1, 759ff^ wofQr PdP4, 90; P3, 18, 15 Artemis setzt. Er ist X 576flf schon aus 
dem Glaubenskreise verbannt und definitiv in die Unterwelt versetzt. Im Giganten- 
kampf ist Ephialtes der eine Aloade und Repraesentant der Finsterniss (oS 229) 
Gegner des Apoll Apd 1, 37; wenn PdP 8, 12G dafür der andere Aloade Porphyrion 
eintritt, so spiegelt sich darin der Gegensatz des Apollcults gegen fremde oder 
ältere Cultformen wieder. 



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Sonne. 279 

gelangt. Hier sind vor allem Hyakinthos und Kamos zu nennen. Wie 
uns der Homerische Hymnus auf Hermes die ganze Entwicklungsreihe 
des Verhältnisses zwischen Sonnengott und Dunkelgott vorführt und 
der Schlussakt dieser Entwicklung die enge Freundschaft der beiden 
von Haus aus feindlichen Götter bildet, so erscheinen auch Karnos 
und Hyakinthos in dieser Schlussphase ihrer genetischen Evolution. 
Die einmal feststehende Sage aber von dem Tode dieser Dunkelgötter 
durch den Sonnengott hat darin ihre befriedigende Motivierung ge- 
funden, dass dieser Tod nur durch einen unglücklichen Zufall erfolgt 
oder dass es überhaupt nicht Apoll selbst ist, von dem derselbe aus- 
geht. In Wirklichkeit aber bedeutet der Tod des Dunkeigotts hier 
nichts anderes wie der des Python: die Vernichtung alles Dunkels im 
Sommer durch die Gluth der Sonne*). 

Wir sehen also in diesem Mythus gleichsam die Summe der 
älteren und der jüngeren Vorstellungen, wie sie sich an das Verhält- 
niss des Sonnengotts zum Dunkelgott knüpften, zusammengefasst. Erlitt 
in der älteren Form der Dunkelgegner den Tod, während er in der 
jüngeren sich zum Freunde, Genossen und Begleiter des Sonnengotts 
entwickelte, so lässt die ausgleichende Form zwar den Tod bestehen, 
macht aber dennoch den getödteten zum Begleiter und Liebling des 
Mörders, welcher innere Widerspruch darin seine Lösung findet, dass 



1) Ober Hyakinthos Roscher-Greve ML 1, 2759ff; Hauser Ph 52, 209flf; Cult 
Wernicke 54f ; 70f. Vgl. P3, 18, 9 — 19» 5: das ßd^pov auf dem das dLf7X\iCL des 
Apoll stand galt als ßa>p.6g, in dem Hyakinthos begraben lag, dem sie vor dem 
Opfer an Apoll ivaYtCouotv öta ^opag x*^^^» ^^^ Sage von der Tödtung P 3, 
19,5 angedeutet; erzählt Apd 3, 116; 1, 16; SchNicTher 902: EurHel 1472. Der 
Discus die Sonne selbst ; dafür früher vielleicht der Stein Head 393. Andere Namen 
dieses Lieblings Amyklas, Kynortas, OlßoXo^, Narkissos etc Aristid 1, 13I; P3, 1, 3; 
Hyg 271. Das Fest im Hochsommer Hes *ExaTop.ßs6c war ein Fest der Trauer 
Ober den Tod u. zugleich der Freude, welcher letztere Theil sehr bestimmt an 
die Delphischen Theoxenien erinnert Ath 4, 1 7. Der in jedem Jahre dem Ap. dar- 
gebrachte x^'ccov P 3, 16, 3 ist das |i.(p.'y]|i.a d. Wolkengewands in das sich der Sonnen- 
gott nach dieser Zeit wieder kleidet. Wie Hyakinthos so ist auch Kdpvo^ Liebling 
des Apoll Praxilla 7 (<;pdona *A7CÖXXo>vos Conon 26). Hier ist aber der Antheil Apolls 
an seinem Tode ganz beseitigt, indem der letztere von anderer Seite erfolgt. Aber 
offenbar ist der Mörder, der iitl qpövq) 10 Jahre in die Verbannung gehen muss, 
ursprünglich Apoll selbst. Vgl. P 3» 13» 3— 5; SchPdP 5, 106; SchCallim 2, 71 ; 
SchTheocr 5, 83; Apd2, 174. Über das Fest (\ii\3kr^\ioL orpaxtcöxixijg dcYcoYfJc) Ath 4, 
19; EurAl 449f: PlutSymp 8, l, 2; Hiller vGärtringen Thera 22Ü. Mt Kapvelo^ Hoch- 
sommer. Mit dem Tode des Kdpvog verbindet die Sage wieder den Eintritt von 
Xoi|iö^ u. Xi)i.ög. So sehr der vordorische Cult durch die Dorer, welche ihn über- 
nahmen u. umgestalteten, seinen ursprünglichen Charakter eingebüsst hat, ist doch 
das wesentliche, der Tod des Kdpvog u. die Feier des Ap. Kopvstos noch klar 
erkennbar. 



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280 Spezieller Theil. 

der Tod nur durch einen unglücklichen Zufall erfolgt. In Wirklich- 
lichkeit ist Hyakinthos, dessen Name vom Nass des Himmels nicht zu 
trennen ist, und Karnos, in dem das Wolkendunkel wieder unter der 
Gestalt des Widders zusammengefasst wird, kein anderer als der 
Dunkelgott selbst. 

Und wie es hier der als Bock oder Widder, dort der als Drache 
aufgefasste Dunkelgott ist, der seinen Tod durch den Sonnengegner 
erleidet, so treten uns auch sonst noch mannigfache Spuren entgegen 
welche darauf hinweisen, dass dieses Verhältniss des Sonnengotts zum 
Dunkel im Mittelpunkte alles Denkens und Combinirens stand. Und 
mag auch der Cult wechselnd bald im Frühling, bald im Sommer den 
eigentlich entscheidenden Kampf zwischen dem Lichte und dem Dunkel 
angesetzt haben, es wird immer darin ausgedrückt dass die Sonne mit 
ihrem Glänze und mit ihrer Gluth über das Dunkel von Nacht und 
Winter die Herrschaft gewinnt*). Scheucht der Sonnengott Morgens 
mit seiner Lichterscheinung den Nachtgott zurück, indem er seine 
feurigen Pfeile auf ihn absendet, so steht er Mittags im Zenith seiner 
Herrschaft, da nun auch die Wolken kraftlos niedersinken, von der 
Gluth seiner Erscheinung bewältigt. Und tritt der Sonnengott im 



') Das Verhältniss zwischen Apoll u. Hermes wie es H 3 schildert (daher 
noch in Andania P 4, 33, 4 Apoll Koipvsloc und Hermes qpipcov xptöv vereinigt) liegt 
allen diesen Verhältnissen zu Grunde. Die ursprQngliche Feindschaft ist in Python 
dargestellt, der spätere Ausgleich in Hyakinthos, Karnos etc. Statt des Karnos 
gab eine andere Version P 3, 13,4 Kpiöq an; derselbe ist P 10, 6, 6 euhemeristisch 
zum Herrscher und Vater des Python geworden, wie umgekehrt ein Sohn des 
Python wieder Atg ist PlutQG 12. Ebenso wird die Feindschaft in Marsyas fest- 
gehalten, der gleichfalls ursprOnglich thierisch gedacht ist. Man muss festhalten 
dass Pan-Hermes selbst ursprünglich als Bock gefasst war. Das erotische Motiv 
der Knabenliebe ist erst spät hineingetragen. Auch Apoll Maleates gehört hierher 
P 2, 27,7; 3» 12, 8; MoXösi^ St, da Males in der Inschr. des Isyllos Stifter des 
Cults ist und E^. 1885, 88 im Cult Maleates neben Apoll erscheint. Da ein bron- 
zenes Votivbild eiuen Bock darstellend den Namen Maleata trügt Ja 89, so ist die 
Ableitung vcm jifjXov (gegen vWilamowitz Isyllos o8flf) wahrscheinlich. Da ander- 
seits dieser Apoll mannigfache Beziehung zum Hunde aufweist vWilamowitz 87ffi 
so scheint mir Apoll Kuwsto^ (troz des doppelten vv, vgl. Töpffer 30lflf) eine ähn- 
liche Bedeutung zu haben wie die angeführten: wie dort der Dunkelgott als Bock, 
so wurde er hier als Hund (0S81; daher Kuvöpxog P3, 1,3: 13, l) gefasst: mit 
dem Sirius hat das absolut nichts zu thun. Hierher gehören auch die zahlreichen 
Lieblinge Apolls PlutNum4; ClemR Hom 5, 15, die freilich zum Theil selbst Hy- 
postasen des Gottes bezw. Stifter und Vertreter seines Cults bedeuten werden, 
zum Theil aber die Dunkelbrüder des Gotts sind. Eine weite Verbreitung hat 
die Sage von den schönen Dunkelknaben Hylas und Lines gehabt; auch die Sage 
von Skephros und Leimon spiegelt das Verhältniss des Sonnen- u. Dunkeigotts 
wieder; Asklepios, Aristaeos oS 250ff. 



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Sonne. 28 1 

Frühling in neuer Kraft gegen das Dunkel auf, dem er im Winter hat 
Raum gewähren müssen, so zeigt er sich im Hochsommer in seiner 
höchsten Sieghaftigkeit, da nun alles Wolkendunkel vor seiner er- 
barmungslosen Gluth vergeht und verschwindet. Überall ist aber die 
Cultlegende bestrebt gewesen dem spätem Standpunkte gerecht zu 
werden, welcher die ursprünglichen Gegner friedlich geeint dachte, 
indem sie in immer neuen Namen und Formen den Dunkefgegner als 
Liebling, als Freund des Sonnengotts fasste und den letzteren selbst 
nach jenem benannte. 

So erscheint der Sonnengott in dieser seiner majestätischen Er- 
scheinung und kraftvollen Überwindung des Gegners als ein gewaltiger 
Jüngling, der nicht nur als Tagesläufer sondern auch als Kämpfer, 
Ringer oder Streiter seine Stärke erweist und damit wieder zum glän- 
zenden Vorbild für die männliche Jugend und deren kriegerische Be- 
thätigung in Spiel und Ernst wird. Und damit wird er zugleich selbst 
zum Helfer im Streite dessen mächtige Hülfe die Kämpfenden sich 
erflehen *). 

Wenn in diesen Mythen und Gülten der Sonnengott als der 
Sieger, der Dunkelgott als der Unterliegende erscheint, so hat nun 
umgekehrt das offenbare Leiden des Sonnengotts im Winter gleichfalls 
zu mannigfachen Anschauungen und Mythen geführt. Zunächst gehört 
hierher die Sage von den Hyperboreern. Denn wenn das Jahresleben 
des Gottes sich oftenbar in zwei grundverschiedene Perioden zerlegt, 
indem der Zeit seiner Machtfülle und Majestät die Zeit seines Unter- 
liegens, seiner Schwachheit oder Abwesenheit folgt, so wird es ver- 
ständlich dass auch der Cult dem Rechnung trägt und gleichfalls in 
zwei grossen Abschnitten das Leben des Gottes zur Darstellung bringt. 
Auch hier ist, wie gewöhnlich, der Tageskyklos in den Jahreskyklos 
übergegangen. Denn das an jedem Abend neu hinter den westlichen 
Wolkengebirgen Verschwinden, wie das an jedem Morgen wieder aus 
der östlichen Geburtsstätte des Lichts und des Glanzes Aufsteigen ist 
unwillkürlich mit dem herbstlichen Verschwinden in die Wolken und 
Wasser des Winters und dem Neuerstarken und Heimkehren im Frühling 



*) Apoll giebt T 660 Ausdauer im Faustkampf ; ringt mit Hermes im Laufe, 
mit Ares im Faustkampf P 5, 7, IG; ebenso mit Phorbas H 2, 33; SchW66o. Daher 
Apoll 15ÖXXYJ5, öponalo; P 5, 7, lO; H2, 33; SchW66o; PlutSympS, 4; iva^cöviog 
Syll 370, 101; KepxüOveO^ Ca 3, 1203; Wernicke AJb 7, 215fr (Ktpxocbv in der Sage 
wohl ähnlich dem Kdpvog uA 0S279); Gymnopaedieen dem Apoll P3, ii,q; Hes 
dqpexalo^ P3. 13, 16. Apoll in Rüstung P3, IG, 8; IQ, 2; Im Helm Kdpu^g P4, 
34,7; Head 534, was sehr an Helios H 31, IG XP^oirig 4x x6pu^^ erinnert. Alle 
diese Auffassungen und Cultnamen sind aus den unmittelbaren natürlichen An- 
schauungen der Sonne dh ihres Laufens, ihres Ringens mit dem Dunkel etc her- 
ausgewachsen. 



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282 Spezieller Theil. 

verschmolzen worden. Apollon verschwindet so für die Zeit des Winters: 
die Sonne welche aus den Regenströmen und hinter den düstem Wolken- 
massen nicht mehr zu sehen ist; welche in ihrer feurigen Kraft völlig 
verloren gegangen zu sein scheint, wird vom Glauben und Cult hier 
als in die Verbannung gegangen aufgefasst; sie weilt während dieser 
Zeit bei andern Stämmen, denen sie ihre Gunst erweist. In der Sage 
von dem Sonnenheros Bellerophon ^) ist dieses Fortwandern wie ein 
Irregehen aufgefasst; in dem Sagencomplex von Herakles hat sich an 
die Thatsache der weiten Wanderung, die zunächst auf die tägliche 
Himmelsbahn bezüglich offenbar durch Übertragung auf die Jahreslauf- 
bahn erweitert worden ist, eine grosse Zahl von Einzelabenteuern ge- 
knüpft die den Heros als den zur Zeit abwesenden in der Ferne 
weilenden zum Mittelpunkt haben. Alle diese Sagen gelten der winter- 
lichen Abwesenheit des Sonnengotts, während welcher der Glaube ihn 
in fernen Gegenden anwesend und thätig dachte. 

Weiter hat der Mythus dieses winterliche Leiden des Sonnen- 
gotts, das ja zugleich zweifellos eine Unterordnung unter den Dunkel- 
gott bedeutet, als ein Verhältniss der Dienstbarkeit gedacht, in das er 
eben zu dem Dunkelgotte tritt*). Lässt sich die Erfahrung, die unmittel- 
bare Beobachtung darin nicht täuschen, dass der Sonnengott nicht völlig 
abwesend ist, sondern von den Wolken und Regenmassen verdeckt ein 
schweres Leben führt, mühsam nur seine Existenz, seine Kraft, sein 
Wesen aufrecht hält, so erklärt sich dieses offenbar aus dem völligen 
Übergewichte des dunklen Gegners, unter dem der Sonnengott selbst 
steht und leidet. Der Dunkelgott wird hier zum Herrn und Meister, 
der den Sonnengott in seinen Dienst zwingt, ihm seine Herrschaft, 
seine Befehle auferlegt. 

') Wie CS schon Z 200ff ausgedrückt wird dass Belleropbon allen Göttern 
verhasst wurde und nun einsam xdin TcedCov x6 *AXi^jiov ±XdLzo 5v d^)jL6v xaxidcDv 
Tcdxov &vd-pd)7Cü>v äXesCvcDv. 

2) Über Hyperboreer, Aethiopen etc oS l8; daher AeschSu2l4 ^oyötJS* 
&n Oüpavoö vgl. mit u 356f. In Athen wie in Delos (Serv 4, 143) war das Jahr 
in je 6 Monate der An- und Abwesenheit des Gottes getheilt; in Delphi war die 
erstere auf 9 Monate erweitert. Über die ini^ri\iioL Ale 2ff (hier ist das Ito^ 6Xov 
bei den Hyperboreern natürlich in Wirklichkeit das winterliche Halbjahr); die 
imdv]p.£oc selbst als im Frühling geschehend geschildert; vgl. Theogn 773ff; Sappho 
147; Dion P 527ff. Wie das neue Kommen des Gotts hier durch ö|ivot xXrjxtxoC 
herbeigerufen wird, so begleiten seine herbstliche ditodT]p.ia öjjivot dtTtOTCSjjiJixixot 
Menander Encom 1,4. Apoll dem Admetos (dieser ein anderer Name des Hades) 
dienend B 766; SchEurAl i ; OMüller Dor. 1, 332ff; Proll 2ggff: ebenso dem Python 
SchPdP Hyp (Il'jd^vt xi; ßoO; vi|iü)v); auch Anaxandridas 5 bringt das ^xeGooti 
aöxöv mit dem Morde des Python in Beziehung. Ja es gab eine Version die 
Apoll durch Python getötet werden Hess PorphVPyth 16; vgl. Pd 55. Wenn der 
Dienst des Apoll später durch die Tödtung der Kyklopen erklärt wird, so spielen 
hier nationale und kulturelle Momente herein. 



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Sonne, ^ss^v ' 1 -^ ^i^ 283 



Und hier hat nun eine tiefere Auffassung angeknüpft, die sich 
nicht mit der Thatsache des Mords, wie er an dem Dunkelgotte im 
Sommer statt hatte, genügen Hess, sondern das Wechselverhältniss der 
beiden Gegner vom Gesichtspunkte der Sittlichkeit aus betrachtete. 
Muss der Sonnengott im Winter leiden, so ist das nur gerecht, da er 
durch die Ermordung seines Gegners im Sommer eine schwere Ver- 
schuldung sich zugezogen hat, die eine entsprechende Busse verlangt. 
Namentlich der Delphische Cult hat diesen Standpunkt entschieden 
vertreten, indem er, obgleich er anderseits Apoll zu der hehren ethischen 
Persönlichkeit umgeschaffen hat, als der er uns später entgegentritt, 
doch zugleich die innere Nothwendigkeit der Busse hervorgehoben hat, 
um auch den tiefstgehenden sittlichen Anforderungen gerecht zu werden. 
Und wenn dieser Cult auch, sei es bewusst sei es unbewusst, seine 
dramatische Darstellung der Vorgänge dadurch von ihrer natürlichen 
Grundlage gelöst hat, dass er sie mit dem grossen Neunjahrkyklos in 
Verbindung gebracht hat: die ursprüngliche und allein nur so Sinn 
habende Beziehung derselben auf das Jahresleben des Sonnengotts hat 
damit nicht verwischt werden können^). Die Ermordung des Dunkel- 
gegners durch Verbrennen im Hochsommer einerseits, das Umherirren 
des Sonnengotts und sein in die Fremde gehen anderseits wird hier 
in dramatischer Darstellung den Gläubigen vorgeführt, bis der Gott 
durch die gethane Busse, als welche eben sein Leiden im Winter gilt, 
gereinigt und gesühnt im Frühling zurückkommt. Diese wechselnden 
Phasen im Jahresleben des Sonnengotts fasst der Cult in eine Reihe 
von Akten zusammen, um so den Gläubigen die Thaten und Leiden 
des Gotts im Zusammenhang vorzuführen. 

Wenn hier der Cult die beiden Hauptphasen im Leben des 
Sonnengotts mit einander in Wechselbeziehung bringt, so haben sich 
andere Sagen mit dem scheinbar Irregehen der Sonne im Hochsommer 
beschäftigt, wodurch sie das Leben der Erde schädigt und vernichtet 
und damit gleichfalls eine Schuld auf sich ladet. Zwar in Apoll tritt 

*) Das Septerion wie es in jedem 9. Jahre in Delphi stattfand fasste alle 
Momente des Verhältnisses von Sonnen- u. Dunkelgott in eine Reihe von Akten 
zusammen um sie so den Gläubigen mimetisch vorzuführen, daher PIutQG \2 
\Li\iri\iai, Tfjc jJidx^JC xal tf^ T^^ '^^ äxötcagtwg. Die Ceremonie des Kampfs selbst 
(Plut. def. or. 15; Ephor 70, der zuerst Python crass euhemeristisch behandelt) stellt 
das Verbrennen des Dunkeigotts bezw. seiner Wolkenbehausung durch d. Sonnen- 
gluth dar. Sodann folgten a( TcXdcvoci u. ^ Xaxps(a des den Apoll darstellenden 
KoCC^ Plut aO; mus. 14, worauf er durch xaO'Opp.oC C&YViati,ö^; xooti), p,T)v()i.ocxa 
(AelVh3, 1) supplex TertullCor. 7 (Callim 32) und ^otßo^ dXiQ^Öc zurückkehrt. 
Hier sind also der Sieg des Gotts über das Dunkel im Sommer, seine winterliche 
Abwesenheit (dass gerade Tempe hierfQr gewählt wurde hängt mit alten histori- 
schen Beziehungen zusammen), u. seine Rückkehr im Frühling in einer zeitlich 
zusammengedrängten Reihe von Akten dargestellt. 



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284 Spezieller Theil. 

dieser Gesichtspunkt dass er des rechten Wegs verfehlen könne fasst 
ganz zurück: wohl aber kommt derselbe in Helios sehr deutlich zum 
Ausdruck. Denn die Sage wie sie sich an Phaethon — ein Cultname 
und eine Hypostase des Helios — knüpft, berücksichtigt zwar in ihrem 
ersten Theile den Tageslauf der Sonne, die im Zenith angekommen, 
wieder hinabstürzt zur Erde; sie gilt aber in ihrem zweiten Theile dem 
Jahreslaufe, dem scheinbaren Abweichen der Sonne vom rechten Wege 
im Hochsommer. Auch hier also gehen wieder die beiden Kyklen, 
der Tageskyklos mit seinem täglichen Absturz der Sonne und der 
Jahreskyklos mit seinem Abirren der Sonne, in einander über und der 
Mythus baut sich aus der Combination beider aufO. Der Sonnengott, 
der in den Hundstagen mit erbarmungsloser Gluth auf die Erde und 
ihre Geschöpfe hemiedersengt, scheint nun vom rechten Himmelswege 
abzuirren; und so wird der combinirenden Phantasie unwillkürlich sein 
Leiden, wie es als Sturz vom Himmel oder als Dienstbarkeit im Winter 
dem Glauben nun einmal feststeht, zur Strafe für die Schuld die er 
sich durch jenes Irren zuzog. 

So gestaltet sich das ursprüngliche Tagesleben des Gottes in 
unmerklichem Zusammenwachsen der verschiedenen Kyklen und der 
verschiedenen an diese letzteren sich .knüpfenden Auffassungen vom 
Thun und Leiden des Gotts zum Jahresleben und der Cult stellt die 
verschiedenen Phasen desselben dar. Und obgleich diese Phasen so 



1) Für den Pbaethonmythus bilden die Worte Hsd 164 (=Hyg 154; Erat 
2\4i) die Grundlage: Robert Herrn 18, 434ff; Petersen MitiRA )0, öTff. *HXto€ 
(fociO'Qiv A735; X388; H31,2. Hesiod gab also schon den vollen Mythus, indem 
er einmal den Tagessturz des Phaethon in den Eridanus (Dd 3, 57) dh Okeanos 
kannte (spätere dafür Rhodanus oder Padus): Eurip. hat im Drama f77i — 784 
(dazu vWilamowitz Herrn 18, 306ff) diesen echten Zug dahin abgeändert, dass er 
(anders Hippol 735ff) Phaethon unmittelbar nach Besteigen des Wagens herab- 
stürzen lässt wodurch das Ganze Unsinn wird; betr. der späteren Umgestaltungen 
der Sage vgl. vWilamowitz aO; Knaack Qaestt. Phaeth. Berl. 1886. S. I7ff; Herm 
22y 639f. Übrig;ens ist der von Hsd behandelte Phaethon Solls et Clymenes fil. f. 
221 oder Clymeni (Solls f.) et Meropes f 164 (Eurip. macht Helios zum wirklichen, 
Merops zum Adoptivvater) kein anderer als der th. 986fif erwähnte Sohn des 
Kephalos, da der letztere gleichfalls nur eine Hypostase des Helios. Sodann 
aber hatte Hsd (Hyg 154. 152) schon den Brand der Erde g^egeben, was nur die 
Hochsommergluth bezeichnen kann: vgl. Schp208; Plato Tim 3 ; AristMl,8; Dd 
5,23 (Timaeus). Geht nun aus Hyg: 152 hervor dass Hesiod die Deukallonische 
Fluth als unmittelbare Folge mit dem Weltbrande verbunden hatte (Robert Herm. 
aO 440f ; was Knaack aO l ff dagegen anführt ist nicht beweisend), so erkennt 
man dass die beiden Jahreskatastrophen (der Sommerbrand und die Winterüber- 
schwemmung) schon in der alten Sage in Wechselverhältniss standen. Der Tod 
durch den Blitz ist ein bekannter Nothbehelf; die Verbindung des Sonnengotts 
mit dem Wolkenschwan schon Hesiodisch. 



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Sonne. 



285 



allmälig in einander übergehen dass von feststehenden Anfangspunkten 
dieser Perioden im Grunde nicht die Rede sein kann, so hat der Cult 
natürlich doch bestimmte Momente fixieren müssen, mit denen er 
Kommen und Gehen des Gottes verbindet und an denen er dasselbe 
feiert. Der Beginn des neuen Tages wird jetzt ebenso wie der Anfang 
des neuen Monats zu den heiligen Epochen im Leben des Sonnengotts, 
während zugleich der erste Frühlingsmonat und andere Zeiten nicht 
minder bedeutsam hervortreten*). 

Als Jahresgott ist nun Helios-Apollon vor allem der Träger und 
Herrscher der Vegetation, die er zum Keimen Wachsen und Reifen 
bringt. Und so sehen wir denn in den Thargelien, einem hochalter- 
tümlichen Feste, den Gott als den Reifegott gefasst. Und es ist höchst 
bezeichnend wieder dass, wie das Fest seinen Namen von Helios hat, 
es auch beiden Namen, dem älteren und dem jüngeren, gerecht zu 
werden sucht. Auch daraus erkennen wir also wieder, wie einst Helios 
die Stelle eingenommen hat, die später allein dem Apoll zukommt. 
Und in gleicher Weise hat auch sowohl das Schlussfest des Apollinischen 
Sommercults von Attika, die Pyanepsien, wie die übrigen Sommerfeste 
des Gottes, in denen seine mächtige Wirksamkeit dargestellt und zu- 
gleich seine Gnade und sein Schutz erfleht wurde, ebenso dem Helios 
wie dem Apollon gegolten. Helios und Apollon erscheinen hier nur 
wie zwei verschiedene Namens- und Entwicklungsformen des einen 
Gotts, der in der Gluth seines himmlischen Feuers die in der Erde 
schlummernden Keime weckt, die aufsprossenden Saaten zum Reifen 
bringt und so d^r Erde und ihren Geschöpfen immer wieder die 
Früchte spendet, deren sie zu ihres Lebens Erhaltung bedürfen. Nur 
aus seinem Wesen als Sonnengott ist dieses Thun des Gottes wie der 
ihm für sein Wirken dargebrachte Cult zu erklären. Ihm als dem 
Sonnengotte ist der Segen der Erndte in erster Linie zu verdanken'). 

1) Deni täglichen Gebete mit dem der Grieche den Aufgang und den 
Niedergang des Helios begleitete Plato leg. 10, 3 ; Conv 36 ; LucSalt 1 7 entspricht 
der Cult des Apollon idno^ Ap 2, ööQff oder gvaupog Hes; Apoll v«0}jli)vioc Her 6, 57 
=aöptÖ€ Herond3, 34 (Crusius IndogF4, I7lff); hierüber wie über Ap. fcßWp*ios 
u. elxdcdioc oS 138, wozu zu bemerken dass auch Helios durch die 7 Strahlen, 
die 7 Söhne (SchPdO 7,131; Dd 5, 56), die 7X50 Stück seiner Heerde die Be- 
ziehung auf die 7 zahl trägt, was nur aus dem Einfluss semitischer Zeitrechnung 
zu erklären. 

*) Über die Thargelien (im Mal) Hes; Et; Crates bei Ath 3, 80; Archilll3; 
Hipponax37; Anacr40; Ath 10, 24. Die Alten haben den Namen mit dipo^ u. 
^Xio^ zusammengebracht: die Beziehung auf den letzteren ist unabweisbar. Das 
Fest galt dem Apoll und der Artemis einer-, dem Helios und den Hören ander- 
seits SchAristEq 729; Porph. abst. 2, 7: Helios u. Hören die älteren Formen jener; 
über Artemis Kap. 10. Wenn der Gebrauch der Eiresione an diesem Tage der 
Sage nach zur Abwehr von Xoi\i6^ u. Xipk^ geschah, so ist darunter eben wieder 



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286 Spezieller Theil. 

Und einen ähnlichen Gedanken drücken auch die Delphischen 
Theoxenien aus, die den Gott wie einen grossen Gastgeber feiern, der 
die durch ihn zur Reife gebrachten Früchte des Feldes dem Genüsse 
Aller darbietet. Denn dem Sonnengotte, dem grossen Vater und 
Urheber aller Zeugungen in dem weiten Pflanzenleben gehören ja in 
Wirklichkeit die irdischen Gaben, die er aus lauter Güte und Freund- 
lichkeit den Menschen und Thieren zum Genüsse schenkt. In all 
diesen Gebräuchen erscheint also Apoll als der grosse das Leben der 
Erde zeitigende Sonnengott, der im Frühling durch seine Gluth die 
Keime dem mütterlichen Schoosse entlockt, um sie allmälig in seinem 
Feuer zu reifen, bis dieser Feuerbrand eine solche Gewalt empfangt, 
dass alles Wachsen zum Stillstande und zum Ende gelangt*). 

Aber auch sonst bringt der Gott in mannigfachen Beziehungen, 
Cültnamen und Gebräuchen diese seine Einwirkung auf die Erde und 
ihr Leben zum Ausdruck. Er hat die Macht und den Willen dieses 
Leben je nachdem in besonderer Weise zu fördern oder zu schädigen. 
Steht er im Allgemeinen in innigster Beziehung zur Pflanzenwelt, so 
hat der Cult wieder einzelne Bäume und Pflanzen in spezielle Ver- 
bindung mit ihm gebracht, indem er sich durch historische oder andere 
Motive hierbei leiten Hess'). Aber auch sonst greift Apollon mannig- 

die jährlich wiederkehrende Unfruchtbarkeit der Erde zu verstehen. Die mit dem 
Feste verbundene Tödtung und Verbrennung der qpocpp,axo( (Hippon 4 — 9.19.37. 
43; Harp) ist als dicotiCpiiQjia der Tödtung und Verbrennung des Python (oS 283) 
zu fassen ; vgl. Toepffer RhM 43, i42ff gegen Stengel Herm 22, 86ff; Usener SWA 
137, 3, 59ff; Osthoö' BezzB 24, ]44ff. An den Skirophoria ÜH°0 ^^^^ wieder der 
üpsu^ Tod "HXCou (Harp ox(pov) theil. Der Mt Hekatombaeon Quli) hatte speziell 
von den dem Apoll und Helios dargebrachten Opfern seinen Namen Et (itpb^ tif 
'^X{(p, wenn die hinzugefügte Erklärung natürlich auch falsch ist); der Metageitnion 
(August) galt *AicöXXa)vi MexaYti-xvicp Harp; der Boedromion (Septemb.) dem Apoll 
ßoYjdpöpiioc Harp; PlutThes27; an den Pyanepsien (Oktob.) endlich, dem Erndte- 
dankfeste, nahm wieder Helios neben Apoll theil Suid ElpsouövT); SchAristEq 729 
etc. Daher das Hpti yijptioäL ni)insiv PlutPyth 16 den Apoll &^ xapicä^v doxi)pa 
darstellt. Vgl. Str 264; P l, 31» 2; Her 4, 33: Callim 4, 278. 283; AeschA 633 Helios 
TpiqpoDv x^^^ qpuotv; SophOR I425 ttjv Tcdvxoc ßöoxouoav ^Xöya *HX(ou; Eur937 
des Helios 7;oX6xotp«ov ^XW^ ^^^« 

1) Dass an den BfiO^vioc die üppig sprossenden Früchte des Landes eine 
Rolle spielten zeigt Polemo 36; der Name des Festes SchPdO 3 init. hat zu mannig- 
fachen Deutungen Anlass gegeben. Dass das Fest keineswegs immer (Hes) eine 
xoivJj fcop-n] TC&ot Tolg ^olc war geht aus P 7» 27, 4 Bsogdvia t$ 'AtcöXXcüvi 
hervor. Es scheint also dass an diesem Tage ein grosses Festmahl zugerüstet 
wurde von den Gaben welche die Sonne bis dahin gezeitigt hatte, an dem Priester 
und Ehrengäste (Westermann Biogr. 92 ; Flut, sera vind. 1 3) theilnahmen. 

^ Apoll ipi^Xko^ Hes; (fuxaXp,ioc. Bestimmte Bäume in Beziehung zu ihm 
gesetzt, vor allem der Lorbeer daher öa^vixYjg Hes; öa^valog AP 9,477; die Cere- 
monie der Dapbnephorie Alcm 17 (wobei aber zu bemerken dass der Ursprung» 



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Sonne. 287 

fach in das irdische Leben und speziell in die irdische Existenz ein 
— vor allem dadurch dass er mit seiner erquickenden Wärme Krank- 
heiten vertreibt, Leben und Gesundheit fördert, während er mit seiner 
furchtbaren Gluth Seuchen heraufführt und Vernichtung und Tod das 
Land durchziehen lässt. So ist er je nachdem ein heilender und ein 
schlagender, ein gütiger und ein zürnender Gott, der in gleicher Weise 
die höchste Gnade wie den furchtbarsten Grimm die Menschheit 
empfinden lässt*). Auch diese Doppelseite seines Wesens ist in folge- 
richtiger Entwicklung aus dem natürlichen Kerne seiner Persönlichkeit 
geflossen: Leben und Tod sind in gleicher Weise in ihm beschlossen. 
Wenn sich die Einwirkung des Sonnengotts in dieser Weise auf 
das Pflanzen- und Thierleben der Erde äussert, so ist es natürlich dass 
den Seestämmen, deren Thätigkeit ausschliesslich dem Meere gehört, 
die Wirkung des Gottes eine andere erscheint. Aber hier ist es aus- 
schliesslich die segensreiche Seite, nach der hin seine Machterweise 
empfunden werden. Sein Neuerwachen im Frühling bedeutet den Neu- 
beginn der seefahrenden Thätigkeit; wenn der Sonnengott in Sturm 
und Gewitter siegreich durch die feindlichen Wolkenmassen bricht, 
beginnt der Schiffer wieder zu hoffen und an Rettung zu glauben; das 
freundliche Geleit des lichten Gotts führt sicher durch Wogen und 
Sturmwinde hindurch. Namentlich als Delphinios ist Apollon dem 
Schiffer zum Schutzherrn der Seefahrt gegen alle Gefahren und Hemm- 
nisse des Meers geworden. Die im Glauben ein für allemal feststehende 
Macht des Sonnengotts, die in der prinzipiellen Feindschaft desselben 
gegen die Finsterniss, in seinem niemals rastenden Kampfe gegen alle 
Erscheinungsformen des Dunkels sich äussert, ist hier in spezieller Be- 
ziehung zum Meere in der Weise zum Ausdruck gelangt, dass Apollon 
das Dunkel, wie es den Schiffen und den Schiffern Gefahr bringend in 

liehe Gedanke wieder den Wolkenbaum im Sinne hat); Hehn 2l8fF (daher später 
die Sage von seiner Liebschaft mit Daphne); Palme auf Delos P 8, 48, 3 etc. 
'^vaYpog Hes vielleicht ip-^drr^ P 8, 32,4; otxAXxoc Pio, 15, 2; ipt^dosog Ca 2, 
841 ; Ipe^iitog vHiller Herm 29, l6fF; Ipoog Ca 1,430 etc. 

*) Als Bringer aber zugleich auch als Abwehrer der Mäuse- und Heu- 
schreckenplag^en im Sommer gelten dem Apoll die Cultnamen 2|iiv^«öc Str604; 
611 — 13; Polem3l; IIopvoTcCfiöv -6«tO€ Str6l3; P l, 24,8; ipDa-Cßiog in Bezug auf 
den Mehlthau Str 613. Apoll als Heilgott (oS 253); Bruchmann DBreslau 1885: 
anderseits Xofjitog Macr 1, 17, 15» wie er schon A 44flf die Pest sendet. Damit wird 
er ganz zum Todesgott der ol^ d^avotg ßsXUoaiv teoix^ntvoc tödtet 12 758, ^ 280; 
0411; 1^64; p25l; 494 etc; Archil 27; Hippon3l etc; Macr 1, 17, 11 inusto«^ morbo 
'AicoXXa>voßXy^TOt>c xal ^XioßXijxoüc appellant. So wird der Tod de» Patroklos 
n 788fr; der Niobiden 2 605; des Meleager P 10, 31,3; des Idas 1564; P 5, 18, 
2; des Eurylos ^227 auf Apoll zurückgeführt. Wie der Hochsommer X31 7;oXX6v 
TO>peT6v bringt; Helios ClemSs, 44; Str 635 der Urheber aller Krankheiten ist, so 
ist er zugleich gleich dem Apoll der gesundende. 



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288 Spezieller Theil. 

Stürmen und Wettern erscheint, bekämpft und besiegt. In Wirklichkeit 
ist hier also kein Unterschied von den bekannten Kämpfen des Gottes 
gegen die Unholde der Finsterniss, wie sie in winterlichen Überschwem- 
mungen und sonst ihre Kraft äussern. Aber obgleich das Meer nur 
durch die Stürme und Wetter selbst in Aufruhr, versetzt wird und daher 
die wilden Meereswogen keine selbständige Kraft und Bedeutung haben, 
so glaubt der Schiffer doch die direkte Einwirkung des Sonnengotts 
auch auf das Meer selbst zu erkennen: mit seinen goldnen Lichtpfeilen 
scheint Apollon unmittelbar das Meer und seine Wogen zu treffen; er 
beruhigt mit seinen Strahlen die wilde Bewegung; er glättet die auf- 
und abwogenden Gewässer; er bereitet dem Schiffer von neuem die 
leichte sichere Fahrt»). 

Wenn so der Sonnengot der Erde wie dem Meere, den Geschöpfen 
jener wie dieses sich im höchsten Grade als ein Gott der Güte und 
Gnade erweist, so kann es nicht auffallen, dass er für alle Gläubigen 
der höchste Schutzgott, der Abwehrer von Noth und Unglück, der Heil- 
bringer und Heiland geworden ist. Ihm errichtet der einzelne Haus- 
herr vor seinem Hause Säule und Altar um so des immer gegenwärtigen 
Sonnenlichts eingedenk zu sein; ihm als dem anwesenden Zeugen und 
Vertreter von Recht und Wahrheit bringt der Priester ein Opfer vor 
der Versammlung und Berathung des Volks; ihm als dem Vorbilde 
und Schützer vor allem der Jugend bringt der Jüngling das Haar zur 
Weihe dar. Denn das Sonnenlicht ist es welches dem Manne erst die 
Möglichkeit des Schaffens und Wirkens gewährt; welches als das auf- 
deckende und ans Licht bringende über allem rechten und wahren 
steht; welches als das lebenschaffende und lebenfördernde besonders 
der Jugend sich freundlich zuneigt dass sie wachse und gedeihe und 
gleich den Saaten des Feldes reife zu edler Frucht. Lässt die Sonne 



*) Apoll £(ißdaio€ Ap 1,404* woffir auch laoöviog SchAp 1,966; ixßdoio^Ap 
1,966; iTctgaxYJptog P2, 32, 2; allgemeiner ^avatog Hes; iupöoXog Hes; MupTij^oc 
C5138; SopbAi 702. Helios und Apoll namentlich an Küstenplätzen verehrt, 
Apoll dcxxalog, äxxtog Ap 1,404; StrsSS; eine grosse Zahl von Vorgebirgen ihm 
geweiht. Anschaulich schildert die Thätigkeit des Sonnengotts die Apd l, 139 
berichtete Sage wonach Apoll xogauGag x^ ßiXsi el( xrjv d-dXaoaocv bei schwerem 
Sturme aus der Höhe xaxi^axpacpev : daher Apoll al^Xi^xr^g der Insel Anaphe Str 
484; Ap4, l694ff. Apoll AeXcpCvioG, obgleich ursprünglich in Bezug auf dea über- 
wundenen AeXqpuvYjg, ist später in Anknüpfung an den Seeapoll auf den Delphin 
bezogen, daher Apoll selbst H 2, 222 die Gestalt des Delphin annimmt; SchArat 
316; 61. cer. 2, 6; allg. Preller Aufs. 244ff. Hierher wird auch die Sage von dem 
Sonnenbecher gehören der ursprünglich das Wolkengeßss bezeichnet, in dem 
die Sonne zu ruhen und sich fortzubewegen scheint Pisander 5 ; Panyas 7 ; Pherec 
33h; Apd 2, 119, ist dann aber auch auf die nächtliche Fahrt übertragen die der 
Glaube den Sonnengott bei seiner Okeanosfahrt von W. nach O. machen Hess 
Ath 11, 38. 39 (Mimnerm 12 setzt statt d, Bechers eövi^ — xoUXyj). 



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QiOo^z 



Sonne. 289 

alles was es giebt auf Erden wachsen, so muss auch das Haar, an dem 
das Wachsen des Menschen ja am sichtbarsten zum Ausdruck gelangt, 
unter dem besondern Schutze dieser wunderbaren Sonnenmacht stehen 
und es ist nur ein Gebot der Dankbarkeit, wie von den Früchten des 
Feldes so auch von dem Haare ein Opfer dem Sonnengotte darzubringen. 
Und wie die Sonne es ist, die allen Ordnungen der Welt erst die Mög- 
lichkeit ihrer Existenz wie die höhere Weihe ihres gedeihlichen Wirkens 
schafft, so ist Apollon zum Schirmherrn aller städtischen und staat- 
lichen Ordnung, der Familie und des Geschlechts, des Stammes und 
des Bundes geworden. Und wie im Sonnenlichte der Mensch dankbar 
all das beschliesst und zusammenfasst was es für ihn erfreuendes und 
erquickendes, gedeihliches und schirmendes giebt, so wendet sich der 
Gläubige auch an den Sonnengott Apollon in jeder Noth und nicht 
vergebens mit Gebet und in feierlichem Gesänge. Denn er, der Sonnen- 
gott, ist der Träger der höchsten Weltordnung, wie er der Geber alles 
Lebens, der Förderer alles Gedeihens, der Schöpfer aller Freude und 
Lust ist. Er wird zum Mittelpunkt dem Einzelnen wie der Gemeinde 
für ihr Leben und für ihre Wohlfahrt; für ihr Wirken und für ihr Ge- 
deihen; für ihren Frieden und fiir ihre segensreiche Entwicklung*). 
Eine neue Ideenreihe knüpft sich an den Sonnengott als Träger 
der Zeiten. In ihm der seine verschlungene Laufbahn am Himmel 
dennoch mit nie fehlender Sicherheit zu Ende zu führen weiss schliesst 
sich der grosse Kreis zusammen, der allem irdischen Leben Maass und 
Ziel setzt. So wird er nicht nur zum Führer und Träger der kleineren 
Mondkreise, die sich ihm und seiner Satzung unterordnen müssen, er 
wird selbst zum Ordner und Gesetzgeber der Welt, die sich ihm und 
seiner Satzung zu unterwerfen hat. Denn im Jahreskreise vollzieht 
sich, es ist schon wiederholt darauf hingewiesen worden, die grosse 
vorbildliche Ordnung des Himmels und das Leben der Erde ist nur 
ein Produkt, ein Widerschein, ein Abbild jenes höheren himmlischen 
Urbilds 2). 

1) Helios xeptpfjjißpoxoc |i269; own^p P 8, 31,7; AeschSu2i3; iXs\}Hpoz P 2, 
31,5; Apoll dXefCxaxoc Ca 3, 177; P 8,41,8; ÄTcoTpOTcatog C464; Dem 21, 53; 
AristV 161 ; in-fpioo^ Bull 1 1, 301 ; imxoöpto; P 8, 30, 4; ocöxijp SophOR 150. Auch 
die Cultnamen li^io^, naifiCDv (daher das Gebet It) Iy) 7cocii)ov) uä haben ursprüng- 
lich wohl die allgemeinere Bedeutung des Helfens u. Rettens^ gehabt und sind 
erst später in spezielle Bez. zur Heilung gebracht. Koupoxpö^o^ (xo6peos Bull 4, 
168: xoüpWto« Hes) Hsd 347 etc; TCpoordTTjg (-liptog) Hes; Ca 2, 392; 3, 178; SophE 
637. Apoll vor den Häusern SchEurPh631; Schwur der Heliasten Poll8»122; 
vor der Volksversammlung Ca 2, 390 uo; auch gern auf den Märkten. Apol 
Ytvixcop Macr3, 6, 2; *PX^T*€ "^oö y^voüg PlutDem40; C3595; ncKxp^o^ Harp; Mltt 
2, 186 (Phratrieen); imxa)|iaro^ Theophr f 97; olxiToc P 3» 13i 3; ^pio« P 2, 35, 2; 
**<ViO€ P 5i 15, 7; gäviog C 22146 etc. 

^ Apoll Ao^ioLQ PdP 3, 28; 11, 5 etc bezeichnet den von der normalen Bahn 

Gilbert, Gmt«rlebre. 19 



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2go Spezieller Theil. 

In dieser seiner innersten Beziehung zur Zeit ist nun der Sonnen- 
gott zugleich der Träger dessen was die Zeit auch in der Zukunft bringt. 
Denn als den Inhaber der Zeiten, der gegenwärtigen und der zu- 
künftigen, muss ihm auch das untergeben sein was dieselben mit sich 
führen, das Schicksal und die Strafe, das Gedeihen und die Vernichtung. 
Wie in älterer Auffassung die Mondschwestern es waren, die in ihrem 
Kommen und Gehen die einzelnen Ereignisse heraufführten aus dem 
Schoosse der Zukunft und die in diesem Mitsichführen aller Dinge als 
die Besitzerinnen und zugleich als die Wisserinnen der letzteren er- 
schienen: so ist es in jüngerer Auffassung der Sonnengott, der als der 
eigentliche Herr der Zeiten zugleich als Eigentümer, als Inhaber, als 
Wissender ihres Inhalts dh der kommenden Dinge erscheint. Es ist 
daher nur eine Folge, ein Ausfluss seines natürlichen Wesens, wenn wir 
Apoll als Inhaber aller Mantik kennen lernen. Und es ist weiter nur 
eine logische Folgerung, eine nothwendige Entwicklung, wenn Apoll 
in dieser seiner Herrschaft über die Zukunft und deren Geheimnisse 
an die ältere Periode anknüpft; seine Mantik den Mondschwestern ent- 
lehnt, der Mondschwestem als der älteren Inhaberinnen der Zeitgeheim- 
nisse sich bei seiner Weissagung bedient und so auch in der Mantik 
die Unterordnung des Mondkyklos unter den Sonnenkyklos zum Aus- 
druck bringt^). 

Mit der Mantik ist die Musik eng verbunden und Apollon gilt 
als Meister der Kithar. Auch diese Anschauung hat, wie schon früher 
bemerkt, ihren Ausgangspunkt in rein naturalistischen Momenten. Der 
Sonnengott, wie er einsamen und feierlichen Ganges durch den Himmels- 
raum schreitet und die sanften oder mächtigen Weisen seiner Wind- 
musik erschallen lässt, ist selbst der Träger der Windkithar. Freilich 
eine ältere Auffassung führte diese Windmusik auf den Dunkelgott 
zurück und der Glaube hat das nie vergessen, da er dem Apoll seine 
Laute erst von dem Dunkelgotte geschenkt werden Hess. Und da der 

abweichenden Sonnengott wie Xo^dg Theogn 536; Tyrtil,2 ctc die von der 
natQrlichen abgekehrte Richtung bedeutet; vgl. Dox 353a, liff. Später hat man 
das Wort auf die Xogol XP*"!^©^ gedeutet. Über Apoll MoipttYiTiQg* KoDOotfivr^ etc 
oS 134 u. Kap. 11. So heisst es auch von Helios Eur937 ödöv fjpftXxoLi Tttpociiöp- 
<potc ö)pat€ ^tiiyob^ ÄpjjLOvCq: TtoXöxapnov 6xw^i Plato rep 7, 2 von ^Xiog 6 xd^ Äpog 
icapix«)*^ — c^c; ähnlich Apoll <i)po^l£öü)v C2342; (bpCxTjc Lyc 352. 

') Apoll empfängt als naX^ die Mantik von den Thrieen H 3, 550ff. Mdvnc 
AeschAl202; E iff; 62 laxpöjiavxtc ; allwissend PdP3, 28f; der Lüge unfähig 6, 
49flf (67); P9, 42; EurJ825; Theogn 807. Zugleich aber handelt der Sonnengott 
nur im höheren Auftrage des himmlischen Vaters Soph 793; AeschE 19; H 1, 132; 
3, 468flf; Callim2, 29; Servl,20. Auf die mantische Praxis des Apollcults, die 
sich in Delphi an ältere Phasen der Orakelstätte anschloss, kann hier nicht ein- 
gegangen werden, vgl. Welcker 2, l ff; besondere Spezialität die Würfel- und 
Buchstabenorakel der Milyas Kern Herrn 25, 31 3ff. 



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Sonne. 201 

Cult, wie er in Delphi, auf Delos und andern heiligen Stätten gehand- 
habt wurde, ein grosses Gewicht auf die Musik legte, so ist auch Apoll 
selbst damit im Glauben immer kunstverständiger in der Ausübung 
derselben geworden und so erscheint er als der musische schlechthin, 
gegen den alle andern Pfleger dieser Kunst zurücktreten müssen. 
Wenn die Kunst den Gott in langem wallenden Gewände die Kithar 
in der Hand dahinschreitend darstellte, so brachte sie darin nur die 
traditionell aus Alters Zeit stammende Auffassung des in seinem Wolken- 
gewande die Windmusik erschallen lassenden Sonnengotts zum Ausdruck. 
Und wie auch nach dieser Ricktung wieder die Mondschwest^rn in 
ihrer Beziehung zu den himmlischen Wassern und Winden im Glauben 
vorausgegangen waren als Inhaberinnen der Windmusik, so ist ApoUon 
auch auf diesem Gebiete der Erbe älterer Anschauungen geworden; er 
ist fortan der Führer und Leiter der Musen, deren er sich als der 
Schützerinnen von Gesang und Musik bedient, denen er feierlich und 
majestätisch voranschreitet*). 

Wenn wir so den Cult des Sonnengotts aus seinen natürlichen 
Elementen heraus sich tiefer und edler gestalten sehen, so tritt dieses 
deudicher noch in der Apollinischen Kathartik hervor. An und für 
sich schon gilt der Sonnengott als reine und sittliche Persönlichkeit, 
die wie sie das finstere hasst, so auch das wahre und gute vertritt. 
Bestimmter aber noch ist dieser Gesichtspunkt in Apollon ausgebildet, 
der charactervollen originalen Persönlichkeit wie sie sich aus dem 
Helios heraus entwickelt hat^). Hat Apollon selbst durch die Tödtung 



1) Apoll erhält die Leier von Hermes H3, 4i8ff; der letztere erscheint 
durchaus als der natürliche Pfleger der Musik. Wenn daher Apoll H 2, 336ft ein. 
herschreitet xaXi x. Gc|;i ?t?a{, qpdpiitYT' *^ X®^P*^^^^ «X<«>v, 4paxöv xt^opd^^oDv (vgl. 
H2, 4ff; AD 3^ 50; AKD 2, 149 uo) so hat er diese Windmusik eben von dem 
Dunkelgoit Hermes. Apoll öovdxxoc^ Hes; aOXTrjmjg Münzen Mionnet Siippl. 6» 235; 
Alcm 102; P 5, 7, 10; dpXT^oxV/^ Pd 148; axiaorr^j Lyc56l. So erfreut er schon 
A0O2f! die Götter (vgl. PdN 5, 22ff; P5, 18, 4 etc mit den Musen vereint), wie 
anderseits er wieder A 472ff der Gegenstand des Gesangs der Achaeer Ist, und 
zugleich er auch A470 selbständig über den Wind Macht hat. Später hat gerade 
d. Umstand dass der Dunkelgott wie der Sonnengott Inhaber der Windmusik ist 
Anlass zu mannigfachen agonistischen Sagen gegeben, so Marsyas und Apoll. 
Weissagung aus Klängen P 9, 11,7: ix Sd^vY)^ in Delphi H2, 2l4f. Dass diese 
Windmusik sich speziell an den Hirten Apoll dh an die alte Zeit seines Cults 
knüpfte geht auch aus EurAl 5696 hervor: man hat hier mit Recht den Nachklang 
alter Volksgesänge gesehen. Ap. Houaetog Cs],36 etc. 

2) Helios als Zeuge alles auf der Erde geschehenden F 277; H5, 26. 02; 
^270f; 302; AeschChpSs; daher als Zeuge des Unrechts angerufen AeschPr9l; 
SophAi857 und um Rache angefleht AeschA 1323: SophOC 869. Daher er selbst 
PdO 7, 60 ayvö^ ^*^; SophOR I425I. In den Orphischen Dichtungen wird die 
heiligende Thätigkeit des Helios oft hervorgehoben; vgl. SchPdO aO 6 Äyvi^^tv 

19- 



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292 Spezieller Theil. 

des Dunkeigotts, auch wenn dieser zum Drachen erniedrigt war, immer- 
hin doch eine Schuld sich zugezogen, die der Sühnung bedarf, so hat 
er auch freudig diese Busse auf sich genommen, um nach Leistung 
derselben wieder rein und schuldlos der Welt sich zu zeigen. Es ist 
selbstverständlich dass auch hier der Glaube an die natürlichen Be- 
dingungen angeknüpft hat. Sie hat, wie schon oben bemerkt, den 
Weggang des Gottes im Winter als die Strafe für jenen Mord gefasst; 
sie hat die Dienstbarkeit desselben, wie sich diese in seiner Unter- 
ordnung unter das winterliche Dunkel zu gestalten schien, gleichfalls 
als Busse für sein Thun sich gedacht; sie hat endlich die Regenströme 
des Winters, unter und in denen der Sonnengott selbst sich zu be- 
finden schien, wie eine Waschung desselben genommen. Denn wie 
alle sittlichen Begriffe aus natürlichen Momenten erwachsen sind, so hat 
sich auch die Idee der Sühne unmittelbar an die äussere Reinigung 
angeknüpft: wie der Schmutz durch Waschen, durch ein Abspülen mit 
Wasser beseitigt wird, so hat sich auch die Reinigung von der Sünde 
durch ein Abspülen, ein Abwaschen derselben vollzogen. Erst all- 
mälig hat sich dieser rein äusserlich aufgefasste Gedanke sittlich ver- 
tieft und hat auch auf Apoll seine Anwendung erfahren. Wie sich Apollon 
aber gern und freudig der aufgelegten Busse und Sühne unterzogen hat, so 
hat er damit auch nach dieser Richtung hin ein leuchtendes Vorbild 
gegeben, dass auch der mit Sünde und Schuld beladene Mensch willig 
der Busse sich unterwerfe. Denn wie der Gott selbst dieser Busse sich 
unterzogen hat, so straft er auch den der nicht freiwillig dieselbe auf 
sich nimmt und ist ein furchtbarer Rächer für alle Sünden und Ver- 
brechen. Diese Seite im Wesen des Gottes hat die hellenische Ethik 
in bewunderungswerther Weise ausgestaltet und hat sich damit selbst 
ein glänzendes Zeugniss ihres tiefen und mächtigen Erfassens von 
Sünde Schuld und Sühne gegeben*). 

So sehen wir Helios- Apollon aus der rein äusserlich und sinn- 
lich erfassten elementaren Erscheinung der Sonne Schritt für Schritt 
heraufwachsen zu dem idealsten und geistigsten aller hellenischen 
Götter. Ist die Sonne thatsächlich der Urquell alles irdischen Lebens, 
so entspricht dem der Glaube, der in Helios-Apollon den Vater und 



rg dxtlvt duvdpAvoc. In ganz gleicher Weise Apoll B 371 ; A 288 uo; Ayv^g ^^6 
AeschSu2l4; PdP 9, 64. Helios u. Apoll vereint AeschSu 2 1 2ff uo. Plato leg 12, 
3 lässt ein gemeinsames xiptsvo^ d. Apoll u. Helios errichten als Vorstehern des 
Rechts u. der Wahrheit, wo die Hervorhebung der Tporcol '^XCou noch die be- 
stimmteste Beziehung zum Jahreskreise zeigt. 

1) Vgl. hierft&r namentlich AeschEum und dazu OMQller Eumeniden. Apoll 
xotd'dpoio^ AeschE 63. Der BQssende {lytArr^i, npo^pönaxo^) wendet sich an Apoll, 
daher dieser XtTalo^ Bull 2, 509; Jxioiog JoumiO, 43ff; yögiog PhilHer p. 309, 
32 etc. 



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Sonne. 293 

Erzeuger aller Wesen erkennt. Schafft die Sonne in ihrer Tagesexi- 
stenz wie in ihrem Tageslichte allein die Möglichkeit des Lebens und 
Schaffens, des Wirkens und Arbeitens, so drückt der Glaube diese 
Thatsache darin aus dass er in dem Namen des Helios-Apollon alles 
Leben und alle Lust zusammenschliesst. Ist die Sonne die Vertreterin 
der Wahrheit, die Feindin des lügnerischen Dunkels, der verheim- 
lichenden Finsterniss, so wächst damit Helios-Apollon zum Gott der 
Wahrheit und des Rechts, zum Feind und Verfolger aller Lüge und 
aller Falschheit, alles Bösen und aller Sünde empor. Mit einer wunder- 
baren Energie hat der hellenische Geist so die rein natürlichen Mo- 
mente, wie sie das Wesen und die Erscheinungsformen der Sonne 
boten, aufwärts geführt und umgebildet zu sittlichen und intellectuellen 
Factoren und damit die Naturerscheinung der Sonne selbst zu einer 
tief geistigen hoch idealen Persönlichkeit ausgestaltet. 

Nachdem wir so den echthellenischen Sonnengott Helios-Apollon 
einer genauen Betrachtung unterzogen haben, wenden wir uns jetzt 
zum phrygisch-thrakischen Sonnengott Zeus-Dionysos. Denn der 
phrygische Zeus und der thrakische Dionysos weisen in den wesentlichen 
Momenten eine solche Übereinstimmung auf, dass wir berechtigt sind 
sie als einen und denselben Cult aufzufassen. Und wenn es auch 
sicher zu sein scheint, dass der von Kreta ausgegangene Zeuscult 
mannigfache Trübungen durch semitische Einflüsse erfahren hat, so 
bleibt doch der eigentlich phrygische Charakter desselben in der Haupt- 
sache erhalten^). 

Auch Zeus-Dionysos führt ein Tages- und ein Jahresleben. Da 
das erstere aber in Glauben und Cult sich ganz dem letzteren unter- 
ordnet und in dasselbe aufgeht, so mag es gestattet sein, beide Kyklen 
unter einen Gesichtspunkt zusammen zu fassen. Wir betrachten daher 
zunächst das Leben des Gottes, wie es im Tageslaufe und im Jahres- 
kreise innerhalb und ausserhalb des Himmels sich vollzieht, um sodann 
die Einwirkung des Gottes auf das Leben der Erde und ihrer Geschöpfe 
zu behandeln. 

Was zunächst das Leben des Sonnengotts Zeus-Dionysos am 
Himmel betrifft, so bildet natürlich den ersten Akt desselben die Ge- 
burt des Gottes. Die Geburt des Zeus auf Kreta ist ein feststehendes 
Dogma des hellenischen Glaubens und der hier geborene Sonnen-Zeus 
ist ein völlig anderer als der hellenische Himmelszeus. Sehen wir uns 
aber die Berichte über diese Geburt des Zeus etwas genauer an, so 
tritt in ihnen sofort die völlig veränderte Auffassung gegenüber der- 
jenigen von der Geburt des hellenischen Helios-Apollon uns entgegen. 



*) Ober Zeus oS 143; Henrychowski Prinowraziaw 1879. Dionysos Volgt- 
Thraemer ML l» I029ff; Winter Jakchos Bonn. Studd. I43ff. 



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294 Spezieller Theil. 

Denn wenn die Geburt des letzteren sofort wie die volle Offenbarung 
von Glanz und Licht erscheint, so zeigt umgekehrt die Geburt des 
Zeus die völlige Abhängigkeit vom Dunkel, ihren engen Zusammenhang 
mit demselben, wie die Nothwendigkeit des Dunkels und seiner Erzeug- 
nisse für das Leben des Sonnengotts selbst. Während der Nacht ge- 
boren, tief in der Höhlung der Erde versteckt gehalten, führt der Gott 
längere Zeit ein völlig verborgenes Leben. Wenn hier, wie es zweifellos 
ist, das Jahresleben des Gotts für die ganze Vorstellung entscheidend 
wird, so kann diese Geburt wie Verborgenheit nur auf den Neubeginn 
des Jahreslebens der Sonne sich beziehen, der kaum sichtbar im Dunkel 
der Erde wie des Himmels verborgen fast unbemerkt sich vollzieht. 
In der Tiefe der Erde während der Nacht weilend und auch während 
des Tags, wenn sie sich auf kurze Zeit an den Himmel emporwagt, 
hier von den Wolken umgeben und verdeckt, führt die Sonne in den 
ersten Zeiten nach der Wintersonnenwende ein verborgenes Dasein. 
Die Geburt des Zeus während der Nacht in der Höhle*) bezeichnet 
also den Aufenthalt des Sonnenkindes in der Tiefe der Erde, von wo 
es ja Morgens aufsteigt und wohin es wie zu seiner eigentlichen Be- 
hausung immer wieder zurückkehrt. Es ist das Dunkel und die Ver- 
borgenheit der Erdtiefe oder der Unterwelt, die hier zur Geburts- wie 
zur Heimstätte des Lichtes wird. 

Und weiter drückt auch die Auferziehung des Kindes durch die 
Nymphen, wie die Pflege und Ernährung desselben durch die Ziege 
und durch die Bienen die Abhängigkeit seines Gedeihens und Er- 
starkens von dem Dunkel und seinen Erzeugnissen aus 2). Das ganze 

^) Hsd 468ff betont dass die Geburt des Nachts geschah; die Erde nahm den 
Neugeborenen auf, wo er ävxpq) 4v fjXtßdxq) Ca^^C ^^^ x«60«ot fodri^ verborgen 
wurde. Wahrend Hsd vom Diktegebirge spricht ist das 'löalov dvxpov gleichfalls 
Stätte der Gottesgeburt. Vgl. DionHi, 6l; Apdl,5; Dd 5, 70; Plato leg 1, l ; 
TheophrCpl3, 3i4i Ap3, 134; AntLib 19; 36; Moiro Ath 11, 80; Porphantr20; 
vPytbl7 etc; Calliml,48 XCxvq) ivl XP^^^» ^'^ Höhle in der der Sonnengott 
geboren wird und in die er Abends bezw. im Winter zurückkehrt ist also die 
Unterwelt u. daher gleich der Höhle des Kronos: daraus folgt keineswegs die 
Identität des letzteren mit Zeus, wie MMayer ML 2, 1 531 ff will. Über die höchst 
interessanten Funde in der Idaeischen Grotte Fabricius Mitt 10, 59ff; Museolt 2, 
öQOff; Trendelenburg AAnz 1 890, 22ff. 

^ Die nährende Ziege Amalthea (angedeutet Hsd 'AiyaCq) ivÖpst; vgl. Hes 
öwopeöc) Calllm l,48f; Apd 1, 5; Dd 5» 70; SchB 157; AntLib 36; Musaeus 7 (HygA 
2, 13) wird die aXg von der Amalthea unterschieden; HygA 2, 13 tritt die Doppel- 
natur dieser Ziege hervor. Die Ammen 0i|it€ und Amaltheia Musaeus?; Callim 
1,43 nennt ^ N6}iqp7), sodann AixxaTai MtXCai, von denen Adrasteia und Amaltheia 
namentlich; Apd i, 5 als Töchter des Melisseus Adrasteia und Ida, die Amalthea 
von ihnen geschieden; Dd 5, 70 Nymphen, die Honig und Milch zur Nahrung 
mischen, daneben die Ziege; Ap3, 133 ^iXri xpocfög 'AÖpYJoxeta; Arat 33f. 2 Nymphen. 
Vgl. Wernicke AZ 43, 229ff; Imhoof-Blumer AJb 3, 289f. 



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Sonne. 295 

Altertum wird von dieser Anschauung beherrscht dass die Sonne aus 
den Wassern des Himmels ihre Nahrung zieht. Und wie diese himm- 
lischen Wasser in den Wolken enthalten sind, wie sie zugleich aber 
in engstem Wechselverhältniss zum Monde stehen, der selbst wie der 
grosse Wassererzeuger aufgefasst wird, aus dem alles himmlische Nass 
seinen Ausfluss hat: so erscheinen auch die Wolkenfrauen wie die 
Mondtöchter als die Pflegerinnen und Nährerinnen des Sonnenkinds, 
das aus ihnen und von ihnen seine Nahrung empfängt. Haben wir 
schon früher gesehen und werden wir noch weiter sehen, wie der 
antiken Weltanschauung Mond und Wolke zusammenfliessen, die Mond- 
erscheinung nur wie die leitende Persönlichheit, das Haupt der Wolken- 
bildung gefasst wird, so werden wir uns auch nicht wundem, wenn 
Nymphen und Ziegen, als Pflegerinnen und Ammen des Sonnenkinds, 
und wieder Frauen und Bienen in einander übergehen und neben der 
Ziege und den Ammen und den Bienen auch noch Tauben und Adler 
erscheinen^). Es sind das nur verschiedene Auffassungen und Formen 
einer und derselben Vorstellung: das Sonnenkind empfängt seine 
Nahrung von dem himmlischen Nasse der Wolken, welche wieder ihrer- 
seits mit dem Monde aufs engste zusammenhängen. Auch hierin tritt 
uns also derselbe Gedanke entgegen, den wir auch in der Geburt des 
Gottes ausgedrückt fanden: die Abhängigkeit des Sonnengotts vom 
Dunkel, seine Unterordnung unter das letztere in den ersten Zeiten 
seines Jahreslebens. Während in Apollon zwar dieselbe Anschauung, 
aber insofern durchaus verändert erscheint, dass seine Abhängigkeit 
vom Dunkel in der zweiten Hälfte seines Lebens, während des Über- 
gewichts des Dunkels im Winter statt hat, beginnt in der Gestalt des 
Zeus dessen Leben mit einer solchen Abhängigkeit. Im Wesentlichen 
ist diese Differenz darin begründet, dass der Cult des Zeus-Dionysos 
mit der Wintersonnenwende beginnt, derjenige des Apollon dagegen 
mit dem Frühling. Daher die Geburt des einen unter dem Übergewichte 
des Dunkels statthat, die des andern die sofortige siegreiche Gewalt 
des Lichts zur Offenbarung bringt. 

») Callinil,47 MsXtat — daneben 50 IlavaxpCdoc epya luXtooyjc; Apd l, 5 
Töchter des Melisseus; Dd 5, 70 iiiXi x. y^* jiCoYOUOtv; AntLib 19 [epocl jUXtooat, 
die Dd 5, 70 wunderbare Eigenschaften entwickeln, daher SchPdP 4, 104 MiXtoaat 
Bezeichnung: der Demeterpriesterinnen, wie anderseits Porph antr 19 auch die otXi^vT) 
selbst \i.iXiaaoL Über die Auffassung; des himmlischen Nasses als Milch u. Honig: 
oS 97ff. Mischung von Milch u. Honig (PdN 3, 77) im Cult; Ztug MeXtooalog Hes. 
Hyg 1 82 wirft Ziege (Amalthea) und Nymphe (Adrastea) als Melissi filiae und Jovis 
nutrices zusammen und bezeichnet sie zugleich als nymphae Dodonides (Najades) 
dh als Mondjungfrauen, daher deposita senectute in juvenes mutatae; zugleich bringt 
er sie mit dem Sternbild der Hyaden zusammen. Tauben und Adler Moiro Ath 
11,80. AntLib 36 bringt auch den Hund (über den oS 81) mit herein. Verbin- 
dung mit dem Baume und interessante Einzelheiten Rossbach RbM44, 43lff. 



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296 Spezieller Theil. 

Und diese Abhängigkeit des Sonnenkinds Zeus von dem Dunkel^ 
wie sie sich in seiner Geburt und seiner ersten Ernährung zeigt, tritt 
nicht minder in seinem Verhältniss zu den Kureten hervor. Erscheint 
auch Apollon in engster Verbindung mit dem Dunkelgotte Hermes, der 
in der Wolke ihn begleitet, ihn trägt oder auch seinerseits von der 
Sonne getragen oder gehalten wird: so sind die Kureten die in der 
Vielheit erfassten Wolkenjünglinge, die mit dem Lärm ihrer Windmusik 
den Sonnengott umtanzen und umtoben und ihn so den Blicken ent- 
ziehen^). Es ist aber durchaus richtig wenn alle diese Bemühungen 
gerade dem Sonnen kinde gelten. Denn je älter und selbständiger 
das letztere in seinem Jahresleben wird, desto mehr emancipirt es sich 
von den Gestalten und Erscheinungsformen des Dunkels, um immer 
mächtiger und gewaltiger werdend schliesslich selbst frei und unab- 
hängig am Himmel seine Bahn zu wandeln. Man darf es nach dem 
gesagten als sicher ansehen, dass der Cult den Jahreskyklos des Sonnen- 
zeus in der Weise zum Ausdruck gebracht hat, dass er zur Zeit des 
kürzesten Tags in jedem Jahre neu die Geburt des Gottes gefeiert hat. 
Und zwar ist anzunehmen dass dieses in der Nacht geschehen ist, 
welche der Wintersonnenwende folgt^). 

Der Mythus von der Geburt des Sonnenkindes Zeus ist also auch 
seinerseits der unmittelbarste Ausdruck der in der Natur dh am Himmel 
sich vollziehenden Erscheinungen. Scheint die Sonne, wie wir noch 
sehen werden, im tiefen Winter, wenn ihre Kraft immer mehr ermattet, 
sie selbst völlig verschwindet, zu sterben, so fällt dem Menschen die 
Geburt bezw. die Neugeburt des Gestorbenen mit dem Wieder erstarken 
des Lichts zusammen. In allen entwickelteren Religionen ist die Zeit 
zwischen den kürzesten Tagen und denjenigen, an welchen das Wieder- 
erstarken des Sonnenlichts mit Sicherheit festzustellen ist, als eine 



*) Die Kureten in der Phoronis 3 als aöXyjxaC und ^payes bezeichnet; Hsd 
129 qptXoTcafYP-ove^ dpx'>^<JT?Jpe^ ; Callim 1, 52fF umtanzen sie im Waffentanz den jungen 
Zeus; DionHi, 61 Tpd^ouoi vsoYvöv övxa; Apd 1,5, evonXot &v x(^ Ävxpq) t6 ßpi^og 
cfuXdcooovxeg xolg ööpaot xw; dorctöa^ ouvixpouov; Dd 5, 70; Str468; 47 if TnOT^^^ 
xal x^'^^^^^^Hj At^C "cpoqpstg xal cpöXaxs^; Porph. antr. 20. Dass übrigens die 
Kureten als Wolkendämonen auch feindlich gegen d. Sonnenzeus auftreten können 
zeigt AntLib 19, wo die 4 in die Höhle eindringenden keine andern sind als die 
Kureten. Zeus und ein Kuret Hiller vGärtringen Thera 18. Vgl. ailg. oS 263. 

2) AntLib 19 äv XP^vtp d^a)pia|xivq) dpäxat xaO«' Ixaoxov bzoq icXaloxov SxXdtjiicov 
ix xoö OTiYjXaCoü TtOp — öxav iyCQt-Q xö xoö Atög ix xf^ Yavioeü)^ atjia; Arat 34 ixps^ov 
sl€ ivtauxöv; Porph VPyth 17 xai^i^toev x(p Atl xöv oxopv6|jievov aöx(p xax' exo^ ^övov; 
allg. Str 468 xa xoO Atö^ — |jiex' öpyiaop-oO — Tcpooxigodjisvoi |iö^ov xöv Twpl xijg "coö 
Ai6g Y^vioecüg — . Bezeugt Hsd aO die Geburt des Gottes in der Nacht, so muss 
das auch der Cult zum Ausdruck gebracht haben, daher das ixXdjiTCOV ÄÖp; Eur 
475a Aiög 'lÖafoD tiöoiTj^ — xal vuxxnrdXou Zaypitü^ — P-Tjxpl dpsCqf öqtöotg dvaoxcöv; 
die nächtlichen Reinigungen PorphVPyth 1 7. 



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Sonne. 297 

furchtbare angesehen worden, in der die Welt von Licht verlassen 
erbarmungslos dem Dunkel preisgegeben ist In dem Mythus und dem 
Culte der Neugeburt des Sonnenkindes Zeus drückt sich der ganze 
Jubel der Menschenseele aus, die einst mit jedem Jahre neu zitterte 
dass es nun thatsächlich mit dem Lichte zu Ende sei, um desto 
schrankenloser aufzujauchzen, wenn die Thatsache sich als zweifellos 
herausstellte, dass es nun doch wieder mit dem Lichte aufwärts gehe. 
Durch Neuanzünden des Feuers hat der Cult die Neugeburt des Sonnen- 
kindes zum Ausdruck gebracht. 

Vergleichen wir mit der Geburt des Zeus die des Dionysos, so 
tritt zunächst ein höchst characteristischer Vergleichungspunkt hervor: 
die doppelte Geburt. Denn wenn die Verschlingung des Zeus durch 
Kronos und sein Wiederausspeien auch im Mythus verschleiert erscheint, 
wir können nicht zweifeln, dass sie ein ursprüngliches Moment des- 
selben gebildet hat. Und in sehr ähnlicher Weise wird auch das 
Dionysoskind im Leibe des Vaters verborgen, um aus diesem wieder 
heraus geboren zu werden. Dieses Moment ist aber ein so eigentüm- 
liches, dass wir uns durch dasselbe von der ursprünglichen Identität 
des Zeus und Dionysos tiberzeugen lassen dürfen. Wird der Sonnen- 
gott einmal aus der Mutter Erde oder der Mutter Nacht herausgeboren 
ans Tageslicht, so erscheint er keineswegs ständig nach seiner Geburt 
am Himmel, er verschwindet im Gegenteil hier speziell in den ersten 
Monaten nach der Wintersonnenwende in dem durch die Wolken ver- 
hüllten Himmel selbst, um erst nach einigen Monaten zu kräftigerem 
und sichtbarerem Leben aus dem Himmel wieder hervorgeboren zu 
werden 0. Aber auch sonst treten uns die bestimmtesten Gleichungen 



») Dionysos Sohn der Semele S 325; H 7, 1. 57f. 26, 2. 34,4. 21: Ober diese 
wie über Rhea Kap. 9. Wenn Hsd 466ff Kronos alle Kinder xaxiicive mit Aus- 
nahme allein des Zeus, statt dessen er XC^v verschluckte, während er später alle 
Kinder nebst dem Xi^o^ wieder ausspie, so ist anzunehmen dass der Cult eben an 
die Stelle des Gottes den Stein gesetzt hat. Die Geburt des Dionysos hatte 
Aeschylus in seiner ZejidXr) 219—223 behandelt; vgl. EurPh 648ff ; B iff; 64ff; Dd 
4*1—5; 3i62ff; Apd3, 26ff: Hyg 179; OvM 3, 253ff. Dionysos 7tüptY»VTJc Str628; 
Dd 4, 5 (PhilJ 1, 14 etc); daher das schützende Epheu ihn umschlingt, dh das Wolken- 
dickicht 0S65; EurPh 65 1 ff Seh (Ttepixiövio^ Mnaseas 18, localislrt EurB 6ff; f202; 
Pl,l2, 3f). Dionysos xtaaoxöjiifjc H 26, i ; Pd 75; xtaoo^öpog Pd0 2, 27; xtaadg 
P 1,31, 6. Die Doppelgeburt aus dem Schenkel des Zeus Pd 85 (mit den hier 
angef. Stellen); EurB96fl; 520fr etc. Daher der Cultname öt^pajjißog hierher be- 
zogen Pd85; Plato leg. 4, 15; EurB 526; Athi,54; Ötjn^xcop Dd4,4; 3» 62; Orph; 
elpo^puoTY}^ H 34, 2 ; Et. Darstellungen der Geburt des Dionysos aus dem Schenkel 
und seiner Pflege DAK2, 39lff; Siephani Cr 1861, uflf (das Kind mit der Fackel 
und der Inschr. Atög ^Ög)? Heydemann Dionysos' Geb. u. Kindheit. Halle 1885. 
Hermes, Silen, Pan, Satyrn, Nymphen (sämrotlich Wolkengötter oder Wolken- 
dämonen) wechseln als Pfleger des Knaben. Dionys ««i5«Tog Ca 2, 1 222, 



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298 Spezieller Theil. 

zwischen Zeus' und Dionysos* Geburt entgegen. Gleich dem Zeus wird 
auch Dionysos in einer Höhle geborgen, pflegende Nymphen oder 
Ammen nehmen sich seiner an und ziehen ihn auf. Sind diese Nymphen 
wieder die Wolkenfrauen, die mit dem eigenen Nass das Sonnenkind 
nähren, so ist anderseits Hermes der Dunkel- bezw. Wolkengott der- 
jenige der das Kind trägt und auf seinen Armen hält: verschiedene 
Bilder der einen Thatsache, dass der junge Sonnengott von dem 
Wolkendunkel umfangen, getragen, verdeckt, beschirmt wird. Und 
weiter ist auch Nysa, jener mythische Ort, an dem der Gott in einer 
Höhle in Verborgenheit aufwächst, nur eine der vielen Bezeichnungen 
der Westgrenze der Erde bezw. der Unterwelt, in die der Sonnengott 
immer von neuem wieder zurückkehrt und aus der er mit jedem Tage 
stärker, feuriger, mächtiger hervorgeht^). Und so erweist sich denn 
Dionysos auch nach dieser Seite hin als ein anderer Sonnenzeus, der 
erst sehr allmälig in seinem Jahresleben aus dem Dunkel zum Licht 
emporwächst, erst sehr allmälig seine Abhängigkeit vom Dunkel über- 
windet, um zum eigenen, ungebundenen Leben, zur freien ungehin- 
derten Entfaltung seiner mächtigen Gaben zu gelangen. Zeus und 
Dionysos sind Sonnengötter, deren Feuerwesen, durch den Kyklos 
eines Jahresumlaufs begrenzt, geboren wird, erstarkt und wieder ver- 
geht'). Sie drücken beide den mit der Wintersonnenwende beginnenden 



^) Das dtvzpoy H 26, 6; Dd4, 2; Proclus bei PhotB 230 etc; Ap4, 113lff; 
die pflegenden Ammen Z 132 xt^vat; H 26, 3fF etc. Erat 14 werden dieselben als 
AcöÖcöviötg, Hyaden, Atovöoou xpo^ol bezeichnet: ebenso des Zeus Hyg 182; Ernährung: 
mit Honig Ap 4, 11 36. Über Nysa schon oS 17; daher schon Pd 247 den Namen 
Dionysos von (Zeus u.) xfjg Nöoyjg xoö Spoug erklärt zu haben scheint. Terpander 8 
macht Nöooa zur xtdTJVYj des Dion. (Ca 3,351 xpo^ög; 3,320 vi)ji<;pY]); 3 Nöooi Mitt 
14,3; 3 Mainades Mitt 15,330 (Kern bei Wendland Beitr. z. Gesch. d. gr. Philos. 
u. Rel. 8lf). Nysos als Erzieher Hyg 131. 167. Vgl. Ober den Namen Fröhde 
BezzB2i, i85ff. 

^) Wenn bez. Zeus Hsd 492fr das xap7caX(|ia>^ d*äp liWLia. lUvog x. qpa(di|ia 
Yula T]ügexo xoXo dvaxxog als Resultat tm7cXo|JLiva)v ivtaiiXÖv dargestellt wird, so 
ist hier wieder der Umfang eines Menschenlebens als Maassstab angelegt; that- 
sächlich ist hier nur von dem Erstarken der Sonne im Laufe weniger Monate die 
Rede. Ähnlich Moiro Athli,8o Zeü^ xpi^txo [Uffx^—dtiitxo etc. Wenn Zeus 
Ambrosia d«' (oxeavoto fodcüv und vixxap ix «ixpTjg, Callim 1,49 '(X\}%b %ripio'^ ge- 
niesst, so kann man hier nur an das himmlische Nass und den Wolkenfelsen 
denken |ji 62. Ap 3, 135flf als Spielzeug des Zeus a-^alpa »uxpdxoXo^ — XP^oia xüxXo^ 
die er durch die Luft schleudert: hier ist thaisächlich der Sonnenball selbst zu 
verstehen — wie Apoll den Sonnendiscus schleudert: die ältere Auffassung der 
jüngeren untergeordnet. Dionys ist stets mit Feuer eng verbunden, da die Sonne 
der Urquell des Feuers: AristOaup, 122; EurB 597ff, seine Entwicklung anschaulich 
Aristid 4, wonach er zunächst in den Schenkel des Vaters eingenäht imibr^ d>paiIov 
f^v xaXiooc xd^ vuji^as XOst x6 jSdjijia — . 



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Sonne. 299 

Jahreslauf der Sonne aus, die keineswegs von der Epoche ihres Jahres- 
beginns an in voller Kraft, in siegreicher Erscheinung sich den Menschen 
offenbart, sondern die in den ersten Monaten ihres neuen Kyklos von 
den Wolken verdeckt, von den Wassern verborgen, vora Dunkel über- 
schattet ist. Fasst der Glaube alle diese himmlischen Erscheinungen 
als Personen, so gestaltet sich damit der Mythus, wie er sich an die 
Geburt und die erste Pflege des Sonnenkindes knüpft von selbst. In 
einer Höhle wird er geboren, die ihn dem Auge entzieht; Wolken- 
jungfrauen und Wolkenjünglinge umgeben ihn und verstecken ihn; die 
im Besitz des himmlischen Nasses gedachten Mondschwestem tränken 
ihn, indem sie ihn mit eben diesem himmlischen Tranke, den der 
Glaube nicht als ein gewöhnliches Wasser, sondern als himmlischen 
Wesens, als himmlischen Honig oder Nektar fasst, nähren und laben. 
So wird das Sonnenkind in und unter dem Dunkel geboren, wächst 
in und unter demselben auf und sammelt Kräfte für sein eigenes, sein 
freies und selbständiges Leben in den Monaten des Sommers. 

Wenn so der Sonnengott in seiner Geburt und in den ersten 
Phasen seiner Entwicklung völlig vom Dunkel in Nacht und Wolken 
abhängig ist, so wächst er, wie schon gesagt, allmälig aus dieser Ab- 
hängigkeit heraus und herrscht nun in freier Ungebundenheit in den 
himmlischen Gefilden. Dieser tägliche Zug des Gottes durch die weiten 
Räume, die ungeheuren Gebiete, wie sie sich dort oben ausdehnen, 
erscheint im Mythus wie ein grossartiger Triumphzug, den der Gläubige 
staunend von unten verfolgt. Immer stärker und gewaltiger, immer 
übermüthiger und siegesgewisser wird das Auftreten des Gottes. Zwar 
der Gegensatz des Wolkendunkels bleibt immer erhalten: immer noch 
umringen ihn die Wolkengestalten, die ihm einen Theil seines Wesens 
zu rauben suchen. Aber dieser Gegensatz der Wolkendämonen gegen 
den einen erhabenen Sonnengott gestaltet sich mehr wie ein Spiel, ein 
in tausend lustigen Scherzen sich bewegendes Treiben, das der gewal- 
tigen Persönlichkeit des Gottes nichts anzuhaben vermag. Denn dieser 
treibt wohl seine lustigen übermüthigen Spässe mit den ihn umtobenden 
Wolkengestalten: er lässt sich aber mit nichten in seinem Triumph- 
zuge durch sie aufhalten, da er unentwegt und ungehindert seine stolze 
feste Bahn verfolgt. Und immer gewaltiger wird zugleich die Kraft 
des Gottes^ der mit jedem Tage weiter aufwärts steigt am Himmel, 
immer neue Bahnen aufschliesst, grössere Strecken seiner himmlischen 
Laufbahn zurücklegt. Immer mächtiger lässt er sein Feuerwesen auf 
die Erde und ihre Geschöpfe ausstrahlen, immer glühender wird seine 
leidenschaftliche Kraft, immer stolzer und sieghafter seine Erscheinung. 
Wir, die wir mit der Sonne rechnen wie mit einer Trivialität und 
nicht wie mit einer die Welt beherrschenden, im Centrum alles 
irdischen und kosmischen Lebens stehenden Persönlichkeit, sind gänz- 



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300 Spezieller Theil. 

lieh ausser Stande in unserer Seele das auch nur annähernd nachzu- 
empfinden was einst unsere indogermanischen Vorfahren empfunden 
haben beim Anblick der Sonne, die höher und weiter ihre Kreise am 
Himmel ziehend wie ein wunderbarer, ein übergewaltiger Siegesfürst 
ihnen erschien, der alles Dunkel überwindend schöpferisch mit seiner 
Lebenskraft die Erde erfasst und beherrscht, belebt und befruchtet. 
Die Mythopoesie hat diesen Zug des Sonnengottes durch die weiten 
Strecken des Himmels mit immer wieder neuer Lust verfolgt und ge- 
staltet. Und all die Sagen und Bilder von den Scherzen des Gottes 
mit den Satyrn, Silenen, Panen, wie mit den Nymphen drücken immer 
wieder von neuem die immer neu und immer anders sich gestaltenden 
Wechselbeziehungen zwischen Sonne und Wolke aus»). 

Diese Verbindung des Sonnengottes mit dem Wolkendunkel tritt 
noch in einer Reihe einzelner Momente uns entgegen. Zunächst ist 
der Gott immer selbst ein lärmender, mit Geräusch und Tosen dahin- 
ziehender und mehr noch sind es die ihn begleitenden Wolkenfrauen 
selbst die jauchzend und schreiend den Gott umgeben. Es tritt uns 
hierin also die enge Verbindung der Sonne mit den Winden entgegen, 
die auch in Apollo, aber in andern Formen, zum Ausdruck gelangt. 
Im fröhlichen Zuge durch das himmlische Gefilde lässt der Gott seine 
Wind- oder Sturm töne erschallen, die bald als Musik bald nur als 
lustiges und wildes Geschrei erfasst werden. Und so ist auch Dionysos 
nicht nur der mit lärmendem Geschrei dahin ziehende, auch der eigent- 
lich musischen Gabe freut er sich und ist gleich dem Apoll Freund 
und Führer der Musen. Gesang und Tanz erfreut den Gott, denn er 
ist selbst nicht nur ein Wanderer sondern auch ein Tänzer, der in- 
mitten seiner Wolkenbegleiter auf und ab sich bewegend in fröhlichem 
Rhythmus dahinschreitet^). Auch hierin also knüpft der Mythus un- 

Sein Schwärmen H 26,8; Pd75; Anacr2; SophAninsff; EurB 135ff; 
AristR 3l6fF etc. Daraus wird später ein Durchschreiten oxftööv öXrjv tJjv oIxoü- 
jjivTjv Dd4, 2. Sein itatÖaywYÖg, xpo^ög, Feldherr Silen LucDion 2ff; Dd4, 4; 
Silene Aristid4; Satyrn EurB; Apd 3, 34; Hsd 129; Pan als xoptoxT^c Polyani,2; 
Plato leg 7, 88; P 2, 24, 6; SophAi öQSff; Aristaios Dd 3, 68ff (sämmtlich Wolken- 
götter). Nymphen Begleiterinnen H26, 9; Anacr2; SophOCöSo; Hsd 129; von 
Korybanten umtanzt Stephani Cr 1861, 28. Der ^Caaog Hes; EurB 532; Ath 8, 64 
etc ist eine unerschöpfliche Quelle für die bildliche Darstellung gewesen. Str 468 
nennt neben Silenen Satyrn Tityroi Bdcx^at Afjvai Bülat Mixo^övs^ NÄaöeg N6)iqpau 

3) H 26, 10 ßpöjiog: daher ßpö|itog uä Eur B648; Ath 11,13; H 26, l; 4pi- 
ßöa^ mit dvi|io)v jiavxiita Pd75; eüiog Et; Plut £19; loy^^y]; Hes; loxxo^ AristR 
402; Idoxxog E9 1887» 177, Z 21; ^dy.xo(; uä C2919; Syll 370, 149; Bacchyl 19,49; 
P 2, 2, 6 (Mt Baxxtwv etc, ßocxxiueiv Dd 4, 3; eOd^eiv SophAn 1135); lärmende Fest- 
feier T'jpßrj P2, 24, 6; Artemid2, 37; Lärm der begleitenden Nymphen (Denkm. 
namentlich Flöte, Tympanon; Thyiaden von ^o) SophAn 1151; Dionysos BucüvCdoec 
Hes (Fest 8üTa P6, 26, l), od. MatvaÖ»^ t)d4, 3; Bptooci (Dionys Bpiasu^ St; ßpi- 



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Sonne. ßOI 

mittelbar an die Natur an, welche die Sonne in engster Verbindung 
mit den Winden zeigt, die den Lauf derselben aus der einförmigen 
Gleichmässigkeit herausreissen und sie, in den windbewegten Wolken 
aufwärts schwebend und abwärts tauchend, zu einer leidenschaftlich er- 
regten stempeln, die selbst an den Bewegungen und Sprüngen ihre 
Lust findet. Denn auch hier lässt sich die Dichtung leiten und be- 
stimmen von dem was sie sieht und wie sie es sieht. Wenn die Sonne 
auf und nieder taucht in den Wolken so sind es nicht die letzteren, 
wenigstens nicht allein, welche die Bewegung hervorbringen: es ist die 
Sonne selbst, deJ- Sonnengott in eigener Persönlichkeit, welcher fröhlich 
in den ihn umkreisenden Wolkenschaaren springt und sich bewegt, 
tanzt und tobt. Und dabei werden die Windklänge, wie sie das lustige 
bewegte Leben am Himmel begleiten, von selbst zu fröhlichen Weisen 
oder zu übermüthigem Geschrei, unter dem der Sonnengott seine Bahn 
dahinzieht. 

Wichtiger aber noch tritt diese Verbindung des Dionysos mit dem 
Wolkendunkel darin hervor, dass er am Genüsse des himmlischen 
Nasses seine Freude hat. Wie Zeus mit Honig und Milch, verschiedene 
Ausdrucksformen des göttlichen Nasses, sich nährt, so wird für Dionysos 
der Wein der Himmelstrank, an dem er sich labt, den er in durstigen 
und mächtigen Zügen in sich schlürft, an dem er sich aber zugleich 
auch berauscht zu seinen Thaten wie zu seinen Scherzen. Der Gott 
der in üppigem Aufzuge, in übermüthigem Gebahren seine Bahn am 
Himmel wandelt, der in lustigem Treiben mit den sich über einander 
wälzenden Wolkencumpanen sich herumbalgt, in zudringlichem lüsternen 
Nahen an die Wolkenfrauen sich herandrängt, der scheint selbst des 
Weines voll und sein Thun das des Trunkenen. Die ganze Auffassung 
des Gottes schliesst sich also gleichfalls wieder unmittelbar an die 
Natur an. Steht es für die antike Weltanschauung fest, dass die Sonne 
sich an dem Wolkennass nährt, so muss sie sich berauschen, sobald 
dieses himmlische Nass als Wein gefasst wird. Zwar tritt Dionysos 
auch in zahlreichen Bezügen mit dem als Wasser gefassten himmlischen 
Nasse in Verbindung: er selbst wird als Herr des feuchten Elements 
bezeichnet, da eben, wie wir füher gesehen haben, die Sonne es ist 
die sich in den Besitz der himmlischen Wasser setzt, die sie aus den 
Wolkenschläuchen herausschöpft, dem Dunkelgotte als dem eigentlichen 
Besitzer derselben abnimmt, um selbst des Nasses sich zu erfreuen und 
es zugleich der durstigen Erde zukommen zu lassen. Interessanter ist 

oalo€ ua C2042 uo); KXwÖwvt^ Hes; MtjioXXövt^ Hes. Vgl. allg. Aesch 559; Ath 
14,8. Schon Daidalos 2 590 stiftet ihm einen X^^P^ ^5|l6, 7; 10,4,3. Bdxxiov 
XÖptu)ia etc EurB 132; Ph655; AristR402; ThpQi. Dionys ^CoiAßo^ Dd4, 5; 
di^aiißo^ dh der einen mit Tanz verbundenen Gesang anstimmende PhUoch2l; 
EurB 526; Et; PdO 13, 18; vWilamowitz Her. l,63ff. 



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7Q2 spezieller Theil. 

aber das himmlische Nass in seiner Auffassung als Wein geworden und 
hat in dieser Gestalt die ganze Mythologie des Dionysos durchtränkt 
und nach einer bestimmten Richtung hin entwickelt. Der Wolkenwein 
wird zum Quell, aus dem die Mythopoesie zu immer neuen Gestaltungen 
des Sonnengotts und seines Treibens schöpft^). 

Dieser Auffassung des Gottes entspricht nun auch sowohl seine 
äussere Erscheinung wie sein Charakter. Während Apoll der Vertreter 
des reinen siegreichen Lichts ist, kann sich Dionysos niemals von 
seiner Verbindung mit dem Dunkel ganz frei machen. Wenn er dicht 
verhüllt oder in weiten Gewändern erscheint; wenn er auf Thieren 
reitet oder mit ihnen fährt: so sind das nur verschiedene Bilder oder 
Ausdrucksweisen seiner Beziehung zu den Wolken, die bald als flatternde 
Gewänder, bald als Thiere verschiedenster Art aufgefasst werden. 
Daher immer als der centralste Theil seines Körpers, als der 
eigentliche Ausgangspunkt seiner Bildung das Haupt des Gottes, 
das leuchtende feurige Sonnenhaupt, das stolze glühende Sonnen- 
angesicht erscheint, während der übrige Körper verdeckt oder 
versteckt dargestellt wird. Denn während das Haupt oder An- 
gesicht der Sonne in sichtbarer Greifbarkeit sich der Erde und den 
Menschen offenbart, ist der übrige Körper immer nur eine Annahme, 
ein Schluss der gläubigen Phantasie, die zu jeder Zeit neu und anders 
die Erscheinungen des Himmels dem entsprechend gedeutet hat. Und 
hiermit wird es auch zusammenhängen, dass der Gott selbst sich in 
Thiere zu verwandeln vermag: der völlig von der Wolke bedeckte, 
hinter ihr verborgene Gott scheint sein eigentliches Wesen für eine 
Zeit abzulegen und selbst die Gestalt des Wolkenthiers anzunehmen-). 



') Ath 5,28 Nysa aus goldner Schale Milch spendend; 11, 13. Dionys Ttj;, 
xoptog T^g ÖYpäg <puo8ü)€ Et; SchS486; PlutQc 5, 3, 1 ; Js35; Kleidern 21; daher 
die Verbindung mit den Hyaden. Quellen von Wasser Wein Milch P 4, 36, 7; St 
Ndtgo^; r)d3,66; PlutLys 28; PhllJ 1, 14; p:urB I42; SiOff; Ap4, 113lff; Arist 
^auji 123. Wunder EurB 766; P 6, 26, 2; Plin 2, 231 etc; der Bakchen Plato Jon 5; 
EurB 704ff. Dion. Xt'.ßfjvo^ Hes; Str47l. Alle diese Beziehungen haben ihren ur- 
sprOnglichen Sinn im himmlischen Nasse; daher Pegasus sein Diener Pl,2, 5. 
Humpen in seinem Dienst Alcm 34; EurB 222; Ath 5, 29; Stephani Cr 1867, l8of 
etc; Schläuche ua. 

2) Wenn P 8, 3Q, 6 das Haupt der Dionysosstatue mit Zinnober glänzend 
roth bemalt ist, wie ähnlich P 2, 2, 6 mit rother Farbe und Polemo 73 mit dem 
gelblichen Saft der Weinbeere u. der Feige, so ist darin die möglichst getreue 
Nachbildung des Sonnenhaupts 7u erkennen. Der untere Körper war nur P 8, 39, 6 
bno Öd<fvyjg xe cpOXXcüv x. xtooöv verdeckt (Miit 15,331 Bäxxog ^ajivq) ivl xeCjisvo^ 
bezw. in der Platane), was dem Wolkendickicht entspricht; oder bestand gleich- 
falls nachbildend nur aus einem Pfosten oder Pfeiler (des Wolkenbaums). Wenn 
Ath 3, 14 zwischen 7Cp6((D7Cov xoö ^oö djjiTtiXtvov u. o6xtvov unterschieden wird, so 
bezeichnet das wohl dass der Kopf, die Maske mit Weinlaub bezw. Feigenblättern 



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Sonne. JO3 

Und dem entsprechend gestaltet sich nun auch der Charakter 
des Gottes, der demjenigen des ernsten und erhabenen Apoll gegen- 
über etwas weibisches erhält. Es ist etwas üppiges, wollüstiges, etwas 
weichliches und weibliches was ihm den Stempel aufdrückt. Aber in 
dieser Auffassung des Gotts haben wir, wenn auch der Glaube wieder 
in den Erscheinungen des Himmels Anhaltspunkte und Motive für 
seine Formen gesucht und gefunden hat, vor allem die Einwirkung 
fremder, national verschiedener Sitten zu erkennen: es ist die thrakisch- 
phrygische Nationalität selbst welche diese Auffassung des Dionysos in 
erster Linie geschaffen hat. Apollon und Dionysos werden so zum 
Ausdruck zweier verschiedener Weltanschauungen, wie sie der Ausdruck 
zweier verschiedener Volksseelen sind*). 

Wenn so der Sonnengott Dionysos in seinen Tageszügen am 
Himmel während des Sommers erfasst und dargestellt wird, so ist es 
wieder nur eine Folge der spätem Anschauung, die das eigentliche 
Verständniss für die im Himmel mit ihrem Wesen wurzelnde Gottheit 
verloren hat, wenn nun die himmlische Thätigkeit des Gottes auf die 
Erde herabgezogen, seine himmlischen Kriegs- und Triumphzüge zu 
Feldzügen in ferne Länder umgestaltet werden und der Gott mit seinem 
himmlischen Gefährten und mit seinem himmlischen Leben zu einem 
irdischen Könige mit Gefolge und Kriegsheer umgebildet wird*). Denn 



bekränzt war. Auch P 1,43, 5; 2,11,3; 10,19,3 ist nur das wpögöwcov sichtbar, 
der Körper dTCOxexpojiiUvov ; daher vielleicht der Name AaouXXtog P 1,43, 5. Die 
erhaltenen älteren Darstellung^en stimmen hiermit überein ML 1, 1094fr. Wird 
MaxTyrS, 18 ein aöxocfüi^ Ttpijivov; P9, 12, 4 göXov; Eur 202 orOXo^ als afoiX\ioi. 
des Gottes ang^egeben, so nuiss man annehmen dass dem Pfeiler eine Maske auf- 
gesetzt wurde ; vgl. dazu KernAJb 11, I13ff. Sein Gesicht von der [liipri umgeben 
Dd4, 4 (gleich Helios); eöpuxaCxotc PdJ6, 3; xP^^o^^tp^C Archill21; xtoooxdjiYj^ 
Pd 75. Im Purpurmantel H 7, 5^ ; lAeXavatY^S P2>35>1; mit der Nebris EurB 137; 
Phot; in weibischer Tracht EurB 353 OTfjXöjiop^og; 821fr; Apd 3, 28 (?>€ x<^py3; daher 
mit langem ChitonAJb 6, 46f ; Weicker Zeitschr 507f; Aesch64b; D. t|>£Xag (c^CXa 
=7cxipa) P 3» 19, 3. D. schon als Knabe auf Widder Bock Panther Löwe (Wolken- 
thicren) reitend od auf dem Wolkenwagen fahrend Cr l86l,26f. D. ipCcptoc 
Hes; St*Axp(i>peia; Stephani Cr 1 869, 57fr, ßooY«vijc Plut Js 35 ; xocöpog, xowpöjiop^og 
EurB 101 7; ÄSt« xaOp», -c^ji ^i(p Kobi ^wv ruft ihn das Gebet PLG 3, 656f : vgl. 
AWCurtius Stier d. Dionysos DJen. 1882. 4ff; Wieseler GGN 1891, n. 1 1 : 1892, 
n. 14; Ath 11,51; ^oi)X8po>€ Soph 782; laupöxtpcu^ EurB 99; DAK 2, 375ff; als 
dpdxcDv oder TCupis^XeY^wv Xia)v (?) EurB 1017. D. xotpo^/dülotc Polemo 72. 

1) Dd 4, 4 ; LydM 4, 95 ; Aristid 4. Doch gehen 2 Auffassungen neben ein- 
ander her, deren eine ihn als xaxaiKOYCDv, deren andere ihn als d)patoc "^^ xp^tp^^ 
xol vioc dachte. 

^ Asien EurB 13— 17; Indien Duris?!; Polyäni,i; LucDion iff. Er er- 
scheint nun auf Kriegswagen von Panthern gezogen ganz orientalisch Ath 5, 25 — 33; 
NonnD l4flf etc. 



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304 Spezieller Theil. 

wenn auch historische Thatsachen insofern auf die Gestaltung der 
Dionysosmythologie eingewirkt haben werden, als die Ausbreitung des 
Dionysoscults in den Sagen von der Ausdehnung seiner Sieges- und 
Triumphzüge mit zum Ausdruck kommt: das eigentlich entscheidende 
und bestimmende Moment hierfür ist und bleibt doch jener späte 
euhemeristische Zug, welcher die himmlischen Personen wie die himm- 
lischen Dinge auf die Erde herabzuziehen beflissen ist. 

Aber die gewaltige Kraft des Gottes, in der er sich im Sommer 
den Geschöpfen der Erde offenbart, bleibt nicht ewig erhalten. Auch 
für ihn kommt wie für Apollon die Zeit des Schwachwerdens, des 
Leidens, des Trauerns. Die winterliche Finsterniss von Wolke und 
Nebel und Regengüssen scheint den Gott allmälig zu erdrücken, zu 
tödten; seine Kraft erlahmt, seine Erscheinung wird seltener, sein Lauf 
kürzer — als habe er nicht mehr die Kraft seine Tagesbahn zurückzu- 
legen. Hat der Glaube diese Periode des Leidens und Schwach- 
werdens des Gottes in Bezug auf Apollon als Abwesenheit, als ein 
Fortwandern in die Fremde gefasst, so hat sie dieselbe in Bezug auf 
Dionysos thatsächlich als Tod aufgefasst und dieser jährlich erfolgende 
Tod des Gottes ist von einer ausserordentlichen Bedeutung für die 
Relionsgeschichte geworden. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass 
der Sonnengott Dionysos am kürzesten Tage wirklich sterbend und 
gestorben gedacht und dass er zugleich in jedem Jahre wieder nach 
seinem Tode neu auflebend gefasst wurde. Wenn der sterbende Gott 
in einer Höhle, in einem Grabe seine letzte Ruhestätte findet; der 
neue Gott gleichfalls in einer Wanne, einer Höhle sein erstes Lager 
hat, so ist im Grunde eben Grab und Wiege identisch. Denn indem 
der sterbende Gott im westlichen Dunkel verschwindet, taucht er in 
die Unterwelt nieder wo er seine letzte Ruhestätte findet. Und aus 
eben dieser Unterwelt geht er dem Glauben wieder empor: die Unter- 
welt, das westliche Dunkel, die Höhle wird die Stätte seines Todes 
wie die Stätte seiner Geburt^). Die Feier wie sie zur Zeit des kürze- 

1) Über den Tod des Dionys Terpander 8 bnb xöv TtTdvwv OTCOipaxHvxai ; 
Dd3, 62; HlmerOp; ClemPt 2, 17. 18 der Leichnam zerrissen, die Glieder beig:e- 
setzt. Pbiloch 22 bebandelt ttjv xa^i^v — ßdO'pov xt -^ oopög in der ^avd)v A. 
xtlxat; Clemens spricht von einem Xißr)?, TzL 207 (Euphor l4f ; Canim374) von 
|i,uXol Tcepl Tdc dvTpa xal oiD^Xaioc, Macr 1, 18,3 speluncas Bacchicas (es bandelt 
sich hier immer um Delphi): das Grab des Gottes wurde also in einem verbor- 
genen höhlenartigen Räume gezeigt, der eben die Unterwelt darstellte. Td^po^ 
auch P 1,43, 5 neben dem Cspöv: hier also der lebende und der gestorbene ver- 
eint. In gleicher Weise wird auch das Grab des gestorbenen Zeus auf Kreta 
gezeigt Callim 1, 8f; CicND 3, 53; PorphV Pyth. 17; Mela 2, 112; LucPhilop 10, der 
also auch hierin ganz gleich dem Dionysos erscheint. Daher auch die Gebräuche 
bei beiden gleich Str 468, wie auch EurB 65 ff Dionysos und Zetis in einander 
fibergehen. 



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Sonne. 3O5 

sten Tages namentlich in Delphi dem Gotte galt, hat den ganzen 
Fanatismus des Schmerzes um den Tod des Gottes, der das Licht und 
das Leben der Welt, der Beglücker und Heiland aller Geschöpfe ist 
und ohne den die Welt für alle Zeiten verloren wäre, mit dem vollen 
Enthusiasmus des Jubels um den wiedererstandenen, neu geborenen 
zusammengefasst, um so einen wilden Orgiasmus zu schaffen, der alle 
Skalen des Schmerzes und der Lust in sich vereinigt. Den Tod des 
Sonnengottes am kürzesten Tage und sein bald darauf erfolgendes 
Wiederauferstehen, Akte die gleichmässig dem Dionysos wie dem 
kretischen Zeus gelten, hat der Cult in einen Akt zusammengefasst 
und diesen durch Opfer und geheimnissvolle Gebräuche wie durch 
dramatische Vorführung des Vorgangs selbst in seinen Einzelheiten zum 
Ausdruck gebracht. War die Feier eine nächtliche so fand in ihr der 
Gedanke seinen Ausdruck dass eben mit dem letzten Verschwinden 
der Sonne am kürzesten Tage der Tod thatsächlich eingetreten war. 
Aber wie mit diesem Tode zugleich doch die Hoffnung auf das Wieder- 
kommen, die Wiederauferstehung des Gotts verknüpft ist, so haben die 
bei der Feier geschwungenen Fackeln dem gestorbenen und doch 
lebenden und im Lichte sich offenbarenden gegolten^). Und wenn 
auch bezüglich der Feier selbst, wie sie uns namentlich aus Delphi 
bekannt ist, manche Unklarheiten bleiben, die Hauptsache steht unum- 
stösslich fest, dass der Cult dem gestorbenen und wieder auferstande- 
nen Gotte galt. Eine mehr philosophische Betrachtung hat in An- 
knüpfung an die Überlieferungen den Gott zwar als die lebengebende 
Wärme gefasst, die eben als Lebensprinzip in alle Theile der Welt 
eingeht und hat auf diese Metamorphose des Gotts die Zerreissung 
seines Leibes bezogen: im ursprünglichen Sinne haben wir die Sonne 
selbst als die gestorbene anzusehen, die durch die winterlichen Wolken 
verdeckt und doch auch diese mit ihrem Lichte mannigfach erleuchtend, 
wie zerrissen, in ihren Gliedern aus einander gestreut, in ihrem Wesen 
und ihrem Wirken als Feuer erkaltend und vergehend in rein sinnlicher 
Weise erfasst worden ist^). 

1) Wenn Plutjs 35 (6xav 9.1 O'Otdöeg lY^Cpcooi töv AtxvCxYjv) mit dem Tode 
des Gottes der Name AtxvCxTjg verbunden wird, während der letztere (Hes) 4^6 
TÖv XCxvcöv hergeleitet wird 4v ol^ xd TtatöCa xotpiövxat (so der Gott als Knabe 
im XCxvov Stephani Cr 1 861. 23. 25% so ist zu bemerken dass der Gott eben als 
neugeborenes Kind wieder aufsteht; daher PlutEl9 die qpd-opocC u. &^ocviop.o( un- 
mittelbar mit den dTCoßtc&oetg xal TtocXtyYSveoCat verknüpft werden. Vgl. MRoss 
de Baccho Delph. DBonn 1865. 4ff. Die Auferweckung HimerO 9, 4. Die Zeit 
des Gestorbenseins ist eine Zeit der XP'H^P-^^^ ^^ ^^^ Mangels PlutElQ. Auf 
die geheimnissvollen Gebräuche selbst (xsXexaC, SpYioc) kann hier nicht weiter ein- 
gegangen werden. 

») Die Feier jährlich PlutElQ; P9, 16,6; ein Jahr um das andere (in An- 
schluss an den im Dionysoscult besonders ausgebildeten trieterischen Cyclus) be- 
Gilbert, Gmterlebre. 20 



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306 Spezieller Theil. 

Dass der Tod des Sonnengotts, der in Apoll freilich früh zu 
einem blossen Fortwandern oder zu anderer Form herabgemildert 
worden ist, thatsächlich einst der allgemeine Glaube gewesen ist, das 
ersieht man daraus dass die Sonnenheroen stets in charakteristischer 
Weise den Tod erleiden. So stirbt Herakles und es ist klar dass 
dieser sein Tod den äusseren Umständen seines Untergangs im west- 
lichen Dunkel entlehnt wird, wo der Gott gleichsam sich selbst in 
feuriger den ganzen Himmel ergreifender Lohe verbrennt; so stirbt 
Adonis der phoenikische Gott-Heros und hier hat die Jahreskatastrophe 
ebenso wie bei Dionysus-Zeus die bestimmende Signatur verliehen; so 
stirbt endlich auch Melikertes, gleichfalls eine fremde Sagengestalt 
und speziell ein Sonnenheros, bei dem wieder das täglich sich voll- 
ziehende Verschwinden im Westen die Farben geliefert hat. 

Der Delphische Cult hat in dem Nebeneinanderstellen des Apoll 
und des Dionysus, deren Culte den ganzen Jahreskreis umfassen und 
ausfüllen, mit klarem Bewusstsein die beiden sich ergänzenden Er- 
scheinungsformen der Sonne, ihr Leben und Wirken auf der Oberwelt 
im Lichte und Glänze, und ihr Hinabsteigen in die Nacht und die 
Tiefe der Naturwelt gleichmässig gefeiert. Schliesst sich im Culte des 
Apoll die schöne frohe Zeit des Erdenlebens zusammen, welches in 
jedem Jahre zu neuem Dasein in Frühling und Sommer sich entwickelt, 
so ruht in Dionysus und seinem winterlichen Culte die Gewähr der 
fröhlichen Hoffnung, dass auch Nacht und Tod überwunden werden 
kann und der grausigen Vernichtung ein neues Leben folgt. Dionysus 
hat Hölle und Tod überwunden und ist damit für alle Herzen der 



sonders feierlich begangen H 34, ilf; Macr 1, 18, 5; P 10,4, 3; Dd4, 3; Orph 53» 
1 ; OüF 393; Journ 17| 14 TpttTyjptxög; später scheint auch der ennaeterische Kyklos 
berücksichtigt zu sein Ross 6ff. Die Feier eine nächtliche mit Fackeln SophAn l l40ff 
{1151 Ttdwüxot); EurB862 icavvoxtot; X^P^^J P7, 27, 3; Ath 5, 28 Xdjiirocds^ etc; 
Dd 4, 4. Die irdischen Maenaden ahmten das Treiben der himmlischen nach 
(Dd 4, 3 jitjioujiivog) RappRhM 27, iff; 562flf; Weniger PrEisenach 1876; vgl. Soph 
An; EurB; PhilJ 1, I4; AristThpS? uo. Das Bekränzen mitEpheu und Lorbeer, das 
Tragen von Schlangen, Umgürten mit Fellen, Zerreissen von Thieren, Schwingen 
von Thyrsusstäben ist als iiCptTjot^ himmlischer Vorgänge zu fassen. DAK 2, 564ff; 
Jahn Annali 32 (1860), iff. Der Cult des Gottes in Delphi dauerte die 3 Winter- 
monate (in Ergänzung der 9 Monate des Apollcults), daher PlutElQ d;pxO|JLivoa 
Xtip^voc beginnend, aber die Hauptfeier zur Zeit des kürzesten Tages PlutFrig 
18; Kleidern, in der Zeit wo der Gott ö»t; Et Tyjc Sosv 6 d^ög 4tcI xyjv Y^vvijotv 
06x00. Plutarch spricht von nd^^ia u. (itxaßoXi^, nXdvY) u. dia^öpTjot^, dioconooiiöc 
u. dia}icXia)i6c wodurch er in Wind Wasser Erde Pflanzen Thiere übergeht und 
selbst als KöopLoc gilt: hier ist er also ganz als Feuer, da die Sonne das Urfeuer, 
welches sich in die ganze Welt mitteilt und gleichsam auflöst. Die Bedeutsam- 
keit des Feuers im Dionysosculte tritt auch Bull 18, 87. 91 ff; Curtius AAnz 1895, 
I09ff hervor. 



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Sonne. 3O7 

leuchtende Hoffnungsstern geworden. ^) So hat es die Kunst der Priester 
verstanden die von Haus einander fremden, ja der eine den andern 
ausschliessenden, eben weil verschiedenen Volksstämmen gehörenden, 
Götter und Culte zu vereinen und aus jedem der beiden die wesent- 
lichen und characteristischen Momente erhaltend und vereinend einen 
hochbedeutsamen Gesammtcult zu schaffen, der alle an den Sonnen- 
gott sich knüpfenden Ideen in ein grosses Bild zusammen fasste und 
zu einem Centralculte Griechenlands umschuf. 

Ein besonderer Cultname dieses Sonnengotts in seiner speziellen 
Beziehung zur Unterwelt scheint Orpheus gewesen zu sein. Die Ver- 
bindung dieses Namens mit dem Dionysosculte darf als alt und ursprüng- 
lich aufgefasst werden, wie denn auch der thrakische Ursprung dieser 
musischen Heroengestalt bestimmt hervorgehoben wird. Thraker sind 
die ersten Vertreter des Unsterblichkeitsglajibens gewesen und der in 
Orpheus, da er die Unterwelt überwindet und zum Leben zurückkehrt, 
zum Ausdruck kommende Gedanke entspricht dem in vollkommenster 
Weise. Dieser Auffassung des Orpheus als des Dionysischen Heros 
steht nur die Darstellung des Mythus, wie sie scheinbar auf Aeschylos 
zurückgeht, entgegen, nach welcher Orpheus den Helios dh Apoll ehrte 
und durch seine Nichtachtung des Dionysus den Zorn dieses erregte 
und damit seinen eigenen Tod herbeiführte. Hier liegen offenbar 
nationale und Cultgegensätze, Vermischungen und Ausgleichungen vor, 
die wir im einzelnen zu verfolgen nicht mehr im Stande sind, die aber 
keineswegs den thrakischen Ursprung des Orpheus in Frage zu stellen 



^) Dionysos voxxiXtoc OÜM4, 13; PlutJsQ; P 1,40, 6; »ößouXeö^ PlutQc7,0; 
Heraclit 81 (boxöc 'AiÖYjg x. Atövoooc (ebenso von Zeus Eur904); Hes Zayptög x^^'^o?« 
SophAn 1145; Eur 732 nächtliche Feier; Eur475a; daher Aaiwmjp P 7> 27, 3. Den 
eigentlich in jeder Nacht statthabenden Aufenthalt des Gottes ira Hades hat also 
der Cult mit dem fast völligen Verschwinden des Gotts im winterlichen Dunltel 
combinirt und för die Wintermonate fbcirt. Als alter Mann im fivtpov P 5,19, 6; 
7, 20, 1 Nachtfeier. Daher Helios im Giebelfelde des Dion. untergehend P 10, 19, 
3; Stephani Cr 1860, 74ff; piuoTTjc P8»54, 5- Der Delph. Cult Ist sich bei der 
Vereinigung der beiden Culte des Apoll und Dionysos jedenfalls der ursprüng- 
lichen Identität beider bewusst gewesen. Aristot bei Macr 1, 18, 1 (Apollinem et 
Liberum unum eundemque deum); Aesch394; Eur480; Porph b. ServE5,66. 
Neben dem Tode scheint es übrigens auch andere mehr ausgleichende Sagen 
gegeben zu haben: so schläft der Gott oder ist im Winter gefesselt Plutjs 69; er 
springt ins Wasser Zl35f, daher auch aus dem Wasser wieder hervorgerufen 
Plutjs 35; Verehrung an Flüssen P 7, 20, 1 ; 6, 21, 5- Vgl. noch P 3, 24, 3f; Apd 3, 
28; Pherec46; PlutQcSpr; P7, 19, 6flf; 10,19,3; D. Ö6aXog (ööo)) Hes. Die 
Oberwindung des Hades geht aus Apd 3, 38; P 2, 31,2; 37,5 etc hervor. Dion. 
x«x>iv*^ AelHa 7, 48 (Apoll xsxiTvtog ClemS 2, 38 ; vielleicht drückt Ap. dXotCoc, 
dXoö^ blind Lyc 920; Et etc; AelVh 10, 18; Hoffmann RhM 52, 104 einen ähnlichen 
Gedanken aus). 

20* 



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308 Spezieller Theil. 

vermögen: Orpheus ist der gestorbene aber nicht im Tode behaltene 
Sonnengott Dionysos selbst^). Und während diese Idee als die wichtigste 
und significanteste den Mythenkreis von Orpheus beherrscht, tritt der 
letztere auch in allen sonstigen Momenten als der Sonnengott hervor, 
der mit seiner Windmusik die Wolkenberge des Himmels, wie die 
Wolkenthiere bewegt; der als Zeitherrscher auch die Gabe der Mantik 
besitzt; und zugleich in eheliche Verbindung mit der schönen Mond- 
frau tritt, mit der ihn gemeinsame Wanderungen und Schicksale am 
Himmel und in der Unterwelt verbinden. 

Wenn so als die eigentliche Zeit des Dionysoscults der kürzeste 
Tag sich von selbst ergiebt, wie er thatsächlich in Delphi, in Attika 
und an vielen anderen Orten nachweislich gefeiert worden ist*), so 



1) Nach Maass Orpheus München 1895 ist dieser ein Apollinischer Heros. 
Dagegen heisst er EuRh 970ff Bdxxou icpoqpi^c und die einstimmige Überlieferung 
bezeichnet ihn als Thraker und als Verbreiter der Aiov6oou }it>OT)^pia Müller Orch 
372ff. Es wird einmal der Pangaeus, sodann Pierien als Mittelpunkt seines Wirkens 
angegeben. Die Hervorhebung des Kopfs des Orpheus Phanocles l, 11 ff (Bach); 
Luc. adv. ind. llf; PhilVAp 4, 14 (70); Heroic. 5, 3 (3C6); HygA 2, 7; Aristid l, 
p. 84I ; Myrsil 8 ; Conon 45 ; Procl in Plut remp. 101 Scholl (ebenso Dionysos selbst 
PlO, 19, 3; 1,2,5) lässt Orpheus als Sonnenheros erkennen. In der Sage von 
Lesbos und Smyrna treibt des Orpheus Haupt von der thrakischen Küste aus an, 
zur Bezeichnung des thrakischen Ursprungs der durch ihn vertretenen Mantik und 
Musik. Nur Aeschylus in den Baaadpai 20 hatte einen Gegensatz des Orpheus 
gegen Dionys und seine Verehrung des Helios- Apoll (Soph 523 "EXiog gerade 8p^ 
icpioßiaxov oiXo^) hervorgehoben. Dass der Apollcult thatsächlich mit der Orphischen 
Musik und Mantik früh in Verbindung trat zeigt die Lesbische Sage LucaO etc; 
vgl. auch PdP 4, 1 76f ; daher SchPdP4, 313 des Apollon Sohn. Die Thatsache 
dass der thrakische Dionysos- und der hellenische Helios-Apollcult von Haus aus 
Gegensätze gebildet haben und die weitere Thatsache dass die Orphische Kunst 
schon früh in den Apoll dienst getreten, hat des Aeschylus Angabe 20 so polntirt, 
obgleich es noch sehr zweifelhaft ob wirklich das Ganze in der Fassung Erat 24 
(SchGerman) von Aeschylus herrührt. Der Maass^schen Interpretation l64ff von 
Herod2, 81 zoXai ^Op^ixotai xoiXso|iivoioi xod Baxxixolai kann ich mich nicht an- 
schliessen. Obgleich Orpheus nach allen Richtungen hin das Wesen des Dionysos 
widerspiegelt (in der Bewegung von Thieren und Bäumen, dh den himmlischen, 
= Amphion) ist doch die Beziehung auf die Unterwelt, dh die Besiegung von Tod 
und Hölle am meisten ausgebildet. Zur Orientierung vgl. Knapp PrTübingen 1895 
(Kuhnert u. Milchhoefer Ph 54, 193ff; 75lO- 

^) Die Geschichte von Ikaros und Erigone (Eratosth. bei SchX 29; Apd 3, 
19lf etc; dazu Maass Anal. Eratosth. 59ff) ist in Wirklichkeit die Geschichte des 
Dionysos u. der hier als Tochter mit ihm verbundenen Mondgöttin selbst. Der 
Cult von Ikaria wird die Geschichte dargestellt haben. Die im tiefsten Winter 
gefeierten Aiovuaia xd xax* d^poO^ oder xa p.ixpd müssen wir als die Weihnachts- 
dh Todten- u. Geburtsfeste des Gottes fassen, weshalb es auch nicht unwahr- 
scheinlich dass der Name d-eoCvia Harp aus ^öf^ict entstellt ist, welcher Name 



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Sonne. ^og 

wäre es doch falsch anzunehmen, der gesamte Cult müsse sich auf 
diesen Tag bezw. diese Zeit beschränkt haben. Namentlich der attische 
Cult zeigt, dass als die zweite bedeutsame Periode seines Jahreslebens 
der Frühling gilt. Man darf sagen dass die Frühlingsfeier eben der 
zweiten Geburt des Gottes dh seiner eigentlichen Epiphanie entspricht. 
Denn um diese Zeit macht er sich frei von den ihn verbergenden 
Wolken und beginnt sein selbständiges, freies, eigenes Leben. Es ist 
daher durchaus richtig, wenn der attische Cult diese Epoche mit ganz 
besonderer Lust feiert, da ja gerade diese Zeit für das Erdeleben eine 
neue Periode des Wachsens und Gedeihens, der Freude und des Jubels 
beginnt. Tritt im Culte des Apoll diese Frühlingszeit in der Weise 
bedeutsam hervor, dass eben mit dem Beginn des Frühlings in ursprüng- 
licher Auffassung die Geburt des Gottes, in späterer seine Epidemie 
zusammenfällt, so hat der Dionysuscult gleichfalls die Bedeutsamkeit 
dieser Epoche für das Jahresleben des Gottes anerkannt: aber da der 
letztere schon im Winter geboren war, so kann es nicht die Geburt 
sein welche der Cult feiert und verherrlicht; es ist die Epoche seines 
Erstarkens, seiner eigentlichen Epiphanie als Licht- und Feuergott, 
welche in den Frühlingsfesten des Gottes ihren Ausdruck findet. Und 
mit dieser Epoche seiner Selbständigkeit, wie sie jetzt ihren Anfang 
nimmt, hat der Cult auch die Ehe des Gottes, seine Hochzeitsfeier mit 
der Mondgöttin verbunden. Darauf wird später zurückzukommen sein*). 
Es würde nun aber durchaus falsch sein, wenn man annehmen 
wollte, die Auffassung von dem gestorbenen, wie von dem neu ge- 
borenen und allmälig zur selbständigen Kraft emporwachsenden Dionysos 
falle aus dem Rahmen antiker Anschauung heraus, die den Kampf 
zwischen Licht und Dunkel unter den als Persönlichkeiten gefassten 
Trägern dieser Prinzipien sich ausfechten lässt. Denn wir können 
nicht zweifeln, dass es nach älterer Auffassung der Dunkelgott selbst 
gewesen ist, der seinen Sonnengegner ermordete. Die Sagen von Lykurgos 



als offizieller Akt innerhalb des Cultkreises des attischen Dionys feststeht (Dem) 
59» 78. Die Feier lässt selbst in der grotesken Karikirung AristAch 241 flf den 
ernsten Charakter herauserkennen. 

1) Dion. XüotCoc Ath 6, 64; Xöawg P 9, 16, 6; 2, 2, 6; 2, 7, 6; 4X«>6<p»6s Hes; 
P 1,20, 3; 38,8. Diese Cultnamen ursprünglich auf das Lösen von den Fesseln 
des Winters durch das siegreiche Erscheinen des Gotts bezüglich sind später 
durch historische und moralische Motive erklärt. Die schöne Schilderung Pd 75 
(HimerO 13, 7) gilt offenbar dem Frühlingsfeste des Gotts. Dd3,62 die Epi- 
phanie von der Geburt unterschieden u. mit der zweiten Geburt verbunden. Durch 
Einschiebung seiner Frühlingsfeier in den schon bestehenden Festkreis der älteren 
Götter im Anthesterion sind Unklarheiten entstanden Mommsen 323 — 73* Die 
grossen oder städtischen Dionysien sind ein spät gemachtes Staatsfest Memmsen 
387—98. 



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310 Spezieller Theil. 

und Pentheus, den Dunkelgestalten, zeigen dass die Gegnerschaft gegen 
das Dunkel ein durchaus bekanntes Moment des Jahreslebens des 
Dionysos gebildet hat. Und wenn auch die Sage nur die Feindschaft, 
die Verfolgung des Sonnengotts durch seinen dunklen Gegner kennt, 
welcher letztere den Dionysos zur Flucht und zur Verbergung bringt, 
so darf man doch annehmen dass dieses Leiden des Sonnengotts in 
ursprtinglicherer Auffassung ein entscheidenderes Moment des Mythus 
gebildet hat. Wenn später an die Stelle des Dunkeigotts die Titanen 
treten welche den Dionysos ermorden so ist das Mysterienmache: es 
war der Dunkelgott selbst der um die Zeit des kürzesten Tages den 
Sonnengott ermordete um seinerseits von dem letzteren im Hochsommer 
den Tod zu erleiden*). Und auch jene Entwicklung des Wechselver- 
hältnisses zwischen Sonnengott und Dunkelgott, wie wir sie in dem 
Mythenkreise Apolls haben verfolgen können, vollzieht sich in gleicher 
Weise in Dionysos. Denn die enge Verbindung des letzteren mit den 
Dunkelgöttern Hermes, Silen, Pan uA drückt doch eben die enge Ver- 
einigung des Sonnengotts mit dem Wolkendunkel aus, wie es in dem 
ganzen Leben des Gottes zur Erscheinung kommt. Wenn der Wolken- 
gott den Knaben Dionysos in seinen Armen trägt, so tritt er dem 
erstarkten und erwachsenen zur Seite und durchzieht mit dem Sonnen- 
bruder gemeinsam die himmlischen Gefilde. Dieselbe Ausgleichung 
der beiden ursprünglichen Gegner und Todfeinde, wie wir sie in Bezug 
auf Apollon und Hermes in dem Homerischen Hymnus noch in ihrer 
Genese verfolgen können, hat sich also auch in Dionysos und seinem 
Dunkelgegner vollzogen. Fortan ist der einstige Feind der Genosse, 
der mit ihm gemeinsam in den himmlischen Gefilden dahin wandelt, 
gemeinsam mit ihm kämpft und siegt. Nur dass der Dionysische Cult 
es immer geliebt hat, neben der Einheit des Wolkendunkels seine Viel- 
heit besonders hervorzuheben und so neben dem einen Hermes, Silen, 

1) Lykurgos in Thrakien (= Lichtwehrer) Gegner d. Dionysos Z 1 30ff (Seh ; Eust) ; 
Aesch I22flf; SophAnpssff; Apd3, 34. 35; Hygl32; DAK 2, 439—42 ; RappML 2, 
2 191 ff. Hier wechselt der Sieg zwischen Lykurg und Dionysos, bis jener entweder 
von den eigenen Rossen zerrissen wird oder seinen Sohn tödtet. Die Wolkenjung- 
frauen und -jOnglinge gehen (wie die Heerden) bald in die Hand des einen bald 
des andern Ober; erst durch den Tod des Lykurgos weicht die Unfruchtbarkeit. Als 
Butes erscheint dieser Dunkelgegner des Dionysos Dd 5, 50; der ungeheure "AXno^ 
M^ dpoöptjc Nonn45, I73ff; 47, 627fi. Pentheus am Kithaeron u. sein Gegensatz 
gegen Dion. von Euripides in d. Bacchen (dazu Bruhn) behandelt: OJahn Pentheus 
u. d. Maenaden Kiel 1841 ; vgl. Theoer 26; Apd3, 36; Ath 14, 29 (xdt icspl töv 
ntvdia im Tanz dargestellt); P l, 20, 3 (Hartwig AJb 7, I53ff). Pentheus ein drachen- 
artiges Ungeheuer (EurB 539ff) das schliesslich gleichfalls zerrissen wird. Auch 
der Kampf gegen den Giganten Eurytos Apd l, 37 hat dieselbe Bedeutung. In 
Triton P 9, 20, 4f und Glaukos Ath 7, 47 erscheint der Gegner nach seiner Wasser- 
seite u. in Bez. auf das Meer. Vgl. zu diesen Kämpfen Stephani Cr 1867, l82ff. 



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Sonne. 



311 



Pan die Schaar der männlichen und weiblichen Wolkendämonen zu 
betonen. Es drückt sich eben darin, wie schon früher bemerkt, die 
wunderbare Vielfältigkeit der Wolkenbildung gegenüber der einen 
Sonnenerscheinung aus. Und wie sich dieses Verhältniss von der unver- 
söhnlichsten Feindschaft zur engsten freundschaftlichen Vereinigung 
entwickelt, so tragen auch die Dunkelgestalten, welche zu Dionysos in 
Verhältniss treten, alle Farben vom erbittertsten Hass bis zur zärt- 
lichsten Liebe an sich^). 

Und mit dieser Feindschaft des Sonnengottes gegen den speziell 
in der Wolkenbildung sich offenbarenden Dunkelgott wird es auch zu- 
sammenhängen, wenn als ein wesentliches Moment im Culte das Zer- 
reissen von Thieren hervortritt. Denn die Sonne ist es die in ihrem 
Kampfe mit den Wolken diese zertrennt, zerreisst, sie mit ihrem Feuer 
ergreift und verzehrt. Es kann doch kein Zufall sein dass sowohl 
Pentheus wie Lykurgos zerrissen werden. So wird die einheitliche 
Wolkenmasse, die als solche in besonderem Gegensatze gegen die 
leuchtende Sonne steht, in einzelne Theile auseinander gerissen und 
verliert so den spezifisch feindlichen Charakter gegen das Licht. Die 
Maenaden, welche im Dienste des Dionysus Thiere zerreissen und 
verschlingen, ahmen nur den himmlischen Vorgang nach, wo der selbst 
als Stier, als Bock, als Hirsch gedachte Wolkengott von dem Sonnen- 
gotte zerstückelt und verzehrt wird'). Der Kampf aber wie ihn Dio- 



^) Ausser Hermes, Pan, Silen als Genossen des Dionysos seien noch Phallos, 
Priapos, Ampelos, Proshymnos erwähnt. Wenn der Phallos als Genosse erscheint, 
AristAch 261 flf (^otXfJg; D. ^otXXijv P 10, 19, 3) der in besonderer Pompe Her 2,49; 
Ath 10,63; Ca 2, 321 umbergetragen wurde, so kann ich darin nur ein Abbild des 
Wolkengotts sehen (oS 226). Ebenso ist Priapos Dd4, 6; P 9, 31,2; Str 587 Ge- 
nosse des Dionysos, wofQr in Attika auch die Namen 'OpMvTjg, Kov(ao(Xo^, T6x(ov 
galten. Das Verhältniss des Ampelos zu D. ist dasselbe wie das des Hyakinthos 
zu Apoll OvF 3, 407ff; Nonn 10, 175ff. Er wie Staphylos ua sind wieder irdischen 
Verhältnissen angepasst, während sie von Haus aus nur Beziehung zu den himm- 
lischen Dingen haben, üpd^upivoc und Dionysos ClemPr 34; P 2, 37, 5 (Polymnos). 

3) Dionysos TaupocpÄyog Suid (Soph 594; AristR 358), daher Stieropfer P8, 
19,2; Ziegenopfer (D. alroßöXog) P9, 8, if; Stephanl Cr 1868. I43ff; 1869. 57ff. 
D. (b^dötoc, ci)|iTjOTi^ PlutAnt 24; Porph. abst. 2, 55; Menschenopfer P9, 8, 2; AelNa 
1 2, 34 (wofür hernach ßoO^) D. &vd-pa)icoppaCoxif2(. Hoch interessant ist die An- 
gabe des Andromachus Galen antidot l, 8 wonach das Schlangenzerreissen im 
Culte des Dionysos stattfand Tcauo|iivou to0 ^pog oüicü> d' f)pY|Uvoi> d^ou^: gerade 
zu dieser Zeit des beginnenden Obergewichts der Sonne über das Wolkendunkel 
erfolgt das Zerreissen des letzteren. Geschieht dieses nachbildlich schon bei der 
Winterfeier von den Maenaden, so kann das nur precativ verstanden werden. 
Vgl. Phot vsgpCJeiv ÖiaoTCÄv veßpoi)^ xax& jituTjotv to5 lupl t6v Aiövüoov «dO^ü^; 
Aesch 60. Von dieser Zerreissung seines Gegners ist dieselbe Todesart auch auf 
Dionysos selbst übertragen worüber oS 304. 



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312 Spezieller Theil. 

nysos gegen seinen Dunkelgegner fuhrt und aus dem er trotz aller 
Wechselfälle doch immer wieder siegreich hervorgeht, hat ihm neben 
der eminent culturellen Bedeutung seines Wesens zugleich einen kriege- 
rischen Charakter gegeben, von dem Schriftsteller und Denkmäler in 
mannigfachen Schilderungen zu berichten wissen*). 

So sehen wir auch hier die ganze Mythologie des Sonnengotts 
Zeus-Dionysos unmittelbar aus dem natürlichen Kern seines Wesens 
sich entwickeln. Mit dem kaum bemerkbaren Anwachsen des Lichts 
nach der Wintersonnenwende geboren, wächst der Gott unscheinbar 
zu grösserer Kraft empor. Verdeckt und verborgen unter dem Dunkel 
der himmlischen Wolken und Wasser, die ihn zugleich zu schützen 
und zu speisen scheinen, entfaltet sich sein Wesen in allmäligem Wer- 
den zu immer grösserer Stärke und Selbständigkeit. Er macht sich 
frei von den ihn umhüllenden Wolken; er tritt kräftig und stolz aus 
seiner bisherigen Abhängigkeit von den Dunkelgestalten seiner himm- 
lischen Laufbahn heraus; er stösst die Pflege, den Halt und Schutz 
der Wolkenfrauen, der Wolkenjünglinge von sich, um frei und sicher 
seine Laufbahn am Himmel mit selbsteigener Kraft, in einsamem 
Gange dahin zu wandeln, wenn auch immer wieder umgeben von 
den Wolkendienern und Wolkengespielen. Bis endlich für ihn, den 
unüberwindlich scheinenden, die Zeit des Leidens mit dem Winter an- 
bricht, wo er erdrückt von den Dunkelmassen mühsam dahinschleicht 
und schliesslich da wo er sein Leben begonnen, im Dunkel, dasselbe 
auch endet. 

Wenn wir so das Leben des Gottes selbst, wie es sich in dem 
Kreise des Sonnenjahrs vollzieht, an uns haben vorüber gehen sehen, 
so mag nun zum Schlüsse noch ein Blick auf das Wechselverhältniss 
geworfen werden, welches zwischen dem Gotte und dem Erdeleben 
besteht. Und hier gilt es auch von Dionysos dass er als Sonnengott 
das gesammte Pflanzenleben zeitigt und zur Reife bringt. Unter seiner 
belebenden Wärme, in seinem schöpferischen Feuer bricht das Saat- 
korn auf zum Keimen und Sprossen, brechen Knospen und Blätter 
hervor an Gewächsen und Bäumen, ergiesst sich das schlummernde 
Leben in immer neue Formen und Gestalten. Während in des Winters 
Kälte und Nässe alles Leben ruht, schläft, erstirbt, strömt in der Gluth 
der neuen Frühlingssonne wieder ein Quell des Werdens und Wachsens 
durch alle Geschöpfe der Erde. Und vor allem ist es der Wein, das 
Lieblingsgeschöpf des Gottes, in welches dieser das ganze Feuer und 
die volle Gluth seines eigenen Wesens hineinströmen last. Der Wein 
erscheint dem antiken Denken in so hohem Grade von der mächtigen 
Einwirkung des Sonnengottes abhängig, so sehr das Wesen und die 
Kraft seines Erzeugers wiederspiegelnd, dass schliesslich der Glaube 

1) Alles Material vereinigt Stephan! Cr 1867. 161 — 181. 



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SODDC 2 I 2 

Schöpfer und Geschöpf fast völlig als eines betrachtet hat>). Wie ein 
Wunder erscheint dem Denken und Empfinden diese Abhängigkeit des 
irdischen Weins von der himmlischen Kraft des Gottes, die sich wie 
im Zauber herabgiesst in die Säfte der geliebten Pflanze, dass sie in 
langsamem aber sicherem Schaffen aus sich heraus die herrliche Frucht 
erzeuge, die in ihrer goldenen Erscheinung, in ihrem heissen be- 
rauschenden Tranke das Wesen ihres Schöpfers, des Sonnengotts, 
selbst widerspiegelt. Aber der Wein ist doch nur das liebste Geschöpf 
des Gk)ttes: auch die Blumen, die Früchte, das gesamte Pflanzenleben 
sprosst unter seiner Gluth hervor und ist in allem und jedem Stücke 
sein Erzeugniss. So wird auch Dionysus gleich dem Apoll der grosse 
Gastgeber, der die Schöpfungen seiner Kraft und Güte der Welt zum 
Genüsse darreicht und Menschen und Thiere theil nehmen lässt an 
dem was er aus der unendlichen Fülle seines Wesens spendet. In 
zahlreichen Cultnamen, in begeisterten Ausrufen und dichterischen 
Schilderungen haben die Griechen dieses Wesen des herrlichen Gotts 
zum Ausdruck gebracht, wie sie ihm zum Preise selbst sich mit seinen 
Erzeugnissen geschmückt, seiner Gaben sich gefreut, in schwärmeri- 
schem Jubel und bis zur Raserei übermüthigem Treiben ihn gefeiert 
und dargestellt haben. War er doch selbst dem antiken Glauben ein 
Gott, der in bakchantischer Lust, am himmlischen Wein sich labend 
und berauschend, in schwärmerischen Zügen am Himmel sich dem 
Menschen offenbarte. So ist Dionysus in seiner Beziehung zur Erde 
und zu deren Geschöpfen der Freudebringer, der Wohlthäter gewor- 
den; er ist der Culturgott schlechthin, dem die Welt alle Segnungen 
und alle Fortschritte allein zu verdanken hat^). 



Hsd. E 614; Dd 4, iff. Dion. töord^oXoc Cs 3098; oxa^^uXCxY); AelVh 3» 41 ; 
Xyjvaloc, -eög Hes; AristR 216; Syll 373, 25; «poxpÖYatoc Hes; dn9axtTiQ; Ael. Oscho- 
phorlen Mommsen 27lff< D. dxpatoqpöpoc P8, 39, 6; jiöpoxoc Polemo 73; ipO^ 
PbilochiS; (fflOXi^v Flu, 19, 3. Vgl. Soph 239; SchEurPh227; SchN21 etc. 

*) Allgemein Dionysos ocuoiXoc (= ^otpyi^Xioc) Hes; otÜ^ivqi PS, 26, 1; itp6- 
ßXaoxoc Lyc577; ^XXo^öpog Hes; Inscr Cos 27, 6; qpXoToc PlutQc 5, 8, 3; ^Xicov 
AelVh 3, 41 (qpXCoc P 2, 6, 6; 12, 6). Beziehung zu Blumen: fiv^tog P 1, 31,4; eödv^g 
Ath 11, 13; ivöpxiQC Hes (Maass Herm 26, 187 Garteogott). Kdpicoi seine Gabe Pd 
124; Artemid2, 37; Ähren P7, 20, 2; ^oöaCoto^ Hes (8foöa(ota C 25554 uö; Plin 
2, 231 =8soSivia). D. (isiXCx^og Ath 3, 14 bez. Feigen, daher ouxsdxiQ^ uä Hes; 
ClemPr34; daher die Nymphen Oino Spermo Elais benannt. Dionysos bringt 
Wein u. Epheu hervor H 7, 35flf; Bez. zu Epheu u. Lorbeer H26, 8; [lopaiYq 
SchAristR 330; Fichte EurB lo64ff; P2, 2, 6; PlutQcS, 3, 1; Platane Mitt 15, 331. 
Dionysos in einer Laube 0S67; Hes oxid^; Ath 5, 28. TlvötvÖpoc Hes; ötvöptöc 
Epicl; ö«vÖp(TTj€ PlutQc 5, 3, 1 ; Pdl53; P5, 19, 6; Str468 ötvÖpo^opCau ZjiCv^o« 
Tümpel Ph49, 572. Culturgott Dd4, iflf; 3,62; ^tpCÖY]^ Plut es. carn. 1,2; Plut 
Am 24; icoXuya^ Pd 153; •ö»py4'Ctj€ Hes. 



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314 Spezieller Theil. 

Aber wie die Erde und irdisches Leben unter der mächtigen 
Einwirkung des Sonnengottes steht, so empfinden auch das Meer und 
seine Bewohner die wunderbare Kraft desselben. Wenn sich der 
Sonne Gold über die brandenden Meereswellen lagert, ihre Strahlen 
siegreich das finstere Sturmesgewölk durchbrechen, ebnen und glätten 
sich die dräuenden Wogen, bricht sich des wilden Meeres furchtbare 
Gewalt. In der wonnigen Wärme des freundlich lächelnden Sonnen- 
gotts spielen die Delphine, aus der Tiefe steigen die Meeresbewohner 
hervor, um seiner Gluth sich zu erfreuen, hoffnungsvoll und freudig 
blickt der Schiffer zu dem mächtigen Helfer empor. So umfasst der 
Sonnengott mit seiner siegreichen Kraft gleichmässig alle Gebiete der 
Erde wie des Meeres'). 

Und auch der Mensch selbst steht unter der mächtigen wunder- 
baren Einwirkung des Gottes. Auch das menschliche Herz wird von 
dem belebenden göttlichen Strahle der Frühlingssonne getroffen, unter 
dessen Berührung es erschauert und erbebt. Nun steigen wieder Hoff- 
nung und Freude in der Seele des Menschen empor, lassen ihn Sorge 
und Schmerz vergessen, lösen alle Fesseln seines Wesens in die volle 
Freiheit heissen Empfindens und glühenden Begehrens aus und beseelen 
und berauschen ihn zu ungehemmtem Geniessen und Auskosten des 
Lebens. Ist doch Dionysos selbst der Befreier, der die von der starren 
Kälte gefangen gehaltenen Kräfte der Erde von den Fesseln löst, die 
volle Gluth des Lebens wieder weckt und hervorlockt in allen Pflanzen 
und Thieren, dass sie zur ungehemmten Entfaltung ihrer schlummern- 
den Kräfte, zur freudigen Bethätigung ihres Willens zum Leben und 
zur Freude ihr ganzes Wesen öfinen und alle Seiten ihres Seins in 
fröhlicher Spannkraft und Genussfreudigkeit ausdehnen und erweitern. 
Und so wird auch die Seele des Menschen von der magischen Gewalt 
dieses allgemeinen Werdedrangs getroffen, fühlt alle Strömungen ihres 
Empfindens zauberhaft erregt und begeistert, alle Regungen ihres Be- 
gehrens belebt und freudig angespannt, dass es das ganze innere Leben 
des Menschen wie in heiligem Feuer durchglüht. Und so wird Dionysos 
zum Gott der begeisterten Gemüthsbewegung, vor allem jener wilden 
leidenschaftlichen Erregung die in trunkener Lust so leicht des Maasses 
vergisst^). 

So gestalten sich die an Dionysos sich knüpfenden Vorstellungen 
allmälig immer gleicher denen die wir in Bezug auf Apollon schon 



1) neXÄYtog Maass Herrn 23, 70ff; dxxaloc C 22 146 ; AXteug Philoch 194 ; oxüXXiTY]^ 
Journ 1 888, 335f. Vg^l. H 7i wo seine Gewalt über das Meer erkennnbar ist. 

^ Ordner des Jahrs alounvi^nQC P 7, 20, 1. Cultnamen Xöaiog (Aristid l,49f; 
PlutQcl,i,2; 3,6,4; 5,6); xop®^©? "^ direkt auf den Wein bezogen; EurB 772. 
Vgl. Aesch 390 O^otvog. Dion. la-cpög oS 253; ÖyjjioxsXijg Dem 21, 53. Ilaidcv -acon^ 
Bull 19, 400. 



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Sonne. ß I c 

kennen gelernt haben. Der eine wie der andere Gott wird zum Träger 
der Begeisterung welche wie eine göttliche Kraft das menschliche Herz 
ergreift und bewegt. Und wenn auch die Apollinische Begeisterung 
immer einen ernsteren und einen göttlicheren Charakter sich bewahrt 
hat, die beiden Bruderculte schliessen sich naturgemäss immer enger 
an und in einander. Aber es muss auch hier aufs entschiedenste be- 
tont werden, dass in dieser Entwicklung, welche wir den Glauben 
nehmen sehen, nichts künstliches, nichts gemachtes ist. Es findet die 
wunderbare Gewalt, welche die Sonne in ihrem Neuerwachen im 
Frühling auf die Menschenherzen ausübt, in diesem Glauben ihren 
Ausdruck : in freudiger Dankbarkeit fuhrt der Mensch, dem die heilige 
Gluth des himmlischen Gestirns die Empfindungen seines Herzens, die 
Spannkraft seines Begehrens und Wollens in der Seele löst und lockt, 
hebt und aufwärts ftihrt, dieses ganze höher und voller sich entfaltende 
Leben seines Innern auf eben den Geber und Schöpfer zurück, der 
wie mit Zaubermitteln ihm ein mächtigeres und heiligeres Feuer in die 
Seele giesst. 

Und wie es der Sonnengott ist, der in der Gluth seines Feuer- 
wesens auch im Menschen eine höhere Gluth entfacht, mag nun dieser 
Sonnengott den Namen Apollon oder Dionysos tragen, so zeigt sich 
der letztere auch darin seinem Bruder gleich, dass er ebenso wie dieser 
ein mantischer Gott ist, der als Inhaber der Zeitenloose seinen Gläu- 
bigen die Zukunftsschicksale zu offenbaren vermag. Ist alle Zeit in 
ihm beschlossen, die auf sein Geheiss, nach seinem Willen ihre kleinen 
und grossen Ringe zieht, so ist der Gott auch der Inhaber alles dessen 
was die Zeit bringt, der Träger aller ihrer Zukunftsgeheimnisse. Und 
ferner hat Dionysos, auch darin wieder ein anderer Apollon, gleichfalls 
seine Lust an den musischen Künsten, da er selbst der Laute sich 
freut, die die himmlische Windmusik in den heiligen Räumen des 
Himmels erschallen lässt und die der Mensch nachzuahmen bestrebt 
ist. Und endlich ist Dionysos auch, wieder gleich dem Bruder, ein 
reinigender und heiligender Gott geworden, der die Kraft hat seine 
Gemeinde von Sünde und Schuld zu entlasten. Die heilige Lohe seines 
Wesens, die alles feindliche Dunkel, wie dieses lichtfeindlich sich 
geltend machen will, verbrennt und vernichtet, wird dem Gläubigen 
zum heiligen Feuer der Wahrheit und der Reinheit, welches nicht nur 
äusserlich leuchtet und erhellt, sondern auch innerlich im Herzen des 
Menschen weihend und heiligend, die Lüge und die Sünde bekämpfend 
und vernichtend, die Wahrheit und das Gute vertretend und zum Licht 
führend seine Kraft geltend macht. So wächst auch hier das von Haus 
aus rein natürliche Wesen zu einem höheren sittlichen und geistigen 
Gehalt empor ^). 

1) Daher Str 468 dem Apoll u. Dionysos gleichmässig xb dpYtaoxtxiv «ftv 

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3l6 Spezieller Theil. 

So dürfen wir also, wenn in diesen letztgenannten Momenten auch 
zweifellos schon der Einfluss einer idealisirenden und speculativen 
Richtung unverkennbar ist, der aus dem Apollinischen Cultkreise seine 
Anregung und Befruchtung erhalten haben wird, auch von Dionysos 
sagen, dass alle einzelnen Mythen, Culte und Beziehungen wie sie sich 
an seinen Namen knüpfen unmittelbar aus dem Wesen des Gottes selbst 
geflossen sind. Dionysos ist der Gott der Sonne, der als solcher die 
ganze Welt mit seinem Lichte und mit seinem Glänze durchdringt und 
alle irdische Creatur mit seiner Feuergluth durchströmt und belebt, be- 
seelt und begeistert. 

Diesen beiden Sonnengöttern Helios-Apollon und Zeus-Dionysos 
gegenüber hat Hephaestos nur einen sehr geringen Geltungsbereich 
gewonnen^). Es ist nur Lemnos mit der benachbarten Küste Klein- 
asiens und Attika wo er verehrt worden ist. Denn wenn wir mit 
einiger Wahrscheinlichkeit auch noch auf einige andere Stätten seiner 
einstigen Verehrung schliessen dürfen: in historischer Zeit sind nur 
Lemnos und Attika die Sitze eines wirklichen Cults und es ist das ein 
Moment von höchster Bedeutung, welches wir für die Zurückführung 
des Gotts auf einen bestimmten Stamm im zwölften Kapitel zu ver- 
werthen versuchen wollen. Jedenfalls haben wir anzunehmen dass 
Lemnos und Attika in dem ältesten Culte des Gottes eine bedeutsame 
Stelle eingenommen haben. In dieser Beschränkung auf seine ursprüng- 
lichen Sitze hat sich Hephaestos in der hochaltertümlichen Gestalt er- 
halten, in der wir ihn kennen und in der er unter allen hellenischen 
Göttern zusammen mit seinem Parallelculte Prometheus die mei